Selbstportrait - Jesse Ball - E-Book

Selbstportrait E-Book

Jesse Ball

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Beschreibung

Jesse Ball hat zahlreiche hochgelobte Werke von zutiefst einfühlsamer Absurdität in Poesie und Belletristik geschaffen. Nun legt er den Leser*innen seine ersten Memoiren vor, in denen er seine »menschliche Neugier« (James Wood, The New Yorker) unter Beweis stellt und die Leser*innen zu einem rohen und persönlichen Bericht über Liebe, Trauer und Erinnerung einlädt. Inspiriert von den Memoiren, die Édouard Levé kurz vor seinem Tod zu Papier brachte, ist »Selbstportrait« ein außerordentlich freimütiges und intimes Werk über Reflexion, Verlust und alltägliche Freude von einem der brillantesten zeitgenössischen Autoren Amerikas. Die subtile Kraft von Balls Stimme beschwört den Reichtum des täglichen Lebens herauf. Auf jeder Seite werden halb erinnerte Momente mit den Freuden und Triumphen – und auch den Fehlern und Demütigungen – verwoben, die uns irgendwie sagen, wer wir sind und warum wir hier sind. Neben tragischen Berichten über Krankheit oder Tod gibt es auch Momente von verblüffender Schönheit, Banalität oder Humor. »Die Gefühle willkommen zu heißen und sie wieder gehen zu lassen, als wären sie Gäste.« Nominiert für den Chicago Review of Books Award.

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Seitenzahl: 153

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Jesse Ball hat zahlreiche hochgelobte Werke von zutiefst einfühlsamer Absurdität in Poesie und Belletristik geschaffen. Nun legt er den Leser*innen seine ersten Memoiren vor, in denen er seine „menschliche Neugier“ (James Wood, The New Yorker) unter Beweis stellt und die Leser*innen zu einem rohen und persönlichen Bericht über Liebe, Trauer und Erinnerung einlädt. Inspiriert von den Memoiren, die Édouard Levé kurz vor seinem Tod zu Papier brachte, ist Selbstportrait ein außerordentlich freimütiges und intimes Werk über Reflexion, Verlust und alltägliche Freude von einem der brillantesten zeitgenössischen Autoren Amerikas.

Die subtile Kraft von Balls Stimme beschwört den Reichtum des täglichen Lebens herauf. Auf jeder Seite werden halb erinnerte Momente mit den Freuden und Triumphen – und auch den Fehlern und Demütigungen – verwoben, die uns irgendwie sagen, wer wir sind und warum wir hier sind. Neben tragischen Berichten über Krankheit oder Tod gibt es auch Momente von verblüffender Schönheit, Banalität oder Humor.

JESSE BALL wurde in New York geboren. Er ist Autor von zahlreichen Büchern und seine Werke wurden in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt. Er ist Mitglied des Lehrkörpers der School of the Art Institute of Chicago, hat den Plimpton Prize for Fiction der Paris Review gewonnen und stand auf der Longlist für den National Book Award. Er wurde von Granta als einer der besten jungen Romanautoren ausgezeichnet und war Stipendiat der NEA, Creative Capital und der Guggenheim Foundation.

ALEXANDER LIPPMANN, * 1978 in St.Pölten. Lebt und arbeitet als Autor, Musiker und Übersetzer aus dem Englischen in Wien.

Bei Luftschacht erschienen (in Übersetzung von Alexander Lippmann):

Selbstportrait (Roman, 2025)

Das Spiel des Tauchers (Roman, 2024)

Zensus (Roman, 2022)

Jesse Ball

Selbstportrait

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Alexander Lippmann

Luftschacht Verlag

Titel der amerikanischen Originalausgabe: Autoportrait

ISBN: 978-1-64622-138-7

Copyright © 2022 by Jesse Ball.

This edition is published by arrangement with Sterling Lord Literistic and Paul & Peter Fritz AG.

© Luftschacht Verlag – Wien

luftschacht.com

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten.

1. Auflage November 2025

Umschlaggestaltung: Eric Schwarz — ericscomics.com

Übersetzung: Alexander Lippmann

Lektorat: Raimund Varga

Satz: Luftschacht

Gesetzt aus der Metric und der Noe.

Druck und Herstellung: Finidr s.r.o.

Papier: Holmen book cream 80 g/m2, Geltex glatt 115 g/m2, Surbalin glatt 115 g/m2

ISBN: 978-3-903422-60-5

ISBN E-Book: 978-3-903422-61-2

Gefördert von der Stadt Wien Kultur.

