Seeraum - Adam Nicolson - E-Book

Seeraum E-Book

Adam Nicolson

0,0

Beschreibung

An seinem einundzwanzigsten Geburtstag erhält Adam Nicolson von seinem Vater, dem Sohn von Vita Sackville-West und Sir Harold Nicolson, eine kleine schottische Inselgruppe: die Shiants. Gelegen an den äußeren Hebriden fallen ihre steilen schwarzen Klippen fünfhundert Meter tief in den kalten, nach mystischen, halb menschlichen Kreaturen benannten »Strom der Blauen Männer«. Robben tummeln sich an ihren Ufern. Hummer suchen sich ihren Weg durch Steine und Tang. Und am Himmel drehen Tausende von Papageientauchern ihre Runden. Auf diesen Inseln mit ihrer jahrhundertealten Vergangenheit, die von ruhelosen Geistern und Geschichten über alte Schätze heimgesucht werden, bietet sich Nicolson ein Ort der Zuflucht und der Einsamkeit. Sie werden ihm zur Heimat und offenbaren ihm »das Freiheitsgefühl, das einen auf einer wasserumtosten Insel durchflutet«. In leidenschaftlicher, zum Funkeln gebrachter Sprache zelebriert Seeraum die Landschaft dieses windgepeitschten, bezaubernd schönen Anwesens und teilt mit uns die Wunder der natürlichen Welt in all ihren Facetten und Paradoxien.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 616

Veröffentlichungsjahr: 2024

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Seeraum

Für meinen Vater

ADAM NICOLSON

SEERAUM

Ein schottisches Inselleben

Aus dem Englischen vonDirk Höfer

INHALT

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

DANKSAGUNG

Bibliografie

Anmerkungen

KAPITEL 1

In den vergangenen zwanzig Jahren gehörten mir ein paar Inseln. Sie heißen Shiants: eine unzweideutige, sanft gerundete Silbe, »the Shant Isles«, wie ein um das y beraubtes Shanty. Für die Welt im Allgemeinen sind sie keine große Sache. Auf einer Karte von den Hebriden würde schon die Kuppe eines kleinen Fingers reichen, um sie zu verdecken, und wenn ihre zweihundertzwanzig Hektar Gras und Felsen als ein unscheinbares Stück Moor mit ein paar weidenden Schafen in der Tiefe des schottischen Festlands begraben wären, hätte ihnen wohl kaum jemand auch nur die geringste Beachtung geschenkt. Doch die Shiants sind ganz anders. Keineswegs sind sie klein und unbedeutend. Etwa sieben Kilometer vor der Küste von Lewis ragen sie hoch und unübersehbar auf, umgeben von den in der Meerenge des Minch herrschenden Rippströmen. Ihre schwarzen, hundertfünfzig Meter hohen Klippen fallen ab in eine kalte, minzgrüne See, Robben faulenzen an ihren Ufern, Hummer suchen sich ihren Weg durch Steine und Tang und über den Felsen drehen Tausende und Abertausende Seevögel ihre Runden.

Im Sommer steht das Gras auf den Anhöhen über den Klippen voller Blumen: Moorlilie und Zarter Gauchheil, vielblütige Orchideen, die Sterne von Dilledapp und Kreuzblume. »Großen Überfluss von Wachstum darf man in dergleichen Himmelsstrichen nicht erwarten«, schrieb Dr. Johnson, doch dieser Mikrokosmos der Hebridenflora, deren Gelb- und Dunkelvioletttöne stets nur ein paar Zentimeter über die Grasnarbe hervortreten, ist ein großer und kaum beachteter Schatz. Ich denke daran, wenn ich, zurück in England, über teure Perserteppiche gehe – die gleichen Tupfer dichter, unaufdringlicher Farbe, das gleiche Verhältnis von Untergrund und Verzierung – das plötzliche Aufscheinen der Hebriden in den Räumen eines wohlhabenden Menschen. Es ist ein privates Signal für mich, ein vom Boden kommendes Piepsen, das durch das Geraune aus Unterhaltungen und dargebotenen Getränken zwinkert: Denk an mich. Es gab Zeiten in den vergangenen zwei Jahrzehnten, da diese Inseln zum Wichtigsten in meinem Leben gehörten. Sie sind mir eine Art Heimat geworden, ein Ort, an den ich immer wieder zurückkehre. Vor über sechzig Jahren hatte sie mein Vater für 1.400 Pfund erworben. Als ich einundzwanzig wurde, übergab er sie an mich, und ich werde sie meinem Sohn übergeben, wenn er, in vier Jahren, einundzwanzig Jahre alt wird. Nicht dass dies, wie Zyniker manchmal behaupten, aus Steuergründen geschehen würde. Die Shiants haben mit Geld so gut wie nichts zu tun, jedenfalls waren sie eine katastrophale Investition. Seinerzeit hätte mein Vater für die gleiche Summe ein jakobinisches Herrenhaus in Sussex oder in Cambridgeshire eine Farm mit achtzig Hektar besten Ackerlandes kaufen können. Beides wäre inzwischen eine Million Pfund wert, wenn nicht mehr. Bei einem Verkauf der Shiants würde ich mir heute vielleicht eine Zweizimmerwohnung in Fulham leisten können.

Es ging also nie um finanziellen Reichtum. Mein Vater kaufte die Inseln und gab sie später an mich weiter, weil er als noch junger Mann das Gefühl hatte, sich durch den Besitz eines solchen Orts weiterentwickeln zu können. Er hoffte, sich durch das Erlebnis, dort allein mit seinen Freunden zu weilen, durch die Verbundenheit mit einer Natur, die so schlicht und schnörkellos ist, mit einer Landschaft und einer See, die so großartig sind, dass sie eine Flucht in eine anscheinend andere Dimension erlauben, neue Anreize zu verschaffen. Es war wie ein Aufbruch von Zuhause, ein Schritt in eine andere Welt. Als er 1937 zum ersten Mal die Inseln aufsuchte, beschrieb der damals einundzwanzig Jahre alte Student am Balliol-College dies etwas launig und sprunghaft in einem Brief an seinen Bruder Ben:

Am nächsten Morgen wache ich auf und sehe die Sonne in einem Himmel, so rein wie eine bayerische Jungfrau. … Ich liege gewöhnlich den ganzen Morgen ohne Kleider auf einem Felsen hoch über dem Meer, lese und kommentiere Hegel. Nachmittags laufe ich barfuß eine Meile über die Heide an den Rand des nördlichen Kliffs, wo ich mich hinwerfe, um zu lesen, zu schreiben oder auf das Meer zu blicken und über das Leben oder über den Himmel als solchen nachzudenken. Der Blick von dort oben ist so beschaffen, dass es wohl nur Griechenland mit ihm aufnehmen könnte.

Und dann, etwas betreten, torpedierte er das Ganze: »Ich fürchte, man wird unter diesen Umständen ziemlich Golden Bough.1«

Trotz allen Blendwerks, die Erfahrung war echt, und vierzig Jahre später wollte er, so denke ich, diese Erfahrung der Größe an mich weitergeben: den wunderbaren Seeraum, das Freiheitsgefühl, das einen auf einer wasserumtosten Insel durchflutet. Das Geschenk war das folgende: die nun überall und jederzeit aufzurufende Empfindung, in der sauberen, über den Atlantik strömenden Luft zu stehen, allein auf diesen Inseln, die die letzten Einwohner vor mehr als hundert Jahren verlassen hatten. Ich habe diese Inseln bis in die letzten Ritzen ausgespäht, habe Hummer und Samtkrabben aus dem Meer gezogen, den essbaren Lappentang von den Wänden der Meeresgrotten und dem großen gotischen Felsbogen gepflückt, der auf einer der Inseln eine schmale Landspitze durchbricht, bin zwischen den fauchenden Krähenscharben umhergeklettert und habe in die dunklen verdreckten Tunnel geschaut, in denen die Papageitaucher leben und ihr seltsam herzerweichendes Blöken von sich geben, das wie eine schwere, sich in ihren rostigen Angeln drehende Tür klingt; und ich habe im hohen Gras gelegen, während die Raben über mir krächzten und Kapriolen schlugen und die Skuas in einem milchig blauen Himmel ihre Kreise zogen. Bisweilen habe ich, und das ist vielleicht eine Art Delirium, keinen Abstand mehr verspürt zwischen mir und diesem Ort. Ich habe ihn absorbiert, wie ich von ihm absorbiert wurde, als würde ich außerhalb von ihm nicht mehr existieren. Ich bin von den Zeiten auf den Inseln geformt worden, und nun fällt es mir schwer, Distanz zu ihnen zu finden. Die Landschaft ist in mich eingedrungen und hat mein Leben eingefärbt wie eine Beize. Fast alles andere fühlte sich weniger dicht und weniger intensiv an als diese Momente des Ausgesetztseins. Die Gesellschaft, die Politik, das Vorantreiben der Arbeit und der Karriere – all dies ist von der Größe und Ernsthaftigkeit jener kurzen Phasen meines Insellebens in den Schatten gestellt worden.

