Selbst schuld, du Schwuchtel! - Jessica Krämer - E-Book

Selbst schuld, du Schwuchtel! E-Book

Jessica Krämer

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Beschreibung

Erschütternd, Unerträglich. Wahr. Der kleine Dennis (heute: Die Autorin Jessica Krämer) versteht nicht, warum er sich nicht wie seine Schwester kleiden darf. Die Mutter betet dafür, dass dieses "perverse" Tun bald ein Ende nimmt. Dann muss er erfahren, dass seine "Eltern" eine Pflegefamilie sind. Kindlich/jugendlicher Leichtsinn und falsche Freunde führen ihn in amtliche Verwahranstalten, die sich "Heim" nennen dürfen, in Sozialeinrichtungen mit viel Gewalt und völlig überfordertem Personal. Und "draußen" lauern pädophile Spießer auf ihre junge Beute... Als er denkt, dass es nicht schlimmer werden kann, kommt er als 15jähriger in die Jugendstrafanstalt. Was er dort erleben muss, wollen wir in Deutschland gar nicht glauben. Dennis wollte das auch nicht - aber das wurde dann brutale Realität für ihn. Eine Autobiographie, die einen lange nicht mehr loslässt

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Seitenzahl: 926

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Selbst schuld, du Schwuchtel!

Niemand hier sah, was wirklich in mir schrie. Sie sahen nur den Jungen, der zu hoch sprach, der zu schnell weinte, der beim Fußballspiel wie ein getretener Sack umfiel, wenn der Ball ihn traf. Sie sahen einen Schwächling. Eine Schwuchtel. Keiner fragte. Keiner wollte verstehen.

Warum auch? Ich war doch perfekt so, wie sie es brauchten, ein lebendes Ziel, ein Spucknapf für ihren eigenen Selbsthass.In dieser Welt gab es keinen Ort für jemanden wie mich. Nicht hier. Nicht da. Nirgendwo.

Aber ich war hier in diesem Heim. Zwischen Jungs, die mich hassten, weil ich sie an das erinnerte, was sie selbst am meisten fürchteten: Schwäche.

Ich war ein Unfall. Ein Irrtum. Etwas, das nie hätte existieren dürfen. Und nachts, wenn alles still war und nur mein Herz klopfte wie eine schmutzige Hand gegen eine schmutzige Wand, wusste ich es: Ich werde hier nicht leben. Hier stirbt man. Langsam, qualvoll, in Raten. Und niemand wird es je merken.

Statt dessen sitze ich hier. Und bin… nichts.

Kein Mädchen. Kein Junge.

Nur ein Fehler, eingesperrt in etwas, das ich nicht verstehe, das ich abstoße und doch nicht loswerden kann. Für mich ist alles stehen geblieben an dem Tag, an dem ich begriffen habe, dass ich aus dieser Hülle nicht rauskomme.

Dass ich immer das bleiben werde, was sie in mir sehen: Ein Krüppel, ein Nichts, ein Witz ohne Pointe. Ich verrotte hier, Stück für Stück, während draußen das Leben weiteratmet und mich längst vergessen hat.

Und irgendwann fing ich an, mich heimlich zu ritzen. Nur kleine Schnitte am Anfang. Nur ein bisschen. Nur so viel, dass der Schmerz von innen endlich eine Richtung bekam, endlich irgendwo hin konnte, irgendwo raus aus diesem verdammten Körper.

Der vorliegende Text ist KEIN ROMAN,

sondern eine AUTOBIOGRAPHIE,

die die Kindheit und Jugendzeit der Autorin bis

zu ihrem 18. Lebensjahr beschreibt!

Das heißt: Die geschilderten Ereignisse

beruhen auf wahren Begebenheiten.

Allerdings wurden die Namen aller beteiligten Personen geändert - bis auf den Namen der Autorin, die damals noch mit ihrem Geburtsnamen „Dennis“ angesprochen wurde.

Jessica Krämer

Selbst schuld, du Schwuchtel!

ISBN 978-3-9825245-8-0

Verlag, Gestaltung und Satz:

Campaign House GmbH & Co. KG,

Bergisch Gladbach

Erstauflage: Sept. 2025

Alle Rechte bei Campaign House GmbH & Co. KG

Jessica Krämer

geb. Dennis B.

Ich wurde nicht geboren, ich bin entstanden.

Aus Dreck, Trauma, Wut und viel zu viel Schweigen.

Ich bin Jessica.

Ich bin alchknd.

Ich bin echt.

Ich wuchs in Pflegefamilien und Heimen auf.

Ich wurde verbogen, geprügelt und gebrochen, aber ich stehe noch.

Mit 15 kam ich in den Knast, als Mädchen unter Jungs.

Ich bin trans Frau. Ich bin keine Erfindung. Ich bin der Beweis.

Ich habe Drogen genommen, mich verkauft, überlebt.

Ich habe Nächte auf der Straße verbracht und in mir selbst.

Ich wurde abgewiesen, auch von denen, die helfen sollten.

Ich schreibe, weil ich nicht mehr schweigen kann.

Meine Worte stinken nach Wirklichkeit.

Ich bin keine Autorin mit Preis, ich bin ein Mensch mit Geschichte.

Ich liebe ehrliche Musik, rostige Herzen und kaputte Romantik. alchknd ist mein zweiter Name, mein Widerstand, mein Ventil. Dieses Buch ist kein Märchen, es ist ein Überlebensprotokoll.

Und das da auf dem Bild – das bin ich.

Mehr über mich unter www.alchknd.de

Inhalt

Cover

Titelblatt

1. Buch 1990 - 2001

Garten, Hunde, Kinderscheiß…

Maschendraht und Bruder fürs Leben

Erstes Kippenbrennen

Berliner Straße und Langfinger Joe

Sören, du warst schön..

Rote Nägel und das Schwimmbad

Pflegekind & Alkohol

Die Kacke ist am Dampfen

Kleiner Feigling & verbotene Freunde

Dope im Schatten der Kirche

Kalkofen & meine leibliche Mudda

Penner im Stadtpark

Iiiieh, du hast Scheiße am Ohr

Ein Hunderter für ne Pizza. Oder zwei. Bitte.

Freundschaft für immer.. oder so.

Der heilige Sonntag

Weißes Pulver und kleines Geld…

Säufer unter sich

2. Buch 2002-2003

Mein 12. Geburtstag und das Heim

Wo bin ich hier gelandet?

Grenzlinien…

Meine Hobbys sind Saufen, Rauchen und Musik hören…

Willkommen in der Gruppe, Scheißhaufen.

Irgendwie überleben…

Dennis ist ein Hurensohn

Tonbandkrieg

Ich muss hier raus, einfach nur weg aus dieser Scheiße

Hätte ich doch nur das Geld gehabt…

Ich ließ es auf mich zukommen

Schweine, Schlauch & Schweigen

Die Hand, die nicht da war

Home, sweet Home…

Von Schlägen, Zigaretten und den Böhsen Onkelz

Besser widerlich als wieder nicht

Letzte Kippe, erster Einbruch

Flucht, Bier und ein Müder Langfinger Joe

Der Weg zur Freiheit…?

Zweite Chance für die Bibliothek:

Wir haben sie nicht vergessen, und sie uns auch nicht.

Bier, Waffen und der Mythos der Unauffälligkeit

Das Rathaus in Landstuhl

Die Stille des Raubes

Ranzig, stinkend, fremd.

Die Hölle endet nicht am Zaun des Heims.

3. Buch 2004-2005

Ein Lkw, ein Mann und der Tod in meinen Augen

Zwischen Müll und Graffiti

Landstuhl Tag & Nacht

Unverhofft kommt oft

Rathaus, wir sind wieder da

Man gönnt sich ja sonst nichts

Hochmut, ein weiterer Einbruch und andere Fälle

Verraten und verloren

Das Beste kommt zum Schluss

4. Buch 2006

Willkommen im System.

Willkommen in der Hölle aus Beton.

Feinripp in der Hölle

Das Leben auf Pause gedrückt.

Der stille Tod von Jessica.

Meine Tür. Mein Raum.

Regeln, Macht & Resignieren.

Carlo und andere Probleme.

Der Tag danach.

Pisse und ein Happy Birthday.

Großer Alltag, kleines Glück.

Vergangenheit. Wo warst du so lange?

