SELENA - Josephina Richardt - E-Book

SELENA E-Book

Josephina Richardt

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Beschreibung

Snowy Meadows 1988: In das kleine englische Dorf nahe Dover ist ein Geheimnis eingezogen. Es trägt den Namen Adam Hennessy. Als die sechsjährige Selena Featherstone den Jungen mit den schokobraunen Augen in ihrem Keller findet, spürt sie die Gefahr, die von ihm ausgeht. Eine Gefahr, welche ihre gesamte Familie bedroht und für die ihr eigener Vater verantwortlich ist. Nach und nach zieht Gerrits Featherstones Tat alle um sich herum in einen dunklen Sog aus Lügen und Hass. Während deren Auswirkungen auf das Land und seine Menschen ihren Lauf nehmen, spielt sich hinter den verborgenen Türen in Snowy Meadows das vielleicht Unergründlichste dieser Geschichte ab: Zwischen Selena und Adam entwickelt sich ein zart schillerndes Band. Beide auf ihre Weise gefangen, schaffen sie sich ihre eigene Welt voller Träume. Und da, wo es Träume gibt, da gibt es Hoffnung. Ein Verbrechen. Zwei Familien. So viele Leben. "Ist die Geschichte logisch? Vielleicht nicht. Aber manchmal geschehen unerklärliche Dinge auf dieser Welt. Dinge, die unmöglich scheinen, magisch, sinnlos. Die wunderbar und schrecklich sind und manchmal ein bisschen was von allem."

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MOBI

Seitenzahl: 561

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Josephina Richardt

SELENA

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

We do not remember days,

Sometimes it's the smallest decisions that can change your life forever.

Hope is the thing with feathers that perches in the soul - and sings the tunes without the words - and never stops at all.

The trust of the innocent

Hold fast to dreams, for if dreams die, life is a broken-winged bird that cannot fly.

Never deprive someone of hope;

This place felt like a tomb.

If opportunity doesn’t knock, build a door.

Every new beginning comes from some other beginning’s end.

Some of us think holding on makes us strong; but sometimes it is letting go.

Light thinks it travels faster than anything but it is wrong. No matter how fast light travels, it finds the darkness has always got there first, and is waiting for it.

Everyone is a moon, and has a dark side

Es gibt keine Grenzen.

Darkness cannot drive out darkness;

If you want to make peace with your enemy,

There is no greater agony than bearing an untold story inside you.

To live is the rarest thing in the world.

The weak can never forgive.

Freedom is what you do

You can find peace amidst the storms

Miracles happen everyday, change your perception of what a miracle is

In three words I can sum up everything I've learned about life: it goes on.

I may not have gone where I intended to go,

It is never too late to be

Someone I loved once gave me

On earth there is no heaven

It is a serious thing / Just to be alive / On this fresh morning / In this broken world.

Epilog

Poem

Weitere Bücher

Impressum neobooks

Prolog

SELENA

Josephina Richardt

Dieses Buch ist auch als Taschenbuch erschienen.

© 2022 Josephina Richardt

1. Auflage 2022Umschlaggestaltung, Layout: Josephina RichardtneobooksDruck: epubli, ein Service der neopubli GmbH, BerlinPrinted in Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

For Julia – my sister from across the ocean. Thank you for a very special friendship that no miles between us can ever diminish.

Hours fly, Flowers die:

New days, New ways, Pass by !

Love stays.

Time is Too slow for those who Wait, Too swift for those who Fear,

Too long for those who Grieve, Too short for those who Rejoice,

But for those who Love,

Time is not.

Henry Van Dyke

Prolog

Diese Geschichte beginnt mit dem Ende.

„Sie müsste jeden Augenblick hier sein“, sagte Selena und wandte sich vom Fenster ab. Elf Uhr hatten sie ausgemacht. Die drei Freundinnen hockten in Claires Schlafzimmer auf deren Bett.

„Mh“, machte Claire und spielte mit einer Locke. Sie war seit dem Film so schweigsam gewesen. Von Zeit zu Zeit sah sie zu Meghan, versuchte ihren Blick einzufangen oder ihren Ausdruck zu deuten. Sie fragte sich, ob sie auch an die Dunkelheit denken musste. Jene, die in Selenas Keller hauste. Aber sie konnte es nicht sagen.

Verdammt, wo blieb sie bloß? Unruhig kaute Selena auf ihren Nägeln. Sie brauchte doch noch etwas Zeit. Adam wartete auf sie.

„Vielleicht hat sie es vergessen“, sagte Claire zaghaft. Die Zeiger wanderten unaufhörlich im Kreis. „Unsinn“, schnaubte Meghan. „Man vergisst doch nicht, seine Tochter abzuholen, wenn man am nächsten Tag umzieht.“

Selena sagte nichts. Ihre Mutter würde sie nie vergessen. Niemals. Jedenfalls jetzt nicht mehr.

Tik, tak...

Um kurz vor eins schwiegen sie alle drei. Ihnen waren die Entschuldigungen ausgegangen. Selena wehrte mit aller Macht die Übelkeit und den schwarzen Nebel in ihrem Kopf ab. Aber er war nicht nur in ihrem Kopf. Er war auch dort draußen, in dieser sonderbaren Halloween Nacht, die so viel finsterer war, als die Natur es zulassen sollte.

Schwarzer Himmel nannten sie es. Ein Aberglaube an ein Phänomen, welches das Unheil mit sich brachte, Menschen raubte und die Freude mit sich nahm.

Selena legte ihre Handfläche gegen das kühle Fensterglas. Das Nichts verschluckte sogar ihr Spiegelbild. Zarte geisterhafte Umrisse waren das einzige, das von ihr übrig geblieben war.

In dem Moment ertönte der Knall.

Der Knall war der Riss. Das Mädchen erinnert sich an ihn und an sein jahrelanges Echo, das ihn ihr gelebt und pulsiert hatte. An die Straße, in Chaos und Rauch versunken und gleichzeitig so still.

Sie erinnert sich an das alles, obwohl sie nie dort gewesen war.

Und sie erinnert sich an ihre Mutter. Sie ist der Riss. Alles ist unterteilt in Davor und Danach. Das Davor ist ein großes Nichts gewesen. Die ersten vier Jahre ein einziges zähes Schlafen, die nächsten vier ein erstes langsames Erwachen, ein feiner Silberstreif. Die sechs davor ein Traum.

Dann kam der Riss. Und mit ihm die Verirrungen. Der Sturm. Das Danach.

Und dennoch; dennoch steht sie nun hier. Am Rande eines Abgrunds, zu dessen Füßen mächtige Wellen donnernd gegen die Klippenwand schlagen. Dieses Mal ist es nicht dunkel.

Selena atmet die kühle Morgenluft ein. Salzig ist sie und feucht.

Es gibt einen Zeitpunkt, kurz bevor die Sonne über dem Meer aufgeht und Spielraum für Fantasien einer besseren Welt am Ende des Horizonts lässt. Wenn die Welt noch schläft, um danach in bunten Farben zum Leben zu erwachen. Dann scheint die Erde still zu stehen.

Noch nicht ganz Tag, doch nicht mehr Nacht. Nicht hell und nicht dunkel. Nicht ganz hier, aber nicht mehr dort.

Dieser Zeitpunkt ist vollkommen. Solange man nicht vergisst, dass er nicht zum Verweilen gedacht ist.

In Selenas Händen liegen zwei Briefe. Einer ist bereits etwas vergilbt, der andere noch strahlend weiß. Beide enthalten Hoffnung, Angst, Wut, Trauer, Glück, Liebe, Freundschaft, Frieden, Träume.

Das Mädchen lächelt aufs offene Meer hinaus. Dort weben sich bedächtig die silbernen, zarten Fäden einer Zukunft, so unvorhersehbar und unbeeinflussbar, emotionslos und willkürlich. Und doch vermag es der Mensch, ein ganz klein wenig daran zu zupfen.

So sind die Leben von zwei Familien über Jahre auf Wegen miteinander verbunden gewesen, die sich kaum einer vorzustellen vermag. Sie erinnert sich an den Moment, in dem sie ihn zum allerersten Mal gesehen hat. Damals, vor einem ganzen Leben. Und an das letzte Mal.

Überhaupt erinnern wir uns an Momente, an einzelne Szenen unseres Lebens, nicht an Tage, Wochen oder Jahre.

Jenes Gesicht aus jenem Moment lächelt ihr jetzt von jenseits des Horizontes entgegen, wo die Sonne langsam ihres Weges wandert.

Für einen letzten Augenblick lässt Selena alle Momente noch einmal an sich vorüberziehen. Ein zarter Abschied, bevor nach zwölf Jahren endlich ein neuer Tag beginnt.

We do not remember days,

12 Jahre zuvor

PART I

1988 - 1992

SCHLAFEN

We do not remember days, we remember moments.

∼ Cesare Pavese

Es war Nacht, als sie ihn das erste Mal sah. Der Mond schien groß und kugelrund über ihrem kleinen englischen Dörfchen und tauchte Snowy Meadows in ein unwirkliches Licht.

