Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Wir befinden uns im Fischerort Kuinak, Alaska, und geografisch wie zeitlich am Ende der Welt. Das Wetter schlägt unerwartet und lebensbedrohlich von einem Extrem ins andere. Der Lachs wird knapp, die Menschen sind gereizt und diverse Weltuntergangspriester verkünden entsprechend: »Diesmal wirklich!«, und überdies scheint sich in Kuinak eine Katastrophe nach der nächsten anzubahnen. Als eine Filmcrew aus Hollywood mit einer gigantischen Luxusyacht im Hafen aufkreuzt und Kuinak in eine Filmkulisse verwandeln will, wird dadurch alles auf den Kopf gestellt. Seitdem scharen sich schrullige Originale und räudige Köter um unsere beiden Helden. Da ist zum einen der abgehalfterte Ökoterrorist Ike Sallas, der sich nach seiner Haft nach Kuinak zurückgezogen hat. Außerdem noch Alice Carmody, eine der letzten Angehörigen vom Stamm der Kuinak: Unternehmerin und Künstlerin mit einem Hang zu cholerischen Anfällen. Infolge der Filmaufnahmen werden Ike und Alice intensiv mit Fragen nach ihrer Identität konfrontiert. Am Ende kämpfen sie um nichts weniger, als um die Hoheit über ihre eigene Geschichte sowie um einen Ort, an dem es sich zu leben lohnt. Mit diesem Roman wirft Kesey Ende der 1980er einen mal psychedelisch und bunten, mal düsteren Blick auf die unruhige See der 2020er-Jahre. Gekonnt lässt Kesey westlich-christliche Erzähltraditionen und archaische indigene Mythen aufeinanderkrachen. Was ist authentisch in einer Welt, in der jede Tradition zum Merchandise verkommt? Was nützt all der Heldenmut, wenn die Welt ohnehin nicht mehr zu retten ist? Und wird Ike Sallas sich auf seine alten Tage noch einmal dazu aufraffen können, es zumindest zu versuchen?
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 967
Veröffentlichungsjahr: 2025
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Ken Kesey · Seemannslied
Ken Kesey
Roman
Aus dem amerikanischen Englisch von Milena Adam
Mit einem Vorwort von Volker Weidermann und einem Nachwort von Milena Adam
MÄRZ
Er hatte nur dieses eine kleine Ziel: die Welt auf den Kopf zu stellen. Und die natürliche Ordnung der Dinge umzukrempeln: Unser Alltag, unsere Gewöhnlichkeit, unsere Müdigkeit, unsere ständige Angst vor Katastrophen, unsere tägliche Anpassung an die Systeme des Normalen – das alles war der Gegner. Der musste besiegt werden. Nicht durch Kämpfe oder Kriege. Sondern durch leuchtende Vorbilder. Durch einen Blitz. Eine Busfahrt. Durch Romane. Durch ihn. Ken Kesey.
Er war Schriftsteller und Guru, er liebte es, neue Welten zu erkunden, vor allem innerlich, mithilfe von LSD und anderen, damals neuartigen Substanzen, er war ein Eroberer und ein Visionär, er hätte Sekten gründen und anführen können, wenn er dazu Lust gehabt hätte. Aber er wollte einfach leben, Neues ausprobieren, Spaß haben, Musik machen, schreiben, Menschen befreien, sich nicht langweilen. Nachdem Ken Kesey früh in einer Psychiatrie gearbeitet und das System der brutalen Ruhigstellung jedes von der Norm abweichenden Lebens erfahren hatte, schrieb er 1962 mit Einer flog über das Kuckucksnest einen Roman von revolutionärer Kraft, aus dem nicht nur einer der besten Hollywoodfilme aller Zeiten entstand, sondern der auch Leserinnen und Lesern auf der ganzen Welt Einblicke in das Innere eines Zwangssystems ermöglichte. Als hätte man einen grellen Scheinwerfer in eine abgedunkelte Ecke der Gesellschaft gerichtet. Um etwas zu ändern. Etwas Grundsätzliches. Menschen zu befreien. Oder sie wenigstens menschlich zu behandeln.
Ken Kesey kam 1935 in Colorado auf die Welt und wuchs in Oregon auf dem Lande auf. Er studierte in Stanford Kreatives Schreiben und führte aber vor allem ein kreatives Leben. Er hat nur drei Romane geschrieben, zwei Jahre nach dem Kuckucksnest noch Manchmal ein großes Verlangen, dann lebte er vor allem, machte Musik zusammen mit dem Merry Pranksters, schrieb Essays, Kinderbücher, Reportagen, feierte, arbeitete auf seiner Farm, führte spontane Theaterstücke auf und fuhr hauptsächlich mit seinem Bus umher. Jenem Bus, Furthur, den er selbst sein größtes Kunstwerk nannte, mit dem er, zusammen mit den Grateful Dead, mit Neal Cassady am Steuer, 1964 von der amerikanischen Westküste nach New York gefahren war, um dort das Erscheinen seines zweiten Romans zu feiern. Der Reporter Tom Wolfe war mit an Bord und schrieb seinen legendären Reportageroman darüber, in dessen Mittelpunkt Ken Kesey stand: Der Electric Kool-Aid Acid Test. Spätestens seit dem Erscheinen dieses Buches war Kesey eine lebende Legende. Und fügte seinem Werk viele, viele Jahre später nur noch diesen einen Roman hinzu, Seemannslied. Der jetzt endlich, endlich – mehr als dreißig Jahre nach seinem Erscheinen – auf Deutsch vorliegt. So lange hat er vor sich hin gelebt, nun, nicht gerade im Verborgenen, wir konnten ihn ja auf Englisch lesen, aber für uns deutsche Leser eben doch nicht direkt greifbar. Wie herrlich, dass er jetzt da ist und ein bisschen ist es auch so, als sei nun genau der richtige Moment, denn er spielt ja in unserem Jahrzehnt, in unserem Heute, das Ken Kesey gar nicht kennen konnte, da er im November 2001 gestorben ist und die Bezirke des Sichtbaren erst einmal verlassen hat. Aber er schaute ja stets über den Horizont hinaus, über seine eigene, enge, kleine Zeit. Hinüber zu uns, in unsere Gegenwart, in der die Zerstörung der Umwelt so weit fortgeschritten ist wie es auch Ken Kesey in dunklen Visionen nicht vorhersehen konnte. Und wir uns in ein Kuinak des Geistes zurückziehen. Zum letzten, verzweifelten aber gut gelaunten Gefecht, optimistisch, siegesgewiss, wider alle Wahrscheinlichkeiten. Wir haben ihn, wir haben Ken Kesey, wir haben seinen Geist an unserer Seite.
Ich habe ihn im Sommer 1998 einmal besuchen dürfen. Er lebte am Rande der Cascade Mountains, in der Nähe von Eugene, Oregon. Irgendjemand hatte mir seine Telefonnummer gegeben, ich rief ihn an und er meinte nur, klar könne ich vorbeikommen: »Beim Känguru-Schild rechts rein, wir wohnen in einem Stall.« Die Fahrt dorthin war schon ein kleines Abenteuer gewesen, ich lebte damals für ein paar Monate in Eugene, einer mittelgroßen Universitätsstadt im Norden von Oregon, die nicht zuletzt durch Kesey und seine ferne Präsenz zu einer höchst angenehmen, lebens- und farbenfrohen, entspannten Hippietown geworden war. Er kam immer noch regelmäßig mit seinem bunten Bus und seinen Freunden zu einer Parade in die Stadt. Alle liebten ihn. Ich hatte mir einen sehr alten silbernen Oldsmobile mit roten Plüschsitzen gekauft, hatte irgendwie vergessen vorher zu tanken und dann eine »Abkürzung« über eine menschenleere Holzfällerstraße durch die Wälder genommen. Die Tankanzeige stand die ganze Zeit auf rot, ich verfluchte meine Sorglosigkeit und schaffte es aber irgendwie mit dem letzten Tropfen zu Keseys Stall.
Ich war so froh, endlich anzukommen. Er beachtete mich kaum, er hatte Freunde da, sie wollten Football schauen und Whisky trinken. Ich tat einfach, was alle taten, schaute zu, trank gemächlich und war still. Kesey sah aus wie ein alter Bär mit wenig weißen Haaren. Beim Footballschauen sprach er gar nicht, später wenig. Er zeigte mir seine Welt. Und auch wenn er, in Folge eines leichten Schlaganfalls, nicht mehr ganz bei Kräften zu sein schien, war er eine eindrucksvolle Erscheinung. Ich hätte mich ihm gern und sofort und vorbehaltlos angeschlossen. Wohin auch immer er mich geführt hätte. Kesey hat Tom Wolfe, damals auf der Reise, von einem Erlebnis in Mexiko erzählt, er hatte etwas Acid genommen und das I Ging »geworfen«, also befragt. Er trat vor die Tür und ein Sommergewitter ging herunter. Und er erinnerte sich: »Ich hob die Arme, und ein Blitz zuckte auf, und mit einem Mal hatte ich eine zweite Haut – aus Blitzen, aus Elektrizität, es war wie ein Anzug aus Strom, und da wusste ich, dass es in uns steckt, Superhelden zu sein, und dass wir Superhelden werden können. Superhelden oder gar nichts.«
Der Anzug aus Strom ist ihm geblieben, auch wenn er selbst ein bisschen müde geworden war. Der große Stall, in dem er mit seiner Frau lebte, war umgeben von Feldern und einem kleinen Wäldchen. Dorthin führte er mich als erstes. Mit einem großen Messer schnitt er uns einen Pfad durch wildes Brombeergestrüpp, er murmelte, die seien erst vor hundert Jahre hier eingeschleppt worden und wenn es vor 500 Jahren hier schon Brombeeren gegeben hätte, wäre Amerika nie von Europäern besiedelt worden. Dann stehen wir vor einem grau-bunten Gerippe aus Stahl, ganz umwachsen von Brombeeren und anderen Pflanzen, fast schon selbst zu Natur geworden. Der alte Bus, Furthur, der Erste. Hier hat er ihn abgestellt. Nie wieder wird der fahren. Endstation Wildnis.
