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Der Kampf einer Tochter um die eigene Identität Alice steht als Comedienne im Rampenlicht, bleibt aber auf seltsame Weise unsichtbar. Als eine ominöse Aura-Leserin ihr ungefragt bescheinigt, tatsächlich nicht da zu sein, begibt Alice sich auf die Suche nach der eigenen Abwesenheit. Diese Reise führt sie in ihre ersten Lebensjahre, die sie abgeschottet von der Welt mit ihrer psychotischen Mutter verbrachte. Und in die Gegenwart, in der sich die haltlose Mutter immer noch an ihr festklammert und ihr Leben kontrollieren will. In ihrem Debütroman erzählt Kirstin Warnke davon, wie Alice sich befreit. Mit viel Humor, Situationskomik und Empathie. »Talente wie Kirstin Warnke gibt es einmal alle zehn Jahre!« Frank Elstner
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Veröffentlichungsjahr: 2024
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© Piper Verlag GmbH, München 2024
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Cover & Impressum
Widmung
Zitat
eins
Warteraum
Privatsender
Die Show
Das Haus
Die Esoterikerin
Der Urknall
Schweres Verbrechen
Toll
Das Und
E 02
zwei
Starkstrom
Ort des blauen Nebels
Lasst das Licht aus
Nachtsonne
Willst du mitessen?
Labyrinth
drei
Übergabe
Seiten und Zeiten
Eine miese Performance
Neptun
vier
Kippfigur
Nachtblind
Überraschung
Nahtloser Übergang
so werden
Hexenjagd
Zur Hilfe, Abigail!
Brace Brace
Zikaden
fünf
Jungejungejunge
Moby Dick
Mastlegen
–
sechs
Milch
Entrücken
sieben
Ein eigenes Zimmer
Die achte Welle
Rückfällig werden
neun
Warteraum 2
Ramschschleudern
Das gute Leben
Danksagung
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Meiner Familie
»Alles frei erfunden!«
Walter Kempowski
»Life is a comedy for those who think, and a tragedy for those who feel.«
Ich entdecke das Zitat, als ich im Warteraum einer Produktionsfirma für Comedyformate in einem schwarzen Ledersessel vor einer wichtigen Tür sitze. Goldgerahmt hängt es da, in Schnörkelschrift, und ich starre schockiert auf das, was den Besuchern geboten wird. Ich recke den Kopf, kneife die Augen zusammen, lehne mich vor, stehe sogar auf und gehe die paar Schritte zur Wand – wie kann man sich nur so vertun, denke ich. Und merke, wie sich mein Gesicht zu einer Grimasse verzerrt, als drehte mir jemand Schrauben in die Schläfen.
Seit Vaters Tod trete ich als Komikerin auf, was in meinem Umfeld dazu führt, dass Leute alles, was ich sage, als Witz deuten und lachen. Weniger ein echtes Lachen, mehr eine Höflichkeitsgeste, oder weil sie etwas nicht verstanden zu haben meinen und sich nicht blamieren wollen. »Hallo, da bin ich«, sage ich. Sie lachen. »War gar nicht lustig gemeint«, sage ich. Sie lachen. »Das auch nicht«, sage ich. Sie lachen. Sie können es nur nett meinen, schließlich wissen sie: Ich lebe davon. Oder ist es Spott? Oder dieses weitverbreitete Angstlachen? Was ich auch sage, es führt zum selben Ergebnis, und wohin ich auch komme, weisen mich selbst Fremde darauf hin, was sie alles lustig finden in der Welt (kleckern, ein umfallendes Glas, ein Tampon, der aus einer Tasche kullert), Taxifahrer, Busfahrer und Kneipenwirte erzählen mir ihre Lieblingswitze (»Ein Deutscher, ein Engländer und ein Amerikaner …«) eine Friseuse präsentierte mir mit Mund und Händen ihre liebsten Knall-, Pups-, und Quietschgeräusche, Leute in Warteschlangen berichten mir vom Unterhaltungstalent ihrer Haustiere, Betrunkene torkeln mir nachts auf Gehwegen entgegen und beschreiben mir ihre Kneipenkumpels, gefolgt von dem Rat, »da unbedingt was draus zu machen«, und langjährige Freunde zeigen mir Videos anderer Witzeerzählerinnen, deren Witze sie viel witziger finden als meine.
Wenngleich ich eine große Freundin von lustigen Gängen, Geräuschen und Tieren bin, haben meine Freunde und ich schon lange nicht mehr denselben Humor, was ich mir nur dadurch erklären kann, dass wir uns vor zu verschiedenen Dingen fürchten. Doch verstärkt dies nur mein Lebensgefühl, das schon immer geprägt ist von einer Entfernung, die mir das Gefühl gibt, nicht wirklich Teil dieser Welt zu sein, und die Entfernung hat die Länge, sagen wir, einer Person. Humor würde die Brücke bauen, das hatte ich lange Zeit angenommen und mich schwer verausgabt an diesem Bau, doch nun stehe ich obendrauf – und winke in nur noch fernere Fernen.
Wie ruhig es ist. Schallisoliert, teppichgedämpft. Und draußen wächst der Schnee. Aprilschnee. Dabei: Hinter der Tür muss es lärmen wie sonst nur was. Das sind diese Doppeltüren, da lässt sich nie einschätzen, was dahinter los ist. Muss mein Gesicht noch in Form bringen, kämpfe noch immer mit der Übelkeit – der Flug. Bahnreise wär’ mir lieber, hatte ich gesagt, aber die aufgeweckte Aufnahmeleiterin überhörte es, und man will ja nicht so sein. Sie betete ihr yay und cool und fine und supernice runter und beendete das Telefonat mit einem fast gebrüllten »wir freu’n uns hier alle me-ga auf Dich!«
Die sind alle so. Müssten doch chronisches Erschöpfungssyndrom haben von so viel Megafreuerei. Nach jedem Auftritt: Daumen hoch, überschäumende Begeisterung, alle lieben dich! und so weiter. Am Anfang ist man ganz dahin von so viel Überschwang und glaubt den Worten, später dann der Panik, die sich auf dem Heimweg von hinten ranschleicht.
Mit starker Verspätung starteten wir am Morgen in ein heftiges Unwetter hinein. Es ist ein weiterer Frühling voller Extremwetterereignisse, die sich mittlerweile mit meinem Wesen versponnen haben. Mal scheint der Regen den Asphalt zu zerstechen, dann entflammt ein kenianischer Hochsommer, aus dem Nichts toben Orkane los und wirbeln Äste und ganze Baumkronen durch die Luft. Mein Blick hat sich der schlechten Sicht angepasst, mein Gang lehnt sich selbst bei Flaute gegen den Wind, Preistafeln schweben mir auf Gehwegen entgegen, und einmal schleuderte es mitten in der Nacht meine Doppelfenster auf, und mir war so heiß vor Schreck, dass ich meinen Kopf in den Kühlschrank steckte, um ihn auszukühlen.
