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Anima und Aldrah sind Seelenverwandte. Anima ist eine junge berufserfahrene, südafrikanische Rechtsanwältin, die in einer großen Stadt am französischen Mittelmeer ein Aufbaustudium absolviert. Aldrah, wesentlich älter als sie, praktiziert in der gleichen Stadt seit langer Zeit als Anästhesist in einer Privatklinik. Ihre Wege kreuzen sich, da Anima ungewollt schwanger ist, sich deshalb einem Schwangerschaftsabbruch unter Allgemeinanästhesie unterziehen möchte und durch Zufall auf Aldrah als Narkosearzt stößt. Jedoch, überdauert ihrer beider entdeckte Seelenverwandtschaft diesen für Anima psychisch extrem belastenden Eingriff, den ein Schwangerschaftsabbruch für sie und wahrscheinlich für jede Frau darstellt?
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Seitenzahl: 184
Veröffentlichungsjahr: 2025
Impressum
Widmung
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
IX
X
XI
XII
XIII
XIV
XV
XVI
XVII
XVIII
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Cover
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
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© 2025 novum publishing gmbh
Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt
ISBN Printausgabe: 978-3-7116-1087-4
ISBN e-book: 978-3-7116-1088-1
Lektorat: novum Verlag
Umschlagabbildung: Harald Baar
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Meinen Eltern gewidmet.
„Familia suprema omnia“1
Anmerkung:
Sowohl die weibliche Hauptfigur in dieser Abhandlung, als auch die Rahmenhandlung, die sie bestimmt, sind frei erfunden. Jedwende Ähnlichkeiten mit reel existierenden Personen und Gegebenheiten wären daher rein zufällig.
Nichtsdestoweniger repräsentiert diese fiktive Person beispielhaft nahezu alle Frauen, die sich einem die Psyche extrem stark belastenden Schwangerschaftsabbruch unterziehen und deshalb vor und nach diesem Eingriff in einen schweren Gewissenskonflikt geraten können.
1 Lateinisch: „Familie über allem anderen.“
Lateinischer Sinnspruch aus der Antike.
„Anima …“
Anima?
Lufthauch, Atem, Seele, Geist.
Ohne tiefsinnigere Reflexionen über diese Wortaneinanderreihung zu führen, spulte sie sich spontan und unwillkürlich in seinen Gedanken ab.
Nahezu unbewusst suggerierte sie seinen altehrwürdigen Lateinunterricht, das Auswendiglernen der Vokabeln aus der „Lateinischen Wortkunde“ und im weitesten Sinne seine humanistisch geprägte Gymnasialzeit, ohne allerdings diesen Erinnerungen weitläufiger, ausschweifender oder gar nostalgisch nachzuhängen.
Lufthauch, Atem, Seele, Geist: Anima.
Er griff bereits schlechtweg mechanisch nach dem anästhesiologischen Aufklärungs- und Narkoseeinwilligungsformular vor sich auf dem Schreibtisch in der Gemeinschaftspraxis und war gedanklich schon im Arzt-Patientengespräch, das stets mit dem Erarbeiten des Krankenfragebogens begann, um den jeweiligen Patienten aufgrund seiner so eruierten Krankengeschichte genauer zu verstehen, um ihm infolge dieser Anamnese die optimale Behandlung, die für ihn jeweils spezifisch bestmögliche Anästhesie zukommen zu lassen.
„Ja …“, sagte die junge Patientin, die er bereits gebeten hatte, vor seinem Schreibtisch auf einem Stuhl Platz zu nehmen, „ich heiße Anima Andorah, und mein Familienname Andorah schreibt sich mit einem ‚h‘ am Ende des Wortes.“
Diese ihre ins orthografische Detail gehende Bemerkung ließ ihn aufhorchen. Pflegte doch auch er bei seiner Vornamensnennung „Aldrah“ bisweilen zu präzisieren, dass sich dieser Name mit dem Buchstaben „h“ am Wortende schrieb: wohl aus dem teils unbewussten Verlangen nach Synästhesie, das in mehreren Sprachen nicht ausgesprochene, also stumme und somit nicht hörbare „h“ in der geistigen Vorstellung seines Gegenübers, so nahegelegt, sichtbar zu machen, es infolgedessen aufleben zu lassen.
