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Kurz vor seinem 18. Geburtstag ist sich Wagih, syrischer Flüchtling mit bedingtem Aufenthaltsrecht, sicher, dass er abgeschoben wird. Seine große Sorge gilt seiner kleinen Schwester, die in einem Kinderheim langsam lernt, wieder mit fremden Menschen zu reden. An einem heißen Sommertag entschließt er sich zu einer Verzweiflungstat und trifft in einem kleinen Lebensmittelladen vor den Toren Bonns auf Ruth, Bankiersgattin, ihre Schwiegertochter Ellen, den Filialleiter Rolf Rammel und seine Auszubildende Uschi, den Tankstellenbesitzer Fred sowie den Pfarrer des Ortes. Bis es zum Showdown kommt, geben alle Beteiligten mehr oder weniger freiwillig Geheimnisse preis, die sie niemals an die Öffentlichkeit lassen wollten. Michis Corner lässt in diesem Drama Menschen wie du und ich mit ihren täglichen Ängsten, Vorurteilen und unterdrückten Wünschen aufeinander treffen, wie es nur in Extremsituationen geschehen kann. Dabei gibt es kein klares Gut oder Böse und der Leser wird sich vielleicht nicht immer entscheiden können, ob er eine Person mag oder nicht. Denn eines ist klar: Alles Tun geschieht aus Liebe. Oder aus fehlender Liebe.
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Seitenzahl: 182
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Michis Corner
Seelennarben
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Liebe
Ein Anfang
Wagih
Ruth
Herr Christiansen
Fred
Rolf Rammel
Heribert Fähnrich
1. August 2014, 18:30 – 18:55 Uhr
1. August 2014, 18:56 – 19:30 Uhr
1. August 2014, 19:31 – 20:05 Uhr
1. August 2014, 20:06 – 20:35 Uhr
1. August 2014, 20:36 – 21:15 Uhr
1. August 2014, 21:16 – 21:35 Uhr
1. August 2014, 21:36 – 22:15 Uhr
1. August 2014, 22:16 – 22:35 Uhr
Ellen
Impressum neobooks
Seelennarben
Drama von Michis Corner
© Copyright by
Michis Corner, Hainstr. 70, 53121 Bonn
Alle Rechte vorbehalten.
Tag der Veröffentlichung: 01.01.2016
www.neobooks.com/Seelennarben.html
ISBN:
Jedes Tun geschieht aus Liebe.
Oder aus fehlender Liebe.
1. August 2014, 22:35 Uhr | Blut | Fünf Minuten vor den Heute Journal
Ihr ungläubiger Schrei „Neiiiin“ hallte noch nach, wie ein ewiges Echo, als ihr das Blut ins Gesicht spritzte und sie weinend auf ihre Knie sank.
1. August 2014, 6:00 Uhr | 12 qm | Vergiss-mein-Nicht
Noch erfüllt von den Gedanken an sein Gebet kniete er auf einem kleinen Teppich, 60 x 90 cm, und hob nur langsam seinen Kopf. Sein Blick verweilte kurz auf der staubigen Plastikblume auf der Fensterbank, die irgendjemand dort vergessen hatte. Das blasse Lila der kleinen Blüten bildete den einzigen Farbfleck in dem kleinen WG-Zimmer eines trostlosen 60er-Jahre-Baus im Bonner Hinterland.
Neben dem Fenster standen ein einsamer Stuhl aus Kiefernholz von Ikea und eine an die Wand geschraubte Klapp-Holzplatte vom letzten Sperrmüll. Genau wie die schmale Matratze auf der gegenüberliegenden Seite auf dem Boden. Das Tuch sowie das Kissen erstrahlten in klarem Weiß, genau wie die Unterwäsche und T-Shirts, die ordentlich gefaltet in einer weiß gestrichenen Kiste neben der Matratze einen kleinen Stapel bildeten.
Das schwarze Hemd sowie die Jeans stachen dagegen wie ein erhobener Zeigefinger heraus, wie um daran zu erinnern, dass auch strahlendes Weiß den Regeln der Komplementärfarben zu folgen habe.