Es gab eine Zeit, als ich dachte, es würde mir unerträglich schwer fallen, die Inseln abzugeben, selbst an Tom. Manchmal, spät in der Nacht in fremden Hotels und weit von ihnen entfernt, hörte ich den Seewetterbericht: »Hebriden, Minches, Sturm der Stärke 10, dreht ab in Richtung Südwesten, Eisregen, Sichtweite 200 Meter«. Ich stellte mir dann vor, wie sie wohl sein mochten, nass, zerschmettert und unerträglich, der Regen wie eine Handvoll Reis gegen das Fenster der Hütte schleudernd, das Schäumen der See, wenn, wie in einem berühmten gälischen Gedicht, »die gewundene schwärzliche Wellhornschnecke, die unten am Meeresboden lebt / sich an der Bootsreling festhakt und dem Schiffsboden einen Riss verpasst«, wenn die Vögel hinter den großen Steinen kauern und die Schafe den Sturm mit der Geduld von Heiligen und der Würde von Märtyrern ertragen. In diesen Momenten, wenn die Inseln weit weg waren, fühlte ich mich ihnen am meisten verbunden. Die Shiants sind die mächtigste Abwesenheit, die ich kenne. Auf jedem Flug über den Atlantik halte ich nach ihnen Ausschau, suche in den Wolken nach einer Öffnung, um sie zu sehen, wie sie still und wie auf einer Landkarte unter mir daliegen, in einem schimmernden und funkelnden Meer, während die Stewardess Kopfhörer und warme Handtücher verteilt. Auch das ein Aspekt des befürchteten Verlusts.

Inzwischen ist dies anders geworden. Ich habe mich geändert und ich brauche die Inseln nicht mehr so sehr wie früher. Das Geschenk, das ich erhielt, ist das Geschenk, das ich nun machen möchte. Die Inseln sind, was sie immer waren, ein Ort für einen jungen Mann. Tom wird hier seine Zeit verbringen, mit seinen eigenen Freunden und seinen eigenen Entdeckungen. Er wird die Shiants auf andere Weise kennen und missen als sein Vater oder sein Großvater. Ein Ort entfaltet sich in den Köpfen der Menschen, die ihn besitzen, und nun ist Tom an der Reihe.

Das Buch ist mein letztes Eintauchen in diese Welt. Ich habe versucht, die Inseln auf eine Weise kennenzulernen wie nur selten zuvor etwas. Über die Shiants ist noch nie in größerer Ausführlichkeit geschrieben worden, und diese Schilderung hier bezeichnet sowohl einen Anfang als auch, jedenfalls für mich, ein Ende. Es ist ein Versuch, die ganze Geschichte eines kleinen Flecks, so wie ich sie heute sehe, in möglichst vielen Dimensionen – geologisch, spirituell, botanisch, historisch, kulturell, ästhetisch, ornithologisch, etymologisch, emotional, politisch, sozial, archäologisch und persönlich – zu erzählen. Es handelt sich um die Beschreibung einer Welt, die mir mein Vater geschenkt hat und die ich im Frühjahr 2005 an meinen Sohn übergeben werde.

Vor etwa einem Jahr hörte die West Highland Free Press, eine radikale oder sich radikal gebende und gegen Großgrundbesitzer eingestellte Zeitung aus Broadford auf der Insel Skye, dass ich ein Buch über die Inseln schreiben wolle, und veröffentlichte die folgende Karikatur: Ich bin der englische Fatzke. Ich bin von oben bis unten mit allem, womit mich die Lummen bewerfen können, bekleckert, und ein Seeungeheuer rülpst mich an. Ich hocke zwar auf dem glitschigen Felsvorsprung, bin aber ein Fremdkörper. Ich träume vielleicht von den Shiants, sollte mich aber von Rechts wegen in meiner natürlichen Umgebung aufhalten, dem Club in St. James’s, wo ich meinen Bowler aufbürste, meinen Schnurrbart wichse und mit anderen Clubmitgliedern über den Zustand des Marktes oder den Verlust des Empires rede. Meine Anwesenheit auf den Shiants ist so selbstverständlich und überzeugend wie die eines Riesenhais, der im Speisesaal des Ritz eine Sole Véronique bestellt.

Auf den Hebriden ist dies eine weit verbreitete, wenn auch selten geäußerte Haltung. Der Landbesitzer aus England ist ein Fremdling, halb Witz, halb Reizthema, ein Tourist, der glaubt, er habe einen Anspruch auf die Gegend. Einmal trank ich in der mittäglichen Dunkelheit der Macleod’s Bar am Kai von Tarbert ein Glas mit Uisdean MacSween. Hughie MacSween, wie ich ihn nenne, Schäfer aus Scaladale am Loch Seaforth, ist einer der großen Schafhalter auf Harris. Während meiner Kindheit und auch noch bis in mein frühes Erwachsenenalter hinein hatte er über viele Jahre seine Herde auf den Shiants. Formell gesehen war er mein Pächter. Er zahlte mir fünfzig Pfund jährlich für das Gras. Doch in Wirklichkeit verhielt es sich anders: Er war der Meister und ich sein Schüler. Seine Gegenwart vereinnahmte mich völlig. Er raunte seine Geschichten durch Lippen, die ständig am ausgefransten Stummel einer Selbstgedrehten hingen, wobei seine Augenbrauen, die wie lange Flechten aussahen, bei jeder Pointe nach oben zuckten. Die Bewegungen seines Munds waren wie das zarte Flackern einer Flamme, so leise, dass man immer näher an ihn herankriechen wollte, um ihn zu hören, um das Ohr an seine Lippen zu halten. Und während er redete, bewegten sich seine Augen von einem weg zum Horizont und wieder zurück: Du, der Zuhörer, das Ziel seiner Worte, und der Horizont irgendwie ihr Ursprung. Während er mir noch ein Bier und noch einen Schnaps ausgab, rollte ein langes grollendes Lachen aus seiner Brust und zerbarst in ein bronchiales Chaos, und dann, an einer wichtigen Stelle, bei einer heiklen Sache, einem heiteren Aspekt menschlicher Torheit – noch ein langer letzter Zug an seiner Zigarette – griff er unvermittelt nach meinem Arm.

Hughie MacSween, das waren für mich viele Jahre lang die Shiants. Einmal, lange nachdem ihn eine Krankheit gezwungen hatte, die Inseln aufzugeben, erzählte er mir, er würde niemals am Abend schlafen gehen, ohne im Kopf die Inseln von einem Ende zum anderen abzuwandern: vom Anlandeplatz am Strand den steilen Anstieg hinauf und dort auf den Schafspfaden entlang der Flanke und weiter über den breiten Rücken von Garbh Eilean, am Rand der großen torfgefüllten Senke vorbei und bei Glaic na Crotha hinunter ins Tal und dann bis ganz ans Ende von Stocanish, wo die Lämmer eins nach dem anderen die Stufen des Nordkliffs hinuntersprangen, hinab zu dem Gras, das in der Nähe der See noch grüner wuchs, bis sie nicht mehr weiter kamen und er sie retten musste und sie einzeln wie ein Bündel Sackpfeifen unter den Arm geklemmt zurückbrachte. »Ich kenne jeden einzelnen Zentimeter dieser Inseln«, sagte er und fügte hinzu: »Und ich weiß, du tust es auch«, Worte, die ich immer in Erinnerung behalten werde.

Ein Mann gesellte sich zu uns, ein bisschen betrunken, seine Mütze noch auf dem Kopf, seine Haut weiß. Hughie beachtete er erst gar nicht. »Sind Sie der Mann, der behauptet, ihm gehörten die Shiants?«, fragte er mich von oben herab.

»Ja«, meinte ich, ganz die feine englische Art, mit einem Lächeln, »das bin ich.«

»Ein Scheiß sind Sie.«

Ich lachte.

»Die Inseln gehören so wenig Ihnen, wie ich sagen kann, dass mir der Mond gehört.«

Hughie wiegte den Kopf und lächelte den Mann an, versuchte zu beschwichtigen, die Situation zu beruhigen, und murmelte und knurrte uns besänftigend zu, wie er es auch bei seinen Hunden zu tun pflegt. »Setz dich doch, setz dich«, sagte er und klopfte mit der flachen Hand neben sich auf die Bank.

Der Mann setzte sich und fuhr fort. Er hielt Hughie beim Arm. »Das ist der Mann, dem die Shiants gehören. Sie gehören doch dir, Uisdean, oder nicht?«

Hughie blickte zu Boden, seine Art der Verlegenheit. »Oh, das würde ich nicht unbedingt sagen, Murdo.«

»Hier jedenfalls sitzt der Mann, der sagen müsste, er sei der Besitzer der Shiants. Er hat seine Schafe dort. Er macht die Arbeit. Und er kümmert sich um sie. Und was haben Sie dazu zu sagen? Was tun Sie denn, dass Sie sagen können, die Shiants gehörten Ihnen?«