Die Hölle in der Hölle

Keine Chance für Christoph

Sie wollen mich umbringen !

Hexenjagd

Die Verhandlung begann…

Dann war Pause.

"Freiheit" und andere Lügen…

il carcere sotto la pelle.

EUCH reicht es???

MIR reicht es !!!

...immer an den Ort der Tat zurück.

5. Buch 2006-2008

Bürgerliches Kurzglück

Zurück in der Hölle

Ein neues Jahr

Tage später…

Doch dann war da dieser Tag.

Mit "Sicherheit" in Sicherheit.

Urheberrechte

Selbst schuld, du Schwuchtel!

Cover

Titelblatt

1.Buch1990 - 2001

5.Buch2006-2008

Urheberrechte

Selbst schuld, du Schwuchtel!

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1. Buch 1990 - 2001

Garten, Hunde, Kinderscheiß…

Maschendraht und Bruder fürs Leben

Erstes Kippenbrennen

Berliner Straße und Langfinger Joe

Sören, du warst schön…

Rote Nägel und das Schwimmbad

Pflegekind und Alkohol

Die Kacke ist am Dampfen

Kleiner Feigling & verbotene Freunde

Dope im Schatten der Kirche

Kalkofen & meine leibliche Mudda

Penner im Stadtpark

Iiiieh, du hast Scheiße am Ohr

Ein Hunderter für ne Pizza. Oder zwei. Bitte

Freundschaft für immer… Oder so…

Der heilige Sonntag

Weißes Pulver und kleines Geld…

Säufer unter sich

Garten, Hunde, Kinderscheiß…

Mein Name ist Dennis.

Ich wurde am 8. Februar 1990 in Kaiserslautern geboren. Meine ersten Lebensjahre verliefen weitgehend unauffällig. Abgesehen von ein paar typischen Kinderkrankheiten wie Scharlach, Windpocken und einem Drei-Tage-Fieber entwickelte ich mich prächtig.

Ich war ein gesundes, lebhaftes Kind, auf den ersten Blick ein ganz gewöhnlicher kleiner Junge. Nicht zu groß, nicht zu dick, mit haselnussbraunen Haaren und stahlblauen Augen, die von Erwachsenen oft als „wach“ oder „ernsthaft“ beschrieben wurden. Ich spielte draußen, lachte viel, tat all das, was Kinder in diesem Alter eben tun. Doch das war nur die Außenseite. Tief in meinem Inneren spürte ich früh, dass etwas anders war.

Ein stilles Gefühl, das sich nicht abschütteln ließ, und das ich selbst nicht ganz verstand.

Ich lebte ein scheinbar gewöhnliches Leben, und hatte ein paar wenige Freunde, mit denen ich nachmittags manchmal draußen im Wald spielte.

Meine Familie war eine typische Kleinstadtfamilie. Mein Vater, ein pensionierter Postbeamter und leidenschaftlicher Rottweilerzüchter, meine Mutter Hausfrau und ausgebildete Krankenschwester im Ruhestand. Und meine vier Schwestern Paula, Anne, Sandy und Angelique, die alle noch mit uns im großen, eigenen Elternhaus lebten.

Ich war der Jüngste von allen. Ich war sieben Jahre alt, Anne neun, Sandy siebzehn. Paula und Angelique waren bereits Mitte dreißig. Mein Vater verdiente mit seiner Beamtenpension und der Hundezucht genug, um sich alle zwei Jahre ein neues Auto leisten zu können. Wir lebten nicht im Überfluss, aber es fehlte uns an nichts, jedenfalls den meisten von uns nicht. Unser Zuhause war ein großes Mehrfamilienhaus am Waldrand.

Im Kellergeschoss wohnten Paula und Angelique. Ihre Wohnung hatte eine Terrassentür, die direkt in den Garten führte. Ideal für Sommerabende und den ersten Kaffee am Morgen.

Im Erdgeschoss lebten meine Eltern, meine Schwester Ann und ich. In der oberen Etage wohnte Sandy.

Ich hatte mein eigenes Zimmer, riesig groß für ein Kind, mit einem eigenen Balkon, der direkt über dem Garten lag. Von dort aus konnte ich alles überblicken: den Rasen, die Blumenbeete, die Hunde, und manchmal auch das Leben der anderen.

Im Garten hatte ich ein Gartenhaus, das mein Vater selbst gebaut hatte, eine Schaukel und eine Rutschbahn. Der Garten selbst war in zwei Parzellen unterteilt: Die eine war meine kleine Welt. Dort durfte ich spielen, tobte an langen Sommertagen umher, während meine Mutter ihr mühsam angelegtes Blumenbeet hegte und pflegte. In einer Ecke hatte sie sogar ein kleines, eingezäuntes Gehege für ihre griechischen Landschildkröten eingerichtet.

Die andere Parzelle, direkt daneben, war den Hunden vorbehalten. Getrennt nur durch ein paar Thuja-Bäume, die inzwischen etwa zwei Meter hoch waren, und einen Maschendrahtzaun, der mir ungefähr bis zur Brust reichte.

Dahinter konnte man hinter den Hecken noch ein großes, selbstgebautes Gartenhaus sehen, in dem zwei Rottweiler schliefen. Es war gemütlich warm darin, mit ausreichend Platz für die Hunde samt Wurfkiste für die Zucht.

Hinter dem Haus gab es noch drei weitere Zwinger, in denen jeweils ein Hund untergebracht war. Mein Vater war ein leidenschaftlicher Hundefreund. Jeden Mittwoch und Freitag fuhren wir zum Hundeplatz.

Während mein Vater mit seinen Hunden trainierte, half ich manchmal hinter der Theke und schmierte Brötchen für die anderen Vereinsmitglieder.

Ab und zu ging es auch am Sonntagmorgen los zum Fährtenlesen im Wald, wenn die Welt noch still und vom Tau überzogen war.

Trotzdem war ich anders. Ich weiß nicht, warum. Und ich weiß auch nicht, wie ich es beschreiben soll, aber mein Leben ergab für mich irgendwie keinen Sinn.

Schon als Kind hatte ich das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. In mir drin war ich anders. Ich bemerkte es zuerst im Kindergarten. Ich wollte nicht diese typischen Jungenspiele spielen. Spielzeugautos langweilten mich. Lego fand ich grob und kalt. Stattdessen beneidete ich die Mädchen um ihre Puppen, um ihre Baby Borns, um die liebevolle Selbstverständlichkeit, mit der sie Mutter spielten.

Ich wollte das auch. Ich wollte für eine Puppe sorgen, wollte Mutter sein, wollte mich kümmern, fühlen, beschützen. Doch das Problem war: Unser Kindergarten war sehr katholisch. Eine strenge Nonne leitete ihn, und sie sah es nicht gerne, wenn ein Junge mit Puppen spielte. Ein Junge durfte nicht anders sein.

Auch zu Hause achtete man auf Konventionen. Immer wieder bekam ich Spielzeugautos geschenkt. Zum Geburtstag, zu Weihnachten oder einfach so. Ich wollte sie nicht. Ich konnte nichts mit ihnen anfangen.

Irgendwann war es so viel, dass ich komplett überfordert war. Ich begann, die Spielsachen zu zerstören. Ich schmiss sie von meinem Balkon, zerlegte sie, trat auf sie ein. Ich wollte einfach nur, dass es aufhört.

Und dann waren da meine Schwestern. Ich beneidete sie. Ihre langen Haare, ihre bunten Kleider, ihre Art, sich zu bewegen, wie sie lachten.

Ich fühlte mich in meiner eigenen Kleidung fremd. Als wäre sie nicht für mich gemacht. Wie ein Faschingskostüm, das man nur kurz trägt und dann wieder ablegt. Nur dass ich es nicht ablegen konnte. Es war jeden Tag da. Es fühlte sich wie eine Lüge an.

Deshalb begann ich, Anne´s Kleidung anzuziehen. Ihre Pullover waren weicher, die Farben bunter. Ich liebte vor allem Rottöne, lila, rosa. Diese Farben gaben mir ein Gefühl von Ruhe, von Geborgenheit. Die Kleidung, die man mir aufzwang, war meist in blau oder grün gehalten: Kalte Farben, die mir nichts sagten.

