Sehnsucht einer Stieftochter - Ann-Katrin Wallner - E-Book

Sehnsucht einer Stieftochter E-Book

Ann-Katrin Wallner

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Beschreibung

Frankfurt 1938. Lena ist gerade vierzehn Jahre alt geworden, als ihre Mutter stirbt. Dass sie und der Stiefvater sich bald verlieben, weiß niemand und darf auch niemand wissen, denn das, was sie tun, ist nicht erlaubt. Für Lena füllt diese Liebe eine große Leere. Doch ihr Glück währt nicht lange. Als eine andere Frau in das Leben des Stiefvaters tritt, bricht Lenas Welt zusammen, sie reißt von zu Hause aus und gerät in die Mühlen einer seelenlosen Zeit. Erst Jahrzehnte später begegnet sie dem Stiefvater wieder und beide können das, was damals unverstanden, verklärt und unausgesprochen blieb, wieder zusammenfügen und auch begreifen. Doch beide hat das, was sie erleben mussten, zu anderen Menschen gemacht und ihre Persönlichkeit verändert.

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Seitenzahl: 370

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Ann-Katrin Wallner

Sehnsucht einer Stieftochter

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Seeluft

Beobachtung

Kein glücklicher Tag

Ein aufregender Abend

Blick zurück

Wenn der Himmel zu strahlen beginnt

Kein schöner Anblick

Der Affe

Wenn die Leidenschaft die Vernunft besiegt

Chronologie eines Abends

Den Freund gibt es nicht mehr

Die Rosenbaums

Keine gute Partie

Ungewöhnliche Nacht

Im Tiergarten

Vorahnungen

Ohne Hoffnung

Auf dem Weg nach Frankfurt

Im Schrebergarten

Weggezogen

Eine andere Welt

Seltsame Menschen

Das Kind, das nicht mehr sprechen will

Entschluss

Mittendrin in der anderen Welt

Schlechte Nachrichten

Wieder zu Hause

Düstere Zeiten

Inferno

Kurzer Lichtblick

Schwelende Fassaden

Aufbruch in eine andere Zeit

Für ein gutes Leben zu wenig

Erinnerungen an eine alte Couch

Der besondere Tag am Flussufer

Der verwilderte Garten

Wechselspiel der Gefühle

Einen Seelenklempner brauche ich nicht

Aussprache

Übrig geblieben

Impressum neobooks

Seeluft

Unter prächtiger Nachmittagssonne, die Türen des Abteils weit geöffnet, sitzen sie nun schon seit Stunden. Das eintönige Rattern des Zuges macht müde. Lena schaut erst zur Mutter, dann zum Vater, der ihr gegenübersitzt und seine Zeitung liest.

"Sind wir bald da?", fragt sie den Vater, der das gar nicht hören will, denn er muss den spannenden Artikel zu Ende lesen, bevor sie Zinnowitz erreichen. Und für den Fall, dass er sich schwerhörig stellen will, was er schon gerne mal tut, wiederholt sie ihre Worte.

"Ja, gleich ist es so weit", bemerkt die Mutter. Sie weiß, dass sie die Frage ihrer vierzehnjährigen Tochter nicht einfach unbeantwortet lassen kann. Als sie vorhin am Speisewagen vorbeigekommen sei, habe es dort nach Spiegeleiern und Speck gerochen, schwärmt Lena. Schon möglich, erklärt die Mutter, doch sie hätten sich ihr Essen im Rucksack selbst mitgebracht. Lena spürt, dass ihr Gequassel die Eltern ermüdet, ist von nun an besser still, wischt sich einen eingebildeten Krümel von der Bluse und beginnt zu dösen. Dabei entgehen ihr zunächst eine weitläufige, wenn auch sehr flache Graslandschaft, dann ein paar Felder, auf denen dunkle, komisch anmutende Vögel mit langen Beinen stehen. Eigentlich ist diese Gegend hier eine perfekte Einstimmung auf das, was sie gleich erwartet, doch nach ein paar Minuten ist Lena schon eingenickt und in einen ebenso unruhigen wie kurzen Schlaf gefallen. Als sie vom lauten Schnaufen der Lokomotive wach wird, weiß sie, dass das Ostseebad Zinnowitz nicht mehr weit sein kann.

Es ist der erste heiße Tag im Sommer 1937. Der Wind ist träge, durchstreift kaum spürbar die Luft. Nicht nur die Menschen, auch die Tiere bereiten sich auf einen extrem heißen Tag vor. Wie eine Glocke liegt die Hitze über der Landschaft und eine sanfte Brise kräuselt das Meer, Wellen plätschern am fast menschenleeren Strand. Noch weht eine deutsche Flagge an einem hohen Mast, der sich schon bald neigen und laut krachend in den Sand fallen wird.

Von der Sonne geblendet, sieht Lena sich blinzelnd um, beobachtet, wie der Vater aufsteht und sich zu strecken beginnt. Sie kann spüren, wie die Lokomotive an Fahrt verliert, schließlich stehen bleibt, und da liegt er auch schon vor ihr: der nicht sehr große, gleichwohl umso schmuckere Bahnhof des Ostseebades Zinnowitz. Sofort fällt ihr die schöne Jugendstil- und Bäderarchitektur der Häuser auf, die etwas abseits liegen. Die Gebäude sind beeindruckend, doch es hat noch einen anderen Grund, dass sie ihr Interesse finden. In einem Buch hat sie Interessantes über die Jugendstilbewegung und die Zeitschrift "Die Jugend" gelesen, die der Bewegung ihren Namen gegeben hat.

Vom langen Fahren ermattet, bewegen sie sich unter wolkenlosem Himmel, erreichen eine kleine, freundliche Pension, die an einen hübsch angelegten Garten angrenzt, dessen bunte Blumenpracht von allen sofort bewundert wird. Zwei Männer in schwarzen Anzügen und mit dunklen Kappen, die sie sich weit ins Gesicht gezogen haben, bemühen sich um die Koffer, bringen die Gepäckstücke auf ein Dreibettzimmer. Die Mutter setzt sich in den Sessel, zieht sich sogleich die Schuhe aus. Nur Lena steht noch immer am Fenster, bewundert den Garten, denkt darüber nach, ob auch Gärten im Jugendstil angelegt werden können. Aus diesem Blickwinkel kann sie weit in die Ferne schauen, sieht das grau-blau glitzernde Meer, auch ein paar kleine weiße Ausflugsdampfer, die dort vor Anker liegen. Der Vater, groß, breitschultrig, lehnt sich lässig an die Schranktür und lächelt. Leute gehen an der offenen Zimmertür vorbei, und wem sein Lächeln gerade gilt, weiß sie zwar nicht, wünscht sich aber, dass es ihr gelten möge. Er ist nicht ihr leiblicher Vater, die Mutter hat sie mit in die Ehe gebracht. Seine ruhige, gelassene Art, die weniger auf eine dicke Brieftasche als auf innere Ausgeglichenheit und Zufriedenheit schließen lässt, gefällt ihr. Die Besonnenheit und Souveränität sind es, die sie so an ihm bewundert. Noch immer mit diesem Schmunzeln auf den Lippen geht er schnurstracks auf sie zu, nimmt sie in den Arm. So gut wie bei dieser Umarmung hat sie sich lange nicht gefühlt. Mit einem Gesichtsausdruck jugendlicher Versonnenheit vergisst sie sogar kurz das Atmen. Eine ganze Weile sieht sie ihn an, kann gar nicht anders, als ihrem Lächeln einen Blick voll Zärtlichkeit folgen zu lassen.

