Seesucht - Ulrike Längle - E-Book

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Ulrike Längle

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Beschreibung

Schiffefahren auf dem Bodensee kann zur Sucht werden. Das erfahren Anna Katharina Matt aus Bregenz, Schriftstellerin und Privatgelehrte, und Dr. Marinus Zeemann aus den Niederlanden, Angestellter bei einem Margarinekonzern, Industriespion und ebenfalls Autor, bei ihren gemeinsamen Fahrten einen Sommer lang auf dem Schwäbischen Meer. Sie befragen die auf den Seezeichen sitzenden Reiher als Orakel, beobachten ihre Mitreisenden, nehmen an Ma­rienwallfahrten auf dem See und Wettrennen um das Blaue Band teil und vertiefen sich in die Geschichte der Schiffsunglücke. Dabei wird der See immer mehr zu einem Spiegel europäischer Entwicklungen, und Anna Maria Matt weiß am Schluss nicht mehr, ob Marinus nun Heroin in Weißwürsten schmuggelt oder nicht.

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Seitenzahl: 243

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

Rattler auf dem See

Fröhlich – farbig – flott – fantastisch

Hydropolis – Nekropolis

Der kühne Coup von Bottighofen

Orakel

Die drei Erdbeeren

Militärmanöver

Siebzig Wasserleichen

The well fed Bavarian lion

Die Explosion des Schaumballons

Langkrummnacken

Montanus

Tod, Grab und Richter

Hedy Fischer

Cozfred und Regenhelm

Der 1. August

Seenachtfest

Jux und Sturm

Lues velocipedalis vulgaris

Meerstern, ich dich grüße

Husqvarna Nähmaschinen

Kriminelle Kriechströme

Doctor Marinus Zeeman

Der 11. September

Grenzenlos

Das Blaue Band

Der Euro

»Was ein Dichter nicht sieht, ist nicht geschehen.«

Elias Canetti, Nachträge aus Hampstead

»So braucht sie denn die schönen Kräfte

Und treibt die dicht’rischen Geschäfte,

Wie man ein Liebesabenteuer treibt.

Zufällig naht man sich, man fühlt, man bleibt

Und nach und nach wird man verflochten;

Es wächst das Glück, dann wird es angefochten,

Man ist entzückt, nun kommt der Schmerz heran,

Und eh man sich’s versieht, ist’s eben ein Roman.«

Johann Wolfgang von Goethe, Faust

Rattler auf dem See

Der Saisonstart war gut. Auf dem Schiff gab es Champagner. Sie gönnte sich ein Glas. Nicht weil sie sich sonst nichts gegönnt hätte, aber es war ein besonderer Tag. Die »Karlsruhe« lief aus dem Hafen von Bregenz aus, Richtung Lindau. Sie blieb bis Wasserburg an Bord. Die »Karlsruhe« trug vorne das Wappen von Karlsruhe, auf dem »Fidelitas« stand. Dr. Zeeman trank nichts. Aber auch er hatte eine Saisonkarte. Die flotte Flottencard der Bodenseeschiffahrt, mit der man auf dem ganzen See herumfahren konnte, außer auf der Fähre Romanshorn-Friedrichshafen und auf den Schiffen von Überlingen nach Bodman.

Die ersten Fahrten verliefen ruhig. Der See war glatt, der See war blau. Die Berge meist im Dunstschleier, manchmal aber auch klar sichtbar. Das Wetter schön. Die Fahrgäste alt. Oder Radfahrer.

Am 1. Mai, einem Feiertag, stieg sie um neun Uhr zwanzig aufs Schiff. Mit sich hatte sie einen Roman, den sie durchlesen wollte. Sie bestellte einen Kaffee und machte es sich auf dem Deck bequem. Als sie mit dem Roman halb fertig war, waren sie in Konstanz angekommen. Sie ging an Land, kaufte sich ein Eis und fuhr mit dem gleichen Schiff wieder zurück. Es war die »Vorarlberg«. Den Roman hatte Anna Katharina Matt selbst geschrieben.

Das nächste Mal fuhren sie bis Nonnenhorn. Dr. Zeeman, der den schönen und seltenen Vornamen Marinus trug, schlug vor, ein Eis bei der Konditorei Lanz zu kaufen, am Eisfenster. Nuß und Malaga. Malaga schmeckte ihr am besten. Bei der Rückfahrt stieg Dr. Zeeman in Bad Schachen aus. Vorher, in Wasserburg, kam regelmäßig die Grabfrage zur Sprache. Dr. Zeeman wollte um jeden Preis ein Grab in Wasserburg. Mit Seeblick. So wie Johannes Baumgartner, der Pfarrvikar.