Farben, die ich nicht mochte. Ich verstand nicht, warum das so war. Warum ich so war. Aber es fühlte sich für mich nicht falsch an. Ich machte kein Geheimnis daraus, dass ich die Kleidung meiner Schwester anzog.

Als meine Mutter das erste Mal davon erfuhr, lachte sie. Sie fand es niedlich, so als wäre es ein kindlicher Scherz. Doch als ich damit auch rausgehen wollte, auf den Spielplatz, in den Supermarkt, wurde es plötzlich ernst. „Du bist doch ein Junge, Denny. Du kannst so nicht vor die Tür gehen. Was sollen denn die Nachbarn denken?“ sagte sie dann.

Widerwillig gehorchte ich. Aber ich machte weiter. Suchte mir weiterhin bunte Kleidung aus dem Schrank meiner Schwester.

Anfangs versuchte meine Mutter, mir das sanft auszureden. Mit dieser ruhigen, geduldigen Art, die sie sonst hatte. Doch mit der Zeit wurde ihr Ton schärfer. Dringlicher. „Jungs tragen sowas nicht. Jungen ziehen keine Röcke an.“

Aber ich fühlte mich einfach nicht wie ein Junge. Im Kindergarten, beim Mutter-Vater-Kind-Spiel, wollte ich immer die Mutter sein. Doch die anderen Kinder lachten, schrieen: „Du kannst nicht die Mutter sein, du bist doch ein Junge!“

Aber was ist, wenn ich eben keiner war? Wenn ich keiner sein wollte? Mich hatte niemand gefragt. Und trotzdem sagte man mir ständig, was ich sein durfte und was nicht. Ich weinte oft. Besonders wenn mir wieder etwas weggenommen wurde, das für mich ganz selbstverständlich war. Etwas, das sich richtig angefühlt hatte.

Aus Verzweiflung begann ich, meine eigenen Kleider zu zerschneiden. Ich dachte, wenn ich nichts mehr zum Anziehen hatte, würden sie mir vielleicht die Kleidung meiner Schwester geben. Irgendetwas musste ich ja anziehen. Es war kindliches Denken. Logisch in meiner kleinen Welt.

Doch je mehr ich zerstörte, desto mehr neue Jungenkleidung bekam ich. Mehr Blau, mehr Grün, mehr Pullover mit Baggern, Dinos, Autos. Nichts davon fühlte sich nach mir an. Ich war gefangen. Und ich wusste nicht, wie ich mich daraus befreien konnte.

Eines Abends, nachdem ich im Garten gespielt hatte, badete mich meine Mutter. Danach war meine Schwester Anne an der Reihe. Während sie in der Badewanne saß, schlich ich mich in ihr Zimmer.

Es war Schlafenszeit für mich, aber ich wollte nicht in diesem dummen Schlafanzug schlafen gehen. Ich suchte wieder nach anderen Dingen, die ich tragen konnte. Wenigstens in der Nacht. Wenigstens für ein paar Stunden. Ich nahm mir eine wollene Strumpfhose aus ihrem Schrank und ein Minnie-Mouse-T-Shirt. Schlich danach leise in mein Zimmer zurück, zog mich um und deckte mich bis zum Hals zu, damit es keiner sehen würde.

Doch irgendwann muss ich mich im Schlaf freigestrampelt haben. Ich wachte auf, als meine Mutter an meinem Bett stand. Sie hatte meine Beine berührt, die Strumpfhose gespürt, das T-Shirt gesehen. Plötzlich schrie sie. „Denny, das ist doch nicht normal! Das sind Annes Sachen! Du bist ein Bub!“

Ich sagte leise: „Nein Mama, ich bin kein Bub.“

Doch sie widersprach. Immer wieder. „Doch! Du hast einen Penis, also bist du ein Junge. Mädchen haben sowas nicht.“ Ich antwortete:„Ich weiß, dass ich das habe. Aber es fühlt sich komisch an. Ich will das nicht haben.“

Dann geschah etwas, das ich bis heute nicht vergessen kann.

Meine Mutter sprang auf, lief in die Küche, riss den Rosenkranz von der Wand und kam zurück. Sie begann laut zu beten. „Teufel, komm raus! Lieber Gott, hilf ihm! Hilf ihm!“

Ich lag da, verstummt, voller Angst. Ich verstand nicht, was sie tat.

Ich verstand die Worte nicht. Ich verstand nur, dass ich falsch war.

Sie zog mich aus dem Bett, riss mir die Strumpfhose von den Beinen, nahm das T-Shirt weg, griff in meinen Schrank, holte einen blauen Schlafanzug heraus und zog ihn mir an.

Während sie das tat, murmelte sie immer wieder: „Das ist krank.

Das ist pervers. So etwas gibt es nicht. Du musst damit aufhören.“

Dann ging sie raus. Ich hörte, wie sie mit meinem Vater sprach. Im Wohnzimmer. Immer wieder fielen Worte wie „krank“, „abnormal,“ „nicht richtig“.

Und ab diesem Moment schämte ich mich.

Dafür, wer ich war. Dafür, wie ich dachte. Dafür, wie ich fühlte.

Eine Traurigkeit machte sich in mir breit, wie ich sie vorher nicht kannte. Keine kindliche Enttäuschung, wie wenn man im Laden keine Schokolade bekommt. Nein. Das hier war anders. Diese Traurigkeit blieb.

Und sie blieb nicht nur. Sie fraß sich fest. Und mit ihr die Sätze, die ich nie mehr vergessen werde:„Du bist krank." „So etwas gibt es nicht.“ „Teufel, komm raus."

Das war der Tag, an dem etwas in mir zerbrach.

Maschendraht und Bruder fürs Leben

Am Rand unseres Gartens stand ein hoher Maschendrahtzaun. Dahinter ragten ein paar große Bäume in den Himmel. Sie wirkten fast wie eine grüne Mauer und dienten als Sichtschutz zu den fünf alten massiven NATO-Wohnblöcken, die dahinter lagen. Ihre Farben waren trostlos. Braun und ein vergilbtes Weiß, das einmal heller gewesen sein mochte. Die Fassaden waren nicht verputzt wie bei uns, sondern mit Fliesen bedeckt. Kalt, unfreundlich, beinahe abweisend. Ich wusste nicht viel über diese Gebäude, nur so viel: Man hielt sich besser fern.

Wenn ich abends in meinem Zimmer saß und die Balkontür offenstand, hörte ich oft eine Frau schreien. Meist war es nur ein wilder, verzweifelter Schrei, begleitet von Weinen. Und wenn sie weinte, hörte man auch kleine Kinder weinen. Einmal, nur einmal, rief sie etwas, das wie Arabisch klang. Ich wusste nicht, warum sie so schrie. Erst viel später hörte ich von anderen, dass ihr Mann wieder nach Hause gekommen war, angeblich aus dem Gefängnis in Zweibrücken.

Meine Eltern sagten immer: „Halt dich davon fern!“ Und daran hielt ich mich. So, wie ich mich auch daran hielt, nicht mehr die Kleidung meiner Schwester anzuziehen. Ich hatte gelernt, dass es falsch war.

Es war in den Sommerferien nach der zweiten Klasse. Ich spielte allein im Gartenhaus, als meine Mutter plötzlich aufgelöst nach draußen rannte. Sie suchte hektisch unter Steinen, durchkämmte die Blumenbeete, blickte unter jeden Strauch, als hätte sie etwas Wertvolles verloren.

Aber es war eine Schildkröte, die fehlte. Eins, zwei, drei… fünf sollten es sein, doch eine war verschwunden. Sie musste durch ein Loch im Maschendrahtzaun geschlüpft und irgendwo zwischen den Bäumen und dem dichten Gebüsch verschwunden sein, das an die NATO-Blöcke grenzte. Also ging ich zum Zaun und begann zu suchen. Ich sah nichts, tastete mit den Augen das hohe Gras ab, lief am Zaun entlang, bis mir ein Junge auffiel, der mir auf der Seite gegenüber hinter dem Zaun entgegenkam.

Er blieb vor mir stehen, schaute mich neugierig an und fragte: „Was machst du denn da?“

Ich entgegnete ihm frech: „Ich suche eine Schildkröte. Weißt du überhaupt, was das ist?“ Er lachte, sagte ja und bot mir an, mir bei der Suche zu helfen. Schließlich war er auf der anderen Seite des Maschendrahtzauns und hatte daher bessere Chancen, sie zu finden.