"Hast du für heute ein Programm?", fragt sie den Vater.

Der hebt nur den Kopf und das kleine Grübchen an seinem Kinn vergrößert sich zusehends, macht seinen Gesichtsausdruck noch interessanter als sonst.

"Heute machen wir nicht mehr viel", schallt es aus einer Nische des Zimmers. Es ist die Mutter. Und sie meint, noch hinzufügen zu müssen, dass sie morgen ganz früh zu einem Ausflug aufbrechen werden, hofft, nun alles, was für die Tochter von Interesse ist, gesagt zu haben. Die ist auch sofort still und bis zum Abendessen, das sie im Speisesaal der Pension einnehmen, sagt sie kein Wort mehr.

Am nächsten Morgen sitzen sie in einem großen hellen Frühstückszimmer mit Blick auf den Garten, auf Hecken und stark duftende Rosenbüsche, die in voller Blütenpracht stehen. Lena ist aufgekratzt, bricht grundlos in Gelächter aus, lässt die weiße Serviette zu Boden segeln, läuft puterrot an, als drohe sie zu ersticken.

"Was ist mit dir?"

Die Mutter klopft ihr ein paar Mal auf den Rücken, als wäre sie eine Stoffpuppe, aus der man den Staub herausklopfen müsste.

"Nichts, gar nichts, ich habe mich nur verschluckt, bin ein bisschen überdreht", krächzt Lena, und obwohl sie sich noch vor Minuten geschworen hat, von nun an nicht mehr so viel zu reden, hat sie diesen Vorsatz schnell vergessen und hört gar nicht mehr auf zu quasseln. Sie sei ganz schön überdreht, bemerkt der Vater, der augenzwinkernd von seiner Zeitung aufschaut. In diesem Moment genießt sie seinen Blick, will ihn festhalten, denn seine gute Laune könnte sich ja schnell ändern und dieses Glück kaputt machen. Plötzlich wird es laut im Speisesaal. Gäste beginnen, miteinander zu diskutieren. Worum es bei der Auseinandersetzung geht, ist schwer auszumachen. Einige raufen sich theatralisch die Haare, andere machen seltsam schnappende Mundbewegungen, ringen nach Luft. Lena kratzt sich nur versonnen am Kinn. Nach ein paar Minuten haben sich die Gemüter auch wieder beruhigt. Sie ist von den diskutierenden Gästen so beeindruckt, dass sie nur dasitzt, den Mund weit geöffnet, worauf die Mutter sie bittet, noch eine Scheibe Brot zu sich zu nehmen, denn sie hätten nur Halbpension gebucht und da gebe es erst heute Abend wieder etwas zu essen. Das Mädchen nickt, der Vater nickt auch, hat die Zeitung zur Seite gelegt, erzählt den beiden Frauen, welches Ausflugsprogramm er sich für heute ausgedacht habe. Die finden seine Vorschläge fabelhaft, ja grandios, wie Lena kurz einwirft, wollen sofort aufbrechen, denn mit dem Linienbus soll es dorthin gehen, wo vor tausend Jahren die Wikinger landeten. Der Vater hievt den Rucksack auf den Rücken, den die Mutter schon vor einer halben Stunde gepackt hat, und sie laufen zur Bushaltestelle, die nicht weit von der Pension entfernt liegt. Erregt geht er auf und ab, meint, der Bus müsse längst da sein. Das Gesicht nach oben gerichtet, blinzelt er in die Sonne und zeigt wieder dieses Schmunzeln um den Mund, das Lena so fasziniert. Augenblicklich verliert sie sich in Gedanken, spürt, dass er ihre Gefühle durcheinanderbringt.

Ein Wagen, der nicht sehr vertrauenerweckend aussieht, braust heran, und es kann endlich losgehen. Einmal eingestiegen, werden die Passagiere kräftig durchgeschüttelt, jedes noch so kleine Schlagloch spüren sie in allen Knochen. Vom Fahren teilnahmslos geworden, starrt der Vater aus dem Fenster, trommelt auf den Ledersitz des Omnibusses.

"Weißt du, wann wir aussteigen müssen?", fragt Lena mit zarter Stimme.

Der Vater nickt. In einschläfernd langsamer Fahrt geht es weiter durch die Felder und der Vater wie auch die Mutter beginnen zu dösen. Diese Gegend hier sei nicht sehr schön, gefalle ihr nicht, meint Lena und sendet damit nicht nur ein kurzes Beben in die eingetretene Stille, sondern erntet auch den empörten Blick der Eltern. Ihr ist klar, dass sie mitten im Fettnäpfchen gelandet ist.

"Kommt, wir müssen aussteigen", durchbricht eine Stimme die Beschaulichkeit, mit der der Bus vor sich hin tuckert.

Es ist die Stimme des Vaters, der langsam, beinahe auf Zehenspitzen zum Ausgang tänzelt und im Flüsterton den anderen Fahrgästen "auf Wiedersehen" sagt, ihnen zum Abschied sogar noch zuwinkt. Dann stehen sie inmitten von abgeernteten Feldern, sind sich sicher, in der Eintönigkeit der Landschaft erst einmal die Orientierung verloren zu haben. Der Vater weist mit der Hand nach vorn und meint: "Hier geht es lang", versucht, den Frauen bestimmt, aber höflich den Weg zu weisen.

"Wo sind wir hier eigentlich?"

"In Peenemünde", beantwortet der Vater Lenas Frage, schreitet voran, Tochter und Mutter im Gänsemarsch hinterher. Ob dieses Peenemünde mit "h" geschrieben werde, will Lena wissen. Die Mutter schüttelt den Kopf, meint, so etwas wisse doch jedes Kind, dass man Peenemünde mit zwei "e" schreibe.

Die Vormittagssonne strahlt noch im flachen Winkel, hält die Farben blass. Ein asketisch wirkender Mann mit grauer Nickelbrille geht an ihnen vorbei, sagt "Guten Tag", dann ist es mit einem Schlag still. Und auch in den nächsten Stunden läuft die Konversation zwischen den drei einsamen Wanderern nicht eben fließend, sei es aus Müdigkeit oder gar wegen der Hitze, die über dem Land brütet. Irgendwo dort vorne, die Schwüle macht das Auge träge, sehen sie einen Zaun. Wenig später erspähen sie auch das Schild mit der Aufschrift "Militärisches Sperrgebiet, Lebensgefahr und Schusswaffengebrauch". Lena bemerkt, dass sie noch nie ein militärisches Sperrgebiet betreten habe, äußert den Wunsch, es erkunden zu wollen, denn bestimmt gebe es dort Geister. Die Eltern sind genervt, aber nicht von ihrem Gequassel, sondern von der jugendlichen Fantasie, die ihr an besonders heißen Tagen schon mal außer Kontrolle gerät. Der Vater winkt ab, meint "viel zu gefährlich", das meint auch die Mutter und Lena gibt klein bei. Plötzlich dreht er sich um, sagt, von irgendwoher komme das Geräusch eines Wagens. Die Mutter ist anderer Meinung, will weder etwas gesehen und schon gar nichts gehört haben, ist der festen Überzeugung, dass er sich das nur einbilde. Der Vater lässt sich nicht beirren und nach ein paar Minuten taucht auch ein LKW auf, bleibt ruckartig stehen und zwei Männer in Uniform springen heraus.

