Sekunde - Sven Wiegand - E-Book

Sekunde E-Book

Sven Wiegand

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Beschreibung

Dieses Buch ist nicht nur als spannende Liebesgeschichte, oder als Reisebericht über den Jakobsweg zu lesen. Es nimmt jeden mit auf seinen eigenen Weg und zeigt die Sekunden des Lebens auf. Es führt den Leser in eine Tiefe, in der er die Wahrheiten des Lebens erkennen und für sich selbst, in jeder Sekunde, nutzen und leben darf. Sven Wiegand erzählt in "Sekunde- weite Wege wirst du gehen" von diesen Sekunden, die manchmal nutzlos verstreichen, oder unser Leben verändern, wenn wir sie, so wie sie sich bieten erkennen, und uns ihrem Fluss hingeben. Wie oft haben wir uns im Leben schon gefragt, ob die Entscheidung innerhalb einer Sekunde die Wandlung einer Situation, oder gar ein Happy End gebracht hätte? Wie viele Sekunden in unserem Leben verbrachten wir mit solchen Gedanken, ohne einen Schritt voran zu kommen? Letztendlich ist doch immer das, was gerade zählt und existiert genau diese Sekunde, die uns geschenkt wurde.

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Seitenzahl: 155

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Sven Wiegand

Sekunde

"Weite Wege Wirst Du Gehen"

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Weite Wege

Prolog – Die Knorr

Vor dem Weg

Auf dem Weg

Nach dem Weg

Schmaler Pfad

Andere Wege

Epilog - Die Nacht

Danksagung

Impressum neobooks

Weite Wege

Weite Wege

Weite Wege bin ich gegangen.

Weite Wege werde ich noch gehen.

Weite Wege bist du gegangen

Weite Wege wirst du noch gehen.

Auf einem weiten Weg haben wir uns gefunden.

Werden wir uns auf einem weiten Weg wieder verlieren?

Welch ein Glück dich gefunden zu haben,

oder hast du mich gefunden?

Weite Wege werden wir gemeinsam gehen.

Weite Wege wird jeder alleine gehen.

Auf einem weiten Weg werden wir uns wiederfinden.

Auf einem weiten Weg werden wir gemeinsam gehen.

Weit werden wir alleine gehen.

Weiter können wir gemeinsam gehen.

Prolog – Die Knorr

Die „Knorr“ gleitet sanft durch das ruhige, tief schwarze Wasser. Nach dem starken Sturm der vergangenen Tage hat sich die See diesmal schneller als üblich, fast gänzlich geglättet. Die Wellenhöhe beträgt vielleicht noch zwei Ellen. Der Himmel zeigt immer wieder einzelne Wolkenlücken auf, durch die der Mond einen Hauch von Licht auf das Meer und die sich recht voraus abzeichnende Küstenlinie wirft. Die Ruderer haben ihre Riemen eingezogen und gegen Schwerter, Sachs und Steinschleuder eingetauscht. Das Segel ist aufgegeit und die Rah mit ihrer Steuerbord Nock auf das Deck niedergezurrt. Die Fahrt durchs Wasser reicht auch dieses Mal wieder aus, um die vor ihnen liegende Küste zu erreichen. Der Steuermann hat wieder ganze Arbeit geleistet. Noch lehnen die Männer mit entspannten Muskeln rücklings, an dem sich in den Nachthimmel streckenden Schandeck. Könnte jemand einen Blick auf das Schiff werfen, so sähe er das elegante, stolze Schiff mit zielstrebigem Kurs auf das Gestade. Nur ein Narr denkt bei diesem Anblick an ein friedliches Bild. Wer dieses Schiff einmal erblicken durfte und es überlebt hat, weiß, es bringt den Tod. Und nicht viele haben es überlebt.

Es werden abends an den Feuerstellen Geschichten erzählt. Wenn die Kinder in den Langhäusern verschwunden sind und im Schutze der Nacht, unter ihren Fellen, einen vermeintlich sicheren Schlaf suchen, sprechen die Alten über dieses Schiff.

