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Der neue preisgekrönte Roman eines der bedeutendsten Schriftsteller Chinas
Als der blinde Masseur Wang Daifu mit einer Freundin, aber mittellos und ohne Perspektive in seine Heimatstadt Nanjing zurückkehrt, kann er bald Hoffnung schöpfen: Sein alter Freund von der Blindenschule, der ehrgeizige, belesene Sha Fuming, heuert ihn als Therapeuten in seinem Tuina-Massagesalon an. Abends schlafen Wang und seine Freundin im nahe gelegenen Wohnheim, in dem alle Mitarbeiter nächtigen, Frauen und Männer getrennt. Geschichten von Liebe, Freundschaft und Eifersucht entspinnen sich rund um die Mitarbeiter, zu denen nun auch noch Du Hong stößt, die eigentlich Pianistin werden wollte und von großer Schönheit ist. Für Wang aber reißen die Sorgen nicht ab: Kaum verdient er wieder Geld, muss er für seinen Bruder alles riskieren, da dieser sich erpressbar gemacht hat.
25 Jahre hat der große chinesische Schriftsteller recherchiert und das Thema der blinden Masseure mit sich herumgetragen, bevor er sich an diesen Roman wagte, der uns mit seinen plastischen und berührend beschriebenen Verwicklungen in das Leben im modernen China hineinzieht.
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Seitenzahl: 521
Veröffentlichungsjahr: 2016
Das Buch
Im neuen China spielt das Geld verrückt – die Scheine flattern durch die Luft wie fliegende Teppiche, wirbeln empor, drehen Saltos und schießen wieder zu Boden. Die Muskeln der frisch gebackenen Kapitalisten, Handwerker oder TV-Schaffenden sind so müde, dass sie schmerzhaft verkrampfen, und so eilen die Menschen in die Tuina-Massage Klinik in Nanjing, lassen sich auf die Liegen fallen und schlafen ein, noch bevor sie sagen können, wie viele Sitzungen sie brauchen. Erst im Morgengrauen wachen sie auf, gaben ihren Therapeuten ein Trinkgeld und ziehen wieder los, um noch mehr Geld zu machen.
Sha Fuming ist Besitzer des Tuina Massage-Salons in Nanjing. Schon als Schüler war er extrem ehrgeizig, ergründete die Geheimnisse der Akupunktur viel schneller als Kollegen, studierte fleißig, kränkelte aber auch, weil er sich übernahm. Sha ist der geborene Boss, und als solcher belehrt er gern andere.
Wang Daifu, Sohn eines Militärs, machte als Massagetherapeut sein erstes Geld 1997, als Hongkong an China zurückging. Jetzt lernt er die Therapeutin Xiao Kong kennen und verliebt sich in sie. Er schlägt ihr vor, mit ihr in seine Heimatstadt Nanjing zurückzugehen, und dort eine Klinik zu eröffnen. Vorläufig arbeiten sie Shenzen, wo er merkt, dass ihre Hände, Fingerknöchel sich unter der Belastung der Arbeit verformen. Aber sie ist ehrgeizig und durchaus hinter dem Geld her. Er selbst investiert Geld an der Börse und verliert viel. In der Not erinnert sich Wang Daifu an seinen alten Schulfreund Sha Fuming.
Mit großem Feingefühl beschreibt Bi Feiyu die besondere Sensibilität der Blinden, ihren Stolz, ihr Bedürfnis, in jeder Lage ihre Würde zu wahren.
Der Autor
Bi Feiyu, 1964, lebt heute in Nanking. Seine Jugend verbrachte er in der Provinz Jiangsu, denn sein Vater war unter Mao als sogenannter »Rechtsstehender« zur Landarbeit verurteilt worden. Er studierte Literatur und lehrte fünf Jahre als Dozent, bevor er journalistisch arbeitete. Bi Feiyu veröffentlichte mehrere Romane, u. a. Die Mondgöttin (Blessing) und wurde 1995 mit dem angesehenen Lu-Xun-Literaturpreis ausgezeichnet, 2010 erhielt er den Man Asian Literary Prize, 2011 erhielt er für Sehende Hände (Originaltitel: »Tuina«), die höchste literarische Auszeichnung Chinas: den Mao Dun Prize.
Bi Feiyu
SEHENDE HÄNDE
Roman
Aus dem Chinesischen
von Marc Hermann
BLESSING
Originaltitel: Tui Na
Originalverlag: People’s Literature Publishing House
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Auflage 2016
Copyright: Bi Feiyu 2008
und Karl Blessing Verlag, München, 2016
Copyright der deutschen Übersetzung: Blessing Verlag
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Umschlaggestaltung: Geviert Grafik & Typografie, München
Satz: Leingärtner, Nabburg
e-ISBN: 978-3-641-17106-3V001
www.blessing-verlag.de
Prolog – Zur Klärung der Begriffe
Prolog
Zur Klärung der Begriffe
Jeder dritte Gast eines Tuina-Massagesalons, an guten Tagen sogar jeder zweite ist kein Stammkunde oder Besitzer einer VIP-Karte, sondern Laufkundschaft. Die Therapeuten behandeln diese Gruppe gewöhnlich mit besonderer Fürsorge, die sich vor allem in ihrer Wortwahl niederschlägt. Daraus spricht ein gesunder Geschäftssinn: Aus gut umsorgter Laufkundschaft kann Stammkundschaft erwachsen und daraus wiederum – mit dem Erwerb einer Jahreskarte – der eine oder andere VIP. Die VIPs sind von elementarer Bedeutung; es müssen gar nicht einmal viele sein, sieben oder acht genügen, und das monatliche Grundeinkommen eines Masseurs ist gesichert. Aber so wichtig sie auch sind, maßgeblich bleibt doch die Laufkundschaft. Das mag widersprüchlich klingen, ist aber eine Tatsache. Schließlich gehen die VIPs aus der Laufkundschaft hervor. Um eine Beziehung zu Letzterer aufzubauen, verfügen die Therapeuten über ein ganzes Repertoire an Techniken, die zum Beispiel bei der Anrede zum Einsatz kommen: Wen gilt es als »Leiter«, wen als »Boss« und wen als »Lehrer« anzusprechen? Solchen Fragen schenken die Therapeuten große Aufmerksamkeit. Sie entscheiden je nach Stimme des Gastes, nach Wortwahl und Ton. Er braucht nur den Mund aufzumachen, und schon wissen sie Bescheid: Dies ist ein »Boss« und dies ein »Lehrer«. Irrtum ausgeschlossen.