Das Erste, was sie sah, waren seine Augen. Sie waren riesig. Er hatte sie so weit aufgerissen, dass sie das gesamte Gesicht einzunehmen schienen. Viel zu groß waren sie im Vergleich zu dem kleinen dürren Körper. Aber vielleicht war das in Ordnung, denn sie waren schön. Sie hatten die Farbe von cremiger Vollmilchschokolade und die hatte sie am liebsten. Es waren warme Augen, die einem Sicherheit gaben, Trost spendeten.

Das Zweite, das sie wahrnahm, war der Ausdruck in diesen Augen. Er erinnerte sie an das Reh, das einmal in der Dunkelheit vor ihren Autoscheinwerfern aufgetaucht war. Wie versteinert hatte es in das Licht gestarrt.

Und das Dritte, das sie entdeckte, war der Grund, weshalb sie überhaupt hier unten im Keller gelandet war – ein Versteckspiel mit ihren auf mysteriöse Weise verschwunden Habseligkeiten.

„Das sind meine Spielsachen!“, rief sie erbost und stemmte die schmalen Arme in die Hüften. Der Junge zuckte bei ihrer Stimme zusammen. „Wieso hast du die? Wer bist du überhaupt, was machst du hier?“

Der kleine Mund klappte leicht auf und zu. Sie sah drei Zahnlücken oben vorne, drei aneinander liegende Höhlen. Aus einer brach sich ein kleiner weißer Eisberg nach unten durch.

Sie wippte von einem Fuß auf den anderen. Dabei gab sie sich alle Mühe, böse auszusehen, damit er ihre Unsicherheit nicht bemerkte.

„Adam“, kam es da aus dem kleinen Mund. Ganz leise, wie das erste Piepsen eines Babyvogels.

„Und was machst du nun hier mit meinen Sachen?“

Hilflos zog der Junge seine dünnen Schultern hoch. „Ich weiß nicht“, flüsterte er. „Du gehörst hier nicht her. Und diese Sachen gehören dir auch nicht!“, sagte das Mädchen mit Nachdruck.

„Gerrit hat sie mir gegeben“, stieß der Junge atemlos hervor. So als wüsste er nicht mehr, wie man in normaler Lautstärke und Geschwindigkeit sprach.

Gerrit hat sie mir gegeben. Es dauerte eine Weile, bis ihr Gehirn diese Information zuordnen konnte. Wer ist Gerrit, wollte sie fragen, doch die Worte blieben in ihrem Hals stecken. So dick und schwer waren diese Worte, dass sie auch nach mehrmaligem Schlucken weder heraus- noch hinunterwollten.

Ein Frösteln überfiel sie und auf einmal kamen ihr der Junge und der Keller bedrohlich und viel zu eng vor. Sie stolperte rückwärts, schmiss die Tür hinter sich zu und schob all die Kartons, die sie zuvor mühsam entfernt hatte, wieder davor. Dann lief sie so schnell und leise sie konnte die Kellerstufen empor und noch mehr Treppen in den ersten Stock, huschte in ihr Zimmer, ins Bett, wo sie die Decke bis an die Nase zog. Ihr kleines Herz hämmerte heftig gegen ihre Brust. Es war so laut, sie glaubte, ihre Eltern müssten es im Zimmer nebenan hören.

Vom Fenster neben ihrem Bett drang das Mondlicht herein. Sie schlief nie mit zugezogenen Vorhängen. Sie mochte das natürliche Licht eines Tagesablaufes. In völliger Dunkelheit war sie orientierungslos. Während Sonne und Mond andere beim Schlafen störten, war bei ihr das Gegenteil der Fall. Besonders, was den Mond betraf.

Der Mond, das mystische Himmelsgewölbe, nach dem sie benannt worden war. Selena.

Silber strahlend hatte er in der Neujahrsnacht von 1987 auf 1988 geschienen, in der sie auf die Welt gekommen war. Ein Mondmädchen. So hatten es ihre Mummy und ihr Daddy ihr erzählt.

Jetzt leistete er ihr wieder Gesellschaft, dieser sanfte Riese. Er ließ sie nie im Stich.

Ihr Herz beruhigte sich langsam, während sie zu seinem Antlitz emporsah. Vielleicht träumte sie bloß...

Eines der vielen Gespinste der Nacht. Sie lockten einen, versprachen, schenkten, nahmen, verführten.

Als sie ihn das zweite Mal sah, hatte sie gerade ihren ersten Schultag hinter sich gebracht. Ihre Zähne waren klebrig von den Süßigkeiten aus ihrer Schultüte, ein Brauch aus Deutschland, den ihre Mutter importiert hatte. Sie hatte als Jugendliche einige Monate dort verbracht und die Dinge, die ihr dort gut oder sogar besser gefielen, schlichtweg übernommen. Somit war Selena auch erst mit sechs Jahren in die nach deutschem Vorbild geführte Dover Canaries Primary School eingeschult worden.

Besonders feierlich fühlte sie sich allerdings nicht, denn die Stimmung in ihrer Familie war schon länger nicht mehr ausgelassen und fröhlich. Früher hätte es vielleicht ein Essen gegeben, ein lustiges Spiel, einen Ausflug. Früher hatten sie viel zu dritt unternommen. Dann kamen die Veränderungen. Langsam und schleichend, vielleicht aber auch plötzlich. Sie konnte die zähe Masse an Zeit später nicht mehr auseinanderhalten.

„Schaut, wie ich tanze“, rief sie einmal und drehte sich so wild im Kreis, dass sie beinahe nach hinten umfiel. Sie hielt ihren imaginären Rock fest und drehte sich und drehte sich. So wie ihre Mutter das früher getan hatte, wenn ihr Vater sie gepackt und in der Küche herumgewirbelt hatte.

Doch jetzt wirbelte niemand mehr herum und niemand hatte Selena wirklich angesehen. Niemand hatte mit ihr getanzt. Da war nur sie und ihr Schwindel, alles drehte sich und ihr aufgesetztes Gekicher war ihr auf einmal viel zu schrill vorgekommen.

Sie alle waren unsichtbar geworden. Niemand sah sie mehr richtig an und auch ihre Eltern sahen sich nicht mehr an. Ein Dieb hatte das Lachen mit sich genommen, den Spaß und die Leichtigkeit. Einfach so. Zurück ließ er eine dunkle, giftige Wolke.

So saß Selena heute alleine in ihrem Zimmer und futterte ihre Süßigkeiten. Sie sortierte die Brausedrops, die Gummibärchen, die Schokolade und summte dabei vor sich hin.

„Ich habe das S, ich bin Selena“, verkündete sie laut, so wie sie das heute vor ihrer neuen Klasse getan hatte. „Ich habe das C, ich heiße Colin“, ahmte sie die tiefe Stimme des Jungen mit den hellbraunen Locken und kieselgrauen Augen nach. „Ich habe auch ein C, ich bin die Claire“, trällerte sie und hopste dabei auf ihrem Stuhl auf und ab. Alles an Claire war lustig und lebhaft und Selena freute sich, dass dieses Mädchen neben ihr saß.

Alles an Colin war irgendwie nervig, aber auch beeindruckend, so selbstsicher war er vor der Klasse gestanden, die dunkelblau-graue Schuluniform wie ihm extra auf den Leib geschneidert. Wahrscheinlich war sie das auch, denn seine Eltern waren ziemlich reich.

Sie steckte sich ein weiteres Brausebonbon in den Mund. Es prickelte schön sauer.

Aber auch Colin, ihre neue Schule, ihre Lehrerin Ms. Loray oder Claire konnten ihre Gedanken nicht lange von dem Jungen in ihrem Keller abhalten. Adam.

Immer wieder sah sie diese großen Augen vor sich. Hörte das Echo in sich: Gerrit hat sie mir gegeben. Bis sie die Hände auf die Ohren presste, aber auch das brachte nichts.

Vielleicht war Adam eine Überraschung für sie, dachte sie manchmal. Eigentlich hatte sie sich, wenn überhaupt, eine Schwester gewünscht, eine Zwillingsschwester. Aber vielleicht waren alle Zwillingsschwestern schon vergeben und nur dieser Junge war noch übrig geblieben und jetzt hatten ihre Eltern ihr eben einen Zwillingsbruder besorgt. Sie hatte sich ausgemalt, sie würde ihn zur Einschulung bekommen, aber die war nun vorbei und niemand hatte etwas von Adam gesagt oder überhaupt von einer Überraschung.

Wie ein Zwilling sah er außerdem auch nicht gerade aus mit den dunklen Haaren und Augen.

Sie selber hatte helles Haar und blaue Augen.

In anderen Nächten grübelte sie, ob es sich bei Adam wohl um ein Geheimnis handelte, von dem die Erwachsenen nichts wissen durften. Ein Abenteuer. Vielleicht kam er gar aus einer anderen Welt! Dann wurde sie ganz hibbelig und es kitzelte sie in ihrem ganzen sechsjährigen Körper. Vielleicht hatte er ja Superkräfte?

Im Anschluss an solche Gedanken wagte sie es manchmal, ihr Bett erneut zu nächtlicher Stunde zu verlassen. Doch nie kam sie weiter als bis zur Kellertreppe. Sie schlich auf Zehenspitzen um sie herum, kaute auf ihren Fingernägeln und trippelte nervös auf und ab. Was war, wenn der Junge aus einer anderen Welt kam, aber gefährlich war?

