4,99 €
Es beginnt wie ein Albtraum: Ein junger Mann wacht in einer Kapsel auf, aus der er sich nur mit unglaublicher Anstrengung befreien kann. Als er die Kapsel endlich verlassen kann, entdeckt er, dass er das einzige Lebewesen in einem riesigen Raum ist. Sonst ist der Raum nur mit weiteren Kapseln gefüllt, die genau so aussehen wie die, aus der er entkommen ist. Er reißt seinen ganzen Mut zusammen und versucht, aus dem Raum zu entkommen. Die Flucht aus dem Raum gelingt ihm zwar, aber die Bedrohungen, die ihm dann außerhalb des Raumes begegnen, werden immer größer. Es scheint unmöglich zu überleben. Mit übermenschlicher Kraftanstrengung gelingt es ihm, in eine ihm unbekannte Stadt zu entkommen, in der alle Menschen gleich aussehen auch wie gleichgeschaltet agieren. Sie werden von einem alten König mit seiner Partnerin regiert. Während er noch zu ergründen versucht, ob er sich unter die Leute mischen kann, obwohl er vollkommen anders aussieht und damit offensichtlich nicht dazugehört, wird er von einer Frau aus der Gruppe der gleich aussehenden Menschen von der Straße geholt und schnell in ihre Wohnung gebracht. Dixie, die mit richtigem Namen D2XV712.552 heißt, ist ein Mitglied der Arbeiterklasse des Staates. Sie erklärt ihm, wo genau er gelandet ist, in einer menschenfeindlichen Diktatur, die alle Menschen genetisch und psychologisch gleichschaltet und sogenannte Staatsfeinde sofort eliminiert. Menschen, die irgendeinen Makel haben und die nicht genauso aussehen wie die Masse, werden zu niedrigen und sehr schlecht bezahlten Arbeiten benutzt, der Rest hat ein gutes Leben, solange der alte Herrscher und seine Partnerin nicht kritisiert werden. Die Verfolgung der Staatsfeinde hat unmenschliche Formen angenommen. Angesichts dieser Zustände beschließen die beiden, einen gewagten Rettungsversuch der unterdrückten Menschen in diesem System zu starten und planen einen Umsturz der Herrschenden, der vollkommen unmöglich erscheint.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 321
Veröffentlichungsjahr: 2020
Marc Emanuel Etomè von Bose
Selbstlos
Individualität statt Gleichheit Für das Leben an sich
© 2020 Marc Emanuel Etomè von Bose
Umschlagentwurf Johanna Denke
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7497-2455-0
Hardcover:
978-3-7497-2456-7
e-Book:
978-3-7497-2457-4
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
I Erwachen
II Das Gefängnis
III Die Flucht
IV Die Stadt
V Die Frauen
VI Dixie
VII Der Plan
VIII Alleine
IX Fernsehen
X Braune Brocken
XI Einsamkeit
XII Erleichterung
XIII Begierde und Leidenschaft
XIV Liebe
XV Feste und Zweifel
XVII Schwierigkeiten
XVII Einfach T
XVIII Das Team
XVIIII She shot the Sheriff
XX Der Plan
XXI Die nackte Armee
XXII Das letzte Gefecht
XXIII Born to die
XXIV Währenddessen
XXV Das Ende
Kurzes erstes Nachwort
Alternatives Ende Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 5
Ende
Selbstlos
Individualität statt Gleichheit
Für das Leben an sich
Marc Emanuel Etomè von Bose
I Erwachen
Als ich aufwachte und mich umsah war alles weiß. Nachdem meine Augen sich ein bisschen länger an das grelle Licht gewöhnt hatten, stellte ich fest, dass ich mich in einem kleinen, sehr engen Raum befand. Er war nur etwa 80cm hoch und vielleicht 2 Meter lang. Man konnte weder aufrecht stehen, noch sich großartig bewegen. Eigentlich konnte man nur liegen. Ich versuchte zu verstehen, wo ich mich befand, aber der Raum bot keine Möglichkeit dies zu ergründen. Das Licht, welches nicht wie gewohnt aus einer definierbaren Quelle kam, schien von den Wänden und der Decke auszugehen und bestrahlte den kleinen Raum so hell, dass, selbst wenn man die Augen geschlossen hatte, alles hell leuchtete. Ich strengte mich an und versuchte mich an etwas zu erinnern. Mir war, als hätte ich etwas Wichtiges, sogar etwas elementar Wichtiges vergessen, doch konnte mich selbst nach größter Anstrengung nicht daran erinnern. Genauer gesagt konnte ich mich an ziemlich überhaupt nichts erinnern. In meinem Kopf hämmerte nur die immer wiederkehrende Frage: Wo bin Ich?
Ich versuchte mich zu orientieren, bewegte mich dabei sehr langsam und begann mich vorsichtig so weit wie es möglich war aufzurichten. Der Boden war aus einem mir bisher unbekannten Material gearbeitet, welches mich mit überraschend weicher Polsterung auffing, nachdem ich bei meinem Versuch mich aufzurichten geradewegs zur Seite gekippt war.
Vorsichtig tastete ich meine Umgebung und die Wände um mich herum ab in der Hoffnung etwas zu finden, was einen Hinweis darauf geben könnte, wo ich mich gerade befand. Ich versuchte die Augen zu schließen um mich besser konzentrieren zu können, aber das grelle Licht war zu aufdringlich, als dass man es einfach hätte so ausblenden können. Ich fühlte mich ein bisschen so, wie sich eine Leiche auf dem Seziertisch unter den hellen Strahlern und kurz vor dem aufschneiden fühlen musste.
Ich stemmte meine Arme gegen die Decke und drückte so fest ich konnte dagegen. Nichts passierte. Auch nicht, nachdem ich wie ein Verrückter gegen die Wände hämmerte, schlug und mich sogar dagegen warf.