Meine Antwort, hätte ich sie denn gegeben, wäre auf einen Kampf hinausgelaufen. Die Shiant-Inseln gehören mir; ich kann sagen, dass sie meine zweihundert Hektar Fels, Gras, Klippen und Wildnis sind, die mitten im Minch zwischen Skye und Lewis aufragen und auf allen Seiten von der See bedrängt werden, weil mein Vater sie mir gegeben hat. Er hatte sie gekauft, nachdem seine Großmutter gestorben war und ihm etwas Geld hinterlassen hatte. Seine Mutter hatte die Anzeige im Daily Telegraph gesehen. Colonel Macdonald aus Tote auf Skye, der die Inseln im Jahr zuvor erworben hatte, dachte, sie würden ein ideales Gestüt für Rennpferde abgeben. Er war von dem Romancier Compton Mackenzie, der die Inseln damals besaß und – wie meistens – Geld brauchte, zu diesem lächerlichen Kauf überredet worden. Mackenzie hatte sie seinerseits 1925 von den Nachlassverwaltern Lord Leverhulmes erworben, und Lord Leverhulme hatte sie 1917 zusammen mit Lewis und Harris von den Mathesons abgekauft. Die Mathesons wiederum – sie schwammen in den Millionen, die sie mit dem Opiumhandel zwischen China und Hongkong gemacht hatten – hatten 1844 Lewis von den Mackenzies, der Familie der Grafen von Seaforth erworben, die sich auf ihre Besitzungen auf dem Festland zurückzogen. Die Mackenzies hatten zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts, in einer Zeit beispielloser Gewalt und des Verrats, die laut einem Dokument als die »Übelen Wirren von den Lewes« bekannt waren, in denen »der Macleoid von den Lewes mit seiner ganzen Sippschaft verderbt und seiner Besitzungen auf den Lewes enthoben wurde«, den Besitz von einigen Herren aus Fife gekauft, der ihnen von der Krone zur Gründung einer Kolonie übereignet worden war, obwohl er den angestammten Eigentümern, den Macleods von Lewis noch immer, zumindest zum Teil, gehörte. Erst nach »vielen Wirren und viel Blut« konnten sich die Mackenzies die Inseln sichern. Die Macleods wiederum – »die entschlossensten und tapfersten Männer, dabei ein niederträchtiger blutrünstiger Haufen, der sich weder von Gesetz noch Vernunft leiten oder bändigen ließ und der sich ohne Unterlass gegenseitig umbrachte« – hatten sie im zwölften Jahrhundert von den Nicolsons gestohlen, die vielleicht dreihundert Jahre zuvor als Wikinger dort angelandet waren. Man kann davon ausgehen, dass auch sie – wir – den bislang dort lebenden Einwohnern schreckliche Dinge angetan hatten.

Nicolson, Macleod, Mackenzie, Matheson, Leverhulme, Mackenzie, Macdonald, Nicolson: zwölfhundert Jahre, acht verschiedene Grundherrenfamilien, die die Shiants als die ihren erachteten. Ich war ihr Erbfolger, und deshalb konnte ich und nicht Hughie MacSween beanspruchen, der Besitzer der Inseln zu sein. Allerdings habe ich nichts dergleichen gesagt. Hughie gab dem Mann ein Glas aus, und ich – das Wikingerblut in meinen Adern ein bisschen dünn – duckte mich hinter ihm weg.

1894 gab der Reverend Donald MacCallum, ein hochemotionaler Pastor des Sprengels von Lochs auf Lewis, zu dem die Shiants seit den 1720er Jahren gehörten, gegenüber einer Königlichen Kommission, die der Lage der Crofter oder Kleinbauern auf der Insel nachging, eine lange und leidenschaftliche Stellungnahme ab. Mit ihren in biblischen Anspielungen suhlenden starken Übertreibungen und einem Rückbezug auf eine Rhetorik, die eher auf den subversiven Wurzeln des Christentums als auf einem annähernd modernen Verständnis von Rechten und Verantwortlichkeiten beruht, handelte es sich um eine der heftigsten Attacken gegen die Institution des Grundherren, die je geritten worden sind. »Die größten Übel«, hob MacCallum an,

entspringen zwangsläufig der Tatsache, dass das Land, Seen, Flüsse und Mündungsgebiete für den alleinigen Nutzen einiger weniger unverantwortlicher Individuen in Besitz genommen und ihrem Willen gemäß reguliert worden sind, die sich nach eigenem Gutdünken und dem anderer zu Herren erklären. Jeder Mensch hat ein natürliches und gottgegebenes Recht auf die Erde und ihre Fülle – ihre Fülle an Licht, Luft und Wasser, an Vegetation und Früchten, an Wild, Vögeln und Fischen, an Metallen und Mineralien. Die Herren, die das Land als Erste verkauften, hatten kein Recht, dies zu tun, und deshalb sind die Herren, die das Land kauften, nicht seine Eigentümer. Was zu verkaufen ein Mann kein Recht hat, kann auch nicht Eigentum des Mannes werden, der es kauft.

Meine apostolische, vor einem Jahrtausend von den Nicolson-Wikingern ausgehende Nachfolge bedeutet nichts. Schon die Idee des Besitztums ist unrechtmäßig. MacCallum fuhr fort:

Das Grundherrentum lässt das Land verarmen. Anstatt dass der Reichtum, der auf dem Meer und an Land herrscht, dazu herangezogen wird, die Familien jener, die ihn ernten, zu unterhalten, wird er für die Schwelgereien eitler Herren ausgegeben. Die elende Armut und die Not, die dieser Usurpator nach sich zieht, erheben ihre Stimme gegen ihn und verdammen ihn. Grundherrentum verheert das Land. Auf dem Angesicht der verlassenen Dörfer, einst das glückliche Zuhause der Freien und Tapferen, die nun in stiller Verwüstung darniederliegen, lesen wir: »Die Geißel des Grundherrentums ist über uns gekommen.« Ich habe noch von keiner Kreatur gehört, deren Schlund eine solche Gier kannte wie das Grundherrentum. Das Vieh und die Kornähren, die der Pharao in seinem Traum erblickte, kommen ihm noch am nächsten.

Auf den Shiants und in Pairc, dem den Inseln am nächsten gelegenen großen Landstück von Lewis, gibt es viele Ruinen und Anzeichen, dass das Land aufgegeben wurde. Die Leere heute ist ein Symptom genau dieses Grundherrentums, dessen aktueller Nutznießer ich bin.

Unter dem Kreuzverhör der Kommission wurde MacCallum demontiert. Über den Sachverhalt, den seine Kanzelsprache in so großartigem Überschwang geschildert hatte, wusste er ganz offenbar kaum Bescheid. Er hatte keine Ahnung von der Größe seines Sprengels, der Zahl seiner Einwohner, dem Anteil fruchtbaren und urbaren Bodens, der ihnen zur Verfügung stand, oder der Produktivität jenes Lands, das zu bestellen ihnen seiner Behauptung nach versagt war. Er wurde von den Rechtsanwälten gedemütigt. Doch seine Worte, die ich erstmals vor zwanzig Jahren in einem dicken, von der Kommission verfassten Kompendium gelesen habe, klingen bis heute in mir nach. Was MacCallum zu sagen hatte, trifft vielleicht für jede Form von Besitz zu, doch in dieser kahlen und verlassenen Landschaft gewinnt es besonderes Profil. Mein Anspruch auf die Shiants verdankt sich, um es deutlich zu sagen, einer Abfolge von Gewaltakten und buchstäblich von Morden, Vergewaltigungen und Vertreibungen. Es mag zwar in späteren Zeiten Geld von Hand zu Hand gegangen sein – mein Vater hatte 1.400 Pfund, Macdonald 1.500, Compton Mackenzie 500 gezahlt –, doch was Reverend MacCallum sagte, ist wahr: »Die Herren, die das Land als Erste verkauften, hatten kein Recht, dies zu tun, und deshalb sind die Herren, die das Land kauften, nicht seine Eigentümer.«

Meine Insel ist kein Ort, von dem andere ausgeschlossen sein sollen. Ich habe von den Shiants mehr Reichtümer erhalten als von jedem anderen Ort auf der Erde. Über viele Jahre habe ich mich von diesem wilden und herrlichen Platz mehr als versorgt gefühlt. Wie stünde es mir also zu, alle anderen davon auszuschließen? Es gibt etliche gute Grundbesitzer auf Lewis und Harris, die wöchentlich samstags freien und allgemeinen Zugang zu ihren Lachsbächen gewähren; die denjenigen, die auf Hirschjagd gehen möchten, die Möglichkeit einräumen, in der Jagdsaison ohne Gebühr Hirschkühe zu schießen. Das sind Entwicklungen, die erst kürzlich eingesetzt haben, und nicht alle Landbesitzer haben sich ihnen verschrieben. Es gibt immer noch ein oder zwei, die auf ihrem Grundbesitz eine rigorose, mitunter schroffe Politik der Exklusivität verfolgen, die alles dafür tun, die Menschen davon abzuhalten, über ihre Hügel zu wandern, zumindest in der Jagdsaison, die ihre Wildhüter und Gewässerinspektoren beordern, in den Küstenstädten die Fischerboote zu inspizieren und nach den Netzen der Lachswilderer zu suchen, die sogar Helikopter losschicken, um Netze im Meer aufzuspüren, oder die in den letzten Jahren versucht haben, den einen oder anderen öffentlichen Straßenabschnitt zu privatisieren. Anders gesagt, noch immer gibt es ein paar Großgrundbesitzer, die sich so verhalten, als bringe die Tatsache, dass ihnen diese Vergnügungsgebiete gehören, keine oder nur wenige Verantwortlichkeiten gegenüber den benachbarten Gemeinden mit sich.

Das ist, wie ich glaube, falsch, und dieses Buch ist zum Teil eine Reaktion darauf. Ich mag zwar im Besitz der Urkunden für die Shiants sein, ich liebe sie vielleicht mehr als andere Orte auf der Erde, denke aber nicht, dass ich – oder ein anderer Grundbesitzer – so etwas wie ein alleiniges Recht auf sie habe. Trotz allem Enthusiasmus, der MacCallum befiel – man kann förmlich sehen, wie sich sein Gesicht rötete und er sich in seiner Rhetorik immer mehr aufblies und schließlich schwabbelte wie der Rüssel eines Seeelefanten, wie er in sich zusammenfiel, als er die Skepsis der Kommission spürte, und wie ernüchtert er gewesen sein muss, als er, zurück in seinem Pfarrhaus, sich noch einmal das Geschehen vergegenwärtigte: die Abschnitte, die gut klangen, und jene, die, wie er sogar selbst befürchtet hatte, weniger gut waren –, trotz alledem hatte er recht damit. Land, insbesondere Land so weitab vom Getriebe der Welt, und vor allem Land, in dem die Wunder der Natur in solcher Üppigkeit vorkommen, sollte allen zur Verfügung stehen. Dieses Buch ist ein Versuch, die Shiants mit allen zu teilen.