Auch sie sind Seemänner und ihr Reichtum rührt größtenteils nicht vom Handel, sondern von Raubzügen und kleinen Scharmützeln gegen andere Völker. Doch kämpfen sie nur am Tag und sind froh, wieder in den Schoß ihrer Weiber zu fallen, wenn sie von einer Reise zurückkehren.

Nicht so die Männer des stolzen Schiffes. Auch sie haben Frauen und Kinder, eine Siedlung von Langhäusern und einen Bauplatz unten im Fjord, auf dem Arbeiten an ihrem Schiff durchgeführt werden. Niemand außer den Mitgliedern des Clans kennt den Platz.

Sie gehen nicht auf Beutezug nur des Überlebens wegen und sicher nicht, um andere Gebiete zu erobern.

Niemals würden sie sich mit einem anderen Clan verbünden. Es ist ihr Instinkt, der sie antreibt, Seefahrt, Navigation und Kampf in Einheit zu perfektionieren. Überall an der größtenteils zerklüfteten Küste des Nordlands finden sie ihre Opfer. Meist achten sie darauf, dass die Beute schon einmal mit Blut bezahlt wurde.

Ihr Anführer und Kapitän ist seiner Zeit weit voraus. Er kennt die Risiken von Ebbe und Flut. Er weiß die Sterne zu deuten und spürt Wetterveränderungen. Niemand weiß, woher er seine Erfahrung hat, am wenigsten er selbst. Gefürchtet wird er nicht, denn wer sich ihm anschließt, ist sich seiner Zukunft sicher. Ein üppiges Leben steht ihm bevor. Spürt doch jeder seiner Crew nach geraumer Zeit, wofür sie auf Beutezug gehen: „Freiheit, sie sind frei!“

Nicht so andere Ruderer oder Handwerker der Clans im Norden. Sie sind Leibeigene ihrer Anführer.

Jeder Mann bekommt seinen Anteil der Beute gerecht ausgezahlt. Und so er denn will, wird ein weiteres Langhaus oberhalb des Fjords errichtet.

Hier befindet sich auch das Haus des Anführers, etwas abseits der anderen. Es liegt in einer kleinen Senke, geschützt vor dem erbarmungslosen Wind, der hier tosen kann. Umgeben von einer fünf Ellen hohen Steinmauer ist es seiner Frau und den beiden Mädchen möglich, auch während eines Sturms, sicher vor ihr Heim zu treten. Schon manches Weib oder Kind ist hier oben im Norden bei schwerem Wetter vor die Tür gegangen und nicht wiedergekehrt. Dies darf seiner Frau und den Kindern nicht geschehen, denn sie geben ihm die Kraft und Energie, immer wieder auf See zu fahren und navigatorische Meisterleistungen zu vollbringen. Er fährt hinaus, wann er es für richtig hält und kehrt, meist nach erfolgreichen Raubzügen, zurück. Nie weiß seine Frau, wann er wieder unten im Fjord festmacht. Aber sie ist sich seiner Kraft auf See gewiss und sorgt sich nicht.

Niemals hat sie ihn aufgehalten, wenn er sich von seinen Mädchen und ihr verabschiedet, um wieder zu einem erbarmungslosen Raubzug auszulaufen. Oft verlässt er in den Abendstunden ihr gemeinsames Langhaus und kehrt erst nach Wochen zurück.

Seit drei Tagen hält ein fürchterlicher Sturm an. Am dritten Morgen beginnt er langsam abzuflauen. Gegen Mittag sieht man, wie die Sturmsee abläuft und die Wogen beginnen, sich allmählich zu glätten. Der Wind fängt an, sich zu drehen. Der Kapitän lässt das stolze Schiff klarmachen zum Auslaufen. Die Männer sind schon unten am Anleger, Proviant ist ausreichend gebunkert, ein Ersatzsegel vorn im Bug verzurrt und der Zimmermann hat zusätzliche Wasserfässer an Bord vertäut. Mehr Waffen als sonst werden verstaut. Das Schiff ist klar zum Auslaufen. Sie warten nur noch auf ihren Anführer. Nie zuvor kam er als Letzter an Bord. Nach dem Befehl zum Auslaufen ist er immer einer der Ersten am Anleger und überwacht das Klarmachen.

