Seerosenduft - Franz-Josef Kofferath - E-Book

Seerosenduft E-Book

Franz-Josef Kofferath

0,0

Beschreibung

Nach meinem Buch ´Weiche Steine´, einer temporären Auto-Biografie von sechs Jahren meiner Jugend um die 20-er Jahre meines Lebens und meinem zweiten Buch ´Zeitlebens´ mit philosophisch kolorierten Ausführungen, entspringen die Handlungen dieses Romans ausschließlich meiner Phantasie, sind also nicht authentisch. Identisch aber sind die beschriebenen Örtlichkeiten meines Heimatortes Gillrath (Jeldere) und meines ehemaligen Arbeitsstandortes Aachen (Oche) Wer sich für Pferde interessiert kennt Aachen, das Mekka des Reitsports und wer sich für nostalgische Eisenbahnen interessiert, kennt den Bahnhof der Historischen Dampfeisenbahn in Gillrath, einem Stadtteil von Geilenkirchen - nahe dem westlichsten Teil unserer Republik. Es werden also authentische Orte und Gegebenheiten beschrieben, mit denen sich der eine oder andere Leser auch über diese Regionen hinaus identifizieren kann. In meinem Roman werden die Genres Liebe, Erotik, Heimat, Kriminalistik, Tod Trauer und Freude bedient. Beurteilen Sie selbst, wo Sie Ihren persönlichen Schwerpunkt ansiedeln möchten Für jede Denkweise wünsche ich Ihnen sowohl unterhaltsame, wie auch spannende Stunden.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 278

Veröffentlichungsjahr: 2021

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhaltsverzeichnis

VORWORT

HEIMAT

WIEDERSEHEN

PARTYS

NEUE WEGE

SCHÜTZENFEST IN GILLRATH

DER DEAL

DIE BEERDIGUNG

DER CHIO

OMAS GEBURTSTAG

ROCK AM RING

DIE ESKALATION

DIE ERMITTLUNGEN

POSTHUM

DAS DORFECHO

DAS GESTÄNDNIS

ZELLENGESPRÄCHE

VORWORT

SEEROSENDUFT

Duften Seerosen eigentlich?

Für die meisten Menschen ist diese Frage irrelevant. Für sie ist der Charme einer Seerose auf ihr wunderschönes Aussehen fokussiert.

Und für die Naturkundler unter den Lesern: Ja, es gibt, wenn auch vereinzelt, tatsächlich die „duftende“ Seerose, zum Beispiel die „Nympheae Oderato“. (Wikipedia!)

Aber warum assoziieren Menschen beim Anblick eines schönen Outfits von Personen, Tieren oder Gegenständen zwangsläufig meistens auch mit einer positiven Ausstrahlung?

Eine Seerose muss nicht aufgrund ihrer dezenten Eleganz auch zwangsläufig schön duften.

Aber der Betrachter kann sich in Anbetracht dieser schneeweißen oder dezent rosafarbenen Blütenpracht auf breiten grünen Blättern dieser Meinung kaum entziehen.

Man möchte diese Schönheit der Natur mit keinem Makel in Verbindung bringen, schließlich können auch die Augen „riechen“ und dann duftet es eben schneeweiß oder rosarot.

Oder wer riecht nicht den Duft von Flieder, wenn man sich im Mai seiner lila und weißen Blütenpracht erfreuen kann?

Und insbesondere in Zeiten der Ge- bzw. Verbote, die der Corona-Pandemie geschuldet sind, wird uns die Schönheit der Natur vor unserer Haustür immer mehr bewusst. Unser Augenmerk wird wieder auf die schlichten Dinge unseres Lebens gelenkt und wir bekommen wieder ein Gespür dafür, was wir in „Normalzeit“ alles versäumt haben.

Und noch eines lernen wir wieder schätzen: unsere Heimat und ihre Werte.

Ich denke, diese Kehrseite der Medaille ist das wenig Positive an einer ansonsten verheerenden Seuche.

Eine andere Möglichkeit den eigenen Geist von der Tristesse des Alltags abzulenken, ist, ein Buch zu lesen und sich unterhalten zu lassen. Und wie in meinem Roman, sich durch meine Beschreibungen in eine Zeit versetzen zu lassen, als alles noch „normal“ war, selbst das „Nichtnormale“, denn auch dies gehört in unserem Leben zu unserem Alltag!

Noch wichtiger aber ist der positive Gedanke, dass es so oder so ähnlich vielleicht in absehbarer Zeit wieder sein könnte.

Ich hoffe, dass orthographische Fehler durch den amüsanten und spannenden Inhalt der Geschichte, vom aufmerksamen Leser wohlwollend übersehen werden.

Ich wünsche Ihnen gute Unterhaltung und bleiben Sie gesund!

HEIMAT

Meine Heimat ist meine Familie.

Und dort wo,

wo wir zu Hause sind.

Sinnsprüche werden immer wieder den Text der Geschichte unterbrechen, um das Geschriebene zu untermauern oder zu ergänzen, vielleicht auch, um zum „Sinnieren zu animieren“.

Mit einer Party möchte ich meine Geschichte beginnen. Ich denke, ein Auftakt nach Maß…oder?

Den Anfang der Geschichte macht im Spätsommer des Jahres 2017 ein schwarzer Jaguar R-Type Coupé, der sich mit einer für dieses Fahrzeug eher atypischen, weil langsamen Geschwindigkeit, der Ortschaft Gillrath nähert.

Gillrath ist ein Stadtteil der Stadt Geilenkirchen und beherbergt mit den Ortsteilen Hatterath, Nierstraß und Panneschopp zusammen so etwa 1.800 Einwohner. So zumindest der Stand um das Jahr 2017.

Er ist unweit der niederländischen Grenze im fast westlichsten Teil unserer Republik gelegen.

