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Wie schwer hast Du zu tragen? Lass dich entführen auf eine fantastische Reise. Ein Mosaik voller Freude, Leid und Last und jeder ist ein kleines Stück davon. Ein Sammelsurium aus 15 Kurzgeschichten, die unterschiedlicher nicht sein könnten und das Schicksal in all seiner Vielfalt zeigen. Geschrieben von 13 einzigartigen Autoren. Gruselig, mystisch und geheimnisvoll. Erlebe die dunkelsten Stunden und tiefsten Abgründe der Seele. Und das alles, für den guten Zweck. Der Erlös dieser Anthologie wird an die Stiftung Deutsche Depressionshilfe gespendet.
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Seitenzahl: 260
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Seelenwandel
Geschichten über das Schicksal
Anthologie
Herausgegeben von
Zoe M. Lucille und Larissa Baiter
Das Buch:„Seelenwandel – Geschichten über das Schicksal“ ist eine Anthologie, dessen Gesamterlös gespendet wird an die Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Die gesammelten Geschichten sind düster, facettenreich, zersplittert, aufgebrochen und zeigen die Abgründe der menschlichen Seele. Sie sind so divers, wie die Autorinnen und Autoren, die sie geschrieben haben.Die Autoren:Hinter den fünfzehn Geschichten stehen dreizehn einzigartige Autorinnen und Autoren, die sich zusammengefunden haben um einen guten Zweck zu unterstützen. Mehr Infos zu den einzelnen Autorinnen und Autoren befinden sich unter „Ein kleines Wort zum Anfang…“.Die Herausgeber:Zoe M. Lucille und Larissa Baiter sind zwei Autorinnen, die neben dem Geschichtenschreiben, es sich zur Aufgabe gemacht haben, dieses Werk zu veröffentlichen. Cover, Buchsatz, Lektorat und Korrektorat, für alles wurde eine passende Lösung gefunden.
»Das Licht erleuchtet zugleich sich selbst und die Dunkelheit.«
Julius Langbehn (1851 - 1907), genannt der Rembrandtdeutsche, deutscher Schriftsteller und Kulturkritiker
Inhaltsverzeichnis:
Ein kleines Wort zum Anfang …
Kategorie: Vor unserer Tür
Kaia Rose: Stunde der Wahrheit
Katja S. Weiland: Tränen-Reich
Zoe M. Lucille: Die Engelmacher
Larissa Baiter: Spiegelbild
Zoe M. Lucille: Seelenheil
Ulrike Grömling:Ulla, die Bürde und die Würde
Kategorie: Gesegnet und (doch) verflucht
Daniela M. Spitzer: Rückblende
Michaela Günther: Marcia, die Bürde einer Mutter
Andreas Faber: Zug 23
Kategorie: Nicht von dieser Welt
Rena Hardt Hardtloff: Gefangen im Nirgendwo
Charlotte Bach: Der zwölfte Geburtstag
Andreas Faber: Das Ende des Weges
Rebecca-L. Glauche: Schwarz Rot Rabe
Patrizia Lavin: Spiel mit mir
Quin Tanner: Das Erwachen
Der gute Zweck …
Danksagungen
Ein kleines Wort zum Anfang …
In einem grenzübergreifenden Projekt haben sich 13 Autorinnen und Autoren zusammengefunden, um für den guten Zweck zu schreiben. Sie alle kommen aus verschiedenen Genres und ihr Erfahrungsschatz geht vom Neuling bis zum „alten Hasen“. Den Auftakt macht Kaia Rose. Die Juristin und vierfache Mutter verarbeitet die vielfältigen Eindrücke aus ihrem turbulenten Leben in Gedichten, Kurzgeschichten und Romanen. Katja S. Weiland ist Korrektorin und Lektorin. Die Hobbyautorin hat für dieses Projekt die Seiten gewechselt und arbeitet dieses Mal nicht im Hintergrund. Zoe M. Lucille veröffentlichte im Frühjahr 2018 ihren Erstling im Bereich Kinderbuch, den sie mit 11 Jahren geschrieben und gemalt hatte und versucht sich nun auf erwachsenerem Terrain. Mit einer eigenen, liebevollen Kurzgeschichtensammlung rund um Weihnachten, startete Larissa Baiter im Herbst 2018 als Neuautorin. Weiter schreibt sie als freischaffende Journalistin für mehrere Onlinemagazine. Mit Prosa und Lesungen kennt sich Ulrike Grömling bestens aus und ist mit ihren Kurzgeschichten in verschiedensten Anthologien zu lesen. Daniela M. Spitzer hat bisher durch ihre Artikel, Kurzgeschichten, einen Roman und ein E-Book, die sich durch Themenmixe mit dem Schwerpunkt "Ernährung, Veganismus und Lebensweise" auszeichnen, auf sich aufmerksam gemacht. Sie schreibt ebenfalls für regionale und überregionale Tageszeitungen sowie für verschiedene Blogs und Internetseiten. Als Naturliebhaberin und leidenschaftliche Waldspaziergängerin betreibt Michaela Günther zwei Blogs: den einen rund um ihr Schreiben und ihre malerische Kunst in Tagebuchform und den anderen um das Thema "Gesundheit". Die begeisterte Fotografin konnte bisher zwei eigene Kurzgeschichtenbände veröffentlichen. Als einziger Mann der Runde ist Andreas Faber, mit seiner bisher vierteiligen Reihe über eine postapokalyptische Welt und unterschiedlichsten Kleingeschichten, einer der erfahrensten Schreiber des Projektes. Als Autorin für Fantasy für Groß und Klein, sowohl les- als auch hörbar, schreibt Rena Hardt Hardtloff für Erwachsene unter alternativem Namen und das in vielen Facetten. Charlotte Bach hat seit Frühjahr 2019 ihren Erstling veröffentlicht und versetzt beschauliche Kleinstädte in Angst und Schrecken. Rebecca-Lea Glauche veröffentlichte 2017 »Textkonfetti – Rebeccas erste Kurzgeschichtensammlung«, womit sie durch verschiedenste Genres führt und den Grundstein für ihre weiteren Projekte legte.