Da ich mit reiner Körperkraft wohl nicht sonderlich viel ausrichten konnte, versuchte es noch einmal mit Nachdenken. Wie bin ich hierhergekommen? Mein Kopf lief auf Hochtouren, doch es war, als würden sich die darin befindlichen Bilder hinter einer dichten Nebelwand befinden, die jedes Durchspähen unmöglich machte. Hinzu kam, dass der Raum, in dem ich mich befand, immer enger zu werden schien. "Werde ich jetzt klaustrophobisch?“, fragte ich mich, „ich darf jetzt nicht durchdrehen und muss mich zusammenreißen! Irgendwie bin ich hier hereingekommen, das impliziert die Möglichkeit, auch wieder heraus zu gelangen. Ich muss nur den richtigen…" sagte ich zu mir selbst und hämmerte mit aller Kraft gegen die Wände. Als noch immer nichts passierte, trat ich zusätzlich noch mit den Füßen wild um mich, doch hielt ich kurz darauf inne, als meine Vernunft sich wieder einschaltete und versuchte mir zu erklären, dass ich mich damit nur selbst verrückt mache.
"Ok, keine Panik!" Ich versuchte mich zu beruhigen und geordnet und logisch an das Problem heran zu gehen und untersuchte den Raum auf Schwachstellen.
Da ich aber auch nach gefühlt mehreren Stunden absolut nichts fand, was darauf schließen ließ, dass dieser verflixte Raum überhaupt einen Schwachpunkt besaß, musste ich zwangsläufig weiter ausharren und beobachtete, wie das Licht um mich immer greller zu werden schien und die Wände immer näher zu mir rückten.
Ich suchte den Boden fast schon neurotisch nach jeder noch so kleinen Kante ab, nach jedem noch so winzigen Riss und nach jedem noch so kleinen Hinweis auf eine Schwachstelle. Nachdem auch diese Bemühungen nach aller Anstrengung scheiterten, handelte ich beinahe instinktiv und rief so laut ich konnte nach Hilfe. Die erhoffte Antwort von draußen blieb natürlich aus.
Während meine sämtlichen Bemühungen offensichtlich nichts bewirken konnten, steigerte sich langsam aber stetig meine Panik. Zu Beginn schaffte ich es noch mir immer wieder einzureden einen kühlen Kopf zu behalten und dass es schon irgendeinen Ausweg geben würde, aber je länger ich eingesperrt blieb, umso mehr begann ich an meinen eigenen Worten zu zweifeln. Vernunft hat mich bisher nicht herausgebracht. Logik auch nicht. Was bleibt mir sonst?
Ich trat wieder mit aller Kraft um mich, trat immer wieder so fest ich konnte gegen die Wände und die Decke, die keine Armlänge über meinem Kopf den Raum umschloss. Die Wände gaben nicht nach, aber sie waren offensichtlich auch nicht vollkommen gleich. Die Wand direkt vor meinen Füßen machte einen dumpferen Laut, als die anderen. Es klang ein bisschen, als würde sich ein Hohlraum unmittelbar dahinter befinden. Da dies bisher das absolut einzige war, was ich binnen der letzten Stunden zu meinen Gunsten herausfinden konnte, entschloss ich mich, alles in meiner Macht Stehende zu tun, die kleine Wand vor mir einzureißen.
Ich hatte jeden, wirklich jeden, Millimeter des winzigen Raumes durchforstet ohne auch nur die geringste Spur auf einen Ausweg zu finden. Die hohle Wand war wenigstens ein bisschen erfolgsversprechend. Also positionierte ich mich neu, etwa auf der Hälfte, stemmte meine beiden Arme gegen die Wände neben mir um mehr Halt zu haben und trat immer wieder mit aller Kraft auf die etwa einen Quadratmeter große Wand ein. Ich versuchte jeden weiteren Tritt so genau wie möglich an die rechts außen liegende Kante zu positionieren, da ich dort den größten Schwachpunkt vermutete und steckte in jeden einzelnen Tritt so viel Energie, wie es mir in meiner derzeitigen Lage möglich war.
Lange Zeit passierte überhaupt nichts, doch irgendwann gab die Wand unter einem dumpfen "Tock“ ein wenig nach und als ich mich daraufhin nach vorne beugte, um sie genauer zu inspizieren, stellte ich fest, dass sie sich tatsächlich ein kleines bisschen nach außen verbogen hatte.
Ich müsste lügen, würde ich behaupten, dass ich in diesem Moment nicht ungemein stolz auf meine erbrachte Leistung war. Mit neuem Mut angestachelt machte ich weiter. Ich hörte erst wieder auf, als ich nicht mehr konnte und meine Kräfte mich vorerst verließen. Ich ließ mich auf den gepolsterten Boden fallen und rang in kurzen Abständen nach Luft. Schweiß lief mir die Stirn herab und ich konnte spüren, wie sich dicke Tropfen ihren Weg über meine Wangen hinab zum Boden bahnten.
Die Luft in dem Raum war nicht stickig, wie es mir meine Vernunft versuchte einzureden. Im Gegenteil, selbst nach Stunden hatte ich noch das Gefühl frische Luft zu atmen. Sogar wirklich frische Luft, wie es sie sonst nur aus dichten Wäldern gab. Ich sog sie tief in meine Lungen und verharrte nur so lange auf dem Boden, bis ich wieder genügend Kraft hatte, um meiner Flucht weiter nachzugehen.
Es dauerte so unglaublich lange, bis sich wieder etwas tat. Es dauerte sogar so lange, dass ich mich bereits um ein Haar mit meinem Schicksal abgefunden hätte. Nachdem ich stundenlang ohne Erfolg gegen die kleine weiße Wand getreten und geschlagen hatte verließen mich zeitweilig sämtliche Kräfte und ich lag den Blick zur Decke gerichtet auf dem Boden und rang nach Luft. Ich dachte darüber nach, wer mich wohl in diesen Raum gesperrt hatte und wieso? Ich fragte mich außerdem, ob dieser jemand mich hier wieder heraus holen würde? Schließlich konnte man nicht einfach jemanden ohne Essen und Trinken in einen kleinen Raum sperren, zumindest nicht über einen längeren Zeitraum. Wobei, während ich darüber nachdachte fiel mir auf, dass ich, seit ich aufgewacht war, weder Hunger noch Durst verspürt hatte, was ungewöhnlich war für den langen Zeitraum, in dem ich mich bereits in dieser weißen Hölle befand.
