Seltsame Schleife - Rolf Niederhauser - E-Book

Seltsame Schleife E-Book

Rolf Niederhauser

4,4

Beschreibung

Nominiert für die Hotlist 2014 Pit Dörflinger, 32, glaubt, dass er einen Menschen getötet hat. Nur verworren allerdings erinnert er sich an die Umstände. Von Cambridge, Massachusetts, aus, wo er am M.I.T. in einem Artificial-Life-Projekt mitarbeitet, das die elementaren Funktionsprinzipien des menschlichen Bewusstseins rekronstruieren soll, hat er sich auf die weite Reise nach Texas gemacht, um mit seiner Freundin und deren Eltern Weihnachten zu feiern. Ein Telefonat wirft ihn aus der Bahn, er landet bei einem Freund in Mexiko, von wo es ihn weiter nach Kolumbien treibt. Dort verliebt er sich in eine Ex-Guerillera, in deren Leben es erstaunliche Parallelen zu seinem eigenen gibt. Unversehens gerät er in den Sog einer Bewusstseinsforschung ganz anderer Art, die ihn zurück in die Kindheit führt und seine Identität immer fragwürdiger erscheinen lässt. Dörflinger muss sich den Fakten stellen. Nur - was sind die Fakten? Mit seinem gross angelegten, kühn konstruierten Roman »Seltsame Schleife«, der auch in seiner Form eigenwillig daherkommt, meldet sich Rolf Niederhauser nach über zwanzig Jahren Schweigen auf beeindruckende Weise zurück.

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Seitenzahl: 1361

Veröffentlichungsjahr: 2014

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SeltsameSchleife

Rolf Niederhauser

SeltsameSchleife

Roman

Für Rina, die am Anfang stand, und für Esther, die mir immer wieder den Weg gewiesen hat.

Die Arbeit an diesem Buch wurde unterstützt durch Werkbeiträge der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und des Kantons Solothurn sowie durch einen Beitrag der »UBS Kulturstiftung«.

Der Verlag dankt dem Kanton Solothurn und dem Fachausschuss Literatur BS/BL für die finanzielle Unterstützung.

© 2014 Rotpunktverlag, Zürichwww.rotpunktverlag.ch

Lektorat: Christoph KuhnUmschlagbild: Don Espresso / photocase.de

ISBN 978-3-85869-628-11. Auflage 2014

Figuren und Handlungen dieses Buchs sind frei erfunden, allfällige Ähnlichkeiten mit lebenden Personen rein zufällig. Davon ausgenommen sind Patty Maes, über deren Demonstration eines artifiziellen Hunds ich im Magazin der Basler Zeitung vom 2. Sept. 1995 berichtet habe, und Ronny Leemans, der sein Referat über die Evolution des Rads allerdings nicht in Cambridge, Massachusetts, sondern 2009 im privaten Rahmen in Langenbruck hielt.

Über dieses Buch

Pit Dörflinger, 32, glaubt, dass er einen Menschen getötet hat. Nur verworren allerdings erinnert er sich an die Umstände.

Von Cambridge, Massachusetts, aus, wo er am M.I.T. in einem Artificial-Life-Projekt mitarbeitet, das die elementaren Funktionsprinzipien des menschlichen Bewusstseins rekronstruieren soll, hat er sich auf die weite Reise nach Texas gemacht, um mit seiner Freundin und deren Eltern Weihnachten zu feiern. Ein Telefonat wirft ihn aus der Bahn, er landet bei einem Freund in Mexiko, von wo es ihn weiter nach Kolumbien treibt. Dort verliebt er sich in eine Ex-Guerillera, in deren Leben es erstaunliche Parallelen zu seinem eigenen gibt. Unversehens gerät er in den Sog einer Bewusstseinsforschung ganz anderer Art, die ihn zurück in die Kindheit führt und seine Identität immer fragwürdiger erscheinen lässt. Dörflinger muss sich den Fakten stellen. Nur – was sind die Fakten?

Rolf Niederhauser, geboren 1951 in Zürich, ist mit Das Ende der bloßen Vermutung und Nada oder Die Frage eines Augenblicks (beide bei Luchterhand) bekannt geworden. Der Roman Seltsame Schleife, mit dem sich der Autor nach über zwanzig Jahren in beeindruckender Weise wieder zu Wort meldet, basiert auf umfangreichen Recherchen in Nord-, Mittel- und Südamerika. Niederhauser lebt in Basel.

Linger, and the words and things come into the mind.

William James

Die Wiederherstellung des Paradieses interessierte ihn nicht, weil er die Vertreibung als noch nicht ganz gelungen ansah.

Hans Blumenberg

— ¿Qué es ser colombiano?

— No sé —le respondí—. Es un acto de fe.

Jorge Luis Borges

Inhalt

1. DIE REISE

2. DIE RÜCKKEHR

3. DIE RECHERCHE

1.

DIE REISE

Pero una vez que hube recorrido por entero el círculo, me di cuenta …1

Johann Wolfgang von Goethe,

Los años de aprendizaje de Wilhelm Meister

BUENAVENTURA, schreibt er, ist ein dreck nest – wobei: ein dreck nest mit drei hundert tausend einwohnern, jenseits von allem was ich mir vorgestellt hatte – aber hier, also, bin ich auf die welt gekommen.

»Счдстцйвчнк!«, sagt der kleine russische matrose, der rum anbietet, weil es keinen vodka mehr gibt, und der jeden umarmt:

— Where do you come from?

— I’m from here —sage ich — I was born here.

Er ist der erste dem ich das sage, ohne weitere erklärung, die er auch gar nicht verlangt. Stattdessen hängt er mir seinen arm über die schultern und eine alkoholfahne vors gesicht, während er wieder Luci anstiert, ihr Rasta-haar und ihre dunkle haut, die im violetten licht dieser bar-terrasse einen metallischen glanz hat, darin das perlmutter-weiss ihrer augen, das leuchtet wie jetzt der monitor meines notebooks in der nacht, in dieser fetten nacht die vom meer her durchs offene fenster dringt, während ich sehe wie er ihre hände mustert, ihre geschmeidigen hände, die wieder und wieder in der erinnerung jetzt über meine knie, meine schenkel huschen, schlank und flink wie die kleinen echsen auf dem Rio Cacarica, die in gestrecktem lauf übers wasser flitzten, Jesus-Christus echsen, basiliske, und wenn ich seine blicke sehe, die blicke des kleinen matrosen, dessen namen ich überhört habe, ahne ich schon was er mit »Счдстцйвчнк« meint, lange bevor ich unter www.friends-partners.org/oldfriends/language/russian-alphabet.html eine tafel mit cyrillischen lettern samt aussprache finde, mit deren hilfe ich das wort zu buchstabieren versuche, um es anschliessend in einem online dictionary zu übersetzen.