Anmerkungen zur Produktsicherheit (GPSR):

Luftschacht e.U., Jürgen Lagger, Malzgasse 12/2, 1020 Wien

[email protected]

INHALT

SELBSTPORTRAIT

SELBSTPORTRAIT

J. Ball Dezember 2017

Ich habe Éduard Levés „Selbstportrait“ gelesen und war voller Bewunderung für seinen Zugang zur Biografie. Es handelt sich um einen Zugang, der nicht eine Tatsache über eine andere stellt sondern die Tatsachen wie ein Leben in einem fruchtlosen Klumpen nebeneinander stehen lässt. Er schrieb es in seinem neununddreißigsten Jahr. In meinem neununddreißigsten Jahr folgt dieses Buch dem seinen.

Soweit ich weiß, bin ich nie auf einem Pferd geritten. Ich bin auf einem Elefanten und einem Kamel geritten – als ich ein Kind war. Ich bin auf einem menschlichen Wesen geritten. Ich bin im Schlaf getragen und auf eine Krankentrage gerollt worden. Als ich vier oder drei war, habe ich mir den Kopf an einer Säule aufgeschlagen. Währenddessen fuhr mein Bruder mit seinem Dreirad einen Hügel hinunter und zwang damit meine Mutter, sich zwischen uns zu entscheiden. Sie entschied sich für meinen Bruder. Als ich sechs war, schnitt ich mir meinen Arm an einer Glasscheibe in zwei Hälften. Der Schnitt verlief in Längsrichtung und mein Arm tat sich auf, als hätte man den Boden eines Eimers herausgeschlagen. Es war gerade eine Geburtstagsparty im Gang, meine eigene, als es passierte. Es war komischerweise meine eigene Schuld. Alle anderen Kinder schrien gleichzeitig auf, wie ein Chor. Direkt neben der Stelle, an der das passierte, schlug mir ein Junge aus der Gegend mit einem Wiffleballschläger ins Gesicht. Er hat sich nie dafür entschuldigt und mir auch nicht erklärt, warum er es getan hatte, und ich war weder wütend, noch hätte ich einer Erklärung bedurft. Vielleicht begriffen wir intuitiv – Dinge haben keine Erklärungen. Das Gießen von Pflanzen ist mir lästig, und Gärten noch viel mehr, aber noch schlimmer finde ich das Harken von Blättern, Gras und Erde. Ich mag es, wenn Gärten überwuchert sind. Andererseits bewahre ich meinen Wohnort gerne in sorgfältiger Ordnung, obwohl es mich nicht stört, wenn es schmutzig ist. Ich selbst bin oft schmutzig und wasche mich nicht gerne. Als Junge tat ich so, als würde ich duschen, indem ich das Wasser aufdrehte und meine Arme leicht damit bespritzte. Ich liebe es aber zu baden und tue das, wenn möglich, viele Tage hintereinander. Ich ärgere mich darüber, wie klein die Wannen sind, trotz der Tatsache, dass ich nicht

