Selbst gerächt - Juliane Beer - E-Book

Selbst gerächt E-Book

Juliane Beer

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Beschreibung

Erschüttert über den Tod einer alten Frau, die nach einer Zwangsräumung einen Herzinfarkt erlitt, beschließen vier Frauen, gegen die kriminellen Machenschaften korrupter Immobiliengesellschaften anzugehen. Des Nachts suchen sie sich besonders böse Immobilienmakler und hängen sie kopfüber im Park auf. Die Opfer können stets schnell gerettet werden und so werden die Parkhenkerinnen zunächst nur belächelt. Doch dann hängt eines Morgens ein Miethai tot im Baum … Trotz seines ernsten Themas ist „Selbst gerächt“ ein durchaus humorvoller Kurzkrimi, der dafür sorgt, dass man inmitten horrend steigender Mieten, künstlicher Wohnraumverknappung, Zwangsräumungen und Verdrängung noch etwas zu lachen hat.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 145

Veröffentlichungsjahr: 2017

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periplaneta

Juliane Beer: „SELBST GERÄCHT“ 1. Auflage, Juni 2017, Periplaneta Berlin, Edition Totengräber

© 2017 Periplaneta – Verlag und Mediengruppe Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin www.periplaneta.com

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Auch die geschilderten Aktivitäten und Ereignisse um real existierende Institutionen und Orte sind fiktiv. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig.

Lektorat: Sarah Strehle (www.lektorat-strehle.de) Cover: Marion Alexa Müller Satz & Layout: Thomas Manegold

Gedruckt und gebunden in Deutschland Gedruckt auf FSC- und PEFC-zertifiziertem Werkdruckpapier

print ISBN: 978-3-95996-051-9 epub ISBN: 978-3-95996-054-0

E-Book-Version: 1.1

Juliane Beer

Selbst Gerächt

Ein Gentrifizierungskrimi

periplaneta

Ich danke Günay O. für ihren Rat, wann immer ich ihn brauchte.

JB

Prolog

„Sie könnten sich eine günstigere Wohnung suchen“, hatte er vorgeschlagen, „wir stehen Ihnen nicht im Weg.“ Und weiter: „Verstehen Sie mich nicht falsch, selbst wenn wir es wollten – wir dürfen gar nicht auf die Mietangleichung verzichten. Wir müssten dann ja für Sie aus eigener Tasche draufzahlen. Wäre das gerecht Ihren Nachbarn gegenüber? Wir wären doch keine seriöse Hausverwaltung, wenn wir Sie bevorzugen würden.“

Der Anruf hatte Frau K. große Überwindung gekostet. Auf die Aussagen des Verwalters wusste sie nichts zu erwidern. So legte sie nach knapper Verabschiedung auf.

Ihre Nachbarin, die sie wenig später im Treppenhaus traf, riet, beim Wohnungsamt Neukölln wegen der Mieterhöhung vorzusprechen.

Das tat Frau K. gleich am nächsten Morgen.

Sie legte Sachbearbeiter Hauser das Schreiben der Verwaltung auf den Tisch und gestand, dass ihre Rente zu niedrig wäre, um die geforderten siebenundzwanzig Euro mehr pro Monat zu zahlen. Innerlich schämte sie sich, denn sie war in ihrem ganzen Leben noch nie zu einem Amt gegangen, um Geld zu erbetteln. Sie hatte stets für ihren Lebensunterhalt gearbeitet.

Sachbearbeiter Hauser überflog das Schreiben, zog dann schweigend vier Formulare aus dem Aktenschrank, die er zusammen mit Frau K. ausfüllte. Er erklärte abschließend, dass das Amt einen Teil der Miete übernehmen würde. Eine Kopie von Frau K.’s Rentenbescheid bräuchte er noch, sowie diverse Nebenkostenabrechnungen der letzten Jahre.