Was war, wenn er tatsächlich noch dort unten saß? Und was, wenn er es nicht mehr tat?

Gerrit hat sie mir gegeben.

Dann lief sie schnell wieder zurück in ihr sicheres Zimmer und nur ihre kalten Füße zeugten von ihrem kleinen Ausflug.

Sie betrachtete ihre klebrigen Finger und den großen Haufen an Süßem. „Wenn Adam wirklich noch da unten sitzt, dann sitzt er vielleicht schon eine ziemlich lange Weile da unten“, überlegte sie laut. „Was meinst du, Teddy, meinst du, er würde vielleicht auch ein bisschen was Süßes haben wollen?“ Sie beäugte den Bären und zog eine Schnute. „Möglicherweise gibt es in seiner Welt gar keine Schokolade... wie furchtbar.“ Da schüttelte es sie gleich bei der Vorstellung.

Mit Zustimmung ihres Bären steckte sie eine Auswahl aus ihrer Schultüte in die Tasche ihres Jäckchens und machte sich auf den langen Weg ins Unbekannte.

Je näher sie der Treppe kam, desto stärker wurde ein Zug in ihr. Vorsichtig schielte sie in Küche und Wohnzimmer, aber weder ihre Mutter noch ihr Vater waren zu sehen. Sie holte tief Luft und dann sprintete sie möglichst lautlos um das Geländer herum und hinab in den dunklen Schlund ihres Hauses.

Die Kisten waren noch da, die Tür dahinter. Die Klinke lag fest und kalt in ihrer kleinen Hand. Sachte zog sie sie auf, noch ein Stück und noch ein Stück. Sie war schwer und klemmte. Doch mit aller Anstrengung gelang es ihr erneut. Immerhin war sie jetzt auch schon ein Schulkind.

Sie spähte durch den Spalt in den quadratischen Raum, den die Tür freigab. Es war dunkel. Sie hielt den Atem an und trat einen Schritt ein. Ihre Finger tasteten nach dem Lichtschalter an der äußeren Wand und kurz darauf erhellte eine nackte Glühbirne den Raum.

Und da war er.

Er war immer noch da. Hinten, an der Mauer. Er hatte sich ruckartig aufgerichtet und blinzelte hektisch gegen das plötzliche Licht an. Das gab Selena genug Zeit, ihn und den Raum genauer in Augenschein zu nehmen. Er schien geschlafen zu haben, war noch zugedeckt und lag auf einer Luftmatratze. Auf der rechten Seite waren ein Eimer und ein etwas größerer Bottich aufgestellt, daneben ein Tischen mit einem Stück Seife und Toilettenpapier.

Ansonsten gab es hier unten nicht viel – außer den Dingen, die einst Selena selbst gehört hatten. Ein paar Spiele, Malbücher, Stifte. Und ein paar Klamotten.

„Du bist wieder da“, ertönte die Stimme des Jungen aus der Ecke. Selena trat noch einen Schritt weiter in den Raum, zog die Tür hinter sich zu. Sie trat bis in die Mitte vor, zögerte kurz und fragte dann vorsichtig: „Willst du Süßigkeiten?“ Sie kramte in ihrer Tasche und hielt ihm die offene Hand hin. „Die waren in meiner Schultüte. Heute war mein erster Schultag. Ich hab ganz viel, wenn du willst, können wir teilen. Ich dachte, vielleicht gibt es ein paar dieser Dinge nicht in der Welt, aus der du kommst.“

„Der Welt, aus der ich komme?“

Selena ließ sich auf die Knie nieder und legte die Süßigkeiten vor sich auf den Boden. „Bedien dich“, forderte sie ihn erneut auf. Er robbte bedächtig näher, misstrauisch, ein Auge auf sie, eines unablässig auf die kleinen Schätze gerichtet. Selena nahm sich selber ebenfalls noch ein Schokobonbon. Ob Adam nun Angst vor ihr hatte oder nicht, seine Lust auf Süßes musste um einiges größer sein, denn nach einem letzten Zögern grapschte er so heftig danach, dass die Bonbons nach links und rechts davonsprangen. Er sah sie nicht einmal mehr an, sondern steckte sie sich gleich alle auf einmal in den Mund, kaute hastig und war völlig gefangen in seinem süßen Rausch.

Erstaunt beobachtete Selena ihn. „Also, wo kommst du her?“, wollte sie wissen. „England“, quetschte Adam schmatzend hervor. „England? Ich auch. Aber du kommst doch nicht aus meinem England, oder?“ Adam zuckte bloß wieder mit den Schultern, sah nun wieder nicht mehr so glücklich aus. „Du warst heute in der Schule?“, fragte er leise. „Ja. Zum ersten Mal. Ist ganz okay. Was machst du immer hier unten? Oben ist es doch viel schöner.“

Da waren sie wieder, diese riesigen braunen Augen. „Ich... Ich kann nicht... Ich weiß nicht, ich bin... Ich sollte nicht hier sein.“ Ganz verloren wirkte er und Selena hatte das Bedürfnis, ihn zu trösten. „Komm doch einfach mit mir“, sagte sie enthusiastisch. „Dann können wir draußen spielen, auf Bäume klettern, schwimmen gehen und so. Ich kann dir meine Welt zeigen und du zeigst mir deine... Du kannst doch zurück, oder? Du hast dich nicht etwa verirrt?“

Sie hielt erschrocken inne, denn gerade hatte sie ihren Namen gehört. „Meine Mutter“, flüsterte Selena hektisch. Die beiden Kinder sahen sich an. „Selena“, hauchte Adam.

„Ich muss gehen“, schnell sprang sie auf und lief Richtung Tür. „Warte“, ertönte es schwach und flehend zugleich hinter ihr. Sie drehte sich um. „Wir treffen uns morgen um vier Uhr nachmittags an der alten Eiche draußen vor dem Haus, okay?“ Doch sie wartete die Antwort nicht ab, verschwand durch die Tür, richtete alles wieder so hin, wie es gewesen war und stahl sich nach oben. Sie hatte Glück. Später erschien ihr das beinahe lächerlich. Keiner sah sie aus dem Keller kommen. „Ich komme, Mum!“

Als sie durch das Wohnzimmer auf die Terrasse hinaus rannte, erhaschte sie einen zufälligen Blick auf ihren Vater in seinem Arbeitszimmer. Die Tür stand einen Spalt offen. Einer Eingebung nach hielt sie inne und trat näher. Auf leisen Sohlen, so wie es sich anscheinend seit einiger Zeit in diesem Haus zu bewegen galt.

Er saß über seinem Schreibtisch gebeugt, einen Stift in der Hand, die Hand tanzte über ein Blatt Papier. Er schrieb.

Eine Zeit lang stand sie da und beobachtete ihn. Sie wollte gehen, es gab keinen Grund zu bleiben. Doch etwas hielt sie davon ab. Sie wollte wissen, was er schrieb. Wollte, dass er aufhörte zu schreiben. Es kam ihr falsch vor, doch sie konnte nicht sagen, weshalb. Aber es kam ihr auch bedeutend vor.

Sie wollte, dass ihr Vater sie hochhob, sie herumwirbelte, ihr sagte, wie groß sie war, wie stolz er war. Er war heute dabei gewesen, so wie ihre Mutter. Sie hatten den Tag geteilt und doch waren sie alle allein gewesen.

Sieh mich an, Daddy. Hör auf zu schreiben und sag, dass du mich lieb hast.

– Gerrit hat sie mir gegeben.

*****

Adam erschien nicht zu ihrer Verabredung. Über eine Stunde hatte sie auf ihn gewartet, doch er kam nicht. Selena war enttäuscht und wütend. Wenn er in ihren Keller kommen konnte, dann konnte er doch wohl auch hier hochkommen. Missmutig kickte sie gegen einen Stein.

Aber vielleicht... Ein Gedanke durchzuckte sie. Vielleicht konnte das Tor zwischen ihrer und Adams Welt nur im Keller geöffnet werden und er kam nicht raus, weil die Tür blockiert war.

Dank dieser Erklärung verrauchte ihre Wut ein wenig und sie lief los.

In ihrer Aufregung war sie nicht vorsichtig genug.

„Halt!“

Selena rammte beide Füße in den Boden, so erschrak sie bei dem Brüllen. Für einen Moment fürchtete sie, die Stufen hinunterzupurzeln. Sie wedelte mit den Armen, um sich noch abzufangen, doch es war zu spät. Sie fühlte, wie sie sich dem freien Fall näherte. Da packten sie zwei starke Arme, viel dicker und stärker als die ihren, aber ganz und gar nicht so sicher, wie sie sein sollten.

Die Arme schwenkten sie herum wie in einem Karussell und setzten sie dann so ab, dass ihr Vater zwischen ihr und der Kellertreppe stand. Eine Mauer, eine ganze Festung, unüberwindbar, unerbittlich.

Selena wurde auf einmal kalt. Das allererste Mal hatte ihr Daddy sie angeschrien, als sie ihn darum gebeten hatte, einmal wieder Verstecken mit ihr zu spielen. Danach hatte sie ihn nie wieder gefragt.