»Früher, als wir hier mit dem Schlauchboot entlanggefahren sind, in den Ferien, da hat man gesehen, wie unterhalb der Friedhofsmauer die alten, ausrangierten Grabsteine im Wasser lagen. Nichts als Grabsteine. Die haben sie einfach in den See geworfen.«

»Ist das nicht Verschwendung?«

»Das dient auch zum Schutz für die Halbinsel.«

»So sorgen die Toten für die Lebenden.«

Es war ein Freitagnachmittag. Anna Katharina fuhr weiter nach Lindau. Das Schiff näherte sich dem Hafen, der bekannten Zweiergruppe von Leuchtturm und steinernem bayerischem Löwen. Man hörte Schreie und Gejohle. Völlig ungewohnte Laute auf dem sonst friedlichen See. Das Schiff passierte die Hafeneinfahrt. Horden von rot-schwarz-grün gekleideten Menschen schrieen etwas Unverständliches und schwenkten eine Fahne. Horden von Polizisten flankierten sie. Bayerische Polizei und bayerische Gendarmerie sowie Sicherheitskräfte aus Baden-Württemberg. Anna Katharina erkannte den Unterschied an dem Wappen, das sie auf den Schulterklappen trugen. Die drei staufischen Löwen übereinander für Baden-Württemberg, ein Löwe für Bayern. Ihr wurde unheimlich. Wahrscheinlich eine rechtsextreme Demonstration. Das Geschrei war laut und unverständlich. Sie legten an. Die Bootsbesatzung und die Sicherheitskräfte am Ufer verständigten sich per Funk. Dann wurde die Landebrücke ausgelegt. Die Horde kam aufs Schiff. So etwas hatte Anna Katharina noch nie erlebt. Die Horde drängte aufs Oberdeck, wo sie sich aufhielt.

Das Schiff war die »Vorarlberg«, das Prachtstück der österreichischen Bodenseeflotte und das größte Bodenseeschiff überhaupt, seit die »Allgäu« außer Dienst gestellt war. Jedenfalls das längste. Am meisten Passagiere faßte die »Austria«. Zwanzig Polizisten kamen mit an Deck. Sie näherte sich dem Kordon, der die grölende und schreiende Truppe bewachte, und sagte, sie würde gerne da durch.

»Wollen Sie da wirklich hinein?« fragte ein Polizist.

»Klar, ich fahre immer auf diesem Deck.«

Vor ihr stand ein schmächtiger Jüngling und schrie:

»Wir wolln ins Puff, rasierte Mösen sehn.«

So hatte sie sich Rechtsextreme nicht vorgestellt. Alle hatten Bierdosen in der Hand. Die meisten trugen Leibchen mit der Aufschrift: »Tirol Milch« und »FC Tirol«. Sie fragte einen Polizisten, Schlagstock und Pistole im Gürtel, was das für Leute seien. Es waren Fans des »1. FC Tirol«, früher »Wacker Innsbruck« genannt, die zu einem Spiel ihrer Mannschaft nach Bregenz gekommen waren und vorher einen Ausflug nach Lindau gemacht hatten. »Alles außer dem ›FC Tirol‹ ist Scheiße«, skandierte jetzt eine Gruppe. Auf dem Schiff standen die bewaffneten Polizisten, hinter ihr fuhr das bayerische Polizeiboot »Hecht«, als sie den Hafen verließen. So war sie noch nie in Bregenz eingefahren. Die meisten der Fans waren ziemlich jung, ein paar sahen gefährlich aus. Ein schwarzhaariges, braungebranntes junges Mädchen schwenkte die Fahne. »Ein richtiges Flintenweib«, dachte Anna Katharina, »sicher eine echte Rattlerin.« Rattler, die Unterschichtler von Innsbruck. Die echte Rattlerin war eine Vorarlbergerin und kam aus Bludenz. Ein paar von den Fans unterhielten sich mit den Polizisten. Ein Polizist erklärte Anna Katharina, daß die Fans letztes Jahr im Suff das Innere des Schiffes angezündet und alles zertrümmert hätten, deshalb die Sicherheitsvorkehrungen. Sie stand mitten unter ihnen, umgeben von zwanzig Polizisten mit Schlagstöcken und Pistolen und eskortiert vom bayerischen Polizeiboot »Hecht«. Ab und zu grölte wieder einer der Fans: »Wir wolln ins Puff, rasierte Mösen sehn.« Ansonsten verlief die Fahrt friedlich. Sie stieg mitten unter den Rowdies aus und wurde mit ihnen gefilmt. Hielt man sie auch für einen Fan des 1. FC Tirol?

Dann kam das Gewitter. Diesmal wieder auf der »Karlsruhe«. In Lindau goß es so, daß man unmöglich aussteigen konnte. Der Regen schwappte über Deck, rieselte in Rohren vom Dach herab und schlug gegen die Fenster. Der Kapitän machte eine Durchsage und erwähnte, daß man an Bord auch billig Regenschirme erstehen könne. Sieben Stück seien noch vorhanden. Sie fuhr bis Kressbronn, dort war es wieder ruhiger. Auf dem Schiff verspeiste sie eine Weißwurst mit Breze. Sie kostete acht Mark fünfzig. Sie wurde nicht einmal seekrank.