Unter mehreren Pseudonymen ist Patrizia Lavin in vielen Anthologien zu lesen und bereichert die Sammlungen mit ihrer eigenen humorvollen und bissigen, selbstironischen und zugleich sarkastischen Art. Mit vier Büchern die erfahrenste Dame im Bunde und im Bereich Fantasy und zeitgemäßen Lebens- und Liebesgeschichten beheimatet, schreibt Petra Bethe. Unter dem Pseudonym Quin Tanner schreibt die Autorin Geschichten in allen Farben des Regenbogens. Diese 13 haben Worte für ein ganzes Buch gefunden. 15 Kurzgeschichten erzählen in unterschiedlichster Weise von der Schwere und dem Schicksal, das man tragen kann.
Kategorie: Vor unserer Tür
Kaia Rose: Stunde der Wahrheit
Gestern ist Eva gestorben. Meine Mutter. Ich war nicht bei ihr, als es geschah, ich arbeitete draußen auf den Feldern. Sie schickten Awan, um mir die Nachricht zu überbringen.
»Kain!«, brüllte sie meinen Namen gegen den Wind, schon lange bevor sie den Acker erreichte. Ihr wilder Schrei traf mich wie ein Peitschenschlag. Ihre Stimme klang ganz anders als sonst – panisch, schrill.
Mit einem Ruck richtete ich mich auf. Ich sah sie auf mich zueilen, mit zerzaustem Haar und fliegendem Schritt, wie ein gehetztes Tier. Sofort erwachte der Jäger in mir, jeder meiner Muskeln spannte sich an und mein Körper straffte sich – bereit, mich ihrem Verfolger entgegen zu werfen. Ich kniff die Augen zusammen, um erkennen zu können, wer oder was hinter ihr her war. Aber da war nichts. Verwirrt blickte ich ihr entgegen. Ich wusste nicht, was ich davon halten sollte.
Als sie näher kam und ich ihr Gesicht ausmachen konnte, erschrak ich: Ihre Züge waren zu einer monströsen Maske verzerrt, die Augen weit aufgerissen, die Wangen tränennass. Zögernd setzte ich mich in Bewegung, um ihr entgegen zu gehen. Ich ahnte, dass etwas Schreckliches geschehen sein musste. Ich wollte es nicht hören. Ich wollte mein Leben weiterleben, so wie ich es die letzten Jahre getan hatte, ohne große Ansprüche, aber auch ohne vernichtende Tiefschläge. Was auch immer die Nachricht war, die mich erwartete, ich verspürte einen beinahe unwiderstehlichen Drang, mich ihr zu entziehen.
Doch ein weiterer Blick in die von Entsetzen entstellte Miene meiner Frau machte dem Anflug von Feigheit ein Ende. Sie brauchte mich. Ich beschleunigte meinen Schritt, begann zu laufen. Sobald sie mich erreicht hatte, warf sie sich schluchzend in meine Arme.
Einen Moment lang wankte ich unter ihrem Gewicht, ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie sich dermaßen hemmungslos fallenlassen würde. Es passte nicht zu Awan, so die Beherrschung zu verlieren – stark und stolz, wie sie war. Schnell fand ich mein Gleichgewicht wieder, schlang die Arme fest um sie und strich ihr beruhigend über das wirre Haar. Meine Hand zitterte, und kalte Angst vor dem Grauenhaften, das sie in diesen Zustand versetzt hatte, trieb mir Schweißtropfen auf die Stirn. Die Ungewissheit war nicht länger zu ertragen. Jetzt musste ich es erfahren!
»Was ist passiert?«, presste ich mit rauer Stimme hervor, und da brach es auch schon aus ihr heraus: »Sie ist tot, Kain, sie ist gestorben – und wir haben es nicht einmal bemerkt!«
Ein würgendes Keuchen entrang sich ihrer Lunge, und sie krümmte sich in meinen Armen wie unter einem Krampf.