Frau K. kopierte die geforderten Unterlagen noch am selben Nachmittag und lieferte sie bei Sachbearbeiter Hauser am nächsten Morgen ab. Der händigte ihr eine Bescheinigung aus, alles erhalten zu haben. Damit war die Angelegenheit für Frau K. erledigt, denn sie war der Meinung, dass das Wohnungsamt ab übernächsten Monat, wenn die Erhöhung von siebenundzwanzig Euro fällig wurde, diese an die Hausverwaltung überweisen würde.

Fünf Monate später erhielt Frau K. per Einschreiben die fristlose Kündigung wegen Mietschulden. Am 31. Januar um 10.15 Uhr sollte sie im Büro der Hausverwaltung erscheinen, um sämtliche Schlüssel abzuliefern.

Als Frau K. sich von dem Schreck erholt hatte, rief sie Sachbearbeiter Hauser an, und erfuhr, dass ihr Antrag noch nicht bearbeitet worden sei, denn vorher mussten noch sechshundertdreiundvierzig Anträge anderer Bürgerinnen und Bürger bearbeitet werden, und das ginge so schnell eben nicht.

Hauser erklärte, Frau K. hätte die siebenundzwanzig Euro erst einmal vorstrecken müssen. Selbstverständlich hätte sie diese zurückerstattet bekommen, wenn der Antrag bearbeitet worden wäre. Der Sachbearbeiter sagte Frau K. jedoch zu, bei ihrer Hausverwaltung anzurufen, um das Missverständnis zu klären und die Kündigung abzuwenden.

Dazu kam es aber nicht.

Als Hauser den Hörer aufgelegt hatte, klingelte gleich wieder das Telefon, und danach noch einmal, und draußen warteten noch zwölf Hilfesuchende darauf, vorsprechen zu dürfen.

Hauser war seit Wochen allein im Büro. Eine Kollegin war krank, eine zweite hatte gerade ein Kind bekommen und man hatte keine Vertretung eingesetzt. Die dritte Kollegin war letztes Jahr in Rente gegangen. Auch für sie war niemand eingestellt worden. Hauser erstickte in Arbeit, und nachdem der letzte Hilfesuchende an diesen Tag gegangen war, hatte der Sachbearbeiter Frau K. und deren Kündigung vergessen.

Dass Herr Hauser die Angelegenheit geregelt hätte, dachte Frau K., ja, sie war davon fest überzeugt.

Erst recht, weil sie am 31. Januar um 10.15 Uhr natürlich nicht ihre Schlüssel bei der Verwaltung abgab, und dennoch nichts geschah. Auch am 1. Februar war alles wie immer. Und die Tage darauf ebenfalls.

Sechs Wochen später jedoch klingelte der Briefträger und überreichte Frau K. ein Schreiben vom Gericht. Die Räumungsklage.

Frau K. wusste nicht, dass sie sich dagegen wehren konnte. Ihre Nachbarin wollte sie nicht noch einmal wegen der Angelegenheit behelligen, schließlich war die so beschäftigt als Krankenschwester im Schichtdienst, dass man sie nur sah, wenn sie zu den unmöglichsten Tages- und Nachtzeiten zur Arbeit aufbrach.

Sachbearbeiter Hauser würde die Angelegenheit sicher noch regeln, beruhigte sich Frau K., er hatte es ihr schließlich zugesagt und würde sich als Amtsperson auch daran halten.

Am 4. April stand um 7.30 Uhr das Räumungskommando vor Frau K.’s Tür.

Ihre Habseligkeiten wurden in Kartons gepackt und aus der Wohnung getragen, und als die Nachbarschaft schließlich auf die Aktion aufmerksam wurde, saß Frau K. schon auf der Treppe, parterre, weil ihr plötzlich so schwindelig geworden war. Eigentlich hatte sie nur an die frische Luft gehen wollen. Als sie dann aber hörte, wie der junge Mann aus der Dachgeschosswohnung aufgebracht in sein Mobiltelefon schrie, es werde soeben eine alte Dame in die Obdachlosigkeit geräumt, man möge unverzüglich jemanden schicken, um das zu verhindern, wurde Frau K. klar, dass es um sie ging.