Endlich, nach einer so unglaublich langen Zeit, dass ich bereits dreimal die Hoffnung aufgegeben und dann wieder zurückgewonnen hatte, passierte endlich etwas. Unter einem lauten "RACK" gab die kleine Wand ein kleines Stückchen mehr nach und legte einen kleinen Spalt frei, durch den kalte, stickige Luft in die kleine Kammer kam. Ich legte mich so hin, dass ich mich mit dem Kopf direkt bei dem Spalt befand und schirmte mit meinen Händen das grelle Licht um mich herum ab, um etwas erkennen zu können. Doch im Gegenteil zu dem überbelichteten Raum, in dem ich selbst war, war um diesen Raum scheinbar alles in völlige Dunkelheit getaucht.
Kurz bekam ich es mit Panik zu tun, da ich befürchtete einen riesigen Fehler gemacht zu haben. Was wäre, wenn die Kammer, in der ich war, zu meinem Schutz diente und außerhalb des Raumes giftige Gase oder radioaktive Strahlung herrschten? Schließlich konnte ich mich an praktisch gar nichts erinnern, außer daran in dem weißen Raum aufgewacht zu sein und an ein paar verschwommene Bilder, die zusammenhangslos immer wieder aufblitzten, aber absolut keinen Sinn machten.
Je länger ich darüber nachdachte, umso logischer erschien es mir, dass mich jemand in das Kämmerchen gesperrt hat, um mich zu retten! Alles andere machte einfach keinen Sinn (oder ich wollte einfach nur daran glauben, dass mich jemand rettete). Welche Funktion sollte dieser abstrakte Raum haben, außer jemanden zu beschützen?
Dieser Gedanke verschaffte mir Sicherheit. Wie dumm ich doch gewesen war zu glauben, ich sei gefangen! Als Dank für meine Rettung vor dem sicheren Tod bin ich auch noch so blöd und zerstöre den einzigen Schutz, den ich vor dem sicheren Tod außerhalb hatte. Was für ein Narr ich doch gewesen bin und nun strömte immer mehr von der verpesteten, giftigen Luft in mein Kämmerchen.
Mit beiden Händen versuchte ich die Wand wieder in ihre ursprüngliche Form zu bringen, doch leider vergebens. Ich rutschte immer wieder ab und fand einfach keinen richtigen Halt. Immer mehr der dicken Luft trat herein und ich bildete mir ein, bereits zu spüren, wie mein Kopf vernebelt und meine Sinne einer nach dem anderen nachließen.
Dann soll das also mein Ende sein? Alleine mitten im Nirgendwo, eingesperrt in einer winzigen Kammer? Der Gedanke gefiel mir absolut nicht und alles in mir strebte sich gegen ihn, aber was hatte ich schon für eine Wahl? Hier drinnen kam der sichere Tod immer näher und draußen wartete er bereits mit gewetztem Messer auf mich.
Doch der Gedanke gefangen zu sein, nur um auf sein sicheres Ende zu warten löste etwas in mir aus. Ein tief verwurzelter Instinkt meldete sich zu Wort und der reine Überlebenswille schaltete sich ein. Dieser wollte sich auf Teufel komm raus nicht einfach mit der Situation abfinden
Je mehr ich dem Gefühl nachgab, umso mehr Adrenalin wurde durch meine Adern gepumpt und mein Körper lief mit einem mal wieder auf Hochtouren. Auch mein Kopf leistete plötzlich bessere Arbeit und ich konnte mich und meine aktuelle Lage nun viel klarer betrachten.
Meine Optionen blieben allerdings sehr überschaubar. Ich konnte bleiben und sehr langsam in dieser winzigen Kapsel sterben oder ich könnte versuchen nach draußen zu gelangen. Ich könnte die Luft anhalten und so lange durch die Dunkelheit rennen, bis ich entweder einen Ausweg gefunden hätte oder jämmerlich erstickte. Aber immerhin hätte ich es dann wenigstens versucht.
Option A zog ich längst nicht mehr in Betracht, also machte ich mich daran mit den mir verbliebenen Kräften die kleine Wand vor mir aus ihren Angeln zu reißen bzw. zu treten. Nach gerade mal einem Dutzend gut platzierter Tritte gab sie auch schon nach. Ich holte ein letztes Mal tief Luft, so tief ich nur konnte und rannte hinaus ins dunkle Ungewisse.
Der starke Lichtunterschied überlastete meine Augen für die ersten Sekunden. Ich sah nur weiße Punkte vor mir tanzen. Ich drehte mich um und sah die kleine Kapsel in der ich gelegen hatte. Sie warf ein schwaches Licht um den Bereich unmittelbar neben sich und ich konnte weitere Kapseln dieser Art erkennen, die systematisch, ähnlich wie Bienenwaben, aufeinandergestapelt waren. Auf den ersten Blick waren es ein paar Dutzend aber bereits beim zweiten Hinsehen erstreckten sich die gleichgroßen verschlossenen Kapseln soweit ich sehen konnte in alle Richtungen. Da die Dunkelheit das Licht bereits nach wenigen Metern wieder verschluckte konnte man nur ungefähr erahnen wie groß das tatsächliche Ausmaß war. Es mussten hunderte, wenn nicht gar tausende dieser Kapseln übereinander gestapelt in diesem dunklen Raum sein.
Mein Kopf brannte, denn mein Verstand kam dem nicht mehr hinterher, was ich vor mir sah. Es machte einfach keinen Sinn für mich und es wollte sich kein Zusammenhang erschließen, jedoch ehe ich weiter großartig darüber nachdenken konnte, schaltete sich mein langsam dahinscheidender Körper ein, der dringend nach Luft verlangte.
Ich hatte völlig vergessen, dass ich die Luft bereits eine ganze Weile angehalten hatte und die plötzliche Atemnot überraschte mich. Ich hatte keine Ahnung in welche Richtung ich gehen sollte. Da der ganze Raum spätestens nach wenigen Metern in einem tiefschwarz verschluckt wurde, war nur zu vermuten wie groß der Raum tatsächlich war. Aber selbst, wenn die kleinste Vermutung zutreffen würde, so wäre dies noch immer eine Halle gigantischen Ausmaßes und das ohne einen Hinweis darauf wo, geschweige denn ob es einen Ausweg gäbe.