Ich erfuhr, dass der Junge Johannes hieß und direkt im ersten NATO-Block ganz oben rechts wohnte. Obwohl ich anfangs etwas frech zu ihm war, schien es, als ob wir uns trotzdem gut verstanden. In dem Moment wusste ich, dass ich einen neuen Kameraden hatte. Ich fragte meine Mutter, ob ich zum Spielen zu ihm dürfe, und widerwillig sagte sie ja. „Du bist aber um 6 Uhr wieder zu Hause.“

Also gingen wir zu ihm nach Hause. Johannes lebte mit seiner Mutter, seiner etwas größeren Schwester Mareike, den zwei größeren Brüdern Peter und Fritz sowie seinem kleinen Bruder Marco in dieser kleinen Wohnung. Wie er mir erklärte, waren seine Eltern geschieden. Ich bemerkte, dass der Umgang in seinem Haus etwas rau war.

Johannes wurde von seinen großen Brüdern gemobbt. Sie beleidigten ihn ständig, boxten ihn ohne Grund, und manchmal schrie man ihn an, er solle für sie kochen oder ihnen ein Brot holen. Wir gingen in Johannes‘ Zimmer, tranken Zuckerwasser und redeten. Ich erzählte ihm von den Schildkröten, den Hunden, der Schule, und er mir von seinen Brüdern, seinen Eltern und der Scheidung. Irgendwie kamen wir ja aus unterschiedlichen Verhältnissen, aber ab diesem Tag verband uns trotzdem eine tiefe Freundschaft.

Wir gingen jeden Tag zusammen raus, spielten im Wald, bauten uns Hütten aus gesammelten Ästen, und ich versuchte, zumindest nach außen hin ein „normaler Junge“ zu sein, während ich mich innerlich versteckte.

Wir hatten viele dumme Ideen in der Zeit, in der wir uns trafen. Eine unserer dummen Ideen war es, zu rauchen, genauso wie seine Brüder zu Hause. Wir wollten erwachsen sein - und das am liebsten sofort.

Irgendwann, bevor wir uns wieder trafen, schlich ich mich an die Handtasche meiner Mutter und durchwühlte sie, was ich vorher noch nie gemacht hatte. Dabei fand dabei ein 5-Mark-Stück.

Als ich mich wieder mit Johannes traf, machten wir uns auf den Weg zu einem Zigarettenautomaten. Wir wählten eine Schachtel Camel, einfach weil uns das Kamel auf der Packung so cool vorkam. Nun standen wir da mit einer Schachtel Zigaretten, aber ohne Feuerzeug. Wir fragten Passanten, ob sie uns Feuer geben könnten, aber jedes Mal ernteten wir nur Kopfschütteln. Niemand wollte uns helfen.

Entschlossen versuchten wir es im Edeka-Markt und wollten Streichhölzer kaufen. Doch die Kassiererin sagte:„Das ist für Kinder zu gefährlich.“

Damit war unser Plan zunächst gescheitert. Wir gingen einfach weiter und überlegten, was wir nun tun sollten. Im selben Gebäude, in dem sich der Edeka befand, gab es im Keller eine Kegelbahn. Genau dort starteten wir unseren nächsten Versuch, an Feuer zu kommen - diesmal mit Erfolg.

An der Theke stand eine Frau, der wir mit ernster Miene erzählten, unsere Mutter würde draußen im Auto warten, weil der Edeka keine Streichhölzer mehr habe.

Sie habe uns hergeschickt, um zu fragen, ob man ihr vielleicht kurz ein Feuerzeug leihen könne. Die Frau zögerte kurz, dann drückte sie uns ein großes, oranges BIC-Feuerzeug in die Hand und sagte streng: „Aber bringt es mir gleich wieder!“

Innerlich mussten wir lachen. Als wir aus der Kegelbahn kamen, merkten wir, dass sie uns durchs Fenster beobachtete. Also steuerten wir eine Frau an, die gerade ihren Kofferraum mit Einkäufen belud, und taten so, als würden wir ihr das Feuerzeug geben, ganz so, als sei sie unsere Mutter. Offenbar überzeugte das die Frau an der Theke, denn ihr Blick verschwand wieder aus dem Fenster.

In dem Moment rannten wir los, halb aus Nervosität, halb vor Freude. Wir hatten es geschafft! Endlich ein Feuerzeug! Bald würden wir rauchen können. Bald wären wir erwachsen. Die Frau am Auto hatten wir nur beiläufig nach der Uhrzeit gefragt. Wahrscheinlich dachte sie, wir hätten Ärger bekommen oder müssten dringend nach Hause. Aber das stimmte nicht.

Wir rannten, weil wir frei waren. Und weil wir gleich unsere erste Zigarette anzünden wollten.

Erstes Kippenbrennen

Wir suchten nach einem Ort, an dem uns niemand stören würde, wo wir ganz für uns sein konnten. Da kam uns die Idee, auf das Dach der Grundschule zu klettern. In der warmen Nachmittagsröte der Sonne - es war etwa 16 Uhr - saßen wir auf dem gefliesten Vordach der Theodor-Heuss-Grundschule und zündeten unsere erste Zigarette an.

Wir pafften gemeinsam, aber wussten tief drinnen, dass wir es falsch machten. Dann hatte Johannes einen Einfall. „Stell dir vor, deine Mutter kommt jetzt und erwischt dich dabei. Nimm einen Zug und atme tief ein, als würdest du dich richtig erschrecken.“ Ich tat, was er sagte, und plötzlich brach der schlimmste Hustenanfall über mich herein, den ich je erlebt hatte. Mein Hals brannte, als würde er in Flammen stehen, und ich musste fast weinen. Als es halbwegs besser wurde und ich sah, dass Johannes es kaum besser erging, fiel mir die Zigarette aus der Hand.

Aus dem Kratzen in meinem Hals und dem Husten wurde ein unkontrollierbarer Lachkrampf. Auch Johannes fing an zu lachen, als es ihm langsam besser ging. Und in diesem Moment waren wir stolz. Stolz auf uns, weil wir es geschafft hatten, ein kleines Stück erwachsener zu werden. Wir waren ja auch schon 10 Jahre alt!

Zuhause war alles wie immer: Ich saß in meinem Zimmer, das mit grauer Raufasertapete tapeziert war, drehte den Lautstärkeregler meiner kleinen Stereoanlage auf und zog mich in mich selbst zurück. Heute hatte ich viel gelacht, war fast an meinem ersten Lungenzug erstickt, aber trotzdem hatte ich Spaß.

Oder zumindest dachte ich das. War es wirklich Spaß?

Eigentlich nicht. Viel lieber hätte ich mir die Nägel lackiert wie meine Schwester, oder wäre mit Freundinnen zusammen, und würde von den Jungs der Backstreet Boys schwärmen, so wie es andere Mädchen taten.

Aber so war es nicht. Stattdessen saß ich in meinem Zimmer und nahm alles hin. Und während ich da saß, spürte ich diese innere Leere, dieses Gefühl, in mir selbst gefangen zu sein. Doch nach außen hin tat ich so, als wäre alles in Ordnung. Ich war froh, wenigstens Johannes zu haben, jemanden, der mit mir durch dick und dünn ging, auch wenn ich wusste, dass er nie wirklich sehen würde, wer ich wirklich war. Sollte ich es ihm sagen? Sollte ich ihm erzählen, wie ich wirklich bin?

Die Gedanken wirbelten in meinem Kopf, doch ich wusste, was er von seiner Schwester hielt. Und wenn er je merkte, dass ich mehr Mädchen als Junge war, vielleicht würde er mich dann auch nicht mehr mögen. Also versuchte ich, mich anzupassen.

Unbewusst, um nicht aufzufallen. Und bewusst, um zu verdrängen, dass ich ohne Anpassung niemals wirklich akzeptiert werden würde. Denn die Reaktionen meiner Eltern hatten mir schon längst gezeigt, dass ich nicht das war, was sie als „normal“ betrachteten..

Apropos „normal“: In meiner Nachbarschaft schien niemand wirklich normal zu sein. Links neben uns wohnten Amerikaner, doch es war nie ganz klar, welche genau, weil ständig neue Familien einzogen. Ich hatte das Gefühl, dass alle sechs Monate eine neue amerikanische Familie dort wohnte, je nachdem, welche Einheit gerade auf der Air Base stationiert war, und welche zurück in die USA ging.