Luci, schreibt er weiter, die den Russen anscheinend kennt oder jedenfalls nicht zum ersten mal sieht, schickt ihn fort, schiebt ihn beiseite, sanft aber entschieden, bis er endlich zum nächsten tisch wankt. Später sehe ich wie zwei andere ihn packen und über das niedrige geländer werfen, das die terrasse von der strasse trennt, während Luci mich immer noch zum tanzen überreden will:

— ¡Venga! —bettelt sie— ¡Vamos a bailar!

—No —sage ich— No quiero.

Aber was sonst? Ich verstehe dass sie das wissen möchte, während sie jetzt meine hand nimmt und küsst und meine finger zwischen ihre lippen schiebt, einzeln, um sie dann durch den mund zu ziehen, als wollte sie wie mit dem granit ihrer zähne einen unsichtbaren film von meiner haut kratzen, eine kruste oder hülle, unter der mein finger mir vorkommt wie ein verpupptes insekt – jedenfalls überkommt mich plötzlich ein gefühl von nacktheit und schutzlosigkeit, das mir durch mark und bein geht:

— ¡Vamos a dar una vuelta! — sage ich, bloss um aus dieser VENUS BAR weg zu kommen.

Draussen, obwohl noch früh am abend, ist es schon wieder fast so dunkel wie heute morgen um vier oder halb fünf, als die beiden matrosen mich durch die mondlose nacht hier an land gebracht haben – oscuro (das Spanische trifft’s genauer, finde ich). Nur da und dort hängt eine glühbirne unter einem vordach, fällt etwas licht aus einem fahl beleuchteten schaufenster oder einer offenen tür. Aber auch im finstern ist viel volk auf der strasse, dazu gibt es musik aus allen winkeln und löchern wie den ganzen tag über auch schon, Merengue, Salsa, Cumbia – doch Luci weigert sich trotzdem mit mir durch eine dieser gassen in die nacht hinaus zu schlendern:

— Es peligroso —behauptet sie — Hay muchos ladrones, y sin más ni más te van a matar.

Gefährlich? Ich lache. Nicht weil ich ihr nicht glaube dass es da draussen gauner gibt die auch vor einem mord nicht zurück schrecken! Aber bei allem respekt: ich brauche ja nur zu fragen wo sie selber denn wohnt, und logisch, zeigt sie irgendwo in diese oscuridad hinaus: in irgend einer der hütten da draussen haust sie, irgendwo unter diesem meer von dächern aus wellblech, in einer der finsteren strassen, vor deren bewohnern sie mich warnt. Aber das sei etwas anderes, meint sie:

— Es que yo soy de aquí.

— ¡Yo también! — sage ich — También soy de aqui.

Aber der trotzige ton macht meine behauptung nicht plausibler.

— ¡Ay, hombre! —lacht sie— ¿Qué me dices?

Natürlich hat sie recht, wäre ich wirklich von hier, müsste sie mich schon einmal gesehen haben, so viele Weisse gibt es in Buenaventura nicht. Und da ich bestätige dass ich zum ersten mal nach Buenaventura gekommen aber trotzdem hier geboren bin (auch wenn ich das selber erst seit acht tagen weiss), präzisiert sie dass sie ihrerseits aus Calí komme. Ihre eltern, sagt sie, leben immer noch dort, zusammen mit ihrer dreijährigen tochter, wie übrigens auch der vater des kindes, der sich, aber, noch nie um das mädchen gekümmert hat. Und da ich darauf nichts zu erwidern weiss, schweigen wir eine weile, bis wir am ende der strasse, respektive am ende der beleuchtung, umkehren und zurück gehen zu jener disco in die sie mich vorhin schon schleppen wollte. Aber ich bleibe dabei dass ich nicht tanzen will.

— ¡Qué aburrido! —sagt sie, nicht länger gewillt mit einem langweiler wie mir ihre zeit zu vertun. Sie lässt mich stehen und verschwindet, ohne sich nochmals umzudrehen, in der tür des lokals. Ihr graziler gang und die quirlige fülle ihrer straffen zöpfe, dazu ihr hintern, der in den glitzernden scherben ihres kleides lustvoll eine lemniskate tanzt. Und ich, in der schwüle der nacht plötzlich mit mir allein, weiss nicht ob ich meine standhaftigkeit bereue oder was ich eigentlich hier will: es gibt nicht viel zu wollen in Buenaventura, schreibt er.