Am letzten Samstag war sie mit Dr. Zeeman von Konstanz zurückgefahren. Sie hatten in der Universitätsbibliothek gearbeitet. Auf der Mülltonne in der Uni stand:

»Bitte die Mülltonne zwischen 12 Uhr 45 und 13 Uhr 30 freihalten!«

Auf dem Bus in die Stadt zurück war zu lesen:

»Gib der Zukunft ein Gesicht: werde Stukkateur.«

Im Bus saßen zwei kleine Buben hinter ihnen. An einer Haltestelle stieg ein Paar ein, sie gefärbte blonde Haare, Tätowierung am Unterarm, Gesicht mit tiefen Pickelnarben, er mit Gliederarmband, Typ Zuhälter. Sie rochen nach Schweiß und Alkohol. In der Nähe saßen zwei Asiaten, ein junges Pärchen. Anna Katharina war so beschäftigt, möglichst luftsparend einzuatmen, um dem Gestank zu entgehen, daß sie gar nicht merkte, was um sie herum vorging. Plötzlich stand die Frau auf, ging zu den beiden Buben und schrie sie an:

»Euch haben eure Eltern wohl zu wenig verprügelt. Was ihr da gesagt habt, das war rassistisch. Wenn ihr nicht aufhört, gehe ich zum Fahrer. Ihr gehört ordentlich durchgehauen.« Der Zuhälter blickte verlegen, eine schüchterne Knabenstimme sagte:

»Sie dürfen uns aber nicht verhauen«, dann stiegen alle aus. Der Zuhälter murmelte noch »Genetischer Müll« und trollte sich mit seiner Begleiterin.

In Konstanz war Turnfest. Am Hafen, vor der Statue des Grafen Zeppelin als Wieland der Schmied, hinten Flügel, vorne nicht einmal ein Feigenblatt, war eine Tribüne aufgebaut, Musik dröhnte. Dann die Ansage:

»Sie sehen jetzt die Jazztanzgruppe der TG Schwenningen unter Bärbel Kiechle, Mitglied im Schwäbischen Turnerbund.«

Auf die Tribüne kletterten zehn Mädchen, in schwarzen Trikots mit silbernen Streifen. Die Ansage war englisch. Dann machten sie ihren Jazztanz. Graf Zeppelin, hinten Flügel, vorne nichts, sah auf sie hinunter. Die Mädchen bewegten sich flott, es wirkte alles sehr amerikanisch. Und so folgte eine Truppe auf die andere, alle Mitglied im Schwäbischen oder Badischen Turnerbund, alle mit Ansage auf englisch und rhythmischen Verrenkungen zu lauter Musik.

Diesmal war das Schiff die »Austria«. Im Hafen lag die »Königin Katharina«. Die zwei Striche auf dem ö bildeten eine Krone. In Kreuzlingen hatten sie die »Arenenberg« gesehen, ein Schweizer Schiff, das vorne ein gekröntes und von Lorbeerzweigen umgebenes H trug. Nicht H wie Heck, es war ja am Bug, sondern H wie Hortense, die Stieftochter von Napoleon. Die »Mainau« trug vorne den Namen MAINAU in gebogener Schrift über einer Krone. Monarchistische Reminiszenzen allüberall. Hatte vielleicht die »Graf Zeppelin« außer dem Namen auch noch einen aristokratischen Touch?

Bis Meersburg war das Schiff gerammelt voll, dann ging es. Die Insel Mainau zog die Passagiere ab. In Meersburg lagen sie ziemlich lange im Hafen, bis die ewignichtendenwollenden Kolonnen von Radfahrern, Familien mit Kindern und sonstigen Touristen aus- und eingestiegen waren. Auf dem Deck, auf dem sie standen, hörte man die Unterhaltung der Besatzung, der österreichischen Besatzung. Alles im Vorarlberger Dialekt, nur dazwischen immer wieder BACKBORD und STEUERBORD auf Hochdeutsch. In Friedrichshafen stiegen zwei junge Frauen zu, kurze Kleidchen, eines mit schwarzen, eines mit rosa Rosen, hohe Schuhe mit Plateausohlen, wie man sie sonst kaum mehr trug, aufgesteckte Haare mit vielen kleinen Kämmchen und eine auffallend bleiche Hautfarbe, als ob sie ständig in geschlossenen Räumen arbeiten würden. Vermutlich liegend. Vielleicht waren sie aber auch von einem Kirchenchor. Eine trug einen eintätowierten Drachen über dem linken Knöchel. Dann noch ein Pärchen, zwei ungefähr zehnjährige kleine Buben mit Lederhosen und Sandalen und rosa Hemden. Zwillinge. So etwas hatte Anna Katharina schon ewig nicht mehr ge sehen. Lederhosen an kleinen Buben!

Marinus meinte:

»Hast du den Zuhälter nicht gesehen? Der hat doch dauernd an der Reling gelehnt, ein fetter, langhaariger Typ mit Kettenarmband und Tätowierungen.«

Schon wieder ein Zuhälter. Sie hatte ihn nicht gesehen. Genausowenig wie den dritten kleinen Buben, ebenfalls mit Lederhose. Er war kleiner, es waren also keine Drillinge.