besonders groß bin. Lange Zeit dachte ich, ich sei einsdreiundachtzig. Ich bin zwischen einsachtzig und einsdreiundachtzig, aber sicherlich nicht einsdreiundachtzig. Als ich noch ein Junge war, war eines meiner Beine fünf Zentimeter länger als das andere. Einen Monat lang war alles noch in Ordnung. Kurz danach musste ich operiert werden. Es gab folgende Optionen: ein Bein zu verkürzen, indem man sein Wachstum stoppte, oder ein Bein zu verlängern, indem man es an mehreren Stellen brach. Ich habe mich dafür entschieden, kleiner zu sein, habe aber oft darüber nachgedacht, inwiefern mein Leben anders verlaufen wäre, vor allem wenn ich statistische Analysen über das Lohngefälle bezogen auf die Körpergröße lese. Ich schwimme gerne, aber nicht zur körperlichen Ertüchtigung. Ich mache gar nichts gerne zur körperlichen Ertüchtigung. Ich bin ein paarmal von zuhause weggelaufen, bin aber nie weit gekommen. Ich hasse die Sonne und versuche, sie stets zu meiden. Das hat dazu geführt, dass ich einen großen Teil meines Erwachsenendaseins in der Nacht führe, obwohl ich natürlich auch tagsüber unterwegs sein muss, ob ich nun will oder nicht. Ich leide unter Parasomnie – schlafwandle. Ich habe im Schlaf geredet, habe aber eines Tages damit aufgehört. Ich habe nächtliche Panikattacken und habe sie ungefähr seit 1990, als mein Bruder ins Krankenhaus musste und dadurch querschnittgelähmt wurde. Ich habe Migräne, manchmal ein- bis zweimal pro Woche, manchmal einen ganzen Monat lang nicht. Wenn ich sie habe, dann übergebe ich mich und wälze mich wie ein Hund auf dem Boden. Ich hatte viele Gehirnerschütterungen. Als ich acht war, wurde ich auf der Straße von einem Auto angefahren. Meine Mutter schaute zu. Sie sagte zur Fahrerin, Du hast meinen Jungen angefahren. Während sie das sagte, wurde ihr bewusst, dass die Frau eine entfernte Bekannte von ihr war. Mein Körper wurde einige Fuß hoch durch die Luft geschleudert. Ich war aus folgendem Grund auf der Straße – wir gingen in die Stadt, um einen mechanischen Vogel zu kaufen – eine Art flatternden Segelflieger, den man aufziehen konnte. Als ich ihn später bekam, machte mir der Aufziehvogel keine Freude. In der Vorschule kam ich nicht mit und wurde sonderpädagogisch gefördert, weil ich mich nicht konzentrieren kann. Es gibt psychologische Dokumente auf Basis von medizinischen Gutachten, die zeigen, dass meine ausgeprägte Hyperaktivität mit einem Gehirnschaden in Zusammenhang stand. Als Erwachsener ist es meine Spezialität, mich zu konzentrieren, aber ich kann mir noch immer nicht aussuchen, worauf ich mich konzentriere. Ich bin immer bereit dazu, in den Wald zu laufen und mich dort zu verstecken, falls es nötig ist. In einer solchen Situation werde ich niemals jemand sein, der davon überrumpelt wird. Ich habe nicht mit einer Frau geschlafen, bis ich zweiundzwanzig war, und ich glaube, in den Jahren davor habe ich viele Frauen verwirrt. Sie müssen gedacht haben, ich sei nicht an ihnen interessiert. Tatsächlich war ich einfach sehr schüchtern, aber nur, was das betrifft. In allen anderen Fällen war ich selbstbewusst, sogar aggressiv. Das Mädchen, mit dem ich schlief, hatte mich in ihr Zimmer gelockt, indem sie mir gesagt hatte, wir würden Videospiele spielen. Als wir dort ankamen, sagte sie mir, dass sie gar keine Videospiele habe. Sie war zur Hälfte Mexikanerin und vor Kurzem war ein Baum einfach auf ihr Auto gefallen. Ich habe jede Droge ausprobiert, die ich in die Finger kriegen konnte, aber nicht in geselliger Runde. Ich war einfach neugierig auf die unterschiedlichen Arten zu fühlen. Die zwei, die ich am besten fand: Heroin injizieren und DMT rauchen. Ich habe keine Suchtpersönlichkeit. Ich verabscheue den Begriff Suchtpersönlichkeit und jetzt habe ich ihn doch verwendet. Wenn ich mich dazu entschließe, mit etwas aufzuhören, zum Beispiel Zigaretten zu rauchen oder Heroin zu spritzen, dann höre ich einfach auf und es gibt keinerlei Rückschläge. Als junger Mann gehörte es zu meinen Spezialitäten, viele Drogen auf einmal zu nehmen, zu viele, zum Beispiel: Ketamin, Psilocybin, Ecstasy, Heroin, Kokain, Meskalin und jede Menge Whiskey. Aus irgendeinem Grund bin ich nie gestorben. Als Kind machte ich mir ein Spiel daraus, andere zu imitieren. Ich imitierte meinen Vater oder meine Mutter. Ich imitierte auch meinen Bruder. Er