Den ganzen tag über bin ich durch das wirre netz dieser calles und carreras gelaufen, die alle namenlos durchnummeriert sind – wie fast überall auf dem amerikanischen kontinent (was ich vor dieser reise auch nicht gewusst habe). Im gegensatz zu den städten im norden allerdings verlaufen hier kaum zwei strassen rechtwinklig oder parallel zu einander, kaum eine ist asphaltiert, und so weit man gehen kann, wenn es einmal nicht regnet, gibt es nichts als hütten im schlamm, mauern aus adobe mit verschlägen aus fauligem holz, baracken auf einem fundament aus bröckelndem beton. Da und dort steht ein haus aus rohem backstein, ein bisschen wohlstand hinter vergitterten fenstern, aber sonst: nichts als gassen voller bedürftigkeit, voll von nackten kindern, die sich an die wände drücken, wenn ein fremder, noch dazu ein Weisser, vorüber geht. In einigen strassen wimmelt es von menschen zwischen lottrigen unterständen, unter denen sich früchte und hemden stapeln, spielzeug und werkzeug, schuhe und armbanduhren. Video recorder und CD player liegen zwischen magischen kräutern und rostigen nägeln, rollen von draht und fallen aller art für mäuse und ratten. Daneben, aber, regt sich wenig in der hitze des mittags, obwohl die luft überläuft vom gedröhn aus unzähligen ghetto blastern, radios, fernsehern, alles auf voller lautstärke, eine irre rhapsodie von rhythmen und klängen und stimmen aus allen offenen fenstern und türen: composition by competition (so hat Al, unser project manager, das prinzip Komplexer Adaptiver Systeme einmal beschrieben) – als wären hier alle nur damit beschäftigt sich gegenseitig im erzeugen einer festlichen stimmung zu überbieten. Aber dazu stehen sie gelangweilt vor ihren häusern, lehnen im schatten der offenen türen, vor allem die männer, fast ausnahmslos Schwarze, und sie sehen mir nach, misstrauisch oder faul, neugierig oder erstaunt: vermutlich verirren sich wenig Weisse ins labyrinth dieser abfall-gesäumten strassen, die sich unten am strand in einem gewirr schmaler stege zwischen pfahl-bauten aufs wasser hinaus verlieren. Bizarre einblicke in einen alltag der unvorstellbar bleibt! »Was heisst realisieren?« Guidos frage fällt mir jetzt immer wieder ein. Jedenfalls bilde ich mir nicht ein dass ich in diesen vierteln willkommen wäre. Trotzdem bin ich stunden lang da draussen herum gegangen, je nach gegend eher zögerlich oder straight – bis einmal, bei einer verfallenen mole, wo sieben, acht junge typen im schatten hockten, einer von ihnen aufgestanden und ein paar schritte auf mich zu gekommen ist, ein bursche in blauer zerschlissener plastik hose und mit nacktem oberkörper, der in der sonne blinkte wie blanker stahl. Und während er den kopf leicht in den nacken legte, im sinn der frage was ich suche, hob ich kurz meine hand zum gruss, so lässig es ging, und sah mich einen augenblick um, als hätte ich mich wohl in der adresse geirrt. Vielleicht wäre er sogar bereit gewesen mir mit einer auskunft weiter zu helfen. Aber da ich nicht einmal wusste wonach ich hätte fragen sollen, liess ich es nicht darauf an kommen und ging, ohne mich nochmals umzudrehen, denselben weg zurück.

Solange ich nicht gaffe, begegnen mir die meisten sehr freundlich – fast übertrieben freundlich! I mean, abgesehen von den matrosen – die allerdings nicht durch die gegend spazieren – bin ich der einzige fremde hier. Wen wundert’s dass mich alle anhauen und/oder mir alles mögliche andrehen wollen:

— ¿Tienes un cigarrillo, hermano?

— ¡Cómprate un reloj, hermano!

— ¿No quieres a una chica, hermano?

Ob sie zigaretten, uhren oder eine frau anbieten: alle nennen sie mich hermano und es klingt wie hohn, obwohl es ja nur eine redensart ist:

— ¿Adónde vas, hermano?

Wohin ich gehe?

Aquí nomás me voy, dando la vuelta para conocer este lugar donde nací, und so, ziellos diese strassen ablaufend wie ein streunender hund, versuche ich mir vorzustellen wie Buenaventura – laut SOUTH AMERICAN HANDBOOK »Colombia’s most important port and only acces to the Pacific« – vor dreissig jahren wohl ausgesehen haben mag, als ich hier zur welt kam … Die zwei rost-farbenen bäume am rande des parks, zum beispiel, an dessen stelle früher offenbar der hafen war, diese beiden urwaldriesen, akazien oder was weiss ich, sind im gegensatz zum rasen, der sie umgibt, den spielplätzen und den promenaden am quai entlang mit sicherheit älter als ich. Sie müssen schon damals, in welcher umgebung auch immer, an ihrem platz da gestanden haben. Überall sonst, aber, ob im zentrum oder ringsum in den slums, gleicht die stadt einer gigantischen baustelle.

Im lauf des nachmittags suche ich fast zwei stunden lang die mauer zum neuen hafen nach zugängen ab, aber sie umschliesst das ganze areal wie eine festung. Viel mehr als die masten der hohen kräne dahinter bekomme ich nicht zu sehen, auch wo ein gitter mit bewachter schranke einen blick ins innere gestattet. Die anlage scheint kaum zehn jahre alt, aber was da zuvor war, lässt sich nicht mehr ausmachen. Und als ich auf der andern seite der strasse eine gruppe von uniformierten entdecke – polizei oder militär – die passanten kontrollieren, fällt mir ein dass ich nach wie vor Ramóns pass bei mir trage, und ich gehe zurück ins hotel, wo ich das kleine burgunder-rote heft in meiner reise tasche, später in einer nische unter der badewanne verstaue. Danach wasche ich mir die hände, die immer wieder kleben vor schweiss, und das gesicht. Die stirn über dem rechten auge ist jetzt ziemlich geschwollen, stellenweise blau, die wunde vielleicht sogar ein wenig vereitert; ich reinige sie mit merfen und erneuere das pflaster.

Später sitze ich draussen im café MIRADOR EL MARINERO und schaue hinaus in die bucht, die – wie Buenaventura insgesamt – rings von dschungel umgeben ist. Als grünes band (wie Alicias stirnband!) zieht er sich am horizont entlang. Das meer unter dem dunstig gleissenden himmel ist schwarz, und doch glänzt es wie der samt-glatte bildschirm meines notebooks im dunst dieser nacht vor meinen augen jetzt. Und während ich mich selber da draussen sitzen sehe – verloren in gedanken an Flor Marina, die vermutlich wieder in Bogotá ist, oder das kurze telefonat mit mamá vor einer woche, dann die grässliche nacht in Panamá und die fahrt hierher – erscheint mir diese bucht da draussen plötzlich wie ein in die landschaft gezeichneter querschnitt durch ein riesiges auge. Vielleicht weil ich am abend, in einer zeitung blätternd2, an diesem artikel über glaukome hängen geblieben bin – »El matador silencioso de la visión« – in dem dieser querschnitt abgebildet war, mit retina, iris, nervio óptico et cetera. Jedenfalls, in der dunkelheit dieses zimmers jetzt, sehe ich sie vor mir, die bucht von Buenaventura, umfangen von einer netzhaut aus grünem regenwald, dessen gestrüpp an den ufern in das glasige rund des wassers greift wie ein gewusel von rezeptor-zellen, die sich in verwobenen bahnen zu strähnen und strängen bündeln, um nach und nach wie die gewundenen pfade und strassen durch die sümpfe an der peripherie dieser stadt von allen seiten her zum zentrum hin zusammenzulaufen, wo sie sich allesamt zum dicken stamm des seh-nervs vereinen, genau an der stelle an der ich mich dort draussen auf der terrasse des MIRADOR sitzen sehe, im blinden fleck jenes auges, so zu sagen, von wo aus der nerv nach hinten ins gehirn abgeht. Und am anderen ende dieses imaginären nervs sitze ich hier hinter dem monitor meines notebooks, durch den ich blindlings hindurch und hinaus schaue in jene bucht, die nur sehr weit draussen, zwischen den beiden zungen des dschungels, die sie von norden wie von süden her umgrenzen, einen schmalen korridor ins offene meer hinaus frei lässt, in dessen mitte ein frachter vor anker liegt, winzig auf jener gleissenden hornhaut zwischen wasser und himmel wie zwischen bucht und meer, derselbe, vielleicht, mit dem ich gestern hier angekommen bin und hinter dem kurz darauf unter schlieren von gewölk, die sich nach allen regeln des deterministischen chaos verfärben, die sonne untergeht. Und ich, vor meinem monitor hier wie zugleich dort draussen im MIRADOR sitzend, ich und ich, wir beide starren minuten lang in diese glühend rote und rasch ins meer absinkende masse, starren in ihr zentrum, als suchten wir darin nach der pulsierenden öffnung einer pupille, die uns durch meer, urwald, himmel und alles andere hindurch die sicht frei geben könnte auf das was dahinter liegt. Stattdessen verfängt sich der blick in den bildern dieser letzten wochen und monate, verliert sich, versucht sich wieder zu sammeln, zu sichten was gewesen ist, zu ordnen was sich gezeigt hat und für immer gewesen sein wird auf eine art, schreibt er, von der wir bewohner des Global Village ja keine ahnung mehr haben! … Und er hält inne, beide Hände auf der Tastatur, während er hinaus blickt in die Nacht, die Bucht, die Bilder.