Ich würde nur diese eine Chance bekommen und hatte schon viel Zeit verloren. Also rannte ich so schnell ich konnte in die entgegengesetzte Richtung meiner weißen Kammer. Ich rannte geradewegs mitten in das dunkle, allumfassende Schwarz.
Ein Teil in mir hatte sich bereits mit der Möglichkeit abgefunden, dass es hier kein Entkommen gab, dass mir vermutlich in ein paar Augenblicken die Luft ausging. Dann würde sich meine Lunge unweigerlich mit dem schädlichen Gift vollsaugen. Ich würde ersticken und langsam, keuchend verrecken. Und das komplett ohne zu wissen wo, geschweige denn wer ich überhaupt bin. Immerhin konnte ich behaupten ich hatte es versucht!
Mir wurde schwindelig und ich bekam das Gefühl, ich würde im nächsten Moment fallen. Ich musste Luft holen. So sehr alles in mir sich dagegen wehrte. Ich hatte keine Wahl! Für ein Zurück war es längst zu spät. Oder?
Ich drehte mich panisch um. Meine kleine Kammer, war inzwischen so weit entfernt, dass sie gerade mal ein Stecknadelgroßes Flackern in der Ferne darstellte. Selbst wenn ich sie noch erreichen könnte, so wäre die Luft darin inzwischen vollkommen kontaminiert. Es machte ohnehin keinen Unterschied mehr. Ich hatte es versucht und war gescheitert. Ich hatte andere Kapseln gesehen, viele von ihnen. Unzählbar viele sogar und keine einzige von ihnen wies daraufhin, dass es außer mir noch jemand geschafft hätte aus ihnen auszubrechen.
Vielleicht waren sie alle schlauer als ich. Das könnte sein, aber die Vorstellung auf eine unbestimmte Zeit in einem dieser winzigen weißen Räume gefangen zu bleiben, ohne zu wissen wo oder wer ich bin, widerstrebte mir noch immer zutiefst. Hinzu kam der Gedanke, dass ich meine Zeit in Ungewissheit abzusitzen hätte, ohne die Möglichkeit etwas zu tun oder herauszufinden, wie es dazu kam.
Und was käme überhaupt danach? Wer würde mich dort herausholen und wann? Wer konnte überhaupt sagen, dass ein "Danach" existierte? Niemand konnte das. Richtig! Und bis ans Ende meiner Tage in einem weißen Raum eingesperrt zu sein, der gerade mal groß genug zum liegen (aber auch nicht mehr) ist? Nein danke, dann ziehe ich es vor, alleine im Dunkeln zu sterben. Immerhin mit der Gewissheit, es versucht zu haben.
Es war natürlich nicht viel, aber es war mehr, als offenkundig jeder andere hier (ich vermutete zumindest, dass sich in den anderen Kapseln ebenfalls Leute befanden) von sich behaupten konnte.
Mein Blick war auf den Stecknadelgroßen Fleck meiner aufgebrochenen Kapsel in der weit entfernten Dunkelheit gerichtet. Er begann bereits vor meinem Auge hin und her zu tanzen, verdoppelte sich, wurde wieder eins, vervielfältigte sich erneut und verschwamm langsam vor meinen Augen. Das war der Moment, in dem ich endgültig nicht länger die Luft anhalten konnte. Ich schloss meine Augen. Meine Lunge wollte implodieren, jedenfalls fühlte sie sich so an.
"Wenn ich schon so sterben muss, soll es wenigstens schnell gehen!" dachte ich und atmete so tief ich konnte möglichst viel von der stinkenden Luft ein. Mir wurde augenblicklich übel und schwindelig, dann brach ich zusammen und fiel wie ein Sack Kartoffeln zu Boden.
II Das Gefängnis
Wider Erwarten blieb sowohl die unmittelbare Ohnmacht, wie
auch ein plötzlicher Tod aus. Einzig und alleine lag ich auf dem Boden und krümmte mich vor Schmerzen und einer so starken Übelkeit, dass ich mir den Bauch halten musste. Ständig musste ich husten und die dreckige Luft verklebte meine Atemwege.
Ich befürchtete, es würde kein schneller Tod werden. Wenn das so weiter ging, könnte sich mein Ende über Minuten, wenn nicht gar noch länger hinziehen. Der Gedanke missfiel mir zutiefst, zwar hatte ich mich auf seltsame Weise bereits mit meinem unabwendbaren Schicksal abgefunden aber hatte gehofft, dass alles schnell gehen würde und ich nicht langwierig und jämmerlich dahinscheide.
Also gut, liegen bleiben war keine Option. Ich stand hustend auf und versuchte mich umzusehen. Meine Augen hatten sich inzwischen sogar ein wenig der völligen Dunkelheit angepasst und ich meinte so etwas wie schemenhafte Umrisse des riesigen Raumes erkennen zu können.
Ich stand offenbar auf einem riesigen Gang, denn links und rechts von mir erhoben sich tausende der aufeinandergestapelten Kapseln. Ich befürchtete, dass sich in jeder von ihnen ein Mensch befinden könnte. Doch ich hatte keine Zeit sie genauer unter die Lupe zu nehmen – schließlich war ich gerade im Begriff zu sterben! Also rannte ich wieder los und holte nur alle zwanzig-dreißig Schritte einmal Luft, um so wenig wie möglich von dem langsam lähmenden Gift einzuatmen.
Beinahe instinktiv bog ich in eine kleine Seitengasse ab, als sich der große Weg gabelte. Ich rannte so schnell ich konnte und suchte überall nach einem Anzeichen auf einen Ausweg. Je länger ich in der Dunkelheit verbrachte, umso mehr gewöhnten sich meine Augen an die Umstellung und als ich überraschender Weise selbst nach zehn langen Minuten noch nicht umgefallen war, konnte ich bereits mehr als nur die schemenhaften Umrisse erkennen.