In einer großen hallenartigen Garage neben dem Stall steht der Nachfolger, herrlich grell-bunt, mit kleinem goldenen Gaukler als Kühlerfigur, einem »High Pride«-Slogan daneben. Eine Erscheinung. »Der Bus barg gewaltige Möglichkeiten, wenn es darum ging, die normale Ordnung der Dinge auf den Kopf zu stellen«, schrieb Tom Wolfe. Und Kesey sagte: »Wir hatten die Euphorie an Bord.« Jetzt schläft das alte Gefährt hier. Wir steigen ein, ich auf dem Beifahrersitz. Wie sehr bin ich bereit loszufahren, über Land, Richtung New York oder Kuinak. Kesey am Steuer, der Anlasser räuspert sich, räuspert sich und schweigt. Wir steigen aus, ein paar Freunde werden von drüben aus dem Wohnstall gerufen, Motorhaube auf, fachkundiges Rumschrauben, Horchen, Schrauben. Kesey und ich wieder rein, Schlüssel drehen, Hoffnung, Räuspern, Stille. So geht das ein paar Mal hin und her. Mit zähem Willen hofft Kesey auf Belebung des bunten Kunstwerks. Leider vergeblich.
Wir gehen dann hinaus in die Sonne. Er holt seinen Traktor raus, der startet problemlos, er zieht einen Anhänger hinter sich her, auf dem eine große Blechwanne voll Wasser steht. Er bittet mich, hinten draufzuspringen, gibt mir einen Eimer in die Hand und wir fahren eine lange Reihe von Apfelbäumen entlang, ich schöpfe mit dem Eimer Wasser aus der Wanne und gieße die Bäume. Dann halten wir vor einem selbstgemalten Schild vor einem kleinen Erdloch, »Beware, Whoozle!« steht darauf. Kesey ist abgestiegen, winkt mich zu sich ans Erdloch und sagt, wir wollen doch jetzt mal schauen, ob Whoozle zu Hause ist. Wer das sei? »Ein Erdgeist, freundlich, friedlich, etwas scheu«, erklärt er mir. Er beugt sich hinab, ruft ins Loch hinein: »Whoozle! Whoozle, wir haben Besuch! Bitte melde dich!« Dann legt Kesey den Kopf schief, hält das Ohr ans Loch, lauscht und strahlt. »Er ist da! Er lacht! Er hat gute Laune!« Er winkt mich ran, das müsse ich unbedingt selber hören. Ich lege mein Ohr an die Höhle du ich höre ganz deutlich ein Rufen aus der Tiefe der Erde, ein Lachen, ein Räuspern, ein Husten. Was will mir Whoozle sagen? Wahrscheinlich nur, dass dort unten etwas ist. Dass wir auf einem Geheimnis gehen, eigentlich immer. Dass wir die Ohren offen halten sollen und die Augen und die Nase und alle Sine, die wir haben. »Der Bullshit der Welt hat zu einer Verstopfung unserer Großhirnrinde geführt«, lässt Tom Wolfe seinen Ken Kesey sagen. Es kommt darauf an, diese Verstopfung zu lösen. Uns zu befreien. Dafür waren Kesey viele Mittel recht. LSD vor allem, Gemeinschaft mit guten, hellen, positiven Leuten, Verbot von jeder Negativität, jeder Nörgelei, Moserei, Routine, Skepsis, Ablehnung. Stattdessen: Offenheit, Neugier, laute Musik. Erdgeister rufen, Whisky trinken, Paraden planen. Natürlich habe ich ihn auch nach weiteren Romanen gefragt, zukünftigen Arbeiten, »wir warten doch darauf!«, aber das war ihm herzlich egal. Er zeigte mir Videomitschnitte von Theaterstücken, die er geschrieben, an denen er mitgewirkt hatte. Das sei die Zukunft. Das sei neu, lebendig, gemeinschaftlich. Nicht so einsam, wie die Romanschreiberei. Zehn Jahre hatte er am »Seemannslied« geschrieben und sich gequält. Nein, nein, er habe der Welt jetzt bewiesen, dass er Romane schreiben kann und jetzt beweise er ihr eben, dass er auch keine schreiben könne. Das mache außerdem auch viel mehr Spaß.
Den Whoozle habe ich dann später natürlich auch noch gesehen. Ein alter, hagerer, gut gelaunter Mann mit grauem Bart und Latzjeanshose kam vom anderen Ende des Erdgangs zu uns herübergeschlendert. Vorgestellt hat er sich nicht, aber er war ganz offensichtlich ein glücklicher Teilnehmer in jenem großen Lebensroman, den Ken Kesey all die Jahre, die er auf der Welt war, erlebte, erfeierte, ertanzte, erzählte, erfuhr. Um uns die Augen zu öffnen für dieses schöne Welttheater und für die Natur, die Tiere und die Menschen, die darin mitspielen. Einen winzig kleinen Teil davon hat er aufgeschrieben. Zuletzt in diesem schönen Roman, den wir jetzt, 23 Jahre nach seinem Erscheinen in Ken Keseys Heimatland, endlich auf Deutsch lesen können.
Volker Weidermann
Berlin, Juni 2025
Seemannslied
Für Faye —
tiefer Kiel in tosenden Wellen
Polarstern in der Dunkelheit
Schiffsgenossin
And Jesus was a sailor
When he walked upon the water
And he spent a long time watching
From his lonely wooden tower
And when he knew for certain
Only drowning men could see him
He said, All men will be sailors then
Until the sea shall free them.
But he himself was broken
Long before the sky would open
Forsaken, almost human
He sank beneath your wisdom
Like a stone
— Leonard Cohen
Ike Sallas schlief, als alles seinen Anfang nahm, in seinem Galaxxy aus rotem Alublech, in nicht allzu großer Ferne, in nicht allzu ferner Zukunft – es war die beste und zugleich die schlimmste Zeit, und damit war noch längst nicht alles gesagt.
Er träumte von seiner Ex-Frau Jeannie, davon, wie gut sie ausgesehen hatte, damals in Fresno, als er noch Sprühflugzeuge flog – die klaren, schlichten Tage, bevor das Kind und die Bakatcha-Bewegung das Licht der Welt erblickt hatten.
Bevor das Jahrzehnt anbrach, das als »die scheußlichen Neunziger« in die Geschichte eingehen würde.
In dem Traum ist er gerade von einem 3-Zee-Flug über den Artischockenfeldern zurückgekommen, und Jeannie sitzt nackt in der Morgensonne am Frühstückstisch. Vor dem Fenster sieht man die Megrays durch die Felder pflügen, die Klingen auf- und abschwingender Hacken blitzen auf. Der Dunst aus den Agrarfliegern hängt in der seidigen Morgenluft.
Jeannie ist damals in ihrer platinblonden Sexbombenphase, auf ihrem Gesicht zeichnet sich gelegentlich noch etwas wie Zufriedenheit ab. Der Frühstückstisch in der Ecke sei ihr Lieblingsplatz gewesen, so hat sie es immer erzählt – natürlich abgesehen vom Bett. Jeannie, Jeannie …
Sie liest aus der Bibel ihrer Großmutter vor. Die Bibel ist in weiches, weißes Hirschleder gebunden. Jeannies Haare sind geglättet, und sie trägt eine Lesebrille mit getönten Gläsern sowie diese Art von Kopfbedeckung, die Sally Field in The Flying Nun immer aufhatte. Ihrer Aussage nach ihre liebste olle Kamelle im Telesatt – natürlich an zweiter Stelle nach Bezaubernde Jeannie.
Nonnenschleier, getönte Gläser und diese spektakuläre platinblonde Flut, die ihr über die nackten Schultern fällt, weiß wie eine Leinenhaube, heller als das Buch in ihrer Hand. Ansonsten splitternackt.
Ike kann sehen, wie sich ihre Lippen beim Lesen bewegen, doch er hört nur das Surren der fernen Sprühflugzeuge und von irgendwoher, wie aus großer Ferne, einen dünnen, erstickten, halbmenschlichen Schrei.
Die Szene kommt ihm auf triste Weise possenhaft vor: der uramerikanische Frühstückstisch, das religiöse Motiv, wie sie das Buch so dicht vor sich hält, dass sie mit dem Nippel die Zeilen entlangfahren könnte. Irgendetwas daran ist grotesk und herabwürdigend, er spürte es wie ein Sticheln.
Um nicht über den Traum lachen zu müssen, brüllt er seine Frau an, irgendetwas in die Richtung: »Lass es krachen oder pack die Sexbombe ein! Leg das blöde Buch weg und nimm den bescheuerten Hut ab, das ist doch völlig grotesk.«
Doch es scheint, als könnte auch sie ihn nicht hören, während sie hell umstrahlt unter der Glocke aus Sonnenlicht sitzt. Sie dreht den Kopf nicht. Sie leckt einen Finger an, blättert um, und ihre Lippen bewegen sich wieder. Ike spürt erneut den Stups des gottverdammten Daumens. Er versucht es noch mal mit Brüllen, doch die Beleidigungen prallen von ihrer Glocke ab wie kleine Hagelkörner. Er wendet sich dem Bücherregal zu, in dem die Bibel eine klaffende Lücke hinterlassen hat. Er erwählt seine alte, ledergebundene Moby-Dick-Ausgabe zum Wurfgeschoss. In einer einzigen, schnörkellosen Bewegung zieht er sie aus dem untersten Regal, dreht sich um und schleudert sie in die Luft. Ein dumpfer Aufprall, dann färbt sich die strahlend helle Szene unterwassergrau. Die sonnige Eckbank in Fresno verwandelt sich in ein eisiges Morgengrauen in einem Uralt-Wohnwagen in Alaska, viele lange Jahre später. Er meint, irgendwo aus dem Grau wieder den luftlosen Schrei zu hören, weit weg und vage an eine Frauenstimme erinnernd. Dann ist es still.