Die Fahrerin dieses Sportmobils ist von nicht minderer Rasanz bezüglich ihres Outfits als ihr „Untersatz“.

Sie ist aus dem verschlafenen Nest bereits 1985 „ausgewandert“, um zu studieren und Karriere zu machen. Was ihr mehr als gelungen ist. Dazu später...

Die besagte Person steuert immerhin einen Wagen mit 248 PS, lässt es aber, wie gesagt, heute auf dem Weg in ihren Heimatort eher ruhig angehen.

Wer sie so fahren sieht, glaubt, dass hier eine wunderschöne Frau, und dies lässt eine Beurteilung ihres Outfits bei dieser Geschwindigkeit durchaus zu, auch deshalb so glücklich aussieht, weil sie wieder mal Landluft -- nein, nicht einatmet, sondern inhaliert.

Und es ist genau diese Landluft, die die Heimatluft für sie ausmacht.

Die Fahrerin des Wagens mit dem polizeilichen Kennzeichen AC – AB 1 ist mit Sicherheit Gillrath’s hübschester, vielleicht sogar Gillrath’s intelligentester, mit Sicherheit aber Gillrath’s erfolgreichster und über Grenzen hinweg auch bekanntester „Export“. Und das, obwohl sie nicht nur sehr klug, sondern dabei auch noch blond ist.

Der „alte Mann“ da oben über den Wolken muss wohl einen besonders guten Tag gehabt haben, als er sie geschaffen hat. Aber für ihre wunderschöne Erscheinung muss sie sich wohl selber Modell gestanden haben. Und den greisen Mann wird sie wohl nur gebeten haben, ihrem Outfit ein Leben und eine Seele einzuhauchen.

Und noch eines steht fest: Aus einer Männerrippe, wie Eva, Adams Begleiterin im Paradies, ward sie mit Sicherheit nicht gemacht. Es gibt kein männliches Wesen mit derart wohlgeformten Rippen.

Also als Trost für Menschen wie unsereins:

Äußere Schönheit unterliegt dem Wandel der Zeit!

Nicht in jedem Fall eine Einbuße -

in jedem Fall aber ein Tribut an die Zeit!

Die Schönheit der Seele aber,

ist so zeitlos, wie die Seele selbst!

Ich begnüge mich daher schon eher mit meiner endlosen Schönheit der Seele!

Beim Lesen des Ortsschildes huscht ein melancholisches Lächeln über ihr Gesicht und lässt dieses noch hübscher aussehen, als schon von Gott angedacht.

Sie lässt den Wagen über die frühere Bundesstrasse und der heutigen Karl-Arnold-Strasse in den Ort „hineinrollen“, um eventuelle bauliche Veränderungen und sonstige Neuigkeiten seit ihrem letzten Heimatbesuch vor 4 Jahren nicht zu versäumen.

Die Pizzeria „Il Genio“ scheint alle Gäste für sich vereinnahmt zu haben. So lässt zumindest die parkende Autoreihe vor dem Lokal vermuten.

Ich denke, es wird nun allmählich Zeit, dieser ihnen unbekannten Fahrerin ihre Anonymität zu nehmen und ihren Namen preiszugeben: Alice Bongartz.

Alice Bongartz, eine Protagonistin, die eine wesentliche Rolle in der Geschichte spielt.

Sie muss zu ihrem Date eigentlich rechts in die Blasiusstrasse einbiegen

Aber zuvor will sie erst einmal ihre Zieheltern Agnes und Kurt Jessen auf- und besuchen. Also folgt sie zunächst weiter der Karl-Arnold-Strasse. Als sie den schrillen Pfeifton und das dumpfe Stöhnen einer Lokomotive wahrnimmt, ist sie irritiert, zieht es aber vor, vorsichtshalber das Bremspedal zu betätigen.

Wahrscheinlich saß der „Heilige Christopherus“ gerade auf dem Beifahrersitz ihrer Karosse...

Denn der „Heggeströvers“, so nennt der regionale Volksmund die historische Eisenbahn, dessen Pfeifton sie vernimmt, kreuzt soeben die Strasse.

Schon kurze Zeit nach ihrer Querung springt ein Zugbegleiter auf die Fahrbahn, um diese für die Durchfahrt der Selfkantbahn freizuhalten.

Aber der Blick des Zugbegleiters in das Innere des Wagens lässt diesen fast vergessen, weshalb er nun tatsächlich auf die Straße gesprungen ist. Und als die Fahrerin ihm auch noch freundlich zulächelt, versäumt er es fast, wieder auf den Zug aufzuspringen, was der Fahrzeugführerin ein stilles Lächeln entlockt.

Und es müssen wohl die neugierigen Blicke des jungen Mannes gewesen sein, die sie veranlasst haben, am Rockende den Stoff etwas weiter in Richtung ihrer Knie zu zupfen, den jungen Mann aber veranlasst, verschämt das Ziel seiner Augen zu ändern. Nun hat er noch bis zum nächsten Bahnhof in Schierwaldenrath, der gleichzeitig auch die Endstation ist, Zeit, darüber zu sinnieren, weshalb Frauen so kurze Kleidung tragen, wenn sie diese doch beim Anblick von Männern immer wieder versuchen, auf Kniehöhe zu „strecken“. Dabei sind doch gerade sie das Ziel dieser Mode.

Und dem frühreifen Jugendlichen kommen berechtigte Zweifel, ob Frauen tatsächlich so sparsam sind, und einen Stofffetzen tatsächlich teilen, um daraus zwei Kleidungsstücke zu machen, um auf diese Weise Geld einzusparen.

Aber im Ernst. Frauen ziehen wahrscheinlich solche „Minis“ an, um zu zeigen, was diese ohnehin nicht verheimlichen können und die Trägerin auch nicht verhindern möchte. Das besagte Herunterziehen soll durch die Bewegung ihrer Hände entlang den Hüften hin über ihre Oberschenkeln nur zusätzlich die Augen des Betrachters in diese Richtung lenken.