Die Shiants sind kein wirklich einsamer Ort. Das ist eine moderne Illusion. Für die Inseln stellte sich die Frage der Einsamkeit nur zweimal: zwischen dem siebten und dem zehnten Jahrhundert in der Blütezeit des von Columban angestoßenen Klosterlebens und im zwanzigsten Jahrhundert. Die meiste Zeit ihrer Geschichte entsprachen die Shiants keineswegs Versatzstücken aus gewissen Wagner-Bühnenbildern, bestehend aus ein paar Felsbrocken in einer unwirtlichen See, neben denen der einsame Held in aller Erlesenheit seinen Atem aushauchen konnte. Sie standen mit der sie umgebenden Welt in engster Verbindung. Bis 1901 waren sie, wohl seit fünftausend Jahren, fast ununterbrochen besiedelt. Dass wir mit unserem modernen Blick solche Orte als verwaist oder verwitwet ansehen, quasi von einer Dickensschen Bitterkeit des Verlassenseins durchtränkt, ist im Ganzen betrachtet falsch. Die Shiants sind gesegnet mit jener Inselschönheit, zu der sich der Mensch gewiss schon seit vielen Jahrtausenden hingezogen fühlt, mit guten Böden und naturgegebener Fruchtbarkeit, mit einem Meer, reich an Plankton sowie Raubfischen und Seevögeln, die sich in einer vier- oder fünfstufigen Nahrungskette davon ernähren. In der Saison sind diese Inseln der Sammelpunkt für Millionen von Vögeln und anderem tierischen Leben und so turbulent wie ein Börsenparkett, eine Arena des Wettbewerbs und der Bereicherung. Sie sind das Zentrum ihres eigenen Universums, der zentrale Knoten in einem Geflecht von menschengemachten und natürlichen Verbindungen, das sich zunächst über die umliegenden Meeresgewässer, dann bis zu den angrenzenden Küsten und weiter über die Seewege erstreckt, die sich über Tausende Kilometer entlang der Randgebiete des Atlantiks und bis in die Kernlande Europas ausspannen.

Auch wenn sie entlegen zu sein scheinen, waren die Shiants niemals provinziell. Sie gehören zur großen weiten Welt und sind eine vom Menschen tief geprägte Landschaft, Gegenstand von Geschichten, Liedern und Gedichten. Sie waren Schauplatz versuchten Mordes, von Zauberei und schrecklichen Unfällen. Sie waren Zeugen von Glück und Grausamkeit jeglicher Art. Sie erlebten großen Reichtum und verheerende Armut. Sie können so lieblich sein wie der Garten Eden und so heimtückisch wie die Hölle. Sie wissen zu vereinnahmen und abzuweisen, machen einen glauben, nirgends auf der Erde sei es so vollkommen, und geben einem das sehnlichste Gefühl, überall, nur nicht hier zu sein. Mir ist kein Ort bekannt, an dem das Leben so üppig, die Erfahrung so direkt oder die Grenze zwischen dem Selbst und der Welt so papierdünn ist. Ich liebe die Shiants ihrer zerklüfteten, schroffen und delikaten Pracht wegen, und dieses Buch ist ein Liebesbrief an sie.

KAPITEL 2

Es war früh im April und ein kalter Wind peitschte aus Südwest. Freyja lag an dem kleinen felsigen Eiland vor der Landspitze von Flodabay an der Ostküste von Harris vor Anker. Aus dem dunklen Wasser spähte eine Robbe. Aus dem Moor sickerten saure Bäche ins Meer. Das Boot schaukelte leicht und die Sonne glitzerte, von den Plankengängen der Bilgen reflektiert. Ich zitterte, nicht wegen der Kälte, sondern weil mich die Vorstellung, allein in dem kleinen Boot zu den Shiants hinaus zu segeln, ängstigte. Die Flaggleine schlug gegen den Mast und die kleinen Wellen, die sich an der Unterseite des Rumpfes fingen, glucksten. An den Ufern von Flodabay stand das Wintergras fahl und büschelig und das Boot war in spätwinterliche Sonne getaucht. Freyja misst vom Vordersteven zum Heck sechzehn Fuß2 und wirkt vom Ufer aus so leicht wie ein Spielzeug aus Balsaholz. Das Boot und der Minch, das sind zwei Größenordnungen, die unvereinbar sind.

Es war das erste Mal, dass ich vorhatte, allein zu den Shiants zu segeln. Zuvor hatte ich mich stets von Fischern aus Scalpay oder Bootsführern aus Lewis hinüberbringen lassen und reiste, wie ich im Rückblick sagen würde, wie ein Mann in einer Sänfte, elegant an Bord genommen, gewissenhaft hinübergebracht und behutsam abgesetzt. Doch das war im Grunde zu wenig. Es bedeutete, nicht wirklich mit dem Ort verbunden zu sein. Man kann eine Insel nur kennen und verstehen, wenn man auch das Meer in ihrer Umgebung kennt und versteht.

Sechs Monate zuvor hatte ich über die Geschichte der Birlinn gelesen, jenes von den Wikingerschiffen abstammenden Segelboots, das in diesen Gewässern bis mindestens ins siebzehnte Jahrhundert hinein von den Highland-Chiefs benutzt wurde. Mit diesen Schiffen unternahmen sie ihre Raub- und Handelszüge, und ihr Leben war mit ihnen nicht weniger verbunden als mit einer Wohnstatt auf dem Land. In dem Buch wird das steinerne Relief einer Birlinn beschrieben, das auf dem Grab von Alasdair Crotach, dem buckligen Alasdair, einem Mitte des sechzehnten Jahrhunderts verstorbenen Macleod-Oberhaupts in Harris, bis heute überdauerte. Dieser Alasdair war ein gewalttätiger Mann, der Massenmörder der Macdonalds auf Eigg, Männer, Frauen und Kinder, deren dreihundertfünfzig er in einer Höhle mit einem an ihrem schmalen Eingang entzündeten Feuer erstickte.

Die Birlinn dieses Schlächters ist ein Bild von außerordentlicher Schönheit.

Die Form und Biegung jeder Planke, die Befestigungen des Ruders, selbst die Lage der Taue in der Takelage, alles ist mit Akkuratesse, Klarheit und, man kann es nicht anders sagen, Liebe in den Stein gemeißelt. Um das Bild herum sind Engel, Apostel und biblische Geschichten in relativ grober Manier wiedergegeben. Ihre Gestalten treten nicht wirklich aus dem Stein hervor, bei dem gemeißelten Schiff jedoch werden die einzelnen Stoffbahnen in dem gebauchten Segel sichtbar. Dort zeigt sich sogar, wie sich ein Segel gegen das dahinter angedeutete Vorstag drückt. Vor allem jedoch gibt das Relief liebevoll die Form des Rumpfes wieder, die Tiefe des Kiels und die Bauchigkeit des Unterwasserschiffs. Das alles war, um etwas überaus Bedeutendes zu bezeugen, millimetergenau in den Stein geschlagen worden. Die Birlinn ist in ihrer ganzen Länge und voll aufgetakelt abgebildet, aber außerhalb des Wassers, sodass der Rumpf in seiner ganzen Schönheit zur Geltung kommt. Nur ein Schiffsbauer oder ein Seemann dürfte in der Lage gewesen sein, so etwas in Stein zu meißeln. Es ist ein mentales Bild, keine Abbildung eines echten Schiffs auf See, hier ist wiedergegeben, wie man sich ein vollendetes Schiff vorstellt, ausgeführt von einem Mann, der es wissen musste. Der Verfasser der Geschichte der Birlinn hat seinem Hauptkapitel ein gälisches Sprichwort vorangestellt:

’S beag tha fios aig fear a bhaile,

Cia ’mar ’tha fear na mara beò.

Die Landratte [wörtlich der Mann aus dem Dorf] hat keine Ahnung Wie der Matrose [der Mann des Meeres] lebt.

Das war die Kluft, die ich überbrücken wollte; ich wollte mir die Denkweise zulegen, die der Bildhauer der Birlinn so mühelos verdeutlicht hat. Ich rief den Autor John MacAulay an. Er lebte in Flodabay im Süden von Harris. Ob er vielleicht jemanden kenne, der mir ein Boot bauen könnte, das diese nordische Tradition weiterführen würde? Das ich alleine würde segeln können? Das sicher und robust genug sei, selbst an einem schlechten Tag im Minch zu bestehen, und das man, wenigstens mit einer Winde, auf den Strand ziehen könnte?

»Oh ja«, sagte John mit seiner hellen, dünnen Stimme. Bestimmt, freundlich, höflich, introvertiert, klar und federnd.