»Grotesk«, sagt Ike laut. »Jetzt reicht's aber.«
Er dreht sich auf die andere Seite, um einen Blick auf den Wecker auf dem Tischchen neben seiner Pritsche zu werfen. Noch Stunden, bis er mit Greer am Kai verabredet ist. Es reicht. Er hat die Augen gerade erst wieder geschlossen, um über seinen Traum nachzudenken, als er spürt, wie etwas gegen den Wohnwagen hämmert, ganz nah und ganz sicher echt! Kalte Luft strömt ihm in die Lungen, und Ike schiebt die Hand durch den Klettverschluss des Schlafsacks und tastet nach Teddy. Teddy ist die Hi-Standard-.22er-Kleinkaliberpistole, die er unter der dünnen Schaumstoffmatratze aufbewahrt.
»Greer?« Atem in der stillen Luft. »Bist du das, Partner? Marley? Marley, du alter Köter, bist du das?«
Das Hämmern verstummt. Er umschließt den warmen Griff und streckt sich vorsichtig bis zum Fenster über der Pritsche. Viel zu dreckig, um durchzuschauen. Er tastet nach dem Alu-Griff und öffnet es einen Spaltbreit. Das Hämmern beginnt von Neuem, direkt unterm Fenster.
Er drückt mit den Knien den Klettverschluss ganz auseinander und schlüpft mit beiden Füßen in seine Mukluks, den Pistolengriff noch immer umklammert. »Greer? Marley?« Keine Antwort. Er erkennt eine dunkle Masse auf dem Schaffell vor dem Propanheizstrahler. Da liegt der alte Marley und schläft den Schlaf der Toten, wie der Geist, nach dem er benannt ist. Greer frönt wahrscheinlich noch irgendeinem Gelage – »spelunkieren« nennt Greer das. Dieser Tage eine selten gewordene Freizeitbeschäftigung. Im Zuge der weltweiten AIDS-Kampagne der UNO mit dem Ziel, die Krankheit an ihrer Wurzel – dem schmutzigen Schwanz – zu bekämpfen, ist allem Anschein nach ein Großteil der Triebe verschwunden, die überhaupt erst zu ihrer Verbreitung geführt haben. Die männliche Leidenschaft ist abgekühlt und lässt sich nicht mehr entfachen. Doch Greer ist anders. Entweder hat er den Vormarsch der Impfkolonnen irgendwo im jamaikanischen Dschungel ausgesessen, oder aber die Nebenwirkungen der Impfung konnten den wollüstigen Trieben eines ganz besonders hartgesottenen Bocks wie ihm schlicht nichts anhaben.
Ike schleicht sich an dem schlafenden Hund vorbei und betastet das Schott des Wohnwagens, bis er seine Taschenlampe gefunden hat. Er zieht sie aus dem Ladegerät und steckt sie in den Bund seiner langen Thermounterhose. Er atmet tief ein und tritt die Wohnwagentür auf. Er hält die .22er in der rechten Hand, während er geschmeidig wie ein Pistolero aus alten Zeiten mit der linken die Taschenlampe aus dem Hosenbund zieht. Der Anblick, der sich ihm bietet, lässt ihn mitten in der Bewegung innehalten, die Lampe halb erhoben, die Pistole noch gesichert.
Zum zweiten Mal an diesem Tag spürt er den Knuff des unsichtbaren Daumens.
Das Ding hockt draußen vor den Aluminiumstufen. Als die Tür auffliegt, richtet es sich auf, es reicht einem Mann etwa bis zur Hüfte. Klassische Dämonengröße. Vor Ikes entsetzten Augen beginnt es, auf zwei Beinen erhoben Walzerschritte zu vollführen, eine torkelnde, obszöne Aufforderung zum Tanz. Der Rumpf der Bestie ist quasi inexistent, eine dunkle Höhle unter sich abzeichnenden Rippen, die sich hektisch heben und senken. Die Beine sehen aus wie angeknackste Zweige, Kletten und Blut im verfilzten Fell. Ein langer, schmieriger Schwanz peitscht echsengleich im Ringen um Gleichgewicht hin und her.
Doch es ist der Kopf des gruseligen Dings, der dafür sorgt, dass Ike der Atem im Rachen zu Eis gefriert. Von den Schultern aufwärts scheint die Kreatur vollkommen glatt, haarlos und konturlos zu sein, wie aus einem Guss. Ike blinzelt, fühlt sich auf entrückte Weise bestätigt. Das ist kein Traum, diese verfluchte Furie ist echt. Sie ist echt! Das Ding höchstpersönlich, Ausgeburt der Hölle und menschengemacht zugleich … die unnatürliche Brut, die genauso aufgerührt wurde wie im Horrorklassiker Der Unsichtbare, wo Claude Rains »an Dingen gerührt« hat, »die die Menschen besser ruhen lassen sollten«.
Als Ike den Schalter der Taschenlampe findet, stellt sich die Lage noch haarsträubender dar. Der Kopf des jämmerlichen Dings ist tatsächlich vollkommen glatt und makellos wie Chrom, doch der Lichtstrahl offenbart dennoch so etwas wie Mimik. Unter der glasartigen Oberfläche ist ein Gesicht zu erkennen, das unter einer Art pränatalen Schleimschicht pulsiert. Das Grauen in Furiengestalt – weggepustet gehört das! Doch gerade, als er die Kreatur im Visier hat, gelingt ihr eine Drehung um einhundertachtzig Grad. Auf der Rückseite des Kopfzylinders erkennt Ike die Reste eines Etiketts:
BEST FOO
ECHTE MAYO
FETTREDUZ
»Teufel noch mal, das ist eine Katze mit dem Kopf in einem Mayonnaiseglas!«
Die Katze vollzieht eine weitere Drehung hin zu der Geräuschquelle, noch immer aufrecht, den glasbehelmten Kopf nach hinten gekippt. Durch die qualvolle Haltung scheint das Tier einen Luftdurchlass am Glasrand offenzuhalten.
»Du steckst ja ganz schön in der Klemme, Kumpel.« Ike legt die Pistole beiseite. Er lässt sich mit einem Knie auf den Boden aus Austernschalen sinken. »Wie lange läufst du schon so rum? Komm her, ich helf- aaaah!«
Das Tier greift mit allen Vieren nach der ausgestreckten Hand und zieht die Krallen über Ikes Unterarm, vom Ellenbogen bis zu den Fingerspitzen. Ike stößt einen Fluch aus und klatscht die Kreatur auf den Boden. Sie geht direkt wieder auf ihn los. Er klatscht sie wieder auf den Boden, und mit einem Satz hat er sie unter sich begraben, bevor sie wieder auf die Beine kommt. Er hat eine Handvoll schleimiges Fell zu fassen bekommen und drückt das Tier auf die Austernschalen, die Taschenlampe erhoben, als wollte er einen zappelnden Fisch totschlagen. Doch das Tier regt sich nicht mehr, bewusstlos oder durch die eigene Kratzwut aller Kräfte beraubt. Ikes Zorn lässt nach, und vorsichtig klopft er mit der Taschenlampe gegen das Glas. Als es endlich bricht, hält das schmierige Zeug im Innern die Scherben weiterhin zusammen. Ganz allmählich bläht sich das Glas auf, als würde etwas daraus schlüpfen.
Der Kopf, der darunter zum Vorschein kommt, ist so stark geschwollen, dass er die Form des Glases angenommen hat, die Zähne ragen über die Lippen, die gegen den Rand gedrückt waren, die Ohren kleben flach am gewölbten Schädel. Mit der Umrandung der Taschenlampe schiebt Ike die Scherben zur Seite, befreit zuerst den Mund und die Nasenlöcher. Die Katze japst und lässt die Prozedur über sich ergehen. Als die Schnauze schließlich sauber ist, lässt Ike die Handvoll Fell los, um dem Tier die ranzige Salatcreme aus den Augen zu wischen. Sobald die Katze ihre Freiheit wittert, setzt sie zum Angriff an und stürzt sich auf Ikes Arm, diesmal mit Krallen und Zähnen.
»Du schleimscheißendes Drecksviech!« Ike schleudert sie von sich. Sie landet auf allen Vieren und macht erneut einen Satz auf Ike zu. Ike tritt nach ihr, doch nicht kräftig genug. Sie erklimmt sein rechtes Bein und springt ihm ins Gesicht. Er reißt sie von sich und schleudert sie wieder zu Boden. Sie dreht sich um und bereitet die nächste Attacke vor, doch diesmal landet Ike mit seinem Mukluk einen Volltreffer, und die Schleimkugel fliegt durch die Luft wie ein Football unterwegs zum Tor. Jaulend rollt das Tier über die Austernschalen. Als es wieder auf die Beine kommt, rast es davon, weicht hakenschlagend den Propangasflaschen aus und verschwindet durch den Farn die Felsen hinauf in Richtung Kiefernwäldchen. Ikes wutentbrannter Steinwurf schreckt drei Krähen aus dem Unterholz. Sie stieben auf und beschimpfen die Katze mit krächzender Empörung. Ike überlässt den Krähen das Feld und lässt sich schwer gegen den Holzstoß sinken, wo er darauf wartet, dass sein keuchender Atem sich beruhigt.
Dann, als würde in einer Komödie der immer gleiche Witz breitgetreten werden, hört er wieder einen Schrei. Diesmal ist es nicht die Katze, er kommt aus der entgegengesetzten Richtung, von der Müllkippe, klingt dünn und erstickt und – da ist er sich plötzlich sicher – ganz eindeutig wie von einer Frau.