In Wasserburg sprang der Hafenmeister herbei, um die Landebrücke an das Schiff anzulegen. Es war ein älterer Mann, der dem alten Goethe glich wie ein Ei dem anderen.

»Das Grab mit Seeblick kann ich vergessen. Es ist bereits alles ausgebucht auf diesem Friedhof.«

»Schreib doch deinen Roman über Hermann den Cherusker, dann wirst du berühmt und bekommst ein Ehrengrab mit einer Kopie des Hermann-Denkmals aus dem Teutoburger Wald. Hier auf dem Friedhof.«

»Eigentlich hast du recht. Dieser Schuppen vor dem Pfarrhaus, der ist völlig überflüssig, da könnte man doch noch viele Gräber unterbringen. Und für mich ein Ehrengrab, mit Denkmal.«

Am nächsten Tag wartete eine e-mail-Botschaft auf Anna Katharina, die Marinus abgeschickt hatte:

Als die »Karlsruhe« das Postlerschloß Alwind passierte, an dessen Badestrand gerade eine gebräunte Postlerin (sie tauften sie später »Alwine«) den immer noch recht kalten Fluten entstieg, entspann sich eine lebhafte Diskussion über die Etymologie dieses Namens, der ins Mittelalter zurückgeht. Sie vermuteten, daß auf der erhöhten Lage des Schlosses alle Winde zusammentrafen und dem Erbauer des ersten Schlosses Hans von Höchst diesen Namen regelrecht eingeblasen hatten. Die These wurde von den Touristen laut belacht. Eine sächsische Urlauberin beklaschte sie als herrliche Volksetymologie, wußte aber auch keine bessere Erklärung. Wenn sie geahnt hätte, daß auch die historische Form Aalwend belegt ist, hätte sie möglicherweise die Hypothese gefunden, daß hier die Bodenseeaale auf ihrem langen Weg zu wenden pflegten. Aber warum gerade hier? Weil der Schloßherr am Ufer aus lukullischen Erwägungen zahlreiche Aalreusen aufgestellt hatte, mit denen die Aale unliebsame Erfahrungen gemacht hatten? Aber warum sollten die Aale ausgerechnet da wenden, wo sie an das Ziel ihres eigentlichen Lebenszweckes gelangten? Es gäbe noch andere Deutungen, denen jedoch allemal die Alle-Winde-These vorzuziehen ist; denn diese kann sich nicht zuletzt auch darauf berufen, daß in Lindau auch der Hausname »Alle Winde« bezeugt ist.

Fröhlich – farbig – flott – fantastisch

Im Moment mußten in Baden-Württemberg Pfingstferien sein. Die Schiffe wimmelten von Urlaubern. Nicht nur alt. Nicht nur Radfahrer. Auch schulpflichtige Kinder mit Eltern. Kürzlich war die »Karlsruhe« so voll gewesen, daß sie auf dem Vorderdeck nicht, wie gewohnt, auf Stühlen an der Reling sitzen konnten, sondern mit der Bank Vorlieb nehmen mußten. Aber nur bis Lindau. In Lindau ging das Gros von Bord. Anna Katharina holte sich ein Weizenbier und den »Südkurier«. Obwohl Dienstag war, stammte der »Südkurier« noch vom Montag, mit großen Berichten über das Turnerfest in Konstanz. Auf dem Titelblatt ein Foto mit fahnentragenden Turnerinnen und Turnern, daneben ein Text, in dem vermerkt war, daß die Polizei mit dem Verhalten der Turner sehr zufrieden gewesen sei. Im Inneren dann Berichte: selbst in der Kirche hätten die Turner geturnt, zur Ehre Gottes. In St. Stephan. Auf dem Foto sah man fünf Turnerinnen in langen, wallenden Gewändern mit langen, hellen Schals.

»In St. Stephan wurden 1498 zehn Juden aus Stein am Rhein getauft. Gleich nach ihrer Ausweisung. Weißt du, was Schabbesdrähte sind?«

Marinus blickte sie erwartungsvoll an, aus seinen hellblauen Augen in seinem großen, runden Kopf. Anna Katharina wußte es nicht.

»Am Sabbath darf man nicht arbeiten und nicht einmal herumgehen. Bei strenggläubigen Juden. So wie die Mönche Biber als Fische verspeist haben, in der Fastenzeit, weil sie einen schuppigen Schwanz haben, genauso haben die Juden das Gebot umgangen, indem zwischen den Judenhäusern die Schabbesdrähte gespannt wurden. Innerhalb dieser Drähte durften sie sich bewegen.«

»Erinnert mich an den Lustenauer Hüterbub, die elektrischen Drähte, zwischen denen die Kühe herumgehen dürfen.«

Anna Katharina wandte sich wieder der Zeitung zu. Dort wurde noch die Frage aufgeworfen, ob sich der Badische und der Schwäbische Turnerbund vereinigen sollten. Die Stimmung war eher dagegen. Und dann entdeckte sie das Motto: »Fröhlich – farbig – flott – fantastisch«. So waren die Turner heute. Einzig das »fröhlich« hatte die Zeiten unbeschadet überstanden, seit dem »Frisch – fromm – fröhlich – frei« des Turnvaters Jahn. In Nonnenhorn verzichteten sie diesmal aufs Eis. Malaga gab es sowieso nicht.