»Und das wäre auf Harris?«

»Wie es aussieht, ja.«

»Klingt gut. Und wer ist der Schiffsbauer?«

»Nun, ich glaube, Sie sprechen gerade mit ihm.«

John MacAulay war nicht nur ein Historiker des Wikingererbes, sondern auch ein Bootsbauer mit fünfunddreißigjähriger Erfahrung. Er hatte auf der Shetland-Insel Unst sowie in Oban und Kyle Fischerboote gebaut und repariert. Als ehemaliger Fischer war er ein erfahrener Yacht-Seemann. Er war einer der führenden Experten für die Geschichte des Seekajaks und der traditionellen Arbeitsboote der Hebriden. Zudem war er Kirchenältester seiner Kirche in Leverburgh und Verfasser eines Buchs über die Kirche von Rodel, in der sich das Birlinn-Relief befindet. Etwa zwei Monate stand ich mit John brieflich oder gelegentlich telefonisch in Kontakt. Ich meinte, für mein Vorhaben würde ein Boot von zwölf Fuß Länge reichen. Er sagte, es müsste mindestens sechzehn Fuß lang sein. »Ich lasse Sie auf keinen Fall mit einem zwölf Fuß langen Teil da raus.« Ich wollte etwas mit zwei Enden, an Bug und Heck spitz zulaufend. John sagte: »Die reinste Holzverschwendung. Besser wäre ein Heckspiegel.« Ein Sechzehnfüßer mit einem Heckspiegel – mit rechteckig geschlossenem Heck – entspricht einem auch am Hinterende spitz zulaufenden Zwanzigfüßer. Auf den baumlosen Hebriden war Holz immer Mangelware gewesen. »Es wäre eine Verschwendung. Von Holz. Und Zeit. Und Geld«, sagte er.

Er schickte mir Zeichnungen des Boots, das er im Sinn hatte. Da ich im Lesen solcher Dinge unerfahren und auch nicht in der Lage war, aus den Längsschnitten oder dem Deckssprung des Dollbords auf Verhalten und Qualität zu schließen, nahm ich ihn beim Wort. Ich hatte ihn noch nicht getroffen, aber selbst aus der Ferne strahlte er eine Autorität und Überzeugung aus, die zurückzuweisen nicht leicht war. Wiederholt beschäftigte ich mich mit einer Passage aus seinem Buch über die Birlinn:

Zwischen dem Schiffsbauer und dem fertigen Schiff entwickelt sich eine enge Beziehung, fast eine spirituelle Verbindung, die über die gesamte Lebensdauer seines Werks fortbesteht. Es wird von Bootsbauern berichtet, die sich weigerten, für einen Kunden zu bauen, wenn sich zwischen ihnen keine Verbindung einstellen wollte. Einem anständigen Schiffsbauer wird nichts daran liegen, seine hingebungsvolle Arbeit in die falschen Hände gelangen zu sehen, und er wird eher einen undurchsichtigen Grund finden, den Bau abzulehnen, als später in eine Position zu geraten, in der er einen wenig vertrauenswürdigen Kunden der Unfähigkeit bezichtigen muss …

Strenge lag auf dieser Seite wie Säure. Die Nicolsons mögen behaupten, von den alten Clanchefs von Lewis abzustammen. Ihre Berlinn mag von den Macleods im Minch, irgendwo vor den Shiants, versenkt worden sein. Vielleicht fließt nordisches Blut durch meine Adern, doch wenn, dann nur ein dünnes Rinnsal. John MacAulay jedoch war ein Urgestein. »MacAulay«, sagte er einmal, »ist einfach Gälisch für Olafson«. Die Welt der Sagas, tausend Jahre zurück, kam durch das Telefon gekrochen.

Härte war die Gewähr für seine Seriosität. Ich traf ihn das erste Mal, als das Boot fast fertiggestellt war. Seine Werkstatt befand sich in einer Nissenhütte an der Küste von Flodabay. Die Straße war ein gewundener Streifen Asphalt, der sich durch Felsen und um schmale Buchten bis zu der Ansiedlung schlängelte. Nirgendwo auf den Britischen Inseln ist das schon lange besiedelte Land trostloser als hier. Der vom Eis geformte Gneis birgt nicht viel mehr als Torfmulden und saures Gras. Die Häuser der Menschen, die hier leben, liegen verstreut entlang der Straße. Sichtbare Zeichen für eine Gemeinschaft gibt es keine. Eine karge Welt.

Außenstehende sehen solche Orte wohl immer so: als Landschaft und Menschen, die etwas brauchen, Fortschritt, mehr Wohlstand, als einen von materieller Armut und faktischer Unfruchtbarkeit geprägten Ort. Doch aus der Nähe betrachtet bietet sich ein genau umgekehrtes Bild. Zwischen den Felsen herrscht ein blühender Reichtum. John empfing mich vor dem Boot, das er gebaut hatte. Vierschrötig, breitbeinig und mit nach hinten gezogenen Schultern stand er, eine Hand auf die Reling gelegt, vor mir. Sein langes graues Haar hatte er an den Schläfen zurückgebürstet. Er trug einen schmalen grauen Schnurrbart und blickte mir direkt in die Augen: ein unverwandter, ruhiger, taxierender Blick. »Bist du dem Boot gewachsen, das ich gemacht habe«, wollte dieser Blick sagen. Konnte der Bootsbauer dem Kunden trauen? Doch dann meinte er: »Willkommen, willkommen.«

Zwei Stunden lang gingen wir jeden Zoll des Boots durch. Obwohl ich es war, der es bezahlt hatte, der es benutzen, der ihm sein Leben anvertrauen würde, gab es keinen Zweifel daran, wessen Boot es war. John beschrieb seine Welt. Das Boot erschien mir für seine Länge außerordentlich tief und breit: sechzehn Fuß lang, aber sechs Fuß, zwei Zoll in der Breite und bis zum Heck mindestens zwei Fuß unter der Wasserlinie. »Erklären Sie es mir«, bat ich. Durch die offenen Werkstatttüren kamen kleine Spritzer Regen. »Dieses Boot ist eigens für den Minch gemacht«, sagte er. »Es ist kein Standardboot. Es kennt die Bedingungen, unter denen es arbeiten muss. Und es ist so zugeschnitten, dass Sie damit umgehen können. Zwölf Fuß wären zu klein und etwas Größeres wäre zu groß für Sie.«

John ließ sich näher über die Unterschiede zwischen diesem und »den meisten Booten« aus. »Die meisten Boote bestehen aus einer Wanne« – er beschrieb in der Luft die Konturen eines Schweins – »und einem Kiel. Eine Wanne für den Auftrieb, einen Kiel für die seitliche Stabilität. Leicht in der Herstellung, billig im Bau. Dieses Boot ist anders. Schon die Art, wie der Rumpf beplankt ist, macht den Kiel. Es ist eine hochkomplexe und integrierte Form, und der über die ganze Bootslänge laufende, eingearbeitete Kiel verleiht sowohl Kurs- als auch seitliche Stabilität.« Die Form, die er da beschrieb, stammte eindeutig von der tiefgängigen Birlinn. So gebaut nämlich befände sich »mehr Boot im Wasser«. Vom Ufer aus, im Wasser treibend, könne man es leicht für eine Nussschale halten. Man würde eben nicht so viel davon sehen. Die Substanz bliebe unsichtbar, unter Wasser, und genau das mache es zu einem guten seegängigen Boot und zu einem guten Segelboot. Es liege besser im Wasser und rolle nicht so schnell wie »die meisten Boote«.

Hier ging es um Präzision. Die Sprache, die John benutzte, war wissenschaftlich in ihrer Genauigkeit. Die Sägen, Zieheisen, Handbohrer, Stechbeitel, Winkelschleifer und Hämmer hingen ordentlich und sauber, nach Größe geordnet, an den gewellten Metallwänden seiner Werkstatt. Ein Schlägel und ein Maßband lagen auf der Werkbank. In Regalen unter dem Dach war Holz gestapelt, und eines von Johns gefütterten karierten Hemden hing an einem Ende der Kanthölzer. Der durch die großen offenen Garagentüren kommende Wind war das Einzige, was hier nicht irgendeiner Ordnung unterworfen war. »John, wo haben Sie gelernt, so ordentlich zu sein?«, fragte ich.

»Ich ertrage einfach keinerlei Unordnung«, sagte er.

In seiner Gegenwart fühlte ich mich ein bisschen verfettet, mental verfettet, von der Welt jenseits dieser Welt, der Welt billiger Lösungen und Abkürzungen, der Welt der »meisten Boote«, in der die peinliche Sorgfalt dieses Mannes und seiner Werkstatt nicht zur Anwendung kam. Langsam wurde mir klar: Es handelte sich hier nicht einfach um ein sehr großes Dinghi. Es war vielmehr ein kleines Schiff. Das war die auf meine Zwecke übertragene Birlinn. All die Prinzipien, die ein Boot seetüchtig machen, die der robusten Konstruktion bei schlanker Form, die eines Schiffs, dazu entworfen, seine Mannschaft zu schützen und ihr Leben zu erhalten, welche wundersamerweise an diesen Mann und seine so akribisch geführte Werkstatt überliefert worden sind, sind in dieses Boot eingeflossen, das ich nun bald mit seiner Billigung das meine nennen würde. John und das Boot, das er gebaut hat, waren aus einer aus der Vergangenheit der Shiants stammenden Welt überliefert worden.