Ein kurzer Blick zu ihm herüber überzeugt sie dann noch vom Erfolg ihrer Strategie.

Die „Historische“ fährt zu Saisonzeiten wie Nikolaus, Weihnachten und Ostern mehrfach täglich die Strecke. Wie bereits erwähnt, von Gillrath nach Schierwaldenrath und zieht Kinder wie Erwachsene aus der ganzen Republik in ihren Bann.

Und nun hat tatsächlich diese größte, aber auch einzige Sehenswürdigkeit des Ortes, zu Ehren ihrer fast ebenso berühmten „Tochter“, Alice Bongartz, soeben die Karl-Arnold Strasse passiert.

Nein, natürlich nicht zu ihren Ehren. Aber bei dem Gedanken daran muss Alice schmunzeln. Vielleicht lässt sie sich doch einmal zu einer PR-Fahrt mit der Selfkantbahn durch die heimatlichen Gefilde mit dem von Mitgliedern jahrelang aufgemöbelten Schienenfahrzeug mitreißen.

Ich denke, ein solcher Akt stände allen Protagonisten gut zu Gesicht...

Hinter der Tankstelle biegt der Jaguar links in die Strasse „Auf der Weide“ ein, um anschließend, fast ohne das Gaspedal noch einmal bemühen zu müssen, rechts in die Strasse „Im Bruch“, entlang dem Rodebach gelegen, einzubiegen.

Der Rodebach ist Gillraths größter, wenn auch einziger „Fluss“ dieser Größenordnung. Nein wirklich: Ein Rinnsal ist tatsächlich noch kleiner!

Sie hält ihren Wagen vor ihrem früheren „Zuhause“ an. Da es eine relativ verkehrsruhige Strasse ist, hat ihre Tante Agnes sie bereits beim Einparken bemerkt und steht schon im Türrahmen. Dieses Mal wartet sie allerdings alleine...Im Gegensatz zum letzten Male...Und Alice vermutet darin kein gutes Omen.

Ihr Onkel Kurt muss seit ein paar Wochen mit einer furchtbaren Diagnose leben: Lungenkarzinom – frühes Ende absehbar! Metastasen haben bereits gestreut.

So wird es also kein freudiges Wiedersehen. Alice umarmt ihre Tante stumm. Sie weinen, ohne auch nur ein einziges Wort zu sprechen. Und dann drängt Alice ihre Tante beiseite und betritt mit zittrigen Knien das Krankenzimmer des Onkels.

„Hallo Kleines! Auch mal wieder im Land? Hab schon befürchtet, wir würden uns erst im Himmel wiedersehen! Das heißt, wenn ich dort überhaupt hinkomme, ha, ha!“

„Was redest Du da Onkel Kurt. Sag mir lieber, wie es Dir geht?“

Dann legt sie stumm ihren Kopf auf seine Brust, und erneut kann sie ihre Tränen nicht unterdrücken!

„Zeig mir einen Mann, dem es nicht gutginge, wenn die schönste Frau des Landes auf seinem Bett, Unsinn, auf seiner Brust, liegt.“

„Jetzt bin ich beruhigt, denn ich höre, es geht Dir besser, alter Schwerenöter!“

„Schon! Aber ich kann Dich noch nicht zu dieser Party begleiten, meine Kleine!

Der Arzt meinte, es wäre noch zu früh! Diese Ärzte! Keine Ahnung. Es wird allenfalls bald zu spät sein. Aber nein - lassen wir das. Sag allen Leuten auf der Party, dass ich dabei bin, meine eigene Party vorzubereiten. Und alle werden eingeladen. Na ja, zumindest diejenigen, die ich mag. Ich habe sogar den Pfarrer schon eingeladen. Und es gibt „Live – Musik“. Genauer gesagt - Orgelmusik.“

„Onkel Kurt, hör’ bitte auf! Dein „schwarzer Humor“ bricht mir das Herz!“

„Mein schwarzer Humor ist doch tausendmal aufhellender als mein Tod, oder mein Schatz?“

Agnes und Kurt Jessen haben Alice ab dem 12. Lebensjahr bei sich aufgenommen. Das Jahr, in dem ein furchtbarer Unfall den ganzen Ort erschütterte: Beide Elternteile von Alice sind auf dem Weg in den Urlaub mit ihrem Fahrzeug tödlich verunglückt.

Unverschuldet...aber ändert das was an ihrem Tod?

Fortan waren diese „Verwandten der zweiten Generation“ mehr als nur Ersatzeltern.

Nach vierjähriger Schulzeit in der Grundschulschule zu Gillrath hat Alice das Bischöfliche Mädchengymnasium St. Ursula in Geilenkirchen als weiterführende Schule besucht.

In dieser Zeit hat sie ihre Vorliebe für das Gestalten und auch für die Kunst entdeckt. So war es nur folgerichtig, dass sie das Studium für „Integration von Bildender Kunst und Architektur“ an der Kunstakademie bei Professor Christian Megert erfolgreich abschloss. Aber nicht genug: Es folgte ein mehrere Semester dauerndes „Grafik-Design“-Studium.

Nun stand einer erfolgreichen Karriere nichts mehr im Wege. Bildende Kunst in Verbindung mit Architektur und Kommunikationsdesign. Für alle Superlative künstlerischen Schaffens gab es nun einen Oberbegriff: Alice Bongartz.

Und Ihr Name war schon in kürzester Zeit grenzüberschreitend ein Begriff für jeden der Bauen, Umbauen, Renovieren oder Umgestalten im Sinne von innovativer Baukunst als sein Handwerk gewählt hat, um auf diese Weise das eigene Unternehmen erfolgreich präsentieren zu können.