In dem Moment sackte sie zusammen.

§

Zu dritt halten sie den Mann fest. Gleichzeitig wird der gelbe Inhalt mehrerer PET-Flasche in den Eimer gekippt. Das Opfer strampelt tüchtig und wimmert. Schreien kann er nicht, denn sie haben ihm Paketband über den Mund geklebt. Jetzt knoten sie eine Hanfkordel um seine Hände.

„Zappeliger Kerl!“

„Vielleicht nimmt er eine dieser hippen Aufputsch-Drogen. Sollen ja gar nicht gesund sein. Also komm, Junge, stillgehalten!“

Dani zögert, verpasst ihm dann eine Ohrfeige, während die anderen drei ein Seil um seine Beine knoten. Er versucht zu treten, kassiert dafür einen Hieb in den Magen. Stöhnen. Dann Stille. Entsetzen auf beiden Seiten. Aber es geht weiter.

Das andere Ende des Seils wird über die Astgabel geworfen. Die Gruppe teilt sich auf. Man gibt sich Zeichen und flüstert: „Un, deux, trois!“

Sie ziehen ihre Beute am Baum hoch, kopfüber. Der Mann versucht zu brüllen, dabei heraus kommt nur ein dumpfes Brummen.

„Wie einer dieser alten Radiowecker!“

Die vier versuchen ein unbeschwertes Lachen. Es gelingt nicht. Der Plastikeimer voller Urin wird unter den Kopf des Hängenden gezogen, dessen Position mit dem Seilende reguliert, das Seil am Zaun verknotet.

„Nicht zu tief. Seine Nasenlöcher sind riesig.“

Der Mann hängt jetzt bis zur Nasenwurzel im Pinkeleimer.

„Sag mal, was hast du denn getrunken? Riecht ja … interessant.“

Dani zuckt die Schultern, denkt: Sauerkrautsaft. Gut für die Verdauung, solltest du versuchen. Und zu dem Hängenden sagt sie mit tief gestellter Stimme: „Bessere dich, du Widerling, oder wir treffen uns noch mal! Dann aber nicht mehr bei Sauerkrautsaft.“

Noch rasch zwei Gruppenselfies mit rotem Eimer, Strumpfmasken und Hanging Man, dann wird dem Opfer das Paketband vom Mund gerissen und die vier rennen davon.

Es ertönt ein Brüllen, das durch den Tiergarten schallt.

„Wir fahren Sie zur nächsten Wache“, entscheidet die junge Frau. „Bäh, was ist das in dem Eimer? Riecht ja wie …“ Sie wendet sich ab, um nach Luft zu schnappen.

„Pisse!“ Ihr Begleiter ist dabei, dem Opfer das Seil von den Beinen zu friemeln.

„Seemannsknoten. Gekonnt, muss ich sagen. Da waren aber ein paar Piraten mächtig böse auf dich, was, Kumpel?“

Kumpel kann noch nicht antworten, presst die Hände aufs Gesicht, einen Moment lang hatte er das Gefühl, sein Kopf würde platzen. Hinter der Stirn pocht es noch im Rhythmus des Herzschlags. Er tastet mit der Hand über den Rasen, als müsste er sich des Erdkontakts vergewissern. Er wimmert unwillkürlich auf, fasst sich, zwingt sich zu ruhigen tiefen Atemzügen. Erste, mühsam hervorgebrachte Worte: „Danke. Ihnen beiden.“

Er würde es jetzt allein schaffen. Und nein, sie bräuchten ihn nicht zur Polizei zu fahren.

„Sie wollen keine Anzeige erstatten?“ Die junge Frau ist fassungslos.

Er würde das von Zuhause aus erledigen.

