Seelentreppen - Gerald W.T. Zajonz - E-Book

Seelentreppen E-Book

Gerald W.T. Zajonz

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Beschreibung

Wir leben in deiner Zeit, in der gerade Kinder und Jugendliche so viel verstehen und begreifen müssen. In einer Zeit, die nach immer mehr Kompromissen verlangt. Niemand wird je alles begreifen was in unserer heutigen Welt vorgeht. Viele Dinge geschehen ohne unser Wissen. Am Ende schließlich werden wir zwangsläufig damit konfrontiert. Wer versucht diese Welt zu verstehen steht auf einem verlorenen Posten. Junge Menschen sind wissbegierig. Sie wollen möglichst alles kennen und für ihr Leben verwerten. Dieses kleine Buch ist von der Realität abgegriffen. Viele Gedanken meiner Hauptfigur, so glaube ich, liegen in uns allen. Nur, starke Menschen werden damit fertig und können sie richtig ordnen. Schafft man das nicht, ist ein Kurzschluss, in irgendeiner Form, vorprogrammiert. Diese Geschichte ist keine Biografie einer Tatsache. Sie ist frei erfunden und keinesfalls eine fachmännische Analyse einer Verzweiflungstat. Ich möchte, aus der Sicht eines einfachen Menschen heraus nahelegen, wie schwer es ein junger Mensch in unserer Welt haben kann. Es beschäftigt, warum Menschen, die einen ansonsten guten Ruf genießen, plötzlich ihre Fassung verlieren und zu Taten fähig sind, die kaum mehr begreifbar sind. Menschen ihre Fassung derart verlieren, das ihr eigenes Ich, dabei vollkommen verloren geht. Welche Aspekte, welche fatalen Situationen sind für einen Amoklauf verantwortlich? Ist es ein Kurzschluss? Ist es der sogenannte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt? Ist die Tat gewollt? Geplant? Wahrscheinlich sowohl, als auch. Was spielt sich in einem Gehirn ab, bevor es zu dieser Tat kommt? Es ist ein Prozess der sich langsam entwickelt. Es erwacht ganz klein und steigert sich dahin. Bis zum Seelenbruch. Der Verstand ist ausgeschaltet. Allein das Gefühl der Rache, an was, an wen auch immer, bleibt am Ende übrig und erwürgt die Vernunft. Es liegt im Verborgenen. Es liegt da, wie in jedem von uns.

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Seitenzahl: 184

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Gerald W.T. Zajonz

Seelentreppen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Einführung

Exposé

Kapitel1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Rudolfs Dissertation

Nachwort

Impressum neobooks

Einführung

Exposé

Wir leben in deiner Zeit, in der gerade Kinder und Jugendliche so viel verstehen und begreifen müssen. In einer Zeit, die nach immer mehr Kompromissen verlangt. Niemand wird je alles begreifen was in unserer heutigen Welt vorgeht. Viele Dinge geschehen ohne unser Wissen. Am Ende schließlich werden wir zwangsläufig damit konfrontiert. Wer versucht diese Welt zu verstehen steht auf einem verlorenen Posten.

Junge Menschen sind wissbegierig. Sie wollen möglichst alles kennen und für ihr Leben verwerten. Dieses kleine Buch ist von der Realität abgegriffen. Viele Gedanken meiner Hauptfigur, so glaube ich, liegen in uns allen. Nur, starke Menschen werden damit fertig und können sie richtig ordnen.

Schafft man das nicht, ist ein Kurzschluss, in irgendeiner Form, vorprogrammiert.

Diese Geschichte ist keine Biografie einer Tatsache. Sie ist frei erfunden und keinesfalls eine fachmännische Analyse einer Verzweiflungstat. Ich möchte, aus der Sicht eines einfachen Menschen heraus nahelegen, wie schwer es ein junger Mensch in unserer Welt haben kann.

Es beschäftigt, warum Menschen, die einen ansonsten guten Ruf genießen, plötzlich ihre Fassung verlieren und zu Taten fähig sind, die kaum mehr begreifbar sind.

Menschen ihre Fassung derart verlieren, das ihr eigenes Ich, dabei vollkommen verloren geht.

Welche Aspekte, welche fatalen Situationen sind für einen Amoklauf verantwortlich? Ist es ein Kurzschluss? Ist es der sogenannte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt? Ist die Tat gewollt? Geplant? Wahrscheinlich sowohl, als auch. Was spielt sich in einem Gehirn ab, bevor es zu dieser Tat kommt?