Die schweren Maschinen wurden hochgefahren und bebten wie eine nahende Explosion, der Geruch von Kerosin sank mir in den Schädel, und rote Warnlichter verschwammen im bleiblauen Dunst der Startbahn. Draußen hagelte es Titansplitter gegen die Scheiben, eine junge Frau auf der anderen Seite des Gangs bekreuzigte sich heimlich und überspielte es anschließend mit einem eifrigen Nasekratzen. Den gesamten einstündigen Flug über klammerte ich mich am Sitz vor mir fest und probte die Notlandehaltung, brace, brace. Man muss zu jeder Zeit auf alles vorbereitet sein; Schwimmweste, Atemmasken, Notausgänge – falls jemand Fragen hat: Ich kenn den Weg. Und als wir endlich gelandet waren – nach einem schier unaufhörlichen Drehen der immer selben Schleifen – taumelte ich am Rand der Gangway entlang und ließ mich in der Arrival-Zone rücklings auf die erste Bank fallen. So lag ich eine Weile in der riesigen Halle, zwischen Gongs und Ausrufen und herumwehenden Geschäftsmännern, und sah mir die Decke an: Streben, Zacken, Leuchten, und war froh, den Mülleimern so nah zu sein. »Ist Ihnen nicht gut, Sie sind ja kalkweiß«, fragte einer. »Geht schon, geht schon«, sagte ich und brauchte lange, um wieder auf die Beine zu kommen.
Es zieht. Noch immer nichts zu hören. Müsste doch langsam jemand kommen und mich holen – oder haben die mich vergessen? Es ist schon weit über die Zeit. Zugeschneit, die Großbaustelle vor dem Fenster. Zugeschnitten, würde mein Vater sagen und ich die Augen durch den Raum rollen. Sieben Jahre ist es her – so lange schon? Fragt man mich, wie alt sind Sie, sage ich noch immer: sechsundzwanzig. Sechsundzwanzig, sieben Jahre lang. Die Zeit steht still, doch weiter dreh’n sich in der Welt die Dinge –
es ist das Normalste auf der Welt, dass Eltern sterben! Nichts daran ist einzigartig oder schicksalhaft, jeder erlebt es; jeder eben zu einem anderen Zeitpunkt, und am Ende: Was ist schon ein Zeitpunkt? Die, die es nicht erleben, das ist schlimm.
Die Baustelle schläft; Bagger, Gerüste, Betonplatten. Meine roten Haare spiegeln sich in der Scheibe – nur die Haare spiegeln sich, nichts sonst. Das Glanzshampoo tut seine Wirkung. Mit etwas Phantasie könnte man meinen, da läge eine Perücke im Schnee –
»Die Pipeline ist defekt«, hatte er gesagt. Sein Herz nannte er Pumpe, sein Gehirn die Schaltzentrale, seine Nase war der Kühler, »und jetzt ist auch das Gebläse hin«. Ich las ihm aus der Zeitung vor. Macht das Gehen leichter, dachte ich. Er war schon weggetreten, aber sein Herz lebte noch. Schwarze Nacht war es und alles zugeschnitten. Und als es so weit war, stürzte ich rückwärts aus dem Raum, als schubse mich jemand. Ich rannte den leeren Flur entlang, das Deckenlicht spiegelte sich im grauen Linoleum, und ich, im Daunenmantel die Stationen rauf und runter, fand den Ausgang nicht.
»Schlag ihr Erbe aus«, das war sein letzter Satz. »Du musst ihr Erbe ausschlagen, hörst du.«
Deines meinte er.
Vor Wochen noch lebtest du mit den Füßen im Wasser. »Hast du eine Ente zu Besuch«, fragte ich am Telefon. »Was für eine Ente«, sagtest du. »Es platscht und watschelt so lustig im Hintergrund.« Die Badewanne war dir übergelaufen, und wochenlang schwammen dir Teppiche um die Beine. »Jetzt pass mal auf, mein liebes Frollein, das ist keine Ente, das bin ich! Ich laufe durch den Flur!« »Ach so«, sagte ich, »und sollte man da vielleicht mal jemandem Bescheid geben und das Wasser abpumpen?« »Nein! Nein! Da sollte man überhaupt niemandem Bescheid geben! Wehe, Alice, unter mir ist eh nur der Keller, das merkt keiner!«
Vielleicht kommt die Übelkeit gar nicht vom Flug, vielleicht setzt mir der Besuch bei der Esoterikerin noch immer zu. Neunzig Euro für eine Reihe von Beleidigungen und den Ratschlag, mich mit Pflanzen und Tieren zu unterhalten. Plötzliches Klacken, ich seufze laut auf vor Schreck: der Kaffeevollautomat! Hilfe, ich kann nicht mehr, ist das alles aufregend! Er raunt – ist es meine Schuld?
Vorgestern dann der Anruf von der Polizei: Ich hätte in deinem Wohnzimmer ein Baby geboren und es gleich darauf in der Wanne ertränkt.
Ich lachte. »Meinetwegen«, sagte ich, »dann rufen Sie mal schnell die Feuerwehr«, und legte auf. Ich kämpfe nicht mehr, was diese Dinge betrifft. Man kann dir keine Vorhaltungen machen. Kann dich nicht zur Verantwortung ziehen. Ich habe es versucht, mehrmals. Wie an diesem Nachmittag im Januar vor vielen Jahren, erinnerst du dich? Ich saß auf der Couch neben dir, es war einer dieser Momente, die ich als vertraulich interpretierte – denn alles sprach doch dafür, oder nicht? Kerzen brannten, ein Geschenk lag, schön verpackt, für mich auf dem Tisch. Du sahst gut aus, und du lachtest über Dinge, über die auch ich lachte; du lachtest sogar so laut, dass die Wände wackelten und ich nicht anders konnte, als dich wunderbar zu finden und einzigartig und ganz verzaubert sein. Und wieder einmal war ich haltlos sicher, dass doch alles in bester Ordnung ist. Dass ich und all die anderen sich nur vertan haben konnten die letzten Jahrzehnte, und alles, was passiert war, nur auf einem riesigen Missverständnis beruhen konnte – da sagte ich im Gespräch zu dir:
»Aber Mama, liebste, ich habe doch niemals etwas gegen dich gehabt, ganz im Gegenteil! Ich hatte nur … wie soll ich sagen … etwas Angst vor dir. Wie kann ich es dir erklären … nur dieses kleine Beispiel: Ich war neun Jahre alt, ich lebte schon bei meinem Vater, da hast du die Mittelscheibe unserer Haustür mit einem Schneeschieber eingeschlagen. Und die Freundin meines Vaters mit dem Schneeschieber fast erschlagen. Sie war frisch operiert, ihre Narbe riss auf, die zerbrochene Brille und Blut auf dem Rasen. Die Sonne schien, die Vögel zwitscherten und die Polizei musste kommen, mehrere Streifenwagen, die halbe Nachbarschaft im Garten und zwei Mädchen in rosa Badeanzügen am Zaun sahen zu. – Versteh mich nicht falsch: Ich trage dir nichts nach. Aber kannst du nicht wenigstens versuchen zu verstehen, dass ich Angst hatte?«
Und dann, in dieser Plötzlichkeit, sprangen deine Augen auf, rissest du deine Hände als Krallen in die Luft, fletschtest die Zähne und knurrtest: »Rrrrrrr, ich FRESS dich! Ich bin ein böser LÖWE! Rrrrrr!« Du schnapptest ein paarmal nach mir, knurrtest, fauchtest, belltest und brachst dann aus in schallendes Gelächter, lachtest mich aus. Und stopptest abrupt wieder. »Was erzählst du nur für Sachen«, sagtest du. »Du hast sie doch nicht alle!« Ich beobachtete eine Weile die Luft vor mir, nahm einen Schluck vom Tee, stellte die Tasse wieder auf der Keramikplatte und lehnte mich zurück. »Löwen bellen nicht«, sagte ich. »Da einfach noch mal genauer recherchieren.« Dein Kopf mit den Locken, gefärbt in Steel Blue Touch, die immer ein klein wenig zu wackeln scheinen, als hätten sie ein Eigenleben, drehte sich zu mir, sehr langsam, und du sahst mich an, einen viel zu langen Augenblick lang; eine Zeit, in der sich die gerade gesagten Dinge auf neue Art anzuordnen schienen. Du ließest deinen Blick über mein Gesicht schweifen wie einen Suchscheinwerfer, und kautest. Immer kaust du. Dein Kopf leicht nach hinten gekippt, deine Lider schwer, die Mundwinkel zogen sich nach unten, als hingen schwere Haken daran, das Kinn zogst du hoch, als hieltest du den Kopf über Wasser, und alle Luft des Raumes fiel in dich hinein. Du riebst deine Hände aufeinander und beobachtetest mich wie Beute, die sich frei zu machen sucht; dein Blick, der immer außen vor bleibt und sich doch in mich hineinfräst, der nach mir greift, mir aber nie die Hand reicht, der meinen Rückzug nicht duldet und weiterstarrt, selbst wenn ich mich herauswinde, mich unter ihm hinwegducke – machte sich ein Bild von dir.