Aber auch die großen Bühnen und Theater nahmen ihre Dienste in Anspruch.

Auch die Medien wurden schon früh auf dieses Multitalent aufmerksam und loben:

„A Star was born!

Alice Bongartz hat den Begriff "Extravaganz" sowohl in punkto "Bildende Kunst" und „ Architektur“, als auch in punkto „Grafik, Formen und Farben“ neu interpretiert und auf individuelle Art reformiert.“

WIEDERSEHEN

Und es ist diese "Queen of Arts", die mit ihrem "Jagy", so der liebevolle Namen für ihren Jaguar, jetzt in die Blasiusstrasse in Gillrath einbiegt.

Sie parkt ihre Nobelkarosse sicherheitshalber auf dem Gelände der „Franzen’s“, den heutigen Gastgebern des Festes.

Bei ihrem letzten Besuch vor vier Jahren war es noch ein Benz, für den niemand der Gäste seinen Partyplatz verlassen hat.

Aber heute...

Schon bald bildet sich eine Gruppe junger, neugieriger Gäste rund um den Wagen. Die meisten wollen natürlich dieses wunderschöne „Wildtier Jaguar“ sehen - gemeint ist erstmal natürlich das Auto. Und doch sind auch einige Partybesucher dort, die meisten männlichen Geschlechts, um diese umwerfend schöne Frau zu bewundern.

Und dann treffen sich zwei Augenpaare auf Augenhöhe in der Mitte ihrer Entfernung.

„Hi! Du musst Leon sein, oder?“

„Woran erkennen Sie das? Gleiche ich vielleicht meinem Vater?

Den kennen Sie ja wohl fast so gut wie meine Mutter ihn kennt?“

Und sie überhört wohlwissentlich die Nachricht, die dahinter steckt!

"Ja! Ich bin Leon! Aber, hat Sie Ihr Ruhm womöglich bereits blind gemacht, selbst für "Alte Bekannte"?

"Mit Sicherheit nicht! Aber es ist schon erstaunlich, wie 4 Jahre einen Menschen verändern können!"

„Gottlob alle Menschen, oder Frau Bongartz?“

„Frau Bongartz? Wieso das denn? Haben wir uns nicht schon mal geduzt, Leon?“

„Haben wir! Aber da waren auch Sie noch ein paar Jahre jünger, keine Anspielung, nur Fakt!“

Und jetzt bebt die Erde unter dem Aufschlag der „berühmten“ Stecknadel. Oder ist es ganz einfach nur die atemlose Stille in Erwartung ihrer Antwort, die man nicht hört?

Leon, der siebzehnjährige Sohn der Franzen’s hat Alice die Affäre mit seinem Vater nie verziehen! Oder wer hat diese damals auch immer angefangen?

Alice verlässt dieses verbale Schlachtfeld, bevor der Krieg eskaliert.

Der Empfang im Hause hat eine ähnliche Note.

„Hallo Marita! Alles Liebe und Gute zum Geburtstag und insbesondere

Gesundheit! Schließlich werden wir alle nicht jünger!“

„Vielen Dank. Stimmt! Das ist eine der wenigen Gerechtigkeiten im Leben. Und Gottlob kann sie niemand leugnen, selbst die High Society nicht!“

Der nächste Schlag!

Und so ist die Begrüßung und Gratulation der Beiden: Ein schlechtes Imitat von Herzlichkeit.

Heimat ist ein Begriff mit einer unmittelbaren Initialzündung für alles Positive.

Das geht soweit, dass man in der Erinnerung an sie geneigt ist, zu glauben, die Heimat sei das Paradies ohne eine Schlange...

Und es stimmt. Es gibt dort nicht nur eine Schlange...

Anders bei ihrem Mann, leider zum Missfallen seiner Ehefrau.

„Hallo Alice! Schön, dass Du gekommen bist – und herzlich willkommen!“ –

und er streckt dabei seine ausgebreiteten Arme einer Dame entgegen, die so manches Mal in selbigen Zuflucht oder was auch immer gefunden hat.

„Ist doch klar, Heinz! Wenn Du rufst, kommen doch alle Frauen!“

Heinz ist viel zu sehr von sich eingenommen, um das nicht als Realität zu verbuchen.

„Das will ich meinen...ha, ha!“

Ungeachtet der Anspielungen umarmt er sie, zwar nicht im Polizeigriff, aber doch sehr intensiv. Er hat diese Zeit mit ihr nie vergessen, allenfalls verleugnet!

„Marita – hier ist mein Geschenk für Dich!“

Und Alice übergibt Marita ein von ihr gemaltes Öl - Porträt der Jubilarin. Vielleicht etwas abstrakt, was aber keine Anspielung auf ihr Aussehen sein soll – im Gegenteil. Nur für Kunstliebhaber sichtbar hat sie im Gemälde, und zwar in der Frisur, die Zahl 40 eingearbeitet.

Der Preis für dieses Kunstwerk - nicht einmal schätzbar! Denn Individualismus hat keinen Preis! Aber eines ist sicher: Die Signatur der Künstlerin ist um ein Vielfaches wertvoller als das Werk selbst.

Und so fällt auch der höfliche Dank der Beschenkten aus, während ihr Mann glaubt einen „Rembrandt“ in seiner Hand zu halten, denn er ist ja schließlich von „ihr“!

Die „Franzen’s“ sind mit Alice schon seit Kindheitstagen befreundet. Na ja - mehr oder weniger. Marita Franzen eher weniger, und wenn, dann mit Unterbrechungen. Im Gegensatz zu ihrem Mann. Der hat diese Freundschaft auch schon mal, oder auch schon mal öfter, „missverstanden“.