Inhaltlich gestalten sich ihre Gespräche schon weniger schlicht. Sie kreisen zumeist um die Gesundheit des Kunden – für gewöhnlich im Modus der Schmeichelei. Die körperliche Verfassung des Kunden zu loben, ist ein ungeschriebenes Gesetz ihres Standes. Auf der anderen Seite jedoch gehört es genauso zu ihrem Berufsethos, den Kunden auf seine Problemzonen hinzuweisen – man will ja schließlich nicht seine Geschäftsgrundlage verlieren. »Sie haben da ein gesundheitliches Problem« – auf diese Eröffnung kann der Kunde wetten. Darauf folgen ein paar gesundheitliche Ratschläge – zum Beispiel zum Schulterbereich. Die Schulter zeichnet sich durch das komplexe Zusammenspiel einer großen Muskelgruppe aus Bizeps, Trizeps und Trapezmuskel aus. Wenn man bestimmte Schulterbewegungen allzu anhaltend wiederholt, dehnen sich die Fasern in den Muskelsehnen, und das führt nach einiger Zeit dazu, dass der Muskel eine Flüssigkeit absondert. Das ist zunächst nicht weiter schlimm, denn der Muskel kann die Flüssigkeit auch wieder resorbieren. Bei fortgesetzter Inanspruchnahme jedoch verliert er diese Fähigkeit, und dann bekommt man die Folgen zu spüren: Das Sekret verklebt die Muskelfasern, und damit droht eine Entzündung – eine Schultersteife, die ziemlich schmerzhaft ist. Wer dieses Problem nicht mit einer wirksamen Behandlung in den Griff bekommt, dessen Fasern verkalken mit der Zeit. Und dann hat man den Schlamassel. Man stelle sich vor: Ein verkalkter Muskel – wie soll der noch beweglich bleiben! Mit so einer steifen Schulter kann man nicht mal mehr einem Freund zum Abschied winken – das ist schon ziemlich arg, oder? Also: Sei gut zu deiner Schulter. Egal, ob du ein Mann oder eine Frau bist: Behandle deinen Körper gut. Bewegung ist ein Muss. Und wenn du keine Zeit hast, dich zu bewegen – kein Problem: Sollen andere das für dich übernehmen. Wozu gibt es Therapeuten? Mit einer Tuina-Massage lösen sich die verklebten Teile voneinander. Das ist wahre Gesunderhaltung – mit der Betonung auf »Erhaltung«.
Solch ein Rat vereint seriöse Populärwissenschaft mit sanfter Ermahnung und dezenter Eigenwerbung. Das Wissen, das er vermittelt, ist eher schlichter Natur, aber die Kunden nehmen diese Ratschläge ohnehin kaum ernst. Und trotzdem bleiben sie nicht ohne Wirkung, weshalb der Therapeut mit ihnen nie hinter dem Berg halten wird.
An diesem Mittag betrat ein neuer Kunde von äußerst herrischem Gebaren die Praxis und verlangte sogleich den Eigentümer zu sprechen. Als Sha Fuming aus dem Ruheraum der Therapeuten herauskam, fragte ihn der Mann: »Du bist der Eigentümer?«
Sha setzte sein breitestes Lächeln auf und erwiderte untertänig: »Zu Ihren Diensten. Mein Name ist Sha Fuming.«
»Eine Ganzkörpermassage, von dir persönlich.«
»Es ist mir eine Ehre. Hier entlang bitte.« Er führte den Mann in einen der Massageräume. Xiao Tang, einer von Shas Gehilfen, hatte im Handumdrehen eine Liege vorbereitet. Achtlos warf der Mann seinen Schlüsselbund auf das Laken. Sha mochte blind sein, aber dafür funktionierte sein Gehör umso schärfer; mit untrüglichem Urteilsvermögen konnte er die Handbewegung lokalisieren. Zielsicher ergriff er den Bund und ertastete die Länge und Breite der Schlüssel. Kein Zweifel: Der Mann, der so großtuerisch auftrat, war ein Fahrer. Ein Lkw-Fahrer – er roch schwach nach Benzin, nein, Dieselöl. Lächelnd reichte Sha die Schlüssel an Xiao Tang weiter, der sie an die Wand hängte. Mit einem Hüsteln begann er über den Hinterkopf des Mannes zu streichen. Der Kopf war auffällig kalt, nicht mehr als dreiundzwanzig oder vierundzwanzig Grad. Offensichtlich pflegte der Mann sein Fahrerhaus mithilfe der Klimaanlage in einen Kühlschrank zu verwandeln.
Während Sha den Nacken knetete, hob er den Kopf und sagte mit einem Lächeln: »Ihr Hals ist ein wenig verspannt, Boss. Sie sollten es mit der kalten Luft nicht übertreiben.«
Der »Boss« seufzte. »Ich hab so einen fick-die-liebe-Mutti-steifen Hals und so ein schwummriges Gefühl, dass ich am liebsten pennen möchte. Sonst wär ich ja nicht hier aufgekreuzt! Und dabei hab ich noch über zweihundert Kilometer vor mir.«
Der Mann kam aus Huaiyin in der Provinz Jiangsu, das hörte Sha heraus. Wie alle Chinesen »fickten« auch die Leute aus Huaiyin mit Vorliebe fremde Mütter, aber sie legten dabei strengere Maßstäbe an: Sie fickten nur »liebe Muttis«, mit weniger gaben sie sich nicht zufrieden.
Sha lockerte als Erstes die Trapezmuskeln seines Kunden, indem er eine Technik namens »Schälen« anwandte. Dann rieb er mit dem Handballen den Nacken des Mannes in einem solchen Tempo, als wollte er den Kopf mit einer Säge oder einem stumpfen Messer abtrennen. Bald erwärmte sich der Hinterkopf, sodass der Mann vor lauter Wohlbehagen gar nicht mehr aufhören wollte, »die liebe Mutti« zu ficken.
»Ihre Halswirbel sind eigentlich ganz in Ordnung«, befand Sha. »Sie dürfen es nur nicht so mit der Kälte übertreiben. Auf langen Strecken sollten Sie die Temperatur einfach ein bisschen höher drehen, Boss.«
Wie es sich für einen »Boss« gehörte, hüllte sich der Mann in Schweigen. Im nächsten Moment schnarchte er schon vor sich hin.
Sha drehte sich zu Xiao Tang um und flüsterte: »Du kannst mit deiner Arbeit weitermachen. Und schließ die Tür hinter dir.«
»Wenn der Kerl bei dem Gesäge schlafen kann, warum flüsterst du dann?«
Sha schmunzelte. Wo er recht hatte, hatte er recht. Ohne ein weiteres Wort massierte er seinen Kunden sachte, bis die Stunde um war. Dann weckte er ihn, indem er ihm eine warme Salzkompresse in den Nacken legte. Der Boss sah aus wie neugeboren. Strahlend wie der blaue Himmel setzte er sich auf, blinzelte und »schrieb« mit dem Kopf ein Schriftzeichen in die Luft. »Ich fühle mich großartig! Fick die liebe Mutti! Einfach großartig.«
»Sie fühlen sich großartig? Das ist schön.«
Doch der Boss war noch nicht fertig. Mit geschlossenen Augen schrieb er ein zweites Zeichen in die Luft. Den letzten Strich malte er wie ein Kalligraf mit einem weiten, bedeutungsschwangeren Schwung seines Kinns, ehe er endlich den »Pinsel« wieder hob und das Kinn fröhlich an seinen angestammten Platz zurückzog. »Vorgestern war ich in einem Badehaus. Die Kleine dort hat mich überall getätschelt, und es fühlte sich gut an, aber geholfen hat es nicht die Bohne. Fick die liebe Mutti! Und für eine Kabine musste ich auch noch blechen. Ihr Blinden macht doch die beste Massage!«
Sha drehte sich dorthin, wo er das Gesicht des Bosses verortete. »Wir machen hier keine Massage. Wir machen Tuina, das ist etwas anderes. Beehren Sie uns bald wieder, Boss.«
1 Wang Daifu
Kapitel 1
Wang Daifu
Den ersten Batzen Gold machte Wang Daifu in Shenzhen. Die Praxis, in der der »Doktor« – alle blinden Tuina-Masseure werden »Daifu«, also »Doktor«, genannt – seinem Gewerbe nachging, lag in der Nähe des Bahnhofs. Damals, Ende des letzten Jahrhunderts, erlebten er und seinesgleichen ihr goldenes Zeitalter. »Goldenes Zeitalter«, das mag klingen wie aus einem Schüleraufsatz, aber für Wang Daifu hatte das Geld etwas Irrwitziges an sich: Es drängte sich mit aller Macht durch seine Fingerritzen.