Tage darauf deine Mail mit dem Vorwurf, ich hätte versucht, dich mit einem Schneeschieber zu erschlagen.
Ich schwanke zum goldenen Rahmen zurück und knete die Kuhle unter meinem Kinn. Klein und kursiv steht darunter der Name des Urhebers, Horace Walpole, und mit Sicherheit weiß niemand in diesem Gebäude etwas mit dem Namen anzufangen, auch ich nicht. Und ob nun wirklich der das gesagt hat … ich würd’ da nicht drauf wetten. Überhaupt kann sich niemand auseinandergesetzt haben mit dieser Aussage, die so schmissig und rund daherkommt und in dieser Schlagkraft den Anschein erweckt, ganz sicher wahr sein zu müssen – sonst wäre doch jemand darauf gekommen, wie umwerfend falsch dieser Satz ist.
Vier Jahre lang war ich mit meinen Witzen von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt getingelt, um auf muffigen kleinen Bühnen kurze Nummern zu spielen … – nein, das stimmt so nicht: Ich arbeitete wie verrückt. Schrieb Nummern, trat auf, schrieb sie wieder um, trat wieder auf, fertigte Kostüme an, kaufte Perücken, übte Parodien verschiedener Leute ein – die Leute lieben Imitationen! – und entwickelte eine Persona: eine überdrehte, flatterhafte, etwas weltfremde Ulknudel, mit Cowboystiefeln, Minirock, Tigertanktop und Hang zum Dümmlichen, die sich ständig um Kopf und Kragen redet. Unter dem Deckmantel einer solchen Figur kann man die wildesten Dinge erzählen; niemand nimmt sie ernst, man bemitleidet sie ein wenig, verzeiht ihr eine Menge und tut alles als eine Art Freakshow ab. Zu meiner so schwer ersehnten Aufnahme in ein Theaterensemble war es nicht gekommen – ich hatte mich ein wenig verkalkuliert, was das betrifft, und gemeint, es ohne Ausbildung direkt vom Gymnasium ans Staatstheater zu schaffen – meine Träume von den großen Ibsen- und Tschechow-Figuren waren gescheitert, und so war es mein neues, mittelfristiges Ziel, es als Komikerin zu schaffen. Zum einen brauchte ich dringend die abendliche Gage von dreißig Euro – das Haus, das mein Vater so ungeplant zurückgelassen hatte, ist knapp hundert Jahre alt und marode und seiner ebenso zurückgelassenen Lebensgefährtin Irmi, eine Verwaltungsfachangestellte aus Bayern mit riesigem Dutt, die in Frührente war, wird die Zeit lang, weshalb sie alle paar Wochen etwas im Haus entdeckt, was erneuert werden muss. Und die fast wöchentlichen Telefonate, in denen sie mir die Liste der von mir neu anzuschaffenden Dinge vorliest und an deren Ende sie regelmäßig ihren Unmut darüber äußert, die Strom- und Heizkosten aus eigener Tasche zahlen zu müssen, bereiten mir, so lieb sie auch sein mag, nicht nur Freude. Mir ist klar, dass bald das Dach drankommen wird und die Rohrleitungen und die Elektrizität und die Heizung, und ihr Vorhaben, bis zum Lebensende unentgeltlich im Haus zu wohnen, untermalt sie mit einem Schwarzwälder Kirschtorte schmatzenden »Mir jeht’s ja jut hier«. »Eine unmögliche, bösartige Person, die bringt dich noch ins Grab«, sagst du über Irmi – was mir gar nicht recht ist, sie ist doch meine liebe Irmi! Zudem bekam ich regelmäßig Anrufe von deiner Messie-Gruppe, weil du dich, um dir einen vierwöchigen Urlaub in Äthiopien leisten zu können, bei ihnen verschuldet hattest und danach schnell in eine andere Messie-Gruppe gewechselt warst, weshalb die alte Messie-Gruppe schließlich mich ins Visier genommen hatte und deine Schulden verzinst und -zinseszinst zurückforderte. »Eine schlimme, bösartige Person, die bringt dich noch ins Grab«, sagt Irmi über dich, was mir gar nicht recht ist, du bist doch meine liebe Mutter! – zum anderen habe ich einen unbändigen Ehrgeiz entwickelt, zu beweisen, dass ausnahmslos alles im Leben sich zu einem Witz verarbeiten lässt.
Doch manchmal kam ich, komme ich, ins Schlingern. Dann macht mein Kinn sich selbstständig, meine Oberlippe zuckt, oder einzelne Finger verrenken sich auf bizarre Weise, vor allem aber bricht mir die Stimme weg. Ich habe meine Stimmlippen untersuchen lassen, »völlig in Ordnung« hieß es, und doch leiert sie wie angesprungener Ton, kraftlos und jämmerlich. Ich muss das alles ausmerzen, sage ich mir; üben, üben, üben! Doch je verbissener ich übe, desto schlimmer scheint es zu werden, es ist ein Albtraum. Je lauter ich sein will, desto dünner und leiser fiept es mir aus der Kehle, je kraftvoller ich etwas sagen möchte, desto seichter und geflüsterter kommt es daher – ganz zu schweigen von den Schmerzzuständen und tränenden Augen, die durch das Scheinwerferlicht ausgelöst oder verstärkt werden, die damit zusammenhängende Übelkeit und das ständige Übergeben – ich leide seit Jahren unter Migräne, was bedeutet, um die fünfzehn Attacken im Monat (in stressfreien Zeiten). »Haben Sie eine Berufsunfähigkeitsversicherung«, fragte Doktor Raffauf, mein Hausarzt. »Nein, die nehmen mich nicht mehr«, sagte ich, »dafür habe ich Anrecht auf einen Schwerbehindertenausweis, dann kann ich umsonst Bus fahren!«
Was haben wir gelacht.