Seine Dienststelle im Aachener Polizeipräsidium kam ihm bei seinen „Nebentätigkeiten“ sehr gelegen. Allerdings nur bis zu seiner Versetzung zur Kreispolizeibehörde Heinsberg. Als Disziplinarmaßnahme tönten damals die Selfkanttrommeln. Dazu später...

Leon ist fast achtzehn und steht kurz vor dem Abi. Aber im Augenblick steht er im Mittelpunkt der Familie und bewundert das Geschenk, so lang bis er weiß, von wem es stammt.

„Und Sohnemann, was sagst Du zu Alice’s Geburtstagsgeschenk?“

„Na ja – wenn nicht sie, wer soll es dann können? Hat sie doch studiert oder?“

„Ist das alles, was Du zu sagen hast? Vielleicht gehört es einmal zu Deiner Erbmasse!“

„Okay Dad – dann behalte es lieber!“

Leon ist der Liebling der weiblich jüngeren, nein auch der weiblich älteren Menschen. Mit seinen jungen Jahren und seinem ästhetischen Körper einerseits, seinem Charme und witzigen Intellekt anderseits, bedient dieser Adonis der regionalen Neuzeit quasi alle Altersstufen der Weiblichkeit seiner näheren und ferneren Heimat. Seine männlichen Vorteile bedürfnisorientiert nach der Lebenserfahrung der einen oder anderen Altersstufe zuzuordnen, würde schon deshalb nicht gelingen, weil viele der Frauen alle seine Vorzüge nur im Ganzen bevorzugen.

Und jetzt folgen diverse Begrüßungsbussis, viele Wiedersehensgesten, mehr oder weniger gute Wünsche und neidvoll bewundernde Blicke. Alice hat relativ schnell ihren Alkoholpegel auf den „Gute Laune – Modus“ hoch gefahren und von all diesem dekorativen Überfluss, mit der man sie ansonsten gerne umgibt, ist nicht mehr viel übrig.

„Hej danst e Jelder Mäedche“!

Im übertragenen Sinn: Hier tanzt und feiert das „Mädchen vom Dorf“.

Und es gibt nicht viele Dörfer mit einer derart ausgeprägten Schönheit als Aushängeschild wie Alice es verkörpert.

Und diese Schönheit wäre wohl irgendwann in einem Dorf auch in einer Suppenschüssel „ertrunken“ – also quasi untergegangen. Sie aber ist sie, wo immer sie auftaucht! Der strahlende Mittelpunkt einer jeden Gesellschaft. Und in Aachen, dort wo sie lebt und arbeitet, nein, wo sie schafft, ist sie eine Institution ihres Genre’ s und gehört neben Karl dem Großen, dem Klenkes und den Lambertz – Printen - dem Tivoli mit seiner Alemannia zu den Aushängeschildern der Domstadt. Wenn auch auf grundsätzlich verschiedenen Ebenen, denn ihr fehlt u.a. die Historie im Vergleich.

So jedenfalls hat es einmal ein Laudator im Rahmen der Verleihung wider den „tierischen Ernst“ humorvoll aber mit Sicherheit auch mit dem nötigen Respekt formuliert.

Und fürwahr, in ihrer Person binden sich Genialität und Stil. Und das zeigt sich in ihren „Werken“, den architektonisch innovativen Schaffungen, die sie so bekannt gemacht haben.

Eine intelligente Schönheit, eher selten für diese weiblichen Menschen mit blondem Schopf! Achtung: Diskreminierung!

Leon’ s Mutter hat ihrem Sohn einmal erzählt, dass Alice bei schulischen Theateraufführungen in der Lage gewesen sei, einen Engel, wie auch Minuten später, den Teufel darzustellen. Und darin dürfte auch der eigentliche Charme für einen Mann in der Jetztzeit liegen: Herauszufinden welche Figur sie gerade verkörpert.

Der Reiz einer Frau für einen Mann besteht darin,

herauszufinden, was ER nicht von ihr weiß oder kennt,

SIE aber hütet wie ihren Augapfel!

Aber es waren auch all diese körperlichen und geistigen Accessoires, die ihr den Neid ihrer Mitschülerinnen und die Bewunderung ihrer Mitschüler gleichermaßen einbrachten – schon damals! Ganz ausgeprägt zeigte sich das bei Leons Mutter, ihrer einst besten Freundin.

Nach einem Snack in Form von Fingerfood nimmt die Stimmung im Hause der Eheleute Franzen von Minute zu Minute Fahrt auf.

Und mittendrin - Alice.

Das hier ist für sie Erholung, nicht das Bankett des Praline-Magnaten Bühlbecker bei der Aachener Süßwaren–Gala. Auch nicht die jährliche Einladung von Carl Meulenbergh, dem Präsidenten des „Aachen–Laurensberger-Reit-Vereins“, zu den „Welt – Pferdespielen“ in der Soers. Auf die Frage, was sie mehr interessiere, Pralinen oder Pferde, hat sie einmal geantwortet:

„Ich möchte einmal als Alice, ohne Bongartz, die Pferdeboxen der besten Pferde der Welt aufsuchen. Den Pferden dabei Möhren und mir Pralinen füttern! Aber im Gegensatz zu mir würde man das den Pferden nicht ansehen!“

Ja, man weiß um ihre Pferdeleidenschaft. Stehen doch in ihren „Stallungen“ zwei Exemplare einer edlen Rasse. Lange Mähne, langer Behang, kompakte Statur, so sehen nur Friesen aus.

Und auf die Frage eines Lokalreporters, ob sie nicht auch einmal im Narrenkäfig des AKV stehen möchte, soll sie geantwortet haben:

„Nein! Dafür bin ich mit zu viel Humor ausgestattet.“

So manchem Aachener der jüngeren Generation soll ihr Konterfei geläufiger sein, als die Büste Karls des Großen.

Wobei man stets bedacht sein sollte, zwischen Büste und Brüste zu differenzieren!