Es ist ein Prozess der sich langsam entwickelt. Es erwacht ganz klein und steigert sich dahin. Bis zum Seelenbruch. Der Verstand ist ausgeschaltet. Allein das Gefühl der Rache, an was, an wen auch immer, bleibt am Ende übrig und erwürgt die Vernunft.

Es liegt im Verborgenen. Es liegt da, wie in jedem von uns. Meist bleibt es in einer kleinen Ecke des Kopfes, wird eingesperrt von den Regeln und Gesetzen der Gesellschaft.

Manchmal bricht es ausjedemvon uns heraus… ungestüm, wild.

Aus Wut geboren, durch Verzweiflung genährt.

Meist zieht es sich wieder zurück, wenn es besänftigt ist.

Wehe, aber wehe es zieht sich nicht wieder in seine Ecke zurück, sondern wird zu einem Gebilde, das sich im Gehirn manifestiert.

So entsteht eine menschliche Katastrophe!

Warum?

Diese Frage ist wissenschaftlich, psychologisch und menschlich nicht zu beantworten!

Nur das Gefühl allein, kann die Antwort geben!

Wir verstehen nicht, was wir nicht verstehen wollen!

Wir verstehen nicht, was gegen unsere heutige Logik verstößt!

Rudolf ist ein Gymnasiast, der aus relativ armen Verhältnissen stammt. Seitdem er diese Welt bewusst erlebte, musste er Qualen erleiden. Er erlebte mit wie sein Vater, da er ein so genannter ungelernter Arbeiter ist, immer aufs Neue, andere, schlecht bezahlte Beschäftigungen nachgehen musste. Wie seine Mutter, ebenfalls nicht hoch gebildet, dazu gezwungen war, Geld mit zu verdienen, um wenigstens das Nötigste anschaffen zu können. Da beide Eltern des Tags keine Zeit für Rudolf aufwenden konnten, sprangen die Großeltern ein. Zu seinem Opa fühlte er sich besonders hingezogen. Dessen Geschichten waren eine andere, faszinierende Welt für ihn. Der Opa wurde zu einer Art „Gott“. Rudolf lernte es nie, Geschichten und Wahrheiten auseinander zu halten. In seiner Welt, die er sich durch seine Einsamkeit aufbaute, (ohne Eltern ist man einsam) gab es die Helden noch, die mit allen Problemen der Erde, fertig wurden.

Schlimm wurde es, als die Großmutter starb. Der Opa wusste allein mit Rudolf nichts anzufangen. Die Mutter gab kurzweilig die Beschäftigung auf. Der Vater, durch den plötzlichen Leistungsdruck, durch die Verzweiflung seine Familie nicht ernähren zu können, zerbrach. Er wurde zum Trinker. Wurde alkoholabhängig, zudem aggressiv, unberechenbar.

Rudolf sah mehr als einmal zu, wie sein Vater die Mutter schlug. Eines Tages begehrte der Junge auf, als es wieder so weit war. Sein Vater schlug ihm ins Gesicht, so fest, dass eine Narbe dabei entstand.

Jetzt griffen die Behörden ein.

Sein Vater musste sich wegen gefährlicher Körperverletzung, vor Gericht verantworten. Zur Tatzeit, so wurde es vom Gericht beschlossen, war er nicht zurechnungsfähig. Man schickte ihn in eine Anstalt, in der er einen Entzug über sich ergehen lassen sollte.

Zweimal brach er dort aus, um erneut zu trinken, um erneut seine Familie zu „besuchen“.

Schließlich zog die Mutter mit dem Jungen in eine andere Stadt.

Irgendwann hörten sie davon, dass der Vater doch noch entschlossen war eine Entziehungskur durchzuführen.

Mit dem Fahrrad konnte Rudolf vom neuen Wohnort zu seinem Opa fahren. Die Mutter wählte absichtlich diese Stadt, wegen des Jungen. Ihr war bewusst, dass der Opa einen recht guten Einfluss auf den Jungen ausübte. Eine ganze Zeit über ging alles gut. Bis der Großvater von einem LKW- Führer überfahren wurde, dabei sein Leben verlor.

Jetzt war das schleichende Martyrium für den Jungen gelegt.