"Das ist militärisches Sperrgebiet, hier können Sie nicht einfach herumspazieren, überschreiten Sie ja nicht die Sperrlinie."

"Was verbirgt sich hinter diesen Zäunen?"

"Was soll sich schon dahinter verbergen?"

Der größere der beiden Uniformierten deutet auf das Warnschild und ohne die Frage des Vaters zu beantworten, öffnet er ein großes, mit grünen Planen bedecktes Tor.

"Frag doch nicht so viel, sei lieber still", hört Lena die Mutter im Hintergrund raunen.

"Kann ich mal mit reinkommen?", fragt Lena den völlig verdutzten Mann in der schicken Uniform, der zunächst heftig schluckt, sie dann abschätzig von der Seite betrachtet.

"Wenn du die Sperrlinie überschreitest, muss ich von meiner Schusswaffe Gebrauch machen."

"Schusswaffe, oh Gott! Sie machen bestimmt Scherze", sagt Lena schon etwas kleinlauter.

"Eigentlich mache ich selten Scherze, das ist nicht meine Art", erwidert der Mann in Uniform in einem ebenso harten wie pflichtbewussten Ton. "Kommst du auch aus dem Osten?"

"Wieso aus dem Osten? Ich komme aus Frankfurt am Main, warum denken Sie denn, dass ich aus dem Osten komme?"

"Viele, die so fremdländisch aussehen wie du, kommen jetzt aus dem Osten."

"Aha", sagt Lena nur, schaut brüskiert, vielleicht auch ein bisschen hilfesuchend zur Mutter. Die stößt ihr die Hand in den Rücken und schiebt sie schnell weiter, will, dass das Mädchen endlich still ist, sich nicht noch um Kopf und Kragen redet. Sie solle sich künftig besser überlegen, was sie sage, und nicht so forsch auf fremde Menschen, schon gar nicht auf Uniformierte, zugehen, ruft der Vater streng.

"Wieso denn das?"

"Mit diesen Leuten ist nicht zu spaßen."

An sich wird der Vater selten wütend, diese Fähigkeit scheint ihm abzugehen, doch jetzt bekommt er vor Ärger einen hochroten Kopf. Lena kann sich gar nicht erinnern, ihn jemals so aufbrausend gesehen zu haben."

"Was waren das für Männer?" , fragt sie.

"Schutzstaffel", antwortet der Vater lapidar.

"Schutzstaffel", murmelt Lena nachdenklich vor sich hin, obwohl sie mit diesem Wort überhaupt nichts anfangen kann.

Als sie beim Abendessen in der Pension sind, setzt sich der Wirt, ein freundlicher älterer Herr mit grau melierten Haaren und auffallend wackliger Prothese, die er manchmal durch den Mund schaukelt, an ihren Tisch.

"Wissen Sie, dass es bei Peenemünde ein militärisches Sperrgebiet gibt?", fragt der Vater und schaut von seinem Essen auf, als würde er geradezu vor Neugierde platzen, endlich aufgeklärt zu werden.

"Geheimsache", stellt der Wirt flüsternd fest. "Die testen dort Raketen. Seit 1936 gibt es eine Heeresversuchsanstalt. Genaueres weiß keiner, zwischen Tatsachen und Gerüchten ist nur schwer zu unterscheiden."

"Manchmal sickert etwas durch, wenn neue Straßen gebaut, Schienen verlegt und Häfen angelegt werden, viele Spuren werden jedoch bewusst verwischt", erklärt seine Frau sehr leise, die sich ebenfalls zu ihnen gesetzt hat.

Vor dem geöffneten Terrassenfenster erspäht Lena drei fremdländisch aussehende Männer mit blau-schwarzen Haaren und Augen, die wie Schlitze aussehen.

"Schau mal, was sind das für seltsame Leute?"

"Die Söhne Nippons."

"Wie bitte, wer ist das?"

"Japaner", raunt die Mutter, füllt mit der Behutsamkeit einer Hebamme und der Flinkheit einer Spitzenklöpplerin die kleine Thermoskanne mit kaltem, köstlich duftendem Tee.

"Die Gegend um das Fischerdorf Peenemünde ist schon immer einsam gewesen und eignet sich für außergewöhnliche Dinge. Selbst die Schweden haben das erkannt, als sie im Dreißigjährigen Krieg mit ihrem König dort gelandet sind, um sich mit den kaiserlichen Habsburgern zu zanken", weiß der Wirt zu berichten.

"Peenemünde ist nach dem Dreißigjährigen Krieg sogar einmal schwedisch gewesen", meint die Wirtin hinzufügen zu müssen.

Noch vierzehn Tage bleiben sie in der kleinen Pension in Zinnowitz, dann geht es zurück. Und wieder ist es eine lange und monotone Bahnfahrt. Die Lokomotive faucht und zischt, kommt an einem kleinen Bahnhof zum Stehen.

"Schau mal, die Männer dort drüben mit den Gewehren", ruft Lena und rüttelt die Mutter aus dem Schlaf.

"Schutzstaffel", antwortet die nur und ist sehr ungehalten.

"Haben die denn nichts Besseres zu tun, als am Bahnhof herumzustehen und den Zügen nachzuschauen?"

"Mensch, Lena, woher sollen wir denn das wissen?"

"Hätte ja sein können, ihr wisst ja sonst immer alles", entgegnet sie dem Vater. Wenig später fährt der Zug langsam an, nimmt wieder Fahrt auf und schnauft zunächst durch Felder und Wiesen, durchquert dann einen Tunnel. Mit ausgestreckten Beinen sitzt der Vater den beiden Frauen gegenüber und döst. Lena betrachtet das kleine Grübchen an seinem Kinn, wünscht sich, von ihm in den Arm genommen zu werden, ist plötzlich voller Leidenschaft, spürt zugleich den strengen Blick der Mutter, die sie von der Seite beobachtet. Auch sie hat dunkel gelockte Haare und Lena ist sich sicher, dass sie mit ihren braunen feurigen Augen ebenso fremdländisch aussieht wie sie selbst.

Beobachtung

Ein kalter Herbsttag im Jahr 1938. Es ist Mittag, kurz nach zwölf. Lena pfeift, erst leise, dann wird ihr Pfeifen lauter. Die Melodie, ein Ohrwurm, hat sie heute in der Schule aufgeschnappt. Alle pfeifen sie dort das Lied. Sogar die Lehrer pfeifen es, wenn auch leise und nur dann, wenn sie sich unbeobachtet fühlen. Erschrocken sieht sie sich um, hofft, dass ihr lautes Pfeifen von niemandem bemerkt wird. Ein Mann mit Bart, keinem Spitzbart, sondern einem altmodischen Zwirbelschnurrbart, kommt ihr auf der Straße entgegen. Als er das hübsche, dunkelhaarig gelockte Mädchen bemerkt, strafft sich seine Haltung und er versucht, den Bauch einzuziehen, was ihm bei seiner Leibesfülle schwer gelingt. Da er genau auf sie zusteuert, wird ihr sofort klar, dass sie mit diesem Mann, den sie überhaupt nicht kennt, wird reden müssen.