Wie gesagt: Hübsch, erfolgreich und auch noch schlagfertig, ein Unikat ihrer Spezies!

PARTYS

Von den anwesenden Gästen zu diesem 40. Geburtstag Maritas kennt Alice weit mehr als die Hälfte aus früheren „Feierlichkeiten“.

In Aachen, nicht jedoch bei den „Öchern“, würde man dazu „Events“ sagen.

Der nächste Gast, der an der Türe läutet, ist im Dorfe, ja sogar in der Stadt Geilenkirchen, schon ein Besonderer.

Der Bürgermeister Franz Bertelmanns persönlich! Aber in dieser Eigenschaft kommt er nach eigenen Angaben nicht. Nein, es ist die frühere nachbarschaftliche Nähe, denn auch er wohnt in der Strasse „Im Bruch“ und war sowohl Maritas wie auch Alices Nachbar – vor langer Zeit! Nicht zufällig dürfte allerdings sein, dass zeitgleich auch der Lokalreporter Sch. Schmidt, der spätere Bürgermeister von Geilenkiirchen, auftaucht.

Es ist ein „zufälliges“ Foto mit Alice und dem Bürgermeister, das am Tag später den Lokalteil der „“Aachener/Geilenkirchener Zeitung“ ziert. Für den Politiker ein PR – Gag der besonderen Art.

Aber nicht mal eine Zeile von der Jubilarin! Eine Tatsache, von der Marita nicht weiß, wem sie diesen „Fauxpas“ ankreiden kann.

Von Minute zu Minute zieht Alice sich mittlerweile den Zorn von Leons Mutter mehr zu, dem dieses natürlich nicht entgeht. Aber er liebt seine Mutter viel zu sehr, als dass er nicht versuchen würde, diese Situation nicht eskalieren zu lassen.

Als der hausinterne DJ eine „künstlerische Pause“ einlegt, verlässt Alice den „Tatort“, jedoch nicht auffällig, unauffällig genug. Denn Leon ist ihr gefolgt, um sich auf der Terrasse mit ihr zu treffen, rein zufällig, so wird Leon ihr gegenüber behaupten.

„Kann ich Dich einmal sprechen, Alice?“

„Sind wir also nun endgültig beim „Du“? Aber ich bin in den paar Stunden nicht jünger geworden! Wird Dir aber bei Deinem Beobachtungstalent nicht entgangen sein, oder?“

„Es war ein Konter auf Deine Bemerkung bezüglich meines Alters, Alice!

Auch wenn ich in Kürze erst 18 bin, möchte ich nicht wie ein erwachsen gewordenes Kind, sondern wie ein Erwachsener behandelt werden.“

„Dann benimm Dich auch so und versuch im Gegensatz zu Deinem Vater nicht ein Leben lang in einer Art „Spät-Pubertät“ zu verharren, Leon!“

„Mein Vater ist 45 Jahre!“

„Glaubst Du wirklich, dass man Pubertät an einem Alter festmachen kann, mein Junge? Die Pubertät endet mit einem Reifeprozess, nicht mit den Jahren!“

„Verdammt noch mal, ich bin nicht „dein Junge!“

„Na ja! Immerhin fluchen kannst Du ja schon wie ein Großer, ist also noch ausbaufähig! Und immer noch ohne Freundin?“

„Und Du? Immer noch ohne Freund oder Ehemann? Du bist schließlich doppelt so alt wie ich, oder?“

„Ich bin 36, wenn Du also bald achtzehn bist, ja, dann – dann bin ich tatsächlich doppelt so alt wie Du!“

„Aber nicht mehr lange!“

„Wieso das nicht?“

„Nur in diesem Jahr noch, Alice! Im nächsten Jahr wirst Du schon weniger als doppelt so alt sein. Und dann jedes Jahr weniger!“

„Was redest Du da für einen Bullshit? Es bleiben ja wohl immer 18 Jahre Altersunterschied!“

„Bullshit? Aber es stimmt, was du sagst! Und trotzdem werden es von Jahr zu Jahr weniger als doppelt so viele!“

Alice stutzt, aber versteht es immer noch nicht, und das bei ihrer Intelligenz!

„Probleme? Ich denk, Du hast ein „Einser- Abi“ hingelegt? Mathe hast Du wahrscheinlich abgewählt?“

„Leon, ich denke, Du weißt es besser. Darf ich Dich also bitten, die Häme aus Deinem Ton zu nehmen, ansonsten möchte ich nicht weiter mit Dir reden!“

„Weil Du Schuldgefühle mir gegenüber hast, oder?“

„Welcher Art? Du glaubst, ich hätte Deiner Mutter den Mann weggenommen, ja? Vielleicht werde ich es Dir später einmal erklären!“

„Du meinst, wenn ich „groß“ bin?“

„Bist Du jetzt schon! Nein – wenn Du erwachsen bist!“

„Und? Hast Du also schon einen erwachsenen Begleiter, Ehemann oder Lover gefunden, Alice?“

„Lover? Mehrere! Aber ansonsten bin ich solo. Ich ziehe eine temporäre Beziehung einer permanenten Langeweile vor, wenn Du verstehst, was ich meine!“

„Stell Dir vor: Tue ich, Alice! Aber keine Sorge, auch in 50 Jahren wirst Du mich noch fühlen lassen, dass Du 18 Jahre älter bist und glaubst, entsprechend klüger zu sein.

Wirst nicht bemerken, dass ich schon lange keine kurzen Hosen mehr trage und keine hochgeschnürten Schuhe!“

„Höre ich da etwa einen Touch von Frust heraus?“

„Einen Touch hört man nicht, sondern, wie der Name sagt, fühlt man!“

„Danke für die Belehrung, Klugscheißer! Aber es gibt auch symbolische „Touchs“! Darf ich Dir eine Friedenspfeife in Form einer Zigarette anbieten? Ich denke „Männer wie Du“ rauchen doch, oder?“

Sie ist vorsichtig geworden.