»Bitte, bitte, schnell!«
Das klingt nach der Tochter der Loops, Louise. Ike horcht stirnrunzelnd auf. Hier in der Gegend stören die Loop-Männer regelmäßig die Nachtruhe mit ihrem Geschrei und Geraufe, genau wie ihre Schweine – insbesondere nach irgendwelchen Meisterschaftssiegen in Papa Loops Bowlingbahn unten im Ort. Doch soweit Ike weiß, lief heute kein Turnier, und er kann sich nicht erinnern, von der jungen Frau je etwas vergleichbares gehört zu haben. Lulu gab sich gern aufreizend, reagierte aber kaum je gereizt. Sie mochte ein bisschen denkfaul sein, aber laut ganz sicher nicht.
»Hilf mir doch jemand, o bitt–«
Der Schrei wird abrupt abgewürgt. Ike hält den Atem an. Das Morgengrauen ist still. Nur die alte Heulboje pfeift draußen an der Barre, und die drei Krähen regen sich noch immer über die Katze auf. Sonst nichts. Er lauscht eine ganze Minute mit angehaltener Luft in die Stille hinein. Schließlich seufzt er, er wird wohl in den Transporter steigen und nachsehen müssen. Schlurfend umrundet er seinen Wohnwagen und muss feststellen, dass sein Transporter spurlos verschwunden ist. Stattdessen steht dort der alte Jeep seines Mitbewohners.
»Greer, verdammt noch mal!«
Die Muschelschalen knirschen unter seinen Schritten, als er sich der verhüllten Gestalt des uralten Fahrzeugs nähert und die Plane von der Haube zieht. Die Sitze tragen ein Frostfell.
Ike versucht, den Motor anzuwerfen. Fünf Mal, ruft er sich ins Gedächtnis. Dann einen Moment warten. Bloß nicht den Motor absaufen lassen. Dann wieder fünf Mal und wieder warten. Mit dem allerletzten Saft aus der Batterie erwacht der Vierzylinder hustend zum Leben. Mit noch kaltem Motor rollt Ike den Hügel hinab.
Um die schwache Batterie zu schonen, lässt er die Scheinwerfer ausgeschaltet. Rauch und Gestank weisen ihm den Weg zur Müllkippe. Schwelende Abfallberge ragen vor ihm auf wie kleine aktive Vulkane, aus denen orange, grüne und methanblaue Flammen schlagen. Die Halde brennt seit Jahrzehnten. Die Leute im Ort dachten kurzzeitig, der Irrsinnswinter von '93 hätte die Glut gefrieren lassen, doch sobald die Junisonne das Eisschild zum Schmelzen brachte, trat das dampfende Magma aus Müll wieder zum Vorschein, ekelhaft wie eh und je.
Ike zieht seine Oberlippe hoch und versucht, durch seinen Schnurrbart zu atmen wie durch einen Filter. Eigentlich hat er nichts gegen die Müllkippe, sie dient ihm als Wall zwischen seinem Wohnwagen und der restlichen Ortschaft. Doch in letzter Zeit werden dort immer mehr konfiszierte Schleppnetze verbrannt, meistens chinesische Fabrikate aus Molecumar, und das Zeug stinkt, als würden sich ganze Dynastien zersetzen.
Ike donnert so schnell an dem letzten dampfenden Berg vorbei, dass er beinahe den Ursprung des Hilferufs verpasst hätte. In einem der vielen kleinen Seitenwege der Müllkippe entdeckt er den gespenstischen Glanz seines Honda-Starktransporters, alle Türen stehen offen, und vor der Innenraumbeleuchtung zeichnen sich die erstarrten Silhouetten miteinander ringender menschlicher Gliedmaßen ab.
Ike tritt die Bremse voll durch, legt den Rückwärtsgang ein und lässt die Scheinwerfer aufleuchten. Er manövriert den Jeep zurück und biegt in den Abzweig ein, bis die Lichtkegel das arabeske Knäuel erfassen. Das, was der Oberkörper von Louise Loop sein muss, ragt vor ihm auf, den Rücken gegen die offene Hecktür gedrückt. Ihr rundes, weißes Gesicht schwebt ausdruckslos wie ein Ballon über einem Paar praller Brüste – drei leuchtende Globen, wie ein Schild an einem nicht jugendfreien Pfandhaus auf der Meatstreet. Dann stürzen die Globen aus seinem Sichtfeld und er erkennt den nackten Rücken des Mannes. Die muskulösen Schultern sind genauso weiß wie die Brüste und zucken vor Wut.
»Hey, lass sie los!«
Ike springt aus dem Wagen, den Motor lässt er laufen. Er sprintet durch den Müll, wobei er die Taschenlampe ausgestreckt vor sich hält wie eine Lanze. Erst, als er die beiden fast erreicht hat und die weite, weiße, muskelbepackte Fläche aus Rücken und Schultern vor sich sieht, fällt ihm die Pistole ein, die noch auf den Stufen vor dem Wohnwagen liegt.
»Du da! Lass sie los!«
Der Mann scheint ihn nicht zu hören. Ike kann sein Gesicht nicht erkennen, doch er ahnt, dass er nicht ansprechbar ist. Ihm wird klar, dass er die schmierige Arschgeige packen muss. »Du da!« Er greift nach einem nackten Ellenbogen. »Lass los, du erwürgst das arme Mädchen ja noch! Lass los!« Das Fleisch in seinem Griff fühlt sich genauso schmierig an, wie es aussieht, doch Ike lässt nicht locker, bis der Mann aus seiner Trance zu erwachen scheint. Die Schultern entspannen sich, das Zucken lässt nach. Ohne vom Hals der Frau abzulassen, dreht der Mann langsam den Kopf, und im Licht des Scheinwerfers erstrahlt sein Gesicht, das nicht weniger entsetzlich aussieht als das Ding aus dem Mayonnaiseglas. Es ist vollkommen glatt und weiß. Weder Augenbrauen noch Wimpern. Lippen und Augen haben die Farbe von Lachsrogen. Eine strahlende Porzellanstirn, gerahmt von einem noch weißeren Haarschopf, wie Chrom, um alles in der Welt, der weißglühende Inbegriff von Chrom! »Oha!« Ike stolpert zurück. »Herrgott im Himmel!«
Die lachsrogenroten Lippen kräuseln sich zu einem amüsierten Schnurren. »Bitte um Verzeihung, Schipper, aber der bin ich ganz sicher nicht.« Dann wendet er sich ganz in Ruhe der noch unvollendeten Aufgabe zu, die bewusstlose Frau zu würgen, aus dem Mundwinkel nuschelt er schalkhaft eine Nachbemerkung: »Und die da ist kein Mädchen, sondern meine Frau, hm-hm-hmmm …«
Nicht die so nebensächlich durchgeführte Strangulation geht Ike an die Nieren, sondern der Tonfall. Dieser vertraute, ärgerliche Ton, der sich hinter dem feixenden Kichern verbirgt. Diesen Tonfall hat er im Knast oft gehört – eine Art gemeinschaftlicher Unter-uns-Männern-Tonfall, in dem sowohl das Sticheln einer Beleidigung als auch ein Hauch von Innigkeit steckt, ein »Hey, Mann, wir stehen auf hm-hm-hm«. Jetzt muss er sich ihn wohl wieder schnappen. Ike wirft die Taschenlampe auf den Boden und greift mit beiden Händen in die weiße Mähne, die dem Mann über die Schultern fällt (als wäre es der Kragen eines Judoanzugs), schwenkt ihn herum, sodass die beiden Rücken an Rücken stehen, und setzt zum Wurf an. Die lange Gestalt des Silbermanns wirbelt über seinen Kopf und schlägt der Länge nach auf wie eine nasse Stoffpuppe. Ike lässt den Haarschopf los und steht auf, sein Atem beruhigt sich. Ein paar Mutige unter den Loop'schen Schweinen wagen sich aus ihren verrauchten Höhlen, um nachzusehen, was die Schlägerei so abwirft; wenn etwas derart kräftig und saftig zu Boden klatscht, bleibt es für gewöhnlich liegen und ist oft durchaus genießbar. Einen Augenblick lang erwischt sich Ike bei dem hoffnungsvollen Gedanken daran, der Kerl könnte tot sein, ein für alle Mal erledigt.
Der Silbermann rollt sich auf die Seite und kommt auf alle Viere. Im Scheinwerferlicht sieht er mit einem Mal verletzlich aus, bleich und empfindlich wie ein Champignon. An seinem Rumpf zucken wieder die Muskeln und wirken nutzlos. Er kniet vor Ike und drückt flehend die Hände gegeneinander.
»Bitte schlag mich nicht wieder, ich hab mich eingekriegt. Du weißt ja, wie das ist.« Seine Mundwinkel heben sich zu einem Lächeln, doch diesmal kichert er nicht. »Mich hat's gepackt. Du kennst das doch: Da kommt man nach Jahren zurück nach Hause … Auf dem ganzen Weg durch den Ort malt man sich das Wiedersehen aus, Mondlicht schimmert in ihren Tränen, während sie einsam und allein am Fenster wartet … Stattdessen findet man sie, wie sie hier draußen im Müll so einen Rastaclown bumst … Da packt's einen. Aber ich hab mich eingekriegt. Du musst mich nicht noch mal schlagen.«
»Ich hab dich doch gar nicht geschlagen.«
»Dann schlag mich jetzt auch nicht. Ich hab mich eingekriegt, und es tut mir leid. Okay?«
Der Mann kniet noch immer mit gefalteten Händen auf dem Boden. Ike starrt verwirrt zu ihm hinab. Der Anfall von Zerknirschung wirkt dermaßen überzogen, dass es schwerfällt, darin kein Schauspiel zu sehen.