Und warum lag das Geld auf der Straße? Der unmittelbarste Grund war die Rückgabe Hongkongs an China. Die Hongkonger sind leidenschaftliche Tuina-Anhänger; diese Therapie ist ein Teil ihrer persönlichen und kulturellen Tradition. Aber so eine Massage kann eine Stange Geld kosten. Tuina erfordert reine Handarbeit, und die konnte sich ein gewöhnlicher Hongkonger angesichts des dortigen Lohnniveaus nicht leisten. Mit der Rückkehr Hongkongs nach China jedoch änderte sich alles: Die Hongkonger schwärmten nun schwarenweise ins nahe Shenzhen. Ein solcher Trip war nicht aufwendiger als eine Umarmung zwischen Mann und Frau – und bedeutete die Rückkehr Hongkongs nicht eben dies: eine Umarmung mit dem Festland? Die Sehnsucht nach dieser Umarmung erfasste Arbeiter, Angestellte und Besserverdiener gleichermaßen: Sie alle warfen sich dem Mutterland an die Brust. Die Shenzhener ergriffen die Gelegenheit sogleich beim Schopf. Im Handumdrehen blühte dort das Tuina-Gewerbe auf. Kein Wunder: Egal, um was für ein Geschäft es geht – wenn Handarbeit dabei eine Rolle spielt, werden die Festlandchinesen den Markt so rasch an sich reißen, dass es Götter und Geister zur Verzweiflung treibt. Obendrein ist Shenzhen eine Sonderwirtschaftszone. Und das bedeutet? Billige Arbeitskräfte.
Aber es gab noch einen anderen Grund für die Blüte der Tuina-Massage: Nun, da sich das Jahrhundert dem Ende entgegenneigte, packte die Leute plötzlich eine panische Angst. Diese Angst kam grundlos und aus heiterem Himmel, und es war auch keine wirkliche Panik, eher eine fieberhafte Überhitzung, die sich in einer aggressiven Haltung niederschlug. Die Augen der Leute funkelten, und ihre Muskeln zuckten: Hol dir das Geld! Na los, nun lang schon zu, sonst ist der Zug abgefahren! Die Leute führten sich auf wie die Irren. Dadurch kursierte auch das Geld noch wahnwitziger, und das wiederum steigerte die Verrücktheit der Leute. Irrsinn macht müde. Was tun? Eine Tuina-Therapie ist sicher nicht das schlechteste Gegenmittel.
Vor diesem Hintergrund erlebte Tuina, praktiziert von blinden Therapeuten, in Shenzhen seine Blüte. Der Aufschwung griff ungeheuer rasant um sich, – wie eine Feuersbrunst oder wie Wolken, die sich im Sturm zusammenballen. Im Nu bekamen die Blinden in ganz China Wind von der erregenden Nachricht, die da lautete: In Shenzhen ist für uns ein neues Zeitalter angebrochen. Das Geld liegt dort auf der Straße, es hüpft und zappelt herum wie die Karpfen auf dem Trockenen. Rings um den Shenzhener Bahnhof bot sich fremden Blicken bald ein prachtvolles Schauspiel: Ströme von Blinden wogten durch die Straßen. Auf einmal stellte diese blutjunge Stadt mehr als bloß ein Fenster auf Chinas Reform- und Öffnungspolitik dar: Sie verwandelte sich in das Wohnzimmer und Paradies der Blinden. Voller Überschwang zogen sie mit ihren Sonnenbrillen und Stöcken die linke Seite der Straßen und Fußgängerbrücken entlang, von West nach Ost und von Ost nach West, von Nord nach Süd und von Süd nach Nord – ein nicht enden wollendes Heer von Menschen, dicht gedrängt im Gänsemarsch. Wie glücklich sie waren! Wie geschäftig!
Wenn das Licht schwächer wurde, wogte eine andere Flut von Menschen heran: todmüde Hongkonger, todmüde Japaner, Europäer, Amerikaner aus Hongkong und natürlich all die todmüden Festlandchinesen – frischgebackene Kapitalisten und Neureiche, die es nie nötig gehabt hatten, fingerleckend ihr Geld in der Öffentlichkeit zu zählen. Sie alle fielen über die Stadt her wie ein Schwarm Bienen. Ach, was waren sie müde, so müde – die Erschöpfung des ausgehenden Jahrhunderts hatte sich in ihnen angesammelt. Sie waren so müde, dass sich ihre Muskeln verkrampften. Kaum in der Praxis angekommen, ließen sie sich auch schon auf die Liegen fallen und schliefen ein, noch ehe sie gesagt hatten, wie viele Stunden ihre Sitzung dauern sollte. Ein vielstimmiger Chor von Schnarchern aus dem In- und Ausland schwoll an und ab. Die Masseure sorgten für ihre Entspannung, und manch eiliger Kunde blieb gleich die ganze Nacht. Erst im Morgengrauen wachten sie auf, gaben ihrem Therapeuten ein Trinkgeld und zogen wieder in die Welt hinaus, um noch mehr Geld zu machen. Das Geld wich nicht von ihrer Seite; wie die Flocken in einem Schneesturm wirbelten die Scheine rings um sie herum, nicht weiter als eine Schwertklinge entfernt. Ein Strecken ihres Arms, ein Ausfallschritt genügten, und schon hatten sie mit der Spitze ihrer Schwerter einem Schein das Herz durchbohrt, ohne einen einzigen Tropfen Blut zu vergießen.
Auch Wang Daifu begann Geld zu verdienen. Die Summen, die er einnahm, waren für andere bloß Kleingeld, aber für einen wie ihn, der sein Leben in Armut verbracht hatte, war die Leichtigkeit verblüffend, mit der sich in Shenzhen Geld machen ließ. Wie war das nur möglich: dass einem das Geld nur so zuflog? Es war erschreckend. Er hatte stets von seiner Hände Arbeit gelebt, was für ihn bloß bedeutete, dass er genug zum Essen und Anziehen hatte. Nun aber hielt er sich nicht bloß so eben über Wasser, nun kam er so mühelos voran wie ein Schlafwandler. Nicht nur chinesische Yuan kassierte er, sondern auch Hongkong-Dollar, japanische Yen und US-Dollar. Seine erster US-Dollar-Schein flatterte ihm eines frühen Samstagmorgens in die Hände. Sein Kunde, ein zierlicher Japaner mit zarter Haut und feinen Gliedern, gab ihm als Trinkgeld einen Schein, der sich verdächtig klein, kurz und schmal anfühlte. Wang argwöhnte eine Fälschung, aber weil sein Kunde ein Gast aus dem Ausland war, wollte er nicht unhöflich sein. Zu dieser frühen Stunde war er vor lauter Erschöpfung dem Zusammenbruch nahe, und doch hielt der Verdacht, er könnte eine Blüte in Händen halten, ihn wach wie ein gespannter Muskel. Unschlüssig blieb er stehen und befingerte unablässig den Schein. Als der Japaner sein Zögern bemerkte, glaubte er, er hätte ihm zu wenig gegeben, und reichte ihm nach einem Moment des Überlegens noch einen zweiten Schein. Dieser Schein, genauso kurz und schmal wie der erste, steigerte nur Wangs Argwohn: Warum hatte der Mann so prompt einen zweiten Schein gezückt? Lag ihm am Geld so wenig? Den Schein in der Hand, blieb er regungslos stehen. Da klatschte der Japaner, nun genauso irritiert, ihm einen dritten Schein in die Hand. »Gute Arbeit! Sie sind wirklich das hier!« Und er packte Wangs Daumen und hielt ihn dem Masseur vors Gesicht.