Neugierig geworden hob er erst jetzt seinen Blick vom Schreibtisch und dem „Routinebogen“, wie er das Anamnesedokument zu nennen pflegte, und blickte nun aufmerksamer in das Gesicht seiner jugendhaft frisch wirkenden Patientin.
Das Erste, was ihm auffiel, waren ihre strahlendweißen, makellosen Zahnreihen. Eingekleidet und zugleich preisgegeben von Ober- und Unterlippe, die sich beide sanft geschwungen in ein spielerisches Lächeln einließen, verliehen sie diesem Blendweiß den Eindruck, von sich aus selbst zu lächeln.
Ihre Unterlippe war subsaharisch afrikanischer Anatomie entsprungen, ohne allerdings zu wulstig oder etwa sogar vulgär zu wirken.
Die Oberlippe war nur geringfügig weniger voluminös, wobei diese sich unaufdringlich keck nach oben wölbte, dabei jedem Lächeln allerdings ein symmetrisches, walzerhaft schwungvolles Ausgeglichensein hinzufügte.
Ein Lächeln übrigens, das ein heimliches Einvernehmen mit ihr selbst verriet und das erahnen ließ, dass sie sich der Wirkung dessen auf jedwede Kontaktperson sehr wohl bewusst war.
Nicht nur dieser ihr Gesamtwesen charakterisierende Mund war makellos und ausgewogen, sondern das Gesicht insgesamt folgte klassischen Schönheitsprinzipien: die hohe, freie Stirn, die gerade, ebenmäßige Nase und insbesondere ihre schwarz strahlenden Augen, die aufgrund des Gegensatzes zu ihren Zähnen dunkel funkelnd gleichsam schwarzes Licht sprühten, zugleich aber alles Anfixierte retrograd, ja wie zum Trotz, schlichtweg versengend verschlangen.
Ihre wuscheligen langen, quirlig gekräuselten, abundanten Haare fielen massig pechschwarz auf ihren Oberkörper und Rücken, verliehen somit ihren dezent angerundeten, alkebularischen, auf ihre Provenienz hinweisenden Gesichtszügen, gleichwie dem ins Dunkel fließende sienabraunen Teint ihres seidigen Hautkolorits, afro-aphroditische Anmut.
Sie war hochgewachsen, ohne allerdings massaisch übergroß zu wirken, ihr Körper selbst aber wohlgeformt und ästhetisch proportioniert, zumal er unter der lose getragenen, pastellfarbenen Kleidern trotz ihres jungen Alters ihrem schwarzafrikanischen Typus entsprechende, und somit durchaus äußerst anziehende frauliche Üppigkeit verriet, eine naturgegebene Opulenz, auf deren Zurschaustellung sie mit diesem vestimentären Code allerdings gänzlich verzichtete.
Sie hatte das rechte Bein über das linke Knie gelegt, wippte damit aber nicht, wie man das so oft bei unkontrollierten Menschen sieht, um kompensierend einem situationsbedingten Befangensein freien Lauf zu lassen.
Nein, sie verhielt sich angenehm ruhig, wobei die verschränkten Hände über dem rechten Knie ihre feingliedrigen Finger preisgaben und durch diese Körperhaltung ihr In-sich-Ruhen und Gefasstsein bekräftigten.
Die Fingernägel waren übrigens, ebenso wie der Mund, ungeschminkt; wozu auch? Da jeder kleinste Farbeffekt auf ihrem Körper von ihrem natürlichen Anreiz abgelenkt hätte.
Desgleichen trug sie keinen Schmuck.
„Gestatten Sie, Madame Andorah, dass ich mich Ihnen vorstelle: Ich bin Ihr Narkosearzt, deutscher Narkosearzt. Mein gynäkologischer Kollege hatte Sie für meine Sprechstunde bei meiner Sekretärin bereits angemeldet, sodass ich informiert bin.“
Er begann sein Aufklärungsgespräch routinemäßig mit stereotypischen Eingangsworten dieser Art.
Den Zusatz „deutscher Narkosearzt“ ließ er mit Absicht einfließen, da er wusste, dass er sein Französisch nicht immer hundertprozentig akzentlos artikulierte. Er nahm damit seinen neugierigen Patienten bewusst den Wind aus den Segeln, um weiteres Nachfragen bezüglich seiner Herkunft nicht mehr in Betracht ziehen zu müssen.