Nach knapp vier Jahren Witzeschufterei war etwas Verblüffendes passiert: Durch eine unglaubwürdige Verkettung von Zufällen und einen nicht zurechnungsfähigen Chef eines kleinen Privatsenders bekam ich, entgegen allen Gesetzmäßigkeiten und ohne dass ich irgendeine Ahnung gehabt hätte, von heute auf morgen eine Fernsehshow.
Von Telefonistin, Hostess, Datenerfasserin, Chauffeuse, Zeitungsverkäuferin über Kellnerin, Komparsin, Weihnachtsengel bis zur Schlagerradio-Moderatorin hatte ich alle nur denkbaren Brotjobs gemacht, und an jenem sonnigen Novembernachmittag saß ich im Hotelrestaurant des Savoy nahe Kudamm, und der Mann in dem hellgrauen Nadelstreifenanzug bestellte noch eine Flasche Champagner (»Komm, einer geht noch!«), dabei wusste ich meinen Kopf schon lange nicht mehr aufrecht zu halten. Als nickte ich in einem Flugzeugsitz ein, kippte er ständig nach vorne oder hinten, während der Mann auf mich einredete und mit großem Appetit eine Maispoularde mampfte, wobei ihm, kauend und gleichzeitig redend, nach jedem Bissen die Hälfte wieder aus dem Mund auf die Tischdecke fiel. Was er da eigentlich aß, fand ich nicht heraus, ich hatte das Wort »Poularde« noch nie zuvor gehört und verwendete einige Kraft darauf, weltgewandt daherzukommen, während ich an meiner Portion Butterreis mit gedünsteten Möhren knabberte – seit einigen Jahren vertrage ich nur noch Schonkost, Kräutertees und Wasser; eine plötzlich aufgetauchte, aggressive Unverträglichkeit. »Was Eure Generation nicht alles hat«, sagt Irmi, »das ist doch Quatsch, musst mal mehr essen, bist viel zu dürr«, sagst du.
Am Morgen hatten wir telefoniert (»Guten Morgen, Ballert am Apparat, ich habe Ihre Nummer von« usw.), am Nachmittag hatte er den Flieger aus München genommen, und als ein kühler Abend langsam die Farben von den Fassaden saugte, wurden uns die Jacken abgenommen und eine Kerze angezündet, und wir nahmen Platz an einem Tisch am Fenster mit Blick auf die Straße und mehrere schwarze Limousinen. Einen Chauffeur, der vor dem Fenster auf und ab ging, erkannte ich beim zweiten Hinsehen als meinen alten Schulfreund Gunnar – dieser hatte mich einmal aus einer Misere befreit, als ein Mann, mit dem ich zusammen war, die Nerven verlor – aber es war weder Zeit, darüber nachzudenken, noch rauszugehen und Hallo zu sagen, Ballert ließ ordentlich auftischen, und aus irgendeinem Grund wäre ich auch ungern gesehen worden. An dieser Fernsehsache war mir irgendetwas unangenehm, ich wollte das gerne in Heimlichkeit erledigen, als eine Art Privatangelegenheit, aber vielleicht sind Überschneidungen beruflicher und privater Natur so oder so unangenehm.
Ballert war drall, gestrig und selbstzufrieden und streichelte sich lachend und schmatzend den Bierbauch, während er mir in den ersten Minuten unseres Kennenlernens berichtete, er begreife sich selbst als einen König. Ich lauschte aufmerksam. Er wirkte wie ein Landwirt, der in die falsche Kleidung gestopft worden war; sein Rumpf drängte gegen die zu enge Weste seines Anzugs, sodass sich die Knopflöcher zu bizarren Fratzen verzogen, das Gesicht des Mannes aber entzog sich komplett meiner Wahrnehmung – ich hatte Schwierigkeiten, ihm zu folgen; was meint er wohl in mir zu sehen, fragte ich mich, und mühte mich ab, einem Bild zu entsprechen, das ich nicht erkennen konnte.
»Ey, Holger!«, rief er seitwärts zum Kellner. »Die heißen alle Holger«, sagte er zu mir und zwinkerte. Der Kellner ignorierte ihn, was ihn nur noch hartnäckiger machte: »Ey, du da! Haaallo Tyyypii!« Der Herr bediente gerade am Nebentisch und schlug genervt den Blick zu uns auf, ich versteckte mein Gesicht hinter meiner Hand und tat, als kratze ich mir die Stirn. »Wir bekommen noch so eine hier«, Ballert schnippte gegen die Flasche und zwinkerte mir wieder zu. »Wegen dir bekomm ich Behindertenrabatt«, sagte er und grunzte vor Lachen. Irgendwie mochte ich ihn.
»Du erinnerst mich an die ungarischen Frauen. Ich hatte mal eine Zeit lang zu tun mit ungarischen Frauen. Die sind auch alle so ganz nett anzusehen, aber fragen sollte man die besser nix!« Er schnaufte amüsiert und wischte sich mit der dicken Stoffserviette Bratensoße vom Schnurrbart. »Die sind alle irre. Wenn du mit diesen Frauen reden willst, musst du am besten einfach immer die letzten Silben wiederholen: Chrsolomolo chrosolomolo!« Berstend vor Lachen warf er sich gegen die Lehne, sein Gelächter klang wie ein schwerer Keuchhusten, sein Körper wippte auf und ab. Im Augenwinkel sah ich, wie Gunnar mit einem weißhaarigen Mann in eine der Limousinen stieg und losfuhr, und war erleichtert. »Zum Glück wird man älter«, sagte Ballert, »damals hab’ ich meine Nase noch überall reingesteckt. Schlimm war das. Mit der Nase. Aber egal.«
Ein Bekannter habe ihm eine Aufzeichnung von einem meiner Auftritte geschickt, und aus irgendeinem Grund habe er nicht weggucken können und lachen müssen, wobei es weniger ein Lachen als mehr ein Ächzen gewesen sei, das selbst seinen Hund auf eine Weise verstört habe, dass dieser verängstigt aus dem Raum gerannt sei.
»›Irrsinnig lachen‹, sagt man ja auch!«, stellte er fest.
»Wo Alice Schaller auftritt, ist der Wahnsinn zu Hause!« Er donnerte mit der Faust auf den Tisch, ich zog beschämt den Kopf ein.
»Du bist Nische.Mehr Nische geht kaum! Nische und Frau! Du bist bestimmt so eine, die sich in Hotelzimmern zuschüttet, vollkokst und dann die ganze Nacht die Bettwäsche nassheult! Ritzt du dich?«, fragte er und steckte sich die übervolle Gabel in den Mund. Ich schüttelte den Kopf.
»Bist du«, er kniff die Augen zusammen und grinste schelmisch, während er mich beobachtete wie ein exotisches Tier im Zoo, »bist du … ich meine: Warum lächelst du so freundlich? Kiffst du? Bist du –«, sein Blick wurde mit einem Mal starr, und sein Atem stockte, als hätte er mit der Kontrolle seiner Verdauung zu kämpfen. Und so wurde auch mein Blick starr, und mein Atem stockte. Dann entspannten wir uns, und weiter ging es:
»Bist du dauerstraff oder so was? Hast du ein Ding weg oder so?« Ich zuckte die Schultern und schüttelte den Kopf.
»Du guckst die ganze Zeit, als wenn du nichts schnallst. Das ist witzig, Mann, wie machst ’n du das?«
Ich wusste auf die Frage nichts zu erwidern und suchte auf der vollgekrümelten Tischdecke nach Antworten.