Die gestapelten Kapseln reckten sich mindestens hundert Meter in die Höhe. Doch das tatsächliche Ausmaß des seltsamen Raumes, in dem ich gefangen war, ließ sich nur vage vermuten, da die Wände, sowie auch die Decke in der Dunkelheit verschwammen. Er musste aber immens groß sein, um Platz für so viele der kleinen Kapseln zu bieten. Mal ganz abgesehen davon, dass ich bereits über eine Viertelstunde durch die verworrenen Gänge irrte.
Die schwere Luft verklebte mir meine Lungenflügel und das Atmen schmerzte mit jeder verstrichenen Minute mehr. Da es selbst nach so langer Zeit keinen ersichtlichen Ausweg gab, wollte ich mich beinahe wieder meinem Schicksal beugen und einfach auf den Boden legen, um abzuwarten, bis das unvermeidliche Ende eintraf und mich von meinem Leid erlöste. Doch ein winziger Funke des Überlebenswille glomm immer wieder im letzten Moment auf und trieb mich dazu weiter zu suchen.
Nach weiteren zehn Minuten befand ich mich plötzlich direkt vor einer der Außenwände. Sie war wirklich unvorstellbar gigantisch und erstreckte sich, soweit ich sehen konnte, in alle Richtungen. Es war unmöglich ihre tatsächliche Fläche zu erahnen, da sich das vermutete Ende meinem Blickfeld entzog und in der Dunkelheit verschwand. Doch alleine die sichtbare Fläche überstieg die mehrerer Fußballfelder, was meine Hoffnung im ersten Moment ein bisschen eindämmte.
Doch immerhin hatte ich endlich eine Wand gefunden, das bedeutete es muss auch einen Weg nach Draußen geben.
Ich rannte ohne großartig darüber nachzudenken nach links und hielt mich immer an die scheinbar himmelshohe Wand zu meiner Rechten. So konnte ich mich wenigstens nicht mehr verlaufen und auch wenn meine Lunge brannte, als würde ich Feuer einatmen, rannte ich weiter.
Ich befürchtete, dass meine Lunge in Kürze einfach kollabieren würde, doch eine kleine Stimme in meinem Kopf versprach mir, dass es bald einen Ausweg geben müsse. Auch wenn ich der Stimme nicht vollkommen vertrauen konnte, so war sie doch das Tröstlichste und Vielversprechendste, was mir blieb. Schließlich war ich ausgebrochen, um es wenigstens zu versuchen. Das implizierte schließlich auch, dass ich alles dafür geben würde, es zu schaffen!
Gerade als ich wieder das Gefühl hatte, keinen Schritt weiter gehen zu können, tauchte am Ende meines Sichtfeldes ein kleines Licht auf. Kurz dachte ich darüber nach, dass ich es mir bestimmt nur einbilde, weil mein Gehirn keinen Sauerstoff mehr übermittelt bekommt und ich Halluzinationen hinterherjage aber auch, als ich immer näherkam, verschwand es nicht. Nein, es wurde sogar tatsächlich heller und ehe ich mich versah, befand ich mich vor einer kleinen, nahezu unscheinbaren Tür unter deren Türspalt ein hauchdünner Lichtfaden hindurch schimmerte.
Meine Atemnot veranlasste mich dazu, ohne jegliche Vorsicht oder Überlegung die Klinke nach unten zu drücken, da es mein aktuell größter Wunsch war, wieder frische Luft zu atmen. In diesem Moment war mir völlig egal, was mich möglicherweise dahinter erwartete. Die Türe ließ sich einfach öffnen und ein Schwall herrlich frischer Luft wurde in den dunklen Raum gesogen.
Das helle Licht von draußen blendete mich, sodass ich zuerst überhaupt nichts sehen konnte. Ich hielt mir schützend die Hände vor die Augen, da das Licht in ihnen brannte. Ich erwartete, dass sobald ich wiedersehen könne, mehrere Gewehre auf mich gerichtet sein würden. Meine Lunge rang derweil ekstatisch nach der reinigenden, frischen Luft. Mit jedem weiteren Atemzug atmete ich spürbar die schlechte Luft wieder aus und nach etwas weniger als einer Minute hatten sich auch meine Augen an die Umstellung gewöhnt.
Es waren keine Waffen auf mich gerichtet, im Gegenteil. Ich war alleine inmitten einer seltsamen Einöde, die nur mit einem dünnen aber hohen Zaun von der Halle abgetrennt war. Kein Mensch weit und breit, nur ein schmaler Gang, der an der riesigen Halle entlangführte und von besagtem Zaun eingedämmt wurde. Nun konnte ich auch zum ersten Mal das tatsächliche Ausmaß der Halle erkennen, in der ich bis vor Kurzem noch gefangen war.
Selbst bei Tageslicht erstreckten sich die monumentalen Wände bis an den Horizont. Selbst in den Himmel erstreckte sich das gespenstisch große Gebäude mehrere hundert Meter.
Aus Neugier öffnete ich die Tür erneut und ließ ein bisschen Licht in das Innere fallen. Es war wie ich vermutet hatte: soweit das Auge reichte, stapelten sich diese seltsamen Kapseln aufeinander.
Sofern ich mit meiner Vermutung richtig lag und sich in jeder von ihnen ein Mensch befand, müssten in der Halle mehrere Hundert-tausende liegen, wenn nicht sogar mehrere Millionen. Es war unmöglich das genau einzuschätzen. Doch da das Bauwerk stark darauf vermuten ließ, dass es eigens zu dem Zwecke errichtet wurde, um möglichst viele Kapseln (bzw. Menschen) unter zu bringen, wurde mir alleine beim Gedanken an das tatsächliche Ausmaß schwindelig.
Ich wollte so schnell von diesem Ort weg, wie möglich. Als ich mich in Bewegung setzte, fiel mir zum ersten Mal überhaupt auf, dass ich nackt war. Die eisige Luft traf meinen Körper mit erschreckend frostiger Kälte. In der Halle war es verhältnismäßig warm gewesen, außerdem war ich damit beschäftigt nicht zu sterben, daher waren mein sekundäres Wohlbefinden, sowie die klimatischen Bedingungen eher in den Hintergrund gerückt.