"Hast du eben etwas gesagt?"

Sie überwindet die erste Verdutztheit, taumelt aus den Gedanken.

"Nein, nichts, was soll ich gesagt haben? Gepfiffen habe ich. Kennen Sie das Lied nicht?"

Statt zu antworten, runzelt der Fremde nur die Stirn und in der Tat entwickelt sich ein kurzes Gespräch, wenn auch kein sehr anspruchsvolles. Hin und wieder beginnt sie sogar, bis zu den Haarspitzen zu erröten, dreht jedoch so geschickt den Kopf, dass er nicht sehen kann, wie sich ihre Gesichtsfarbe verändert. Eine Tomate wird nicht röter als ich, denkt sie, ärgert sich über ihre mangelnde Selbstsicherheit. Verwundert, gleichzeitig irritiert über das vollmundige Grinsen dieses Mannes, dessen schlechte Zähne ein allzu verschwenderisches Lächeln überhaupt nicht begünstigen, geht sie weiter.

In ihrem schwarzen, wie Samt glänzenden Mantel, der vielleicht ein wenig zu leicht für die Jahreszeit ist, beginnt sie zu frieren. Die breite Straße, die in der Mittagssonne liegt, kommt ihr wie ausgestorben vor, denn sonst fahren hier Busse, die sich durch den Verkehr hupen. Heute scheint alles wie leer gefegt. Einige Häuser tragen bereits weit sichtbare Narben des Verfalls, die dem Straßenzug etwas Trostloses verleihen. Sie biegt ab, sieht einen großen, mit einer Plane überzogenen Lastwagen vor einem Haus stehen, das etwas zurückgebaut ist. Schon öfter ist ihr dieses Gebäude aufgefallen, denn es wirkt großzügig und gepflegt, passt eigentlich nicht in diese verwahrloste Gegend, die ihre beste Zeit längst hinter sich gelassen hat. An der Vorderfront des Hauses rankt Efeu wie ein alles überdeckender grüner Vorhang an der Wand empor. Das Tor des Gartens steht weit offen, als hätte man vergessen, es zu schließen. Ein paar Vögel in den Bäumen zwitschern aufgeregt, fühlen sich durch irgendetwas gestört. Vor dem Gartenzaun sieht sie Holzverschläge, die frisch gestrichen sind, und entdeckt das Gesicht eines kleinen Jungen, der vor einer der hübsch herausgeputzten Hütten kauert. Sie schaut näher hin, betrachtet das blasse Gesicht des Kindes, seine Augen, die starr, wie zwanghaft, auf die Straße gerichtet sind. Regungslos steht der Junge da und es sieht aus, als würde er durch etwas hindurchschauen. Temperamentvoll reibt sie sich die Stirn, sieht wieder zu dem Jungen, der aber plötzlich verschwunden ist. Das Haus liegt vor ihr, zweistöckig, weiß, doch niemand ist zu sehen. Unheimlich! Sie geht ein paar Schritte zur Seite, behält das Gebäude immer im Blick. Kein Schild "Betreten verboten", keine angsteinflößenden Drahtzäune, stattdessen bemerkt sie die imposante braune Eingangstür, die von einem Metallgitter umrahmt wird. Der Krach eines zuschlagenden Fensters dringt ihr ans Ohr. Das muss der Wind gewesen sein, denkt sie, läuft ein paar Schritte, bleibt stehen, biegt in einen mit Kies bedeckten Weg ein. Zaghaft klopft sie an die braune Eingangstür, erst leise, dann lauter. Niemand öffnet, noch immer keine Spur von irgendwelchen Bewohnern. Der Rasen neben dem Kiesweg sieht aus, als hätte ihn vor Kurzem jemand niedergetrampelt. Sie klopft wieder. Nichts! Vielleicht hat sie auch nicht laut genug geklopft, versucht es mit der Faust, geht eine Treppenstufe hinab, bleibt stehen und murmelt "dann eben nicht".

Beeindruckt von dem großen Gebäude beobachtet sie den daneben liegenden Garten, doch das Kind sieht sie nicht mehr. Gestern haben sie in der Schule darüber gesprochen, dass man helfen soll, wenn jemand in Not ist, und sie ist sich sicher, dass der Junge Hilfe braucht. Das Erlebnis mit dem Kind, das nicht älter als drei oder vier Jahre gewesen sein kann, beschäftigt sie noch lange. Sie wirft die Arme in die Luft, geht die Straße entlang, gefolgt von einem weißen Spitz, der ihr seit Minuten nachläuft.

"Ich kann dich nicht mitnehmen", ruft sie dem Tier zu, streicht ihm über den Kopf. Der versteht es, dreht sich um, läuft in eine andere Richtung, verschwindet in einer kleinen Bäckerei und wird dort liebevoll in Empfang genommen, als habe man schon auf ihn gewartet.

In Gedanken sieht sie wieder das Gesicht des Jungen, erinnert sich an den erstarrten, leeren Blick. Während sie sich umschaut, tippelt sie weiter, wäre beim Rückwärtsgehen beinahe gegen einen Laternenmast gelaufen, erreicht das Haus, in dem sie im ersten Stock wohnt. Keuchend betritt sie die kleine Küche, beginnt zu husten, was sich nach einer nicht auskurierten Erkältung anhört. Wenn sie nicht hustet, hört sie ihre Bronchien pfeifen. Nachdenklich schaut sie aus dem Fenster auf die Straße, zu den Häusern. Obwohl es erst Mittag und taghell ist, wirkt die Straße wie ausgestorben und zudem noch so düster, als müsse man erst das Sonnenlicht hineinpumpen. Beklemmend still ist es in diesem Moment.

Kein glücklicher Tag

Es ist früh am Morgen, als sie aus dem Fenster schaut. Fast alle Gebäude sehen gleich aus, sind schon ein halbes Jahrhundert alt. In vielen gibt es nur einen Ofen, der meist mit Kohle befeuert wird. Gedanken belasten sie seit Tagen, meist nachts, heute aber sind sie schon am frühen Morgen da. Manchmal versucht sie, sie durch Lesen zu bezwingen, und wenn sie Glück hat und sich nur tief genug in ein Buch vergräbt, gelingt ihr das auch, denn für ein spannendes Buch vergisst sie schon mal die Welt. Doch heute nicht, sie hat es nach dem Aufstehen versucht, vergeblich! Je heller es wird, desto größer wird ihr Unbehagen. Im Bauch, in der Brust wird es eng, es ist kein Schmerz, eher so ein mulmiges Gefühl. Gedanken wirbeln ihr durch den Kopf und sie sieht schemenhaft den Stiefvater, der sich gerade laut fragt, wo er die Zeitung hingelegt haben könnte. Er ist schlank, sein Gesicht hat etwas Liebenswertes, selbst im Sitzen erscheinen seine Schultern auffallend breit. Ein hochgewachsener Mann, tadellos gekleidet, alles an ihm lässt den Schluss zu, dass er jedes Staubkorn, jeden noch so kleinen Fussel an sich verachtet, immer auf Makellosigkeit bedacht ist. Seine Augen strahlen so braun wie die Mohrenköpfe, die es in den Jahrmarktsbuden jetzt überall zu kaufen gibt.