»Es soll nicht zum Laster werden«, meinte Dr. Zeeman. Vermutlich dachte er, daß es wenig zu seinem abendlichen Bier paßte. Statt dessen studierten sie die verschiedenen Tafeln am Landesteg. Am besten gefiel ihnen: »Zutritt nur für Hafenlieger« bei den Segelbooten. In Wasserburg, der alte Goethe kam wieder herbeigesprungen, zählten sie die Ratten, die das Schiff verließen. Es waren glatte sechzig Stück, keine einzige Fahrradratte. Nur vier gingen an Bord.

Am Postlerschloß Alwind badete diesmal kein Postfräulein. Es war ein Postmann, Alwin. Er trug Badehosen bis zum Knie, hinter ihm verlief die imposante Treppenlinie bis zum Schloß hinauf. Marinus verließ das Schiff in Bad Schachen:

»Hast du das mitgekriegt, was da los war, am letzten Sonntag, als der Hafenjüngling nicht da war, um die Landebrücke auszulegen?«

Anna Katharina hatte nichts mitgekriegt, weil sie nicht ausgestiegen war, sondern auf der seeseitigen Seite des Schiffes die Aussicht und die Sonne genossen hatte.

»Da war so ein Rentner, der hat die Landebrücke angelegt, und seine Frau hat mit ihrem Krückstock wieder und wieder auf ihn eingeschlagen und geschrien: ›Laß das, laß das, das ist doch viel zu anstrengend für dich.‹ Der Rentner hat nur gelacht und gemeint: ›Endlich ist was los!‹ An Bord rezitierte ein Matrose den Werbeslogan der BSB: ›Wir verschaffen Ihnen einen Erlebnisurlaub.‹ Der Hafenjüngling muß verschlafen haben. Wahrscheinlich drogensüchtig.« Auch heute war der Hafenjüngling nicht da, sondern ein anderer.

In Lindau gingen die vorletzten vierundfünfzig Ratten von Bord. Doch stiegen zwölf zu. Das letzte Stück bis Bregenz und wieder zurück nach Lindau hieß die Dämmerschoppenfahrt. Zur Fahrkarte gab es einen Gratisdrink. Aber nicht für Anna Katharina Matt mit ihrer Flottencard. Schon zum zweiten Mal sah sie die alte Mutter im Rollstuhl, geschoben von ihrer nicht so alten Tochter, blonder Zopf, in der Mitte des Hinterkopfes abgebunden, Goldrandbrille. Gestern hatte sie ein Kleidchen getragen, heute kurze Shorts und Stöckelschuhe. Anna Katharina stellte sich auf das erste Oberdeck, in die Mitte, und blickte auf die breite Heckwelle, auf der sich Lindau immer mehr entfernte.

Heute kam Marinus von Meersburg, und sie trafen sich in Bregenz. Anna Katharina war in der Zwischenzeit in Sardinien gewesen, und der Bodensee kam ihr sehr klein und friedlich vor. Die Touristenscharen waren auch hier noch dichter geworden. Zum ersten Mal wurden auf dem Schiff die Karten kontrolliert. Sie waren verspätet, deshalb stiegen sie in Nonnenhorn aus, um das Gegenschiff nach Wasserburg sicher zu erreichen. Wasserburg, Hydropolis, Nekropolis, der ersehnte, doch (noch) verweigerte Grabesort! Der alte Goethe legte wieder die Landungsbrücke aus. In natura war er sehr klein, doch die Kopfform stimmte. Sie verpflegten sich am Kiosk mit einem Eis und einer Bockwurst und schlenderten auf den Friedhof.

»Hier ist doch noch genug Platz«, meinte Marinus. An der Mauer Richtung See war sogar ein echtes Seemannsgrab mit einem Bodenseekapitän. Dr. Zeeman stieg in Bad Schachen aus. Er bewohnte ein Zimmer im Hotel Bad Schachen. Mit Seeblick. Er konnte sich das leisten. Er war Archivar bei einem großen Margarinekonzern in Holland und verbrachte einen Stu dienaufenthalt kombiniert mit Urlaub am Bodensee. Tagsüber saß er im Firmenarchiv von Happ-Käsle. Das jedenfalls hatte er Anna Katharina erzählt.

Am Samstag goß es in Strömen. Trotzdem machte sie sich auf den Weg zum Hafen, um nach Lindau auf den Markt zu fahren. Diesmal erwischte sie die »Österreich«. Kaum Passagiere an Bord. Sie wendeten nach der Hafenausfahrt, um dann zügig vorwärtszukommen. Ein jugendlicher Matrose mit Ohrring in einem Ohr stand neben ihr auf dem Deck.

»Ein schönes Schiff, die ›Österreich‹.«

Anna Katharina hielt ihren Regenschirm gegen die durch die Fahrgeschwindigkeit wie kleine Geschosse attackierenden Regentropfen.