Damals hatte sie sich vor ihm erschrocken. Jetzt hatte sie beinahe Angst. Dabei wusste sie nicht einmal, was sie falsch gemacht haben sollte. „Entschuldigung“, flüsterte sie trotzdem. Sie würde alles sagen, damit er nicht mehr so furchteinflößend aussah.

„Was hast du im Keller zu suchen?“ Tief, fast drohend.

„N.. nichts“, stotterte sie, ihr fiel keine Antwort ein. Bitte Daddy, sei nicht böse. Es kam ihr nicht über die Lippen.

Ihr Vater atmete schwer. „Nie wieder“, zischte er. Und dann brach es aus ihm heraus wie aus einem Vulkan. „NIE WIEDER WIRST DU DICH IN DIE NÄHE DIESES KELLERS BEWEGEN, HAST DU MICH VERSTANDEN?! DIESER KELLER IST TABU! WENN ICH DICH NOCH EINMAL HIER ERWISCHE, DANN KANNST DU WAS ERLEBEN!“

Kleine Speicheltropfen flogen aus seinem Mund. Unbewusst rückte er näher an sie heran, bis er beinahe über ihr stand. Er wurde immer größer und sie wurde immer kleiner, noch kleiner, als sie es für möglich gehalten hatte. Sie war eine Pfütze. Ein Nichts ohne jegliche Kraft. Er schnaufte und zitterte. Wie ein Tier, schoss es Selena durch den Kopf. Ein Raubtier. Dann kehrte die Kraft in ihre Glieder zurück und sie entwand sich seinem Blick, riss sich aus seinem Bann und stürmte zur Tür hinaus. Sie lief so schnell und weit sie konnte. Sie, die Beute.

Sie weinte nicht, nicht richtig, dazu war sie zu verwirrt.

Was habe ich denn getan?, dachte sie verzweifelt. Ihre Lunge pfiff, aber sie lief weiter. Auch dann noch, als ihre Beine brannten und ihre Rippen zu schmerzen begannen.

Dies war das erste Mal, dass Selena rannte, um zu entkommen. Nur, um am Ende doch wieder umzukehren, denn es gab nichts, wo sie hätte hin entkommen können.

Später entschuldigte ihr Vater sich vielmals bei ihr. Sie lauschte ihm schweigend, sagte kein Wort. Es war, als sähe sie eine fremde Person vor sich. Oder zumindest einen Teil ihres Vaters, den sie bisher nicht gekannt hatte. Auf dessen Bekanntschaft sie gerne verzichtet hätte. Dies war ein Moment, den sie nie vergessen würde, egal wie viele Jahre vergingen. Diese verzerrte Fratze, diese Stimme, diese ungebändigte Wut hatten sich tief in ihr kindliches Gedächtnis eingebrannt.

An diesem Tag begann etwas, das von den Schicksalsfäden bereits gewebt worden war. Sie verflochten miteinander, verknoteten sich und nahmen Selena darin gefangen.

Die Beziehung zu ihrem Vater hatte sich unweigerlich verändert. Vertrauen und Sicherheit hatten Risse bekommen. Vielleicht hatten sie das aber auch schon vorher, seit den verhängnisvollen Worten. Gerrit hat sie mir gegeben.

Ein unangenehmes Ziehen in ihrem Magen hatte sie davon abgehalten, ihre Eltern über den Jungen im Keller auszufragen. Etwas am Rande ihres Bewusstseins, das sie eigentlich nicht genauer erforschen wollte.

Gerrit hat sie mir gegeben.

Das Gleiche, das sie auch jedes Mal dazu brachte, die Tür hinter sich wieder gut zu verschließen. Sie hatte ihn zwar eingeladen gehabt, doch das, was dort unten vor sich ging, dieser Junge und alles, was mit ihm zu tun hatte, sollte besser nicht nach oben gelangen.

Gerrit hat sie mir gegeben.

Zuerst hatte sie den Namen nicht zuordnen können. Dann wollte sie es nicht. So hieß er nicht. Aber natürlich hieß er so, für alle anderen. Außer eben für sie.

Es war, als erreichten sie Adams Worte erst jetzt richtig.

Von nun an kannte Selena ihren Daddy, Dad, Pa noch unter einem anderen Namen.

Gerrit.

Gerrit Featherstone.

Sometimes it's the smallest decisions that can change your life forever.

Sometimes it's the smallest decisions that can change your life forever.

∼ Keri Russell

Snowy Meadow war ein seltsames kleines Dörfchen in der Nähe von Dover. Der Name hätte nicht weniger passend sein können, denn es schneite dort nicht. Nie.

Alles in allem war das Dorf eher grau und braun und irgendwie nicht so ganz an die Zivilisation angebunden. Es gab keine Straßenlaternen, keine Busverbindung, es gab noch nicht einmal richtige Straßen.

Kaum jemand wusste überhaupt von dessen Existenz. Ein nicht vorhandener Fleck auf der Landkarte. Und wen sollte es schon dorthin ziehen.

Dennoch führten die wenigen Menschen dort ein scheinbar friedliches und beschauliches Leben.

Zu diesen Menschen gehörten gerade einmal vier Kinder. Da war der wortkarge Cliff, der älteste mit seinen fünfzehn Jahren. Er hatte die Schule abgebrochen, um seinen Vater mit dem kleinen Hof, den sie unterhielten, zu helfen.

Die beiden mittleren Kinder waren die Schwestern Mia und Lea, zehn und elf Jahre alt. Das jüngste Kind des Dorfes war die kleine Selena.

Diese Kinder spielten in der Natur, das gesamte Dorf war ihr Zuhause und ihr Aufpasser. Hier gab es keine Gefahren, keine unbekannten Menschen, keinen Verkehr, nichts Außergewöhnliches.

Vielleicht wäre es gerade deswegen erforderlich gewesen, einen genaueren Blick hinter die dicken Holztüren der Anwohner zu werfen. Denn da, wo man es am wenigsten vermutet, findet man zuweilen die interessantesten Gegebenheiten. Doch da man die Gefahr in Snowy Meadows eben nicht erwartete, so war es wohl der perfekte Ort für dunkle Geheimnisse.

Und am Dienstagabend des 30. März 1988 war ein solches dunkles Geheimnis eingezogen. Von jenem Zeitpunkt an gab es in Snowy Meadows fünf Kinder.

Das fünfte Kind hieß Adam Hennessy und war wie Selena ebenfalls sechs Jahre alt. Tatsächlich hatte er sogar am selben Tag wie sie Geburtstag. Zwei Neujahrskinder. Doch was ihn von Selena am meisten unterschied, war, dass lediglich zwei Personen von seinem Dasein in Snowy Meadows wussten.

Als er sie das erste Mal sah, kam sie ihm vor wie ein Wesen aus einer anderen Welt. Was seltsam war, bezeichnete sie ihn doch später als solches.

Ihr Haar fiel ihr in feinen silbernen Wellen über die Schultern. Es leuchtete in der Dunkelheit, sanft und geheimnisvoll. Ihre Augen waren unglaublich blau. Zwei tiefe saphirfarbene Ozeane.

Auf einmal hatte sie dagestanden in ihrem hellblauen Nachthemdchen.

Ein Engel – oder ein Teufel.

Er hatte sie nicht einmal nach ihrem Namen gefragt, und als sie verschwunden war, fragte er sich, ob sie überhaupt existiert hatte.

Dann war sie wiedergekommen.

Selena. So hieß sie. Ein Name wie ein hell klingendes Lied.

Sie hatte sich mit ihm verabredet und Adam hatte wirklich kommen wollen. Er hatte es versucht. Nach draußen, nichts wollte er sehnlicher. Er hatte gegen die feste Kellertür gehämmert, sich mit all seiner Kraft dagegengestemmt. Aber sie hatte sich keinen Millimeter bewegt. Er hatte geschrien und geheult vor Wut und Verzweiflung und das nicht zum ersten Mal.

Wieso hatte sie ihn nicht gleich mitgenommen? Oder war sie doch nicht echt? Wie konnte sie durch die Tür kommen, wenn er es nicht schaffte?

Vermutlich war sie doch ein Teufel. Gehörte zur anderen Seite. Der Seite jenseits dieser Mauern.

Adam war von Natur aus ein besonnenes Kind, eher ruhig, aber fröhlich. Er hatte immer gerne draußen gespielt; Fußball mit seinem besten Freund, am Strand, war in seiner Fantasie auf Dinosaurierexpeditionen gewesen. Und im Weltall. Denn Adam wollte Astronaut werden. Zu den Sternen...

Die wunderbaren Sterne, die er nun nicht mehr sehen konnte.

Adam war unglaublich verzweifelt, aber auch zutiefst wütend auf sich selbst. Er konnte sich nicht genau erklären, wie er hierher gekommen war, aber er wusste genau, dass er einen großen Fehler gemacht hatte. Es war alles seine Schuld.

Kex will einen Keks, schrieb Adam immer wieder mit seinem rechten Zeigefinger auf den steinigen Boden. Im einen Moment hatte er das noch am Strand gemacht. Die Sonne hatte geschienen. Ein schöner Tag.

Dann war er auf einmal hier gewesen.

Kex will einen Keks. Im September sollte er eingeschult werden, aber diesen Satz hatte er bereits vorher gelernt und war so stolz darauf gewesen. Kex will einen Keks. Der Name seines Lieblingsbuches über einen lustigen flauschigen Hund, weiß mit schwarzen Ohren, der auf der Suche nach einem Keks das ganze Haus seines Herrchens auf den Kopf stellt.