„Mist! Ich habe die Zigaretten auf dem Tisch liegenlassen!“

„Warte Alice, ich bin schon unterwegs!“

„Was ist das denn jetzt los, Leon?“

„Eine Friedenspfeife könnte ich jetzt gebrauchen!“

Aber schon nach den ersten Zügen streikt Leons Lunge und pustet hinaus, was sie gerade inhaliert hat.

„Entschuldige, ich bin erkältet, dann schmeckt die Zigarette nicht besonders!“

„Stimmt! Da spricht der Experte!“

„Alice, darf ich Dir ein Geheimnis anvertrauen?“

„Ich weiß, Du bist Nichtraucher!“

„Ja – auch! Bereits bei der Fete im letzten Jahr wollte ich Dir schon etwas sagen. Aber es bleibt unter uns, Ehrenwort?“

„Alles zwischen uns, bleibt auch unter uns!“

„Alice, kann es sein, dass wir uns jetzt endlich auf Augenhöhe begegnen? Siehst Du, da ist es wieder! Auch damals fehlte mir ganz plötzlich der Text nach einer solchen Bemerkung von Dir, obwohl ich ihn selbst verfasst und auswendig gelernt hatte!“

„Von welcher Bemerkung sprichst Du?“

„Was soll denn zwischen uns sein, was unter uns bleibt?“

„Noch nichts, aber der Abend ist ja noch lang – ha – ha! Aber Texte dieser Art verfasst man für Referate oder Vorlesungen, und man kann sie dann sogar ablesen!

Wenn man einem Menschen aber etwas sagen will, spricht man aus, was man fühlt und denkt und rezitiert nicht, was man auswendig gelernt hat.

Du wolltest mir sagen, dass Du Dich in mich verliebt hattest. Ein Kindertraum, ja?

Oh, Entschuldigung!

Und warum hast Du mir das nicht gesagt?“

Und gerade, als Leons Lunge den Nikotinschub verdaut zu haben schien, nun dieser Rückfall nach dieser Bemerkung.

„Nein – ich meine ... ja, nein – Dich habe ich nicht gemeint!“

„Schade, ich wollte mich gerade in diesem Fall für meine Unbescheidenheit entschuldigen, Leon!“

„Musst Du nicht Alice, aber wieso hast Du „schade“ gesagt?“

„Weil es eine gute Gelegenheit für mich gewesen wäre, Dir zu zeigen, dass ich Dich so sehe, wie Du bist. Ein Mann, der immerhin geschätzt einen Kopf größer ist als ich. Und ich schaue nun mal lieber nach Männern auf, statt auf sie herab! Komm einmal zu mir!“

Ungeachtet der Gefahr in Form von Leons Mutter, aber auch von seinem Vater, umarmt sie ihn zärtlich, wenn auch mit einer gewissen Distanz. Leon zittert, seine Hände schwitzen, ihm wird ein wenig schwindlig – er wankt!

Alice versteht die Situation und kommt ihm im wahrsten Sinne des Wortes entgegen, so dass ihre Arme seinen Körper umarmen können - und es auch tun. Sie nimmt seinen Kopf und zieht ihn auf ihre Schultern „unterhalb ihres Kopfes und auf der „Frontseite“! So halten sie inne, und zwar exakt so lange, bis Leons Mutter im Türrahmen erscheint.

„Mein Mann genügt Dir wohl nicht, jetzt auch noch mein Sohn! Wie schamlos bist Du eigentlich, Alice! Ich schwöre Dir, das war das letzte Fest in meinem Hause, an dem Du teilgenommen hast. Verschwinde, hau ab, ich kann und will Dich nicht mehr sehen!“

Wird sie mit ihrer Prognose Recht behalten?

„Was willst Du, Marita? Ja, wir haben uns umarmt, na und? Er hat einen Rat gesucht, warum ist er damit wohl nicht zu Dir gekommen?“

„Und für Deine Antwort musstest Du seinen Kopf an Deine Brust legen, ja? Hau ab, es ist besser für unsere ganze Familie!“

„Mutter, bist Du verrückt geworden? Sie hat mich nicht an ihren Busen gedrückt. Es ist nichts geschehen!“

„Noch nicht, aber es wird, mein Junge, ich spreche aus Erfahrung. Es wird...!“

„Wenn sie geht, gehe ich auch!“

„Dann verschwinde doch gleich mit ihr und viel Vergnügen! Wirst eine Menge lernen von ihr. Na ja, einige Lektionen werden wohl auch von Deinem Vater dabei sein!“

Ihre letzten Worte, bevor sie wieder in die Anonymität der Geburtstagsgesellschaft abtaucht.

Leon holt etwas zu trinken, aber niemand wartet mehr auf ihn, als er zurückkehrt. Er ruft ihren Namen in die Dunkelheit hinaus - ohne Resonanz. Er läuft auf die Strasse – nichts! Sie muss sich wahnsinnig beeilt haben. Auf der Karl-Arnold-Strasse angekommen, sieht er im Licht der Tankstellenreklame die Silhouette einer Frau, die sich eiligen Schrittes Richtung Strasse „Auf der Weide“ bewegt.

Sie geht Richtung Elternhaus! - schießt es durch seinen Kopf!

Tatsächlich biegt sie in Höhe der Brücke über den Rodebach in die Straße „Im Bruch“ ein und geht dort Richtung Alice’s Elternhaus.

In der gleichen Strasse wohnt Frau Eva Jansen, eine Nachbarin der Breuers.

Frau Jansen ist geschieden und fristet seitdem nicht unbedingt das Leben einer Askesin, was auch Leons Opa nicht entgangen ist. Er greift seiner Nachbarin „bei Bedarf“ unter die Arme, oder was immer er gerade dafür hält...