»Wenn Sie wüßten, wie die vorher ausgesehen hat. Die war außen mit Eisenbahnschienen verstärkt, als Kriegsschiff.«

»Kriegsschiff? Waren denn auf dem Bodensee Schlachten?«

»Das nicht, aber 1938 sind die Schiffe zur deutschen Reichsbahn gekommen, und da wurde sie umgerüstet. Aber früher, da war sie noch viel schöner. Die ›Österreich‹ ist das älteste motorisierte Bodenseeschiff mit zwei Decks. Wenn Sie hineingehen, im oberen Salon, da hängt ein Gemälde, wie sie früher war. Das hat mein Großvater gemalt.«

»Ich finde, die österreichischen Schiffe sind sowieso die schönsten.« Anna Katharina konnte eine Aufwallung von Nationalstolz nicht unterdrücken.

Der Matrose fand es auch.

»Und das schrecklichste ist die ›Graf Zeppelin‹, die sieht aus wie ein Panzer oder eine Fähre. Vollkommen abgeschlossen, häßlich, klobig, schwer«, sagte sie zum Abschluß.

Dann stieg sie in den oberen Salon, und da hing tatsächlich ein schönes Bild eines eleganten Schiffes auf blauen Wellen. Die »Österreich«, wie sie früher gewesen war. Die Aussicht war heute ganz verändert. See, Landschaft am Ufer und Himmel gingen in verschiedenen Grautönen ineinander über. Die Wolken hingen so tief, daß man nicht einmal den Gebhardsberg sah, geschweige denn die Schweizer Berge. Der Regen fiel monoton und lautlos, die Wolkenmassen türmten sich Grau in Grau auf, als ob die Pechmarie ein Federbett ausgeschüttelt hätte. Alles war still und weich und ruhig.

Am nächsten Tag, es war ein Sonntag, bestieg Anna Katharina die »Austria« bis Lindau und stieg dann auf die »Karlsruhe« um, auf dem Weg nach Langenargen. Es regnete, aber heute hingen die Wolken nicht mehr so tief. Der Himmel wirkte wie graues Glas. Marinus stieß in Lindau zu ihr und erzählte Schiffserlebnisse, die er in der Zwischenzeit gehabt hatte: In Meersburg hatte ein Schwan junge Enten attackiert, die Touristen hatten das Geschehen tatenlos umstanden, bis eine Dame im Ruderboot dazwischengefahren war, angefeuert von den Feriengästen. Die Enteneltern versuchten im Sturzflug, den Schwan zu verscheuchen, wagten sich aber nie ganz in seine Nähe.

In Langenargen feierte der Museumsverein sein 25jähriges Jubiläum, im Spiegelsaal des Schlosses Montfort. Anna Katharina saß in einer der vorderen Reihen, neben einer Arztwitwe aus Meersburg, wie sie ihr erzählte. Auf dem Sessel daneben, am Rand, lag ein Blatt Papier, auf dem zu lesen stand: Seine Königliche Hoheit Herzog Ferdinand von Württemberg. Sie spähte immer wieder neugierig nach links, und dann kam er, der Herzog, ein älterer Herr im Anzug, schmal, klein, mit weißem Schnurrbart. Die Dame neben ihr begann einen Schwatz mit ihm, Anna Katharina hörte Fetzen wie:

»Da bin ich geboren, auf dem Schloß Carlsruhe, Carlsruhe mit C. Ich habe Forstwirtschaft studiert, das gehörte damals noch zur Mathematik, zur naturwissenschaftlichen Fakultät.«

Inzwischen nahm das Festgeschehen seinen Lauf, mit Festreden und Grußadressen, alles »mit der Uhr in der Hand«, und musikalischen Interventionen des Museumsquartetts, das heute ungarische Komponisten spielte, weil der große Sohn von Langenargen, Franz Anton Maulpertsch, die meisten seiner Werke in Ungarn geschaffen hatte.

Ein Festredner aus der Schweiz erwähnte einen Brief von Jacob Burckardt, Ende des 19. Jahrhunderts geschrieben, in dem dieser sich über das ständige Feiern beschwerte und konstatierte: »Ein Dämon treibt sie an, ständig irgendetwas zu feiern.«

An dieser Stelle machte der Redner eine Pause. Zuerst herrschte Stille im Publikum, dann plötzlich Gelächter. Und dann fügte der Redner, ein eierköpfiger Herr mit kurzen, grauen Haaren und Brille, noch im St. Galler Dialekt hinzu:

»I säg nünt – und sebb dar i säga.«

Plötzlich stand die Königliche Hoheit auf und ging. Die Arztenswitwe neben Anna Katharina wandte sich zu ihr und sagte:

»Jetzt het der doch die ganze Zeit mit mir g’schwätzt, und jetzt isch er einfach gange, ohne Ade zum sage.«

Anna Katharina nickte ihr bedauernd und verständnisvoll zu.