Seit nunmehr zwanzig Jahren lebte und arbeitete er in Südfrankreich, in einer Klinik einer großen Stadt am Mittelmeer.
„Mare medium, mare nostrum…“2
Dieses Meer, das Aldrah als Sechzehnjähriger zum ersten Mal im Leben in Griechenland auf der Halbinsel Chalkidike gesehen hatte.
Das Wesen, die Seele dieses Meeres, zeitlos und zeitübergreifend unfehlbar charakterisiert im Liederzyklus „Mia Thalassa“ der griechischen Sängerin Angeliki Ionatos, ergriff ihn seit dieser ersten Griechenlandreise, berührte und bewegte fortan sein Innerstes.
Nicht zuletzt aufgrund dieses Jugenderlebnisses wollte Aldrah, der aus einer Stadt im Landesinneren Deutschlands stammte, irgendwann einmal an diesem Meer leben.
Nach seinem Studium der Medizin und der darauffolgenden Ausbildung zum Facharzt der Anästhesie an einer großen deutschen Universitätsklinik – „Alma mater“3 – fasste er den Entschluss, glücklichen Umständen gehorchend, seinen Traum in die Tat umzusetzen.
Seine humanistisch ausgerichtete Gymnasialzeit mit dem Fach „Latein“ bis zum Abitur hatte einen wesentlichen Einfluss auf seine Entscheidung, Deutschland zu verlassen und in einem sowohl von der Sprache als auch der Kultur im Allgemeinen her romanistisch geprägten Land Fuß zu fassen.
Nicht etwa, dass Aldrah Ressentiments der deutschen Sprache oder global Deutschland gegenüber gehegt hätte, nein, ganz im Gegenteil:
Er hatte seine Muttersprache sehr wohl schätzen, ja sogar lieben gelernt, seit und aufgrund seines außerordentlich hervorragenden Abiturdeutschunterrichts, vermittelt von Barbara, wie alle Schüler ihre ehemalige Germanistikprofessorin trotz ihrer pädagogischen, akademischen Strenge, nahezu mütterlich liebevoll nannten.
Ein Unterricht, der aber nicht im Geringsten „barbarisch“ geprägt gewesen war, sondern seinen damaligen Klassenkameraden und insbesondere eben ihm die deutsche Literatur, die Semiologie, die Sprache an sich, deren linguistisch-grammatikalisches, semantisches Funktionieren, nebst deren konkreten, zielorientierten Anwendung verständnisvoll und eindringlich nahegebracht hatte.
Ein Deutschunterricht also, verstanden zunächst als „Sprachkochbuch“ mit Gebrauchsanweisung für das augenblickliche Verstehen und Verarbeiten von Informationen jedweder Art.
Darüber hinaus war es aber Absicht und Verdienst gerade dieses Unterrichts gewesen, eine solide, strukturierte und ins Detail gehende Basis für jegliches weiterführende, tiefergehende logische Denken zu vermitteln.
Begeistert, ja geradezu euphorisch hatte Aldrah damals festgestellt, dass es ihm dank dieses Unterrichts nach kurzer Zeit gelang, all seine aphorismenhaften Gedankensplitter sprachlich koordiniert in Form zu gießen.
Seine Überlegungen, wie loses Saatgut in einem brachliegenden, geistigen Garten verstreut, keimungsbereit, sogleich aber in Worte gefasst, die so zunächst im Klein-, in ihrer Gesamtheit alsbald aber im Großformat imponierten, wie Bücher in einer wohlgeordneten Bibliothek, Labsal für Körper und Geist. Ein Garten und eine Bibliothek, zum Wohlbefinden, um glücklich zu sein.
„Si hortum in bibliotheca habes, nihil deerit“.4
Dieser im Deutschunterricht erlernte, aber immer freiwillige innere Zwang, in seinem gesamten Denken, seinem geistigen Garten Ordnung zu schaffen, war von diesem Reifezeitpunkt an zukunftsweisend, geradezu absolut notwendig für ihn geworden, Reflexionen jeden Genres mithilfe von akribisch gesuchten Worten in seinem Kopf gezielt in Sprache umzusetzen.
Nur auf diese Weise gelang Aldrah eine Konsolidierung seiner gesamten geistigen Grundanschauungen; nur so speicherte fortan sein Gehirn Gedanken, und nur so konnte er diese bei Bedarf wieder abrufen.