Wagih erhob sich von seinen Knien, legte den Koran vorsichtig auf die Tischplatte und verharrte einen Moment in seinen Gedanken. Durch die dünne Wand hörte er die Toilettenspülung.
Es war kurz nach 6 Uhr morgens, sein tunesischer Mitbewohner stand meist um diese Zeit auf. Er jobbte irgendwo auf dem Bau und wurde jeden Morgen um 6:30 Uhr von einem weißen Kastenwagen abgeholt und abends um 19 Uhr wieder her gebracht. Wagih wusste, dass sein Zimmernachbar Schwarz arbeitete.
Aber er brachte jede Woche 150 Euro nach Hause. Dass war doppelt so viel, wie Wagih zur Verfügung hatte und Wagih war froh, dass er sich von seinem Brot bedienen durfte, wenn er Hunger hatte.
Er wollte nicht klagen. Er mochte seinen Arbeitgeber, einen Landschaftsbauarchitekten, der ihn offiziell für ein Jahres-Praktikum angestellt und sogar krankenversichert hatte. Zu Hause, in Syrien, hatte er als Jüngster an einer Fachschule für Landwirtschaft seine Abschlussarbeit über die ‚Genetische Veränderung von Nutzpflanzen zur Reduzierung von Wasserverbrauch‘ geschrieben und dafür eine Auszeichnung erhalten.
Deutschland hatte ihm vor etwas über einem Jahr ein bedingtes Aufenthaltsrecht zugestanden. In einem Monat wurde er jedoch 18, damit lief sein Aufenthaltsrecht ab und er wusste nicht, ob es verlängert würde. Deutschlands Pflanzen hatten genug Wasser, es brauchte weder seine Forschungsergebnisse noch ihn selbst. Das hatte er bereits erfahren müssen.
Sein Blick schärfte sich wieder und fiel auf das Bild neben der Plastikblume. Vergiss-mein-nicht, hatte man ihm gesagt. Das Bild zeigte seine Familie. Er würde sicher nicht vergessen.
Heute war sein freier Tag und wie üblich würde er bis an die Stadtgrenze von Köln fahren. Bis dahin galt sein Job-Ticket, das ihm sein Arbeitgeber zur Verfügung gestellt hatte. Den Rest bis Bensberg konnte er laufen, dann wäre er gegen 9 Uhr an dem Kinderheim, in dem seine kleine Schwester lebte. Shamsi, die Sonne Syriens und die Sonne seines Lebens. Er war dafür verantwortlich, dass sie wieder strahlte und nicht nur schwach lächelte, wenn er sie an seinen freien Tagen besuchte.
Er hatte ihr noch nicht gesagt, dass sein Aufenthaltsrecht vielleicht nicht verlängert würde. Allah hatte ihm nicht die Kraft dazu gegeben und er wusste nicht, wie er das erklären, geschweige denn in Worte fassen könnte. Aber Allah ist groß und hat ihm den Weg gewiesen, den er zu gehen hatte. Er würde diesen Weg gehen, heute noch, für Shamsi.
Er nahm das Bild von der Fensterbank und küsste es. Sein Vater war für sie alle gestorben. Seit dem war er verantwortlich. Für Qamari, für seine Mutter. Er musste sie sterben lassen, damit Shamsi überlebte.
Er breitete seine weiße Unterwäsche ordentlich auf der weißen Decke der Matratze aus und zog seine Schlafshorts aus. Dann nahm er sich sein Handtuch und ging duschen.
Die Duschkabine war noch feucht und schmierig von altem Shampoo und Seife, aber sie war für fast 2 Minuten heiß, bis sein Zimmerkollege in der Küche den Hahn für das Kaffee-Wasser öffnete. Doch das kalte Wasser war ein willkommener Schock, den Wagih begrüßte. Er wollte klaren Gedankens sein, damit seine Schwester nicht die dunklen Schatten auf seiner Seele bemerkte, wenn er sie gleich besuchte.
Es war bereits nach halb zehn, als Wagih endlich am Kinderheim in der Broicher Straße ankam. Er musste drei Stationen zu früh aussteigen, da sich eine Gruppe Senioren über die nicht funktionierende Klimaanlage beschwerte und den Bus-Fahrer daran hinderte, weiter zu fahren, bis der die Polizei rief. Wagih wusste, dass er als Ausländer mit nur bedingtem Aufenthaltsrecht bei Aufruhren besser unsichtbar blieb. Der Mörder war immer der Fremde, im Zweifel auch der Mörder einer Klimaanlage. Also stieg er aus und lief zu Fuß weiter.