Ich richtete sie wieder auf, umschlang sie und hielt sie fest, aber sagen konnte ich nichts. Sie war tot. Unsere Mutter.
Nie wieder würde ich an ihrem Lager sitzen, ihr schütteres Haar streicheln und ihre dürre Hand an meiner Wange spüren. Nie wieder ihre Augen bei meinem Anblick aufleuchten sehen. Sie hatte mich allein gelassen, ohne Abschied.
Lange standen wir so da, Awan und ich, mitten auf dem Acker wie zwei Schiffbrüchige auf den Resten ihres Floßes, und klammerten uns aneinander fest. Wir weinten beide. Awan laut und heftig – ihr ganzer Körper schüttelte sich unter wilden Schluchzern, und von Zeit zu Zeit stieß sie langgezogene Klagelaute aus, die in mein Inneres schnitten wie Messer. Ich hingegen trauerte still, ließ den Tränen ihren Lauf, spürte, wie sie mir über die Wangen rannen, sich ihren Weg durch die Bartstoppeln suchten und auf Awans Kopf heruntertropften.
Irgendwann ebbten ihre Krämpfe ab, sie begann ruhiger zu atmen und fing an, stockend und immer wieder unterbrochen durch stoßweise Seufzer zu erzählen:
»In der Früh hat Azura ihr noch ihren Brei gegeben, wie immer. Sie war störrisch, hat immer wieder versucht, Azuras Hand wegzuschieben, und dieses fürchterliche Wimmern ausgestoßen. Du kennst das ja. Azura hat ihr Bestes getan, aber die Schüssel war noch fast voll, als sie aufgeben musste. Dann haben Azura und ich sie gewaschen und ihr Lager frisch gemacht, wie immer. Sie war ruhiger als sonst, hat weniger gejammert. Vielleicht hätte uns das auffallen müssen. Vielleicht hätten wir misstrauisch werden müssen. Aber wir waren froh, dass es heute ein wenig einfacher war als sonst, und haben sie in Ruhe gelassen. Sie war so müde. Und dann…«, Awans Stimme verlor sich in einem Flüstern und erstarb schließlich ganz.
Neuerlich bebten ihre Schultern unter einem Tränenansturm, aber diesmal gab sie kaum einen Laut von sich – nur kleine, leise Seufzer, so als habe sie keine Kraft mehr für heftige Ausbrüche. Das war beinahe noch schwerer zu ertragen als ihr lautstarkes Klagen. Ich wiegte sie ein wenig in meinem Arm hin und her, küsste sie sanft auf den Scheitel und sprach sie mit beruhigender Stimme an, wie ich es bei verstörten Tiere tue: »Was war dann, Awan?«
Sie schluchzte ein paar Mal. Ich konnte sehen, dass sie um Fassung rang.
»Wir haben sie vergessen. Es war so viel zu tun. Wir haben heute die Felle gewaschen, waren alle in unsere Arbeit vertieft. Zur Mittagsstunde schien sie zu schlafen. Wir wollten sie nicht wecken und mit dem Brei quälen … wir haben erst am Abend wieder nach ihr gesehen«, Awan stöhnte auf, »und da war sie schon kalt.«
Danach standen wir wortlos.
Lange.
Ich hielt Awan immer noch fest im Arm, aber ich streichelte sie nicht mehr. Wie Gift sickerte die Nachricht in mich ein, die sie mir überbracht hatte. Ich konnte geradezu spüren, wie sie sich Tropfen für Tropfen in meinen Körper fraß und mich zu Stein erstarren ließ.
Sie hatten sie vergessen.
Meine Mutter, ihre Mutter. Hatten sie unbemerkt sterben lassen – ganz allein.
Schließlich löste ich mich vorsichtig von Awan und nahm sie bei der Hand.
»Komm, wir müssen zurück. Ich will sie sehen.«
Meine Stimme klang fremd und fern, als gehörte sie nicht zu mir.
Aus der Hütte drang ein schwacher Lichtschein. Ich konnte gedämpfte Stimmen vernehmen, dazwischen das Weinen eines Kindes. War es Irad, dessen klägliches Jammern das Flüstern der Erwachsenen übertönte?
Der Gedanke an meinen Enkel ließ mich für einen Moment leichter atmen. Doch als wir die Türe erreichten, krampfte sich alles in mir zu einem schmerzhaften Knoten zusammen. Ich wollte dort nicht hinein. Ich wollte mich dem Anblick nicht stellen. Awan schien zu spüren, was in mir vorging, und drückte kurz meine Hand.
Ich nahm einen tiefen Atemzug und stieß die Türe auf.
Als wir den Raum betraten, verstummten die Gespräche schlagartig.
Alle Gesichter wandten sich uns zu. Große, dunkle Augen. Verquollene Wangen. Da und dort ein unterdrücktes Schluchzen. Ich vermeinte etwas wie Angst in ihren Mienen zu lesen – Angst vor mir, vor meinem Zorn und der Strafe, die sie zu erwarten hatten, weil sie meine Mutter unbemerkt hatten sterben lassen.