Dieses Lob stürzte Wang in noch größere Verlegenheit. Die Vorstellung, einem Betrüger zum Opfer gefallen zu sein, bedrückte ihn, aber außer einem raschen Dank brachte er kein Wort hervor. Bis zum Nachmittag trug er sein Trinkgeld bei sich – dann hielt er es nicht länger aus und bat einen Sehenden, einen Blick auf die Scheine zu werfen. Es waren amerikanische Dollar, alles in allem dreihundert. Wangs Augenbrauen schnellten nach oben, und sein Mund verzog sich zu einem Lächeln, das lange nicht wieder schwinden wollte. Er marschierte los – wollte es wissen.
Das Geld spielte verrückt. Völlig außer Rand und Band flatterten und hüpften die Scheine durch die Luft wie fliegende Teppiche, wirbelten empor, kreisten, schlugen Salti und schossen wieder hinab. Durch die Lüfte heulend, fanden sie zielsicher ihren Weg in Wangs Hände. Fast konnte er den seltsamen Motor hören, der das Geld antrieb: ein Dröhnen, untermalt von einem schrillen Pfeifen. Ein Tag verlief aufregender als der andere – als schlüge man eine Schlacht. So wurde Wang Daifu reich.
Mitten in dieser Schlacht brach für ihn der Frühling an: Er verliebte sich. Das neue Millenium stand vor der Tür, und am letzten Abend des alten Jahrhunderts kam Xiao Kong, ein blindes Mädchen aus der ostchinesischen Stadt Bengbu, von der anderen Seite Shenzhens her am Bahnhof an, um Wang zu besuchen. Weil die Kunden ausgeblieben waren, herrschte in der Klinik eine trostlose Atmosphäre, die so gar nicht zur Jahrtausendwende passen wollte. Vor Erschöpfung dem Umfallen nahe, drängten sich die Therapeuten im Ruheraum. Sie waren zu müde zum Sprechen, aber im Stillen klagten sie: Warum hat der Chef uns heute nicht freigegeben?
»Unmöglich!«, hatte er gesagt. »Die Tage der anderen sind hell, unsere sind dunkel, für uns gelten andere Gesetze. An Tagen wie diesen vergnügen die anderen sich bis zur Erschöpfung, und das ist unsere Chance. Wer weiß, auf welchen Beinen das Geschäft heute zu uns hereinspaziert? Warten wir’s ab! Und zwar alle zusammen.«
Also warteten sie miteinander, aber das Geschäft hatte sich ein Bein gebrochen und wollte nicht kommen. Müßig saßen Wang Daifu und Xiao Kong im Ruheraum herum. Endlich erhob sich Wang mit einem leisen Seufzer und ging ins obere Stockwerk. Xiao Kong hörte, wie er sich entfernte, und ein paar Minuten danach folgte sie ihm und tastete sich die Treppe hinauf in die Massageräume im ersten Stock.
Dort oben war es noch stiller als unten. Beide suchten sie sich den abgelegensten Raum aus, öffneten die Tür und setzten sich jeder auf eine Liege. Gewöhnlich waren die Massageräume brechend voll; so still war es hier nie zuvor gewesen. In der Milleniumsnacht hatte diese Stille etwas Beunruhigendes. Als wäre sie inszeniert worden wie eine sorgfältig arrangierte Kulisse. Erwartungsvoll. Als stünde alles bereit – aber bereit wofür? Schwer zu sagen. Beide lächelten. Lächelten lautlos, ein jeder für sich. Und ohne es zu sehen, wussten sie, dass auch der andere lächelte. Nach einer Weile fragten sie einander: »Was grinst du denn so?« Na was wohl? »Was grinst du denn so?«
So ging es Frage auf Frage hin und her, bis alles doppeldeutig klang, unernst und frivol. Und zugleich wieder ernst. Eine Möglichkeit rückte in immer greifbarere Nähe, sie durften nur nicht nachlassen in ihren Anstrengungen. Ihnen blieb nichts übrig, als immer weiterzulächeln, bis sich ihre Wangen verspannten und versteiften und ihr Lächeln höchst gezwungen wurde. Mühsam war dieses Lächeln, aber damit aufhören konnten sie auch nicht so einfach. Allmählich lud sich die Atmosphäre mit einer Zweideutigkeit auf, sie entfaltete eine Eigendynamik, und in einem Winkel des Raums begann die Luft zu zittern. Bald schwoll dieses Zittern zu einem Wogen an, Welle auf Welle brandete heran und türmte sich immer mächtiger auf zu einem gewaltigen Heer, das hin und her toste. Gefahr lag in der Luft. Um nicht von der Brandung hinweggerissen zu werden, krallten Wang Daifu und Xiao Kong die Finger in den Rand ihrer Liegen. Krampfhaft suchten sie Halt und fanden keinen. Eine lange Weile wahrten sie dieses labile Gleichgewicht, während sie im Stillen mit sich rangen.
Endlich fasste sich Wang ein Herz und brach das Schweigen. Er schluckte und stammelte: »Hast du’s … dir überlegt?«
Xiao Kong legte den Kopf schief, wie es ihre Angewohnheit war, wenn sie einen Entschluss gefasst hatte. Die Finger noch immer in die Liege gekrallt, erwiderte sie: »Ja, das habe ich. Und du?«
Wang schwieg. Er lächelte für einen Moment, das Lächeln kam und ging drei-, viermal, ehe er endlich sagte: »Du weißt doch: Nicht auf mich kommt’s an, sondern auf dich.«
Quälend lange hatte Xiao Kong darauf gewartet, dass er diesen Satz hervorbrachte, hatte die Finger in das Kunstleder der Liege gebohrt, dass es quietschte. Nun kostete sie jedes Wort aus. Seine Worte klangen so viel besser als ein einfaches »Ja, das habe ich«. Sie keuchte und glühte wie im Fieber, und plötzlich fühlte sie, wie mit ihrem Körper ein unmerklicher und dennoch einschneidender Wandel vor sich ging: Ihr Widerstand war gebrochen. Sie glitt von der Liege herunter und ging zu ihm. Auch er erhob sich, und fast im selben Moment berührten sie einander mit den Händen im Gesicht. Als ihre Finger die Augen des anderen ertasteten, brachen beide in Tränen aus. Kein Vorzeichen hatte dies angekündigt, und keiner von ihnen war darauf vorbereitet. Sie ließen ihren Blick in die Finger des anderen fließen.