»Pass auf, ja«, sagte er.
»Ja,« sagte ich.
»Ich geb’ dir bisschen Asche« – hatte er wirklich Asche gesagt? –, »viel hab’ ich nicht, aber bisschen, alles Low Budget, und du machst irgendwas Lustiges. In vier Wochen gehst du auf Sendung, okay.«
Er hat diesen Satz nicht als Frage formuliert, dachte ich gerade, da rutschte sein aufgestützter Ellenbogen von der Tischkante ab, sodass er mit dem Gesicht fast seitlich auf die Tischplatte krachte. Ich sprang auf, doch er fing sich gerade noch rechtzeitig ab. »Alder, ich hatte wohl echt einen zu viel«, sagte er, hickste, lehnte sich zurück und rülpste langsam und genüsslich. Warum redet ein Sechzigjähriger wie ein Sechzehnjähriger aus den Neunzigern, fragte ich mich, und ob er noch bei seiner Mutter lebte? Mit großer Anstrengung setzte er an zu einem neuen Gedanken, der immer wieder durch kurze Aussetzer unterbrochen wurde:
»Es … äh … es gibt doch irgend so was, wo Menschen … so ganz komisch sind. Die … die leben so voll in ihrer eigenen Welt … irgendwas mit … ›A‹ glaub ich.«
»Autismus?«
»Ja! Ja! Genau! Au–?«
»–tismus.«
»Ja! Ja, genau das! Das mein ich! Hast du dich mal darauf testen lassen?«, fragte er, und eine dicke Strähne seines mit Gel gebändigten blonden Haars fiel ihm in die Stirn. Ich schüttelte den Kopf.
»Würd’ ich mal machen!«, sagte er.
»Gute Idee«, sagte ich. »Ja, geilo!«, sagte er und blinzelte. Eine peinliche Gesprächspause entstand. »Wir verstehen uns, wir sprechen voll dieselbe Sprache!« Wie ein Rapper tippte er sich mit Zeige- und Mittelfinger seitlich an die Schläfe und zeigte dann auf mich. Jetzt musste auch ich lachen. Der ist witzig, was ist mit dem, der lebt voll in seiner eigenen Welt, dachte ich und lachte, wie ich mich selbst schon lange nicht mehr hatte lachen hören. Und dann lachten wir beide sehr laut. Doch es gelang mir einfach nicht; ich kam nicht in ihn rein und aus der Sache nicht mehr raus.
Zu Beginn meiner Show hielt ich eine Dankesrede an die Geschlechtsorgane meiner Eltern für alles, was sie mit der Erzeugung meines Lebens geleistet hatten, und ließ, während ich redete, zwei menschengroße, aus Holz angefertigte Geschlechtsorgane an Seilzügen aufeinander zuführen und gegeneinanderknallen. Um ein bisschen auf Du und Du zu machen, stellte ich meine Spitznamen der verschiedenen Lebensphasen vor: Dummdumm, Knallbirne, Pferdefresse, Flachland, hässlicher Junge, Evolutionsbremse. Ich erzählte von meiner Kindheit, denn eine Kindheit hatten wir ja mehr oder weniger alle hinter uns gebracht, und diese Gemeinsamkeit, meinte ich, könnte uns zusammenschweißen. So erzählte ich, wie ich als Kind allein Verstecken spielte und niemand mich fand. Und wie man mich dann doch fand, im Morgennebel in einem rosa Prinzessinnenkleid auf dem Hochsitz eines Jägers.
Wild gestikulierend und von einer Bühnenwand zur anderen, von vorne nach hinten und durch die Diagonalen tigernd, versuchte ich, die vielen verschiedenen Wege meiner ersten Lebensjahre nachzuvollziehen und optisch erlebbar zu machen, und zog zur Hilfe einen Overheadprojektor heran, den ich in die Mitte der Bühne platzierte und der ein Lichttrapez hinter mich warf. Dorthin kehrte ich immer wieder zurück, um nach und nach, mit einem schwarzen Fineliner zeichnend, eine Art Karte zu erstellen – wegen des Lichts lief mir das Wasser endlos aus den Augen, weshalb ich mir mit dem Handrücken mehrfach durchs Gesicht wischen musste, wobei meine ganze Schminke verschmierte und mein linkes Auge zeitweise so verklebte, dass es sich nicht mehr öffnen ließ:
Wie meine Eltern und ich von Bremen nach Taiwan, von Taiwan wieder nach Bremen, von Bremen nach Johannesburg, nach Kanada, nach Holland, von Holland nach South Carolina, von South Carolina wieder nach Bremen, von Bremen wieder nach Holland, von Holland nach Berlin und Mami und ich dann in Berlin aus dem gemeinsamen Haus zu Frau Malstetter in die Erpelallee 4 gezogen waren, um uns dort zu verstecken vor meinem Vater, den Mami mittlerweile den Verbrecher nannte und der, wie Mami sagte, UNMÖGLICH sei. Und wie wir dann bei Frau Malstetter in der Erpelallee 4 feststellen mussten, dass auch Frau Malstetter UNMÖGLICH und eine Verbrecherin war, und wir also von dort zu Familie Rolfinger in den Weidenhammerweg 38 umzogen und von Familie Rolfinger, weil Mami sagte, die seien ja UNMÖGLICH und schlimme Verbrecher, weiter zu Mutter und Tochter Scholtz am Reiherweg 18, die, wie Mami nach ein paar Wochen feststellte, UNMÖGLICH und schlimme Verbrecher waren. Von Mutter und Tochter Scholtz zogen wir notgedrungen zu einer Frau Gerberach in die Schöngauer Straße 12, von Frau Gerberach aber gleich wieder ins gemeinsame Haus zu dem Verbrecher, weil der Verbrecher jetzt, wie Mami sagte, doch nicht ganz so UNMÖGLICH war, dagegen aber nun Frau Gerberach ganz und gar UMMÖGLICH war, was sich nach nur wenigen Wochen erneut änderte und Mami und ich zum Verbrecher sagten, dass dieser absolut UNMÖGLICH und ein Verbrecher sei, und wir deshalb zurückzogen zu Frau Gerberach (die noch mal ein Auge zudrückte), dann aber kurz darauf wieder zurück ins Haus zu demVerbrecher zogen, weil Frau Gerberach leider doch (ich dirigierte mein Publikum, und alle riefen jetzt gemeinsam) UNMÖGLICH! war. Und wie Mami und ich dann aus dem gemeinsamen Haus mit Vollkaracho über die Autobahn, achthundert Kilometer ins bayerische Gallsee fuhren, um fortzukommen aus dieser Stadt der Verbrecher, und dort zunächst zu den Großeltern zogen, um endlich in Sicherheit zu sein, aber leider schnell feststellen mussten, dass auch die Großeltern absolut UNMÖGLICHE Verbrecher waren, weshalb Mami sie leider erst mal verkloppen musste, und wir nun weiter zu Mamis Halbschwester Trautchen zogen, die eine kleine Tochter namens Nala hatte, mit der ich spielen konnte. Und wie wir vollkommen fassungslos waren festzustellen, dass Nala und Trautchen wirklich UNMÖGLICH und schwere Verbrecher waren. Und so ging es drei Straßen weiter in eine Wohnung in der Höllentalstraße 103, von wo aus ich dann auch eingeschult wurde in die Grundschule am Rohrweiler, was zu einer wilden Klopperei mit dem Verbrecher in der Schulaula führte, und wie ich dann, weil Mami sagte, die Grundschule am Rohrweiler sei UNMÖGLICH, in die Schauinsland-Grundschule umgeschult wurde, und wir außerdem, weil Mami es in der Höllenthalstraße 103 UNMÖGLICH fand, in die Rotbachstraße 9 umzogen und ich, noch immer das erste Halbjahr der ersten Klasse besuchend, an die Ernst-Rudolf-Grundschule am Weidendamm wechselte. Und wie wir dann, weil die Leute in der Rotbachstraße laut Mami UNMÖGLICH und schlimme Verbrecher waren, weiterzogen in die Sundgauallee 24, wo Mami an Heiligabend die halbe Wohnung abfackelte, was die Vermieterin einfach UNMÖGLICH fand und uns deshalb aus der Wohnung warf, woraufhin Mami die Vermieterin als KRIMINELLEDRECKSAU, Verleumderin und Verbrecherin bezeichnete, was die Vermieterin einfach UNMÖGLICH fand, und wir schließlich in einer Kellerwohnung in der Opfinger Straße 12 landeten, über die Mami schon bei der Besichtigung sagte, hier sei es doch wirklich (das Publikum brüllte laut im Chor) UNMÖGLICH! Und wie Mami und ich dann eine Zeit lang dort hausten, bis Mami mir eines Tages einmal zu häufig gesagt hatte, ich sei einfach UNMÖGLICH und eine Verleumderin, Lügnerin und Verbrecherin, und ich meine Sachen packte und aus der Opfinger Straße 12 auszog und mich verabschiedete mit den Worten: Mami, du bist eine Verleumderin, Lügnerin und Verbrecherin und einfach UNMÖGLICH!