Sprache mit ihren grenzenlosen, subtilen Finessen erhob Aldrah für sich zum unumgänglichen, unabdingbaren Medium hinsichtlich der Konstruktion des eigenen Ichs.
„Nosce te ipsum“.5
Nebst diesem aufgeblühten, stets weitersprossenden Reifungsprozess zur nun ermöglichten, eigenen Persönlichkeitsentwicklung, ermaß Aldrah die ungeheure Bedeutung und Tragweite des Beherrschens der Muttersprache, insbesondere für weiterführendere, die Germanistik überschreitende Sprachstudien, also für das Erlernen einer Fremdsprache.
Wie ein notwendiger, fest verankerter Brückenpfeiler in einem mehrdimensionalen Raum fungierte Deutsch für ihn als Basis – und Orientierungspunkt zur Brückenbildung hinsichtlich jeder anderen Fremdsprache.
In Analogie zum fundierten Deutscherwerb koordinierte fortan Aldrahs Denkvorgehensweise ebenso das Aneignen anderer Sprachen.
Es sollte sich auch für ihn bewahrheiten, dass durch das Erlernen einer Fremdsprache die eigenen Ideenketten, das eigene globale Denken eine jeweils zusätzliche, neue Dimension, eine unschätzbare Bereicherung im Sinne des individuellen Menschseins erfuhren, gemäß der altehrwürdigen Sentenz Goethes:
„So viele Sprachen man spricht, so vielmal mehr ist man Mensch“.6
Nach seiner bis auf den heutigen Tag unveränderten Meinung, dass eine sinngebende, adäquate und gelungene Integration in einem sogenannten Ausland oder fremden Land nur über das Erlernen der jeweiligen Sprache und der Eingliederung in eine respektive Arbeitswelt erfolgreich stattfinden kann, lernte Aldrah Französisch.
Mit zunehmender Erweiterung seines Wortschatzes, der Diktion und intensiveren, spezifischen Konversationskenntnissen entwickelte er ein Sicherfühlen, ein Aufgehobensein im Dialog mit Einheimischen. Aldrah konsolidierte somit seinen fruchtbaren Spracherwerb, der in entscheidendem Maß die Leidenschaft für französische Literatur in ihm weckte.
War es Zufall oder Notwendigkeit, möglicherweise aber doch nur ein logisches, gedankliches Meilensteinsetzen und dergestalt also weitab, ja konträr jedem Anflug von Absurdität, dass es sich bei seiner allerersten auf Französisch geschriebenen Lektüre um Albert Camus’ „L’étranger“ handelte?7
Mehr oder weniger problemlos jedenfalls vollzog sich seine damalige Eingliederung in das französische Gesundheitssystem und in Südfrankreich schlechthin.
Seine anfänglichen, unausweichlichen sprachlichen Verständnisungereimtheiten kompensierte er mit konsequenter, unermüdlicher Arbeit in der Klinik. Er versuchte von Anfang an, das gesamte Klinikpersonal, allen voran aber seine Kolleginnen und Kollegen, durch seine Belastbarkeit und äußerst präzise Schaffenskraft zu überzeugen, wobei er sich stets auf eine solide Ausbildung berufen und stützen konnte.
Mit unbestrittenem Erfolg, da er innerhalb kürzester Zeit von dem familiär geprägten Klima in der kleinen Klinik ohne Wenn und Aber sowohl akzeptiert als auch integriert wurde.
„Oh, Herr Doktor“, erwiderte ihm Anima, als er sich ihr vorgestellt hatte, „das finde ich jetzt aber ganz toll, dass Sie deutscher Arzt sind! Dann können wir ja auch auf Deutsch weiterreden, wenn es Ihnen recht ist. Wissen Sie, ich bin ja noch nicht so lange in Frankreich, und ich glaube, ich komme im Augenblick mit der deutschen Sprache noch besser zurecht als mit Französisch“.
Und diese, ihre ersten Sätze auf Deutsch, waren ebenso makellos und ihrer ebenbürtig, wie die Gesamterscheinung, die sie selbst repräsentierte.
Akzentlos sprach sie Deutsch, mit einer klaren, hellen, treffsicheren Sopranstimme, wie man sie allenthalben auf großen Stadttheaterbühnen anzutreffen pflegt.