Bereits von weitem konnte er seine kleine Schwester am Zaun des Kinderheims sehen. Sie hatte ihre dunklen Haare in einem festen Pferdeschwanz geflochten, der sanft-glänzend über ihre Schulter fiel und die Minnie Maus auf dem rosa T-Shirt halb verdeckte. Dazu trug sie eine Jeans und ganz passend rosa Turnschuhe. Als er näher kam, entdeckter er eine kleine Blume im Gummiband des Pferdeschwanzes.
„Guten Morgen, Shamsi, Sonne meines Herzens, hat Allah dich diese schöne Blume finden lassen?“
Mit diesen Worten öffnete er seine Arme und Shamsi sprang hinein und schlang ihre dünnen Arme um seinen Hals.
„Nein“ antwortete sie, „das war Schwester Gabriela. Sie hat gesagt, dass ich zu meinem neuen T-Shirt auch ein paar Blumen im Haar haben sollte. Das sind Gänseblümchen, wusstest du das?“ Sie schaute Wagih fragend an, aber wartete die Antwort gar nicht ab. „Die heißen genau wie die Gänse, die wir letztes Wochenende auf dem Bauernhof gesehen haben. Und weißt du noch was, die wollen auch nicht alleine sein und deswegen haben wir sie ineinander verflochten. Siehst du?“
Damit streckte sie Wagih ihren Pferdeschwanz ins Gesicht und er konnte fast zwei Dutzend Gänseblümchen zählen, die Stiel an Stiel miteinander verbunden und als Band in die Haare gesteckt waren.
Er lächelte sie an. „Das war sehr nett von Schwester Gabriela. Sag ihr einen Dank von mir, wenn du sie wieder siehst.“ Damit setzte er sie ab. „Was möchtest du heute machen? Ich dachte, wir gehen bis zur Burg spazieren, dahinter ist doch der neue Spielplatz.“
„Oh ja, das wäre sehr schön. Ich möchte nur mein neues T-Shirt nicht schmutzig machen. Aber ich kann bestimmt schaukeln. Schubst du mich dann an?“
„Aber natürlich, Shamsi, ich schubse dich an, bist du der Sonne am Himmel Guten Tag sagen kannst.“ Damit nahm er ihre Hand und sie gingen gemeinsam los.
Auf dem Spielplatz sah er einige Mütter mit Kindern ungefähr im Kindergarten-Alter. Er spürte sehr deutlich deren vorsichtig taxierenden Blicke in seinem Rücken und versuchte sie zu ignorieren, indem er das Geplapper von Shamsi unterbrach. „Schau mal, eine Schaukel ist frei, möchtest du dort hin?“
Shamsi nickte und lief schnell durch den tiefen Sand auf die Schaukel zu. „Wagih, komm mit, du hast es versprochen. Bis zur Sonne will ich heute“.
Wagih sah, wie eine der Mütter lächelte und sich offensichtlich beruhigt wieder den anderen Frauen zuwandte, um ein wegen ihm unterbrochenes Gespräch fortzuführen. Es schmerzte ihn tief im Magen, dass er aufgrund seiner dunkleren Haut und dunklen Augen Angst hervor rief. Dabei konnten diese deutschen Frauen nicht mal im Ansatz wissen, was wirkliche Angst bedeutete. Oder Schmerz. Oder dabei zusehen zu müssen, wie Qamari, seine 12 Jahre alte Schwester, erst vergewaltigt und dann mehrfach gegen eine Wand geschleudert wurde, bis sie sich nicht mehr regte. Er saß während dessen hinter einer Holzwand, wohin seine Mutter ihn gezwungen hatte. Zusammen mit Shamsi und dem Versprechen, dass er Shamsi retten und nach Deutschland bringen musste. Das Land ihrer Träume, in der die Mädchen etwas Lernen durften und nicht als Sklavinnen mit 14 Jahren verheiratet wurden.