Adam hatte sich so sehr einen Hund gewünscht. Zu sehr. Dabei hätte er es besser wissen müssen. Niemand außer seinen Eltern konnte ihm einen Hund schenken.

Erst recht kein Fremder.

„Ja, ich habe mich verirrt“, raunte er in die Leere vor ihm. Selena hörte ihn nicht.

*****

Der Mann gab ihm zu essen und zu trinken. Dann gab er ihm ein behelfsmäßiges Badezimmer – nachdem Adam sich in die Hose gepinkelt hatte.

Als Drittes gab er sich einen Namen. Gerrit.

Gerrit hatte auch ihn nach seinem Namen gefragt und damit war das Chaos in Adams Kopf noch schlimmer geworden. Bis dahin war er fest davon überzeugt gewesen, dass seine Eltern ihn bereits suchten und jederzeit hier herausholen mussten. Zur Not sogar mithilfe der Polizei. Dann würde er einmal der Coole sein, nicht immer nur sein bester Freund, der so viele Abenteuer erlebte. Dieses Mal konnte er ihn nicht übertrumpfen.

Ja, sie würden kommen und ihn hier rausholen. Wo auch immer dieses hier war, in das er hineingeraten war.

Auf jeden Fall war es falsch und kalt und dunkel und weit weg von seinem Zuhause. Einsam war es auch. Er wollte ja so gerne mutig sein, aber er fühlte sich gar nicht so. Er fühlte sich sehr klein und hilflos. Und allein.

Zu viel Zeit gab es hier unten auch. Er versuchte, die Sekunden zu zählen, aber sie entglitten ihm. Vielleicht gab es die Zeit hier nicht. Alles stand still.

Aber eine Glühbirne gab ihm Tag und Nacht an.

Schließlich kamen die Spielsachen. Die Klamotten. Die kleinen Dinge, die ihn beschäftigen konnten. Als würde der Mann diesen Raum füllen, bis er zu dem seinen wurde.

Malbücher und ein Zauberwürfel, leuchtende bunte Farben, ein Insektenbilderbuch. Die Klamotten waren allerdings ein wenig gewöhnungsbedürftig. Wie für ein Mädchen. Adam wollte das nicht anziehen, die lila Sternchensocken und eine komisch unförmige Plusterhose. Er klammerte sich an seine eigenen Klamotten, das letzte Stück, das er von sich besaß, das davon zeugte, dass er Adam Hennessy war.

Eines Tages lag dann Kex will einen Keks vor ihm. Kurz darauf kam das Mädchen.

Oft fühlte Adam sich, als würde er irgendeine Aufgabe nicht erfüllen. Müsste er nicht etwas tun, um hier rauszukommen?

Das Problem war, dass er nichts tun konnte. Absolut gar nichts. Schreien half nicht, weinen nicht, hämmern, klopfen, treten auch nicht. Er war ganz allein und er konnte nichts tun, außer warten und Angst zu haben und sich elend zu fühlen. Dieses Elend fraß ein eiskaltes Loch in ihn hinein. Es höhlte ihn von innen aus, eine einzige immerwährende Hölle.

*****

Sie kam wieder. Adams Herz machte einen Satz. Er hatte es gehofft, war sich aber sicher, dass sie wütend auf ihn sein musste. Er hatte die Verabredung nicht eingehalten.

Doch sie kam wieder.

Selena kam wieder, weil die Geschichte sie rief.

Obwohl sie sich seit dem Ausbruch ihres Vaters nicht mehr traute, sich in Kellernähe aufzuhalten, ja auch nur hinzuschielen; obwohl sie eigentlich auch nichts mehr mit diesem Jungen zu tun haben wollte, denn er spielte eine merkwürdige, ja gar beängstigende Rolle in diesem Stück; sie wollte Adam dennoch wiedersehen. Sie wollte wissen, warum er nicht gekommen war. Sie wollte ihm von Gerrit erzählen. Ihm, nicht ihrer besten Freundin Claire, die sie schon morgen wieder in der Schule sehen würde.

Warum? Möglicherweise waren es die Augen.

Sie erwähnte den Namen Gerrit nicht. Sie erzählte ihm aber davon, dass ihr Vater böse auf sie sei. „Warum bist du nicht gekommen?“, fragte sie anklagend. Nur deswegen ist er böse geworden, wollte sie hinzufügen, verkniff es sich aber gerade noch.

„Ich konnte nicht“, sagte Adam traurig und sah sie dabei so treuherzig, hoffnungsvoll und verloren an. „Ich kann hier nicht weg. Du musst mich hier rausholen. Du musst mir helfen. Nach draußen. Bitte!“

Noch nie hatte er ein Mädchen um etwas gebeten.

„Warum?“, fragte Selena, „ich verstehe das nicht.“

„Ich auch nicht“, murmelte Adam zusammengekauert am Boden, den Blick nach unten gerichtet.

Selenas Lippen zitterten. Sie sah auf ihn herab und spürte dabei ganz deutlich, dass er nicht dort sein sollte. Was sollte sie tun? Dem Jungen nach draußen helfen und damit ihren Vater verärgern, ihn enttäuschen? Dann hatte er sie sicher nicht mehr lieb, gar nicht mehr, und außerdem hatte sie auch ein wenig Angst vor seiner Reaktion, wenn sie sich einmischte. Aber wo mischte sie sich überhaupt ein, was war das alles, warum war Adam hier bei ihr in ihrem Zuhause, in ihrem Keller, scheinbar ohne ihn wieder verlassen zu können, und was hatte Gerrit damit zu tun?

Sie sah auf ihn herab und sie spürte das Unheil, das ihn umgab und sie nun auch. Sie spürte, wie sich dessen Fesseln um sie verschlossen und begann zu tänzeln.

Du musst mich hier rausholen. Du musst... Du...

Die Worte waren schwer, genauso schwer wie Gerrit hat sie mir gegeben und Selena wollte sie nicht auf ihren Schultern. Da lag eine Verantwortung in ihnen, der sie nicht gewachsen war.

„Ich verstehe es nicht“, schluchzte sie und flüchtete aus dem Keller.

„Geh nicht!“, hörte sie hinter sich ein klägliches Rufen. „Komm wieder – Selena“, schon fast verschluckt von einer dicken Tür, die selbst geschlossen noch immer offen stand. Die Büchse der Pandora.

*****

Selena kam wieder. Immer häufiger. Die Fesseln zogen und zerrten und wurden mit jedem Nachgeben dicker und fester.

Es war nicht einfach für sie, sich ungesehen in den Keller hinabzuschleichen. Gerade weil Gerrit viel öfter als früher zu Hause war und die Kellertreppe immer im Blick zu haben schien. Und jedes Mal musste sie dazu noch hoffen, dass niemand sie ausgerechnet dann suchen würde, wenn sie bei Adam war. Es war ein Glücksspiel. Es machte sie nervös und produzierte gleichzeitig Adrenalin. Doch diese kleinen gestohlenen Momente waren es unerklärlicherweise wert. Sie konnte nicht anders. Immerhin konnte ihr Vater nicht jeden Tag zu Hause bleiben. Erst hatte er sich krankschreiben lassen, dann hatte er darum gebeten, von zu Hause aus arbeiten zu dürfen. Manchmal ging das, aber nicht immer. Und wenn Gerrit ins Büro gehen musste, ihre Mutter mit ihren eigenen trüben Gedanken beschäftigt war, dann blieben Selena einige ungestörte Momente im Keller.

Jedes Mal hatte sie etwas dabei, ein Spiel, ein Bild, etwas zum Basteln, ein Buch, ihre Hausaufgaben. Sie sprachen nicht mehr über Gerrit. Adam sprach eigentlich überhaupt nicht viel, er hörte zu. Selena erzählte die Geschichten. Adam hatte keine eigenen Erlebnisse mehr, von denen er hätte berichten können. Von seinem alten Leben, das ihm immer öfter wie eine verblassende Illusion vorkam, wollte er nicht erzählen. Das tat weh. Sein altes Leben schien ihm unwirklich. Und gleichzeitig fürchtete er, es würde vollends aus ihm hinausschlüpfen, wenn er laut davon sprach und es damit frei ließ.

Sie lebten abgeschottet in ihrer eigenen Welt. Nicht Selenas, nicht Adams. Sie nannten es Moonland.

Das Moonland war eine kleine selbstgebastelte Schneekugel, die sie zusammen gebaut hatten. Selena hatte das im Kunstunterricht in der Schule gelernt. Das Moonland war voller Träume und Freiheit. Eine kleine, ganz große Welt.

Adam fragte nicht mehr, ob sie ihn nach draußen nehmen konnte. Er hatte zu große Sorge, sie könnte nicht wieder zurückkommen zu ihm. Schon jetzt brauchte er sie so sehr.

Mit jedem Besuch verfestigten sich die Bänder, die Adam und Selena miteinander verwoben. Schicksalsfäden schlängelten sich durch das ehemals traute Heim. Sie waren schwer von einem brodelnden Gift, welches sie in sich trugen. Wolken zogen auf. Doch sie waren auch leise und hinterlistig, kaum merklich spürbar. Wenn man lauschte, dann hörte man sie. Wenn man hinschaute, sah man sie, und wollte man fühlen, spürte man sie. Ganz sanft neckten sie die Bewohner, stupsten sie an, während sie sich gleichzeitig immer tiefer in jene hinein fraßen.