„Aber Sie brauchen uns als Zeuginnen!“

„Lass ihn, Grit.“

„Aber …“ Grit besinnt sich. „Also gut. Hier ist meine Handynummer. Wenn wir das hier bezeugen sollen, rufen Sie an, in Ordnung?“

Der Gerettete nickt, lässt es geschehen, dass Nummer und Namen mit einem Augenbraunstift auf seinen Arm geschrieben werden. Insgeheim kann er es kaum erwarten, dass die beiden endlich verschwinden.

„Können wir dich wirklich allein lassen, Kumpel?“

„Ich komme zurecht, danke noch mal!“

Das Pärchen entfernt sich, sie widerwillig, er zieht sie mit sanfter Gewalt hinter sich her, bis sie schließlich ihren Widerstand aufgibt.

„Und nehmen Sie das Seil mit, als Beweis!“, ruft Grit aber doch noch. „Und den Eimer!“

Der Mann ist wieder auf den Beinen, ein bisschen wackelig noch, aber es wird schon gehen. Eimer, Seil und Paketband lässt er im Tiergarten zurück.

§

Hauser hasst es, dicht gedrängt zwischen Menschen zu stehen, er kann das nicht ertragen, er kann es nicht. Die Gerüche nach zu lange nicht gewaschener Kleidung, nach Schweiß, nach süßem Parfüm drohen ihn umzubringen. Ganz schlimm ist es, wenn ihm jemand gegenübersteht, der gerade vom Essen kommt und ihm mit jedem Ausatmen eine Mischung aus Speisebrei und Magensäure entgegen bläst. Hauser ist dann jedes Mal kurz davor, wahnsinnig zu werden.

Seit ein paar Wochen steigt er also nicht mehr in den Bus ein, wenn nicht mindestens ein Doppelsitz frei ist. Hauser wartet stets auf den nächsten und hofft, der möge nicht so voll sein. Seither geht es Hauser allgemein besser und kein Ausschlag zeigt sich mehr auf seiner Stirn.

Wenn der Heimweg sich dadurch also noch als abwechslungsreich bezeichnen lässt, so gestaltete sich der Rest des Tages als Routine. Hauser schließt die Wohnungstür auf und tritt ein. Er stellt seine Aktentasche auf das hölzerne Tischchen im Flur, zieht Jacke und Straßenschuhe aus und die Gesundheitsschlappen an. Danach geht er ins Badezimmer und wäscht sich gründlich die Hände. Zurück im Flur holt er die Morgenpost aus der Aktentasche. In der Küche schenkt er sich ein Glas Orangensaft ein, setzt sich mit Saftglas und Zeitung an den Tisch und liest den Lokalteil, den er in der Frühstückspause übergeht und für den Feierabend aufhebt.

Im Kunstledersessel sitzt Hauser um diese Uhrzeit – 17.20 – noch nicht. Er sitzt nicht mit der Hose, die er den Tag über im Amt getragen hat, in seinem Wohnzimmersessel. Er betritt das Wohnzimmer erst nach dem Abendessen, nach dem Umziehen. Er hat dann Cordhosen an, wenn Winter ist, oder Baumwollshorts im Sommer.

Die Arbeitshose hängt bis zum nächsten Morgen außen an der Badezimmertür mit der Gürtelschlaufe am Türschlüssel. Da kann sie keinen Schaden anrichten. Auf dem Amt ist es zwar oberflächlich sauber, sicher, aber das, was sich über die Jahre an Pilzen und Bakterien in den Haarrissen und Ritzen der Büro­stühle und Schreibtische ansiedelt, kriegt die Putzfrau so, wie sie arbeitet, nicht weg. Fachgerecht desinfizieren müsste sie, was sie aber unterlässt. Hauser hat sich schon einmal auf der Mitarbeiterversammlung für die fachgerechte, monatliche Desinfektion eingesetzt. Doch seine Kollegen fanden das übertrieben, und ohne Unterstützung konnte Hauser den Vorgesetzten nicht überzeugen.