Tränen haben immer etwas Ergreifendes, sie deuten voraus auf den nächsten Schritt. Beide versuchten einander zu küssen. Aber als sie mit den Nasen aufeinanderstießen, wichen sie rasch wieder zurück. Xiao Kong war so gescheit, den Kopf zur Seite zu legen, und Wang Daifu besaß genug Geistesgegenwart, um dem Atem ihrer Nase folgend (auf Anhieb) ihre Lippen zu treffen. Endlich fanden sie im Kuss zueinander. Es war ihr erster Kuss – der erste nicht nur zwischen ihnen beiden, sondern überhaupt in ihrem Leben –, und doch fehlte es ihm an Leidenschaft. Zu viel Angst schwang darin mit, und deshalb lösten sich ihre Lippen wieder, während ihre Körper aneinandergedrückt blieben, als klebten sie zusammen. Der Kuss ihrer Leiber bedeutete ihnen mehr als der Kuss ihrer Lippen – er gab ihnen das Gefühl, einen Halt gefunden zu haben. Was war das doch für ein herrliches Gefühl! So viel Geborgenheit lag darin, so viel Beruhigung und Sicherheit. Ein Leben füreinander. Fast grob drückte Wang Daifu Xiao Kong an sich. Sie setzte zu einem zweiten Kuss an, aber er war zu erregt und rief: »Ich kehre zurück nach Nanjing! Und dich nehme ich mit! Nach Nanjing! Ich eröffne da eine Praxis. Meine Klinik! Und du wirst die Frau vom Chef sein!«
Er redete wirr durcheinander. Xiao Kong, auf den Zehenspitzen, sagte nur: »Küss mich, küss mich! Na los!«
Dieser Kuss dauerte lange – lang genug, um eine Brücke ins nächste Jahrhundert zu schlagen. Aufmerksam, wie Xiao Kong war, fiel ihr danach etwas ein, und sie zog ihre Uhr hervor und drückte auf den Knopf für die akustische Zeitansage. »Es ist jetzt 0.21 Uhr Pekinger Zeit«, meldete die Stimme. Xiao Kong drückte Wang die Uhr in die Hand und schluchzte lauthals: »Das neue Jahr ist da! Das neue Jahrhundert!«
Das neue Jahr war angebrochen, das neue Jahrhundert, und Wang Daifu war verliebt. Die Liebe gab seinem Leben ein Ziel. Mit einem Schlag klärte sich alles: Er würde hart arbeiten und genug Geld beiseitelegen, um in seine Heimat zurückzukehren und eine Klinik zu eröffnen – mit seiner geliebten Xiao Kong an seiner Seite. Er wusste: Solange er nicht faulenzte, wenn er sich ranhielt, würde er dieses Ziel erreichen. Und seine Zuversicht hatte einen guten Grund: Er beherrschte sein Handwerk. Er brachte alles mit, was man dafür brauchte. Man musste nur seine Hände anfassen, um sich davon zu überzeugen: Groß waren sie, breit und dick; es waren ausladende, fleischige Hände. Seine Kunden wussten: Die Entspannung, die er ihnen schenkte, nahm nicht vom Nacken ihren Ausgang, sondern vom Hintern. Wenn seine großen, fleischigen Hände ihre Pobacken packten und einmal schüttelten, löste sich schlagartig ihr Skelett. Natürlich fielen ihre Knochen nicht wirklich auseinander, das war nur eine Einbildung, aber in den besten Momenten fühlte es sich an, als würde ihr Körper sich elektrisch entladen. Ob blind oder nicht, Wang war zum Tuina-Therapeuten geboren.
Freilich hätten ihm seine großen, mächtigen Hände wenig geholfen, wenn es ihnen an der nötigen Kraft gemangelt hätte. Wang war eine stattliche Erscheinung, er verfügte über reichlich Kraft, aber seine Finger besaßen nicht bloß die Stärke, sondern auch die Geschmeidigkeit eines Meisters. Eben dies war der Schlüssel: nicht das Maß seiner Kraft, sondern die Art, wie er sie einsetzte – gleichmäßig, sanft, in die Tiefe wirkend und nicht zu stechend. Masseure, denen es an Kraft mangelt, versuchen dies durch Anstrengung wettzumachen – mit dem Ergebnis, dass der Kunde Schmerzen leidet. Im schlimmsten Fall werden seine Muskeln und Knochen in Mitleidenschaft gezogen. Die Tuina-Massage erfordert einen kraftvollen Druck, der so fest, energisch und durchdringend ist, dass er bis in die Tiefe der Muskeln hinein ausstrahlt. Diese Prozedur ist durchaus schmerzhaft, und sie wird von einem Gefühl des Ziehens und Dehnens begleitet. Aber sie bereitet ein unaussprechliches Behagen, und genau darin liegt die gewünschte Wirkung. Wangs mächtige Pranken mit den dicken Fingern strotzten vor Kraft, und sobald er mit der ihm eigenen Zielsicherheit die Akupunkturpunkte fand, hatte er seine Kunden scheinbar mühelos in der Hand. Egal, wie schmerzhaft seine Griffe waren, seine Kunden unterwarfen sich ihm bereitwillig. Weil er sein Handwerk so meisterhaft beherrschte, fand er großen Zulauf bei Stamm- und VIP-Kunden, die ihn meistens stundenweise buchten oder gleich die ganze Nacht blieben. Auf diese Weise kassierte er allein an Trinkgeld deutlich mehr als der Durchschnitt. Seine Kollegen wussten, dass er ein gemachter Mann war. Er hatte genug Geld auf der hohen Kante, um mit Aktien zu spekulieren. Sowohl an der Börse in Shanghai als auch in Shenzhen mischte er mit.
Aber nun steckte er in Schwierigkeiten, und daran waren die Aktien schuld. Er besaß zwar einiges an Geld, aber grob kalkuliert doch nicht genug, um damit in Nanjing ein Tuina-Zentrum nach seinen Vorstellungen zu eröffnen. Für eine Praxis, die ein bisschen was hermachte, gab es nur eine gangbare Lösung: einen Teilhaber. Aber das wollte Wang nicht. Wozu sollte das gut sein? Und die Frau welches Chefs wäre dann Xiao Kong? Das würde ihrem Glück einen herben Dämpfer verpassen. Da wartete er lieber noch ein bisschen. In dieser Frage war er stur. Er persönlich konnte auf den Chefstatus verzichten, aber für Xiao Kong war er zu keinen Kompromissen bereit. Sie gab ihr Leben in seine Hände, und um ihr das zu vergelten, musste er sie zur Frau des Chefs machen. Sie bräuchte nur in seiner Klinik zu sitzen, Wasser zu trinken und Melonenkerne zu knabbern, und es wäre jedes Opfer wert, selbst wenn er sich dafür zu Tode schuften müsste.
Warum er sein Geld in Aktien gesteckt hatte? Aus Liebe. Und was war Liebe? Nichts anderes als eine tiefe Zuneigung, das hatte er nach einer Weile des Verliebtseins begriffen. Er fühlte eine tiefe Zuneigung zu Xiao Kong, genauer: zu ihren Händen.
Zwar lebten sie beide in Shenzhen, aber sie arbeiteten nicht in derselben Klinik. Deshalb konnten sie einander kaum sehen, und wenn, dann war ihre Zeit arg begrenzt und reichte kaum für mehr als ein paar Küsse. Küssen war Xiao Kongs große Leidenschaft. Sie konnte davon nie genug bekommen. Erst nach einer Weile fanden beide auch Muße und Gefallen an anderen Dingen – zum Beispiel einander durchs Haar zu streichen oder die Hände zu befühlen. Wie klein Xiao Kongs Hände waren! Zierlich und weich, mit spitzen Fingerkuppen – solche Hände nannte man wohl »Frühlingszwiebeln«. Aber ihre Hände hatten einen Makel: Auf den Knöcheln von Daumen, Mittel- und Zeigefingern hatten sich kleine, fleischige Wülste gebildet – eine berufsbedingte Deformation, die kaum einem Tuina-Therapeuten erspart blieb. Bald jedoch bemerkte Wang, dass mit ihren Händen noch etwas anderes nicht stimmte: Ihre Fingerknochen bildeten keine gerade Linie. Stattdessen neigten sich die Finger vom zweiten Knöchel an zur Seite. Zog er an ihnen, ließen sie sich richten, aber sobald er wieder losließ, verfielen sie zurück in ihre alte Krümmung. Ihre Hände waren so verformt, dass sie kaum noch Händen glichen. Das sollten Hände sein? Xiao Kong wusste darum, es war ihr peinlich, und sie wollte ihre Hände aus seinem Griff lösen, aber er gab sie nicht frei. Tief versunken hielt er ihre Hände umfasst.