Das Mädchen und der Junge verfestigten sie, ohne es zu wissen und gleichzeitig hatten sie nie eine Chance gehabt. Sie schlossen Freundschaft, einfach so, auf diese simple, unschuldige Weise, auf die es nur Kinder vermochten. Wie Kinder, die eine unterschiedliche Sprache sprachen.

Das Moonland besiegelte ein zart schimmerndes Band, welches vom Universum dazu bestimmt worden war, sich in einen reißenden Fluss aus Mondstaub zu verwandeln.

Die Geschichte von Adam und Selena war geschrieben worden.

Hope is the thing with feathers that perches in the soul - and sings the tunes without the words - and never stops at all.

Hope is the thing with feathers that perches in the soul - and sings the tunes without the words - and never stops at all.

∼ Emily Dickinson

Es war von Anfang an eine seltsame Geschichte. Jeder der Protagonisten bewegte sich in seinem eigenen Raum, unsicher, denn er konnte in die Räume der anderen nicht hineinsehen. Somit blieb es ihm verwehrt, das Gesamtbild zu verstehen.

Für Selena hatte sich ein Oben und ein Unten gebildet. Unten war Adam. Er war das Moonland. Unten war ihr Geheimnis, das sie besonders machte. Manchmal wollte es aus ihr herausplatzen, sie wollte es Claire erzählen, aber jedes Mal bremste sie sich noch rechtzeitig. Adam gehörte ihr. Er war ihr Freund, ihr Zwilling. Außerdem überkam sie eine hässliche Unruhe, wenn sie versuchte, sich die Folgen ihres Geständnisses auszumalen und dann presste sie schnell die Lippen aufeinander und verdrängte jeglichen Gedanken daran.

Oben lauerte die Kälte. Die Dunkelheit, obwohl es umgekehrt sein müsste. Umgekehrt war, in gewisser Weise, für Adam.

Oben wollte sie unsichtbar sein und doch wieder nicht.

Wollte nichts sehen und nichts hören und dabei bloß die Arme ihrer Eltern wie früher um sich spüren. Nicht nur ihr Vater wurde fremder und fremder, auch ihre Mutter. Ihre Mutter spürte die Dunkelheit ebenso. Doch statt sich zusammenzudrängen, rückten sie alle voneinander ab, getrennt durch Wissen, durch Geheimnisse.

Selena hämmerte auf ihr Kopfkissen ein. So viele Geheimnisse waren anstrengend. Sie machten auch ein kleines bisschen einsam. Sie vermisste ihre Familie, wie sie gewesen war. Die Liebe, die Geborgenheit. Als wollte jene sie verhöhnen, vernahm sie eines Nachts ein Scharren und Knarzen. Gedämpftes Schnauben, angestrengt wie ein wütendes Tier. Ein Poltern.

Selena hielt ganz still. Es kam aus der Wand. Nein, nicht aus der Wand, von der anderen Seite der Wand. Ihr Herz schlug schneller.

Leise schlich sie sich auf den dunklen Flur. Ihre Füße bewegten sich ganz ohne ihr Zutun. Halt, wollte sie zu ihnen hinunterrufen, aber sie hörten sie nicht.

Das Poltern wurde lauter. Ein Stöhnen war da auch und ein Wimmern. Hell, unterdrückt, qualvoll.

Es kam aus dem Zimmer neben ihrem. Selena tapste näher. Die Tür war geschlossen, kein Licht drang durch die Ritzen. Sie versuchte leise zu atmen, was gar nicht so einfach war. Sie wünschte, sie hätte etwas zum Festhalten mitgenommen. Ihren Bären vielleicht.

Langsam schob sie ihr Auge ans Schlüsselloch. Blinzelte. Versuchte zu erkennen. Aber alles war schwarz. Sie sah nur Schemen, wenn überhaupt. Aber sie hörte es.

Ein Tier. Ein großes Tier. Ein Monster und seine Beute. Das Opfer jaulte. Schmerzen. Ein Heulen. Das Monster brüllte. Ein Kratzen wie von Fingernägeln auf Schiefertafeln. Ein Knacken.

Es kam doch aus den Wänden. Sie begannen zu wackeln, kamen näher, wölbten sich. Giftige Klauen aus schwarzem Nebel krochen heraus und griffen nach ihr. Sie hatten sie entdeckt.

Ein Hieb. Heißer Atem in ihrem Nacken.

Entsetzt stolperte Selena rückwärts und rannte. Rannte hinab in den Keller, wo sie sich sicherer fühlte als auf einer Ebene mit dem schrecklichen nebligen Schattenmonster.

Aber nicht immer ließ sich alles verdrängen. Dann war das Haus, das einst ein warmes Zuhause, jetzt verflucht war, zu eng, zu erstickend.

Als der Teller beim Abendessen gegen die Wand flog, blieb sie noch. Als die Faust in der Luft hing, rannte sie, den erschrockenen Schrei ihrer Mutter noch in den Ohren, ihre abwehrende Schutzhaltung vor Augen.

Die Faust war wieder gesunken. Sie wusste nicht mehr, warum sie erhoben worden war. Warum der Teller geflogen war. Danach hatte sie ihn wieder an seinem Schreibtisch gesehen, die Augen unablässig auf dieses Stück Papier gerichtet, den Stift in der zitternden Hand, die aber keine neuen Buchstaben mehr formte. Stattdessen zuckte sie wie besessen in der Luft herum, strich aus und krakelte unsichtbare Botschaften ins Nichts.

Bei diesem Mal kam sie weiter als mit sechs Jahren. Vielleicht würde sie irgendwann aus dem ganzen verdammten Dorf laufen können. Vielleicht würde sie irgendwann einfach abheben und davonfliegen.

„Mummy, hast du Daddy noch lieb?“, fragte sie. Es war Dezember und sie backten, wie sie das jedes Jahr taten. Aber sie backten nicht in ihrer Küche, sondern in der von Lilja, Selenas Patentante und besten Freundin ihrer Mutter. Hierhin waren sie für ein paar Tage gegangen, nachdem das mit der Faust passiert war.

„Sicher“, antwortete Adriana, doch ihre Stimme klang schwankend. Sie knetete Teig in der Rührschüssel. „Mach dir keine Sorgen. Alles wird wieder gut. Lass uns einfach backen.“

Sie stäubte Zimt in die Schüssel und musste niesen. Es staubte und das Pulver setzte sich in ihren Haaren fest, in ihrem Gesicht. „Das war zu viel“, meinte sie und begann zu lachen. Selena begann auch zu lachen. Das Gesicht ihrer Mutter war ganz braun, da blitzten nur ein paar Augen und Zähne hervor. Sie lachten so viel, dass Adriana die Tränen kamen. Sie lachte und sie weinte und sie wusste nicht, ob es glückliche oder traurige Tränen waren.

Selena sah weg.

Sie sah auch weg, als sie ihre Mutter einmal auf dem Badezimmerboden kauernd vorfand. Gekrümmt und nach Luft schnappend, als würde sie ersticken. Sie zitterte und schluchzte, atmete viel zu pfeifend und zu laut. Ihr Körper war zum Zerreißen gespannt, ihre Hände an Brust und Hals gekrallt und da waren Schweißperlen auf ihrer Stirn.

Selena wollte schreien, um Hilfe rufen, weinen, davonlaufen, aber sie war genauso gelähmt wie das Häufchen Elend vor ihr. So standen beziehungsweise saßen sie. Da war etwas am Kopf ihrer Mutter, knapp unter dem Haaransatz... Selena blinzelte nicht mehr, bis alles verschwamm. Und dann hörte es langsam auf. Selena ging rückwärts, versteckte sich und schämte sich fürchterlich.

Die Bilder hatten sich in ihr eingebrannt. Also stopfte sie sie in eine dicke schwarze Truhe. Dorthin, wo auch die unheimlichen Geräusche und die Faust und das Geschrei lagen. Mit jeder neuen Erinnerung kam ein Schloss hinzu.

*****

Es hatte eine Zeit gegeben, da hatte sich Adam im Dunkeln gefürchtet. Er wollte es nicht zugeben, doch die Dunkelheit rief in ihm ein Gefühl tiefer Unruhe hervor. Er konnte nichts sehen und trug Sorge, seiner Familie oder seinen Freunden würde etwas zustoßen. Die Dunkelheit war geheimnisvoll, mysteriös und der perfekte Schauplatz, um still und heimlich zu verschwinden.

Seine Mutter war dann immer zu ihm ins Zimmer gekommen, hatte sich neben ihn gelegt und seinen Kopf Richtung Fenster gedreht. Adam roch noch ganz deutlich den frischen Duft nach Zitrus und Kokosnuss, den seine Mutter so liebte. Sie benutzte immer dieses ganz spezielle Shampoo und Parfüm, weil sie meinte, sie hätte ihren Duft gefunden, und wenn man diesen erst einmal gefunden hatte, durfte man ihn nicht mehr verändern. Das würde nur Verwirrung hervorrufen. Frauensachen hatte sein Vater ihm dann immer augenzwinkernd zugeraunt. Adam sah es genau vor sich, sein leicht schiefes, verschmitztes Grinsen, das schelmische Funkeln in seinen Augen.