Doch heute nicht. Hat er doch eine Auseinandersetzung mit seiner Frau. Nie wagt sie es, sich zwischen ihn und sein Schiff zu stellen. Sie ist angesehen bei den Männern und Frauen des kleinen Clans und haben die Weiber Probleme, kommen sie zu ihr. Gibt es während der Abwesenheit der Crew Reibereien oder Verletzungen, sie ist immer der rechte Ansprechpartner für alle. Ihre Stellung im Clan ist ebenso hoch, wie die ihres Mannes. Nur über das Schiff und seine Besatzung kann und will sie keine Entscheidungen treffen.

Heute ist ihre Eingebung so klar und deutlich, dass es ihr unmöglich ist, ihn ohne Warnung gehen zu lassen.

Alle Weiber haben ihre Stellung in diesem harten Bruchteil der geschichtlichen Sekunde mehr oder weniger selbst erwählen können. Unten, ganz weit unten im Südwesten, an der bretonischen Küste, erzählen manche Rückkehrende, gibt es sogar Anführerinnen.

Viele Weiber im Norden begannen schon seit Längerem, sich diesem Zimmermannsohn hinzugeben und ihn anzubeten. Es begann mit einzelnen, blassen, schmächtigen, Jünglingen, die für ihren Glauben alles auf sich nahmen, um das Wort ihres Gottes auch im hohen Norden zu verbreiten. Die Ersten, die sich der Lager näherten, wurden von den Wachen geköpft, weil es ihnen sehr unheimlich erschien, dass ein einzelner, schmächtiger Mann, durch die Kälte allein auf einen fremden Clan zu läuft. Solche Vorkommnisse wurden noch nicht einmal gemeldet. Es war unwichtig und es hätte auch niemanden interessiert.

Die Frau des Anführers weiß um die Geheimnisse der Götterwelt und kann, wie kein Anderer, Runen legen und deuten. Zur Verwunderung Vieler ist sie auch in der Lage, die seltsamen Runen in einem “Buch“, welches die Anhänger des Zimmermannsohnes benutzen, um ihrem Gott näher zu sein, zu deuten und zu verstehen. Mit diesem umfangreichen Wissen ist sie allen voraus und kann, wann immer sie es für ratsam hält, in Welten eintreten, die ihr Antworten auf Fragen des täglichen Lebens geben.

So hat sie es auch an diesem Tag getan, wie vor jeder Abfahrt ihres Mannes. Sie ist so sehr erschrocken, dass es ihr unmöglich war, ihn nicht vor dem Auslaufen des stolzen Schiffes zu warnen, ja sogar sich ihm entgegen zu stellen und versuchen, ihn aufzuhalten. Sah sie doch das Ende des stolzen Schiffes und den Tod aller.

Ihr ist bewusst, wenn ihr Mann nicht zurückkehrt, würde dies das Ende des Clans, der Tod ihrer Kinder und ihrer selbst bedeuten.

Kurze Zeit später sieht man noch einmal das stolze Schiff, mit aufgeblähtem Segel, dem Horizont entgegen fahren.

Vor dem Weg

Es ist Montag der 07.05.2012. Meine Freundin Tanja bringt mich nach Basel an den Flughafen. Ich bin früh dran, denn sie muss rechtzeitig zurück in die Schule, an der sie unterrichtet. Wir steigen aus dem Auto und es fließen Tränen. Sie hat Angst, dass ich sie vergesse. Ich gehe für einige Wochen auf den Jakobsweg, aber warum sollte ich sie vergessen? Schließlich haben wir ein ziemlich aufgeräumtes Leben.

Im Flughafen treffe ich Alex aus der Schweiz, ein cooler Typ. Er fliegt nach Bordeaux, um seinem Freund beim Ausbau einer Pension zu helfen. Der Flug geht schnell vorbei, wir haben uns einiges zu erzählen. Nach der Landung verabschieden wir uns. Er will gleich nach seinem Kumpel sehen.