Gegenüber von unserem Haus wohnte die Familie Kettler und direkt daneben sttand dann noch die „Villa Kunterbunt“. Ein riesiges Haus, das diesen Namen wirklich verdiente. Die Balkone, die das Haus in alle Himmelsrichtungen schmückten, waren in den grellsten Farben angestrichen.

Es war direkt am Waldeingang, wo mein Vater immer mit den Hunden spazieren ging, und an dem ich jeden Morgen auf dem Weg zur Grundschule vorbeikam. In diesem bunten Haus lebte die Familie Mund, eine wohlhabende Arztfamilie mit sehr verwöhnten Kin-dern, deren Wünsche von ihren Eltern scheinbar immer sofort erfüllt wurden, ohne dass sie sie überhaupt laut aussprechen mussten.

Die Kinder hießen Malte, Manuel, Larissa und Dayita. Später kam noch ein Kasper dazu. Was mich damals besonders erstaunte, war, dass Dayita eine andere Hautfarbe hatte als die anderen, aber in der Grundschule dachte ich nicht viel darüber nach. Ich hatte Manuel in meiner Klasse, und er war einer dieser Streber, die immer alles wussten und bei den Lehrern besonders beliebt waren.

Ich weiß nicht, ob man ihn bevorzugte, weil sein Vater ein einflussreicher Arzt war, der im Rehazentrum arbeitete, oder ob Manuel sich wirklich einfach für alles interessierte, und es mit den Lehrern gut meinte.

Ich war eigentlich nie wirklich mit ihm befreundet, doch zu meinem Erstaunen war er bei den anderen Kindern sehr beliebt. Irgendwo war ich ein bisschen neidisch auf ihn, vor allem, wenn er nach den Sommerferien erzählte, in welches exotische Land sie wieder geflogen waren: „Afrika hier, Indien da…“ Für mich war das immer nur das Gelaber von überheblichen Snobs, die nie wirklich wussten, was es hieß, sich etwas zu erarbeiten. Ich interessierte mich nicht für ihre teuren Reisen und ihre geschwätzigen Erlebnisse.

Die Zeit verging, und endlich hatte ich Geburtstag. Ich hatte so lange auf die 8 gewartet und freute mich riesig, weil ich wusste, es gibt Käsekuchen und Torte. Als ich morgens aufstand, wurde ich von meiner Mutter und meinem Vater überrascht: Sie drückten mir ein riesiges Paket in die Hand und wünschten mir alles Liebe und Gute zum Geburtstag.

Ich bekam von meiner Mutter einen dicken Schmatzer auf die rechte Wange und von meinem Vater einen starken Händedruck. Voller Vorfreude ging ich ins Wohnzimmer und packte das Geschenk aus.

Es war sehr aufwendig verpackt, mit tollem roten Geschenkpapier und vielen bunten Schleifchen. Es tat mir schon fast etwas leid, als ich es unsanft aufriss, und die schöne Verpackung dabei kaputtmachte.

Zu meiner Ernüchterung war darin eine Lego-Polizeistation, die man selbst zusammenbauen musste. Ich freute mich zwar über das Geschenk, aber eine Polizeistation? Mit Polizeiautos und Motorrädern? Ich war etwas betrübt, weil ich wusste, dass meine Schwester immer ihre tollen Puppen und schöne rosa Schuhe bekam, und ich bekam eine Polizeistation.

Es war nicht alles: Von Paula bekam ich ein Brettspiel „Labyrinth“ und eine Karte mit 20 DM darin.

Meine Schwester Anne umarmte mich, und dann gab es das, worauf ich mich schon eine Woche vorher so gefreut hatte: Käsekuchen.

Mit Angelique verstand ich mich nicht mehr so gut, und auch mein Geburtstag war von einem Schatten überzogen, denn ich hatte Mist gebaut. Ich hatte mich heimlich runter in die Wohnung von Angelique und Paula geschlichen. Als es schien, dass niemand zuhause war, ging ich in Angeliques Zimmer und fand eine Schachtel Marlboro Light. Das Zimmer roch sowieso nach Rauch, und ich dachte mir nichts dabei, mir eine Zigarette anzuzünden, ein- oder zweimal daran zu paffen und dann wieder raus-zugehen. Also tat ich das.

In dem Moment, als ich mir die Zigarette anzündete, hörte ich plötzlich, wie unten die Tür aufging. Paula war nach Hause gekommen. Panik durchzuckte mich.

Zum Glück war Angeliques Zimmertür zu! Ich schnippte die Zigarette hastig unters Bett, mein Herz hämmerte in der Brust, während ich mich leise aus dem Zimmer stahl und wieder nach oben schlich, als wäre nichts gewesen. Zehn Minuten später hallte Paulas Stimme durch das Haus:„Es brennt! Es brennt!“

Meine Eltern stürmten die Treppe hinunter. Ich folgte ihnen, unsicher, ob ich tun sollte, als wüsste ich von nichts - oder gleich gestehen…?

Dichter, beißender Rauch quoll aus Angeliques Zimmer, ein widerlicher Gestank von verbranntem Schaumstoff lag in der Luft. Als Paula die Tür öffnete, war das Zimmer in dichten, weißen Nebel gehüllt, wie ein Albtraum in Zeitlupe. Mein Vater rannte los, holte einen Eimer Wasser und kippte ihn über das, was man zuerst für ein richtiges Feuer hielt. Doch es war nur ein großes, schwarzgerändertes Loch mitten in der Matratze… glühend, verkohlt, tief eingebrannt. Die Glut hatte sich langsam durch den Schaumstoff gefressen, fast lautlos.Als der Rauch sich allmählich verzog, riss man im ganzen Haus die Fenster auf. Es wurde gerätselt. Paula rauchte nicht. Angelique war gar nicht zu Hause, sie war noch bei der Arbeit. Wer hätte also etwas in ihrem Zimmer anzünden sollen?

Ich sagte nichts. Ich wollte nichts sagen. Doch dann passierte es: Als ich die Hände in meine Hosentaschen steckte, spürte ich es schon. Und bevor ich noch reagieren konnte, fiel es völlig unschuldig zu Boden, das orange BIC-Feuerzeug.

Genau das, das Johannes und ich in der Kegelbahn ergaunert hatten. Es lag da, als würde es mich auslachen. Und plötzlich war alles klar. Ich gestand. Sagte, ich hätte nur mal probieren wollen. Nur eine Zigarette. Die Reaktion meiner Eltern ließ nicht lange auf sich warten. Für meine Ehrlichkeit gab's nichts als Schläge. Ich bekam den Hintern versohlt und musste eine Stunde in der Ecke der Küche stehen, mit dem Gesicht zur Wand, so wie damals, wenn ich ein Spiel-zeugauto zerlegt hatte oder mal wieder frech gewesen war. Hausarrest bekam ich obendrein. Aber immerhin, in einer Woche hatte ich Geburtstag. Und insgeheim hoffte ich, dass bis dahin alles Gras über die Sache gewachsen war.

*

Mein Geburtstag war vorbei, und ich war immer noch etwas enttäuscht darüber, dass man mir eine Lego-Polizeistation schenkte. Wenn es auch nicht das war, was ich mir unter einem Geburtstagsgeschenk vorgestellt hatte, freute ich mich dennoch darüber, und beschäftigte mich damit.

Mein Hausarrest war, wie erwartet, an diesem Tag vorbei. Kaum war ich frei, machte ich mich auf den Weg zum ersten NATO-Block in der Straße hinter unserem Garten.Ich klingelte oben links, wie immer, wenn ich was wollte. In der Tasche hatte ich 20 Mark, und die sollten nicht einfach so verpuffen.

Dieses Mal wollte ich sie sinnvoll „investieren,“ also mit Johannes eine Schachtel Zigaretten kaufen und endlich wieder eine rauchen. Es fühlte sich fast an wie ein kleiner Triumph: Hausarrest überstanden, Nikotin verdient. Johannes schlug vor, dass wir im Edeka noch Süßigkeiten kaufen. Außerdem wollte er etwas Alkohol besorgen, zum Anstoßen, denn durch seine Brüder, die regelmäßig tranken, kam er immer irgendwie an sowas ran.