Aber da war noch mehr. »Der Eintritt ist gut« – der Bug läuft in einer scharfen und schmalen Spitze aus –, »was das Rudern leicht macht. Und die Unterwasserlinien sind sauber, ein schöner sauberer Austritt.« Unter Wasser läuft das Heck in einer ebenso schmalen und feinen Spitze aus wie der Bug. Von hinten gesehen hat das Boot die Form eines Weinglases. Ich – die Crew – würde in der Schale sitzen, das Meer aber würde nur mit dem Stiel in Berührung kommen. Was von dem Boot unter Wasser lag, verlor sich allmählich ins Leere. Ein glatter laminarer Strömungsverlauf würde es ohne Wirbel, ohne Widerstand dahingleiten lassen. Nur »mittschiffs« – Johns Wort mit allen darin begrabenen Implikationen dieser Tradition – ging es in die Breite. Aber auch hier musste ein mittlerer Weg gefunden werden. Das Boot ist nicht so schlank, dass es allzu leicht ins Rollen geriete, aber auch nicht so ausladend, dass der Widerstand zu groß würde. Mast und Rah, der Länge nach aus schottischer Lärche geschnitten und geglättet, die Riemen (Lärche) und das Ruder (Eiche, befestigt und bestückt mit verzinktem Eisen) waren sämtlich von John angefertigt worden, ohne Kompromiss und ohne Kinkerlitzchen. Alles war gerade so stark und robust, wie es sein musste. Nichts war irgendwie ungeschlacht. Bei aller Stärke besaß es eine gewisse Leichtigkeit. Die Anlegerringe, die Ringbolzen und die Haken für die Fall, die Stifte für die Ruderdollen und die Scharnierteile des Ruders hatte er selbst geschmiedet. Jedes Stück war genau, wie es sich gehörte, nicht nur entworfen, um etwas herzumachen, sondern um unter schwierigen und rauen Bedingungen zu bestehen und zu funktionieren. Nichts, was zu schwer oder zu massiv gewesen wäre. Alles entsprach seinem Zweck.

»Ein Boot für die Shiants, also?“, sagte ich. John nickte wortlos. »Ich finde es sehr schön«, meinte ich. Er sagte nichts, zuckte nur mit der Schulter.

»Wie lange wird es halten?«

»Es wird länger als Sie auf der Welt sein«, sagte er und wandte sich ab. »In Geocrab, der nächsten Bucht, gibt es Boote, die sind über hundert Jahre alt und segeln noch immer.“

»Und glauben Sie, ich werde dieses Boot wie ein guter Seemann zu segeln wissen?«

»Wenn Sie noch ein weiteres Leben dranhängen«, meinte John.

»Aha«, sagte ich leicht verunsichert, »ich nehme an, dass man solche Dinge instinktiv wissen muss.«

»Nein«, sagte er. »Man muss sich völlig darüber im Klaren sein, was man tut und warum man es tut.«

Scharf, belehrend, präzise: Sein Verstand war so klar und so stringent geordnet wie die Werkzeuge an der Wand seiner Werkstatt. John gebrauchte Wörter wie Abdachung, Widerhalt, Silicium-Bronze, als wären sie Meißel. Auf einer seiner Sägen war das Datum ihrer Herstellung eingeprägt: 1948. Sie hing so sauber an ihrem Haken wie an dem Tag, an dem sie gemacht wurde.

Es war keine Feindseligkeit. Weit davon entfernt. Er hatte für mich mehr als das Bestmögliche getan. Er hatte den Kiel, nachdem er ihn gelegt hatte, wie es sich gehört mit einem Glas Whisky benetzt. Im Heck hatte er tief im Holz ein Dreipennystück aus seinem Geburtsjahr, 1941, eingelassen. Er hatte dem Heck seine eigene Handschrift gegeben, ein sanftes »Einfallen«, eine leichte Einwärtsbiegung des Rumpfs zum Dollbord hin, »weil es sich richtig anfühlte«. Er hatte alles von sich in dieses wunderbare Stück für mich einfließen lassen. Doch nicht um einer sentimentalen Tradition willen. Hier handelte es sich um einen Mann, der mit Booten aufgewachsen war. Bereits als Heranwachsender hatte er sein erstes kleines Boot diesen Typs gesegelt. Sein Großvater und sein Urgroßvater verfügten über fünfzig, sechzig, siebzig Fuß lange, in Stornoway gebaute Heringsfänger, mit denen sie den Fischen bei ihren jahreszeitlichen Wanderzügen um Cape Wrath, durch den Pentland Firth und die Ostküste Schottlands entlang und noch weiter bis Yarmouth folgten. Die Heringe sind schon lange verschwunden, und so hat sich das Ganze erübrigt.

»Wird denn hier im Loch noch viel gefischt?«, wurde ein Crofter aus Lewis von einem der Kommissare gefragt, die 1894 dort Erkundigungen einzogen.

»Als die Heringe noch kamen, schon«, sagte er. »Sonst wird nur wenig gefischt, außer wenn es Heringe gibt.«

»Ist Ihnen ein Grund bekannt, warum die Heringe jetzt nicht mehr kommen?«

»Vorsehung«, sagte der Crofter, »die Verwaltung des Schöpfers.«

Die Heringe sind verschwunden, doch John war sein ganzes Leben auf See gewesen, und er hat eine fünfjährige Ausbildung zum Schiffsbauer abgeschlossen. Wer war ich denn, zu fragen, ob ich nicht ein ebenso guter Seemann sein mochte wie die Leute hier?

Rückblickend bemerke ich, dass ich ihn zu viele Dinge auf einmal gefragt hatte. Wieder und wieder hatte ich ihn gelöchert: »Zeigen Sie mir, wie man das macht, erzählen Sie mir von den Gezeiten, sagen Sie mir, wie man damit umgeht, wenn Wind und Gezeitenströmung aufeinandertreffen. Welche Stellen sollte man unbedingt meiden? Nehmen Sie mich doch im Boot mit nach draußen, und zeigen Sie mir, wie man das anstellt.« Und wieder und wieder hatte er mit einer Mischung aus Schärfe und Distanziertheit nein gesagt.

Anfang des Jahres war ich für eine Woche mit einem Freund, dem Schriftsteller Charlie Boxer, heraufgekommen. Keiner von uns war erfahrener als der andere, und beide waren wir etwas hastig und konfus im Umgang mit der Takelage oder bei unseren Wendemanövern. Er ließ uns machen. Tag für Tag schipperten wir an der Küste von Harris entlang, testeten aus, wie nah am Wind wir das Boot segeln konnten, machten uns in der Kabbelung vor Stocanish fast in die Hose, merkten plötzlich, dass das Boot zurückfiel, obwohl wir mit dem Wind volles Tempo segelten, und landeten einmal in dem kleinen Loch von Scabaday an, um wie Touristen etwas Tweed zu kaufen.

Einmal fuhr John mit uns hinaus, an einem milden Nachmittag in Flodabay, und das Boot flog unter seinen Händen nur so dahin. Geschickt steuerte er es durch ein Labyrinth von unsichtbaren Felsen bis zu der Landspitze, auf der ein altnordisches Seezeichen steht, und dann wieder zurück zum Landungssteg. Er stand am Heck, die Pinne zwischen den Knien, ganz der nonchalante Mann vor dem Himmel hinter ihm. Mit anderen Worten, er zeigte mir den Zustand, den ich zu erreichen hoffte. Den Weg bis dahin vorzuzeichnen, war seine Aufgabe nicht.

Und für all das bin ich dankbar. Ich mochte das Boot. Ich spürte, dass ich in ihm und durch die absichtslose Art, in der mich sein Erbauer unterrichtete, mehr über die Welt der Inseln lernte als jemals sonst. Hier, mit John MacAulay, blickte ich hinter ihr Ferienantlitz. Die Tradition, an die er glaubte, war zu wertvoll, um nur eine Postkartenansicht zu sein.

Als ich an jenem Aprilmorgen schließlich mit dem Boot aus Flodabay aufbrach, half mir John, es mit all meinem in wasserdichte Säcke verstauten Kram zu beladen. Es war ein emotionaler Moment, jedenfalls fühlte es sich so an. Die Tide, die mich nordwärts tragen sollte, würde erst am frühen Nachmittag einsetzen, und so hatte ich den ganzen Morgen Zeit, alles vorzubereiten. Eine Robbe döste in den tangigen Schatten. Die Austernfischer piepten von einem Fels zum nächsten. Ich hatte den Mast gesetzt und das Segel entrollt. Das Boot trug bereits einige Abnutzungserscheinungen; Charlie und ich waren ja die Küste von Harris hinauf und hinunter gesegelt, wobei schon die pure Gegenwart eines Freundes mir das Selbstvertrauen gab, Sachen zu tun, die ich mir allein nicht einmal im Traum zugetraut hätte. Die Klampen waren, wo man die Schoten an ihnen festmachte, nun abgenutzt. Die Astknoten in den Eichenduchten hatten sich während einer kurzen Phase trockeneren Wetters etwas geöffnet. Ich verabschiedete mich von John, ein kräftiger Handschlag. Er war auf dem Weg zur Generalversammlung der Church of Scotland. Der Paragraf 28 und all die größeren Fragen im Umkreis der Homosexualität standen auf der Tagesordnung. »Oh, Sie wären überrascht. Selbst in der Church of Scotland existiert eine breite Schwulenlobby«, sagte er. Er selbst hielt davon wohl nicht allzu viel. Ich verzichtete darauf, ihm zu erzählen, dass in meiner Familie viele schwul waren, glaube aber ohnehin, er hat es sich gedacht. Ich dankte ihm für alles.