Nun da ich mich in "Sicherheit" befand schalteten sich noch ganz andere Gefühle ein. Ich verspürte neben der beißenden Kälte auch urplötzlich Durst… und Hunger! Mein Mund fühlte sich ganz trocken an. Das hatte er vermutlich auch eben schon, nur war es da noch nicht erheblich wichtig für das unmittelbare Überleben.
Da sich die Halle scheinbar gleich weit in beide Richtungen erstreckt und man außer ihr nicht viel sehen konnte, war es vermutlich egal, darum lief ich einfach in eine Richtung los. Es gab nur einen schmalen Gang zwischen der hohen Wand und einem Zaun, der etwa zwei Meter gegenüber aufgerichtet war und sich parallel zu dem Gebäude in beide Richtungen erstreckte.
Zu laufen tat gut, dadurch machte mir die Kälte nicht mehr so viel aus und ich hatte das Gefühl voran zu kommen. Da mein Kopf nun nicht mehr ausschließlich damit beschäftigt war zu überleben, konnte ich nun zum ersten Mal etwas klarer über meine aktuelle Lage nachdenken und ich fragte mich, wer zur Hölle mich in diese verdammte Kapsel gesteckt hatte und verflucht noch mal, wieso?!
Außerdem fragte ich mich, wenn dieser jemand mich (zusammen mit hunderttausenden anderen) aus einem unerfindlichen Grund eingesperrt hielt, wieso es dann einen scheinbar unbewachten Ausgang gab. Stimmte das denn? Aus meiner aktuellen Position zu urteilen, ja, aber ich war auch verwirrt und dehydriert.
Wenn ich wirklich alleine war, wieso existierte dann dieser Zaun?
Ich fühlte mich wie eine Schachfigur auf einem Spielbrett. So als würde mich jemand führen und jeden meiner Schritte überwachen. Ok, womöglich könnte diese ganze Halle auch dem Schutz dienen. Möglicherweise ist sie ein Sammelplatz für Überlebende eines Atomkrieges, welche mit lebenserhaltenden Maßnahmen "gelagert" werden bis die Katastrophe abgeklungen ist?
Das klang etwas weit hergeholt und selbst wenn tatsächlich eine Katastrophe ausgebrochen war, wieso passierte mir dann nichts? Müsste ich nicht irgendetwas spüren, wenn der ganze Bereich radioaktiv verseucht wäre? Außerdem war die Luft drinnen tausend Mal schlimmer als die hier draußen. Andererseits, dass ich hier ganz alleine war, ließ die Möglichkeit einer allumfassenden Katastrophe wieder plausibel erscheinen.
Keine Überlebenden. Vielleicht war ich sogar der einzige Mensch außerhalb dieser grotesken Halle. Kein besonders tröstlicher Gedanke. Aber leider hörte er sich vernünftiger an, als ich mir eingestehen wollte. Wäre es dann nicht unvernünftig, ja sogar dumm hier draußen herumzuirren? Aber es gab längst keinen Weg zurück, den hatte ich mir verbaut. Meine sichere Kammer hatte ich verlassen. Nein, sogar zerstört. Es gab nur noch einen Weg für mich und zwar den nach vorne.
Es könnte aber auch sein, dass die Katastrophe bereits abgeklungen war und es hatte einfach nur deshalb keiner mitbekommen, weil alle Überlebenden in diesen Kapseln gefangen lagen. Das könnte sogar bedeuten, dass ich die einzige Chance wäre die übrigen Leute zu befreien!
Wenn es nur nicht so verdammt kalt wäre! Es war wirklich nicht leicht nachzudenken, wenn man halb erfror. Ich drehte mich um, um zu schauen wie weit ich bereits gerannt war. Die Tür war längst nicht mehr zu sehen, doch der Weg vor mir schien sich überhaupt nicht verändert zu haben. Wüsste ich nicht, dass ich bereits eine ganze Weile gerannt war, hätte ich daran gezweifelt, mich überhaupt bewegt zu haben. Wie groß ist dieses Ding bloß, fragte mich und rannte weiter. Ich rannte noch ein bisschen schneller, um meinen verfrorenen Körper wieder ein bisschen aufzuwärmen. Meine Lunge stach mich bereits in beide Seiten, doch ich musste weiter, immer weiter! Beinahe Mantra mäßig redete ich mir das ein und in einer Art Trance unterdrückte ich das immer wiederkehrende Seitenstechen.
III Die Flucht
Nach gefühlten Stunden war endlich ein Ende in Sicht. Meine Füße und Hände hatten sich von der Kälte bereits blau verfärbt und die Bereiche, die ich noch spüren konnte, taten schrecklich weh. Doch auch die Schmerzen waren schnell vergessen, als ich registrierte, was gerade keine 500Meter vor mir passierte.
Am Ende des Ganges fuhr ein gewaltiges, schwarzes Gefährt vorbei. Hatte ich gerade richtig gesehen? War ich doch nicht alleine? Gerade wollte ich nach Hilfe rufen, als mich ein Unterbewusste Impuls davon abhielt.
Ich war also nicht der einzige freie Mensch, was wohl zeigte, dass, selbst wenn es eine Katastrophe gegeben hatte, diese nun wieder abgeklungen war. Dieses Fahrzeug warf immer mehr Fragen auf, welche sich in einem Strudel aus Verwirrung und Zweifel in meinem Kopf überschlugen.
Ein zweites Fahrzeug fuhr in der Ferne an dem schmalen Gang vorbei und verschwand hinter der großen Wand. Gefolgt von einer dritten und kurzen Zeit später kam sogar ein viertes angefahren, welches nochmal wesentlich größer als alle vorherigen war und mehrere große Suchstrahler aufmontiert hatte.
Ein sicheres Gefühl ging ganz sicher nicht von ihnen aus. Im Gegenteil, je mehr von ihnen auftauchten, desto unsicherer kam ich mir in meiner aktuellen Position vor. Ich war schließlich eingesperrt in dem schmalen Gang. Wenn sie mich nun entdeckten und auf die Idee kommen würden, mit einem ihrer Fahrzeuge hier entlang zu fahren, so wäre ich in der Falle und ihnen hilflos ausgeliefert.