Während er Shamsi auf der Schaukel immer höher schubste, sah er wieder die Bilder von damals, als das Blut aus dem Kopf und aus dem Unterleib seiner Schwester strömte, weil die Männer sie erst brutal mit einem Stock weiten mussten, bevor sie sie vergewaltigen konnten. Seine Mutter lag bereits tot getrampelt und entblößt auf dem Boden.
Er war froh, dass sie Qamari nicht mehr hatte schreien hören. Das Schreien, dass ihn jede Nacht in seinen Träumen verfolgte und warum er heute tun musste, was er damals in diesem schmalen Spalt hinter der Holzwand geschworen hatte, als er Shamsi so fest den Mund zu hielt und gegen seine Brust drückte, dass sie in Ohnmacht gefallen war.
Shamsis lautes Lachen holte ihn zurück in die Gegenwart, als sie mit einem mutigen Sprung von der Höhe der fliegenden Schaukel sprang. Im letzten Moment konnte er die Schaukel zum Stoppen bringen, damit sie nicht weiter schwang und Shamsi verletzte. Dann half er ihr beim Aufstehen und klopfte mit ihr zusammen den Sand von ihrer Jeans.
„Hör bitte Shamsi, ich habe heute nicht so viel Zeit, ich muss noch ein paar Dinge erledigen. Was hältst du davon, wenn wir uns bei dem kleinen Imbiss ein paar Falafel und etwas zu trinken kaufen. Danach bringe ich dich zurück und du kannst vielleicht Schwester Gabriela bitten, noch eine Blumenkette für deinen großen Bruder zu binden. Was meinst du?“
Shamsis Gesicht hatte sich zunächst verdunkelt, aber bei dem Gedanken, ein Geschenk für ihren großen Bruder zu machen, erhellte es sich wieder. Folgsam nickte sie.
„Kommst du dann morgen vorbei und holst sie dir ab? Ich lege sie über Nacht ins Wasser und dann sind sie ganz frisch, wenn du kommst?“ Wagih nickt und hoffte, dass Allah ihm diese Lüge verzeihen würde.
4. August 2014 | EXPRESS.DE
Bonn wird zum Mekka der Salafisten
Vor sechs Tagen trafen sich mehr als 200 Salafisten in Bonn-Tannenbusch. Angeblich zum Grillen. Jetzt wird via Internet für kommende Woche schon zum nächsten Fest „All4Ummah-Grill“ eingeladen – im großen Stil in der Rheinaue, inklusive Verkauf und Vorträgen. Viele Bonner fragen sich besorgt: Was ist da los?
Schon das Grillfest im Tannenbuscher Grünzug Nord hat sich als Salafistentreff entpuppt. Mit dabei waren Hass-Prediger wie Pierre Vogel und Abu Dujana. Bonn gilt als Salafisten-Hochburg. Und jetzt zwei große Versammlungen kurz hintereinander: Eine Provokation gegen das Anti-Salafismus-Projekt „Wegweiser“, das gerade in Bonn gestartet ist? Mit ihm soll der Einstieg von Betroffenen in den gewaltbereiten Salafismus verhindert werden.
Weitere Informationen sowie ob Wagih M. Kontakt zu diesem Salafisten-Kreis hatte, finden Sie auf Seite 2 der heutigen Ausgabe.
1. August 2014, 17:10 Uhr | Zwei Flaschen Sekt | Ein Mandelhörnchen
"Deine Tochter ist eine Hexe". Ruth Kardiaks Augen duldeten keinen Widerspruch. Um ihre Aussage noch zu unterstreichen, beugte sie sich über den Tisch auf Elsa zu. Das im Wege stehende Glas Sekt schwankte gefährlich, ergab sich aber nicht ihrem Druck. Nur Elsa. Sie wich bis zum Anschlag der Stuhllehne zurück, wenige Zentimeter nur, aber sie brachten ihr bereits Erleichterung.
"Wie meinst du das?" Unsicher schob Elsa das Glas Sekt mit dem sprudelnden Inhalt zur Seite, um es vor den ausladenden Bewegungen der Schwiegermutter ihrer Tochter zu retten. Diese lehnte sich weiter vor, der schwere Busen schob sich an die Schale mit den Pralinen heran.