„Aber mit dem größten Vergnügen“, antwortete Aldrah ihr, beeindruckt von der ungeniert burschikos anmutenden Leichtigkeit in ihrer Ausdrucksweise und Ungezwungenheit ihm gegenüber.
Um sich nicht sofort auf ihr medizinisches Problem und den eigentlichen Grund ihres Erscheinens in seiner Sprechstunde zu fixieren, beabsichtigte auch er, noch ein bisschen zwanglos zu plaudern, zwei, drei Fragen stellend.
Nicht, weil er neugierig war, sondern einfach nur, um noch mehr – psychologisch gesehen – ihr Vertrauen zu gewinnen. So führte er das begonnene Gespräch, weitgehend private Belange betreffend, fort, wobei er natürlich sie in erster Linie reden ließ.
So erzählte sie ihm kurz, dass ihre Eltern zwar aus Südafrika stammten, allerdings aus beruflichen Gründen mit der gesamten Familie bereits in mehreren Ländern Nord- und Mitteleuropas gelebt hatten, was insbesondere eben zudem erklärte, weshalb sie Deutsch gelernt hatte.
In ihrer Familie, erläuterte sie ihm, sprach man überwiegend Englisch, gelegentlich Deutsch aber nur selten Französisch.
Ja, und sie war jetzt, als schon seit einigen Jahren berufstätige Rechtsanwältin, nach Frankreich gekommen, um hier ein kurzdauerndes Aufbaustudium zu absolvieren, das insbesondere Internationales Recht beinhaltete.
Bei ihren kurzen Ausführungen hatte Aldrah ihre Körpersprache, ihre Mimik und Gestik, ihre Ausdrucksweise verfolgt, die ihm signalisierten, dass das auflockernde Gespräch ihr gutgetan hatte, da es, wie von seiner Seite beabsichtigt, psychologische Hemmschwellen weitgehend abgebaut hatte.
So nahm nun er das Wort wieder auf, indem er fragte: „Sagen Sie, Frau Andorah, darf ich Sie eigentlich bei Ihrem Vornamen nennen?“ In einem Anflug von großer Erleichterung antwortete sie ihm: „Aber natürlich, Herr Doktor, mir ist das viel lieber so“, und fügte hinzu: „Ganz ehrlich gesagt mag ich das Wort „Frau“ so ganz und gar nicht, das macht mich doch so alt! „Mademoiselle“, „Fräulein“ oder eben nur mein Vorname klingen doch viel schöner, oder?“
Beiden entlockte ihre spontane, erfrischende Bemerkung ein schelmisch einvernehmliches Lächeln.
So sah Aldrah den günstigen Augenblick als gekommen an, um das Thema nun auf ihre medizinischen Belange zu lenken.
„Anima“, sagte er und fixierte dabei ihre Augen, „ich hatte Ihnen ja vorhin schon kurz angedeutet, dass mein gynäkologischer Kollege mich bereits benachrichtigt hat, warum er Sie in meine Sprechstunde schickt: Sie wünschen, einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen, der sich unter Allgemeinanästhesie vollzieht. Gestatten Sie mir, Ihnen zunächst ein paar Fragen bezüglich Ihres aktuellen Gesundheitszustandes zu stellen, sie schriftlich auf dem Fragebogen festzuhalten, bevor ich Sie dann auskultiere. Danach möchte ich gerne auf alle Ihre Zusatzfragen, wenn nötig im Detail, eingehen.
Aber, gleich vorweg, so wie ich Sie vor mir sehe, glaube ich mich nicht zu täuschen, dass Sie eine kerngesunde, junge, dynamische Frau ohne jedwede Erkrankung sind.“
Und, zweifelsohne, sein diagnostischer Blick bezüglich seiner anmutig frisch wirkenden Patientin hatte ihn mitnichten getrügt, er bestätigte sich zweifelsfrei bei der Anamneseerhebung und nachfolgender Untersuchung:
Anima war voller Lebenskraft, knapp dreißig Jahre alt, ohne Vorerkrankungen, sie war einfach nur schwanger … wobei eine Schwangerschaft, absolut gesehen, natürlich in keinerlei Hinsicht pathologischen Wert besitzt!
Schwanger in der zwölften Woche, also in einem bereits vorgerückten Stadium bezüglich des legalen Zeitfensters eines Schwangerschaftsabbruches.
Er beendete das Erfassen des Routinebogens mit der Gegenzeichnung der Einverständniserklärung zur Narkose seiner Patientin.