Böses, stärker als die Liebe,

Schmerz, stärker als Geborgenheit,

führt stufenweise hinab, auf der Seelentreppe,

hinein in Bitterkeit, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung!

Kapitel1

Seelentreppen!

Von Gerald W.T. Zajonz

Es ist wieder solch ein Tag. Ein Tag wie er in der letzten Zeit für Rudolf immer öfter beginnt. Ein Erwachen mit erdrückender Schwermut. Er ist allein zuhause. Seine Mutter bricht schon immer sehr früh auf, um zu ihrer Arbeitsstelle zu gelangen. Ist sie doch ein Mensch der niemals irgendwohin spät kommen würde. Alle fürchten sich immer nur vor dieser zeitbedingten Arbeitslosigkeit. Seine Mutter darf nicht krank werden, nicht zu spät kommen, darf keine Fehler machen… Verdammt! Sie ist doch nur ein Mensch! Alle sind doch nur Menschen! Seine Mutter ist ein einfacher Mensch. Sie schickt ihn zu dieser Schule. Er sollt etwas Besseres werden. Etwas Besseres?

Sind nicht auch die etwas Besseres waren, arbeitslos? Heute muss man nicht etwas Besseres sein, man muss außergewöhnlich besser sein. So sieht das aus. Diese ganze Schule ist doch nur eine Ausrede für die Art von Geltungszwang gegenüber anderen Menschen, etwas für sein Kind zu tun. Na schön, für Übel nimmt er es seiner Mutter nicht. Auch Erwachsene haben ihre Träume. Rudolf selbst sieht die Sache als verlorenen Posten an. Er ist nicht der Supermann der Bücher, ist nicht der Typ eines Gelehrten, wie seine Mutter hofft. Sie malt sich ein schönes Leben für ihn aus. Sie ist eine glatte positive Träumerin. Das Gegenteil von ihm. Seine Träume sind nur immer düster, sind schwarz. Diese Welt, so meint der Junge, ist total erledigt. Die Menschen vernichten sie jeden Tag ein Stückchen mehr. Diese Menschen. Zum Überleben zu dumm. Eigentlich dummer als Tiere.

Nach dem er seine Katzenwäsche hinter sich gebracht, trinkt er noch eine Tasse Kaffee aus der Warmhaltekanne, schnappt seine Büchertasche und verlässt das Haus. Jeden Tag das Gleiche. Aufstehen, waschen, ab in die Schule, Aufgaben machen, zwischendurch essen, schlafen gehen, und immer so fort. Später… Aufstehen, waschen, arbeiten, zwischendurch essen, schlafen gehen. Rudolf seufzt. Das soll das ganze Leben sein? Vielleicht zwischendurch ein kleiner Urlaub, einige Feiern, alt werden, irgendwann nicht mehr kriechen können, wieder von anderen Menschen drangsaliert werden…

Mehr nicht?

Dieser dämliche Mopedfahrer, mit seiner stinkenden, lärmenden Maschine, lässt ihn zornig werden. Mehrere Schüler seiner Klasse, besitzen ebensolche Stinkdrosseln. Warum kommen sie nicht Fahrrädern? Warum muss es dieser Angeberschrott sein? Von so weit her kommen sie alle nicht, die ein solches Fahrzeug gerechtfertigt hätte.

Auf dem Schulhof eines Gymnasiums, irgendwo in Deutschland.

Junge wissbegierige Menschen an jeder Ecke, diskutieren über dies und das. Nahezu brutal unterbricht sie der laute lang gezogene Summton, der Schulglocke. In der einen Ecke, etwas weiter von den meisten Schülern entfernt stehen zwei Jungs. Der eine von ihnen gestikulierte stark mit seiner rechten Hand. Es ist Herbert Haller der zu seinem Freund Rudolf sagt:

„Das ist nicht dein Ernst Alter. Du willst heute blau machen? Auf einen Montag? Doktor Kotze wird dich morgen wieder auszählen. Erzählt dir wieder, dass deine Stunden nicht zusammen kommen. Dass du nicht zur Prüfung zugelassen wirst. Du kennst das ja zu Genüge. Er hat Recht damit, weißt du? Du könntest das Abi schaffen. Bist besser als ich. Vor allem in Geo und Bio. Das versaust du dir echt selbst.“

Rudolf winkt glatt ab.