Das hinter mir an die Wand geworfene Bild sah aus, als hätte ich die impressionistische Zeichnung eines explodierenden Langhaarmeerschweinchens zu Folie gebracht. Und selbstverständlich war alles, was ich erzählte, vollkommen untertrieben, aber man darf sein Publikum auch nicht überfordern, nicht wahr.
Was ich nicht erzählte: dass es mir damals doch etwas bange wurde und ich nicht besonders weit kam. Ich versteckte mich im Hausflur unter der Kellertreppe, und Mami guckte aus der Tür und lachte: »Hahaha, Feigling!«, sagte sie. »Bist ja immer noch da! Traust dich doch eh nicht zu gehen, ätschibätsch!«, und knallte die Tür zu.
Und wie ich dann wirklich ging. Und mich Stunden später auf einer diesigen, verregneten Hauptstraße wiederfand, umzingelt von einer Gruppe Erwachsener, die mit verzerrten Gesichtern laut gegen den Verkehrslärm auf mich einredeten und ich nichts mehr sehen noch verstehen konnte. Ob ich das entlaufene Mädchen sei, fragte eine. Bist du die Alice, eine andere. Deine arme Mutti, sagten sie alle, darfst du doch nicht machen, einfach abhauen! Und dann sah ich einen Polizeiwagen mit offener Tür auf dem Bürgersteig stehen, und durch die milchige Luft kam auch Mami angerannt, im Nachthemd und mit einem offenen grauen Trenchcoat darüber, der ihr um die Hüften wehte, und ihre roten Lederstiefel schepperten auf dem Asphalt, dass es mir im Kopf knallte. »Was machst du denn nur«, rief sie in greller Panik. »Was machst du denn nur für schlimme Sachen mit mir! Spinnst du jetzt völlig?« Und alle nickten. Dann verschwanden wir Hand in Hand wieder zusammen in unserer Kellerwohnung, und noch am selben Abend veranlasste sie mich, verschiedene Drohanrufe zu tätigen, um uns Gelder zu beschaffen.
Nun kam ich zu dem Teil des Abends, in dem ich über meine Schwierigkeiten mit der Schule erzählte und dem ich den Titel Die Alle Und Die Mans gab. Hier ging es um Verständigungsschwierigkeiten. Ich verstand damals einfach nicht, was man dort von mir wollte. Immer wieder sollte ich Sachen mitbringen, die ich nicht besaß und von denen ich auch nicht wusste, woher diese zu bekommen seien. »Dein Mathehefter, wo ist der?«, fragte man mich. Mein bitte was? »Hast du immer noch keine Hefter? Man braucht hier Hefter. Wir haben dir doch gesagt, du sollst verschiedenfarbige Hefter mitbringen – und wo sind die jetzt?« Ich kam einfach nicht hinterher: Was genau sollte ich aus welchem Grund in dieses nach Kohlsuppe stinkende Gebäude bringen, und wozu genau sollte das mir oder irgendjemandem auf der Welt dienen? Doch mein Nichtverstehen heizte die Suada nur immer weiter an: »Und dein Schulranzen, wo ist der? Guck, alle anderen Kinder haben doch auch ihre Schulranzen dabei!« Ich starrte die Lehrerin an. »Ich sehe auch weder Stifte bei dir noch ein Lineal noch einen Radiergummi. Hast du keine Federtasche?« Was sollte das denn schon wieder sein? »Hast du überhaupt irgendwas?« Ich schüttelte den Kopf. Und gleich war man noch empörter: »Ja, aber warum denn nicht? Guck dich mal um! All die anderen Kinder haben ihre Bücher dabei, und alle haben ihre Schularbeiten gemacht, nur du nicht! Warum machst du deine Schularbeiten nie? Man muss Schularbeiten machen! Wenn das so weitergeht«, äffte ich die Lehrerin von damals nach, »dann müssen wir leider andere Saiten aufziehen. Dann brauchst du nämlich gar nicht mehr herzukommen!« Wieder verstand ich nicht: Was genau war der Konflikt? Ich verspürte ohnehin nicht den geringsten Wunsch, hier noch jemals wieder herzukommen. »Hier sollen nur liebe Kinder herkommen, und du bist nicht lieb.« Witzig, genau das sagte Mami auch immer (wenige Sekunden später allerdings war ich mit einem Mal das allertollste, allerliebste und allerschönste Kind – auch was das betraf, kam ich nicht recht hinterher). Dann gab es noch mehr Ärger, weil ich wohl nicht auf die Art und Weise in das Gebäude kam, wie man sich das vorstellte: Ob ich wüsste, dass manjeden Tag in die Schule kommen müsse, fragte man mich, und ich schüttelte den Kopf. Erstens: Woher hätte ich das wissen sollen? Und zweitens: Warum hätte ich das tun sollen? So toll, dass man da jeden Tag hinwill, war es dort nun weiß Gott nicht! Und als ich Mami eines Morgens meinen Beschluss mitteilte, nicht mehr in die Schule zu gehen, gab sie mir zu verstehen, dass dies auch ihr ganz recht sei. »Komm, lass uns weiterpennen, Schnucki«, sagte sie, und wir drehten uns wieder um und pennten weiter. Ich noch zwei Stündchen und Mami noch zwei Monate. Und von diesem Morgen an schmiss ich den Haushalt und erledigte die Einkäufe.