Klein und zierlich, wie Xiao Kong war, eignete sie sich eigentlich gar nicht zur Tuina-Therapeutin. Es gab alle Arten von Kunden, und mit manchen kam sie gut zurecht – solchen, die bei der leisesten Berührung einen Kitzel oder gar einen Schmerz empfanden. Andere Kunden jedoch besaßen die Haut und den Körper eines Ochsen und steckten selbst den größten Druck weg wie nichts. Wenn man sie zu sanft behandelte, fühlten sie sich zu kurz gekommen und pochten grimmig auf ihre Rechte: »Stärker! Mehr Druck!« Wang kannte diesen Typus zur Genüge. Das beste Beispiel war ein baumstarker Kerl aus Afrika. Sein Chinesisch war dürftig, aber ein Wort sprach er perfekt: »Stärker.« Nach einer Stunde war selbst so ein handfestes Mannsbild wie Wang vor Erschöpfung schweißgebadet. Unter ähnlichen Anstrengungen mussten sich Xiao Kongs Finger verformt haben. Wie sollte sie mit ihren bescheidenen Kräften und ihren Fingern solchen fortwährenden Strapazen standhalten, und das vierzehn oder fünfzehn Stunden am Tag?
»Stärker! Stärker!«
Es brach ihm das Herz, als er ihr Handgelenk umfasste und ihre Finger befühlte. Dann, aus heiterem Himmel, schlug er ihre Hand mit weitem Schwung in sein Gesicht. Das Ergebnis war eine schallende Ohrfeige. Xiao Kong war im ersten Moment zu perplex gewesen, um zu begreifen, was er tat – und als sie es begriff, war es zu spät. Aber als Wang, der anscheinend auf den Geschmack gekommen war, mit der Züchtigung fortfahren wollte, zog sie ihren Arm ruckartig zurück und drückte seinen Kopf an ihre Brust.
»Was machst du denn da?«, schluchzte sie. »Was kümmert dich das?«
Das Spekulieren mit Aktien hatte etwas von einem Glücksspiel an sich. Zuerst hatte Wang gezögert, aber der Gedanke an Xiao Kongs Hände entfachte in ihm einen fieberhaften Drang, über Nacht reich zu werden. Wie verrückt das Geld auch spielen mochte, er hatte nur zwei Hände, um es einzufangen. Als sich das Jahr fast dem Ende entgegenneigte, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: Er würde sein Geld in Aktien stecken. So verrückt das Geld auch geworden war, es war doch bloß eine maßvolle Verrücktheit; wenn dagegen die Aktien verrückt spielten, dann machten sie nicht bloß einen Handstand oder schlugen einen Purzelbaum, nein, dann schossen sie empor wie aus dem Nichts. Er hörte oft, wie seine Kunden von der Börse sprachen, und dabei gewann er einen eigentümlichen Eindruck von ihr: Sie war etwas kaum Glaubliches, vertraut und doch unheimlich, irrsinnig und doch höchst real. Wollte man sie unbedingt auf einen Nenner bringen, dann so: »Das Geld, es flattert in der Luft. Willst du’s nicht, dann eben nicht. Das Geld, es krabbelt auf der Erde. Nimmst du’s nicht, dann eben nicht. Das Geld, du trägst es an der Brust. Nutzt du’s nicht, dann eben nicht.« Warum sollte man es nicht probieren? Warum nicht? Wenn die morgige Börse gen Himmel schoss wie eine Feuerwerksrakete, warum sollte er nicht schon tags darauf mit Xiao Kong nach Nanjing fliegen! Er drehte den Hals, hob die Brauen und den Kopf zum Himmel. Und stürzte sich mit allem, was er hatte, in die Börse.
Der Zeitpunkt war denkbar schlecht gewählt. Kaum war er eingestiegen, fielen die Kurse von ihrem vorherigen Hoch. Natürlich stand es ihm offen, den Rückzug anzutreten. Er hätte dabei nicht allzu viel verloren. Aber das kam für ihn nicht infrage. Er konnte keinen Verlust akzeptieren – nicht einen Cent. Denn für ihn stand mehr auf dem Spiel als bloß Geld: die erbsengroßen Knoten an ihren Fingern. Die deformierten Knochen. All die durchschufteten Nächte. All die »Stärker!«-Kommandos. Der Wechsel zu den Zeigefingern, wenn die Daumen ermüdeten; zu den Mittelfingern, wenn die Zeigefinger ermüdeten; zu den Ellenbogen, wenn die Mittelfinger ermüdeten; und wieder zurück zu den Zeigefingern. Sein Blut und sein Schweiß standen auf dem Spiel. Er konnte keine Verluste ertragen. Also wartete er. Die Hoffnung auf schnellen Reichtum hatte er aufgegeben, aber zumindest wollte er eine schwarze Null schreiben. Diese fixe Idee riss ihn in den Abgrund. Ein körperloser, lautloser Verrückter, dem er nie von Angesicht zu Angesicht begegnen würde, hatte ihn an seiner empfindlichsten Stelle getroffen.
Die Börse schlug keine Purzelbäume. Sie lag am Boden. Brüllte wie wild, wälzte sich umher, zuckte in Krämpfen, verdrehte die Augen und spuckte – nur aufstehen wollte sie ums Verrecken nicht. Du Scheißbär. Fick dich. Wie konnte die Börse nur so verrücktspielen? Wer hatte sie dazu getrieben? Den Kopf schief gelegt, lauschte Wang, wann immer er konnte, dem Radio. Dabei lernte er einen Ausdruck: »die unsichtbare Hand«. Im Rückblick betrachtet, musste irgendjemand diese unsichtbare Hand genarrt und in den Irrsinn getrieben haben. Hinter dieser Hand lauerte bestimmt noch eine andere, die genauso unsichtbar war, aber größer, kräftiger, verrückter. Wang selbst hatte auch unsichtbare Hände, doch im Vergleich mit jenem anderen Paar waren seine Hände winzig und schwach. Er war eine Ameise. Das fremde Paar Hände war gewaltig wie Himmel und Erde und konnte ihn mit einem Schlag von Shenzhen nach Uruguay befördern. Er schlug nicht in die Hände; alles, was er konnte, war mit den Knöcheln knacken, nur so zum Spaß. Die beiden Daumen ließ er je zweimal knacken, die übrigen Finger dreimal, das ergab ein achtundzwanzigfaches Knack-knack-knack wie eine Kordel Knallfrösche.
Das Geld spielte verrückt. Es drehte durch, und er war reich; es drehte noch mal durch, und er war arm.
»Ausgelaugt, mit leeren Taschen kehr ich heim« – diese Worte stammten aus einem alten Lied, das Wang als Kind gelernt hatte. Als er Ende 2001 nach Nanjing heimkam, klang ihm dieses Lied in den Ohren. Er war deprimiert – und doch zugleich überglücklich, denn Xiao Kong war an seiner Seite. Statt in ihre Heimatstadt Bengbu zurückzufahren, hatte sie sich wie eine Verschwörerin mit ihm nach Nanjing davongestohlen, und das sprach Bände. Wangs Mutter war vor Freude ganz außer sich. Der Junge war wirklich ein Prachtkerl! Einfach ein Prachtkerl! Sie und ihr Mann räumten ihr Bett für das junge Paar, und als sie ihren Sohn in die Küche geführt hatte, wisperte sie ihm ins Ohr: »Mach’s mit ihr, leg sie flach! Dann kann sie dir nicht mehr davonlaufen.« Wütend wandte Wang das Gesicht ab. Er verabscheute die Vulgarität seiner Mutter. Sie hatte etwas Berechnendes, und das würde sie nie ablegen. Er hob die Brauen und verzog das Gesicht. Mit manchen Dingen verhielt es sich so: Man konnte sie tun, aber beim Namen nennen durfte man sie nicht.