Ich muss am Gepäcklaufband warten. Noch einmal kurz inne halten, bevor ich den Rucksack vom Band nehme und einen Weg beschreite, den seit tausend Jahren schon so Viele vor mir beschritten haben. Es heißt er sei hart, aber er befreit und es verändert einen Menschen. Ich habe schon einige Veränderungen in meinem Leben gehabt, ich brauche keine großen Veränderungen mehr. Aber es wird mich bestimmt freier denken lassen, wenn ich fast tausend Kilometer nur mit Rucksack und einmal Wäsche zum Wechseln unterwegs bin. Vielleicht lerne ich ein paar interessante Leute kennen, aber man ist auch oft allein. Letztendlich habe ich so viele Vorstellungen, wie der Weg ablaufen wird und weiß doch nichts. Was macht die Arthrose in meiner Hüfte und vor allem mein Rücken? Ist es nicht ein bisschen übertrieben, mit verschraubter Wirbelsäule auf eine 952 km lange Wanderung zu gehen?

Endlich - da kommt mein Rucksack. Jetzt nichts wie raus, ich muss erst einmal eine Zigarette rauchen. Danach orientiere ich mich und schaue, mit welchem Bus ich nach Bordeaux komme. Ich gehe, den Rucksack aufgeschnallt, zu den Bushaltestellen.

Und schon wieder, diese verdammte Sekunde, die das Leben verändert. Für immer und unwiderruflich. Das Leben läuft, es ist ein fließender Prozess, durch nichts aufzuhalten. Das ist es, was es ausmacht. Man kann sich ihm entgegenstellen, oder man nimmt es an. Manchmal ist es die Hölle, manchmal ist es so schön, dass es auch zur Hölle werden kann. Nicht mit Worten zu beschreiben, ist dieses Gefühl - diese verdammte Sekunde.

Genau wie vor vier Monaten. Ich kam mit meinem LKW gerade aus Spanien und musste noch eine Ladung in unserer deutschen Firma abladen. Nach vier Stunden Fahrt in den frühen Morgenstunden war ich um 9.00 Uhr dort. Nachdem mir ein Platz auf dem Hof zugewiesen wurde, fing ich mit unserem Staplerfahrer an, beide Seiten des Aufliegers zu öffnen.

Ich erwarte aus meiner Erfahrung heraus, dass ich keinen schweren Verkehrsunfall haben werde, solange sich der Verkehr so verhält, wie er sich immer verhält, nämlich chaotisch. Die Straße ist mein Zuhause, da fühle ich mich wohl. Bei normaler Verkehrslage auf der Autobahn weiß ich, was die fünf Autos und drei LKW vor und hinter mir machen, bevor sie es wahrscheinlich selbst wissen. Dies habe ich in fünfzehn Jahren Fernverkehr so perfektioniert, dass ich manchmal selbst überrascht bin, wie gut das klappt. Dass mein schwerster Unfall beim Entladen und nicht auf der Straße passiert, konnte ich nicht wissen, da ich nicht hingeschaut hatte.

Nachdem wir mit dem Entladen begonnen hatten, stand ich in gebückter Haltung auf der Ladefläche und nahm eine leere Palette weg. Plötzlich bemerkte ich, dass diese eine sehr hohe Palette gehalten hatte. Die Hohe kam auf mich zu und sah für den Bruchteil einer Sekunde leicht aus, weil ich nur die Kartonage sehen konnte, die die Ware schützen sollte. Aus einem Reflex heraus drehte ich mich aus meiner gebückten Haltung nach links oben und versuchte sie abzustützen. Bevor ich merkte, dass das Gewicht größer war, als ich erwartet hatte, knackte es schon in meinem Rücken. Durch den stechenden Schmerz konnte ich nicht so schnell zur Seite, wie es die Situation verlangt hätte. Das Resultat: Die Palette fiel mir auch auf die Hand. Mit dem Schmerz im Rücken legte ich mich hin und drehte meinen Körper liegend von der Ladefläche. Schließlich kannte ich diesen Schmerz, ich habe ihn ca. zwei bis dreimal im Jahr, wenn wieder einmal ein Wirbel ausgerenkt ist. Die kommenden Stunden gingen mir durch den Kopf. Irgendwie musste ich jetzt wieder unter extremen Schmerzen in ein Auto steigen und einen Physiopraktiker aufsuchen, der meine Wirbelsäule wieder einrenkt. Normalerweise nutze ich in solchen Situationen beide Hände und Arme, um meinen Körper abzustützen. Das sollte dieses Mal nicht klappen. Die rechte Hand schmerzte und ich konnte sie nicht nutzen. Also legte ich mich auf den nassen, dreckigen Speditionshof und bat den Staplerfahrer und unseren Juniorchef, der durch meinen Schrei heraus geeilt war, mich aufzustützen und ins Büro zu bringen. Dort legten sie mich auf den Boden und wir berieten zunächst, wie es weiter gehen sollte. Mittlerweile war meine Hand so geschwollen, dass ich wohl nicht umhin kam, einen Arzt aufzusuchen. Oder gleich ins Krankenhaus?