"Natürlich siehst du das als Mutter nicht so, dir streut sie ja schon ihr Leben lang Sand in die Augen. Aber ist dir nicht aufgefallen, wie ihr die Männer hinterherlaufen und sie einen nach dem anderen stehen lässt?"
Verwundert überlegte Elsa, worauf Ruth nur hinaus wollte. "Ja, aber natürlich macht sie das. Worauf willst du denn hinaus? Ellen ist doch schließlich mit deinem Sohn verheiratet. Und sie lässt alle anderen deswegen stehen. Sie liebt doch Peter."
Ruth schaute Elsa tief in die Augen und schüttelte ungläubig den Kopf bei so viel Naivität. "Ja, aber erst bezirzt sie sie.“ Ruth ließ ein kurzes, trockenes Lachen hören. „Und wenn sich die armen Männer Hoffnung machen, lässt sie sie stehen. Ich sage dir, Lorelei war nichts gegen sie. Sie ist eine Hexe, du hast eine Hexe geboren."
Langsam regte sich der Widerstand in Elsa, immerhin ging es um ihre Tochter, die sie ausgetragen und aufgezogen hatte. Ohne Vater, ohne Familie im Rücken, ohne überhaupt eine Unterstützung und das 30 Jahre lang. “Ruth, ich weiß echt nicht, wieso du das glaubst. Schau doch mal, was sie neben ihrem Halbtagsjob noch alles für Peter und Bea tut. Sie macht mit ihr die Hausaufgaben, ist im Elternrat, kümmert sich um den Haushalt und kocht abends für alle. Was soll sie denn noch machen?"
Ruths Kopf webte während dieser Ansprache missbilligend hin und her und drehte ungeduldig ihren Ehering wieder in die richtige Position, da der schwere Stein ihr in die Handflächen drückte. Wieso verstand Elsa sie nicht, es war doch so offensichtlich. Der nachklingende Frage-Hall von Elsas Stimme ließ Ruth jedoch die Unsicherheit von Elsa spüren. Offensichtlich traute sie ihrer eigenen Tochter nicht. Ruth spürte, dass nicht mehr viel fehlte, bis sie Elsa überzeugt hatte. Sie griff in deren schwachen Versuch einer Verteidigungsrede ein.
"Elsa, hör mir einfach zu. Deine Tochter hat dich schon immer ausgenutzt. Oder warum lädt sie dich nicht mal zu einem Urlaub ein, wo du ihr doch dauernd mit Bea hilfst? Das Häuschen auf Ibiza ist doch so oft frei. Nein, unterbrich jetzt nicht. Ich weiß genau, dass sie es von Anfang an nur auf unser Geld abgesehen hat. Du musst dir keinen Vorwurf machen, du hast ihr gegeben, was du konntest. Genau wie Peter, der ist auch viel zu gutgläubig. Sie hat ihn einfach um den kleinen Finger gewickelt.”
Elsa dachte an ihre Flugangst und dass sie sowieso nie nach Ibiza wollte. Aber hatte Ellen sie jemals gefragt? Sie konnte sich gerade nicht wirklich erinnern. Ruth machte sie immer so unsicher, sie war so überzeugt von dem, was sie sagte.
Während Elsa schweigend ihr Glas Sekt betrachtete, nahm Ruth das ihre, halb volle Glas auf, leerte es in einem Zug, erhob sich und hielt Ausschau nach ihrer Tasche.
„Warte Ruth, ich hole dir deine Tasche.“ Damit stand auch Elsa auf und holte eine große Gucci-Tasche, die sie nach Ruths Ankunft vorsichtig auf der Couch abgelegt hatte.