Während ihm also der vertraute Duft in die Nase wehte und er die Wärme seiner Mutter neben sich spürte, sahen seine Augen durch das Fenster in die Nacht hinaus.

„Siehst du? Die Nacht ist überhaupt nicht ganz dunkel. Du musst nur nach oben schauen, Adam.“

Und Adam folgte den Worten und ließ seine Augen nach oben wandern zu dem strahlenden Firmament über ihren allen Köpfen.

„Die Sterne und der Mond leuchten für alle. Sie sind immer dort oben. Und jeder auf dieser Welt kann sie sehen. Du musst nur nach oben schauen und du wirst das sehen, was alle deine Freunde und alle Tiere und dein Vater und auch ich sehen. Das wird uns immer verbinden. Ganz egal, wo wir auch sein mögen.“ Und dann lagen sie da und sahen nach oben in die Sterne, die ihnen vom Himmel aus zuzwinkerten.

Nun hatte er die Sterne schon lange nicht mehr gesehen. Und die Sterne konnten ihn bestimmt auch nicht mehr finden. Er war herausgefallen aus diesem Universum. Dabei war es nicht einmal die Nacht gewesen, die ihn verschluckt hatte. Wie hätte er das ahnen sollen? Dass der Tag so viel gefährlicher sein konnte. Dass das Freundliche mit seiner Maske ein Meister des Betrugs war.

Er versuchte, die Bilder seiner Eltern festzuhalten. Jedes Detail, am besten in Vergrößerung. Doch je mehr er versuchte, sich daran zu klammern, desto mehr entglitten sie ihm. Waren ihre Augen eher dunkel oder hell gewesen?

War sein Vater wirklich so groß oder doch etwas kleiner, aber dafür breiter?

Ihre Stimmen... ein Echo aus fernen Zeiten. Geister. Er selbst war dabei, einer zu werden. Er löste sich auf. Mit Schrecken verfolgte er, wie seine Hände immer durchscheinender wurden.

„Mum! Dad!“, schrie er in die leere Nacht. „Mum, Dad!“ Bitte vergesst mich nicht...

Die Einzige, die ihn an die Sterne erinnerte, war sein Mondmädchen. Wenn Selena kam, ging das Licht an.

Es war kein grelles Licht, das einen blendete. Es war ein sanftes, ruhiges, irgendwie mystisches Licht. Wenn sie den Keller wieder verließ, ging das Licht aus. Doch es hinterließ jedes Mal eine glitzernde Spur.

*****

Selena hatte das Oben und das Unten, zwei Leben. An Adam, einen Adam außerhalb ihrer gemeinsamen zweiten Welt, dachte sie nicht. Er war einfach da, existierte für sie. Ein Junge ohne Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Wenn die Grübelei kam, das Bauchgrummeln, dann drehte sie sich schnell um. Wenn sie sich schämte, die Sonne zu sehen, bei einem schlimmen Gewitter sicher bei ihrer Mutter zu liegen, während Adam in dem dunklen, modrigen, staubigen Keller saß, den sie selber schon nicht gut leiden mochte, dann sang sie ein Lied in ihrem Kopf, bis die Noten all das andere verdrängten.

Aber auch Adam hatte zwei Leben in seinem beschränkten Kellergefängnis. Er hatte sogar drei.

Das Leben mit Selena. Das Leben als kleiner Junge, verloren in einer schrecklichen dunklen Höhle. Und das Leben eines Spielzeuges, einer Figur in den Händen des Mannes, der ihn hierher gebracht hatte.

„Setz dich zu mir.“

So hatte es angefangen. Noch nie hatte sich Gerrit länger als unbedingt nötig bei ihm aufgehalten und noch nie hatte er ihn um etwas gebeten. Und dann das.

Adam war der Schweiß ausgebrochen. Was würde er jetzt mit ihm machen?

Gerrit hatte ihm sein Essen gebracht. Danach war er nicht wie sonst verschwunden, stattdessen hatte er sich an der Wand auf den Boden gesetzt und neben sich gedeutet. „Setz dich einen Moment zu mir.“

Adams drahtiger Körper hatte sich geweigert. Er zitterte unkontrolliert. Alles in ihm schrie laut Nein. Jetzt würde er ihm wehtun. Jetzt war es so weit.

„Bitte.“

Es waren diese gehauchten zwei Silben, so falsch in ihrer Sanftheit, die seine Gliedmaßen doch in Bewegung versetzten.

Langsam war er seinem Feind näher geschlichen. Gerrit musste der Feind sein, was sonst.

Sein Atem ging flach, sein Mund war leicht geöffnet. Seine dunkelbraunen, fast schwarzen Haarsträhnen waren ihm lang ins Gesicht gefallen. Er hätte wohl dringend einen neuen Haarschnitt benötigt.

Nach mehrmaligem Schlucken hatte er sich ungelenk wie ein junges Fohlen neben Gerrit an der Wand niedergelassen. Er ließ einen großen Abstand. Doch er war nicht groß genug gewesen, um die physische Verbindung aufzuheben. Sie beide hatten die Körperwärme des jeweils anderen gespürt, hatten gar geglaubt, ihren Herzschlag zu hören. Ihren Atem, das leise Schnaufen. Beide hatten auf ihre Hände geschaut. Und so waren sie dort gesessen.

Von da an verweilte Gerrit öfter noch eine Weile im Keller. Dort am Boden, an der Wand zusammen mit ihm. Adam war wieder einmal der Zuhörer. Gerrit der Erzähler.

Er erzählte ihm Geschichten aus seiner Arbeit als Grafiker. So wusste Adam inzwischen, dass Gerrits Kollegin Mary Ann hieß und bereits im Alter von 25 eine Scheidung hinter sich hatte. Sie hegte eine Schwäche für Gerrits Vorgesetzten und versuchte, diesem die Botschaft versteckt in ihren Grafiken zu vermitteln.

Meistens aber erzählte Gerrit von seiner Kindheit.

„Sonntags gab es immer Pfannkuchen zum Frühstück und Braten mit Knödeln zum Abendessen. Oft hatten wir Besuch. Meine Eltern hatten einen breiten Freundeskreis und ich habe draußen mit den Kindern gespielt, während die Erwachsenen nachmittags zu Kaffee und Kuchen die neuesten Geschichten aus dem Dorf austauschten. Ich kann mich an keinen Sonntag erinnern, der nicht fröhlich gewesen wäre.

Alle haben immer davon geredet, was sie machen würden, wenn sie einmal groß wären. Welchen Beruf sie wählen würden, was sie endlich ohne Erlaubnis tun und lassen könnten, welche Abenteuer sie erleben würden… Dabei hat das größte Abenteuer doch gerade zu dem Zeitpunkt stattgefunden. Dort draußen, auf den Feldern von Snowy Meadows, in den Baumhausburgen, die uns vor den Drachen beschützten, auf den Regenrutschen im Morast, zwischen den Sträuchern, in die wir Tunnel bauten. Und die Welt war heil, wir hatten ein Zuhause, Eltern, die sich um uns kümmerten und das Böse von unserem Universum fernhielten. Jeder Tag war neu, jeder Tag barg ein Geheimnis und wir waren Kinder, denen all dies offen stand.

Wir waren besonders. Wir wurden beschützt und uns wurde verziehen. Wir mussten nichts weiter tun, als unser Leben zu leben. Keine Verantwortung, keine Sorgen. Warum hätte jemand diesen Status verlieren wollen? – Ich wollte es nicht. Ich wollte es nie. Ich war Peter Pan, ich wollte einfach nie erwachsen werden.“

Nie jedoch erzählte er von Selena. Adam konnte natürlich nicht fragen. Das heißt, einmal, da wollte er es. Er hatte schon seinen Mund offen, die Worte waren beinahe heraus, doch dann trieb er sie zurück in sein Inneres.

Selena selbst sprach selten von ihren Eltern. Seit sie ihn damals damit konfrontiert hatte, dass ihr Vater nun böse auf sie sei. Sie beide hielten so vieles zurück, so vieles heraus aus ihrer Welt. All das, was jene vergiften könnte. Das machte Adam zuweilen wütend. Da war dieses Mädchen, kam und ging wie es ihr beliebte und er? Er konnte nirgendwo hingehen, wurde nie gefragt, ob er spielen, reden, Besuch haben wollte. Zu seinen Eltern wollte er, die Sonne sehen, mit seinem besten Freund Streiche aushecken. In die Schule gehen.

Als Selena ihm vorgeschlagen hatte, ihm das Lesen und Schreiben beizubringen, hatte er vor Wut alle Stifte durch den Raum geschlagen.

„Nein! Das kann ich schon“, hatte er sie angefahren und Selena war gekränkt gegangen. Adam hatte so lange gegen die Wände geschlagen, bis er vor Erschöpfung eingedöst war.