»Na gut, dir sei verziehen. Steh auf.«
Doch der Typ steht nicht auf. Er bleibt auf den Knien und ringt reumütig die Hände. In den Schatten grunzen die Schweine voller Mitgefühl. Ike hört, wie hinter ihm der Motor des Jeeps stottert, ächzt und ausgeht. Die Scheinwerfer erlöschen. Eine Krähe kreischt. Dann hört er vorn an der Straße die Haustür der Loops auffliegen und zuknallen, stampfende Schritte auf alten Konservenbüchsen. Ike hofft, dass es sich vielleicht um Greer handelt, der nun, da die Gefahr gebannt ist, aus seinem Versteck gekrochen kommt. Doch als ein Windhauch den Rauchschleier anhebt, erkennt er, dass nicht Greer im Anmarsch ist, sondern Papa Loop. Seine Bowlingbahn-Haltung ist unverkennbar. Omar Loops Gang ist gebeugt, schwer und zielstrebig, als wäre er kurz davor, im letzten Durchgang mit einem donnernden Strike einen weiteren Pokal abzuräumen.
»Also doch du!« Loop stampft auf den knienden Mann zu, Ike beachtet er gar nicht. »Meine Jungs haben schon gesagt, dass du wieder in der Gegend bist, aber ich hab's nicht geglaubt. So blöd ist der nicht, hab ich gesagt. Da hab ich mich wohl getäuscht, also Pech für mich, und diesmal auch Pech für dich. Wir haben dich doch gewarnt, du rotäugige Missgeburt, was – 'Tschuldigung, Sallas –« Loop schiebt Ike zur Seite, um sich besser zu positionieren – »was wir mit dir anstellen, solltest du hier wieder auftauchen und Louise behelligen. Bei uns in der Familie passt man aufeinander auf« – und damit verpasst er ihm eine mitten ins Gesicht, krach, ein kurzer, effizienter Kinnhaken, mit aller Kraft, die seine stämmigen Beine und der bowlinggestählte Rücken hergeben. Der Kopf knickt nach hinten weg und der Fremde geht zum zweiten Mal ächzend zu Boden. Papa Loop holt noch einmal aus, doch Ike geht dazwischen.
»Hey, Omar. Das tut doch nicht Not –«
»Wir haben ihn gewarnt, als wir ihn damals rausgeworfen haben. Ich bin ein Freigeist, Sallas, aber irgendwo ist Schluss.«
Der Silbermann kommt wieder auf die Knie. Omar trippelt von einem Gummistiefel auf den anderen und zieht die Schultern zurück.
»Warte mal, Omar –« Ike versucht, sich vor den alten Loop zu stellen.
»Weg da, Sallas. Das ist Familensache.«
»Bitte, Papa Loop, bitte, bitte, bitte!« Der Mann faltet die Hände vor seiner blutigen Nase. »Mich hat's gepackt, als ich sie mit diesem Rastaclown gesehen hab. Aber mir geht's wieder gut, ich hab mich eingekriegt. Und außerdem« – unfassbarerweise lässt er wieder das anzügliche Lächeln unter dem Blut hervorblitzen – »ist das arme Mädchen ja wirklich meine Frau!«
Krach! Omar macht einen seitlichen Satz, und der nächste Kinnhaken trifft sein Ziel. Der Kopf des Silbermanns klappt zur Seite und schlackert hin und her, doch er bleibt aufrecht auf den Knien, bereit für den nächsten Hieb.
Ike atmet scharf durch die Zähne ein: Jetzt ist es wohl der alte Loop, den er sich schnappen muss. »Omar, nein« – Ike umgreift den fassförmigen Oberkörper und rümpft die Nase über den Gestank nach Tabaksaft und Schweinefleisch – »nicht wieder zuschlagen.«
»Isaak Sallas, du lässt sofort los!« Er wippt noch immer mit dem Oberkörper, macht sich bereit für den nächsten Schlag. »Ich nehme deine Bedenken zur Kenntnis, aber das hier geht nur die Loops etwas aaarhgh!«
Ike hat seine Arme unter Loops Achsen durchgeschoben und umklammert seinen Hals in einem Doppelnelson. Omar Loop windet sich knurrend und droht mit furchtbaren Folgen, sollte Ike ihn nicht loslassen. Ike verstärkt den Griff und wartet ab, aus dieser Haltung kann der alte Mann nicht zuschlagen. Doch nichts hindert ihn am Treten. Er rammt die verstärkte Spitze seines Gummistiefels tief in den nackten Bauch vor ihm. Ike drückt noch fester zu und wundert sich darüber, wie viel Kraft in dem Alten steckt. »Ich lasse nicht los, Omar« – obwohl er sich im Stillen fragt, wie lange er den kleinen Wüstling noch halten kann – »lasse nicht los, bis du nicht –«, und dann erstrahlt ein funkelndes Licht hinter ihnen und alle Besorgnis und Verwunderung ist passé. Es kommt aus dem Nichts und trifft ihn sternhell an der Schläfe. Er schafft es gerade noch, sich umzudrehen und einen Blick auf Louise zu erhaschen, die mit der schweren Taschenlampe schon zum nächsten Schlag ausholt. Dann ein weiterer Schwall sanften Sternenregens. Oben auf dem Hügel erklingt krächzendes Gelächter. Das sind die Krähen, das ist genau ihr Humor: Die gerettete Jungfer kommt zu sich, und was sieht sie? Einen heldenhaften Retter? Natürlich nicht. Sie sieht einen Unhold in roten Thermounterhosen, der Papa Loop das Genick bricht, während ihr Angetrauter sich blutspuckend im Müll wälzt. Da ist es doch nur logisch, dass sie … wie dem auch sei. Beweist das nicht wieder mal, dass man den Dschinn einfach in Ruhe lassen sollte? Wenn er auch schreit und jault … Man lässt ihn einfach in der Du-weißt-schon-was.
Sonst ist Du-weißt-schon-wer der Angeschmierte.
Vielleicht hätte Ike in das Gelächter eingestimmt, wäre nicht schon wieder alles unterwassergrau geworden.
Die Schweinefamilie hatte ihren Nachbarn schon Jahrzehnte auf der Müllkippe voraus. Als Ferkel in Kuinak eingeschifft, wurden sie zunächst in einem verwaisten Eishaus an der Ecke Dock Street und Bayshore Street untergebracht. Wie auch das Eishaus gehörten sie ursprünglich Paul Petersen, genannt der Prophet. »Gammel zu Speck! Schrott zu Gold! Ich sage voraus, dass Petersen's Sea Pork in weniger als einem Jahr flächendeckende Verbreitung finden wird!«
Wie viele von Petersens berüchtigten Prophezeiungen sollte sich auch diese bewahrheiten, aber anders als ursprünglich gedacht. Das verwaiste Eishaus beispielsweise war ein Relikt seiner früheren Vision einer erhöhten Nachfrage nach zerkleinertem Eis im Sommer, laut Paul kämen mit Sicherheit immer mehr Angler in die Stadt, sobald Kuinak sich als international bekanntes Zentrum des Sportfischens etabliert haben würde. Er hatte recht. Als die Fänge in Ketchikan, Juneau und Cordova zunehmend spärlich wurden, tauchten immer mehr Fischerboote in Kuinak auf. Nightdish brachte einen Artikel und Field and Streamebenfalls. Pauls Argumente schienen schlüssig, und es wurde Geld für den Bau gesammelt. Das entstandene Gebäude war ein dreißig mal dreißig Meter großer, grauer, fensterloser Klotz aus isoschaumgefüllten Bimssteinblöcken, die das Eis, das Paul vom Gletscher hinabtreiben wollte, kühl halten sollten. »Das einzige Steingebäude im Umkreis von hundert Meilen!«, prahlte er vor seinen Investoren und klopfte klirrend mit seiner Eiszange gegen eine Ecke. »Das hält hundert Jahre.«
In der Woche darauf tuckerte eine schwimmende Kühlfabrik aus Norwegen nach Kuinak, und die Great Northern Glacial Ice Bank war innerhalb von nicht einmal hundert Tagen bankrott. Die norwegischen Eigentümer verkauften irgendwann an Searaven, um sich in Innsbruch zur Ruhe zu setzen.
Ein Unglücksprophet zu sein hat durchaus seine deprimierenden Seiten; man weiß, wie das Rennen ausgeht, und gehört trotzdem nie zu den Gewinnern.
Doch so leicht ließ Paul sich nicht unterkriegen. Er betrachtete bevorzugt die Habenseite. Er hatte ja noch den großen, grauen Klotz, einen Tresor, der auf Schätze wartete, ein – Moment mal! Das war es doch! – ein Sparschwein! Damit konnte man arbeiten – Schweinefleischproduktion. In Connecticut hatte Paul schon einmal als Schweinewirt gearbeitet. Ein dreckiges Geschäft, aber auch wenn damit kein Schweinegeld zu verdienen war, hatte es immer gereicht. Das ergab doch Sinn. Warum sollte man tiefgefrorenes Fleisch aus Seattle herschiffen, wenn man die Biester auch gleich hier an der See mästen konnte, und zwar mit genau der Fischpampe, die man hier im Ort tonnenweise wegschmiss? Für die Investoren die perfekte Gelegenheit, ihre Verluste wieder reinzuholen und eine solide Grundlage für die Zukunft zu schaffen.
Widerwillig rückten sie das Kapital heraus, und bald legte ein Frachtkahn voller lärmender Mastschweine an. Sie trotteten den Treibgang entlang und geradewegs in den großen, steinernen Block zu den Holztrögen, die schon auf sie warteten. Der Geruch nach kiemigem Gekröse zog sie magnetisch an. Sie quiekten, drängelten, schlangen den Fischabfall herunter und wurden fett. Man hörte sie bis zum Crabbe Potte, wohin Paul sich mit seinen Geschäftspartnern zurückgezogen hatte, um anzustoßen.