„Hör doch auf so viel zu labern. Bist du vielleicht meine Mutter? Nah also. Das alles ist mir ja so was von egal, verstehst du? Ich gehe wohl erst mal in den Wald. Bis zum Kanal. Ich sitze gerne da. Das weißt du doch, mein liebes Herbertchen. Meiner Mutter werde ich sagen, Kopfschmerzen plagten mich wieder einmal. Falls Kotze bei ihr anruft, weiß sie was zu sagen. Fragt erdich, weiß du Bescheid. Geht das klar?“

Herbert zuckt die Schultern.

„Wie du willst. Trotzdem! Du sollst mich nicht immer Herbertchen nennen. Bin weder schwul noch …chen, ja? Also, ich gehe jetzt rein. Keinen Bock auf das Gelaber von Doktor Kotze. Seine Vorträge über die Pünktlichkeit kann ich nicht mehr hören. Heute Nachmittag ist Sport dran. Deshalb willst du heute blau machen, oder? Ich weiß ja was du immer sagst. Du mit deinem: Sport ist Mord. Nah, egal. Treffen wir uns nachher?“

Rudolf blickte nachdenklich über den Pausenhof. Ohne seinen Freund anzusehen spricht er leise:

„Wohl kaum! Mache später einen Abstecher ins Einkaufszentrum. Gucken, was es Neues gibt. Habe einen neuen Computer im Auge. Mein altes Ding schafft die neuen Spiele nicht mehr. Muss auch neue Reifen für mein Fahrrad besorgen.“

Herbert schlägt ihn leicht auf die Schulter. Bewundernde Worte folgen:

„Du bist schon ein cooler Hund Rudi. Hast du Scheine für ´nen Neuen? Warte doch mal! Ich will dir noch was sagen. Das ist scheißwichtig. Du solltest lieber nicht so oft in den Wald gehen. Das mit meinem Bruder, ja also, wenn die dich erwischen, sag` bloß nicht, dass du von mir weißt wo sie ihren Stützpunkt haben. Mein Bruder killt mich. Echt! Der nimmt diese Nazikacke sehr ernst. Die spielen nicht nur so herum, weißt du? Das ist eine ganz gefährliche Truppe. Die haben echte Waffen.“

Rudolf wendet sich gelangweilt zum Gehen um.

Er hebt den Arm:

„Alles klar. Mach dir nichts ins Hemd. Ich kann schweigen. Mit dem Moos, das ist so eine Sache. So einer wie der Spira könnte sich den teuersten PC kaufen und ein Notebook dazu. Unsereiner muss dafür knüppeln. Werde in den Ferien einen Job suchen müssen. Mal sehen was läuft. Wir sehen uns morgen. Pünktlich zur Standpauke von Kotze. Alles klar soweit?“

„Alles klar, Mann! Also dann! Mach´s gut, Rudi! Denk dran! Sei kein Verräter, klar?“

Weiter entfernt lachen Mädchen. Herbert hält Rudolf noch einmal auf:

„Warte kurz! Siehst du sie Rudi?“

„Was soll ich sehen? Ach so. Die Gänse.“

„Die in der Mitte ist eine scharfe Braut. Die könnte mir gefallen. Mann! Hat die ein Fahrgestell. Geht eine Klasse unter uns. Leider tanzt sie in einem Schuppen ab, der für mich zu teuer ist. Sag mal, hat doch wirklich klasse Beine, oder? Was sagst du als Fachmann dazu?“

„Willst du das ehrlich wissen? Na schön. Die Beine sind viel zu dünn und zu lang. Das sind die reinsten Stelzen.“

„Sei man nicht unfair. Schließlich können nicht alle so gut aussehen wie deine Rosi. Ich würde sie bald mal anbaggern. Hast du noch nicht gemerkt? Spira wetzt schon die Fingerspitzen.“

„Quatsch. Bei Rosi kann er so viel wetzen wie er will. Außerdem, Spira ist ein Feigling. Wenn er Rosis Vater trifft, kackt er in die Hose. Rosis Alter mag die Spiras auch nicht besonders.“

„Woher willst du das wissen? Spiras haben Geld. Rosis Vater wäre dem bestimmt nicht abgeneigt, wenn…“

Ungehalten unterbricht Rudolf seinen Freund:

„Rosis Vater mag überhaupt keine Leute aus Ostdeutschland. Das habe ich mal gehört, als er sich mit einem anderen Mann unterhielt. Er meinte, dass die aus dem Osten, uns die ganzen Arbeitsplätze weggenommen haben.“

„Hat er nicht ganz Unrecht. Oder? Die kommen ja alle…“

Rudolf faucht laut seinen Freund an.