hasste das aus ganzem Herzen. Er versuchte, dem zu entgehen oder sich davonzumachen, aber ich stellte ihm nach, kopierte, kopierte, kopierte. Er schrie mich an, damit ich aufhörte, aber manchmal machte ich selbst dann noch weiter. Meine Imitationen waren aber keine Parodien. Wenn ich etwas nachmache, dann versuche ich, es so gut zu machen wie möglich. Zynismus, Parodie, Sarkasmus, Humor auf Kosten anderer mag ich nicht. Ich bewundere Humor, dem es um universelle Schwächen geht, zum Beispiel, dass wir uns hinhocken müssen, um zu scheißen, und wenn nicht, dann rinnt uns die Scheiße die Beine hinunter. Einmal passierte mir als Erwachsener ein Missgeschick und ich begann zu scheißen, während ich angezogen war. Ich glaubte wirklich, ich würde gleich furzen, aber das war’s nicht. Wenn ich schlafe und es ruft jemand an, dann lüge ich, um zu verbergen, dass ich geschlafen habe. Ich gehe davon aus, dass das alle so machen. Ein Freund hat mir einmal gestanden, dass er es genauso macht. Ich habe ihm nicht gesagt, dass ich das auch so mache. Ich halte es im Leben nicht für notwendig, den Menschen zu sagen, was ich wirklich denke. Aus diesem Grund habe ich eine erstaunliche Vielzahl an Freunden, von denen viele einander nicht ausstehen könnten, würden sie einander begegnen. Ich habe kein Interesse daran, jemand bestimmter zu sein, noch ist es mir wichtig, dass die Menschen wissen, dass ich recht habe. Andererseits bin ich sehr ehrgeizig, wenn ich spiele, und ich versuche, so gut ich kann, zu gewinnen, wirklich in übertriebenem Maße. Ich bin aber ein guter Verlierer, und wenn ich jemanden finde, der in irgendetwas viel besser ist als ich, dann verliere ich auch gerne jahrelang, vorausgesetzt ich verbessere mich dabei. Ich habe dann immer das Gefühl, demjenigen etwas zu schulden. Ich schlafe sieben Stunden und das ist in Ordnung. Manchmal schlafe ich auch sechs Stunden und das ist in Ordnung. 1997 bin ich ohne Aufputschmittel für einhundertneunundzwanzig Stunden lang wach geblieben. Mein Kurzzeitgedächtnis begann zu versagen. Wenn ich elf Stunden schlafe, dann trockne ich aus und erwache mit einer Migräne. Seit ich zwanzig bin, gehören Klarträume zu meinen Spezialitäten. Ich stelle immer wieder überrascht fest, dass dieses Thema niemanden interessiert. Ich versuche, es zu erklären – die Abenteuer, die man erleben kann! Es interessiert sie nicht. Ich liebe es, verschiedene Schlafmethoden auszuprobieren. Zur Zeit schlafe ich fünf oder sechs Stunden in der Nacht und eine Stunde zu Mittag. Die Mittagsstunde ist mein Feind. Sollte ich mich je umbringen, wird es zu diesem Zeitpunkt sein. Nachts werde ich nicht melancholisch. Jahrelang habe ich alles gegessen, sogar Insekten, verdorbenen Fisch, Pferd, aber jetzt bin ich Vegetarier. Ich koche liebend gern und gehe dabei äußerst sorgfältig vor. Unglücklicherweise koche ich nicht gerne für Menschen, die nicht dankbar sind. Ich bin sicher, dass das etwas Hässliches ist. Ich kannte die Züge des Schachspiels schon als Junge, lernte aber erst mit achtzehn, wie man es spielt. Der klügste Junge an meiner Schule brachte es mir bei. Sein Vater, der einmal ein Champion im Fernschach war, hatte es ihm beigebracht. Dieser Mann starb und mein Vater starb und die beiden Söhne blieben zurück, um miteinander Schach zu spielen. Wenn ich die Wahl habe, sitze ich häufig am Boden. Ich bin überall gerne hinten – in Bussen, Kinos, etcetera. Ich bin nicht gerne sichtbar. Oder ich bin gerne so wenig sichtbar wie möglich. Ich mag keine Stühle, in denen man versinkt, oder Sofas, die zu nahe am Boden sind. Ich hasse es, Gespräche zu führen, während ich in solchen Vorrichtungen sitze. Üblicherweise ist man in solchen Situationen auch gezwungen, einen Drink zu jonglieren und umständlich nach Kanapees zu greifen. Wenn ich das Zuhause einer Person betrete, dann suche ich nach den Büchern und beurteile ihren Geist nach diesen Büchern. Meine Vorahnungen über die Leute bestätigen sich oft, tatsächlich ist das beinahe unheimlich. Das bedeutet, es ist besonders schlimm, wenn ich falsch liege. Ich spreche nicht gerne über Bücher, aber ich mag es, wenn meine Augen nichts als Bücher sehen. Bücher sind mir das liebste Accessoire, das eine Person tragen kann. Natürlich sollte es das richtige Buch sein. Ich habe in meinem Leben ein paar Leute getroffen, die Bücher