Ich schreibe, schreibt er, um zu vergessen …

(Wo habe ich das gelesen?)

Jedenfalls ist es nicht so dass ich etwas los werden will, im gegenteil: ich versuche fest zu halten was gewesen ist! Und immer wieder die online verfügbaren zeitungen von Panamá nach meldungen der letzten tage zu durchsuchen – was soll’s? Sie könnten höchstens bestätigen was ich weiss, was ich zu wissen glaube, und dass nirgends eine entsprechende meldung auftaucht, beweist gar nichts. So wasche ich mir die hände, die schon wieder kleben vor schweiss, gesicht und nacken, brust und arme mit kaltem wasser, was erfrischender ist als duschen. Auch das pflaster immer wieder von der stirn zu reissen, um zu sehen ob die wunde noch blutet oder seifert, sie abzutupfen und erneut mit einem pflaster zu verkleben, hat keinen sinn: wunden heilen rascher, wenn man sie nicht abdeckt.

Dann wieder wühle ich in meiner reise tasche, und wie vor zwei monaten – hier zögert er vielleicht: keine zwei Monate ist das her! – versenke ich mich in das marmor-muster der postkarte die mir Guido aus México geschickt hat, irgendwann letzten herbst, und die ich die ganze zeit mit mir herum getragen habe: als lesezeichen zwischen den seiten dieser spanischen ausgabe von WILHELM MEISTERS LEHRJAHREN; was weiss ich wie ich auf die idee gekommen bin, Goethe auf Spanisch zu lesen, nur weil ich mit ihm auf Deutsch nie viel anfangen konnte.

Mr. Pit Dörflinger, research assistant, MIT, Boston, Estados Unidos: ein wunder dass die karte mit dieser adresse in meinem office gelandet ist! Nicht einmal der ort stimmt, Boston statt Cambridge, und dass im acronym für Massachusetts Institute of Technology die punkte fehlen, ist noch das wenigste. Das einzige was stimmt, ist der research assistant – aber woher sollte Guido wissen dass ich in Amerika meinen namen geändert habe.

Und wieder lese ich was ich beim ersten mal nur kurz überflogen hatte:

This is just to open up another D in your ID-world – mit liebem Gruss, Guido!

Was das heissen sollte, war mir schleierhaft, und im ersten moment hatte ich auch keine zeit darüber nachzudenken, ich musste das labor herrichten für einen photographen der aufnahmen machen wollte zu einer reportage über unser projekt.

Aber dass sich unter der glänzenden, in allen grau-tönen maserierten oberfläche auf der vorderseite der karte, die an marmor oder schildpatt erinnerte – genauer: dass sich in dieser struktur eines jener 3-d bilder verbergen musste, die mich den ganzen sommer über oft genug frustriert hatten, das sah ich auf den ersten blick. Überall waren sie plötzlich aufgetaucht, abbildungen von bizarren mustern, schwarz-weiss oder bunt, nüchtern, technoid oder psychedelisch, in denen alle etwas zu sehen behaupteten, das mir, indes, so hartnäckig verborgen blieb dass ich mir vorkam als wollten sie mich damit zum narren halten. Jedes mal dieses ungläubige staunen, wenn man nicht sah was doch alle sehen konnten: »Oh no, can’t you see it?« Ihr kopfschütteln, wenn ich als einziger nicht teilnehmen konnte an ihrem erlebnis, das sie so amazing fanden, gorgeous, fabulous, »it’s like, you know, tumbling in sort of another space, a space that comes out of nowhere, like kind of a shock, if you know what I mean?« – Nein! Nicht einmal vorstellen konnte ich mir, bei all ihren gut gemeinten beschreibungen, was in den bildern, die sie mir ständig unter die nase hielten, zum vorschein kommen sollte. Ich müsse hinein schauen, sagten sie, wie durch die oberfläche hindurch in eine imaginäre ferne. Und ich starrte mir die augen aus dem kopf, vergeblich – bis ich es irgendwann aufgab.