Sie hätten es besser wissen müssen.
Ich war nicht wie Adam.
Mein Vater hätte seinen Schmerz mit vollen Händen über sie ausgegossen. Gnadenlos wäre er unter sie gefahren wie ein Racheengel und hätte sie büßen lassen für das, was er zu erleiden hatte. Aber es war nicht Adam, den es traf. Er war schon vor Jahren von uns gegangen, urplötzlich. Sein Haar war noch nicht ganz ergraut gewesen, als ihn der Tod aus dem Hinterhalt überrascht hatte, in der Gestalt einer Viper. Wir waren alle dabei gewesen, wie er innerhalb weniger Stunden verfallen war und unter grauenhaften Qualen sein Leben gelassen hatte. Danach war nur noch sie unser Anker gewesen – Eva, die Urmutter. Und ich war derjenige, den sie jetzt zurückließ.
Schweigend bahnte ich mir einen Weg durch den Raum in den hinteren Bereich der Hütte. Die anderen wichen ein wenig zurück, um mir Platz zu machen. Evas schmale Silhouette ruhte auf ihrem Lager wie immer. Für einen Sekundenbruchteil machte mein Herz einen Sprung.
Sie war nicht tot, sie schlief nur! Die Frauen hatten sich getäuscht!
Doch als ich näher trat und ihr eingefallenes, graues Gesicht betrachtete, krampfte sich alles in mir zusammen. Vorsichtig streckte ich die Hand aus und berührte ihre Wange. Doch sofort zuckte ich zurück, als hätte ich mich an der dürren Haut verbrannt. Nichts vermochte den Tod in seiner brutalen Endgültigkeit klarer auszudrücken als das Gefühl dieser Wange unter meiner Hand. Sie war kühl wie Leder und fühlte sich nicht mehr menschlich an. Die Hülle, die vor mir auf das Lager gebettet lag wie gestern noch meine Mutter, war nicht Eva.
Eva gab es nicht mehr. Ich musste mich abwenden. Mein Magen krampfte sich zusammen, als müsste ich mich übergeben, aber nur ein trockenes Stöhnen entrang sich meiner Kehle. Die verängstigten Gesichter der Frauen und Kinder waren immer noch auf mich gerichtet, erschrocken beobachteten sie jede meiner Regungen. Ich konnte es nicht ertragen.
»Ich verbringe die Nacht im Stall!«, presste ich hervor. Ich wollte nur zum Ausgang, heraus aus dieser Hölle. Awan trat mir in den Weg und legte mir die Hand auf den Arm.
»Soll ich mit dir kommen?«
Für einen Augenblick verspürte ich den Drang ihr ins Gesicht zu schlagen, doch sofort hatte ich mich wieder im Griff.
»Nein danke, bleib du bei den anderen. Sie brauchen dich jetzt. Ich muss alleine sein.«
Draußen holte ich tief Luft. Der kühle Abendwind legte sich wie eine tröstende Hand auf mein erhitztes Gesicht. Ich war erleichtert, die Hütte hinter mir zu lassen, die angstvollen Gesichter, die leblose Schale dessen, was einmal meine Mutter gewesen war. Als ich die Stalltür öffnete, schlug mir der wohl vertraute dampfige Geruch entgegen. Die Ausdünstungen der Tiere, das frische Stroh, das Aroma von Kot und Erde. Der Geruch nach Leben. Ich nahm ein Bündel von dem Stroh, das zu Hauf in einer Ecke aufgeschichtet lag, und bereitete mir daraus eine notdürftige Schlafstätte. An Schlaf war ohnehin nicht zu denken in dieser Nacht.
Stattdessen setzte ich mich auf das Stroh, den Rücken an die Bretterwand gelehnt, die Knie an die Brust gezogen und die Arme fest um sie geschlungen, als könnte ich auf diese Art mir selbst Halt geben. In meinen dunkelsten Stunden war Eva immer für mich da gewesen. Selbst wenn nicht viele Worte zwischen uns gefallen waren, hatte sie mich spüren lassen, dass es einen Menschen gab, der an mich glaubte. Doch jetzt hatte ich keine Mutter mehr, bei der ich Trost suchen konnte in meiner tiefen Niedergeschlagenheit.
Inzwischen sind viele Stunden vergangen. Durch das Stallfenster dringt die erste Ahnung der Morgendämmerung zu mir herein, und es ist empfindlich kühl geworden. Mein Blick hängt an dem Viereck in der Bretterwand, das sich unerbittlich immer heller färbt und das anschwellende Lied der Vögel zu mir hereinlässt. Normalerweise liebe ich diese Zeit kurz vor Tagesanbruch, wenn die Natur vorsichtig ihre Fühler ausstreckt, um wieder zu neuem Leben zu erwachen. Heute aber erfüllt mich das Morgengrauen nur mit Angst. Ich fürchte mich vor dem Augenblick, in dem ich mich aufraffen und die sicheren Wände des Stalles verlassen muss. Dann werde ich vor die Sippe treten müssen – ich als ihr Stammesführer, das bin ich ihnen schuldig. Ich werde es sein müssen, der ihnen Zuspruch erteilt und Mut macht für eine Zukunft ohne unsere Mutter. Ich werde es sein müssen, der bestimmt, wo wir ihr Grab schaufeln, und der die Zeremonie leitet. Ich muss mich innerlich stählen, um diesen Tag zu überstehen. Aber noch ist es nicht so weit.