Für rund zehn Mark deckten wir uns mit Kram ein: Brause, saure Würmer, Schokolade, irgendwas Knuspriges. Danach machten wir uns auf den Weg zurück zu ihm nach Hause. Es war schon später Nachmittag, aber weil ich Geburtstag hatte, durfte ich eine Stunde länger draußen bleiben.

Ich wartete bestimmt zehn Minuten vor dem vergilbten NATO-Block, bevor ich Johannes durch das Milchglas im Treppenhaus herunterkommen sah. Als er herauskam, lachte er mich an, und deutete mit seinen Händen unter der Jacke an, dass er da etwas versteckt hielt.

„Komm, lass uns gehen“, sagte er, und wir gingen an der „Villa Kunterbunt“ vorbei in den Wald hinein.

Als wir außer Sichtweite der Häuser waren, zeigte er mir, was er unter seinem Pullover versteckt hielt. Er zeigte mir eine Flasche Wodka und eine kleine Plastikflasche mit Orangensaft. „Die hab ich von meinem Bruder geklaut“, sagte er lächelnd, und wir begannen, etwas vom Orangensaft zu trinken und nach und nach die immer leerer werdende Flasche mit Wodka zu füllen.

Ich muss zugeben, ich war sehr betrunken. Bis auf zwei Flaschen Radler, die ich an Silvester mal meinen Eltern geklaut und heimlich in meinem Zimmer getrunken hatte, hatte ich noch keine Erfahrung im Umgang mit Alkohol gesammelt.

Ich merkte nur, es ging alles sehr schnell, und die wenigen Schlucke, die ich trank, machten mich ziemlich benebelt. Ich trank, weil es etwas ganz Neues war. Ich war noch sehr jung, aber es gab mir das Gefühl, irgendwie in meinem Herzen etwas freier zu sein, als wenn ich nicht getrunken hätte.

Johannes war auch ziemlich schnell betrunken. Man merkte es ihm an, dass er mit dem Wodka echt überfordert war, aber er trank, was das Zeug hielt.

Ich dachte keinen Moment daran, dass es uns schaden könnte, auch nicht, dass Johannes ein ganzes Jahr jünger war als ich. Ich genoss meinen Rausch, und der Rest war mir für den Moment ziemlich egal.

Als es dunkler wurde, mussten wir aus dem Wald rausgehen. Ich mochte den Wald, hatte aber schon immer Angst im Dunkeln. Die knackenden Äste, die raschen Bewegungen der Rehe, die meterweit im Dickicht stehen und erschrocken abhauen, wenn sie Gefahr spüren, die Eulen, die ihre Aufmerksamkeit bekunden… Johannes und ich hatten die Flasche Wodka nicht leer getrunken. Auf dem Heimweg versteckten wir die halbe Flasche hinter einem Baum und deckten sie mit Blättern ab. Vor dem Waldeingang rauchten wir noch eine letzte Zigarette, bevor wir beide angeheitert nach Hause gingen.

*

Ich klingelte gegen 21 Uhr an meiner Haustür und versuchte, so nüchtern wie möglich zu wirken. Meine Mutter machte mir die Tür auf und fragte, wo ich war. Aber ich antwortete nur, dass ich zu viel Kuchen gegessen hatte, und ging direkt in mein Zimmer. Ich versuchte dabei, die ganze Zeit auf den Boden zu schauen, damit man mir nicht ansah, dass ich getrunken hatte. Ich redete mit dem Gesicht zum Boden, damit man den strengen Wodkageruch nicht roch.

Und Gott sei Dank, es fiel nicht weiter auf. Dadurch, dass ich mittwochs und freitags abends mit meinem Vater immer auf dem Hundeplatz war, wusste ich, wie ich mich zu verhalten hatte, denn im Vereinsheim in Landstuhl floss der Alkohol an manchen Nächten echt in Strömen.

Ich wartete ein paar Minuten, bevor ich mich ins Badezimmer schlich. Meine Eltern saßen beide noch vor dem Fernseher. Ich putzte mir die Zähne, immer wieder, und sprühte mich zum Schluss mit dem besten Eau de Toilette meiner Schwester ein. Ich wollte nicht gut riechen, auch wenn ich den Duft von Rosen sehr mochte, aber in diesem Moment wollte ich einfach nur nicht nach Alkohol riechen.

In meinem Zimmer schaltete ich meine kleine Stereoanlage ein und legte meine Lieblings-CD ein:‚The Marshall Mathers‘ LP von Eminem.

Ich verstand damals nicht alles, was er da rappte, nicht jedes Wort, nicht jeden Zusammenhang. Aber das, was zwischen den Zeilen lag, spürte ich. Wut, Schmerz, Einsamkeit. Ich ließ die Beats durch meinen Körper vibrieren, und versuchte, über die Melodien zu begreifen, was dieser Mann da rausbrüllte, als würde er etwas in sich tragen, das er nicht anders loswurde.

Ich schloss die Augen und sah mich auf einer Bühne stehen, mit langen blonden Haaren, langen, schlanken Beinen und meinen stahlblauen Augen… Im Publikum Menschen, die mich bejubeln, die meine Musik mögen, aber vor allem Menschen, die mich akzeptieren, als Frau.

*

Ich war in der 3. Klasse und die Versetzung stand an. Meine Noten waren weder besonders gut noch besonders schlecht. Ich bewegte mich irgendwo im unteren Mittelfeld. Also wurde ich ohne großes Aufsehen in die 4. Klasse versetzt. Zwei Kinder hatten weniger Glück: Ebur, ein stilles türkisches Mädchen, das immer ganz hinten saß und kaum ein Wort sagte. Und Viktor, der erst im letzten Halbjahr neu zu uns gekommen war. Er sprach noch nicht gut Deutsch, wirkte oft verloren, als würde er den Faden nie ganz erwischen. Beide mussten die Klasse wiederholen.

In meiner Klasse bei Herrn Bauer war alles ganz okay. Ich hatte zwar nicht viele Freunde, aber ich hatte Johannes und freute mich darauf, nach der Schule mit ihm durch die Straßen zu ziehen. Um 12:20 Uhr war gewöhnlich die Schule aus, und ich lief die Straße hoch nach Hause. Daheim machte ich fix meine Hausaufgaben,

Nach dem Essen hielt mich nichts mehr drinnen. Ich ging direkt raus. Es war einer dieser drückend warmen Tage, an denen der Asphalt flimmert und die Luft wie in Watte gepackt wirkt. Wie so oft wartete Johannes schon am Waldeingang. In seiner Hosentasche klimperten drei Mark, und wir standen eine Weile herum, überlegend, was wir mit dem kleinen Schatz anfangen könnten.

Schließlich kam Johannes mit leuchtenden Augen auf die Idee, bei Edeka Plastiksoldaten zu kaufen. Diese kleinen grünen Figuren mit Helmen und Waffen. Damit könnten wir im Wald Krieg spielen. Ein Spiel, das keiner erklärte, aber wir beide sofort verstanden.

Na gut, es war für mich nicht sonderlich schön, mit Spielzeug zu spielen, das männlicher nicht sein konnte, aber ich wollte mich nicht verraten und dachte mir, ich mache es einfach mit. Ich hätte ja schlecht sagen können: „Nein, lass uns die Mädchenbravo kaufen und wir teilen uns die Freundschaftsringe darin.“

Ich kniff also die Augen zusammen und lief mit Johannes zu Edeka, um Plastiksoldaten zu kaufen. Er wusste er direkt, wo er sie fand, und wir gingen danach auch direkt zur Kasse und bezahlten.

Es war klar, dass wir in den Wald gingen. Nicht nur, weil es unser Standardtreffpunkt war, sondern auch, weil die Schatten der Bäume uns eine angenehme Kühle boten, die wir zum Beispiel auf dem geteerten Dach der Grundschule nicht gehabt hätten.

Wir liefen einen einfachen Pfad entlang, der parallel zur Straße verlief, in der ich wohnte. Wir konnten die Häuser von hinten sehen, die Villa Kunterbunt, das Haus von Herrn und Frau Kettler, wir konnten jedem aus dem Wald heraus in den Garten schauen. Aber deshalb waren wir nicht hier. Wir waren gekommen, um den Dritten Weltkrieg auszutragen.