Etwas steif, mit unbeweglicher Miene, steht er vom Sessel auf, sieht zu Lena herüber, die mit ausgestreckten Beinen, ganz in sich versunken, auf dem Sofa sitzt und vor sich hin summt. Er hebt den Kopf, läuft ein paar Schritte, seine Stimme klingt seltsam verklärt, hat etwas Großväterliches, obwohl sie gar nicht versteht, warum er auf einmal so komisch spricht.

"Lena, was summst du da überhaupt?"

Sie schmettert die Frage mit einer beherzten Handbewegung ab und schweigt. Ob sie seine Frage beantworten könne oder ob das zu viel verlangt sei, will er wissen.

"Ich summe ein Lied, alle haben es gestern in der Schule gesummt, die meisten sogar gepfiffen."

"So, so, gepfiffen, dir ist klar, dass es kein schönes Lied ist."

"Geschmackssache."

Er lächelt, es ist jedoch kein richtiges, eher ein in sich gekehrtes Lächeln. Mit übereinandergeschlagenen Beinen sitzt sie inmitten brauner weicher Kissen, fasst sich in die Achselhöhle, bemerkt zunächst überhaupt nichts, dann einen leichten Schweißgeruch, der vom Parfum, das sie sich heute Morgen ein bisschen zu großzügig aufgetragen hat, überlagert wird. Vom Fenster aus beobachtet sie wieder die Straße, hat einen hervorragenden Blick auf die gegenüberliegenden Häuser. Es ist eine typische Innenstadtstraße, breit, geradlinig, ist früher vielleicht eine Allee gewesen, von deren einstmaliger Pracht nichts mehr zu sehen ist. Wie ein ozeanischer Strom, der zwei Kontinente voneinander trennt, klemmt sie sich zwischen die beiden Welten, hier ein armes Arbeiterviertel, dort ein Viertel der wohlhabenderen Gesellschaft.

Der heutige Tag ist klirrend kalt und der Vater hat den Ofen im Wohnzimmer angezündet, obwohl sie beide lieber in der Küche sitzen. Eigentlich haben sie immer in der Küche gesessen, Lena, die Mutter Agnes und der Stiefvater. Das am anderen Ende des Flures liegende große Wohnzimmer bleibt meist leer.

"Die Pension hat mir geschrieben."

"Welche Pension?", fragt sie.

"Na, die in Zinnowitz."

In diesem Augenblick denkt sie an die Ostsee, an das grau-blau glitzernde Meer und an tobende Wellen, die an das Ufer donnern.

"Ich habe ihnen mitgeteilt, dass wir in absehbarer Zeit nicht mehr kommen werden."

Lena nickt, ihr wird auf einmal speiübel.

"Und ich habe auch die Anzeige zum Tod von Agnes beigelegt, die heute in der Zeitung erschienen ist."

Sie nickt wieder und schluckt, spürt, wie sich ein dicker Kloß durch ihren Hals schiebt.

"Warum ist die Anzeige erst heute, eigentlich viel zu spät, erschienen?"

"Ist halt so und jetzt auch nicht mehr zu ändern, in all der Aufregung habe ich nicht rechtzeitig daran gedacht."

Seit einiger Zeit sitzen sie nun schon im Zimmer. Vor dem Ofen hat Oskar, Lenas kleiner Hund, es sich bequem gemacht.

Heute ist kein schöner Tag. Sie spürt die heiße Milch, die sie trinkt und die ihr den Mund verbrennt, den viel zu engen schwarzen Rock, der ihr den Bauch einschnürt. In diesem Moment fällt ihr auch der kleine blasse Junge wieder ein, den sie vor ein paar Tagen an dem Holzschuppen gesehen hat. Und sie weiß, dass sie heute etwas erwartet, was sie niemals erleben wollte, die Beerdigung von Agnes, ihrer Mutter. Die Trauer um ihren Tod empfindet sie wie ein unbelichtetes Foto, ein verwirrendes, unwirkliches Gefühlschaos. Den ganzen Morgen ist sie schon durcheinander, manchmal völlig daneben, fahrig, denkt an das, was ihr gleich bevorsteht. Von Zeit zu Zeit verliert sie sogar den gedanklichen Faden und beschließt, das Ganze mit der Beerdigung noch einmal von vorne zu durchdenken.

Der Vater hebt den Kopf, betrachtet sie mit feierlichem Ernst. Das mag sie so an ihm. Während die Jungen ihres Alters zu Albernheiten neigen, spricht er mit ihr, als wäre sie eine erwachsene Frau, und er hört ihr auch meist zu, wenn sie etwas sagt. Nur selten überhört er ihre Worte, allenfalls dann, wenn ihm etwas anderes wichtiger ist, was allerdings nicht oft, nur hin und wieder einmal, vorkommt. Oft lobt er sie, etwas, was andere Väter nicht tun, das weiß sie.

Gegen zehn Uhr verlassen sie die Wohnung, steigen das dunkle Treppenhaus hinunter, schlagen die schwere graue Eisentür hinter sich zu und gehen eine schmale, mit Basaltsteinen gepflasterte Straße entlang. Der Vater umfasst ihre Schultern, und obwohl sie diese Geste so sehr mag, zieht er hastig seinen Arm zurück, schaut sich verlegen um.

Die Straße, in die sie nun einbiegen, ist hier zwar breit, doch weder schön noch ausgesprochen hässlich, schlängelt sich eher langweilig einen Hügel hinauf. Sie hängt sich bei ihm ein, muss es tun, denn sie spürt, wie ihr die Kraft aus den Beinen weicht und nicht mehr zurückkommen will. Immer kraftloser wird ihr Körper, je näher sie dem Frankfurter Hauptfriedhof kommen, der sich schon schemenhaft aus dem Nebel schält. Vor ein paar Monaten ist sie mit der Schulklasse hier gewesen, daran erinnert sie sich wieder. An den Gräbern berühmter Leute wie Friedrich Stoltze, Goethes verheirateter Liebe Marianne von Willemer und dem Nervenarzt und Struwwelpeter-Autor Heinrich Hoffman haben sie gestanden. Der Vater wirft einen Blick zu den Gräbern der Prominenten und meint, wer hier liege, habe es im Leben zu etwas gebracht. Behutsam ergreift er die kalte Klinke des Portals der Kapelle und sie nähern sich einem schmalen Altar, der weit vorne steht. Nur ihre hallenden Schritte sind zu hören, denn die Kapelle ist ansonsten leer. Sie gehen an den Sitzbänken vorbei und Lena wünscht sich, dass viele Menschen gekommen wären, um ihr Trost zuzusprechen, doch niemand ist da, will der verstorbenen Mutter die letzte Ehre erweisen. Schade! Die Mutter hatte man gemocht, eine angenehme und sympathische Frau, deren schwarzer, einfacher Sarg vor dem schmucklosen Altar steht und nur mit einem kleinen Bouquet Rosen bedeckt ist, dessen rote Blüten zu leuchten beginnen.