Im Krankenhaus wartete schon meine Freundin, die ich noch von der Firma aus angerufen hatte. Die Untersuchungen durch Röntgen und Kernspintomographie ergaben, dass der Daumen, das Handgelenk und ein Lendenwirbel gebrochen waren. Mit den ersten beiden Diagnosen hätte ich ja noch gut leben können, aber Wirbelbruch mit sofortiger, vierstündiger Operation, das war schon harter Tobak. Zuerst einmal kam die Angst, dass ich querschnittsgelähmt sein könnte, obwohl meine Beine sich noch bewegen ließen. Die Ärztin klärte mich auf, dass es zwei Arten von Wirbelbruch gibt. Der Bessere lässt sich operieren und nach einigen Wochen ist alles beim Alten. Also noch einmal Glück gehabt. Am nächsten Morgen fand die Operation statt und nach fünf Tagen Aufenthalt im Krankenhaus konnte ich wieder nach Hause. Mit mehreren Titanschrauben in Rücken, Handgelenk und Daumen begab ich mich in den nächsten Wochen zu täglicher Reha und Arztbesuchen. Es lief alles prima. Auch meiner Hüfte, in der ich beidseitig Arthrose habe, taten die Anwendungen sehr gut. Körperlich ging es wieder mit großen Schritten voran.

Aber da war noch etwas Anderes. Wie geht es weiter? Werde ich wieder LKW fahren können? Was ist mit meinem Schiff, das ich in den nächsten Jahren für Langfahrtsegeln ausrüsten wollte?

Und, und, und…. Zeit zum Nachdenken hatte ich ja genug, aber eine Lösung blieb Anfangs aus. Mit meinen gesparten Rücklagen könnte ich bis Ende des Jahres gut leben. Lieber aber wieder eine Arbeit suchen und eine sichere Einnahmequelle haben, da sind wir Deutschen ja Weltmeister drin.

Ich führte mit der deutschen Firma einige Gespräche und nach einer Weile war sicher, dass ich meinen spanischen Arbeitsvertrag kündigen und wieder in Deutschland arbeiten werde. Sobald ich arbeitsfähig sein würde und das wäre voraussichtlich am zweiten Mai, würde ich meine Arbeit in der deutschen Niederlassung aufnehmen. Das Verhältnis zu meiner Firma in Deutschland war auch sehr gut und ich könnte meinen LKW behalten. Schließlich war ich schon seit Jahren mehr in Deutschland, als in Spanien oder irgendwo in Europa unterwegs. Der einzige Nachteil wäre, dass ich wesentlich weniger Geld verdienen würde, als zuvor. Das ist aber nicht das Wichtigste im Leben, denn in erster Linie sollte die Arbeit Spaß machen und Zufriedenheit bringen.