Mit aller mir zur Verfügung stehenden Kraft versuchte ich, die mir angetragenen Aufgaben gewissenhaft zu erledigen, vor allem aber versuchte ich, all den wenig schmeichelhaften Beschreibungen meines Wesens entgegenzuarbeiten. Doch auf zauberische Weise schien genau dieser Versuch mich nur noch weiter hineinzutreiben in ebenjene, schien mich letztlich genau zu dem zu machen, was ich nicht sein sollte: eine Lügnerin und also: Verbrecherin. Wahrheiten nämlich trieben Mami unmittelbar in den Wahnsinn, also log ich, oder sagen wir: verschönerte und erleichterte die Dinge ein wenig, tat dies ja aber einzig um ihretwillen, was keinerlei Würdigung fand. Und was immer ich auch tat: Alles schien sie nur noch viel kränker, nur noch rasender und trauriger zu machen, und alles, was ich anstellte, führte zu einem weiteren Misserfolg: Kam ich her, wie gerufen, sollte ich auch schon wieder weggehen, ging ich weg, wie mir befohlen, sollte ich wieder herkommen. Und so versuchte ich, herzugehen und wegzukommen, was auch zu nichts führte. Und so hatte ich in meiner frühen Verbrecherinnenkarriere noch vor Beginn meines sechsten Lebensjahres einen so hohen Berg an Schulden angehäuft, ein so hohes Maß an Strafe abzuleisten, dass meine Aufgaben für die kommenden Jahrzehnte klar gestellt sein würden. Und ich staunte nicht schlecht, als mir viele Jahre später Leute, denen ich schamlos ins Gesicht verschönleichterte, auf die Schulter klopften und mich als »ehrliche Haut« bezeichneten, als »reine Seele« sogar, und zog mir die Sätze der anderen an wie einen zu engen kratzigen Pullover, aus dem ich mich ohne fremde Hilfe nicht mehr befreien konnte.
Der letzte Teil des Abends drehte sich um mein Leben der vergangenen Jahre. Ich berichtete, auf welche Weise ich mich für Jobs bewarb und beim Gehalt selbst runterhandelte:
Guten Tag, ich würde gerne Ihre Wohnung putzen, das würde hundert Euro machen. Pauschal natürlich. Für fünfzehn Stunden. Mindestens! Achtzig Euro? Ich mach’s Ihnen für fünfzig! Ach, was soll’s: Bitte, bitte nehmen Sie mich! Ich zahl auch was dafür! Fünfzig? Hundert? Zweihundert oder wie viel wollen Sie? Was auch gleich zum Thema Identitätsfindung überging: Ich flehe Sie an, lassen Sie mich Ihren Dreck wegmachen! Das bedeutet mir wirklich alles auf der Welt! Es gibt mir das wunderbare Gefühl, einen Wert als Mensch zu haben!
Ich erzählte, wie ich mich von allem und jedem persönlich angesprochen und angegriffen fühlte und selbst Herzklopfen bekam, wenn mein Computer meldete: Es ist leider etwas schiefgelaufen – die nackte Panik! Was hatte ich jetzt schon wieder falsch gemacht?! Würde jemand sterben oder schwer krank werden, meinetwegen? Meldete mir das Netzwerk Sie sind nicht verbunden, wollte ich mich rechtfertigen: Na und, das ist was Frühkindliches, du Arschloch! »Die Leute meinen, ich sei paranoid«, sagte ich zu meinem Publikum. »Aber wieso eigentlich immer ich?! Es sind doch die anderen, die mich verfolgen!« (Den verstand keiner.) Ich berichtete von dem Konflikt, der entstand zwischen mir und anderen Passanten, wenn ich starr und düster durch die Straßen roboterte und nur zentimeterweise vorankam, was nicht nur zu Gleichgewichtsproblemen führte, sondern auch alle anderen am Weitergehen hinderte, die augenrollend hinter mir drängelten (»Tz, darf ich mal bitte? Meine Güte, einfach noch mal neu laufen lernen, Frollein!«).
An jenem Novembernachmittag, an dem zerkaute Poulardenstückchen mich von der Tischdecke aus anglitzerten, war ich in eine Welt eingetreten, wie ich sie bisher nur aus Filmen kannte und die in ihrer Banalität und Klischeehaftigkeit atemberaubend ist: Ich war in das Land der lustigen Leute eingezogen. Im darauffolgenden Sommer lernte ich die angesagten Swimmingpools auf den Dächern der Stadt kennen, an denen koksende, fettbäuchige Produzenten einander Bikinifotos von ihren zwölfjährigen Töchtern präsentierten. Resolute Powerfrauen, die mich sonst keines Blickes gewürdigt hätten, steckten mir ihre Visitenkärtchen zu, boten mir ihre Freundschaft an und waren stets gerüstet mit teuerster Kleidung und lockeren Sprüchen. Ein groß gewachsener Fernsehproduzent, der sich selbst als Genie versteht und jeden mit seinen Fäkalwitzen drangsaliert, versuchte mit Schweißperlen auf der Stirn, von mir und meinen Kontakten zum Sender zu profitieren, erbat gemeinsame Abendessen und wurde ausfallend wie ein Kleinkind, weil ich nicht zurückrief. Bei Essen mit Produktionsfirmen lauschte ich Serienautoren, die sich in ihren Gesprächen gegenseitig darin bestärken, dass »man es machen muss wie die Engländer oder Amerikaner«, dass »man den Zuschauern mehr zutrauen muss«, dass »die Welt jetzt eskapistische Stoffe braucht wegen der schwierigen Zeiten«, und ein Künstlermanager, der sich als zarte Seele tarnt, und dessen größter Lebenstraum es ist, »einmal anzuordnen, dass ein Flugzeug erst lila lackiert werden muss, bevor ich es besteige«, raste nachts auf seiner weißen Jacht mit mir über den Müggelsee, dass silberne Fische danach tot im Mondschein schimmerten. Ich werde eingeladen zu Betriebsausflügen zum Skilaufen nach Sankt Moritz und auf Weihnachtsfeiern, bei denen alle Gäste als Give-away ein IPad bekommen. Komiker berichten mir davon, »in Wirklichkeit ja gar nicht immer gut drauf« zu sein, »eher im Gegenteil«, und ich sage »ach, tatsächlich?«. Und obwohl ein Teil in mir immer auf der Flucht ist und rennen will, raus, bloß raus und rein in die dichte Stille eines tiefen Waldes, beobachtet ein anderer Teil diese Welt der großen Gönner und Entscheider, der Kurzzeit-Enthusiasten und »Großartig!«-Schreier, der Ideenfanatiker und neonfarbenen Sportschuhliebhaber – und versucht, zu verstehen, was ich schon wieder nicht verstehe. Die Lebenswelt, in der ich mich bewege, ist immer schnell, immer schlagfertig, souverän und abgebrüht, man hört viel whaaat und woohoo, und es wird andauernd gelacht. Leute werfen mit Wangenküssen und Liebesbekundungen nur so um sich; Abliefern ist das, worum es geht. Und an den Stehtischen der totschicken Partys vor pink angeleuchteten Betonwänden suppt es aus den Rändern der Grinsemasken, sickert es aus den aufgesetzten Köpfen mit festgesprühten Stehfrisuren, und die aufdringlichen, sich im Raum verteilenden Parfums und Haarsprays überdecken nur den Gestank einer vergammelten, umgekippten Traurigkeit, deren Schleim sich als trüber Film durch die Augen dieser Leute zieht. Hier und da steht ein freundliches, verbindliches Geschöpf herum, an das sich alle ranwerfen wie ausgehungerte Böcke an einen Futtertrog. Einsame Hände krallen sich an den Stielen ihrer Gläser fest, dass die Sehnen hervortreten, knödelige Lachgeräusche erbrechen sich in die Nacht und bleiben als Lautknorpel in der Luft hängen; es liegt eine so berstende Leere unter den Bassgeräuschen dieser Events, dass, wann immer ich auf einem solchen bin und mich einsam an etwas festkralle, es mir passiert, dass ich mich vor Fremden um Kopf und Kragen rede, um anzuplappern gegen die große Sprachlosigkeit.