Seine über fünfunddreißigjährige Berufs- und Patientenerfahrung hatten seine Sensitivität, gleichwie Sensibilität, allerdings profund und peinlich genau geschärft, sodass er sich einer Art Unruhe und plötzlich dringlichen Mitteilungsbedürfnisses von Seiten Animas bewusst wurde.
Kaum hatte er den Kugelschreiber auf den bereits geschlossenen Anamnesebogen gelegt, als sich Anima mit forschend drängendem Blick an ihn wandte:
„Bitte entschuldigen Sie, Herr Doktor, aber es ist mir ein großes Bedürfnis, dass ich Ihnen in Bezug auf die Abtreibung noch etwas sage … und ich Ihnen vielleicht doch noch ein paar Fragen stelle, wenn Sie mir erlauben.“
Stakkatoartig, schnell hatte sie diesen Satz ausgesprochen, rascher als alle vorherigen.
„Selbstverständlich, Anima“, erwiderte er ihr einfühlsam entgegenkommend, „bitte sagen Sie mir, was Ihnen auf dem Herzen liegt, was Sie beunruhigt, dazu bin ich doch da und habe es Ihnen ja bereits eingangs angeboten.“
Zum ersten Mal während dieser Sprechstunde fiel das Wort Abtreibung, und es kam aus dem Mund Animas.
Aldrah benutzte diesen Begriff in seinen Aufklärungsgesprächen nie, um mit der negativ anhaftenden Bedeutung dieser Vokabel nichts Unheilverheißendes in Bezug auf den chirurgischen Eingriff bei seinen Patientinnen zu suggerieren.
Animas Gesichtszüge waren strenger geworden, das anfangs entspannte, nonchalante Lächeln ihres Mundes ließ einer Art Nachdenklichkeit, ja Melancholie Platz, als sie wohlakzentuiert fortfuhr:
„Ich habe mich eingehend über alles Juristische informiert und belesen, was im Zusammenhang mit einer Abtreibung von Wichtigkeit ist.
Alles ist klar und überaus verständlich dargelegt, was allerdings überhaupt nicht meine innersten Zweifel bezüglich der moralischen Verantwortung, gleichwie der unanfechtbaren Rechtschaffenheit meines Tuns in meinem Gewissen ausgelöscht hat.
Mir stellen sich zum einen die wesentlichen Fragen nach dem Beginn des Lebens oder nach dem Leben schlechthin, die meinen tiefen Konflikt schüren.
Einer meiner altehrwürdigen Biologielehrer, mit dem ich übrigens immer noch freundschaftlich verbunden bin, den ich wegen seiner weisen Lebenserfahrung sehr schätze und dessen Ratschläge bezüglich mich betreffende lebensentscheidende Überlegungen bis auf den heutigen Tag miteinbeziehe, um meinen eigenen Standpunkt zu untermauern oder zu verwerfen, hat mir unmissverständlich im Unterricht beigebracht, dass menschliches Leben mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle beginnt, der sich die darauffolgende Einnistung im Uterus anschließt.
Stört man diesen einmal stattgehabten biologischen Prozess willkürlich in seiner Gesamtheit, spricht man von Abtreibung, nicht wahr, Herr Doktor, das sehe ich doch richtig so, oder?“
Anima ließ sich durch sein aufmerksames Zuhören und sein dabei leichtes, bestätigendes Kopfnicken nicht unterbrechen, genauso wenig wie durch ihre soeben gestellte interrogative Frage selbst, auf die sie, im Augenblick zumindest, keine Antwort zu erwarten schien.
„Allerdings kreist eine zweite Frage unaufhaltsam in meinem Kopf, wobei genau diese Frage mich ebenfalls nicht zur Ruhe kommen lässt“, artikulierte sie wiederum im akzelerierten Sprechtempo.
„Um es ganz kurz zu formulieren: Ich liebe den Erzeuger dieses Kindes nicht und ich weiß jetzt, dass ich ihn eigentlich noch nie ernsthaft und unvoreingenommen geliebt habe!
Das ist übrigens auch der Grund, weshalb ich verhütet habe, mit der Pille!
Aber leider gehöre ich zur sogenannten Versagergruppe, also zur Gruppe der Frauen, die trotz korrekter Pilleneinnahme schwanger geworden sind, wie Ärzte das so formulieren.