„Ich wollte nicht älter werden, weil das bedeutete, dass sich alles verändern würde.“

Adam drehte und wendete diesen Satz in seinem Kopf hin und her; besah ihn von allen Seiten. Es passierte ihm immer häufiger, dass das, was ihm Gerrit in ihren Sitzungen, wie er es heimlich nannte, eröffnete, etwas in ihm auslöste. Und so kam es, dass er, auch wenn er es vielleicht nie zugeben würde, ein kleines bisschen neugierig auf diesen Mann wurde. Auf seine Geschichte, die Dinge, die er erzählte. Es war nur ein Hauch einer Ahnung, aber etwas raunte Adam zu, dass dies ein Gerrit war, der sich selten jemandem zeigte.

Vielleicht würde Gerrit ihn irgendwann als einen Vertrauten ansehen und musste man nicht nett zu Vertrauten sein? Er hatte sogar schon überlegt, ihm zur Abwechslung doch einmal etwas von sich zu erzählen. Vielleicht würde er ihn dann nach Hause gehen lassen, wenn er wusste, wer dort alles auf ihn wartete...

Natürlich würde er Gerrits Geheimnisse niemandem weitererzählen, das würde er versprechen. Er würde ihm sogar weiter zuhören, wenn nur von zu Hause aus...

Ihre Terrasse war immer schön gewesen, dort ließ es sich gut sitzen. Und seine Mutter könnte ihren leckeren Saft für sie machen.

Komischerweise konnte er sich nie Selena dort vorstellen, so sehr er es auch versuchte. Sie verschwamm jedes Mal oder das Bild verzerrte sich ins Unkenntliche. Lediglich wenn er die Sonne durch den Mond und das Licht durch bittere nächtliche Finsternis ersetzte, konnte er sie sehen.

Dann eines Tages hörte es mit den melancholischen Erzählungen auf und zum ersten Mal drohte Gerrit ihm. Es war, als der Mann ihm eröffnete, dass er für einige Tage wegfahren würde. Er würde Adam genug Nahrung und Wasser dalassen und auch ein paar neue Sachen, mit denen er sich beschäftigen konnte. Jegliche Kontrolle wich aus Adams Körper, genau wie das Blut aus seinem Gesicht. Er klammerte sich an Gerrits Bein und weinte und weinte und flehte ihn an zu bleiben. Er hatte noch nie vor Gerrit geweint.

Gerrit war über Adams Ausbruch scheinbar genauso entsetzt wie Adam selber, aber die Panik war mächtiger. Alles war besser, selbst Gerrit war besser, als alleine gelassen zu werden. Verlass mich nicht auch noch, bitte. Er hatte ihn hergebracht, er musste sich doch um ihn kümmern!

Irgendwann gelang es Gerrit, ihn abzuschütteln und er verschwand für sehr lange Zeit. So lange Zeit, dass Adam das Wasser ausging und er glaubte, nun wirklich für immer ganz allein zu sein, alleine zu sterben. Als Gerrit schließlich wiederkam, war er so dankbar, dass er brav zu allem nickte, was er ihm sagte.

Kurz bevor der große Rücken schon beinahe durch die Tür war, sackten dessen Schultern herab und er drehte sich noch einmal halb um. „Ich will ja auch nicht fahren“, sagte er trostlos. „Aber das ist die einzige Chance, meine Familie zu retten.“

Meine Familie zu retten, hallten die Worte in den Kellerwänden nach.

*****

Das Sonderbarste an dieser Geschichte ist nicht, dass dies alles so geschehen konnte. Es ist vielmehr, dass dies alles immer so weiter geschehen konnte.

Adam wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Zeit war etwas, dass nicht mehr existierte, keine Bedeutung mehr hatte.

Gleichwohl war es die Zeit, die dick und zähflüssig vorbeifloss, stetig, doch langsam. So langsam, dass sie die Menschen einlullte. Ein nie enden wollender Sommernachtstraum.

Snowy Meadows’ Boden wurde weiß; nicht von Schnee, aber von Frost. Und dann wurde er wieder schlammig, braun und fest. Die Bäume wurden kahl, um wenig später in neuer Pracht zu erwachen. Die Kinder des Dorfes wurden älter.

Weder Selena noch Adam bekamen etwas von der intensiven Suche nach einem sechsjährigen verschwundenen Jungen, der nicht mehr sechs war, mit.

Am Strand von Dover war es geschehen, berichteten die Medien. Der Junge hatte einen Ausflug mit seiner Mutter unternommen. Diese hatte sich umgedreht, um Saft aus ihrem Picknickkorb zu holen. Als sie sich kurz darauf wieder umdrehte, war ihr Sohn verschwunden.

Sie wussten nichts von Camille und David Hennessys Qualen, die seitdem folgten.

Von der Schuld, die sich Camille gab. Sie hatte als Mutter versagt.

Sie irrte in Dovers Straßen umher, dann wieder saß sie nur in den eigenen vier Wänden. Wartete, dass ihr Kind nach Hause kam, musste ihn doch suchen.

Sie fuhr ihn morgens zur Schule, holte ihn nachmittags wieder ab. Ein Gespenst zwischen all dem jungen Leben. Manche bemerkten sie. Alle schauten weg.

Gerrit hatte sie einmal gesehen, am ersten Schultag. Gerrit sah auch den leeren Platz im Schulgebäude. Er sah ihn ganz deutlich. Seitdem hatte er Selena nicht mehr in die Schule gebracht oder von dort abgeholt.

Der Junge wurde zu einer kleinen Berühmtheit, die jedoch von den politischen Ereignissen um die Berliner Mauer 1989 in den Hintergrund rückte.

Dann betrat er wieder die Hauptbühne, als man begann, sich gegen die Eltern als mögliche Täter zu stellen. Keine Hinweise, niemand war auszuschließen.

Großen Aufruhr gab es unter den ermittelnden Polizeiinspektoren, als ein älterer Herr bei einem Spaziergang am Strand menschliche Überreste entdeckte.

Aber schnell stand fest, dass es sich nicht um das gesuchte Kind handelte.

Am 30. März 1991 – dem dritten Jahrestag seit dem Verschwinden – unternahm Camille Hennessy einen Selbstmordversuch.

In dieser Nacht schlüpfte sie in Nachthemd und barfuß aus der Haustür. Der Wind spielte mit ihren wirren Haaren. Ihre Augen waren gerötet und verschleiert von einem Schlafmittel, das nicht half. Alles um sie herum war ein Trugbild. Nicht reale, sich verändernde Schatten am Rande ihres Bewusstseins. Ihre Füße trugen sie zu Dovers berühmter Kreideküste, an den Rand der selbst in der Dunkelheit strahlenden Klippen. Unter ihr brauste das Meer. Es schlug seine Arme gegen das Gestein. „Ich komme Adam….“, sprach sie.

– Oder hatte sie es bloß gedacht? Doch gerade als sie ihren letzten Schritt tun wollte, packten sie zwei starke Arme von hinten und rissen sie zurück.

All das geschah abseits von dem, was sich in Snowy Meadows abspielte. Selena nahm zwar hin und wieder am Rande etwas Getuschel wahr, doch nie beschäftigte sie sich genauer damit. Wenn sie doch einmal etwas aufschnappte, verdrängte sie es schnell. Sie sah wenig fern, erst recht keine Nachrichten und sie las auch keine Zeitung. Selena bewegte sich in einer Blase und tat unterbewusst ihr Bestes, um diese nicht zum Platzen zu bringen. Denn außerhalb der Blase wartete nichts Gutes.

So blieben es einmal mehr zwei Welten.

The trust of the innocent

The trust of the innocent is the liar’s most useful tool.

∼ Stephen King

Wie kannst du einfach wegfahren, was ist mit Adam? Was ist mit Adam?

Fast wäre es ihr herausgerutscht. Fast.

Das italienische Cinque Terre war ein kunterbuntes Wunderland. Selena hatte noch nie so viele Farben gesehen. Und solch intensiv leuchtende! Zitronengelb, Pastellrosa, Ockerfarben, Orange, Blau – das Meer glitzerte wie ein Diamant tiefblau. Wie ihre Augen.

Sie hatte nicht fahren wollen. Denn was war mit Adam?

Aber sie hatte keine Wahl. Ihre Mutter hatte es so beschlossen. Nicht einmal ihr Vater hatte von den Plänen gewusst. Auch er war nicht begeistert gewesen. Aber er fügte sich. Wegen irgendetwas Unausgesprochenem zwischen Mann und Frau.

Meistens kamen die Fragen nachts. Sie nagten an ihr, bissen sie manchmal sogar.

Inzwischen konnte Selena zwar versuchen, die Verbindungen zu leugnen, jedoch nicht verhindern, dass sich das Wissen in ihr drinnen einnistete.

Sie waren in Italien, weil ihre Mutter das Leben, das sie derzeit führten, nicht mehr aushalten konnte. Sie war nicht mehr glücklich. Gerrit machte sie unglücklich.

Die Erinnerung daran, wie es früher einmal gewesen war, verblasste in ihr zunehmend. Sie war nun neun. Adam auch. Adam und sie hatten beide am 1. Januar 1982 Geburtstag. Sie beide läuteten stets das neue Jahr ein. Neue Hoffnung, neue Chancen, leere unbeschriebene Seiten.

Adam – der Junge in ihrem Keller.

Ihr Vater wusste von ihm. Gerrit hat sie mir gegeben.