Aber auch wenn einmal im Monat desinfiziert werden würde, wie von Hauser vorgeschlagen, wäre damit nicht der Schmutz gebannt, den die Besucher im Minutentakt ins Amt tragen. Die Menschen werden ja dazu genötigt, immer schmutziger zu werden, und Hauser soll das ausbaden. Ohne dass sein Arbeitsplatz jemals professionell gereinigt wird.

Zu Hause besteht Hauser auf diese Maßnahme. Seine Putzfrau hat einmal die Woche alles, was angefasst wird, mit einem antibakteriellen Spezialreiniger zu bearbeiten. Dafür hat Hauser ihren Besuch auf die Samstagvormittage gelegt. Dann ist er zu Hause und kann sie kontrollieren.

Heute ist Montag, und die Wohnung riecht noch hygienisch sauber. Das beruhigt Hauser.

Er sitzt wie immer in der Küche und liest den Lokalteil:

Chaos auf den Behörden, Chaos bei Bauprojekten. Und jetzt noch diese Gewalttaten in Berliner Parks. Wer steckt dahinter?

Hauser schüttelt den Kopf.

Den Presseabteilungen kann man nicht mehr trauen, heutzutage. Ob bei der Polizei oder beim Wohnungsamt – sie lügen alle. Die Umstände des Todes der Frau K. vor drei Monaten waren auch nicht korrekt in die Zeitungen gelangt. Hauser hatte seinem Vorgesetzten gegenüber wahrheitsgemäß ausgesagt: Er wäre so überlastet gewesen, dass er den klärenden Anruf bei der Hausverwaltung nicht tätigen hatte können. Sein Vorgesetzter spielte das sogleich herunter, veranlasste, dass Hausers Fehler, der bedauerlich aber doch vollkommen menschlich sei, nicht nach außen drang.

Die Rentnerin K. habe sich tragischerweise keine Hilfe bei einer Behörde geholt, hieß es dann offiziell in den Medien. Das Wohnungsamt wolle den Fall zum Anlass nehmen, an ältere Menschen zu appellieren, sich im Falle von Mieterhöhungen, Kündigungen oder sonstigen Problemen mit Vermietern an die städtischen Behörden zu wenden. Das sei keine Schande.

Hauser stellte ein paar Tage später fest, dass der noch immer unbearbeitete Antrag von Frau K. verschwunden war. Er begriff, dass es seinem Vorgesetzten nicht um den Schutz seines Untergebenen ging, sondern um sich selbst und seine Einsparungen beim Personal. Deswegen war der Kerl letztes Jahr schließlich befördert worden.

Hauser faltet die Zeitung sorgfältig zusammen und legt sie in die Kammer zum Altpapier. Eine Sauerei ist das alles. Und er, Hauser, hockt Tag für Tag allein im Büro, auf seinem Schreibtisch türmen sich die unbearbeiteten Anträge. Aber was soll er tun? Sich noch einmal beschweren, ohne dass die Kollegen aus den anderen Abteilungen ihn unterstützen? Ja, ihn womöglich sogar wieder tagelang schneiden, wie damals nach seiner Beschwerde über die mangelhafte Bürohygiene?

Und wenn er mit dem Vorgang Frau K. an die Öffentlichkeit ginge? Der Presse die Wahrheit zuspielen würde? Hauser erschaudert. Nein. Nein, er kann mit der Angelegenheit ja gar nicht an die Öffentlichkeit gehen, die Akte Frau K. ist nicht mehr da. So, als habe sie nie existiert.

§

So spät noch am Schaffen? Das schreit doch geradezu nach einem Absacker!, tippt sie in das Handy.

„Schreib ihm, er soll jetzt Schluss machen. In zehn Minuten Treffen in der Destille am Treptower Park. Zeig mal, wie heißt der Typ auf Tinder? Mäxchen? Ist ja lachhaft.“

„Und? Wie soll er sich denn nennen? Miethaichen?“

Mäxchen antwortet sofort: Bin in zehn Minuten in der Kneipe. Bitte schon mal den Barhocker anwärmen.