Das aufblasbare Dinghi – die Luft abgelassen – im Boot, die Ruder verstaut, die Karten in der Kammer, das eingeschweißte Segelhandbuch unter den Achtersitz gesteckt, Kompass, Funkgerät und GPS, das Handy und der Feldstecher, die Brötchen, die ich in der Nähe von Tarbert gekauft hatte, das Stück Käse, mein Trockenanzug, Schwimmweste, Geschirr, Rettungsleine, das bisschen Wissen, das ich mir mit Charlie angeeignet hatte, Wissen über den Minch und wie gefährlich er selbst an den ruhigsten Tagen werden kann: Damit und mit dem Vertrauen in das Boot war ich ausgerüstet. Ich holte den Anker ein, spülte den daran haftenden schwarzen Schlamm ab, verstaute ihn und hisste das Segel.

Der von den Hügeln in South Harris kommende Wind packte das Unterliek des Segels und zog den Bug herum. Das ruhige Wasser in der Bucht plätscherte gegen die Rumpfplanken. Aus jeder kleinen Welle blinzelte mich die Sonne an. Als das Boot sich auf die offene See hinaus bewegte, an Bogha Creag na Leum vorbei, dem Unterwasserfelsen, der Flodabay gegen den unachtsamen Ankömmling bewacht, und als die Wasseroberfläche sich mit der von draußen, vom Minch kommenden Dünung zu heben begann, stand an der Landspitze, in der Nähe des altnordischen Seezeichens, einem hohen flechtenbesetzten Steinmal, ein Mann. Er winkte mir. Einen Augenblick lang konnte ich nicht sehen, wer es war. Ich winkte zurück und dann erkannte ich ihn: Es war John MacAulay. Er musste die halbe Meile gerannt sein, um rechtzeitig zur Stelle zu sein. Er hatte nichts erwähnt, aber dies war sein Abschiedsgruß, der Schiffsbauer sagte seinem Boot Lebewohl. Als die See ihre längeren, größeren Rhythmen aufnahm und der Vordersteven sich in die Wogen biss und sich mit ihnen hob, als die Bugwelle links und rechts neben mir am Rumpf entlanglief und plätscherte und das Kielwasser hinter mir zu glucksen begann, winkte ich ihm zurück.

»Viel Glück!«, rief er.

»Danke!«, rief ich zurück. »Danke, danke!«

Die Luft steht still und der Nord ist jetzt eine flaue Abwesenheit. Zwischen mir und der Nebelwand zieht ein Basstölpel über dem Minch seine Kreise. Er muss von dem hundert Kilometer weiter westlich liegenden St. Kilda sein. In flachen Bahnen fliegt er über das Wasser und hält Ausschau nach einem silbrigen Aufblitzen, zieht in sichelförmigen Kurven über das Gewoge. Es ist ein angsteinflößendes Meer. Ich sehe einen großen Tanker, der den Minch in Richtung Süden durchfährt. Bei jeder einzelnen Welle, in die sein Bug klatscht, sprüht die Gischt auf. Kein Kontakt mit der Mannschaft oder dem Kapitän, aber ich habe das Gefühl, dass sie mich von der Brücke aus verfolgen und sich fragen, was es mit diesem winzigen Boot auf sich hat. Nicht, dass die Wellen besonders groß wären; in einer langen rollenden Bewegung heben sie Freyja fünf oder sechs Fuß an. Es ist bloß so, dass das Boot klein, das Meer riesig und Land in allen Richtungen weit entfernt scheint. Wie ein Kletterer auf seinem Felsvorsprung muss ich das Wissen um den tiefen Raum unter mir unterdrücken. Konzentriere dich auf das Boot. Blicke auf das Segel. Überprüfe deinen Kurs. Denke nicht an die ungeheure Größe des Meeres.

Meine Brustmuskeln haben sich zusammengezogen und mein ganzer Körper ist angespannt und hofft auf Abhilfe. Ich bin hier nicht zu Hause. Mir fehlt die innere Ruhe des Seemanns. In jeder anrollenden Woge sehe ich einen möglichen Feind. Die Meeresoberfläche ist weiß geädert, als ob der Wind das Fett aus dem Fleisch gezogen hätte. Was habe ich mir dabei gedacht, als ich meinte, auf das Meer hinausfahren zu müssen an einem doch etwas schwierigen Tag, mit dem aufkommenden Wind und einer unerprobten Überfahrt? Klug war es nicht, aber ich habe es so gewollt. Umzukehren wäre genauso schlimm wie weiterzufahren. Rings um mich erstreckt sich das Meer wie eine feindliche Horde. Ich möchte ankommen. Ich möchte die Unsicherheit hinter mir lassen. Auf der Insel, so sehr sie auch vom Meer umtost sein mag, beherrscht einen zumindest nicht die Angst, dass der Boden unter den Füßen durchbricht oder dich anderweitig im Stich lässt. Eine Insel ist auf eine Weise loyal, wie es ein Boot niemals zu sein vermag. Ein Boot kann auf Abwege geraten, die Ausrüstung in die Brüche gehen. Bei der schieren soliden Unbeweglichkeit der Inseln ist das nicht der Fall. Eine Insel ist eine Anwesenheit, keine Bewegung, und auf den Fels ist Verlass.

Ich halte nach den Shiants Ausschau, aber sie müssen erst noch auftauchen. Ich bin in der Welt des Boots und des Kompasses eingeschlossen. Auf See fühlen sich sechzehn Fuß nicht sehr groß an.

Ich wollte das Boot Maighdean nan Eileanan Mora nennen, gälisch für »Mädchen von den Shiants«, bis mich John MacAulay darauf hinwies, dass das, über Seefunk der Küstenwache mitgeteilt, sicherlich nicht gut klingen würde. Davon abgesehen würde der Name auch nicht auf das Boot passen. Also habe ich es Freyja getauft, nach der altnordischen Göttin der Liebe und der Fruchtbarkeit, die sich in einen Falken verwandeln und einen Tag und eine Nacht über das Meer fliegen konnte; die die Fische in die Netze der Fischer trieb; die frohgemut mit einer ganzen Zwergenfamilie schlafen konnte, von der ihr jeder nach der geschenkten Nacht ein Glied aus einer Bernsteinkette überreichte. Eine Gestalt, die Freyja niemals annahm, war die der keuschen und enthaltsamen Jungfrau. Sie stand immer voll im Leben, mit einem blühenden Körper und einem üppigen Verlangen.

Ich liebe Freyjas schöne beleibte Mitte. (Das hatte ich auch John gesagt. »Nicht beleibt«, meinte er: »füllig.«) Sie ist ohne Abstriche robust und stark genagelt, um all der Mühsal willen, die sie wird durchmachen müssen; nichts Feenhaftes, aber auch nichts Animalisches. Die Nordvölker bauten ihre Häuser und auch ihre Gräber in der Form eines Boots, mit sanft zulaufenden Enden. Das ist die wohnlichste, jemals vom Menschen ersonnene Form. Darauf konzentriere ich mich, auf die Stimmigkeit dessen, was John gefertigt hat, verglichen mit all der anhebenden Anarchie des Meeres.

Plötzlich klatscht ein Basstölpel neben mir ins Meer. Ohne Vorwarnung. Ich fahre auf und erinnere mich an die Geschichte eines Stewards von St. Kilda. Irgendwann im siebzehnten Jahrhundert (kein Datum, denn auf Zeitangaben ist in dieser Gegend kein Verlass) segelte der Steward von Harris aus fünfundsiebzig Kilometer über den Atlantik, um seinen Inselobliegenheiten nachzukommen, und fand sich mit seinem Boot mitten in einem Heringsschwarm, der so dicht war, dass die Fischleiber gleichsam die Wasseroberfläche pflasterten. Auf dem Meer lag eine silberne Haut, und jeder, der es wollte, hätte darauf gehen können. Der Wind wehte aus Süden, und das Boot flog über die Heringsleiber, als würde es auf Kufen gleiten. Ringsum tauchten die Basstölpel immer wieder ins Wasser, ohne abzuwarten, ohne auf Genauigkeit zu achten. Das Ganze hatte die Atmosphäre einer Rodelpartie. Wenn die Basstölpel Kinder gewesen wären, hätten sie vor Vergnügen gequietscht. Der Steward und seine Gefährten glitten nach St. Kilda, als wären sie auf dem Weg in den Himmel.

Ein Basstölpel, der ohne auf die Menschen zu achten nach Fisch tauchte, stürzte sich zur Unzeit auf seine Beute und verfehlte sein Ziel, sein gepfeilter Körper sauste an Mast, Segel und Wanten, an der Mannschaft auf ihren Sitzen vorbei, in das offene Boot hinein, wo er sich mit Schnabel und Kopf in die Bodenplanken des Rumpfes bohrte. Der Vogel starb durch den Aufprall. Seine riesigen Flügel erstreckten sich zwischen den Spanten und Bootssitzen fast von einem Dollbord zum anderen. Sein vollkommen weißer Körper, fast einen Meter lang und von einer schwarzen Flügelspitze zur anderen mit fast zwei Meter Spannweite, nahm beinahe so viel Raum ein wie ein Mensch. Die Blase der Vollkommenheit war durchlöchert worden. Die Planke zersplittert. Vierzig Kilometer Atlantik trennten den Steward und seine Gefolgschaft von Harris und zwanzig von St. Kilda. Würden sie den durchbohrten Rumpf reparieren können? Würden sie hier ertrinken? Würde das Wasser schneller eindringen, als sie es draußen halten konnten? Nach dem Schaden unten in der Bilge suchend, hielten der Steward und seine Mannschaft, nachdem sie Seile und Reusen beiseitegeschoben hatten, Ausschau nach Anzeichen einsickernden Wassers. Aber da war nichts. Wundersamerweise waren die Bilgen trocken. Der Basstölpelkopf hatte das durch den Sturz verursachte Loch verstopft, und den Rest der Reise, vier Stunden zur Bucht von Hirta, verbrachten sie mit dem riesigen Körper neben sich, der nun als gefiederter Pfropfen diente. Zum ersten Mal wurde mir die Geschichte erzählt, als ich ein zehn Jahre alter Junge war. Als sie auf ihren Höhepunkt zusteuerte, packte mich das Grausen, und natürlich habe ich sie seither nicht wieder vergessen. Inzwischen habe ich erfahren, wie anfällig der Basstölpel für Unfälle ist. Jedes Jahre verunglücken Hunderte der Vögel bei ihrer Ankunft auf einem der großen Vogelfelsen rund um die Küste Schottlands, auf Ailsa Craig und Bass Rock, oder in der gewaltigen Vogelkolonie von St. Kilda, brechen sich einen Flügel oder den Hals und sind entweder auf der Stelle tot oder sterben erst nach Wochen, in denen ihre dicken Unterhautfettspeicher in der Brust schwinden, einen erbärmlichen Tod. Die Evolution erschafft kein vollkommenes Geschöpf, sondern nur eines, das vollkommen genug ist.