»Auf Petersens Schweine der Meere! Petersens Schweine weit und breit!«
In jener Nacht schliefen alle Beteiligten tief und fest. Im Morgengrauen weckte sie ein Gurgeln vom gegenüberliegenden Ufer der Bucht, es klang wie der gewaltige Sog eines riesigen, düsteren Schlunds. Boote und Bojen, Piers und Pfähle zog es in die Nacht hinaus – die See selbst floss ab, wie von einem gigantischen Sack abgeschöpft. Schließlich verstummte der Sog. Der Sack war voll. Dann kam der Rücklauf. Das war der Tsunami von 1994, auf den Tag genau dreißig Jahre nach dem letzten großen Seebeben. Die Flutwelle wütete wie ein Wasserwolf, toste mit hundertfünfzig Stundenkilometern über die Bucht und den Hafen hinweg, und die Stirnseite des kleinen Schweinestalls brach ein, Steingebäude hin oder her (Lehm und Reisig oder Dachpappe erwiesen sich tatsächlich als widerstandsfähiger), und die Wutze, die dem Schutt entkommen konnten, flüchteten in höhergelegene Gefilde. Paul der Prophet und Schweinepriester verschwand gen Norden.
Die Schweine liefen bis zu den Bergen der städtischen Müllkippe von Kuinak, die an der Baumgrenze lag. Ein junger Eber namens Prigham verkündete in mormonischem Eifer: »Hier soll es sein!«, und so verschanzten sie sich dort. Die scheinbar über Jahrhunderte gewachsenen, qualmenden Müllberge boten ihnen sowohl Schutz als auch Nahrung. Und aus jenen, die in den darauffolgenden Monaten und Jahren alle wilden Wetterumschwünge und bösartigen Bärenattacken überstanden, ging später die hartgesottene Loop'sche Schweineherde hervor.
Omar Loop war während einer seiner Beutezüge in Kuinak zufällig auf die Herde gestoßen. Auch wenn er gern mit seiner Karriere als Bowlingprofi angab, verdiente er seinen Lebensunterhalt als Schrotthändler. Mit seiner alten Chevy-Pritsche fuhr er die Küste hoch und runter, machte abends mit seiner rubinroten Glücksbowlingkugel die Bahnen unsicher und durchforstete tagsüber die Müllhalden auf der Suche nach allem, was sich billig erwerben und ein bisschen weniger billig verkaufen ließ. Hauptsächlich Netze. Viele Fischerleute schmissen lieber ein vollkommen brauchbares Netz weg, statt sich ein paar Minuten Zeit zu nehmen, um es zu säubern und zu flicken. Loops Umsatz war durchaus anständig, er klapperte die Kleinstadtbowlingbahnen und Mülldeponien ab wie ein Surfer Strände und Bars und konnte ausreichend Geld nach Hause schicken, dass ihm seine Alte und die Blagen vom Hals blieben. Er war frei und ungebunden, ließ sich treiben und war entschlossen, an diesem Zustand nichts zu ändern. Doch als er eines Morgens in die majestätisch dampfende Bergkulisse der Müllkippe von Kuinak einbog und die verwilderten Schweine im schwelenden Abfall wühlen sah – kohlschwarze, wilde, archaische Kreaturen, mit Haut wie ein Panzer und Borsten wie Eisennägel, die ganze Lachsköpfe genauso verschlangen wie Milchkanister und Pampers –, brach Omars Entschlossenheit ein. Hier war seine Marge, hier war sein Vieh.
Er holte Erkundigungen ein und erfuhr, dass die Schweinemeute so etwas wie eine geschützte Art geworden war. Sie waren in True Grit verewigt worden. Im Ort war man stolz auf sie. Sie standen symbolisch für die Überlebenden des Bebens von '94, ganz zu schweigen von den Überlebenden all der Jahre voller Bären, Mücken und Frostbeulen. Mitten in die glühende Asche hatten die Biester sich eingegraben, um zu überleben!
»Irgendwem müssen sie doch mal gehört haben«, bohrte Omar in der Nachbarschaft nach. Jemand erinnerte sich, dass der alte Paul Petersen sie nach Kuinak geholt hatte, doch Paul war verschwunden. Nach dem Beben war er gewissermaßen in sich zusammengefallen, genau wie sein Eishaus. Zuletzt hatte man gehört, dass er in Anchorage in einer Einrichtung für Nervenkranke untergekommen sei.
Omar Loop fuhr in seinem Pritschenwagen davon und machte den alten Propheten Paul in der Nähe von Willows ausfindig. Dort verdingte sich Paul als Hausmeister für eine Motelkette, deren Kundschaft aus Pipelinemalochern bestand. Das sind die größten Chaoten unter allen Malochern, hinterlassen jeden Tag ihr eigenes Körpergewicht in leeren Bierdosen, ganz zu schweigen von anderen Abfällen. Diesmal war es Paul, der sich etwas aufschwatzen ließ. Ein anständiger Pritschenwagen mit einem Schätzwert von drei Riesen für läppische 2.500 $ sei doch genau das Richtige für seine Hausmeisterdienste. Ein fairer Tausch für einen Gebäudeklotz mit nur noch drei Wänden. Paul schlug ein, Zweieinhalbtausend seien sicher angemessen, und, klar, die verdammte undankbare Schweinebande könne Loop gern obendrauf haben, wo auch immer die sich rumtreibe. Er habe schon seit Jahren keinen Gedanken mehr an sie verschwendet.
Omar nahm eine Kleinunternehmerhypothek auf das Eishausgrundstück auf und verwendete das Geld für eine Anzahlung auf die wertlose Müllkippe und die stinkenden angrenzenden Ländereien. Wie sich herausstellte, waren Teile davon Nutzwald, er machte die Hälfte davon zu Geld und beauftragte ein Bauunternehmen damit, das Eishaus zu einem Bowlingcenter mit sechs Bahnen auszubauen. Er kannte ein halbes Dutzend verrammelter Bowlingschuppen, deren Besitzern er mit einer guten Geschichte Möbel und Stellautomaten aus dem Kreuz leiern konnte, ansonsten fehlte dem Eishaus kaum mehr als ein Klo, eine Vorderwand und ein paar Neonlichter. Nicht, dass er sich von der Bahn großartig Profit erhoffte – solche Unterfangen warfen nur selten etwas ab. Was das anging, hatte er andere Pläne.
Mit dem restlichen Nutzholz bauten er und seine Jungs eine Hütte neben der Deponie, die den Loops sowohl als Schlachthaus als auch als Schlafquartier diente. Sie stand hoch genug über dem Boden, dass die Schweine nicht hineinkamen, und niedrig genug, dass die Ferkel sich darunter verkriechen konnten. Irgendwann errichteten sie ein größeres Wohngebäude, das mit der Zeit zu einem größeren Schlachthaus wurde. So ging das immer weiter, bis ein Labyrinth aus segmentierten Räumen entstanden war, das sich von der Müllkippe aus in das von Baumstümpfen übersäte Gelände hineinfraß wie ein hölzerner Bandwurm.
Wie üblich waren Louise Loop und ihre Mutter in den neuesten Anbau gezogen, während Omar und die Jungs noch im letzten Segment wohnten. Der neueste Anbau wurde »das Esszimmer« genannt, doch man hätte ihn genauso gut als Ess-Wohn-Waschzimmer mit Kochnische bezeichnen können. Im Türrahmen zwischen diesem Raum und den anderen Zimmern war ein Industrievorhang angebracht – herabhängende dicke Plastikstreifen, wie transparentes Leder. Auf der Seite der Männer war der Vorhang mit Blut und Tabakspucke bespritzt, auf der Seite der Frauen mit Schmetterlingsaufklebern dekoriert. Der Frau, um genau zu sein. Die Mutter hatte das Blut und den Müll schon seit über einem Jahr hinter sich gelassen und war in einer Einrichtung für Nervenkranke in Anchorage gelandet. Manche gaben den Schweinen die Schuld, andere dem Bowling. Bei Loops lief im Telesatt nie etwas anderes als Bowling für Bares.
Die Schmetterlinge waren Lulus Idee gewesen, sie meinte, dadurch sähen die Spritzer auf dem Plastik aus wie rote Rosen. Nicht, dass sie etwas gegen Blut und Kautabak gehabt hätte, aber Blumen und Schmetterlinge waren ihr lieber. Tatsächlich gefielen sie ihr so gut, dass sie die Dekoration über die Plastikstreifen hinaus fortsetzte. Schmetterlinge schmückten die unverkleidete Ständerwand. Schmetterlinge klebten auf dem freiliegenden Kabelgewirr und auf der schmutzigen Plane, die man an die Fenster getackert hatte, bis hinauf zur Decke aus Hartfaserplatten, bis hinab zum Sperrholzboden. Es waren Tausende.
Je ein geschmackvolles Exemplar war auch auf die Körbchen ihres Lieblings-BHs gestickt, den hatte sie sich nach der peinlichen Sache vorm Transporter extra angezogen. Dieser Schmetterlings-BH war das erste, das Ike sah, als er endlich wieder zu sich kam, blinzelnd und um Atem ringend. Die grenzenlose graue Kühle war einer Art stickigen Enge gewichen – die Luft war so heiß, dass er sich fühlte wie vom Dampf geküsst. Die Dame des Hauses hielt seinen Kopf sanft im Schoß und umsäuselte ihn, als wäre er nun doch der Held des Tages.