„Der Typ ist widerlich.“

„Natürlich ist er das, sonst würde er kaum auf der Liste stehen.“ Ida steckt ihr Prepaid-Smartphone in die Umhängetasche. „Also … wir haben es kurz nach neun. Viertel nach ist er da, gib ihm zehn Minuten drauf. Wenn er kapiert, dass keine Lady auf ihn wartet, wird er etwas trinken und wieder verschwinden. Sagen wir … zwischen halb zehn und zehn. Wir schnappen ihn uns vorne am zweiten Baum.“

Mäxchen verhält sich nach Plan. Um 21.20 Uhr betritt er die Destille. Nur zwei Tische sind besetzt, an dem einen ein Pärchen, augenscheinlich verliebt. An dem anderen zwei alte Männer, der eine mit grauen Zöpfen, der andere kahl. Es scheint, als säßen die beiden schon ihr halbes Leben hier. Sie schauen und kommentieren ein Fußballspiel, das tonlos aus dem Fernseher flimmert.

Am rustikalen Holztresen hat sich eine Frauenclique versammelt, die mit der Barfrau ein Ereignis begießen. Es wird immer wieder angestoßen, man lässt sich hochleben. Von den Mädels hat ihn höchstwahrscheinlich keine herbestellt, mutmaßt Mäxchen. Im Übrigen findet er Sekt schrecklich. Er braucht das Zeug gar nicht erst zu trinken. Schon vom Geruch kriegt er sofort Sodbrennen.

Er blickt sich um. Wie ihm schwant, wird sein Date nicht kommen. Überflüssig sich zu ärgern, Tinder eben. Er beschließt, ein paar Minuten zu warten und dann wieder abzuhauen, der Laden ist nichts für ihn.

Doch da spricht die Barfrau ihn an. Sie wirkt mütterlich auf Mäxchen mit ihren Pausbacken, dem freundlich resoluten Klang ihrer Stimme und den hochgekrempelten Ärmeln. Mäxchen lehnt das angebotene Gläschen Sekt ab, will aber nicht ungemütlich sein. Also lässt er sich auf einem Barhocker nieder und bestellt ein Flaschenbier. Die Freundinnen nehmen ihn eine nach der anderen in Augenschein. Er weißt, dass er attraktiv ist, wenn auch einen Tick zu schmal und schlank. Aber die großen braunen Augen, das dichte Haar und der Dreitage-Bart machen das wett. Mäxchen geht auf die beiläufigen Flirtversuche nicht ein. Vielleicht ist die ganze Clique sein Date, die Frauen wollten sich einen Spaß erlauben. Nicht mit ihm. Zügig trinkt er sein Bier. Die Clique lässt von ihm ab, eine neue Sektflasche wird geköpft und es wird wieder angestoßen.

Um 21.40 Uhr bricht Mäxchen auf. Als er draußen gerade überlegt, noch einen kurzen Spaziergang durch den Park zu machen, wird er von hinten gepackt. Alles geht so schnell, dass er nicht denken kann. Man drückt ihm etwas auf den Mund, es klebt seine Lippen zusammen, seine Hände werden nach hinten gerissen und gefesselt. Als sich seine Erstarrung löst und er reflexartig um sich tritt, schlägt man ihm in den Magen. Ein tiefer, dumpfer Schmerz macht sich breit. Sein Gegenüber zuckt auch zusammen, obwohl es geschlagen hat. Dann strafft es sich, schlägt noch mal zu, nicht mehr ganz so fest, aber so, als müsse es sich selbst etwas beweisen.

Mäxchens Herz rast. Er verspürt zum ersten Mal im Leben so etwas wie Panik. Blanke, nackte Angst, im Kopf, im Körper, überall. Er erkennt nicht viel, es ist zu dunkel, nur vier schwarz gekleidete Gestalten mit Sturmmasken. Er versucht weiter, sich zu befreien, doch ihre Griffe sind zu fest. Hinter ihm plätschert irgendetwas. Dann spürt er auch schon, wie man ihm die Beine zusammenbindet.

Ob sie mich leben lassen?