Beide nehmen in der vordersten Bank Platz. Lena sieht auf das Bild der Mutter, das vor dem Sarg auf dem Boden steht. Es neigt sich leicht zur Seite, zeigt eine Frau Anfang dreißig, deren schwarze, schulterlange Haare ein herzförmiges Gesicht umrahmen, den dunklen, fast asiatisch wirkenden Augen etwas Fremdartiges, ja Feuriges geben. Der Vater sitzt noch immer neben ihr, räuspert sich leise, versucht ihre kalte Hand zu ertasten, die er ihr aus der Manteltasche zieht und fest drückt. Es hat etwas Beruhigendes, wenn sie seine Hand spürt, das wird ihr sogleich bewusst. Auch wenn es nicht ihr leiblicher Vater ist, hat er sich immer liebevoll um sie gekümmert. Seine Souveränität ist es, die sie so beeindruckt und die er in den aussichtslosesten Situationen schon unter Beweis gestellt hat. Während sie bei manchem zagt und zögert, geht er zielstrebig auf die Dinge zu, hat in brenzligen Situationen schon mal eine Ausdauer wie ein Kamel. Obwohl sie diesem Wüstenschiff noch nie von Angesicht zu Angesicht gegenübergestanden hat, weiß sie, dass Kamele sehr ausdauernd sind. Eigentlich hat sie nur noch ihn und sie ist stolz darauf, dass er ihr zur Seite steht, obwohl sie beide sehr verschieden sind. Während er eher ein stilles Wasser ist, ruhig, tief, bedächtig, und immer, wenn es eng wird, einen Ausweg weiß, ist sie eine unruhige Welle, die meist nur viel Schaum macht. Seit dem Tod der Mutter redet sie ihn nur noch mit Paul an. Doch eigentlich heißt er Paul-Heinrich und hat noch ein paar Vornamen mehr.

Die schwere Holztür der Kapelle öffnet sich und fällt dann laut ins Schloss. Das Morgenlicht wirft seltsame Schatten an die Wände, verdunkelt erst den Raum, um ihn gleich wieder mit Licht zu durchfluten. Erstaunt dreht sich Lena um, Paul tut es ebenso. Eine alte Frau, den Rücken gebeugt, mit schon schlohweißem Haar, geht den schmalen Gang zwischen den Bänken entlang, bleibt neben den beiden stehen. Sanft legt sie Lena die Hände an den Kopf, drückt sie fest an ihre Brust. Der bleibt erst einmal die Luft weg, obgleich sie die Wärme und Zuneigung dieser Frau fühlt, es kaum fassen kann, so liebevoll von einer Fremden umarmt zu werden. Eine Zeit lang sieht sie in das zum Knoten zusammengebundene Haar, betrachtet den gebeugten Körper, der fast vornüberfällt, schätzt es, dass diese Frau neben ihr steht, ihr mit einer solch herzlichen Geste ihre Anteilnahme zum Ausdruck bringt.

"Danke, dass Sie unseren Weg und den meiner verstorbenen Frau begleiten", sagt Paul mit brechender Stimme, drückt der Frau die Hand. Die lächelt nur, ihr fast zahnloser Mund legt sich in tiefe Falten, obgleich ihr altes, von Sorgen gezeichnetes Gesicht so viel Wärme ausstrahlt, dass es scheint, als lächele ihr eine hübsche, viel jüngere Frau zu. Selbst wenn sie spricht, spielt ein Strahlen um ihren Mund. Ihr Lächeln verströmt etwas, das Lena nicht nur beeindruckt, sondern auch beruhigt, und sie fühlt plötzlich eine Unbeschwertheit, die für eine Trauernde während der Beerdigung gar nicht angebracht scheint.

Ein kleiner Trauerzug formiert sich, der an einer Gräberreihe zum Stehen kommt. Es ist mucksmäuschenstill, nicht einmal Vögel begleiten diesen kurzen, letzten Gang der Mutter, obgleich verständlich, denn die meisten Vögel sind irgendwo im Warmen, in Afrika oder sonst wo auf der Welt. Schweigend dreht sich der Vater um, nimmt erst Lena, dann die Frau in den Arm. Es ist nun windstill, aber noch immer kalt, kein Wetter, das die Seele ermuntern könnte. Ein paar Spatzen zanken sich nun in den Bäumen, bewegen die kleinen Körper, wahrscheinlich, um nicht zu erfrieren. Wie eine schwere Gardine hängt die Kälte über dem Ort. Das Geräusch klappernder Absätze schwirrt durch die Luft, und als sie wieder weichen Boden unter den Füßen haben, schreiten sie auf eine breite asphaltierte Straße zu, die sich kerzengerade in der Ferne verliert. Eines dieser hochmodernen Autos, ein Volkswagen, fährt vorbei, ebenso laut wie schnell. Als Lena sich umsieht, ist die alte Frau schon weitergelaufen, ohne sich zu verabschieden. Sie schaut ihr nach, denn diese kleine gebeugte Gestalt in ihren zerschlissenen Kleidern ist wie ein Geschenk an diesem Morgen, vermittelt ihr Hoffnung und Mut. Niemand sollte sie mehr wiedersehen.

Vom Frankfurter Hauptfriedhof kommend, biegen sie in eine breite Straße ein. Der Wagen eines Fuhrwerks steht quer auf der Fahrbahn. Zwei Pferde beginnen zu scheuen und galoppieren die Straße entlang, den Wagen wie einen ägyptischen Streitwagen hinter sich herziehend.

"Halt ... halt! Oh Gott verdammt, meine Pferde!"

Der Mann, der auf dem Fuhrwerk sitzt und sich mit akrobatischen Bewegungen auf der Sitzbank zu halten versucht, schreit wieder nach seinen Gäulen. Lena gestikuliert ängstlich mit den Händen, schaut nach Paul, der auf die Straße rennt, sich den Pferden auf Höhe der hier einmündenden Bergerstraße entgegenstellt und sie mit erhobenen Armen zum Stehen bringt. Die Passanten, die das beobachten, klatschen, und Lena ist in diesem Moment mächtig stolz auf den Vater. Laut wiehernd und mit viel Schaum vorm Maul ziehen die Tiere den Wagen zur Seite.

"Brav, brav, ganz brav", sagt der völlig verstörte Mann hoch oben auf dem Wagen und beginnt, die Autofahrer zu beschimpfen. Die umstehenden Passanten versuchen, den aufgebrachten Mann zu beruhigen, was irgendwann auch gelingt.

"Warum hat der Mann so ein puterrotes Gesicht?", fragt Lena.

"Stress, purer Stress, wenn einem die Gäule durchgehen, ist das kein Zuckerschlecken. Vielleicht hat er auch einen zu viel gezischt", meint Paul und bemerkt Lenas fragende Augen.