Alleine der Gedanke daran ließ mich erschaudern. Ich beschloss meine Route zu ändern und kletterte kurzerhand über den etwa drei Meter hohen Maschendrahtzaun. Hinter dem Zaun war eine riesige leere Einöde, auf der vereinzelt ein paar Bäume herumstanden. Abgesehen davon konnte man am Horizont ein paar Berge erkennen. Das war alles und doch war es wesentlich besser als eine leichte Beute für die seltsamen Fahrzeuge zu bleiben.
Ich konnte es mir nicht gänzlich erklären, aber von diesen Fahrzeugen ging etwas sehr Düsteres aus. Alles in mir stemmte sich dagegen, ihnen einfach in die Arme zu laufen, selbst wenn die Kälte, Durst und Hunger immer unerträglicher wurden und die Aussicht auf Gesellschaft schon alleine deswegen sympathischer erschien. Doch etwas tief in mir wehrte sich mit Händen und Füßen dagegen.
Die Entscheidung über den Zaun zu klettern war wohl doch die Richtige gewesen, denn keine 5 Minuten später bog eines der schwarzen Gefährte geradewegs in den schmalen Gang ab, in dem ich mich eben noch befunden hatte. Da ich meinen Blick nicht einmal von dem Fleck abgewandt hatte, aus dem die Fahrzeuge kamen, konnte ich mich rechtzeitig hinter einem Baum verstecken ohne gesehen zu werden.
Ich machte mich so schmal wie möglich und hielt die Luft an, bis ich hören konnte, dass der Wagen sich wieder entfernte. Dann wartete ich noch einen Moment länger, bis ich mich wieder aus meinem Versteck hervortraute. Irgendein Gefühl sagte mir, dass die Leute nach mir suchten. Womöglich, weil ich ausgebrochen war und dabei irgendeinen stillen Alarm ausgelöst hatte.
Die wildesten Theorien von illegalem Menschenhandel oder wissenschaftlichen Experimenten jagten durch meinen Kopf und in meiner Panik hörte sich (so abwegig sie auch waren) eine plausibler als die andere an.
Ich rannte wieder davon, diesmal vom Adrenalin angetrieben. Ich drehte mich nicht mehr um, da ich nicht eine Sekunde verlieren wollte. Ich war auf diesem Brachland zu leicht zu entdecken und musste in Bewegung bleiben, wenn ich überhaupt eine Chance haben wollte. Kälte, Durst und Hunger waren wieder vergessen. Spitze Grashalme, dorniges Gestrüpp und kantige Steine bohrten sich in meine nackten Füße. Doch da diese ohnehin nahezu taub von der Kälte waren, achtete ich nicht weiter darauf und lief nur noch schneller, wenn mich etwas in die Sohle stach.
Als mich meine Kräfte erneut zu verlassen schienen, steuerte ich auf den nächstgelegenen Baum zu, um kurz rasten zu können. Mein Herz pumpte so stark, dass ich das schnell aufeinander folgende "Bamm-Bamm, Bamm-Bamm" in jedem Glied meines Körpers pochen spüren konnte.
Zum ersten Mal, seit das schwarze Fahrzeug an mir vorbeigefahren war, wagte ich einen Blick hinter mich und wurde nicht enttäuscht. Immer mehr, unterschiedlich große Gefährte fuhren Patrouille um das gigantische Gebäude. Aus der Entfernung sah es sogar noch gewaltiger aus. Die umherfahrenden, verschieden großen Wagen sahen von hier beinahe lächerlich, wie kleines Spielzeug, aus. Allerdings jagte mir das nur noch mehr Angst ein, da ich genau wusste, dass sie in Wirklichkeit Schulbusgröße gehabt haben müssen.
Selbst aus dieser Entfernung schienen sich die gewaltigen Wände bis an den Horizont zu erstrecken und ragten unfassbar hoch in den Himmel empor.
Ein markerschütterndes Geräusch riss mich aus meinen Gedanken. Es klang wie eine sehr schrille, sehr unangenehme Sirene, deren Frequenz starke Krämpfe in meinem Körper versuchsachte. Ich brach eine Sekunde später zusammen und wand mich unter unglaublich starken Schmerzen auf dem Boden. Auch wenn das Geräusch offenkundig aus weiter Ferne war, so war es so eindringlich, dass es sich anfühlte, als würde es sich unmittelbar neben meinem Ohr abspielen und das so laut, dass ich mich unmöglich dagegen wehren konnte.
Ich schrie laut los, biss mir aber daraufhin feste auf die Zunge, um den Schrei sofort wieder zu unterbinden. Ich wollte den Teufel tun und mein Versteck durch Unachtsamkeit verraten! Es war wirklich unerträglich, aber lieber wäre ich hier draußen an Krämpfen verreckt, als denen meine Position zu verraten.
Immer größer wurde in mir die Gewissheit, dass sie nach mir suchten. Auch wenn dieser große Aufwand einen seltsamen Eindruck auf mich machte. Ich schaffte es unter großer Anstrengung meine Arme zu meinem Kopf zu heben und mir meine Ohren zuzuhalten. Endlich ließen die schmerzhaften Krämpfe nach. Offenbar wurden sie tatsächlich von einer besonderen Frequenz ausgelöst.
Meine Angst davor, was passieren würde, wenn sie mich fänden, wuchs von Minute zu Minute weiter. Ich musste weg hier! Weit, sehr weit weg von hier. So lange sich auch nur ein Funke Lebenskraft in mir aufhielt, würde ich alles dafür geben, denen nicht in die Arme zu laufen. Ich presste meine Hände so fest ich konnte gegen meinen Kopf, hielt mir die Ohren zu und rannte wieder los.
IV Die Stadt
Ich hatte bereits über die Hälfte zurückgelegt und die Berge zeichneten sich immer klarer vor mir ab. Zwar boten sie außer ein paar Büschen und kleinen Schluchten nicht viel Schutz, aber wenn ich erst einmal über den Damm geklettert war, würden sie mich nicht mehr finden können!