Noch sitze ich hier in der Geborgenheit meines Stalles und denke an meine Mutter.
An Eva.
Natürlich ist es lange her, dass wir ein richtiges Gespräch geführt und einander in die Arme genommen haben. Während der letzten Jahre ist sie zusammengesunken wie eine welkende Blume, hat sich immer mehr gekrümmt und in sich selbst zurückgezogen – nichts hat mehr an die schöne, kraftvolle Frau erinnert, die sie einst gewesen war. Und wie ihr Körper ist auch ihr Geist zusammengeschrumpft, als würde sie am Ende ihres Lebens wieder zum Kind. Seit der letzten Wintersonnenwende hat sie niemanden mehr erkannt, nicht einmal mich, obwohl kein anderer Mensch ihr jemals so nahe gestanden hat. Mit ihrem Mann, Adam, hat sie mich verwechselt, dabei ist der schon so lange tot. Jedes Mal hat es mir einen Stich versetzt, wenn sie mich bei seinem Namen nannte.
Aber das Strahlen in ihren Augen, wenn ich mich über ihr Lager beugte, hat mich getröstet. Ich wusste, sie wartet auf mich, von früh bis spät liegt sie dort und wartet, dass ich zu ihr komme, und die Zeit, die ich abends an ihrer Seite verbringe, bedeutet den Höhepunkt ihres Tages. Ich wusste das, obwohl sie es nicht mehr artikulieren konnte. Ich las es in ihren Blicken, und ich konnte es spüren, wenn sie ihre zittrige, knochige Hand an mein Gesicht hob und ich meine Wange in ihre Handfläche schmiegte. Wir haben uns geliebt, meine Mutter und ich. Mehr als Mann und Frau einander lieben können, denn wir waren eines Blutes.
Sie war auch die Einzige, die mir geglaubt hat.
Die Einzige, in deren Augen ich nicht schuldig war. Obwohl ihr der Verlust ihres Sohnes damals, vor vielen Jahren, so sehr den Boden unter den Füßen wegzog, dass sie sich für lange Zeit selbst verlor. Ich weiß noch, wie sie stundenlang abwesend ins Nichts starrte, die besorgten Fragen meiner Schwestern nicht zu hören schien und nicht auf ihre Liebkosungen reagierte – als wäre sie innerlich tot. Ich wagte damals nicht, mich ihr zu nähern, oder einem von ihnen. Ich hatte mich in den Stall verkrochen – damals war es noch eine erbärmliche, zugige Bretterbude, nicht der stattliche Bau, in dem ich heute Nacht Zuflucht gefunden habe. Nur aus der Ferne beobachtete ich sie, ihre Trauer, ihren Schmerz, ihre tapferen Versuche, weiterzuleben wie bisher, obwohl doch ihre Seele zerrissen war.
Wie habe ich mich dafür gehasst, was ich ihr angetan hatte!
Wie habe ich gehadert, wie habe ich mich selbst verflucht!
Mit der Peitsche habe ich mir Hiebe versetzt und mit scharfen Steinen die Haut an meinen Armen und Beinen aufgeritzt, um mich für meine Tat zu bestrafen. Doch es gibt keine Strafe, die hart genug wäre, um ein Verbrechen zu sühnen, wie ich es begangen habe.
Und dennoch hat Eva mich zurück in den Schoß der Familie geholt.
Eines Tages zur Stunde der Abenddämmerung kam sie zu mir in den Stall. Ich erschrak, als sie leise die Tür öffnete und hereintrat, aber ich stellte mich vor sie hin, gesenkten Hauptes, um entgegenzunehmen, was immer sie mir zugedacht hatte. Ich weiß nicht, was ich damals erwartete. Vielleicht, dass sie mir das Leben nehmen würde, so wie ich Abel das seine genommen hatte. Oder einen Fluch, der mich in die Verbannung schicken würde, fort von ihr und allen, die meine Familie gewesen waren, bevor ich sie zerstört hatte.
Aber sie schwieg.
Irgendwann blickte ich auf, verunsichert, warum sagte sie nichts? Ihre dunklen Augen ruhten unverwandt auf mir, und ich fühlte, wie die Schamesröte in mir aufstieg. Dieser Blick war ihr Urteilsspruch. Er allein reichte aus, um mich zu vernichten. Doch als sie zu sprechen begann, waren es ganz andere Worte, als ich erwartet hatte.