"Der hat einen gesoffen! Heute ist Zahltag. Viele bekommen ihren Lohn und manche vertrinken ihn gleich wieder. Hast du noch nie die Frauen beobachtet, die die Männer aus den Gasthäusern holen, manchmal sogar unter Androhung von Prügel?"

"Nein, das habe ich noch nie gesehen."

"Wenn die eigene Frau im Anmarsch ist, ducken sich die Männer einfach weg, meist unter den Tisch, was von ihren Saufkumpanen nicht nur toleriert, sondern regelrecht gedeckt wird. Wenn es ums Saufen geht, halten die wie Pech und Schwefel zusammen."

"Hast du das auch schon mal gemacht?"

"Nein, ich gehöre nicht zu der Fraktion dieser Kampftrinker, denn das ist eine böse Sache", versucht er sie zu beruhigen.

Mittlerweile stehen sie vor der Eingangstür des Hauses, in dem sie zur Miete wohnen. Als Lena die Wohnung betritt, brennt im Wohnzimmer noch immer der Ofen, verbreitet eine wohlige Wärme. In der Küche steht nur ein Gasherd. Den neuen Herd haben sie vor Kurzem angeschafft, denn durch die Senkung der Gaspreise und den bezuschussten Kauf von Gasgeräten, haben sie sich so etwas Modernes leisten können. Staatliche Förderprogramme haben Mitte der Dreißigerjahre dazu geführt, dass neue Gasherde, Warmwasseranlagen und Waschmaschinen gekauft werden konnten. Von diesem "staatlichen Segen" haben auch sie profitiert.

"Du musst mit dem Hund raus, der will bestimmt mal Pipi machen", ruft Paul, ist sich aber nicht sicher, ob sie es gehört hat, denn sie hebt nur den Kopf und schaut, in jugendlicher Selbstvergessenheit, ins Wohnzimmer. Ihr Blick fällt auf die dunklen schweren Möbel, die einst für Generationen gezimmert wurden, dem Raum etwas Staubiges und zugleich Liebenswertes geben.

Ein aufregender Abend

Obwohl erst wenige Monate vergangen sind, empfindet sie die Zeit seit Agnes’ Tod schon wie eine Ewigkeit.

"Weißt du, seit die Mutter tot ist, habe ich nur noch meinen Hund, den ich drücken kann."

Da er sein nicht mehr ganz hörfähiges Ohr von ihr abgewendet hat, versteht er ihre Worte nicht gleich. Als er jedoch den Sinn begreift, steht er auf, nimmt sie in den Arm. Die Wärme, die von seinem Körper ausgeht, empfindet sie als wohltuend. Immer wenn er neben ihr steht und sie in die Arme nimmt, durchflutet sie dieses besondere Gefühl. Sie spürt, wie es sich im Körper ausbreitet, weiß, dass sie sich zu ihm hingezogen fühlt. Eigentlich sind diese Empfindungen nicht neu, seit dem Tod der Mutter sind sie jedoch stärker geworden. Zunächst will sie diese Gefühle noch beiseiteschieben, irgendwann lassen sie sich aber nicht mehr verdrängen. Als er aus der Tür geht, sieht sie ihm nach, beobachtet seinen aufrechten, etwas schlaksigen Gang. Obwohl sie ihn nicht mehr sehen kann, hat sie noch immer sein Bild vor Augen und verliert sich wieder in ihren Träumen. Eigentlich ist sie froh, dass er noch einmal ins Zimmer zurückkommt, sich neben den Sessel stellt, ihr die Hand auf die Schulter legt. Der Duft von frisch gebackenem Kuchen zieht vom Treppenhaus in die Wohnung und versüßt die Atmosphäre.

"Könntest du mir einen Kaffee kochen? Jetzt, wo Agnes tot ist, musst du das übernehmen."

Kurz nickend geht sie in die Küche zur Anrichte, auf der die Kaffeemühle steht, und als wäre die Mühle federleicht, nimmt sie sie mit einer Hand, fängt zu mahlen an. Manchmal seufzt sie, denn schnell bleibt ihr die Kraft weg, doch sie ist wie besessen, dieses Gerät bedienen zu dürfen. Paul, der wieder vor dem Küchentisch steht, sieht kurz auf, bemerkt die zweite Tasse.

"Du sollst keinen Kaffee trinken", ruft er ihr zu. Diesen Satz hat sie schon so oft gehört, er verbindet ihn meist mit einem schrägen Blick, verpasst seiner Stimme zudem etwas Strenges, was sie nicht gut findet.

"Außerdem besteht Kaffeeknappheit wegen der brasilianischen Exportbeschränkungen. Kaffeeproduzenten dürfen nur noch die von der Kaffee-Überwachungsstelle vorgeschriebene Menge rösten", erklärt er ihr.

"Ach nein, nicht schon wieder. Ich werde bald sechzehn, da darf ich Kaffee trinken, die Mutter hätte es mir auch erlaubt. Außerdem interessieren mich die Exportbeschränkungen herzlich wenig", antwortet sie mit dem leicht aufmüpfigen Ton eines jungen Mädchens. Kaum hat sie die Worte ausgesprochen, wird ihr Blick sanfter. Er schaut von der Zeitung auf. Schwerfällig, fast polternd, steht er auf, als habe er vergessen, wie das anders und leiser geht.

"Oh, das ist aber seltsam!"

"Was ist seltsam?", fragt sie.

"Die haben eine Familie verhaftet. Ihren Sohn, einen vierjährigen Jungen, den haben sie nicht gefunden."

"Und warum hat man die Leute verhaftet?"

"Weiß der Geier, das geht aus diesem Artikel nicht hervor."

Er schaut noch einmal auf die Zeitung.

"Aber ... warte mal, hier steht etwas von Volksverrätern."

"Komisches Wort. Und was machen diese Volksverräter?"

"Lena, da fragst du mich zu viel, sie passen der Regierung wahrscheinlich nicht", knurrt er und sie spürt, dass er um den heißen Brei herumreden will. Sie ist lieber still, denkt kurz nach, es kommt jedoch nichts Sinnvolles dabei heraus. Stattdessen reibt sie sich die Augen und im nächsten Moment ist sie mit ihren Gedanken wieder ganz woanders, denkt an die Geier, die sie gestern im Biologieunterricht behandelt haben. Geier seien Faulsäcke, hat die Lehrerin gesagt, weil sie nur am Himmel kreisen und darauf warten, dass andere Tiere Beute machen, um sie dann zu verscheuchen und ihnen den Fang abzunehmen. Die Unterlippe vorgeschoben, sieht sie in den Spiegel, betrachtet ihr langes dunkles Haar. Unter der weißen Bluse zeichnen sich millimetergenau ihre großen Brüste ab. Der viel zu enge Rock, der ihr den Bauch einschnürt, betont ihre sanften Beckenrundungen. Paul steht plötzlich neben ihr, nimmt sie in den Arm und sie bemerkt das Schlagen seines Herzens, spürt, wie er seinen Körper an sie drückt.

Blick zurück

Der soziale Abstieg von Lenas Familie begann mit dem Aufstieg des Wilhelminischen Kaiserreichs. Um den genauen Zeitpunkt streiten sich noch die Geister.