Wer will also Opa Fritz verdenken, dass er Nächstenliebe anders definiert als die katholische Kirche, zumal zuhause eine demente Ehefrau vergessen hat, dass sie überhaupt verheiratet mit Opa ist. Da war doch mal was...

„Alice, warte doch bitte, ich muss mit Dir reden!“

„Leon, geh lieber nach Hause, bevor es noch mehr Ärger gibt!“

„Ich wollte eigentlich einmal von Dir wissen, wieso es immer wieder zwischen Dir und meiner Mutter zum Crash kommt! Ihr ward doch einmal gute Freundinnen!“

„Ach, Leon. Das ist eine längere Geschichte, ein anderes Mal vielleicht!“

„Das hast Du eben auch gesagt, Alice. Ich mach Dir einen Vorschlag. Wir gehen nicht rechts in die Strasse, sondern links zum Spielplatz und setzen uns dort auf eine Bank. Und dann erzählst Du mir bitte die Geschichte!“

„Muss ich Dich dorthin an die Hand...ich meine…schließlich ist es schon dunkel?“

„Nein Alice, musst Du nicht. Ich wäre Dir auch dankbar. wenn unser Altersunterschied nicht mehr von Dir thematisiert würde!“

„Entschuldige, werde mich bessern, also gut, einverstanden!“

„Weißt Du was Alice, ich hole bei der Tankstelle noch etwas zu trinken – warte hier! Wir machen unsere eigene Party!“

„Bist Du verrückt, Leon? Glaubst Du vielleicht, ich bleibe hier im Dunkeln allein zurück und werde womöglich als die erste „Spielplatz-Leiche von Gillrath“ in die Annalen des Dorfes eingehen? Nein, ich möchte noch viele lange Jahre gut und glücklich leben!“

„Und wer hat nun Angst vor der Dunkelheit? Aber okay - komm mit!“

In der Tankstelle angekommen:

„Hallo, Frau Gerhards. Heute Vertretung für meine Mutter? Wir hätten gerne noch was zu trinken.“

„Such Dir was aus, Leon, Du kennst Dich ja aus hier!“

Derweil hat Alice mit einem Augenzwinkern ihr einen Zwanzig-Euro-Schein über die Theke geschoben.

Alice:

„Wir haben keine Gläser, Leon!“

Frau Gerhards:

„Ich kann mit ein paar Kaffeebechern aushelfen, soll ja wohl ein Picknick werden. Aber pass auf Leon, dass Dir bei dem Wort nicht ein paar Buchstabendreher rausrutschen. Könnte Deine Mutter furchtbar aufregen!“

Die Frau von der „Tanke“ schmunzelt...

„Macht nichts! Aufgeregt hat sie sich bereits schon!“

„Wohin setzen wir uns? Auf diese Holzbank?“

„Prost, und jetzt erzähl mir bitte!“

„Also, dein Vater und ich waren früher zusammen. Das Ganze dauerte ca. drei Jahre. Nach dem Abi zog ich nach München, um zu studieren. Meine Reisen in die Heimat waren nur noch sporadisch, aber unsere Verbindung blieb, glaubte ich! Irgendwann traf ich bei einer solchen Gelegenheit Deine Mutter und stell Dir vor: Sie war schwanger!“

„Herzlichen Glückwunsch, Marita, wann ist es denn soweit?“

„In 5 Monaten, Alice. Aber zuerst kommt die Hochzeit im nächsten Monat!“

„Kenn ich den Glücklichen, Marita?“

„Ja Alice, sogar sehr gut! Es ist… Heinz!“

„Ja, Leon - und Du warst die „fehlenden 5 Monate“ bis zur Entbindung! Ich habe damals geglaubt, es zieht mir den Boden unter den Füßen weg!

Und kein einziges Wort von Deinem Vater, kein Anruf, gar nichts! Ich bin damals mit dem nächsten Zug zurückgefahren, nicht ohne während der ganzen Zugfahrt zu heulen wie ein Schlosshund. So eine Enttäuschung, er mit meiner besten Freundin! Wäre damals der Zug entgleist, es wäre okay gewesen für mich!

Nach dem Studium bin ich nach Würselen in die „Aachener Strasse“ gezogen. Dort war gerade eine Wohnung mit einem kleinen Büro frei geworden. Ich habe damals früh Fuß gefasst in meinem Job, wahrscheinlich weil ich mich ausschließlich darauf konzentriert habe. Mein Job war mein neuer Freund! Danach habe ich den Bauernhof in der Soers gekauft und umgebaut, auch zur eigenen Werbung. Mein ganzer Stolz!

Deinen Vater hatte ich zwar nicht vergessen, aber auch nicht mehr auf meinem Bildschirm, es gab Wichtigeres damals! Als er dennoch eines Tages vor der Türe stand, hat es mir fast die Seele zerrissen. Es zischte in mir, als hätte man eiskaltes Wasser in glühendes Fett geschüttet.

Ich weiß nicht mehr, wie lange wir uns wortlos gegenüberstanden.

Und genau so wortlos sind wir uns in die Arme gefallen.

Ich denke, wir schenken uns weitere Details, Leon!“

„Weil’s immer noch wehtut?“

„Nein, heute nicht mehr! Aber damals, ja, eine ganze Weile noch! Heute ist es mir eher lästig, wenn er immer noch an irgendeiner Stelle meines Lebens auftaucht oder sich meldet.

Er hat seine Familie nicht verlassen, seine Frau nicht und Dich nicht, Leon. Er hatte sich entschieden – gegen mich. Und ich kann vieles, nur nicht teilen, und schon gar nicht einen Mann! Damals nicht und heute nicht!

Aber versprich mir, das bleibt unser Geheimnis!