»Komm wieder zu uns, Kain. Ich habe einen Sohn verloren, ich will nicht auch noch auf den anderen verzichten müssen.«
Ich starrte sie an. Hatte ich sie wirklich richtig verstanden? Sie nahm mich zurück, einfach so, ohne Bedingungen zu stellen – mich, den Mörder ihres Sohnes? Ich wollte sprechen, aber mein Mund wusste keine Worte zu formen. Nur ein jämmerliches Krächzen brachte ich hervor. Sie lächelte und griff zart nach meiner Hand.
»Ich meine es ernst. Komm mit mir!«
»Und er?«, stieß ich mit heiserer Stimme hervor.
Sie verstand.
Ihr Blick verdunkelte sich.
»Er wird damit leben müssen. Lass das meine Sorge sein.«
Dann ließ sie meine Hand los und wandte sich der Tür zu.
»Ich erwarte dich zum Abendessen in der Hütte.«
Mit diesen Worten trat sie aus dem Stall und ließ mich allein zurück, fassungslos und überfordert. Ich war begnadigt worden, ohne es verdient zu haben oder es je wieder gutmachen zu können. Einen Moment lang überlegte ich, ob ich ihr Angebot annehmen konnte. Musste ich mich denn nicht selbst bestrafen, wenn sie es schon nicht tat? Schuldete ich es nicht meinem verstorbenen Bruder, mich selbst in die Verbannung zu schicken? Doch schon während sich dieser Gedanke in mir formte, wusste ich, dass ich ihr Angebot annehmen würde. Zu groß war meine Sehnsucht nach ihrer Nähe, nach der Geborgenheit im Kreis derer, die trotz allem immer noch meine Familie waren. Zu groß war auch meine Angst vor der Alternative. Wo hätte ich hingehen sollen, wenn ich sie verließe? Mit wem hätte ich leben sollen?
Sicher hätte ich mich auch allein durchschlagen können, ich wusste genug über das Leben im Wald, um mir eine neue Existenz aufzubauen. Aber Jahr um Jahr in gänzlicher Einsamkeit ohne eine andere Menschenseele um mich herum? Wie sollte ich das ertragen?
Nein, ich hatte keine Wahl.
Ich würde zurückgehen und bis ans Ende meiner Tage an ihnen gutzumachen versuchen, was ich verbrochen hatte. Ich straffte meine Schultern und verließ den Stall.
Es war nicht leicht, mich wieder in die Gemeinschaft einzufügen. Für mich nicht, aber auch für die anderen nicht. Adam blickte mir niemals in die Augen. Wenn er mich ansprach, tat er es mit abgewandtem Gesicht, und seine Stimme klang kalt und hart. Er gab mir Anweisungen, und ich befolgte sie, ohne je Widerspruch zu leisten, selbst wenn mir seine Befehle manchmal unvernünftig erschienen. Ich hielt mich im Hintergrund, ging den anderen aus dem Weg, konzentrierte mich auf die Arbeit. Ich verlangte mir ab, härter zu schuften und mehr zu leisten, als ich es je zuvor getan hatte, ohne Rücksicht auf die Schwielen an meinen Händen oder die Schmerzen im Rücken. Für zwei wollte ich arbeiten, für Abel und für mich selbst.
Aber abends saßen wir alle beisammen wie früher – mit dem Unterschied, dass einer von uns fehlte. Ich lauschte den Gesprächen meiner Schwestern, betrachtete verstohlen von der Seite das ebenmäßige Gesicht meiner Mutter, auf das der Schein des Feuers weiche Schatten zeichnete, und genoss den warmen Widerschein der Flammen auf meiner Haut. Ich war erfüllt von tiefer Dankbarkeit dafür, bei ihnen sein zu dürfen.
Einmal arbeiteten wir gemeinsam im Stall, Eva und ich. Wir saßen Rücken an Rücken auf niedrigen Holzschemeln und molken die Kühe. Ich konnte ihre Wärme spüren, obwohl wir einander nicht berührten, und ich weiß noch, dass ich mir wünschte, die Zeit möge stillstehen und diesen Moment in die Ewigkeit bannen. Ich zuckte zusammen, als völlig unvermittelt ein Wort aus ihr herausbrach.
»Warum?«, stieß sie mit harscher Stimme hervor, ohne sich nach mir umzudrehen.
Nur dieses eine Wort: Warum?
Ich wartete, ob sie noch mehr sagen würde, aber sie schwieg. Doch ich hatte sie ohnehin schon verstanden. Wochenlang, seit dem schrecklichen Tag des Zwischenfalls, hatte mich die Furcht vor dieser Frage gequält. Jede Nacht hatte ich viele Stunden wach gelegen und mir den Kopf darüber zermartert, wie ich sie beantworten würde. Sollte ich ihnen die Wahrheit erzählen oder eine gefällige Lüge? Würden sie die Lüge nicht lieber hören wollen als die Wahrheit? Würde sie ihnen das Leben nicht leichter machen? Oder war es nur mein eigener Wunsch, mir das Leben leichter zu machen, der mir diese Versuchung einflüsterte? Ich hätte genug Zeit gehabt, mir eine Strategie zurecht zu legen, die Worte vorzubereiten, damit ich sie zum richtigen Zeitpunkt parat haben würde. Aber ich war zu keinem Ergebnis gelangt, hatte die Entscheidung zwischen Lüge und Wahrheit immer wieder vor mir hergeschoben, hatte einmal dieser, dann wieder der anderen Variante zugeneigt – und nun, da die Frage aus heiterem Himmel über mich hereingebrochen war, traf sie mich gänzlich unvorbereitet.