Lenas Mutter Agnes wuchs in einem kleinen Dorf in Franken bei einer Tante auf. Sie war ein uneheliches Kind. Ihre Mutter wollte sich nicht zu ihrer Tochter bekennen, zog kurz nach der Geburt an die schöne Mosel nach Bernkastel, denn ledige Mütter versuchte man lieber aus der konservativ-religiösen Welt auszuschließen. Der Vater, wahrscheinlich ein Scherenschleifer, ein Vagabund, der den jungen Mädchen nur schöne Augen gemacht haben soll, sonst aber nichts bieten konnte, hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits aus dem Staub gemacht. Er habe sehr gut Klarinette gespielt, erzählte man sich im Dorf. Eigentlich sollte die Tochter auf den klangvollen Namen Maria Magdalena getauft werden. Doch diejenigen in Familie, Dorf und Kirche, die etwas zu sagen hatten, nannten sie lieber Agnes. Die Menschen in dem Bauerndorf waren fromm. Die Worte des Priesters waren Gesetz, seinen Ansichten wollte und konnte sich niemand widersetzen, denn Widerstand gegen die Autorität des Pfarrers hätte Ausgrenzung bedeutet. Und die Ansichten des Priesters waren nicht immer sehr barmherzig, hatten wenig von der Einfühlsamkeit und dem Tröstlichen, das man von einem Mann der Kirche erwartet hätte. Unehelich geborene Kinder waren für ihn Bastarde. Kein schönes Wort, für viele dieser Kinder auch eine lebenslange Bürde. Und so dachten auch die Menschen in dem kleinen fränkischen Dorf, das sich in eine Senke zwischen ein paar Weinbergen in die ansonsten eher flache Landschaft duckte. In dieser Welt wuchs Lenas Mutter auf. Mit sechzehn Jahren verließ sie das Haus der Tante, ging zunächst nach Würzburg in Stellung, doch irgendwann zog sie die Freiheit der Großstadt Frankfurt magisch an. Dort lernte sie einen Jurastudenten kennen, heiratete und brachte ihre Tochter Lena zur Welt. Schon früh bemerkte Lena, dass die Mutter zahlreiche Briefe verfasste. Manchmal schrieb sie Abend für Abend wie besessen unter einer kleinen Leselampe, deren Licht unruhig zu flackern begann. Am nächsten Morgen übergab die Mutter Lena ein Kuvert, das sie zur nächsten Post bringen musste. Sie tat es gerne, denn sie spürte, dass diese Briefe für Agnes etwas Befreiendes hatten. Doch die Mutter sprach weder über ihren Inhalt, noch gab sie etwas über die Familienverhältnisse preis. Aber Lena wusste, dass diese Schreiben zur Großmutter nach Bernkastel gingen. Und ihr fiel auf, dass sie von dort nie eine Antwort zurückbekam. Lena fragte die Mutter danach, die aber gab sich wortkarg, wollte nichts über die Beziehung zur Großmutter verraten und behauptete sogar, die Briefe würden sie nicht interessieren. Doch Lena wusste, dass Agnes schwindelte. Irgendwann hörte sie auf zu fragen und gab sich ihren Fantasien hin, träumte sich in eine Zeit hinein, die für sie zwar nicht zu durchschauen, aber dennoch lebendig war.

Oft verbrachte sie die Schulferien in dem kleinen fränkischen Dorf und sie war gerne dort. Inmitten von alten, hübsch verzierten Hoftoren, die sich um eine lang gezogene Gasse gruppierten, bewirtschaftete der Cousin der Mutter einen kleinen Bauernhof. Ein sympathischer Mann, dieser Cousin, sie mochte ihn. Zunächst war er noch Junggeselle, weil er der Meinung war, die in Umlauf befindlichen Frauen würden ihm nicht gefallen, dann heiratete er und lebte von nun an eher unglücklich, denn er und seine Frau waren viel zu verschieden und erkannten gleich nach der Eheschließung, dass sie besser nicht geheiratet hätten.

Mit dem Ochsengespann fuhren sie schon früh am Morgen zu weit entfernt liegenden Äckern, daran würde sich Lena auch später noch gut erinnern. Dieses eintönige Trotten der schweren Tiere, manchmal auch ihr wildes Brüllen, all das genoss sie. Es ging über holprige Feldwege, die in eine Dorfgasse mündeten. Die Ochsen waren zwar etwas ungestüm und nicht zum Streicheln, dennoch brave Tiere. Dem weiß-schwarz Gescheckten fehlte das eine Horn, was ihn nicht sonderlich störte. Gleichförmig und geduldig zog er den schweren Wagen, tagaus tagein, nur im Winter gönnte man ihm die verdiente Pause.

Die Ferien auf dem Bauernhof waren eine schöne Zeit, Lena erinnert sich später gerne an die Tage in dem kleinen fränkischen Bauerndorf. Nur Agnes, die Mutter, kam nie mit. Als müsste sie diesen Ort, in dem sie aufwuchs, vergessen, weigerte sie sich beharrlich, dort hinzugehen. Nicht einmal einen Tag wollte sie bleiben. Warum, das verschwieg sie ihrer Tochter. Doch Lena ist nicht dumm, sie kann sich denken, warum die Mutter diesen schönen Ort in Franken so mied. Für sie, die unehelich geboren wurde, war es eben kein schöner Ort!

Schon in Lenas Kinderjahren litt Agnes unter Schwermut. Zuweilen dachte sie, die Mutter nehme sie gar nicht mehr wahr, würde sich nur noch mit sich und ihrer Krankheit beschäftigen. Doch mit den Jahren bekam sie ein Gespür für die schwankenden Stimmungslagen der Mutter. Ihr leiblicher Vater, der kein versponnener, lebensfremder Intellektueller, sondern ein ganz patenter, charmanter, gebildeter und auch zielstrebiger Mann war, kümmerte sich rührend um die Familie. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften trat er eine Stelle als Richter an einem Amtsgericht an. Doch mit der Krankheit der Mutter war er überfordert. Obwohl er gewissenhaft die Familie versorgte, bemerkte sie, wie er sich von seiner kranken Frau entfernte, und sie spürte eine emotionale Kälte, die sich zwischen die Eltern schlich. Für beide war es die erste Liebe gewesen, die aber mit den Jahren und dem Fortschreiten von Agnes' Krankheit abzukühlen begann. Obgleich noch Kind, meinte Lena die Probleme der Eltern zu verstehen, durfte sich in die Welt der Erwachsenen jedoch nicht einmischen, hätte sich sonst ein Herz gefasst und erst mit dem Vater, dann mit der Mutter gesprochen, um sie wieder miteinander zu versöhnen.

Vor dem Zubettgehen las Agnes ihr hin und wieder vor. Immer dann hatte sie eine sanfte, warme Stimme, an deren Klang sich Lena später noch erinnern würde. Zunächst fing sie langsam an, machte viele Pausen, las dann schneller und das hörte sich sehr spannend an. Meist waren es Tiergeschichten, von dem Hund Oskar, den keiner haben will, der sich von Müllkippe zu Müllkippe durchkämpft, um etwas Fressbares zu finden. Als sie später ihren eigenen Hund geschenkt bekommt, weiß sie sofort, wie er heißen soll: Oskar!