Vielleicht war das auch der grund dafür dass ich Guidos karte damals gleich wieder beiseite legte, worauf sie im durcheinander auf meinem tisch unterging, um erst kurz vor weihnachten erneut aufzutauchen, während ich wahllos in den papieren herum stöberte, in der anderen hand den hörer mit der stimme von Lilith am ohr, die sagte: »And please, don’t be late, will you, honey?« Ich versprach mein bestes zu tun um pünktlich bei ihren eltern anzukommen – I mean, es waren immerhin fast zwei tausend meilen bis Paradise, Texas, und nicht auszuschliessen dass es unterwegs irgendwo schnee geben würde – als ich plötzlich diese karte wieder in der hand hielt. Und ob aus schlechtem gewissen – schliesslich ist Guido lange mein bester freund gewesen, und so unverhofft von ihm zu hören, hatte mich im grund sehr gefreut – oder auch nur aus trotz gegen den mütterlich-besorgten ton von Lilith, die mich bat fenster und türen vor der abfahrt zu verriegeln, das geschenk für ihren bruder nicht zu vergessen, vorsichtig zu fahren, whatever: statt das motherboard eines alten rechners, das ich für Lilith’s father mitnehmen wollte, ins auto zu laden und los zu fahren, blieb ich sitzen und drehte die karte in meiner hand hin und her. Und erst jetzt, da ich die anweisung auf der rückseite las, ahnte ich was Guido mit »another D in your ID-world« wohl gemeint hatte:

HOLD THE FRONT PAGE OF THIS III-D CARD IN SUCH A WAY THAT YOU CAN IDENTIFY A REFLECTION, FOR EXAMPLE AN OVERHEAD LIGHT OR THE SHINE OF YOUR OWN FACE. THEN SIMPLY LOOK AT THE OBJECT YOU SEE REFLECTED AS IF YOU WERE STARING THROUGH THE IMAGE WITH A FIX GAZE. AFTER SEVERAL SECONDS YOU WILL PERCEIVE …

Nothing! Wie bei allen früheren versuchen mit solcher computer grafik nahm ich rein gar nichts wahr: keine spur einer »anderen dimension« – wenn es das war worauf Guidos »another D« anspielen wollte! Auch wenn ich der instruction folgte und nicht nur sekunden, sondern minuten lang wie durch das bild hindurch starrte: es erinnerte mich höchstens an den geplättelten fussboden im bad meiner grosseltern. Ewigkeiten, während ich als kind da auf dem klo hockte, lustvoll dem rumoren im unterleib hingegeben, diesen wellen leicht schmerzhafter krämpfe mit denen sich der darm entleerte, konnte ich mich in die geheimnisvollen zeichnungen auf den fliesen zwischen meinen füssen versenken, diese hübsch quadratischen gemälde aus lauter dunklen und hellen flecken, in deren immerwechselnden mustern sich ein getümmel von figuren entfaltete, wenn man nur lang genug hin schaute, die einen in meeres tiefen hinab blicken liessen, in höhlen voller licht und schatten, gesichter und fratzen, gespenster und gestalten, urwälder voller raubtiere, kriechtiere, fabeltiere, figuren aus comics, primitive skulpturen, oder auch die oberfläche eines unbekannten sterns.

Und ich brauche jetzt, schreibt er, nur das licht wieder zu löschen (auch der mosquitos wegen), damit alles wieder auftaucht aus der nacht da draussen: meine erinnerung an jene kacheln und vor dem fenster der erste schnee, es war fünf tage vor weihnachten respektive Christmas eve, alle gebäude der nachbarschaft lagen hinter der schraffur dieses schneegestöbers – deswegen hatte ja Lilith angerufen: um zu fragen ob ich es schaffen würde mit dem auto, nachdem sie soeben im weather channel gesehen hatte dass es im norden schneite, und dazu mein office – wenn man die winzige kammer im achten stock des bunkers am 545 Technology Square (wo ich mich allerdings fünf jahre lang sehr wohl gefühlt habe) so nennen will.

Eine weile nachdem ich den hörer aufgelegt hatte, suchten meine augen die wände ab, ohne zu wissen wonach sie zwischen all den notizen, postcards, flyers, timetables und internal announcements suchen sollten. Später griff ich nochmals zum hörer, um Guido in México anzurufen – er hatte seine nummer unter dem gruss notiert. Beim ersten mal war die leitung allerdings besetzt, und als ich es gleich darauf wieder versuchte, meldete sich niemand.

Versunken in den untiefen dieser postkarte, in der ich jetzt alles mögliche entdeckte, nur nicht was ich probably supposed gewesen wäre zu sehen, liess ich es klingeln und klingeln – ich hatte keine eile. Bis Texas brauchte ich ohnehin drei tage, und solang man keine panne hat, ist es auf amerikanischen autobahnen nicht schwer ein genaues timing einzuhalten. Ich habe oft genug versucht die zeitlichen angaben in Rand McNally’s Road Atlas zu unterbieten: selbst über sehr lange distanzen ohne erfolg. Drei mal zehn stunden, das war zu schaffen: mit eingeschalteter cruise control kann man auf einer U.S. Interstate während der fahrt problemlos nebenher etwas essen und trinken, telefonieren oder auch ein buch dazu lesen.

Als ich endlich hinunter gehen wollte, lief ich noch Kiwako in die arme. Sie war seit tagen beschäftigt mit dem test einer routine die den zugriff der hand unseres roboters steuern und zugleich der jeweiligen festigkeit des objektes anpassen sollte. Der roboter3 soll dabei aus eigener erfahrung (durch feedback) lernen wie kräftig er zupacken darf. Doch war das von Kiwako entworfene programm offenbar nicht in der lage die von ihm selbst generierten daten richtig zu interpretieren, und sie verstand nicht wieso. Ich folgte ihr ins lab, wo indes bald klar wurde dass die parameter ihres programms sie im moment weniger beschäftigten als die frage warum der professor ihr ein attest – das sie gebraucht hätte, um ein paar lectures halten zu können – nicht ausgestellt hatte. Jetzt war er für sechs wochen verreist und Kiwako wusste nicht woran sie war. Wenn er sie nicht unterrichten lassen wollte, warum sagte er das nicht einfach? Ich vermutete ein missverständnis. Aber Kiwako war wütend, manchmal den tränen so nahe dass sie sich zusammennehmen musste. »I just don’t understand this, Andy«, sagte sie, »it’s ridiculous! What’s this field called we’re working in, communication science or what?« Ich wusste nichts zu sagen, aber konnte sie auch nicht einfach stehen lassen. Später kamen noch zwei andere assistenten hinzu und wir redeten wieder über unsere arbeit: alles in allem hing ich noch über eine stunde da herum, bevor ich es schaffte wegzukommen.

Gut, tatsache ist dass ich nicht gerade darauf brannte diese happy holidays, die wir einander am schluss noch wünschten, im trauten kreis von Liliths familie zu verbringen. Ich beneidete Kiwako darum dass weihnachten für sie nichts weiter als ein paar freie tage bedeutete. Sie würde lesen, sagte sie, endlich den stapel literatur abtragen, der sich bei ihr aufgetürmt hatte, und was ich an ihrer stelle tun würde – keine ahnung warum sie das fragte, ich weiss nur dass ich mit familie noch nie viel anfangen konnte, und mit American family life schon gar nicht.