Ich räusperte mich, länger als notwendig. Und entschied mich für einen Mittelweg.
Nein, es war kein Mittelweg.
Es war so viel Lüge, wie es brauchte, um noch ein Fünkchen Wahrheit darin unterbringen zu können. Wir hatten gemeinsam an einer der Fallgruben gearbeitet, Abel und ich. Dies entsprach der Wahrheit. Dann war er aus der Grube heraus geklettert und fort von mir gegangen, in den Wald. Ich hatte ihm meinen Speer hinterher geschleudert, der ihn zwischen den Schultern getroffen und getötet hatte. Auch dies war die Wahrheit, und dies war, was ich Eva erzählte. Doch in meiner Version der Geschehnisse hatte ich nicht bemerkt, dass Abel die Fallgrube verlassen hatte. Ich behauptete, ich hätte ihn immer noch in meiner Nähe gewähnt, und als ich ein Stück entfernt im Dickicht eine Bewegung wahrgenommen hätte, hätte ich ein wildes Tier in den Büschen vermutet und als geübter Jäger instinktiv darauf geschossen.
Tatsächlich hatte sich ein fürchterlicher Streit zwischen meinem Bruder und mir entsponnen, dort in der Fallgrube. Abel hatte mir vorgeworfen, unseren Vater zu hintergehen und mich an der natürlichen Ordnung der Dinge zu versündigen. Er hatte mich einige Tage zuvor in enger Umarmung mit Eva auf dem Lager überrascht und war entsetzt geflohen. Ich versuchte zunächst ganz ruhig, ihm zu erklären, wie sich die Dinge entwickelt hatten, dass weder Eva noch ich dergleichen geplant oder vorausgesehen hätten, dass wir uns mit einem Mal unwiderstehlich zueinander hingezogen gefühlt hätten und uns das Feuer der Leidenschaft mitgerissen hätte, ohne dass wir es hätten verhindern können. Aber Abel wollte oder konnte mich nicht verstehen. Er war tief getroffen und weigerte sich zu akzeptieren, was geschehen war.
Ich habe seither oft über diesen Streit nachgedacht – was ich hätte sagen müssen, um zu ihm durchzudringen, wie ich mich anders hätte verhalten sollen, um die Katastrophe abzuwenden, die über uns hereinbrach. Jetzt, nach so vielen Jahren, wo ich selbst schon bald ein alter Mann bin, denke ich, dass es Abel vor allem um die Liebe unserer Mutter ging. Ich hätte ihm erklären müssen, dass Eva ihm genauso zugetan war wie mir. Dass ich nicht zwischen ihn und sie getreten war und ihn von seinem Platz verdrängt hatte, sondern dass sie ihre Kinder gleichermaßen liebte, wenn auch vielleicht auf unterschiedliche Art und Weise. Doch diese Erkenntnis kommt viel zu spät. Damals argumentierte ich mit dem Drang unseres Begehrens, mit dem Sturm der Leidenschaft, und alles, was ich sagte, fachte Abels Zorn nur noch weiter an.
Schließlich rief er mit sich überschlagender Stimme: »Ich werde es Vater sagen!« und kletterte aus der Fallgrube.
Ich versuchte ihn festzuhalten, aber er war schneller als ich. Behände wie ein Wiesel schwang er sich über den laubbedeckten Grubenrand und rannte in den Wald.
»Abel!«, rief ich ihm hinterher, »Bleib stehen! Du wirst uns alle vernichten! Komm zurück – bitte!«, während ich mich keuchend aus der Grube arbeitete.
Als ich draußen war, war er schon ein ganzes Stück entfernt. Ich konnte ihn gerade noch im Dickicht ausmachen. Ich rief noch einmal seinen Namen, aber er hetzte unbeirrt weiter. Da ergriff ich meinen Speer, der am Grubenrand lag, und zielte auf meinen Bruder.
Den Rest konnte ich Eva so erzählen, wie er sich tatsächlich zugetragen hatte. Überwältigt von Entsetzen und Scham über meine Tat, hatte ich sie zunächst verschleiern wollen, weshalb ich Abels weichen, blutüberströmten Leichnam in die Fallgrube schleifte und mit den dürren Blättern bedeckte, die wir zuvor benutzt hatten, um das Loch zu tarnen. Ich wollte behaupten, dass er von einem wilden Tier angegriffen und gefressen worden sei. Doch sobald ich ein wenig zur Ruhe gekommen war und wieder klarer denken konnte, wurde mir bewusst, dass dies unmöglich war. Adam würde losziehen und nach seinem Sohn suchen, und wenn er ihn in der Fallgrube fände, mit der tödlichen Wunde, die mein Speer ihm zugefügt hatte, wäre ich als Mörder meines Bruders entlarvt. Ich musste mich ihnen stellen.