„Schwachsinn ist das! Wenn Leute aus Ostdeutschland uns die Arbeit wegnehmen, liegt das daran, dass sie ganz einfach besser sind. So ist das. Die mussten damals aus Scheiße, Gold machen. Das kennen die Meisten hier gar nicht. Die vielen arroganten Westler sind in die Läden gegangen und haben alles nur kaufen brauchen. Es gab und gibt doch alles, wenn man genug Moos hat. Sie sollten sich erst mal sachkundig machen wie es im Osten gewesen ist. Vor allem darüber, was es hieß in einem kommunistischen Unrechtstaat zu leben, gelebt zu haben. Ist bestimmt nicht toll, wenn man überall Augen sehen musste, vielleicht auch noch auf dem „Pot“! Scheiß Stasi.“

Herbert hebt beschwichtigend die Hände vor.

„Reg dich ab Rudi. Menschenskind! Haste wieder im Fernseher gesehen, oder? Du weißt immer alles. Als würdest du jeden Tag, jede Minute vor der Glotze hocken und die Nachrichten fressen. Langsam wirst du mir zu anstrengend. Mann! Jetzt muss ich aber rein! Bis dann!“

Der Junge läuft eilig über den Hof, reißt dabei einen Arm zum Abschied in die Höhe.

Rudolf spricht leise, etwas verächtlich hinter ihn her blickend:

„Mein angeblicher Freund. Auch nur so ein Streber. Genau so geil wie Spira. Frauen müssen immer große Titten und lange Beine haben. Meistens sind diese Gänse so hochnäsig, dass sie jede Giraffe im Schatten stehen lassen könnten. Und dann dieses blöde Kichern…

Das muss ich mir nicht antun. Nee, wirklich nicht!“

Und doch schweiften seine Gedanken zu einem Mädchen, seiner Klasse.

Rosi ist anders. Oh, ja. Ganz anders. Rosi und Spira. Wehe, wenn Spira Rosi anmacht. Dann, dann… lasse ich mir etwas einfallen. Garantiert. Rosi wird schlau genug sein, um sich nicht von diesem Ganoven anfassen zu lassen. Oder? Verdammt! Frauen fallen doch immer auf die Falschen rein. Genau wie auch Männer. Wenn die Weiber mit dem Arsch wackeln können, haben sie ihren Verstand an der Garderobe abgegeben. Blöde tierische Instinkte. Tiere! Menschentiere! Früher war Herbert auch anders. Jetzt hat sich auch fangen lassen. Will unbedingt dazugehören, um es leichter zu haben, wie er selbst einmal sagte. Leichter zu haben heißt, allen Scheiß mitmachen, auch wenn man weiß, dass es falsch ist. Warum gebe ich mich noch mit dir ab, Herbertchen? Dieses Cool! Warum redet er nicht deutsch mit mir, verdammt! Scheiß Amerikanisierungen, wenn er es doch wenigstens richtig aussprechen könnte. Mann! Ich ihn verraten… Bin doch nicht so eine Pfeife wie du, Herbertchen. Bringst es nicht einmal fertig, nur Kotze zu sagen. Doktor Kotze. Mann. Als wäre es eine Entschuldigung für, Kotze. Ansehen sollte er sich mal etwas lehrreiches, anstatt sich dauernd diese dämlichen Horrorsachen reinzuziehen. Viel Spaß dann noch, Herbertchen. Du wirst dein Leben lang ein Herbertchen bleiben. Einen richtigen Namen, wirst du dir an dieser Schule nie machen können. Dann müsste man schon Spira sein. Mit einem Geldsack als Vater. Oder ein Sportsass sein. Sich selbst in die Tasche lügen können. Oder ganz einfach, eine große Fresse haben und andere Leute zusammenschlagen können, der Stärkste sein. Brutal vorgehen, rücksichtslos, nur sich selbst im Auge haben. Den dicken markieren. Freunde haben, die hinter einem stehen, die sich anbiedern, weil sie im Schatten des Stärksten die Fresse aufreißen dürfen, ohne was drauf zu bekommen.“

Rudolf verlässt jetzt, mit einem verächtlichen Zug um seinen Mund herum, den Pausenhof.