Das hatte ich übrigens auch Lilith gesagt – ohne sie kränken zu wollen!

»But what are you talking about?«, hatte sie mich angepfurrt. Sie sei glücklich darüber eine familie zu haben. Und dass es eine American family sei, könne sie nicht ändern. Schliesslich sei sie Amerikanerin, und wir lebten nun einmal in Amerika, da finde sie es nicht übertrieben einmal pro jahr ihre eltern zu sehen. Und wenn wir eines tages selber kids hätten – et cetera!

Dabei wusste sie genau wie weit ich davon entfernt war kinder haben zu wollen und alles. Vielleicht redete sie deshalb plötzlich in ihrem breiten texanischen accent, den sie sonst eher meidet und in dem das wort family einen so gewichtigen unterton hat dass ich verstummte. Wozu auch streiten (was Lilith sowieso besser kann als ich), schliesslich war seit langem klar dass wir weihnachten bei ihren eltern verbringen, dann für zwei wochen mit ihnen nach Florida fahren würden, und auch dass ich ihrem vater bei der gelegenheit das motherboard eines alten rechners aus dem institut mitbringen würde, war abgemacht. Ich war nur froh vorher noch etwas zeit für mich selbst zu haben, freute mich auf die fahrt, hatte Lilith sehr bestärkt in ihrer absicht schon ein paar tage früher zu fliegen, auch damit sie mit ihren eltern in ruhe über ein darlehen reden konnte für den fall dass wir uns entscheiden mussten das haus an der Clinton Street zu kaufen.

Jedenfalls, bevor ich mich endgültig auf den weg machte, fuhr ich noch am Harvard Square vorbei, wo ich in einem shoe store die ganze winter collection studierte, obschon es längst wieder aufgehört hatte zu schneien. Schliesslich kaufte ich diese Millenium Boots – newest technology, highly insulated, 100% waterproof – die ich immer noch trage (sie haben den test bestanden, muss man sagen, obwohl ich ja nicht ahnen konnte welchen strapazen sie schliesslich standhalten mussten). Danach ging ich nebenan zu GAP, wo ich mir eine neue hose kaufen wollte, allerdings nichts passendes fand. Stattdessen, als ich den laden wieder verliess, kam mir in der tür plötzlich Guido entgegen – ein irrtum natürlich, nur weil der mann blond, etwas untersetzt, und sicher ein paar jahre älter war als ich, oder nur weil mich seine hohe stirn an jene von Guido erinnerte: ein klassisches beispiel dafür wie das gehirn permanent versucht alle möglichen flüchtigen eindrücke zu irgendwelchen mustern zusammenzusetzen, um bekanntes zu identifizieren, das heisst erwartungen zu formen, die sich entweder bestätigen oder eben nicht - pattern seeking als elementare routine der cognition! Offenbar war mir Guido die ganze zeit über immer wieder durch den kopf gegangen. So, während ich anschliessend im bistrot AU BON PAIN an der theke auf einen cappuccino wartete, nahm ich Guidos karte hervor, tippte seine number4 in mein cellphone. Ich liess es mehrmals klingeln, und als er sich nicht meldete, speicherte ich den eintrag unter seinem namen ab, nahm den becher mit dem heissen cappuccino und fuhr noch einmal zu hause vorbei, wo ich die platine für Liliths vater im heck meines Mercury Tracer in eine decke wickelte.

Ich mag Liliths vater. Er unterrichtet math and science an der high school und interessiert sich jedes mal brennend dafür woran wir am M.I.T. gerade arbeiten. Ihre mutter dagegen – ich meine auch mit Deborah kann man reden, solange sie einem als person gegenüber steht. Aber in gesellschaft, finde ich, illustriert sie auf schier unerträgliche art eine zentrale these unserer Artificial-Life forschung: dass nämlich die scheinbare unberechenbarkeit des lebendigen nicht eine frage der substanz, sondern einzig und allein der form ist. Lebende materie ist keine besondere art von materie, sie ist nur so komplex strukturiert dass sie ebenso agil wie stabil mit einer komplexen umwelt interagieren kann. Ein lebendes system – egal ob amöbe, kaninchen oder eben Debbie Foster wenn sie gäste hat – mag an sich simpel programmiert sein und nach wenigen, eindeutigen regeln auf daten aus der umwelt reagieren: wenn – dann; wenn – dann; wenn – dann. Dennoch lässt sich das ergebnis dieses verhaltens unmöglich vorhersagen, sobald eine hinreichend grosse menge von daten parallel verarbeitet wird. Dabei muss eine situation gar nicht sehr komplex sein, damit jeder herkömmliche rechner mit der linearen verarbeitung des inputs hoffnungslos überfordert ist. Wenn eine hausfrau, sagen wir, vor weihnachten tausend dinge zu erledigen hat, von denen sie manche gleichzeitig in angriff nehmen kann (wie abfall hinaus tragen und dabei die post herein holen, wäsche bügeln und die hausaufgaben der kinder beaufsichtigen, gemüse rüsten und den braten im ofen schmoren lassen), dann ist nicht bloss weihnachten vorbei, sondern die gute frau längst gestorben bis der computer ihres mannes die optimale lösung für dieses simple beispiel von multitasking ausgespuckt hat. Mathematisch gesprochen: es gibt für solche probleme keinen algorithmus der schneller zum resultat führt als der vorgang selbst. Mit unberechenbarkeit hat das nichts zu tun, der prozess ist schritt für schritt berechenbar und das ergebnis trotzdem unvorhersehbar. Denn in komplexen situationen ist das suboptimale kalkül das beste. Und so bräuchte man, um das resultat vorhersagen zu können, einen rechner der den input einer gegebenen situation mit limitierter genauigkeit einliest und dann einen ersten schritt ausführt, bevor er die neuen gegebenheiten wiederum mit beschränkter genauigkeit als input einliest und so weiter. In diesem verfahren stellt die umwelt als ganze das programm dar! Und allein in der kombinatorischen fülle der daten und der zufälligkeit ihrer abfolge liegt das unvorhersehbare! In anderen worten: lebende systeme sind ›rechner‹ deren verfahren sich nicht abkürzen lässt, Komplexe Adaptive Systeme, für die der konkrete lauf der dinge zugleich das programm wie auch dessen einzig mögliche berechnung darstellt. Und im gesicht von Debbie Foster, wenn sie gäste hat, kann man förmlich sehen wie da permanent gerechnet wird, welche unmengen an information von allen seiten fortlaufend nicht nur hinter der rundlichen stirn, sondern im ganzen quirligen leib gespeichert und verarbeitet werden müssen. Von gestalt eher klein und pummelig, wird Liliths mutter in jeder gesellschaft von mehr als sieben personen plus hund sofort zu einem bündel überdeterminierter aufmerksamkeit und zuwendung, das sich keine minute wirklich auf etwas konzentrieren kann. Und das wird sogar dem hund zu viel, den ich sonst eher unausstehlich finde. Ein staubwedel von einem tier, das einem dauernd zwischen die füsse rennt. Doch wenn Liliths mutter um das wohl ihrer gäste besorgt ist, verkriecht er sich unters sofa.