An den Wochenenden fahre ich an den Stadtrand und besuche Irmi im Haus. Sie kam zu uns, als ich vierzehn war, und sie war die, die bis zum bitteren Ende blieb. Irmi kümmert sich um den Garten, pflanzt Blumen, putzt die Fenster, wäscht die Gardinen, lässt die Hecken schneiden, fegt die Eingangstreppe und schimpft über »die Arbeitslosen«, »die Ausländer« und die undichten Fenster. »Das kostet mich Heizkosten!«, ruft sie. »Hättest du den Finanztypen damals geheiratet, hätte der das hier alles renovieren lassen können für mich, der hatte Geld!« Am Nachmittag sitzt sie im Sessel, sieht fern und weint, und nachts kann sie nicht schlafen. Bevor ich hinfahre, rufe ich an: Soll ich dir ein bisschen Gesellschaft leisten, frage ich. »Meinetwegen«, sagt sie, »ich bin aber nicht da, ich bin bei Gudrun zum Kuchenessen. Aber komm her, ich schlafe besser, wenn noch jemand da ist. – Ach so,« sagt sie noch, »aber wenn du kommst, vergiss nicht, dir dein eigenes Essen mitzubringen!«
So kaufe ich mir etwas zu essen und fahre zu ihr.
Doch wann immer ich im Haus ankomme, werde ich bewegungslos. Stehe über Tage zwischen den Wänden und Türen und in den Kammern herum, wie eine Rätselnde vor einem riesigen, unübersichtlichen Kunstwerk, und verstehe nicht. Stehe im Flur, die Hände in die Flanken gestützt, starre die geriffelte Struktur der Wände an und versuche, ein Muster zu erkennen. Manchmal wundere ich mich: Irmi redet von ihrem Garten, ihrer Küche, ihrem Fernseher, ihrem Tisch, ihren Schränken. »Mein Herd ist noch an«, sagt sie. »Mein Kühlschrank brummt.« Dann gucke ich lange in die Luft und überlege.
Mich hat sie innerhalb kürzester Zeit aus dem Haus ausrangiert. Kinderbilder entfernte sie von unverrückbaren Stellen, verschenkte meine Möbel, trug mir auf, meinen großen Schrank leer zu räumen, damit sie ihre Dinge darin verstauen kann, und zog mit ihrem Bett und ihren Kommoden in mein altes Kinderzimmer ein. »Dass Papi so früh gehen musste«, sagt sie und schüttelt den Kopf. Mähe ich den Rasen, läuft sie hinter mir her, »Tz, Mann, Mädel! Immer erst vor dem Haus mähen und dann hinten! Vorne ist doch der Teil, den die Leute sehen, das ist wichtig!« Manchmal höre ich sie am Gartenzaun mit einer Nachbarin über mich lästern: »Madam ist ja Künstlerin!«, jodelt sie süffisant und lacht gepresst. Dann guck ich in die Bäume und überfahre das Kabel.
Das Haus war mehr Lager geworden als Wohnfläche, Keller und Obergeschoss Sammelräume nie mehr angerührter Vergangenheiten, Dinge existieren starr von sich hin – auch Dinge von dir. Und als läge ein Bann über all diesen Dingen, als brächte eine falsche Bewegung das gesamte Haus zum Einstürzen, bleibe ich auf Abstand und rühre nichts an. Selbst die Erbschaft der Großeltern sammelt sich hinter den Türen im Keller, auf dem Dachboden, in Seitenkammern; Geschirr, von dem einmal Leute gegessen haben, Kleidungsstücke, zu denen es die Körper längst nicht mehr gibt, zwei Nähmaschinen, Lattenroste, Ventilatoren, Briefe, Ansichtskarten, nach Muff riechende Pelzmäntel, Briefmarkenalben, gestickte Tischdecken, angeschimmelte Bretter, staubige Schuhschränke, plaquefarbene Büroschränke aus der Firma, von Spinnweben überspannte Holzplatten, Schallplatten, CDs, Kassettenrekorder, Walkmans, eine gesamte Kammer bis unters Dach gefüllt mit Kindheitsdingen: Kuscheltieren, die mit ihren unbewegten Augen in einen luft- und lichtlosen Raum gaffen. Die Kleidungsstücke meines Vaters hängen noch immer in seinem Schrank, Schwippbögen verstauben, mehrere Setzkästen liegen mit umgefallenen Miniaturen auf dem Rücken, altertümliche Ölgemälde mit bayrischen Berglandschaften lehnen an einer Wand, Biergläser, Pokale, nie gelesene Romane und Enzyklopädien, eine Reihe Lexika (»Wo ist nur der Teil M–N, das gibt’s doch gar nicht, der kann doch nicht weg sein! Ob der hinter den Schrank gefallen ist?«) stehen seit Jahrzehnten an denselben Stellen.
Ich halte mich im Büro meines Vaters auf, sitze auf seinem ledernen Drehstuhl und stoße mich ab mit den Zehen an den übervollen Aktenstapeln, um mich um mich selbst zu drehen, und lasse mich anschweigen von all diesen Sachen. Dem alten Schreibtisch, den vielen Geschenken von Kunden aus verschiedenen Ländern, Stickereien, Vasen – unten höre ich Irmi herumlaufen und mit sich selbst reden, sie sagt »Alles ist schön! Alles ist schön!« – Drachenstatuen aus Peking, Ehrtafeln mit seiner Namensgravur. Stehe vor den Büchern über Physik, Ingenieurwesen, Wellen, Strom und Navigation, und überall dazwischen: die vielen Akten mit Gerichtsbeschlüssen, Gutachten, Anwaltsschreiben, Protokollen, Rechnungen und Briefen – und alles scheint dein Gesicht zu tragen.
Dass es wieder so weit war, verstand ich, als ich vor einigen Monaten auf dem U-Bahnhof stand und in meinem Handy herumwischte, um nach einem weiteren Ort der Unerreichbarkeit zu suchen – wann immer möglich versuche ich, weit weg zu sein –, der Zug hatte Verspätung und immer mehr Menschen sammelten sich am Gleis – da starrte, als ich kurz aufsah, aus dem Fenster des Kiosk dein Gesicht zu mir. Ich erschrak so sehr, dass mir heiß war vor Angst. Ich schüttelte den Mantel von mir, zog Schal und Pullover aus, hob mir die heißen Haare aus dem Nacken und wedelte mir mit der Hand vor dem Gesicht. Ich ging näher: Dein Gesicht war auf der der Titelseite einer reißerischen Tageszeitung abgedruckt, triefend vor Leid, mit der Schlagzeile:
ARME RENTNERIN
BALD OBDACHLOS?