Soweit die Planung. Nun ist es aber so im Leben, dass man zwar viel planen und ganz klare Vorstellungen haben kann, wie alles laufen soll, es doch auch ganz anders eintreffen kann. Viele Menschen halten fest an ihrem gedanklich geplanten Weg und sehen dann nicht mehr, was ihnen verloren geht. Sie haben Erfolg und Geld und schütten sich mit materiellen Dingen geradewegs zu. Ich brauche dies, ich brauche das. Ich kaufe, also bin ich. Das eigentliche Leben läuft an ihnen vorbei. Sie spüren sich selbst nicht mehr. Wenn es Probleme gibt, rufen sie vielleicht einen Gott, oder wer auch immer da oben so rumhängt, an. Aber sie erreichen niemanden, denn wenn ich mich selbst nicht mehr erreiche, wie soll ich dann jemand anderen erreichen können? Der Himmel und die Natur besitzen noch keine E-Mail Adresse und bei Twitter oder Facebook sind die Elemente auch nicht vertreten.

Zwei Wochen vor meinem geplanten Arbeitsbeginn schaute ich noch einmal in meiner zukünftigen Firma vorbei. Es war an der Zeit einen Arbeitsvertrag zu verfassen und mich sollte so langsam interessieren, wie viel Geld ich eigentlich verdienen werde.

Wow, von einer Sekunde auf die andere erfuhr ich, dass ich kein Geld verdienen werde. Sie können mich nicht einstellen - vorerst - aus finanziellen Gründen. Aber wenn die Arbeitslage besser wird, dann auf jeden Fall, vielleicht im Herbst.

Wow, ich saß in meinem Auto und fuhr die wenigen Kilometer zu meinem Schiff auf dem Rhein.

Es war nicht die Enttäuschung, keinen Arbeitsplatz zu haben. Irgendwo werden immer Kraftfahrer gesucht. Es war die große Enttäuschung, nicht diese Arbeit zu bekommen. Ich fühlte mich leer. Es war Samstagnachmittag. Kurz machte ich mir Gedanken, welche Firmen ich am Montag anrufen werde. Die Motivation, darüber nachzudenken, hielt sich aber in Grenzen. Ich suchte auch nicht mehr tief in meinem Gehirn nach einer anderen Lösung.

Die Aufgabe, die ich hatte, war schon da, ich konnte sie aber nicht sehen.

Noch nicht.

Abends bekamen wir Besuch im Hafen. Wir verbrachten einen schönen Abend und die Freunde blieben über Nacht.

Am Sonntagmorgen, beim gemeinsamen Frühstück, hörte ich mich plötzlich sagen: „Ich gehe auf den Jakobsweg, in vierzehn Tagen, für mehrere Wochen.“ Alle drei legten ihr Frühstück nieder oder stellten ihre Tasse Kaffee ab. Sie starrten mich an. Meine Freundin sagte nur:

„Was ?“ „Ich kann nicht anders, ich muss“, waren meine Worte. Kurze Zeit später hat mein Gehirn erst begriffen, was da aus meinem Mund gekommen war. Ich war glücklich und musste grinsen.

Nicht ein Gedanke kam mir in den letzten Wochen und Monaten, auf den Jakobsweg zu gehen. Vor drei Jahren lief ein Bericht im Radio oder Fernsehen über diesen Weg. Dachte ich bis dahin, dass nur sehr gläubige Christen auf den Jakobsweg gehen, wurde ich hier eines Besseren belehrt. Eigentlich gibt es drei Hauptgruppen von Menschen, die auf eine Pilgerreise gehen. Gläubige, aus spirituellen Gründen, oder Menschen mit sportlichen Ambitionen. Für mich war dabei aber besonders interessant, dass schon die Kelten diesen Weg benutzten, um ans Ende der Welt zu gelangen. Cap Finisterre war zu jener Zeit der westlichste Punkt Europas und somit ein mythologischer und spiritueller Ort, der vielleicht dazu genutzt wurde, den Göttern näher zu sein.

Also überlegte ich mir damals, dass der Jakobsweg eine interessante Wanderung sei, zumal die Herbergen, die man täglich erreichen kann, auch bezahlbar sind. So ließ sich die Unternehmung auch finanziell in Grenzen halten. Ich müsste nur sechs Wochen unbezahlten Urlaub nehmen und los laufen. Das sind immer mal wieder nette Gedankenspiele. Natürlich hatte ich es nie wirklich vorgehabt und auch schnell wieder vergessen.