Der Basstölpel ist der Vogel, von dem ich mir wünsche, dass er sich auf den Shiants ansiedelt. In den 1980ern waren die Inseln für wenige Jahre eine der kleinsten Basstölpelkolonien der Welt. Wie ein Korporal unter Fürsten hatten die Shiants ihren gloriosen Auftritt unter den höchsten Rängen: Beginnend mit St. Kilda, 110.000 Basstölpel, und Grassholm, 60.000, endete die Liste bei den

Shiants: 1 Exemplar.

Der Vogel wurde ein paar Jahre lang gesichtet, wie er feierlich auf einer der nach Norden gerichteten Steilklippen der Insel hockte und schmachtend zur Küste von Lewis hinüberblickte, hoffend, wie ich mir immer vorstellte, dass ein anmutiges Basstölpelmädchen angeflogen kommen und sich entscheiden würde, an diesem Ort zu leben. Um ihn herum gafften und zankten die Lummen. Über diesen spuckten und gackerten die Eissturmvögel. Kein anderer Basstölpel gesellte sich ihm zu, und 1987 verzeichneten die Shiants, die noch in dem Katalog der britischen Basstölpelkolonien aufgeführt waren, einen Eintrag, der noch erbärmlicher war als der zuvor.

Shiants: 0

Einen Augenblick lang ist der Verstand zerstreut, kehrt dann aber zurück zu der Torheit, auf die man sich eingelassen hat. Nicht unbedingt der Mann, der ertrinkt, war die Vision, die mich beschäftigte, sondern ich dachte an die Menschen, die ich liebte und geliebt hatte. Bedauern die Menschen, wenn sie ertrinken, was sie mit ihrem Leben angefangen haben, all die Dummheiten und Gemeinheiten, die Selbsttäuschungen und Enttäuschungen? Ich fuhr ohne Sicht, und das war alles andere als angenehm. Ich saß nun seit beinahe drei Stunden in dem Boot und trotz der vielen Schichten Kleidung wurde mir langsam kalt. Ich hatte ein Hand-GPS dabei und es zeigte meine Position bei sechs Grad, siebenundzwanzig Minuten West und siebenundfünfzig Grad, vierundfünfzig Minuten Nord an. Ich sollte nun schon fast an den Inseln sein, aber durch die im Norden und Osten liegenden Nebelbänke hatte ich keine Sicht. Ich musste auf die Nordseite der Shiants steuern, um das Boot in die zwischen ihnen liegende und dort von den Südwestwinden geschützte Bucht zu bringen. Ich musste an ihnen vorbeifahren und dann umkehren, um sicher anlanden zu können. Seit einem Jahr war ich nicht mehr dort gewesen und befand mich nun in einem Zustand höchster Anspannung.

Die Annäherung aus dieser Richtung ist mit Gefahren gespickt. Vor den Inseln, im Westen, liegt eine Kette aus Klippen und steil aufragenden Inselchen, die Galtachan oder Galtas genannt werden. Niemand weiß, was diese Namen genau bedeuten, aber sie könnten von dem altnordischen Wort Gaflt abstammen, was so viel wie »Giebelwand eines Hauses« bedeutet. Das zumindest ist John MacAulays Vorschlag. Eine Ableitung, die mich heute noch zum Schmunzeln bringt. Das also ist sie, die unbändige See! So viel also zu den Gezeitenströmen, die durch die schmalen Engen zwischen den Galtas fegen! Als die Ordnance Survey, die Landesvermessungsbehörde, am 27. Oktober 1851 erstmals hierher kam, schrieb der Landvermesser eine hastige Beschreibung ohne Punkt und Komma in sein Notizbuch:

Überlieferter Name: Galltachan

Gegenstand: Inseln

Beschreibung: Es handelt sich um eine Kette Mehrerer [?] Hoher und Flacher Wasserfelsen die sich von Ost nach West erstrecken von denen drei auf ihrer Höhe von ein bisschen Magerwiese bedeckt und von kleinen aber steilen Felsenkliffs umgeben sind. zwischen einem jeglichen der Hohen Wasserfelsen gibt es eine Fahrrinne. aus der Ferne erscheinen sie niedrig sind aber alles andere als einladend da es zu allen Zeiten besonders bei der Springflut eine schnelle Strömung an ihnen gibt die Tide fließt außerordentlich stark fließt in der gleichen Art wie ein großer Fluss.

Das ist die moderne Stimme; der Vermessungsbeamte, Thomas O’Farrell, messend, schätzend, ein bisschen ängstlich, unfähig, die Beschreibung des Ortes von seinen eigenen Befürchtungen zu trennen. Genauso gut hätte es auch meine Stimme sein können, der ich doch Angst hatte, von der Gezeitenströmung in die zwischen den Galtas liegenden Rinnen gerissen zu werden, durch die Freyja mit ihrem Tiefgang womöglich nicht hätte fahren können. Vielleicht wäre John MacAulay hier ganz entspannt gewesen, doch weder ich noch O’Farrell waren Wikinger. Wäre einer von uns so gelassen gewesen, diese Klippen als Giebelwände zu bezeichnen? Hätten wir uns gewünscht, oder wären wir dazu in der Lage gewesen, sie so beiläufig zu domestizieren? Die Giebel? Ein Witz, ein Heim mit Doppelgarage und Holzdielen außerhalb von Beaconsfield. In diesen Klippen Giebel zu erkennen zeugt von einer Haltung heroischer Ruhe; ein plötzlicher Sprung in die Wikingerzeit. Sie so zu nennen ist so cool wie ein Basstölpel, so unbeschwert auf dem Meer wie am Herd, beinahe sprichwörtlich dort zu Hause zu sein. Vielleicht meint es auch etwas anderes: die Dächer untergegangener Häuser, im Minch versunkene Wohnstätten.

Zumindest gehört Freyja zu dieser Welt. Ich halte ihre Pinne, und sie ist mein Glied in einer Kette, die sich über neunhundert Kilometer und tausend Jahre zurück bis an die Küste Norwegens erstreckt. Weil es auf den Äußeren Hebriden kein Holz gibt, ist die Handelsverbindung in die Ostsee weiterhin lebendig. Noch vor nicht mehr als einer Generation haben Händler aus dem Ostseeraum finnisches Pech, Holz und Harz direkt nach Stornoway und nach Tarbert auf der Insel Harris geliefert. Auch wenn das für die Freyja verwendete Holz vom schottischen Festland stammt, ist das Material, mit dem sie unter der Wasserlinie abgedichtet wurde, als »Stockholm-Teer« bekannt, ein Holzteer, der aus der Kiefer destilliert und mindestens seit dem Mittelalter aus dem Ostseeraum importiert wird.

Bis weit in das neunzehnte Jahrhundert hinein wurden in den Frachträumen von Handelsschiffen Bausatzboote mit markierten Einzelteilen aus Norwegen auf die Hebriden transportiert, wo sie von Bootsbauern in den Ufereinschnitten und Meeresarmen entlang der Küste von Harris zusammengebaut wurden. 1828 kam Lord Teignmouth, früherer Generalgouverneur Indiens, ein Freund von Wilberforce, in Begleitung von Alexander Stewart, einem Hofbesitzer aus Valamus on Pairc und Pächter der Inseln, auf die Shiants. Sie

fuhren auf dem Boot dieses Gentleman, einem kleinen Ruderboot oder einer Jolle, in Norwegen gebaut, lang, an beiden Enden in einer Spitze auslaufend, sehr leicht, das wie eine Feder über das Wasser fliegt und, wenn ordentlich geführt, mit dem Auftrieb und nahezu der Sicherheit eines Meeresvogels über seiner heimischen Woge.

Der britische Imperialist, der liberale Evangelikale, Mitglied der Clapham Sekte, fährt in einem Wikingerboot über ein Wikingermeer. Aufgrund dieser Beobachtung Teignmouths hätte ich Freyja beinahe »Fulmar« genannt. Kein Vogel bewegt sich in den Lüften so anders als auf dem Boden wie ein Eissturmvogel (Fulmarus), und im Flug ist er der wendigste aller Meeresvögel. Diesen ungetrübten Auftrieb im Wind und auf dem Wasser suchte ich. Freyjas Beleibtheit lieferte ihn.