»Und als du dich dann doch mal umgedreht hast und ich dir ins Gesicht sehen konnte … Also da hätte dich doch kein Mensch erkannt, auch nicht am helllichten Tage. Zerkratzt wie du warst! Aber trotzdem, tut mir wirklich leid, dass ich dich umgehauen habe. Mein Fehler. Verklag mich oder hau mir eine rein.«
Ikes Blick wanderte an den Schmetterlingen vorbei und er erkannte Louise Loop. Es schien ihm, als sei sie schon eine Weile damit beschäftigt, sich zu entschuldigen. Sie griff nach einem nassen Lappen und lächelte ihm ins Gesicht.
»Jedenfalls wollte ich noch sagen, danke, dass du im rechten Moment aufgetaucht bist –« Sie wrang den Waschlappen aus und fügte noch ein »Nachbar« an. Ein paar Tropfen fielen ihm ins Gesicht und brannten auf seinen Lippen. Er versuchte, sich aufzusetzen, doch Lulu hielt ihn unter ihrem Geschoss von einem BH gefangen. »Immer mit der Ruhe, das ist bloß Rum.151er. Ich hab den Radiomann angerufen, und er meinte, das taugt als Desinfektionsmittel genauso gut wie das Zeug, das die drüben bei den Auferstandenen Töchtern im Spital benutzen. Schön stillhalten –«
»Wo sind denn alle?«
»Weg. Edgar und Oscar sind mit meinem irren Ex losgefahren und wollen mal sehen, ob Lieutenant Bergstrom ihn nicht wegen beleidigender Körperverletzung einsperren kann. Und Papa ist mit dem Tankwagen zum Hafen, um neues Fischgekröse zu holen. Die Schweine sind seit dem Krawall total aufgedreht.«
»Zum Hafen?« Wieder versuchte er, sich aufzusetzen. »Scheiße, wie spät ist es?«
»Zeit, dass du mal schön liegen bleibst und dich ausruhst. Der Radiomann hat gesagt, ich soll alle Blutungen stillen und das Opfer ruhig und warm halten.«
Ike stöhnte. Der Radiomann hieß eigentlich Dr. Julius Beck und war ein Proktologe, dem man die Zulassung entzogen hatte. Er stammte aus Sydney, wo er sich Dr Outbeck und gelegentlich auch Dr Far Out Beck genannt hatte. Mittlerweile kannte man ihn als den Radiomann, weil er irgendwo einen inoffiziellen Kurzwellensender betrieb, der fragwürdige ärztliche Beratung sowie verbotenen Reggae und Rifrap brachte. Er stotterte stark, und in seinen ersten planlosen Sendungen im CB-Funk stellte er sich wie folgt vor: »G'dye, ihr Schipper. Ihr hört Radio Fi-Fi-Fi-Fishnet!«
»Außerdem soll ich regelmäßig die Pupillen prüfen, wegen Gehirnerschütterung«, fügte Lulu an. Sie lehnte sich über das Kliff ihrer eigenen Brüste und bohrte ihren Blick in seinen. Wie ihr Vater und ihre Brüder war sie untersetzt und stämmig, doch sie hatte ein hübsches Gesicht, das in der Hitze putzig rosa angelaufen war, und einen fluffig-flaumigen, honigblonden Lockenkopf. Ihr Äußeres erweckte in Ike Erinnerungen an einen Zuckerwattestand. Sie wrang ein weiteres brennendes Rumrinnsal aus dem Lappen auf sein Gesicht und lachte über sein Aufstöhnen.
»Hört, hört, der große Bakatcha-Bandit, wer hätte gedacht, dass jemand mit diesem Ruf so eine Heulsuse ist!« Kokett setzte sie nach: »Also ich verstehe ja nicht, wie du dich von einem Windbeutel wie meinem Ex so zurichten lassen konntest.«
»Windbeutel? Der wiegt bestimmt hundert Kilo! Lass mich aufstehen, Lulu, ich muss zur Arbeit.«
»Da ist nichts dahinter«, sagte sie. »Bananenmilch und Stanazon. Du warst nicht ernsthaft in Gefahr, und ich muss es ja wissen.« Sie schüttelte den Kopf über Ikes Zustand und seufzte wieder. »Ich hoffe bloß, du hast dir bei ihm nichts eingefangen.«
Sie wandte sich ab, um den Waschlappen wieder zu tränken. Die Rumflasche steckte in einer Schneewehe aus Pflasterverpackungen, wie um sie kühl zu halten. Als sie den Deckel abschraubte, konnte Ike sich ihr entwinden und setzte sich auf. Er befand sich auf einer zerwühlten Bettdecke, umringt von Kissen und Schmetterlingen. Ein roter Resopaltisch beherrschte die Raummitte, er war über und über mit dreckigen Papptellern bedeckt. Einige der Tellertürme hätten nach archäologischer Untersuchung Aufschluss über sämtliche hier eingenommenen Mahlzeiten der vergangenen Wochen gegeben. An den ineinandergestapelten Pappbechern klebten Getränkereste. Auch unter dem Tisch häuften sich Pappteller, Orangenschalen, Apfelbutzen, Milchtüten und Pizzakartons. Lulu sah zu Ike hinüber, der die Szenerie betrachtete.
»Bald machen wir wieder klar Schiff. Die Schweine mögen es lieber, wenn die Pappe ein bisschen steht. Wahrscheinlich schmeckt sie dann besser.«
Ike fand einen Mukluk und streifte ihn über. Die junge Frau seufzte und stellte die Flasche zurück in ihr Nest, sie hatte die Weiterbehandlung aufgegeben. Sie stand auf und folgte Ike, der sich einen Weg durch den Müll bahnte, bis er schließlich seinen zweiten Fellschuh fand. Als er sich bückte, um ihn anzuziehen, schob Louise eine Hand unter sein Thermounterhemd. »Du bist ja ganz verschwitzt, Mr Sallas. Du solltest dich lieber mal locker machen, ein bisschen entspannen. Das sagen alle.«
»Mein Gott, ja, ich schwitze, Lulu«, keuchte Ike. »Das ist ja auch der reinste Backofen hier.«
»Papa hat's gern warm«, räumte sie ein. »Aber du solltest dich trotzdem mal entspannen. Ich hab dich zum Beispiel noch nie bei der Free Girl Night im Crabbe Potte gesehen. Magst du denn keine Frauen, Mr Sallas?«
»Ich mag Frauen durchaus, Louise.« Auf gewisse Weise war er dankbar für ihren schlichten Köder, da wurde er wenigstens wach. »Die Sache ist, dass ich zum Tagesanbruch mit Alice Carmody verabredet bin, um eine Runde zu fischen. Und ich bin spät dran.«
»Ich bin mir nicht sicher, ob Alice Carmody überhaupt als Frau durchgeht«, sagte Lulu und schob die Unterlippe vor. »Aber ich weiß sicher, dass die Lachse noch ein paar Minuten warten können.«
»Kann sein. Aber Alice Carmody nicht.« Endlich fand er die Tür, gut versteckt hinterm Boiler. Kalte Luft strömte auf ihn ein. Bevor er ging, drehte er sich noch einmal zu ihr um. Sie stand schmollend in der Tür. »Kommst du zurecht, wo der Typ hier rumläuft?«
»Wie süß von dir.« Der Schmollmund wich einem Lächeln. »Keine Sorge, normalerweise hat er sich im Griff. Er ist nur so ausgerastet, als er unerwartet wiederkam und mich mit deinem Kumpel Greer erwischt hat, beim, ähm, Jamaikanischen Bockstanz, so hat Greer das genannt. Ich komme klar. Der ist bloß ein Windbeutel. Edgar und Oscar haben es noch immer geschafft, ihm Vernunft einzubläuen. Ehrlich, ich habe keine Ahnung, was ihn geritten hat, nach dem letzten Mal wieder hier aufzulaufen, er ist ja nicht blöd. Unkraut vergeht nicht, sagt Papa immer. Aber weißt du, der ist ein richtiger Unglücks-Jonas. Papa hat mich immer schon gewarnt, dass die alle Pech bringen. Die kommen so auf die Welt. Ich hab das natürlich nicht geglaubt. Ich war erst fünfzehn, und er wirkte halt, na ja, besonders. Mittlerweile muss ich Papa wohl recht geben: Er ist verflucht auf die Welt gekommen.«
»Danke fürs Verarzten«, sagte Ike.
»Immer gern. Danke für die Rettung in der Not.« Sie tupfte sich mit dem rumgetränkten Lappen den Schweiß vom Hals. »Ich hoffe, du fängst dir nichts ein, wo du jetzt so plötzlich in die Kälte kommst. Papa besteht darauf, dass der alte Ofen immer kräftig befeuert wird.« Sie hörte auf zu tupfen und pustete in ihren BH, erst in das eine, dann in das andere Körbchen, als wollte sie zwei Schüsseln Fischsuppe abkühlen. »Ich geh noch kaputt bei dieser Hitze.«
Der Transporter war verschwunden. Da er Greer kannte, hatte er mit nichts anderem gerechnet. Er eilte zum Jeep, wobei er von einer Grassode zur nächsten sprang, um seine Mukluks vor dem tauenden Frühlingsmatsch und den herumliegenden Abfällen zu retten.
Der Jeep war mausetot. Doch die Fahrbahn hatte eine leichte Steigung, sodass er ihn im Rückwärtsgang anrollen lassen konnte. Er ließ den Motor warmlaufen und bog dann wieder auf den Hauptweg ein. Als er durch die schwelenden Müllberge fuhr, bemerkte er, dass keines der berühmten Deponieschweine zu sehen war. Von den Gipfeln erklang ein schriller Chor, wütend und hysterisch. Lulu hatte recht; der Krawall hatte sie ordentlich aufgebracht, sie gierten nach Abfall.
Auf den geharkten Austernschalen vor seinem Wohnwagen kam Ike zum Stehen, drosselte den Motor und legte den Leerlauf ein. Er hob die Pistole von der Treppe auf und legte sie nach kurzer Überlegung in einen Blumentopf neben der Tür.
