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Von nahe dem Höllenschlund dringt ein abwegiges Gelächter zu uns herauf, fast mit dem Wahnsinn verwandt ... wir lachen und weinen in einem. Sechzehn mehr oder weniger absurde Stories/Anekdoten über den Tod von eigener Hand, aus der Reihe Bahnhofskiosk-Groschenhefte.
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Seitenzahl: 34
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Hans Wolfram Jacobsen
Selbstmörder
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Im Moor
Impressum neobooks
Scheißenocheins, dachte sich Tony, als er im Moor feststak – übrigens auf die ungenügendste Weise – und ein Bauersmann des Weges kam. Jener war in blaue Arbeitsklamotten gekleidet, ein leichter Geruch nach Dung umgab ihn, wie er singend dahin schritt. „Adé nun zur guten Nacht“, sang der gute Mann. „Jetzt wird der Schluss gemacht, dass ich muss scheiden. Im Sommer da wächst der Klee, im Winter da schneit's den Schnee … tüdelü.“ Tony versuchte sich klein zu machen, bis zum Bauch saß er im Moor fest. Beerdigungen sind teuer, das wollte er seinen Angehörigen nicht zumuten und so kam er auf die Idee, sich im Moor beiseite zu tun. Die Wittenbergener Heide bei Hamburg-Rissen schien ihm dafür geeignet. Herrschaftszeiten, er hatte es ja versucht, sich informiert, ob ihm andere Möglichkeiten offenstünden. Seinen Körper einem Krankenhaus zu vermachen, schien ihm eine gute Idee zu sein. Aber die verlangen heutzutage auch zweitausend Euro, als Vorauszahlung, ehe man überhaupt auf die Liste der zukünftigen Körperspender kommt. Darüber hinaus hört man munkeln: Selbstmörder nehmen die nicht. Gütiger Himmel, was sind die Leute so borniert! Überhaupt, körperlich funktionierte er einwandfrei, da hätte man doch einen Deal machen können. Will jemand ein munter schlagendes Herz? Ein oder zwei Nieren? Na gut, die versoffene Leber von Tony würde ich auch nicht nehmen wollen, bei aller Liebe nicht, was der sich da zusammengesoffen hat, meine Güte! Nehmt, was Ihr wollt! Und begleicht dafür die Beerdigungskosten, so hätte er ausrufen mögen.
Aber Selbstmörder nehmen sie nicht, scheißenocheins. Verscharren die Überbleibsel nicht für lau unter der Erde, nee, das tun sie nicht. Das sind anständige Menschen.
Früher im Mittelalter wurden die Körper der von eigener Hand Gemeuchelten auf den Marktplatz geschleppt, hinter Pferden das Kopfsteinpflaster entlang gezogen – hoppel, hoppel – und an einem Galgenbaum aufgeknüpft. Die Ehrwürdigen nutzten die Chance und traten gegen ihn, spuckten in seine Richtung. Besoffene holten ihre Schwengel raus und pissten ihn an. Ja nu, was will man machen? Tony aber stak im Moor fest und der brave Bauersmann sah ihn endlich. Er hielt inne, unterbrach sein hübsches Lied und rief zu Tony hinüber: „Na, wie geht’s alleweil?“ Und nach einem leichten Zögern: „Brauchen Sie Hilfe?“ Klar, kannst mich ein bisschen untertunken, hätte Tony am liebsten geantwortet, aber stattdessen, den Umgangsformen gemäß, log er: „Mir geht’s gut, danke der Nachfrage. Ich gucke hier nur nach etwas, in der Pflanzen- und Tierwelt der Moore, wissen Sie?“ Der Bauersmann wusste, ganz doof war er nicht, so sagte er mit einem letzten Winken: „Passen Sie aber auf, zwei Meter weiter und sie sinken so tief, dass Sie untergehen und niemals wieder gesehen werden, okay?“ - „Okay, danke! Schönen Tag noch!“, murmelte Tony mit seinen letzten Worten. Der Mann mit den blonden Locken nahm sein Lied wieder auf: „Adé nun zur guten Nacht, jetzt wird der Schluss gemacht, dass ich muss scheiden ...“ Ein Hund lief freudig bellend neben ihm her, den Geruch der schönen, schönen Welt in der Nase. Ach ja, so geht das alleweil, das schöne Leben. Tony robbte die zwei Meter weiter, das war gar nicht so einfach, und plötzlich, schwuppdiwupp, war er weg. So kann das gehen.