Übelkeit!

Das Leben ist zum Kotzen!

Es ist sehr oft, verdammt noch mal,

wie schleimig, grüner Rotzen!

Wenn ich die Andern sehe, mit ihrem blöden Gehabe,

jeder will der Mann sein, nur auf ihn kommt es an.

Ekelhafte Typen – dann und wann.

Nichts an ihnen ist der Allgemeinheit zu dienen.

Sich selbst der Nächste sein, das ist der Sinn derer,

die schlängelnd kriechen,

und nicht merken,

wie sie wirklich siechen.

Und das Leben meint es auch noch gut mit Denen,

sie kommen weit und weiter,

auf der verdammten Leiter,

die nach, angeblich oben führt,

in den Himmel der Wohlhabenheit.

Dort - schweben sie, wenn sie es auch nicht merken –

in einer unangenehmen Flüssigkeit.

Zusammengesetzt aus - über Leichen gehen,

über den Anderen stehen,

und diese verruchte Angeberei –

Solche Typen - Wie Polypen –

Wenn ich nur könnte, wie ich wollte –

Die alle würde ich...

Doch warte mal -

Warte mal, denk nach –

Sie sind es gar nicht wert.

Sie sind der Abschaum unsrer Zeit,

wo so viel Unrat fließt

und mich, ehrlich gesagt,

unheimlich verdrießt.

Ich könnte diese Monster hassen.

Und noch weiter könnt ich gehen –

Die Wut ist grenzenlos, am Ende ist das Schamgefühl.

Ich wäre gern genau so groß,

ich würd` aufräumen in dem Saugewühl!

Ich bin ein kleines Menschlein nur,

rege mich hoch auf und wieder ab.

Aber wehe!

Wehe dem, wenn das nicht mehr klappt!

Kapitel 2

Am Bordstein entlang schlendernd denkt Rudolf:

- Sportlich sein. Dynamisch sein. Kommt man damit viel weiter, wenn man sonst nichts zu bieten hat? Die Blödmänner können ihren Sport selber machen. Die können sich alle die Beine weglaufen, den Arsch aufreißen und sonst was… Bloß um ihre Noten zu verbessern. Wahres Wissen zählt. Jedenfalls für mich. Mit einer Sportnote Mathe verbessern, das fehlt noch. Typisch für diese Zeiten. Hauptsache man kann sich profilieren. Scheiße auch! Warum bin ich nur so fett? Dann fangen die wieder mit ihrem scheiß Fußball an. Das Spiel für welche, die sonst nichts auf die Reihe kriegen. Das richtige Spiel für solche Eierköpfe, wie diesen abgehalfterten Sportlehrer. Auch so ein Großmaul. Wie kann der Analphabet nur Mehlsack zu mir sagen? Was gibt ihm das Recht dazu, einem 17 Jährigen, Mehlsack zu benennen. Die Sau hat wohl nicht von Menschrechten gehört… Sport macht frei… wovon macht Sport frei? Was soll das Gelaber? Der Kerl ist verheiratet, hat drei Kinder, steht unter der Fuchtel seiner Alten… Wo macht da Sport frei? Einmal… nur einmal möchte ich diesem Spira auf dem Feld davonlaufen können… Nur einmal… immer macht dieser Typ aus dem Osten sich lustig über mich… Ich kann nichts dazu, dass ich so dick bin. Das wissen die doch alle! Die begreifen das nicht, dass man krankhaft dick sein kann. Die sind doch so wie so alle dämlich.

Rosi, die… ja… die hat noch nie über mich gelacht.-

Jenseits

Die Engel der Liebe weinen.

Der schwarze Schatten die Erde heimsucht.

Sie senden kleine Blitze an Höllenbeinen

und haben Menschen ausgesucht.

Kampf der Seiten, wie eh und je –

Der blaue Himmel wird zur ewigen Nacht.

Die Rosenblätter welken im Schwefelsee.

Welken, durch der Hölle, Macht.

Sie fliegen umher, die schwarzen Schatten.

Besetzen der Menschen Seelen.

Die wissen nicht mehr, was sie einmal hatten.