The American way of family life: ich mochte gar nicht dran denken, als ich endlich los fuhr, die Mass Ave hinunter auf die I-93 durch Boston und später auf der I-95 in richtung New York. Es ging gegen mittag und eine milch-weisse sonne, die eher an die scheibe eines bleichen mondes erinnerte, drückte durch den zerschlissenen vorhang des gewölks überm meer.

Losfahren oder los fahren? Festhalten oder fest halten? Als Informatiker hat Dörflinger seine papers und abstracts nicht erst in Cambridge auf Englisch verfasst, er wird seit Jahren keinen deutschen Satz mehr geschrieben haben. Und auch wenn er das selber erst seit acht Tagen weiss: kaum einer hat ja erfahren wie er, was es heisst, seiner Muttersprache entfremdet zu sein! Auch deshalb wird er immer wieder innehalten, zögern, um Worte oder Wendungen ringen. Dabei waren ihm die Nuancen einst durchaus vertraut – vielleicht zu vertraut, wie er inzwischen meint. Aber kommt es auf die Nuancen überhaupt noch an, wenn einer dabei ist, den Boden unter den Füssen zu verlieren?

Die Finger reglos auf der Tastatur, horcht er in das leise, aber gefrässige Sirren des Speichers in seinem Notebook, das Flattern des Ventilators an der Decke, das unermüdliche Keuchen einer Klimaanlage in einem benachbarten Hotel. Draussen das Gekläff der Hunde: – wie eine rostige kette, schreibt er, die sie einander durch die nacht hin zuwerfen, endlos und immer im kreis herum.

Wie arbeitet das gedächtnis? – (das menschliche gedächtnis! – das sich ja nicht durch das speichern von information auszeichnet, sondern durch die fähigkeit zu vergessen.)

Das geräusch des ventilators über meinem kopf, zum beispiel, erinnert an einen schweren vogel, und für den bruchteil einer sekunde sehe ich wieder den jungen albatros dem wir auf den Galápagos begegnet sind, Guido, Alicia und ich, sehe wie er mit wuchtig schlagenden flügeln auf den rand einer klippe zuläuft, über den er sich ins freie stürzen wird, in den aufwind. Doch die bewegungen dieses plumpen tiers, das aus eigener kraft nicht vom boden hochkommt, erzeugen wohl kaum das harte, knappe geräusch über meinem kopf, und die vorstellung switcht, ich sehe enten, dann schwäne, die mit peitschenden schlägen über einem fluss dahinfliegen, so tief dass man auf das lang sich hinziehende zischen wartet, wenn sie beim landen das wasser durchpflügen. Stattdessen, während das tier über meinem kopf immer weiter fliegt, höre ich die mahnung meiner grossmutter: Pass auf! Komm ihm nicht zu nahe! Vor allem wenn schwäne ihre jungen verteidigen, können sie gefährlich werden! Und der speicher im hinterkopf puzzelt bilder zusammen: wasser, wellen, einen steg, eine treppe aus rohem beton und granit, dazu silhouetten von dächern, fassaden, schemenhaft, snapshots mit vernebelten rändern – der computer zwischen meinen schläfen macht vorschläge, prüft, setzt zusammen, verwirft: nächstes bild bitte! Ein geschotterter weg, im hintergrund gebirge, davor das gesicht eines jungen (mein gesicht) mit unsicherem blick, dazu meine hand, die dem schwan eben noch ein stück brot hingestreckt hat und zurück zuckt, zagt, und ich weiss: jahre später wird der junge sich einen spass daraus machen, allein oder mit anderen aus seiner klasse, die schwäne am ufer zu reizen, sie scheinbar oder wirklich zu attackieren, bis sie ihr rosa maul aufreissen, fauchen oder mit weit gespannten schwingen ausschlagen. Ihr majestätischer zorn und dann, wenn sie schon wieder dabei sind abzuschwimmen, die schwarzen tränensäcke unter ihren augen, die steinerne traurigkeit ihres blicks.

Tiere vergessen nicht. Sie wissen was sie wissen, und wenn es einzig darum geht gedächtnis und reaktion zu testen, übertreffen uns schimpansen, viele vögel und auch kleine kinder; erst im lauf des lebens lernt der mensch zu vergessen und – sich wieder zu erinnern.

Aber woher kommt diese fähigkeit zu vergessen, die das erinnern als solches ja erst ermöglicht und erfordert, und wie generiert das gehirn erinnerungen?

Wie setzt es diese bilder zusammen, die nirgendwo abgelegt sind, in keinem archiv, weder kompakt noch in verstreuten teilen wie elemente eines puzzles? Das menschliche gedächtnis ist ja kein speicher, der nur passiv darauf wartet geplündert zu werden, sondern ein system zur produktion von erinnerung, willentlich oder unwillkürlich, indem sensorische, motorische und sprachliche routinen sich gegenseitig aktivieren und vernetzen, um die wahrnehmung einer imagination zu erzeugen. Aber besteht diese wirklich aus bildern? Und was ist ein bild?