Im kalten Wohnwagen war das Licht noch immer grau. Der alte Hund lag noch genauso da, wie er ihn zurückgelassen hatte, die Vorderläufe unterm Kinn gefaltet. Die konnte er immerhin noch beugen, scheinbar alterten die Hinterläufe schneller. All die Jahre, in denen Ike Greer kannte, war Marley bei ihm gewesen, und hatte damit länger durchgehalten als drei von Greers Ehefrauen. Irgendein hochgewachsener Mischling aus Schäferhund und Border Collie, selbst schlafend wirkte er noch wolfsartig und langgliedrig. In der Regel gingen die Leute davon aus, dass der Hund nach Bob Marley benannt worden war, dem längst verstorbenen radikalen Vertreter des Reggae, den Greer bei seinen gelegentlichen Gastauftritten in den illegalen Sendungen des Radiomanns bevorzugt spielte. Ike jedoch wusste, dass Marleys Name auf einen noch älteren Geist anspielte. Greer hatte den Hund an Heiligabend gefunden. Er war allein und auf Draht entlang der Küstenstraße unterwegs gewesen, sein Ziel war Crescent City, wo er eine Krankenschwester kannte, die mit drei Brüsten sowie einer dicken fälligen Hypothek gesegnet war. Seine Scheinwerfer erfassten den Hund, der auf dem Standstreifen neben der 101 her humpelte, nass und verloren. »Marleys Geist!« Mit quietschenden Reifen hielt Greer am Fahrbahnrand. Eine zehn Meter lange Stahlkette hing am blutigen Halsband. »Bist du der Geist, der mich auf den rechten Weg zurückführt, Mann? Spring rein!«
Von seiner Kette befreit, legte Marley das Humpeln bald ab und stellte sich als hervorragender Wachhund heraus – obwohl sein Gebaren eher einer begeisterten Begrüßung denn einer Warnung glich. Er versteckte sich gern unter einem großen Scheinbeerstrauch und stürzte sich lautlos auf jedes Fahrzeug, das auf den Hof gefahren kam. Einmal war er sogar über die Motorhaube von Ikes damaligem Auto, einem alten LeBaron, hinweggesprungen und breit grinsend an dem erschrockenen Fahrer vorbeigesegelt. Das war gefühlt gar nicht lang her, doch mit einem Mal war Marley, der alte Weitspringer, bloß noch alt. Er hätte über keine Schubkarre mehr springen können. Ike gab ihm mit seinem Mukluk einen kleinen Stups in die hagere Flanke. »Marl, weilst du noch unter uns?« Der alte Hund hob die Schnauze und sah sich um. Schließlich richtete sein Blick sich auf Ike, doch statt mit dem üblichen freudigen Wolfsgrinsen begrüßte er das Gesicht vor sich mit einem leisen, ernsten Knurren.
»Hey, Marley, ich bin's! Onkel Ike!«
Ike kniete sich hin und ließ den Hund an seiner Hand schnuppern. Marley hörte auf zu knurren und grinste, ein wenig Scham hatte sich in seine Miene gemischt. Ike kraulte ihm die fransigen Ohren, bis der Hund seinen Kopf zurück in den Schlafsack schob und die trüben Augen schloss. Ike bemerkte einen Kotklumpen, der im Fell an seinem Widerrist klebte, pulte ihn ab, warf ihn in den Abfalleimer unter der Spüle und ging ins Bad, um sich die Hände zu waschen. Er runzelte grüblerisch die Stirn. Marley hatte ihn noch nie angeknurrt. Als er das Licht im Badezimmer einschaltete und sein Spiegelbild sah, begriff er, was passiert war. Er begriff auch, warum das Klappbett bei Louise voller Pflasterpapiere gewesen war. Sie musste eine ganze Packung verbraucht haben. Das Gesicht im Spiegel war kreuz und quer mit bunten Schmetterlingspflastern beklebt. Oberhalb seiner Augenbrauen war der Schädel mit Stoff umwickelt wie bei einer Mumie. Er tastete nach dem Endstück des Verbands, konnte es aber nicht finden. Er versuchte, die Pflaster abzuziehen, doch durch das getrocknete Blut und den Rum waren sie wie festgeleimt. Egal, wie viel Wasser er sich ins Gesicht spritzte, sie hielten bombenfest. Er sah auf die Uhr. Er hatte keine Zeit für diesen Mist. Greer würde warten, aber Alice nicht.
Hastig schlüpfte er in seine Klamotten und sprintete zu Greers knatterndem Jeep, in der einen Hand seine Stiefel, in der anderen eine Schere. Auf der windigen Fahrt durch den Ort gelang es ihm, vier oder fünf Enden seines Kopfverbands loszuschneiden, doch die langen Stoffbahnen flatterten unkontrolliert umher, sodass er sie sich um den Hals wickeln musste, damit sie seine Sicht nicht behinderten.
Bei seiner Ankunft am Kai erkannte er, dass er Alice Carmody richtig eingeschätzt hatte, sie hatte nicht auf ihn gewartet. Zu allem Überfluss hatte die blöde Arschgeige, wie Ike feststellte, als er aus dem Jeep stieg, verdammt noch mal sein Boot mitgenommen. Dagelassen hatte sie ihm ein uraltes undichtes Relikt namens Columbine. Der alte Kahn war nicht zu verwechseln, wie er da ganz allein gleich hinter den Tanksäulen vor sich hin dümpelte. Ein Wunder, dass das Teil nicht unterging.
Im Laufschritt passierte er die verwaisten Piers und sah, dass der steinzeitliche Innenbordmotor schon Abgase aushustete und die Kajütenfenster beschlagen waren. Greer hatte gewartet. Wie ein weißer Mann, dachte Ike spitz. Während er so trabte, bemerkte er, dass er Publikum hatte. Blicke aus allen Fenstern der großen Fischfabrik folgten ihm. Er konnte sich schon vorstellen, was für ein spektakuläres Bild er abgab. Die ganzen Fischgören da oben, die arbeiteten oder die Zeit totschlugen, während sie auf Arbeit warteten, die auf den ganz großen Fang hofften, auf einen Teil der dicken Kohle. Kaum eine Chance. Die meisten von ihnen wohnten auf dem von der Stadt bereitgestellten Campingplatz, ein feuchtes Stück Land in Ufernähe, auf dem eigentlich eine millionenschwere Recyclinganlage für Reifen hätte stehen sollen. Der Unternehmer hatte ganze Schiffsladungen alter Reifen von allen Abfallhöfen zwischen Seattle und Anchorage heranschaffen lassen. Als die Stadtverwaltung von Kuinak herausfand, dass es seine millionenschweren Geldgeber nie gegeben hatte, war er spurlos verschwunden, die Taschen prall von den Entsorgungsgebühren, mindestens fünf Mäuse pro Reifen, und bis zu fünfundzwanzig für die großen. Auch die Abfallhöfe hatten an die Recyclinganlage geglaubt. Niemand hatte geahnt, dass sich dort einmal mittellose Jugendliche zwischen Mücken und Ratten nicht nur durchschlagen, sondern behaupten würden. Doch es hatte auch niemand geahnt, welche Begabung die Fischgören fürs Abwarten mitbrachten, fürs Aufpassen und Abwarten. Und Ike fand durchaus, dass seine improvisierte Darbietung mit wehendem Verband und Schmetterlingspflastern das Warten lohnte. Seht nur! Da läuft Isaak Sallas, der einzig wahre Bakatcha-Bandit. Meine Güte, der sieht ja aus. Mit dem Heldengeschäft ist wohl auch nicht mehr viel los …
Gerade, als Ike an Deck kam, steckte Emil Greer den Kopf aus der winzigen Kajüte. Bei Ikes schauderhaftem Anblick blieb er wie vom Schlag getroffen stehen – Gliedmaßen, Finger, sogar die eng gewundenen Rastazöpfe standen wie elektrisiert vom Körper ab. Eine Klemmzange kreiselte in der Luft wie ein Propeller ohne Motor. »Aaaai!«, kreischte Greer und sprang in seine Kampfkunstpose. Greer hatte einen vielfarbigen Teint, und wenn er sich erschreckte, was regelmäßig vorkam, wechselte sein Gesicht in schneller Abfolge die Farbe, als wäre er ein aufgescheuchter Tintenfisch. Die Zange begann zu fallen, doch Greers linke Hand schoss nach vorn und erwischte das kreiselnde Werkzeug, bevor es auf dem Deck aufschlug. Man warf ihm oft vor, er sei so ängstlich, dass es schon an Arbeitsverweigerung grenzte, aber niemand konnte behaupten, er sei nicht schnell.
»Sacrebleu, verdammte Scheiße, Mann«, stieß er aus und wedelte mit der aufgefangenen Zange vor der Erscheinung herum, »du kannst doch nicht einfach so auf der Matte stehen! Ich dachte schon, ich bin in Fluch der Mumie! Fast hätte ich dich umgelegt!«
Ike ließ mit einem Grunzen seinen Seesack von der Schulter auf den Boden gleiten. »So wie du heute Morgen Louise Loops Mann umgelegt hast?«
»Heute Morgen?« Greer hielt Ikes Blick stand. Seine buntgescheckte Gesichtsfarbe war noch immer unstet. »Ach, na ja, ich habe mich zurückgezogen, weil ich ein gefährlicher Kerl bin«, erklärte er und musterte seinen Partner aufmerksam. »Ich hatte Angst, dass ich dem dicken Weißbrot einen tödlichen Schlag versetzen könnte, wenn ich mich mit dem anlege. Deshalb habe ich mich für den Weg des geringsten Widerstands entschieden.«
»Verstehe.« Ike öffnete den Seesack und tauschte seinen Cowichan-Wollpullover gegen eine orangene Rettungsweste. Er zog die Schnallen fest. »Überaus buddhistisch von dir.«