„Danke, das ist nett von dir.“ Ruth kramte eine Weile nach dem Autoschlüssel, bis sie ihn endlich fand. „Es tut mir Leid, Elsa, wir müssen ein andermal weiter reden. Ich muss noch Einkaufen fahren. Werner bringt heute seine Kollegen vom Vorstand mit und es sind nicht mehr genug Getränke da. Unglaublich, was die Herren immer vorgesetzt bekommen wollen. Als wenn sie zu Hause nichts bekommen würden.“
Ruth stöhnte leise auf und schaut mitleidsheischend in die Augen von Elsa, die sofort entsprechend reagiert. „Ach herrje, musst du denn auch noch für sie kochen?“
Mit einer abwiegelnden Handbewegung wischte Ruth den Kommentar zur Seite. „Würde ich natürlich gerne, aber Werner will nicht, dass ich immer so viel arbeite. Ich habe das Essen beim Metzger bestellt und der wird es gleich anliefern. Was das immer kostet. Aber so ist Werner halt, immer fürsorglich. Da kommt Peter auch ganz nach seinem Vater.“ Ruths Kopf nickte, als wenn sie sich selbst zustimmen würde. Dann nahm sie ihre Tasche und legte sich ihr großes, buntes Seidentuch um die Schultern.
Elsa trat auf sie zu, ihre Schultern mittlerweile merklich nach unten hängend. Wie immer, wenn sie Dinge erfuhr, die sie entweder nicht glauben oder nicht wissen wollte. Über das, was Ruth heute erzählte, musste sie einmal in Ruhe nachdenken. Aber nicht jetzt. Jetzt ging sie zur Tür und öffnete sie für Ruth.
Der Hitzeschwall fiel fast sichtbar in den Flur, als wenn er die ganze Zeit nur darauf gewartet hätte, dass ihm jemand die Türe aufmacht. Im blendenden Sonnenlicht konnte sie Ruths schwarz-glänzenden Mercedes sehen, der mitten auf dem Bürgersteig parkte. In diesem Moment versuchte eine Nachbarin mit ihrem Kinderwagen an dem Mercedes vorbeizukommen, schaffte es aber nicht und musste über die Straße ausweichen, da auf dem Bürgersteig nicht genug Platz war. Elsa zuckte schuldbewusst zusammen, aber die Nachbarin hatte sie noch nicht bemerkt. Schnell trat sie einen Schritt zurück in den schattigen Flur und ließ Ruth vorbei.
„Mach es gut, meine Liebe, ich melde mich bei dir“ schallte es Richtung Elsa und schon saß Ruth im Mercedes, warf den Motor an und stellte die Klimaanlage auf die höchste Stufe. Langsam, um nicht aufzusetzen, ließ sie den Mercedes den Bürgersteig hinunter rollen und gab etwas zu viel Gas, so dass die Reifen quietschten.
Der Parkplatz vor dem kleinen Lebensmittelgeschäft war zum Glück nicht voll. Erleichtert parkte Ruth im Schatten in der Nähe des Eingangs und stieg aus dem angenehm kühlen Auto hinaus in die Sonne.
Sie ging gerne hier einkaufen. Die Schlangen an den Kassen waren nicht allzu lang und die meisten Kunden kamen aus der direkten Nachbarschaft. Nicht so viele Fremde.
Da sie es eilig hatte, nahm sie ihren rollbaren Einkaufs-Korb aus dem Kofferraum gleich mit. Die Frauen an der Kasse hatten sie zwar schon mehrfach gebeten, den Einkaufswagen des Geschäfts zu nutzen, aber das kam für sie nicht in Frage. Sie mochte diese Einkaufswagen einfach nicht, da sie sich nur schwer schieben ließen. Außerdem hatte sie sich schon öfters ihre Schienbeine an dem Metall gestoßen und regelrechte blaue Flecken davon getragen. Aber das interessierte den Filialleiter ja nicht. Selbst nicht, als sie sich einmal beschwerte und ihm die blauen Flecken gezeigt hatte.
„Da müssen Sie halt besser aufpassen und vorsichtiger schieben.“ Und dann drehte er sich einfach um, lief Richtung Tiefkühltheke und ließ sie fassungs- aber nicht sprachlos stehen. „Ich werde mich bei Ihrem Vorgesetzten beschweren“ rief sie ihm noch hinterher, aber da war er schon weg und auch die anderen Kunden schauten uninteressiert weg.