»Vielleicht fühlt er sich nicht wohl. Oder es dauert ihm zu lange.«

»Er isch aus dem gleiche Ort, wo mein Vater Arzt war, aus Schwäbisch Gmünd. Aber Ade hätt’ er doch sage könne.«

Schließlich schloß sie mit dem Satz: »Die sind halt andersch wie mir, die Blaublüetler.«

Sie teilte ihr dann noch mit, daß sie mit einem fast neunzigjährigen Bibliothekar im Briefwechsel stehe:

»Aber jetzt hett er Blasekrebs«, flüsterte sie ihr zu, und: »Mir kommet alle auf d’Welt zum Sterbe – aber doch nit glei!«

Am nächsten Tag fand Anna Katharina Matt in ihrer Mailbox wieder eine Botschaft von Marinus:

Bei völlig ruhigem See plätscherte das Motorschiff »Austria« am renovierten Schloß von Langenargen vorbei. Ein älterer Herr, der seiner Gruppe mit seinen ständigen Belehrungen wohl etwas auf die Nerven fiel, aber immer wieder gerne gehört wurde, glaubte, es würde sich bei dem Ort am Ufer wohl um Langenargen handeln, war sich seiner Sache aber so lange nicht sicher, bis der Bordlautsprecher als nächste Anlegestelle Langenargen ausrief. Da strahlte er, sich bestätigend, und hub an, seinen Reisegefährten die folgende Geschichte zu erzählen: Also, das Schloß habe mal einem Grafen gehört, der völlig verarmt gewesen sei. Kurz vor seinem Tod habe der aber seine letzten Groschen zusammengekratzt, um noch einmal ein festliches Mahl zu sich zu nehmen. Danach sei er im Schloß gestorben. Auf dem Totenbett habe der Graf aber seiner Frau die Rezepte aller Gerichte diktiert, die bei seiner Henkersmahlzeit auf den Tisch gekommen waren. Und dieses handschriftliche Diktat habe dann irgendsoein Bäcker aus Langenargen namens Sepp oder so ähnlich an sich gebracht und unlängst als Buch herausgegeben, damit auch unsere Zeitgenossen sich diesen Genüssen hingeben könnten. Einer seiner Zuhörer hätte ihn gerne darauf hingewiesen, daß es sich vermutlich weniger um Langenargen als um das im Hinterland liegende Tettnang gehandelt habe, wo der Graf verarmte, speiste und starb, aber er ließ es eine gute Rede sein und dachte nur, wie bevorzugt doch alle am See liegenden Orte sind, denn die Orte im Hinterland nimmt man bei einer Schifffahrt nicht wahr.

Hydropolis – Nekropolis

Einige Tage später begab sich Anna Katharina allein an Bord. Die Droge See-Sucht begann zu wirken. Inzwischen hatte der Fahrplan gewechselt. Mit der »Karlsruhe«, die nun überfüllt war mit Touristen – sie fand nur mehr auf der Kiste einen Platz, in der die Schwimmwesten aufbewahrt wurden, eingeklemmt zwischen einer Gruppe von norddeutschen Mädchen – gelangte sie bis Lindau. Dort stieg sie um, auf ein Schweizer Schiff, die »Zürich«, die als »Dessert Liner« getarnt, ebenfalls ein besonderes Erlebnis versprach. Alles war verspätet, weil vor allem die Schlange der Radfahrer beim Ein- und Aussteigen kein Ende nahm. Die »Zürich« war türkisfarben-scheckig gestrichen, wie Wasserwellen von unter der Oberfläche aus gesehen, trug auf dem Dach stilisierte Palmen und eine Werbung für Frisco-Eis und stammte aus dem Jahre 1933. Sie ließ sich zwei Kugeln, Stracciatella und Himbeere, geben und setzte sich vorne aufs Oberdeck. Es herrschte herrliches Wetter, blauer Himmel, blauer See, doch es schien ein Tag zu sein, an dem alle Schüler aus den Schulen geflohen waren. Neben ihr, gerade so, daß sie ihr nicht auf den Schoß fielen, rauften drei Schweizer Buben. Anna Katharina dachte:

»Wenn du jetzt etwas sagst, bist du alt, jugendfeindlich.«

Sie raffte sich aber doch zu der Frage auf, ob die drei nicht woanders streiten könnten. Verblüffte Stille. Plötzlich benahmen sie sich ganz manierlich. War sie nun alt? War sie etwa eine Autorität?

Das Eis schmeckte ihr ganz vorzüglich. Sie stieg hinunter in die Damentoilette, um sich die klebrigen Finger zu waschen. Hinter dem Handlauf für die geschwungene Treppe befand sich ein Wandschrank für Rettungsschwimmwesten. Die Tür ließ sich vielleicht 10 cm weit öffnen, dann wurde sie durch den Handlauf blockiert. Falls sie sänken, könnte man sich die Zeit bis zum Tod in den Wellen mit dem Versuch vertreiben, eine Schwimmweste durch den schmalen Spalt zu zerren. Im Toilettenvorraum war es heiß, die Maschine dröhnte, und durch die vier Bullaugen knapp über dem Wasserspiegel sah man das Bodenseewasser aus nächster Nähe im Rausch der Fahrgeschwindigkeit vorbeispritzen.