Bis zum Laternenfest – dem fünfzehnten Tag des ersten Monats nach dem Mondkalender – blieben sie bei seinen Eltern. Xiao Kong sah von Tag zu Tag besser aus. Wangs Mutter kam aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus: Wie hübsch Xiao Kong doch sei! Was für eine schöne Haut sie habe! Wie gut ihr das hiesige Klima tue, das sei ja so unendlich viel besser als in Shenzhen! Wie »unsere Xiao Kong« von Tag zu Tag mehr aufblühe! Zum Beweis nahm sie Xiao Kongs Hand und strich mit dem Handrücken über ihre Wange. »Habe ich nicht recht? Sag selbst: Habe ich nicht recht?«
Das hatte sie. Xiao Kong fühlte, wie weich und glatt die Haut in ihrem Gesicht geworden war. Aber mit der Intuition einer Frau begriff sie schlagartig, was diesen Wandel verursacht hatte, und diese Erkenntnis stürzte sie in eine tiefe Verlegenheit. Der Schreck, der sie packte, äußerte sich nicht in hektischen Bewegungen, im Gegenteil: Sie rührte sich nicht mehr. Sie erstarrte zu Stein, der Oberkörper steif und kerzengerade. Die freie Hand ballte sie zur Faust, die Finger über den Daumen gepresst. Alle Blinden teilen eine Schwäche: Weil sie selbst nicht sehen können, fürchten sie, die Sehenden könnten in ihnen lesen wie in einem Buch. Und so glaubte auch Xiao Kong, die überwältigend schöne Zeit, die sie gerade erlebte, liege für alle Welt offen zutage.
Wang ließ diese Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen. Eines Tages, als seine Eltern nicht zu Hause waren, sprach er aus, was ihm auf dem Herzen lag: »Warum bleiben wir nicht einfach hier?«
Sie sagte weder Ja noch Nein, bloß: »Wir haben doch noch Gepäck in Shenzhen.«
Er überlegte einen Augenblick. »Wir können ja noch mal hinfahren.« Sogleich fügte er hinzu: »Dann müssten wir noch mal zwei Zugtickets kaufen.«
Sie dachte nach und gab ihm innerlich recht. Aber um die Koffer tat es ihr trotzdem leid. »Und wenn ich alleine fahre?«
Er tastete nach ihrer Hand und hielt sie fest, während er lange in Schweigen versank. »Fahr nicht.«
»Es sind ja nur ein paar Tage«, sagte sie.
Wieder schwieg er eine Weile, ehe er endlich antwortete: »Ich möchte nicht einen Tag von dir getrennt sein. Wenn du fortgehst, wäre es, als würde ich ein zweites Mal erblinden.«
Dieser Satz wog schwer. Wang war kein Mann, der zu Überspanntheiten neigte, deshalb hatte die nackte Wahrheit aus seinem Mund besonderes Gewicht. Xiao Kong wusste darauf nichts zu erwidern. Und während sie noch nach einer Antwort suchte, überkam sie ein grenzenloses Glücksgefühl, das zum Himmel aufstieg und zur Erde niedersank, und das Blut strömte in ihr Gesicht. Ach, seufzte sie im Stillen, kein Wunder, dass ich so rosig aussehe, wenn das Blut mir in einem fort ins Gesicht schießt. Sie hielt seine Hand und dachte voller Stolz: Jetzt sehe ich bestimmt richtig gut aus. Aber schon im nächsten Moment wich ihr Stolz einem schmerzlichen Bedauern: Er konnte ja nicht sehen, wie rosig ihre Wangen waren und wie hübsch ihr Gesicht – niemals würde er das sehen können. Wie leidenschaftlich würde er sie sonst wohl lieben! Doch bei allem Bedauern sagte sie sich: Sei nicht so maßlos. Dir geht es schon großartig. Du darfst nicht maßlos sein. Und wie sie es auch drehte und wendete: Sie war verliebt.
Also blieb sie. Aber kaum war dieses Problem gelöst, bedrückte Wang schon die nächste Sorge. Eigentlich hatte er Xiao Kong als Frau des Chefs nach Nanjing mitnehmen wollen – und wo war nun seine Tuina-Klinik? Bis tief in die Nacht lag er wach, lauschte ihrem gleichmäßigen Atem und tastete reihum ihre krummen Finger oder vielmehr die acht Lücken zwischen ihren Fingern ab. Seine Schlaflosigkeit war genauso krumm – und auch seine Träume.
Nach tagelangem Zögern rief er schließlich Sha Fuming auf dessen Handy an. Beide kannten sich schon lange – sie waren gemeinsam erst zur Grundschule, schließlich zur Fachhochschule gegangen, wo sie traditionelle chinesische Medizin und Tuina-Massage studiert hatten. Erst nach dem Abschluss trennten sich ihre Wege: Wang ging nach Shenzhen, Sha nach Shanghai. Nun waren sie beide wieder nach Nanjing zurückgekehrt, aber unter ganz unterschiedlichen Vorzeichen: Während Wang noch immer für andere arbeitete, war Sha bereits sein eigener Boss. Vermutlich waren die Fleischwülste auf seinen Knöcheln schon verschwunden.
Der Anruf kostete Wang einige Überwindung. War es im letzten oder im vorletzten Jahr gewesen? Zwei Jahre war es nun wohl schon her, da hatte Sha gerade sein Tuina-Zentrum eröffnet, und weil er dringend gute Therapeuten brauchte, rief er Wang in Shenzhen an, um ihn zur Rückkehr nach Nanjing zu bewegen. Sha wusste um Wangs Können – mit dem alten Schulfreund an seiner Seite hätte er eine tragende Säule, ein Aushängeschild gewonnen, die Geschäfte würden brummen, und sein guter Ruf wäre gesichert. Um Wang zu ködern, bot Sha ihm eine exorbitant hohe Beteiligung und einen Sonderstatus an. Wang hätte praktisch alles behalten können, was er verdiente – oder sie hätten kurzerhand Partner werden können. Wang sollte – das machte Sha unmissverständlich deutlich – »dem Laden Klasse verleihen«. Dennoch lehnte er höflich ab. In Shenzhen ließ sich gutes Geld machen – wozu umziehen? Der wahre Grund für seine Absage freilich, das war ihm bewusst, lag woanders. Das eigentliche Problem war emotionaler Natur: Er wollte nicht für einen alten Schulfreund arbeiten. Wenn aus Freunden Boss und Angestellter werden, bringt das beide in eine missliche Lage.
Doch wie sagt das Sprichwort: Wer den Willkommensbecher nicht trinken will, muss einen Becher zur Strafe trinken. Shas Einladung hatte er ausgeschlagen, und nun musste er als Bittsteller an Shas Tür klopfen. Im Ergebnis mochte das aufs Gleiche hinauslaufen, und doch machte es einen großen Unterschied. Natürlich musste er nicht unbedingt zu Sha gehen, es gab genug Tuina-Zentren in Nanjing. Warum nicht anderswo eine Arbeit annehmen? Der Grund, warum er so entschlossen war, zu seinem alten Freund zu gehen, war Xiao Kong.
So viele Stärken sie auch hatte, eine Schwäche ließ sich nicht leugnen: Sie war alles andere als großzügig, mehr noch, man musste sie geizig nennen. Sobald sie ein bisschen Geld in die Finger bekam, bunkerte sie es bei sich, und man hätte es ihr selbst mit einem Maschinengewehr nicht wieder entreißen können. Bei einem gewöhnlichen Freund hätte Wang diese Marotte nie akzeptiert, aber Xiao Kong war schließlich seine Frau in spe, und da zählte ihre Eigenart nicht als Schwäche – sie knauserte nicht, sie dachte an die Familie. In Shenzhen jedoch hatte ihre übertriebene Sparsamkeit ihre Beziehung zu den Empfangsdamen belastet.