Nein, sie blieb bei ihrem rollbaren Einkaufskorb. Er war groß genug für ein paar Flaschen Sekt und Wein und was ihr vielleicht sonst noch so ins Auge fiel. Vielleicht noch etwas zum Knabbern? ‚Und überhaupt‘ dachte Ruth, als sie durch die Glastür trat und Richtung Getränkebereich ging. ‚Die können doch froh sein, wenn ich nicht zu dem riesigen Einkaufszentrum im Gewerbegebiet fahre sondern mein Geld hier lasse. So toll ist das Angebot schließlich auch nicht. Und falls der Filialleiter gleich da sein sollte … wie war nochmal der Name, richtig, Rolf Rammel. Was ist das überhaupt für ein Name, sowas müsste doch verboten sein. Egal, ich werde ihn einfach ignorieren. Was bildete sich der Kerl auch so auf seinen kleinen Posten ein.‘
Ärgerlich schüttelte sie ihren Kopf und schob den Einkaufs-Korb energisch hinter sich her und an einem Mann mit einer schmutzigen Jeans und einer rot-weißen Weste vorbei. Dabei strömte ein beißender Geruch in ihre Nase, den sie schnell als Benzin und damit auch den Mann als den Besitzer der Tankstelle nebenan erkannte.
„Sowas aber auch. Man kann sich doch wenigstens mal kurz duschen, bevor man einkaufen geht.“ Nase-rümpfend ging sie weiter Richtung Getränkebereich und auf das Werbedisplay mit den Sektflaschen im Angebot zu. Sie stapelte 3 Flaschen Sekt und 4 Flaschen Weißwein in ihren Einkaufs-Korb und rollte ihn zielstrebig Richtung Kassen.
Es waren nur wenige Kunden vor ihr, als sie sich anstellte. „Gut, dann kann ich mir ja gleich noch was beim Bäcker holen.“ Ruth naschte gerne, ganz besonders Mandelhörnchen.
Ganz vorne in der Schlange entdeckte Ruth Frau Glockner, die dank ihrer klatschmohnroten Jacke nicht zu übersehen war.
‘Also wirklich, so ein hässliches Teil, wie konnte die nur so was anziehen. Und dann noch bei dieser Hitze? Was hatte sie gestern bei dem Nachbarschafts-Treffen nochmal gesagt, woraus die gemacht war? Richtig, aus alten LKW-Planen. Also wirklich, wie albern war das denn? Konnte sie sich etwa kein Leder mehr leisten? Die gibt doch sonst so mit ihrem Geld an. Und dann schaut sie auch noch so mit hochgezogenen Augenbrauen und ihrem glatt gestrecktem Doppelkinn nach oben und verteilt Werbekarten mit ihrer Internet-Adresse drauf. Als wenn Frau Glockner überhaupt wüsste, wie man einen Computer einschaltet, ohne dass direkt der fesche, neue Laufbursche von „Glockner Obst & Gemüse“ aus dem Verkaufsladen ins Wohnhaus laufen muss, nur damit Madam im Internet „sörfen“ konnte. Und überhaupt, seit Herr Glockner seine Kunden mit diesen komischen Abo-Service im Internet findet … das ist doch alles gelogen. Weiß doch jeder, wer sich im Internet rumtreibt. Pädophile und diese Jugendlichen mit den Kapuzen-T-Shirts, damit sie auch keiner erkennt, wenn sie mal wieder ein paar Rentner aus der Bahn prügeln.’
Die Falte zwischen Ruths Augenbrauen wurde immer tiefer und rötete sich leicht. Das geschah in letzter Zeit häufiger, genauer, seit Ruth in kosmetischer Behandlung war. Das hatte sie auch ihren Nachbarinnen gestern erklärt.
„Natürlich nur aus gesundheitlichen Gründen, meine Haut ist ja so empfindlich geworden. Meine Falten mag ich eigentlich, schließlich habe ich mir die verdient, bei allem, was ich so mitmachen musste. Aber diese Trockenheitsfalten, also, das ist doch was ganz anderes, das hat mir meine Ärztin genau erklärt und mich zu der Kosmetikerin geschickt, die soll ja so gut sein.“
Ruth streckte ihren Rücken, straffte die Schultern und schob ihr Kinn unbewusst nach vorne. Frau Glockner hatte mittlerweile bezahlt und schwenkte ihren, in einer viel zu engen Jeans verpackten, Hintern in Richtung Bäckerei-Theke.