Sind bereit sich selbst zu quälen.

Rosenblätter werden zertreten –

Ihr Blut die Erde ertränkt –

Der Mensch hat aufgehört zu beten –

Darum wird er vom Bösen gehängt.

Die Rosenblätter noch hernieder fallen.

Noch kämpft die Liebe, um Menschen.

Die Sonnenstrahlen einen See von Silber füllen,

bis an der Welten Grenzen.

Getauft vom Sonnentau.

Liebende in der Umarmung träumen.

Wehren sich der schwarzen Schatten,

die gierig die Krallen heraus jetzt strecken.

Gleich, des Donners Hall,

sie schlagen auf den Lichtersee,

doch die aufsprühenden Funken,

brennen in ihre Schuppenhaut ein.

Zunächst führt sein Weg nach Haus. Vielleicht geht er doch lieber nicht ins Zentrum. Alles ist so teuer. Zu teuer für ihn und seiner Mutter. Bloß gucken und nichts kaufen zu können war demütigend. Ist sogar verdammt demütigend. Warum geht es anderen Menschen so gut?

Sein Blick fängt die Nachbarin ein. Sie wurstelt wieder ein bisschen im Garten herum. Das alte Mädchen muss an die 80 sein. Das ist also das Schicksal eines alten Menschen? Allein sein, ewig ums Überleben kämpfen müssen? Kleine Rente bekommen, mit dem Minimum leben. Vom Staat nur so viel kriegen, dass man nicht abkratzt, dass man noch die Wirtschaft ankurbelt, wenn man Medikamente braucht, oder was zu essen, oder den Enkeln was zu Weihnachten und Geburtstag schenkt, dafür seinen letzten Euro hergeben muss, danach wochenlang nur Margarine auf dem Brot hat.

Rudolf grüßt Frau Sommer freundlich, wie immer. Gegen alte Menschen hat er nichts. Diese Alten wissen, was Leben heißt. Um so alt werden zu können, muss man schon über eine besondere Art von Intelligenz verfügen.

Die alte Frau sieht zunächst fast erschreckt auf, verzieht dann aber den Mund zu einem Lächeln, das eher aussieht, als hätte sie Schmerzen im Knie. Rudolf tut eilig. Heute hat er keine Lust dazu, sich etwas über ihr Rheuma anzuhören. Die Frau hält ihn auf.

„Entschuldigen sie! Würden sie mir bitte die große Blumenschale von dort nach da verrücken? Ich will, wissen sie, dort ein kleines Blumenbeet anlegen. Mögen sie Vergissmeinnicht auch so gerne?“

Rudolf geht natürlich zu ihr. Die Frau redet unablässig weiter, lässt ihn gar nicht die Zeit, auf ihre Frage zu antworten. Seine Oma war auch so. Nein, so nicht, sie war stärker. Sie war erste Klasse. Genau wie Opa. Die Oma mochte seinen Vater auch nicht. Sie mochte ihn nie. Wie oft sagte sie damals zu Mama, sie solle sich von diesem Säufer scheiden lassen.

Alle Menschen die man liebt, verlassen einen. Überhaupt sterben die Guten immer viel zu früh.

„… habe jetzt kein Geld bei mir. Wir sehen uns ja öfter. Dann bekommst du zwei Euro von mir“, schreckt die alte Frau ihn aus seinen Gedanken.

„Dafür nehme ich kein Geld, Frau Sommer. Habe ich gern gemacht.“

„Bist immer so freundlich. Junger Mann. Gehörst bestimmt nicht zu denen, die alte Leute ärgern. Deine Mutter ist auch nett. Sie kauft mir immer die richtigen Sachen ein. Wie geht es denn deinem kranken Vater?“

Diese verdammte Frage muss ja kommen. Warum fragt die Frau das? Sie erfährt doch immer alles von Mama. Die standen manchmal, wenn Mama Zeit hatte, fast eine halbe zusammen und zerredeten sich die Münder.

Man kann machen was man will, um den „Alten“ zu vergessen. Das gelingt einfach nicht. Irgendwer spricht immer von ihm. Das ist ein richtiger Fluch. Kranker Vater? Krank?

„Habe lange nichts von ihm gehört. Ist wohl noch in dieser Klinik.“

„Eines Tages kommt er bestimmt wieder zu euch zurück. Wenn er gesund ist.“