Nicht zwischen Russland und China oder Deutschland und Amerika, sondern zwischen grünen und schwarzen Plastiksoldaten. Sie standen da wie Schachfiguren auf dem Waldboden, stumm und bereit, für unseren kindlichen Größenwahn zu sterben. In unseren Köpfen tobte eine Schlacht, größer als jede, die je wirklich geschlagen wurde, und wir waren die Generäle, die Götter mit schmutzigen Knien, die in der Nachmittagssonne über Plastik-Leben und Plastik-Tod entschieden.

.

Für mich war das Spiel eigentlich ziemlich langweilig, aber ich machte mit, Johannes zuliebe. Meinetwegen starben viele Figuren, manchmal gleich mehrfach, ohne dass es mich wirklich berührte. Johannes merkte wohl, dass ich nicht wirklich bei der Sache war. Dann hatte er plötzlich eine Idee, die das Spiel für mich spannender machen sollte.

„Ich hab ein Feuerzeug, das ich von meinem Bruder geklaut habe“, sagte er mit einem grinsenden Blick, der ein bisschen die Aufregung von „etwas Verbotenem“ in sich trug.

Ich sah ihn fragend an, und er fügte hinzu: „Lass uns spielen wie in echt, mit Feuer, brennenden Häusern und so.“

Gemeinsam fingen wir an, aus Ästen und Stöckchen kleine Häuser und Kasernen zu bauen. Die Flammen züngelten schneller als erwartet, als wir das erste Stöckchen anzün-deten und die kleinen Bauwerke Feuer fingen.

Es sah aus, als würde der Krieg in dieser Miniaturwelt plötzlich wahr werden. Das Feuer fraß sich durch das Holz, ließ das kleine Häuschen zusammenbrechen und begrub den grünen Plastiksoldaten mit dem Scharfschützengewehr unter sich.

Ich beobachtete fasziniert, wie mein eigenes, sorgsam gebautes Haus in den Flammen verschwand, und plötzlich fühlte es sich an, als hätte ich mehr zerstört, als ich geschaffen hatte. Ein seltsames Gefühl, als könnte ich die Welt formen, sie dann aber nicht mehr kontrollieren. So war es irgendwie immer mit dem Feuer, wie mit allem anderen auch: Du nimmst dir, was du willst, aber du weißt nie, wie schnell es wieder verglimmt und alles, was übrig bleibt, nur noch Asche ist.

Der Krieg war noch nicht richtig zu Ende, da bemerkte ich, dass das umliegende Laub Feuer fing. Es verbreitete sich schneller, als ich je für möglich gehalten hätte. In Panik versuchten Johannes und ich, das Feuer auszutreten, aber es ging alles viel zu schnell. Unsere Füße traten wild auf den Boden, doch mit jedem Schritt schien sich die Glut weiter zu verbreiten. Ich hatte das Gefühl, dass der ganze Wald, der bis eben noch grün und ruhig war, plötzlich in Flammen stand. Ich wusste nicht mehr, was ich tun sollte. Die Flammen züngelten an den Bäumen und ich spürte, wie der Boden unter mir heißer wurde.

„Scheiße, was haben wir getan?“schrie ich, während ich versuchte, in den Rauch zu atmen, der mir die Kehle zuschnürte. Johannes drehte sich panisch um und rannte weg. Ich blieb für einen Moment stehen, halb gelähmt vor Angst. Es fühlte sich an, als ob die Welt um mich herum in Flammen stand.

Doch dann begriff ich: Ich musste Hilfe holen. Ich rannte aus dem Wald, das Adrenalin schoss durch meinen Körper.

Alles, was ich wollte, war, diesen Alptraum zu stoppen. Ich klingelte an der Tür der Villa Kunterbunt, meiner letzten Hoffnung. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis jemand öffnete. Als die Tür schließlich aufging, blickte ich in das Gesicht einer Frau. „Was ist denn mit dir passiert?“ fragte sie mit dem Blick einer besorgten Mutter.

Ich stammelte: „Der Wald brennt! Rufen Sie die Feuerwehr!“ Sie schaute mich lange an, und ich konnte den Zweifel in ihren Augen sehen. „Das ist doch Unsinn“, sagte sie schließlich und wollte die Tür schließen.

Doch dann sah sie etwas, das sie nicht ignorieren konnte. Eine dicke Rauchwolke stieg hoch in den Himmel, und sie konnte es nicht mehr leugnen. Ihre Miene veränderte sich sofort, und ohne ein weiteres Wort rannte sie zurrück ins Haus, zu ihrem Telefon, von wo aus sie die Feuerwehr anrief.

Völlig verzweifelt rannte ich zurück in den Wald, um zu sehen, ob sich das Feuer weiter ausbreitete. Ich konnte die dicken schwarzen Rauchschwaden sehen, die sich immer weiter in die Luft schlängelten.

Inzwischen hatten auch einige Nachbarn, die am angrenzenden Wald wohnten, bemerkt, dass hinter ihren Häusern die Hölle auf Erden ausgebrochen war. Ich sah sie mit Spaten und Schneeschaufeln bewaffnet durch die Gärten in den Wald rennen, verzweifelt versuchend, die Flammen zu löschen. Aber es war, als ob sie gegen die Natur selbst kämpften. Die Gartenschläuche, die sie holten, waren zu kurz, als dass sie die verheerenden Flammen hätten löschen können.

Der Wald brannte, und ich stand da, völlig hilflos und nur ein stiller, angstzitternder 9jähriger Beobachter. Die Hitze war unerträglich, und ich sah, wie Dutzende Nachbarn, schweißgebadet und erschöpft, versuchten, ein Feuer zu bekämpfen, das bereits so groß war wie ein Fußballfeld.

Ich fühlte mich wie der letzte Mensch auf der Welt, als mir auffiel, dass Johannes einfach weggerannt war, als der Brand ausbrach. Er hatte niemandem geholfen.

Er war davongelaufen, ohne an die Konsequenzen zu denken. Ich hörte schon die Sirenen der Feuerwehr und irgendwie war ich ein wenig erleichtert. Sie waren da, um zu helfen, um die flammende Katastrophe zu stoppen, die Johannes und ich verursacht hatten.

Doch meine Erleichterung hielt nicht lange an.

Ich lief nun auch davon, ohne Ziel, einfach weg. An den NATO-Blöcken vorbei, an der Kreuzung unten, an einem Kiosk vorbei, bis ich schließlich in einer Nebenstraße stehen blieb, völlig erschöpft.

Der Schweiß tropfte mir von der Stirn, mein Atem war flach, und der Schock saß tief. Tränen stiegen mir in die Augen, als mir die ganze Tragweite dessen klar wurde, was wir angestellt hatten. Ich wusste, dass wir dafür verantwortlich waren, Johannes und ich. Doch ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken, wo er sich nun aufhielt. Ich war noch nicht einmal sicher, ob er noch im Wald war. Die Gedanken wirbelten in meinem Kopf.

Plötzlich fühlte ich eine Hand auf meiner linken Schulter. Ich zuckte zusammen, und drehte mich erschrocken um. Ein älterer Mann stand hinter mir, ein besorgter Ausdruck auf seinem Gesicht. „Was ist passiert? Warum bist du so außer Atem?“ fragte er. Ich erklärte ihm, was passiert war. „Ich und mein Freund, wir haben Krieg gespielt… wir haben mit Feuer gespielt…“, stammelte ich, während ich versuchte, meine Tränen zu unterdrücken. „Wir haben das Feuer gemacht, und plötzlich stand der ganze Wald in Flammen.“ Der Mann schaute mich erschrocken an, aber zu meiner Überraschung wurde er nicht wütend.

Statt dessen überlegte er kurz und sagte dann: „Lass uns die Polizei rufen. Du musst ihnen sagen, was passiert ist. Es war ein Unfall, dir wird keiner böse sein.“

Ich blickte ihm mit meinen verweinten Augen in das Gesicht. Meine Beine zitterten, und ich hatte Angst. Angst, ins Gefängnis zu kommen, Angst, dass wir Menschen verletzt oder sogar getötet hatten. Doch der Mann war ruhig und verständnisvoll. Ich nannte ihm meinen Namen und meine Adresse, während meine Hände zitterten.