So war ich ohne meinen Bruder auf die Lichtung zurückgekehrt. Und bis zu diesem Tag hatte mich niemand gefragt, was an der Fallgrube tatsächlich geschehen war. Nachdem ich meine Geschichte beendet hatte, schwieg ich.
Würde Eva mir glauben?
Wollte ich, dass sie mir glaubte? Würde ich mit der Absolution leben können, die sie mir im Vertrauen auf eine Lüge erteilte? Aber hatte ich ihr nicht einen Gefallen getan mit dieser Geschichte? Hätte es sie nicht mehr getroffen, zu erfahren, dass Abel auch ihretwegen gestorben war?
Einige Minuten lang sprach sie kein Wort. Ich hörte ihr unterdrücktes Schluchzen hinter meinem Rücken, wagte aber nicht, mich zu ihr umzudrehen. Als sie plötzlich aufstand, zuckte ich zusammen. Ich spürte ihre Hand leicht auf meiner Schulter, bevor sie sich abwandte und zum Ausgang eilte.
»Ich glaube dir«, sagte sie leise, bevor sie den Stall verließ.
Adam glaubte mir nicht. Sie hatte ihm meine Geschichte erzählt, aber ich sah an den Blicken, die er mir zuwarf – verächtliche Blicke voller Hass – dass es ihr nicht gelungen war, ihn zu überzeugen. Immer blieb meine Schuld zwischen uns stehen wie eine Mauer, kalt und unüberwindlich.
Selbst später, als er älter und weicher wurde und wir vorsichtig und in kleinen Schritten aufeinander zuzugehen versuchten, gähnte Abels Tod – Abels Ermordung – wie ein dunkler Abgrund zwischen uns. Nie haben wir es geschafft, ihn zu überwinden, obwohl ich es immer gehofft habe. Und dann starb mein Vater von einem Tag auf den anderen und ließ mich mit dem Bewusstsein meiner ungesühnten Tat allein. Und mit Eva, die so sehr an meine Unschuld glaubte, dass ich zuweilen versucht war, die Geschichte, die ich für sie erfunden hatte, zu meiner eigenen Wahrheit zu machen.
Aber Eva, die an meine Unschuld geglaubt hat, gibt es nicht mehr. Sie ist gestern gestorben, und mit ihr die beschönigte Version der Wahrheit, die nur so lange wirklich sein konnte, wie jemand sie für wirklich hielt.
Es ist schon hell vor dem Fenster, und ich glaube, ich höre Stimmen von der Hütte herüberschallen. Gleich muss ich hinausgehen zu den anderen. In ihren Augen werde ich derselbe sein wie gestern, und doch bin ich ein anderer. Seit gestern der letzte Rest meiner Unschuld mit Eva gestorben ist, trage ich das Brandmal meines Frevels auf der Stirn. Es wird mich zeichnen für den Rest meines Lebens, bis eines Tages alles von mir genommen wird. Bis dahin büße ich für meine Schuld, und das Zeichen auf meiner Stirn brennt.
Katja S. Weiland: Tränen-Reich
Ich knie auf dem eiskalten Boden des Parkplatzes vor meinem Bürogebäude. Tränenüberströmt. Zitternd. Ob vor Kälte oder wegen der Nachwirkungen meines Nervenzusammenbruchs vermag ich nicht zu beurteilen. Meine Gedanken kreisen einem Tornado gleich durch mein Gehirn und scheinen meinen Körper von innen zu zerreißen. Ich habe Angst. Schreckliche Angst. Und ich schäme mich. Ich kann dieses Gebäude unmöglich wieder betreten und meinen Kollegen unter die Augen treten. Jemand legt mir eine Jacke über die Schultern. Ich glaube, es ist meine eigene, die ich beim Hinausrennen völlig vergessen habe. Es stehen mehrere Personen um mich drumherum, aber meine Augen versagen in diesem Moment ihren Dienst, sodass ich nicht erkennen kann, wer sich da so besorgt um mich kümmert. Alles ist verschwommen. Nur die Bilder vor meinem inneren Auge sind glasklar…
Flashback: Es ist meine erste Erinnerung.
Ich bin gerade einmal 3 Jahre alt. Meine Mutter zwingt mich mit einem mir überdimensional groß erscheinenden Messer in der Hand, ihr auf Knien dafür zu danken, dass sie mich als Baby nicht in eine Mülltonne geschmissen hat, obwohl ich doch nur ein wertloses Mädchen bin. Ich hätte doch ein Junge werden sollen. Benjamin sollte ich heißen, nach dem jüngsten der 12 Söhne Jakobs. Ich bin eine herbe Enttäuschung für meine Eltern.
Flashback: Meine Einschulung.