In Wasserburg stieg sie aus. Sie wartete nicht auf die »Karlsruhe«, die inzwischen über Bad Schachen dem Ufer entlang kroch, weil sie befürchtete, wegen der Verspätung das Gegenschiff in Nonnenhorn zu versäumen. Dann säße sie dort fest. Der »Dessert Liner« mit den Palmen auf dem Dach drehte ab und fuhr quer über den See nach Rorschach davon. Sogar von hinten machte er einen optimistischen Eindruck. In Wasserburg herrschte wieder die vertraute Bodenseestimmung: Vorwiegend ältere Herrschaften saßen auf den Bänken oder spazierten umher. Sie schlenderte an Land, von der angenehm warmen Luft umweht, und nahm dann den schmalen Weg direkt an der Hafenmauer entlang, fast auf Höhe des Wasserspiegels, auf dem in Martin Walsers »Springendem Brunnen« die Kinder zur Erstkommunion gehen. Ein Tourist, der ihr entgegenkam – Mephisto-Schuhe, helle Hosen, Polohemd und Rucksack – drückte sich an die Wand; sie ging kühn an der Wasserseite an ihm vorbei. Wenn der See noch weiter stiege, würde dieser Weg bald überflutet sein.

Zurück auf dem festen Land, spazierte sie anschließend zum Friedhof. Vor dem Eingang stand eine riesige Eiche. Sie hob den Kopf und erblickte das Schild, das besagte, daß dies eine Friedenseiche sei, gepflanzt im Mai 1871. So alt wie das zweite deutsche Reich. Nach einem Blick auf das Grab von Horst Wolfram Geißler, der 99 Jahre alt geworden war – wird man älter, wenn man heitere Bücher schreibt? – , ging sie zur Kirche und spähte durch die Tür. Weihrauchgeruchsschwaden schlugen ihr entgegen, aus dem Inneren drang Rosenkranzgemurmel von alten Frauen. Sie ergriff die Flucht und wandte sich zum Grab der Familie Walser, das sich hinter zwei Zypressenbäumen versteckte. Wenn sie den Kopf drehte, konnte sie durch die Scharten in der Friedhofsmauer auf den blauen See hinausblikken, die Wellen klatschten an die Steine.

Sie schlenderte weiter, um die Kirche herum und am Pfarrhaus vorbei. Vor sich sah sie ein Polizeiauto. Ein älterer Herr und eine Frau und neben den beiden ein sehr alter Herr, klein und verlegen, versuchten, dem Polizisten etwas zu erklären.

»Sein Bus muß jetzt in Langenargen sein. Können Sie dem nicht nachfahren oder ihn aufhalten? Sie haben ihn hier einfach vergessen. Er ist 88. Der Bus fährt weiter nach Zürich.«

Sie mußte aufs Schiff, sonst hätte sie die Unterhaltung noch länger verfolgen können. Doch als sie am Ende des Landesteges angelangt war, war weit und breit kein Schiff zu sehen. Alles verspätet. Der alte Goethe unterhielt sich mit zwei Damen, selbstverständlich älteren Damen, eine mit Gesundheitssandalen, die andere mit modischen Tennisschuhen. Es klang gar nicht nach Bodensee, überhaupt nicht.

»Sind Sie vielleicht aus Sachsen?« fragte Anna Katharina.

Ein Schuß ins Schwarze: Er war aus Sachsen, und zwar aus Gera, war früher schon öfter auf Urlaub hier gewesen und wollte, als dies nach der Wende möglich wurde, hier im Alter noch eine Arbeit annehmen. Und so wurde er Hafenmeister in Wasserburg, seit 1998.

»Wenn Sie das so nennen wollen, Hafenmeister: Es ist eine Mischung aus Kartenverkaufen und Landebrücke anlegen.«

Sein Beruf gefiel ihm, lästig war nur, daß er von April bis Oktober jeden Tag antreten mußte. Für ihn gab es keine freien Wochenenden, keinen freien Tag, weil die Gesellschaft keinen Vertreter bezahlen wollte. Ein sächsischer Hafenmeister in Wasserburg!

Das Rückschiff war diesmal die »Austria«, weil nach dem neuen Fahrplan die Fahrt nach Lindau um 20 Uhr ins Wasser fiel. Das letzte Schiff schlief im Hafen von Bregenz, und deshalb war es ein österreichisches Schiff. In Lindau sah es ganz anders aus als sonst, eine Gruppe von Katamaranen war am Ufer aufgestellt, aus der Karibik oder weißgottwoher. Was die hier wollten? Ab Lindau war fast niemand mehr an Bord. Man sah heute alle Bergesgipfel, nicht nur den Säntis, sondern auch die Churfirsten und die Alviergruppe. Anna Katharina setzte sich auf die zweitoberste Stufe der Freitreppe, die vom ersten Oberdeck aufs Unterdeck führte, und fuhr rückwärts nach Bregenz. Vor ihren Augen wurden der Leuchtturm und der Löwe