Er nahm mich bei der Hand, und wir warteten zusammen, bis die Polizei eintraf. Es dauerte nicht lange, bis der grüne Kombi der Polizei an der Ecke auftauchte. Ich spürte, wie sich alles in mir zusammenzog, als ich die Polizisten aussteigen sah. Sie sprachen kurz mit dem Mann, und nach einer Weile kam einer der Polizisten auf mich zu. „Komm, Junge, wir bringen dich erstmal nach Hause“ sagte er.

Ich stieg in das Polizeiauto, stumm und regungslos. Die Fahrt fühlte sich wie eine Ewigkeit an. Ich konnte kaum atmen, mein Herz schlug wild, doch ich sagte kein Wort. Als wir vor meinem Haus hielten, dachte ich, dass es keinen Weg mehr zurück gab. Der Polizist klingelte an der Tür.

Meine Mutter öffnete, völlig überrascht und ein wenig beunruhigt. „Was ist denn passiert?“ fragte sie. Doch dann, als sie den Rauch im Wald sah, wurde ihr Gesicht schlagartig blass. Die Beamten erklärten ihr ruhig, was passiert war, während mein Vater langsam hinzukam. Sein Blick war so streng, dass mir sofort klar war, wie peinlich es ihm war, dass sein Sohn irgendwie in den Brand verwickelt war. Mein Herz raste. Ich wusste, dass es jetzt vorbei war. Die Beamten fuhren weg, und ich stand da, völlig allein mit meinen Eltern, die mich wortlos anschauten. Die Stille war ohrenbetäubend. „Oh lieber Gott, lass die Polizei mich mitnehmen“, betete ich innerlich, doch es half nichts. Mein Vater schaute mich nur an, und ich konnte die Enttäuschung in seinen Augen sehen.

Schließlich gingen sie zur Seite, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, sodass ich ins Haus gehen konnte. Ich trat ein, und in meinem Inneren war alles wie erstarrt. Der Boden unter mir fühlte sich wie der Abgrund an. Noch nie hatte ich so eine Angst empfunden wie in diesem Moment.

Kaum waren wir drinnen, schrie meine Mutter mich an: „Junge, was hast du getan?“ Ich stotterte ihr entgegen:„Wir… wir haben Krieg… Krieg gespielt… un… und dann hat alles gebrannt“ und fing an zu weinen.

„Geh in dein Zimmer“, sagte mein Vater, und ich ging wortlos in mein Zimmer. Ich schaute auf meinem Balkon, ob ich von da aus den Rauch aus dem Wald sehen konnte, aber ich sah nichts mehr. Man roch es nur noch. Ich hörte meine Eltern diskutieren und streiten, aber es war mir egal. In diesem Moment bemerkte ich nur, dass meine Schuhsohlen völlig verkohlt waren, dass meine Hände ganz schwarz waren, und dass ich fürchterlich nach Verbranntem roch. So wie der Schornsteinfeger, der immer in unser Haus kam, um den Kamin zu reinigen.

Ich wartete einige Stunden, hörte leise Musik von Eminem, und ging schließlich ins Badezimmer, um mich zu waschen und umzuziehen.

*

Am nächsten Tag ging ich normal zur Schule. Niemand hatte darüber gesprochen, und ich redete auch mit niemandem darüber. Ich war ganz in mich gekehrt. Nach der Schule wollte ich rausgehen, ich wollte zu Johannes und ihn fragen, wo er war und was passiert ist, aber ich hatte die nächsten Wochen Hausarrest.

Es vergingen zwei Wochen, und ich versuchte, mich zu benehmen, meine Hausaufgaben zu machen und nach dem Essen brav das Geschirr abzuspülen. Und dann, endlich, durfte ich rausgehen. Ich ging zu den NATO-Blöcken, wo Johannes wohnte und klingelte.

Seine Schwester Mareike kam runter. Sie war sehr kräftig und lächelte schelmisch. Sie sprach: „Du und der Johannes, ihr habt den Wald abgefackelt, hä?“

Ich sagte ihr, dass wir nur gespielt hätten. Dann kam Johannes endlich runter und wir liefen zur Schule und kletterten wieder auf das Dach.

Er fand es lustig, was passiert war, und verstand meinen Schock nicht. Aber er erklärte mir auf dem Weg zur Schule, dass er auch nur Angst hatte und nicht gewusst hatte, was er tun sollte. Er sagte mir, dass er die ganze Zeit am Küchenfenster stand und die Feuerwehrleute beobachtet hatte, wie sie das Feuer löschten, und von dem Artikel, der in derselben Woche im lokalen Wochenblatt beschrieben war:„Kinder verursachen Großeinsatz der Landstuhler Feuerwehr.“

Und irgendwie hatte es mich damals echt stolz gemacht, dass man im Wochenblatt über mich schrieb.

Es kam wieder Routine in unser Leben. Der Brand war vorbei, und die Welt drehte sich weiter. Nur auf Krieg spielen hatte ich keine Lust mehr. Wir verbrachten die Zeit mit Rauchen und tummelten uns hier und da auf der Atzel herum und schlugen die Zeit tot.

Berliner Straße und Langfinger Joe

Durch Zufall gingen wir eines Tages durch den Wald und kamen auf der anderen Seite des Stadtteils heraus - an der Berliner Straße, die dafür berüchtigt war, dass 90 Prozent der Einwohner Russen waren. Die Wahrzeichen dieses Stadtteils waren vier riesige, 20-stöckige Hochhäuser, die man sogar von unten aus der Stadt sehen konnte.

Während wir uns die Langeweile vertreiben wollten, kamen wir an ein Reihenhaus, dessen Garten riesig war. Der Rasen war gemäht, Dutzende Bäume auf der Wiese spendeten Schatten und bestimmt 50 Balkone blickten auf den Garten herab - aber der Garten war dennoch leer. Johannes und ich kletterten über ein niedriges Gitter und sprangen eine kleine Mauer herunter, sodass wir in diesen Garten kamen.

Wir tobten uns auf der Wiese aus. Wir spielten Fangen und Verstecken, rauchten hinter einer großen Tanne eine Zigarette nach der anderen und tobten weiter.

Nach etwa einer Stunde öffnete sich im Kellergeschoss die Balkon-tür, und ein großer, schlanker Mann mit Dreitagebart rief uns zu sich. Er war wirklich riesig, etwa 1,80 m, und sprach mit pfälzischem Dialekt. Er brachte ein paar Sprachfehler, wahrscheinlich, weil ihm die Hälfte seiner Zähne fehlte.

Es war genau die Stelle mit dem Geländer, an der wir herunter gehüpft waren, die mit der kleinen Mauer. Wir rechneten schon mit richtig viel Ärger, weil wir da ja nicht sein durften. Doch als wir langsam in Richtung des Mannes gingen, stellte sich heraus, dass er uns Schaumküsse geben wollte.

Johannes und ich waren immer sehr vorsichtig bei Fremden.

Dieser Mann humpelte seltsam, und er hatte sich offenbar schon seit Tagen nicht gewaschen. Aus der Kellerwohnung strömte ein übler Verwesungsgeruch nach draußen.

Wir lehnten die „Mohrenköpfe“ (heute würde man wohl „Schaumküsse“ sagen) ab und spielten lieber weiter auf der riesigen Wiese. Später, als wir uns wieder zum Rauchen unter der großen Tanne ausruhten, überlegten wir, warum der Mann uns wohl Süßigkeiten geben wollte. „Das ist doch bestimmt ein Kinderficker,“ meinte Johannes.

Wir spannen unsere Theorien, warum der Typ uns wirklich Süßigkeiten angeboten und zu sich gerufen hatte. Schließlich kamen wir zu dem Entschluss, dass wir besser verschwinden sollten – es war uns unheimlich. Wir liefen zurück, den Weg entlang, an seinem Balkon vorbei, und kletterten wieder das Geländer hoch. Der Mann war in seiner Wohnung, und durch das große Fenster konnten wir sehen, dass er auf seinem Bett saß und in einen kleinen Fernseher starrte.

Vor der Tür, auf der Fensterbank, lag die Schachtel mit Schaumküssen. Wir entschieden uns, sie mitzunehmen. Als wir oben am braun lackierten Metallgeländer standen, bemerkten wir, dass die Schachtel schon geöffnet war.

Zwei Stück von den Dingern fehlten. Sofort kamen wir wieder auf unsere Theorie zurück: Der Typ war bestimmt ein Kinderficker, der uns vergiften wollte.