wirklich liebten, und ich kam mir in ihrer Gegenwart richtig klein vor. Einer von ihnen behandelte Bücher furchtbar schlecht. Die meisten Bücher, die er anfasste, zerstörte er. Sein Haus war voller Haufen, buchstäblicher Haufen, an Büchern, viele davon mit halb heruntergerissenen Umschlägen und zerrissenen und verschmutzten Seiten. Er hatte sie alle gelesen. Sich selbst behandelte er ganz genau auf die gleiche Art. Als ich jung war, stahl ich ständig Bücher. Ich stahl auch andere Dinge, und nicht nur in den Vereinigten Staaten, auch wenn ich im Ausland war. Ich habe mich nie davor gefürchtet, was passieren würde, sollte ich ins Gefängnis müssen. Irgendwie verschaffte mir die Tatsache, dass ich als Kind ständig verspottet worden war, ein gutes Gefühl dafür, wie ich aussah und wie es war mich anzuschauen. Ich bin mit beinahe allen meinen schlechten Taten davongekommen. Ich bin kein Fan von schlauen oder dummen Leuten. Ich mag ehrliche Menschen, die nicht versuchen, kleine Dinge groß klingen zu lassen, Menschen, die ihre eigene Sinnstiftung selbst schultern. In öffentlichen Verkehrsmitteln bin ich sehr glücklich, besonders in städtischen Bussen. Ich bin mir dafür nicht zu gut, sie sind sich nicht zu gut für mich. Es ist ideal: Es passt einfach. Dort kann ich klar denken. Ich hasse es, in Autos zu sitzen, außer in gefährlichen Situationen. Ich fahre gerne mit dem Rad, um von A nach B zu gelangen. Ich bin manchmal ein ungestümer Radfahrer und das gibt Anlass zur Sorge. Ich habe eine Abneigung gegen alle, die in ihrer Freizeit Radsport betreiben. Sie bewegen sich mit hoher Geschwindigkeit in schicker Kleidung und drängen alle anderen von der Straße. Wenn sie sich verletzen, dann hält der eine nie für den anderen an. Stattdessen nehmen sich ihrer dann ganz normale Menschen an. Ich finde, sie sind völlig schamlos. Als ich am College war und ernsthaft zu trinken begann, war ich entsetzt von der Deformation des Charakters, die das bei angeblich faszinierenden und stolzen Menschen auslöste. Ich fragte mich, weshalb ich mich bemühen sollte, bei jemandem einen guten Eindruck zu hinterlassen, wenn nur ein paar Drinks nötig waren, um das Vertrauen einer Person zu gewinnen. Schlimmer noch sind allerdings die Leute, die keinen Tropfen trinken aus lauter Angst, durchschaut zu werden. Meine Familie konnte mir keine Kleidung kaufen, die sich mit der Kleidung der Kinder in meiner Stadt messen konnte. Solche Dinge führten dazu, dass ich verachtet wurde. Als Erwachsener trage ich nun ständig das Gleiche, sehr billige Kleidung. Für mich fühlt es sich gut an, mich nicht durch meine Art der Kleidung über jemand anderen zu stellen. Nach Anlässen, zu denen ich einen Anzug getragen habe, bin ich verstört von der Verwandlung der Welt. Alle behandeln dich besser. Der Gedanke macht mich körperlich krank. Ich habe kein Vertrauen in die Menschen, aber unter den Menschen gibt es ein paar Schätzchen, und das ist genug, wer weiß, warum sie so geworden sind. Ich habe mehr erstaunliche Menschen getroffen, als ich verdiene. Ich beginne leicht zu weinen, obwohl ich viele Jahre gar nicht geweint habe. Ich liebe es, mich tief in Ansichten hineinzufühlen, die ich nicht verstehe. Natürlich versage ich dabei. Ich glaube nicht, dass irgendjemand ist, wer er ist, jedenfalls nicht lange. Ich bin gierig, versuche aber, es nicht zu sein. Ich esse mit erstaunlicher Geschwindigkeit und Effizienz. Die Leute finden das abstoßend. Ich bin fertig, während sie erst dreimal abgebissen haben. Das Zimmer verschwindet und vor mir ist nur der Teller, der im Vakuum schwebt. Direkte Menschen haben sich schon darüber bei mir beschwert. Andere sagen nichts. Zwei Menschen, die ich kannte, haben ähnlich schnell oder noch schneller gegessen als ich. Was mich betrifft, mache ich alles so schnell wie möglich. Ich lese schnell und erinnere mich nur an sehr wenig. Ich gehe schnell und nehme beinahe nichts wahr. Ich glaube nicht, dass ich jemals etwas gut konnte, was mir nicht sofort gelang. Ich habe kein musikalisches Talent. Ich habe fünfundzwanzig Jahre lang eine Gitarre von einer Wohnung zur nächsten geschleppt, wurde aber nie gut genug darin, um für jemanden zu spielen, mit dem ich keinen Sex hatte. Ich versuchte es mit Geige, Ukulele, Waschwannenbass, Harmonika. Schließlich bin ich bei einem Instrument gelandet,