Aber was erzähle ich Ihnen da, Herr Doktor, bitte entschuldigen Sie vielmals, Sie bedürfen doch keiner Aufklärung von mir. Sie als Arzt kennen diese Sachverhalte fürwahr wesentlich besser als ich!
Infolgedessen lehne ich von vornherein dieses Kind ab, da ich immer ein Kind haben wollte, das aus Liebe gezeugt wurde und, einmal geboren, jene Kraft der verbindenden Liebe beider Elternteile zueinander vermittelt bekommt.
Ich war übrigens im Begriff, mich von diesem Mann, der ebenfalls südafrikanischer Abstammung ist, endgültig zu trennen, als ich von ihm schwanger wurde.“
Äußerst konzentriert hatte Aldrah den Ausführungen Animas zugehört, war ihrem Redefluss gefolgt, der sich wie ein reinigender, die Seele läuternder Sturzbach aus ihr ergoss.
Und es drängte sie geradezu, ihm noch von einem lebenseinschneidenden Ereignis zu berichten, ohne dessen Kenntnis er, wie sie ihm unzweideutig zu verstehen gab, ihr augenblickliches seelisches Empfinden hätte falsch interpretieren können.
Ihr Lächeln war gänzlich aus ihren Gesichtszügen verschwunden, als sie ihm, gleichsam als nähme man zum ersten Mal nach einem schweren Trauma den Verband von einer tiefen Wunde ab, eröffnete:
„Ich bin als Jugendliche von einem unbekannten Mann vergewaltigt worden!
Ich fühlte jetzt die letzten zwei, drei Geschlechtsakte mit dem Erzeuger des Kindes so, als erlebte ich noch einmal die Vergewaltigung von damals, da ich mich psychisch und natürlich auch körperlich bereits gänzlich von ihm für immer, wirklich für immer, getrennt hatte.“
Jetzt erst hielt Anima inne.
Sie atmete tief ein und aus, als hätte sie es soeben geschafft, den Stein des Sisyphus, ihre schwere seelische Bürde, endlich auf die andere Seite des Bergkammes zu wälzen, um nicht mehr von ihrem Problem immer wieder eingeholt und stets aufs Neue rückrollend erdrückt zu werden.
Aber nur einen Augenblick lang schien sie von dieser Last befreit zu sein, denn sie fuhr ungesäumt fort:
„Was meine Gedanken annagt und mir schlaflose Nächte verschafft, ist die zentrale Frage, ob es ethisch rechtens ist, abzutreiben, wenn, oder nur weil man erkannt hat, dass man seinen Partner nicht mehr liebt und von ihm so gar nichts mehr wissen will, ganz abgesehen von dem Problem, dann alleinerziehende Mutter zu sein …
Aber, ganz global beurteilt, bin denn nicht ausschließlich ich selbst für diese für mich moralisch verwerfliche, äußerst heikle Situation verantwortlich?
Ich, und nur ich allein? Mache ich mich denn nicht bereits schuldig, gerade was schon meine Argumentation an sich betrifft? Sollte also infolgedessen nicht meine trotz allem vorhandene mütterliche Zuneigung, die mich mit diesem ungeborenen Leben unweigerlich verbindet, meine Blockade, das heißt die Verweigerung der unwiederbringlich verlorengegangenen Liebe zu seinem Erzeuger, überwinden, ja überwiegen, sodass ich also doch nicht abtreibe?“
Schlagartig stoppte Anima ihren Redefluss.
Sie schluchzte nicht, sie weinte nicht.
Ihr Intellekt befahl ihr, die sonst so oft in solchen kritischen, alles infrage stellenden Momenten nach außen gezeigten Emotionen still zu bewältigen und auf diese mit Fassung zu reagieren.
Gewiss, sie war verzweifelt, und mit einem geradezu aufschreienden Blick dieser inneren, ihr ausweglos erscheinenden Tortur beschwor sie ihn flehentlich:
„Bitte, Herr Doktor, sagen Sie mir Ihre Meinung über all das, was mich tiefgreifend verwirrt, in meinen Gedanken pausenlos wütet, meine juristische Ausgeglichenheit unablässig ins Wanken bringt, ja meine Seele aus dem Gleichgewicht geworfen hat!
Bitte, geben Sie mir Ihren Rat!
Was soll ich tun, abtreiben oder doch nicht abtreiben?