Zwischen einem Tuina-Therapeuten und einer Empfangsdame besteht eine wichtige und ganz besondere Beziehung. Die Fähigkeit eines Therapeuten, ein gutes Verhältnis zu seinen Kolleginnen am Empfang zu pflegen, schlägt sich direkt in seinem Lebensunterhalt nieder. Am Empfang arbeiten nur Sehende. Ihr scharfer Blick ermöglicht es ihnen, auf Anhieb zu erkennen, ob es sich bei einem hereinkommenden Kunden um einen reichen Pfeffersack oder einen armen Schlucker handelt. Die Entscheidung, zu wem sie den Reichen schicken und zu wem den Armen, liegt allein bei ihnen und will gut überlegt sein. Ein Therapeut ist auf Trinkgelder angewiesen – dieselben acht Stunden Arbeit bringen dem einen womöglich viel mehr ein als einem anderen. Natürlich folgt die Rotation in einer Klinik bestimmten Regeln, aber diese Regeln besagen nicht viel, denn sie werden von Menschen mit Leben erfüllt. Zum Beispiel die Toilettenpausen: Einmal angenommen, als Therapeut bist du gerade auf der Toilette, da kommt ein zahlungskräftiger Kunde hereinspaziert. Wenn die Empfangsdame es gut mit dir meint, wird sie dem Kunden erst eine Sitzgelegenheit und ein Glas Wasser anbieten, und niemand kann ihr daraus einen Vorwurf machen. Hast du dann dein Geschäft erledigt und kommst beschwingten Schrittes aus der Toilette, gibt sie den Kunden in deine Hände. Umgekehrt kann sie, kaum bist du auf der Toilette verschwunden, den reichen Kunden auch direkt zum nächsten in der Reihe schicken. Kommst du hektisch wieder herausgeeilt, liegt der Kunde schon lachend und plaudernd auf der Liege eines Kollegen. Und was könntest du dagegen sagen? Nichts. Also musst du dich mit den Empfangsdamen gut stellen. Hat eine Empfangsdame dich erst mal auf dem Kicker, verfolgt dich ihr gleißender Blick überallhin – wie könntest du da noch dein Auskommen finden?
Wie du dich mit ihnen gut stellen sollst? Ganz einfach: Steck ihnen was zu. Und was? Geld. Zwar ist ein solches Verhalten streng verboten – daran lassen die Regeln der Kliniken keinen Zweifel –, aber welcher Therapeut lässt sich schon von einem Fetzen Papier in Fesseln legen? Ein Therapeut scheut kein Mittel, um den Empfangsdamen »eine kleine Aufmerksamkeit« zukommen zu lassen. Augen, die sehen, sind nichts Alltägliches – sie wecken Angst. Also hofft er, dass die Empfangsdamen eines ihrer Augen zudrücken. Solange das gewährleistet ist, muss er sich um seinen Lebensunterhalt keine Sorgen machen.
Xiao Kong war geizig. Sie steckte niemandem etwas zu. Und sie hatte dafür auch eine Rechtfertigung parat, die sie Wang voller Stolz präsentierte: Ihr Sternzeichen sei der Stier, und deshalb sei Geld für sie so wichtig wie die Luft zum Atmen. Bei Geldmangel müsse sie buchstäblich nach Luft schnappen. Natürlich war das ein Scherz, aber sie beide hatten ernsthaft darüber gesprochen. Die eigentliche Ursache für Xiao Kongs Verhalten war nicht ihr Geiz, sondern ihr verletzter Gerechtigkeitssinn. »Ich als Blinde schufte mich ab für ein paar Yuan, und dann soll ich mein sauer verdientes Geld auch noch diesen Tussis in die Augenhöhlen stopfen? Ich denk ja nicht dran!«
Wang verstand sie, aber im Stillen seufzte er: Was für ein einfältiges Mädchen! Mit einem Lächeln erwiderte er: »Hast du eine Ahnung, wie viel Geld dir deswegen durch die Lappen geht?«
»Natürlich«, sagte sie fröhlich. »Mir geht was durch die Lappen, aber dafür rücke ich auch nichts raus, also komme ich am Ende mit plus/minus null raus.«
Er wandte sein Gesicht gen Himmel. Das also war ihre Logik. Er nahm sie in die Arme. »Du hast einfach keine diplomatische Ader.«
Überall würde sie Ärger bekommen, überall übervorteilt werden, das wusste er. Sie mochte sich noch so selbstsicher geben, nur der Himmel wusste, wie viele Ungerechtigkeiten sie in Shenzhen erlitten hatte. Ihr Geiz war nicht einmal der Hauptgrund – das war ihr Stolz. Stolze Menschen sind zum Leiden verurteilt. Eben deshalb war Wang entschlossen, für Sha Fuming zu arbeiten. Unter seinem alten Freund und Klassenkameraden als Boss würde Xiao Kong nicht zu leiden haben. Niemand würde es wagen, sie schlecht zu behandeln.
Er nahm das Telefon, wählte Sha Fumings Handynummer und rief: »Boss Sha!«
Beim Klang von Wangs Stimme quoll Sha über vor Euphorie, entschuldigte sich aber sogleich, er sei gerade bei der Arbeit, Wang möge ihn in zwanzig Minuten noch einmal anrufen.
Als Wang sein Handy zuklappte, verzogen sich seine Mundwinkel zu einem Grinsen. Wie konnte Sha vergessen, dass er, Wang, genauso blind war, Kategorie B-1, ein echter, hundertprozentiger Blinder! Sie und ihresgleichen teilten eine Eigenart: Die Dinge in ihrer nächsten Nähe konnten sie nicht sehen, dafür andere Dinge Tausende von Kilometern entfernt sehr wohl – vor allem durch das Telefon. Sha war nicht bei der Arbeit. Er war in der Eingangshalle – die Geräusche im Hintergrund sprachen eine deutliche Sprache. Ein Empfangsbereich und ein Massageraum waren für Wang wie zwei Pobacken: An der Oberfläche mögen sie gleich scheinen, doch sie sind durch eine tiefe Kluft getrennt. In der Art, wie er redete und sich benahm, glich Sha zunehmend einem Sehenden. Keine Frage, der Kerl war auf der Erfolgsspur.
Wang war verärgert, aber er behielt sich im Griff. Und rief zwanzig Minuten später erneut an. »Die Geschäfte gehen gut, was?«
»Ganz passabel. Gut genug, um mich zu ernähren.«
»Ich würde gern bei dir mein Brot verdienen.«
»Du machst Witze. All die Jahre in Shenzhen hast du dir bestimmt einen dicken Bauch angefuttert, von den Armen und den Beinen ganz zu schweigen. Und du willst bei mir dein Brot verdienen? Ich muss eher dem Himmel danken, wenn du meinen Laden nicht aufisst!«
Wie redegewandt Sha geworden war! Er glich immer mehr einem Sehenden.
Wang hatte keine Zeit, sich über ihn zu ärgern. »Ich meine es ernst. Ich bin jetzt in Nanjing. Wenn es dir passt, würde ich gern zu dir kommen. Sonst überlege ich mir einen anderen Weg.«
Sha begriff, dass Wang keine Witze machte. Er zündete sich eine Zigarette an und redete Klartext. »Also, du weißt ja, hier in Nanjing wirft das Geschäft bei Weitem nicht so viel ab wie in Shenzhen. Die Stunde kostet hier sechzig Yuan, für VIP-Kunden fünfundvierzig, davon kriegst du fünfzehn. Wenn du auf mehr als hundert Stunden im Monat kommst, dann sechzehn. Bei hundertfünfzig Stunden achtzehn. Und keine Trinkgelder, das sind die Leute hier nicht gewohnt. Aber das weißt du ja.«