Ich rannte von Angst und Panik angetrieben so schnell ich konnte und hörte wie das Wimmern der Sirene hinter meinem Rücken immer leiser wurde. Mein Blick war nur noch auf den Berg gerichtet. Ich hatte mich seit einer Ewigkeit nicht mehr nach hinten umgesehen, aus Angst, sie könnten mich bereits entdeckt haben.
Ich befand mich in einem Zustand, in dem nur noch ich und der Berg existierten. Ich hatte sämtliche Schmerzen, die Kälte und Angst in Adrenalin verwandelt, welches mir beinahe übermenschliche Kräfte verliehen hatte. Trotz aller Erschöpfung wurde ich immer schneller und plötzlich hatte ich endlich den Fuß des Berges erreicht. Ich drehte mich zum ersten Mal seit Langem wieder um und war erleichtert, dass mich scheinbar noch niemand hatte ausfindig machen können. Ich drehte mich wieder um und stellte fest, dass der Berg ausgesprochen steil war. Viel steiler als es aus der Ferne den Anschein gemacht hatte, aber es gab nur diesen Weg. Trotzdem würde ich beide Hände brauchen, um ihn zu erklimmen. Die Sirene war zwar leiser geworden, doch ihr sägendes Geräusch knabberte noch immer an meinen Gehörgängen und ich fürchtete mich davor wieder Krämpfe zu bekommen, wenn ich meine Hände von den Ohren nahm.
Ich versuchte ohne meine Arme zu klettern, kam jedoch nicht weit, rutschte ab und schlug mir mein Knie auf. Verdammt! Es tat höllisch weh! Ich würde ohne die Hilfe meiner Hände nicht einmal über die ersten paar Meter hinauskommen. Also fasste ich mir ein Herz und nahm vorsichtig beide Arme runter. Das Geräusch war schrecklich, als würde man mit Fingernägeln an einer Tafel kratzen und dieses Geräusch um ein tausendfaches verstärken. Doch die Krämpfe blieben glücklicherweise aus. Zwar war alleine der anhaltende Ton Folter genug aber immerhin schränkte er mich nicht weiter in meinen Bewegungen ein.
Ich kletterte so schnell ich konnte den Berg hinauf. Nur ein einziges Mal wäre ich um ein Haar abgerutscht und in die erschreckende Tiefe gesegelt, doch bereits nach etwas mehr als einer Stunde hatte ich die Spitze erreicht.
Der Anblick, der sich vor mir darbot war gelinde gesagt unfassbar. Ich blickte geradewegs auf eine gewaltige Stadt mit hunderten, seltsam angelegten, spitz zulaufenden Wolkenkratzern und etlichen ineinander verwundenen Gebäuden. Durchsichtige Röhren schienen wie ein Netz durch das ganze Gewirr angelegt worden zu sein. Aus der Ferne konnte man nur vage vermuten, wie groß die Stadt tatsächlich war. Eine Handvoll "besonderer" Gebäude, welche wie Lavalampen geformt waren und jeweils nochmal um ein Vielfaches größer als alle anderen waren, ragten hinauf bis in die Wolken, bis sie sich in ihnen verloren. Ein gelblich schimmerndes, pilzartiges Gebäude ragte aus der Mitte der Stadt empor, welches selbst die gigantischen Lavalampen überragte und etliche länglich-ovale Gefährte schlängelten sich wie Ameisen durch die verwinkelten Gassen.
Ich machte mich an den Abstieg und kletterte vorsichtig den steilen Hang hinab. Wieder wäre ich um ein Haar abgerutscht und in die Tiefe gestürzt, aber irgendein Reflex rettete mir nun zum zweiten Mal das Leben. Ich hatte von der Kälte inzwischen absolut kein Gefühl mehr in den Händen, was den Abstieg ungemein erschwerte, aber nach gefühlten zwei Stunden kam ich endlich heil am Boden an.
Unten angekommen war die Temperatur nicht mehr so erbarmungslos wie auf dem Berg aber noch immer beißend und ich wollte mir als Erstes etwas zum Anziehen suchen. Hier würde es bestimmt einige Menschen geben, die ich fragen könnte, doch musste ich vorsichtig bleiben, um nicht versehentlich den falschen Leuten in die Arme zu laufen.
Ein verwirrter nackter Mann würde sicherlich großes Aufsehen erregen und vermutlich schnell als geisteskrank abgestempelt! Einfach so auf den Straßen herumzuspazieren wäre also eine ganz schlechte Idee.
Glücklicherweise waren praktisch überhaupt keine Leute am äußersten Stadtrand. Nur hin und wieder fuhr ein ovales Gefährt an mir vorbei. Doch versteckte ich mich immer rechtzeitig hinter einer Hausecke, da ich vorerst ungesehen bleiben wollte, wenigstens bis ich etwas zum Anziehen gefunden hatte und nicht länger wie ein entlaufener Irrer oder geflohener Sträfling wirkte.
Jeweils im Abstand von etwa 50 Metern stand ein großer Container in einer der Nebengassen. Ich vermutete, dass es sich dabei um so etwas wie Mülleimer handelte, zumindest dem Geruch nach zu urteilen und fing an sie nach weggeworfener Kleidung zu durchsuchen. Ich hatte Recht was die Mülleimer betraf. Es dauerte glücklicherweise nicht lange, bis ich tatsächlich fündig wurde. In einem der Container lag ein weißer (ziemlich verschmutzter) Ganzkörperanzug. Ich zog ihn kurzerhand an. Nach näherem Betrachten stellte ich fest, dass er nicht meiner Größe entsprach, er war ein gutes Stück größer und breiter gebaut, so dass er ziemlich schlaff an mir herabbaumelte. Dem Schnitt nach zu urteilen war es ein Anzug, der normalerweise eng anliegen sollte, doch störte mich das nicht im Geringsten.
Immerhin war er warm, wirklich warm sogar, was dem äußeren Anschein nicht unbedingt entsprach. Er war aus einem dünnen, beinahe gummiartigen Stoff gefertigt, der sich normalerweise bestimmt dem Körper des Trägers angepasst hätte.