Die frage hätte mich auch auf der fahrt nach Texas beschäftigen können, denn kurz zuvor hatte mir Mitch Eden aus dem Media Lab (unsere konkurrenz am M.I.T, wenn man so will) erzählt dass er gerade am entwurf eines programms zur erkennung von gesichtern arbeite. Und vielleicht dachte ich sogar daran, während ich auf der Interstate südwärts steuerte, eingepackt in die watte des dröhnenden motors und der klänge von OMC’s »How bizarre« aus dem CD-player, vor den augen die kratzenden scheibenwischer, denn inzwischen nieselte es wieder, regnete, schneite es ab und zu sogar.

Über Mitchs erläuterungen, jedenfalls, hatte ich in den tagen zuvor oft nachgedacht, weil ich selber mit dem visuellen system unseres robot babys beschäftigt war. Wie Mitch kriterien entwickeln musste damit sein programm im gesicht einer beliebigen person, die vor eine kamera tritt, charakterististische züge unterscheiden konnte, so sollte unser roboter attraktive bewegungen innerhalb seines visuellen feldes von weniger attraktiven unterscheiden lernen. Und ich fragte mich ob der von Mitch skizzierte approach auch brauchbare hinweise zur lösung meines problems enthielt.

Dabei wurde mir klar wie wenig ich mich in letzter zeit mit solchen fragen hatte beschäftigen können. Rund um die uhr sahen wir uns im labor jetzt belagert von journalisten, denen wir unser projekt vorzuführen hatten, also leuten die nicht am handwerklichen detail interessiert sind, nur am sensationellen effekt. Dabei sind die wenigsten von ihnen in der lage mit eigenen augen auch nur zu erkennen wo das problem liegt. Redet man etwa von den schwierigkeiten der entwicklung eines programms das gesichter erkennen soll, ist immer einer dabei der sich wundert warum der computer nicht einfach zwei bilder ›auf einander legen‹ kann, um zu vergleichen, punkt für punkt, ob es sich in beiden fällen um dasselbe gesicht handelt. Dabei begreift er natürlich sofort dass zwei verschiedene aufnahmen desselben gesichts nicht identisch sind, nur ähnlich. Aber gerade das für uns selbstverständliche erkennen von ähnlichkeit oder verwandtschaft ist mathematisch gesehen eine höchst knifflige sache, weil klassische mathematik und digitale computer technology auf der identität ihrer gegenstände beruhen. Etwas ist entweder A oder nicht-A und basta. Ähnlichkeit, dagegen, ist uneindeutig, nicht ja oder nein, null oder eins, sondern nur ›ein wenig und auch wieder nicht‹. Und nur schon die schwierigkeiten, zum beispiel, bis ein programm ein solches A in jeder handschrift lesen kann, sind bekannt. Damit liegt das problem mit dem ›erkennen‹ eines gesichts buchstäblich auf der hand. Doch wenn man den leuten von der presse nicht dauernd sagte was sie sahen, sahen sie überhaupt nichts, und die enttäuschung stand ihnen ins gesicht geschrieben.

Andererseits bekommt man keine millionen für forschung und entwicklung wenn man nicht etwas sensationelles vorzuweisen hat. Trotzdem hatten wir uns einen guten teil unseres dilemmas selber eingebrockt mit der behauptung wir würden einen roboter mit den cognitiven fähigkeiten eines menschlichen säuglings bauen. Man hätte die sache auch prosaischer formulieren können, fand ich, ohne metaphorical talk und alles. Zum beispiel, was das visuelle system der maschine betrifft, sitzen am kopf des roboters schlicht zwei mal zwei cameras, die das gesichtsfeld abtasten. Sie liefern die daten sowohl zur berechnung der gesichteten objekte wie auch ihrer entfernung. Das eine paar dieser cameras erzeugt bilder mit hoher auflösung, die das detail zeigen, das andere liefert bilder mit niedriger auflösung, die grossräumige bewegungen erfassen. Das entspricht auch der arbeitsteilung einzelner zellen im natürlichen auge. Anders gesagt: das visuelle system der maschine ist analog zur menschlichen wahrnehmung gebaut, obgleich himmelweit davon entfernt auch nur dessen elementarste fähigkeiten wirklich simulieren zu können. Vom grad der differenzierung ganz zu schweigen; jeder frosch erkennt genauer als unser roboter was ringsum vorgeht! Eine dieser cameras, nun, knipst laufend bilder vom gesamten gesichtsfeld, während ein computer die grauwerte kleinster ausschnitte registriert, und wird von einer aufnahme zur nächsten ein bereich des bildes dunkler, ein anderer heller, so hat sich offenkundig ›etwas‹ bewegt. Aber was? Indem ein zweites programm aufgrund dieser veränderungen eine motion receptive field map erstellt – eine flackernde landkarte aller bewegungen im visuellen feld – besteht ein erstes problem darin dass der roboter lernen muss zu unterscheiden ob die veränderung von einer eigenen bewegung herrührt, etwa weil er den kopf gedreht oder weil jemand seine position verändert hat, oder tatsächlich von einem ereignis in the world out there.

Eine andere frage wäre die nach der konzeption eines programms das in all diesen bewegungen muster erkennen, bekanntes von unbekanntem unterscheiden kann. Denn nur auf der basis einer solchen routine kann die maschine so etwas wie neugier entwickeln – und eine gewisse neugier sollte unser robot baby, wie alles neugeborene, ja schon zeigen.

Dies alles – und abermals hält er inne, horcht in die Nacht, in den rastlos scheppernden Tingeltangel der Musik aus allen Bars ringsum, dazu Stimmen, Gezänk und Gelächter, mal lauter, mal leiser, wie auch das Gekläff der Hunde, das Rauschen des Meeres, das Krähen eines Hahns: Quisquiveritquiíííd, schreit er und schreien mehrere dieser verrückten Gockel, die hier die ganze Nacht hindurch keine Ruhe geben – und dazu die Luft, die einem am Leib klebt wie ein feuchter Film, aber so durchdringend, schreibt er: als habe man selber überhaupt keine haut mehr, als habe man sie abgegeben an die umgebung, und was man spürt, auf der brust, im gesicht, im nacken, ist nicht die eigene, sondern die haut der nacht, das gefühl weicher, schleichender schlangen haut einer elend langen nacht.

Einmal ziehe ich mein hemd wieder an und gehe hinunter und über die strasse in die bar, wo ich im stehen einen aguardiente trinke und nach Luci ausschau halte. Aber inzwischen ist die bar fast leer, was noch herum sitzt, ist sturz-betrunken, und als ich am schluss ein kaltes bier mitnehmen möchte, schüttelt der junge hinter der theke den kopf, bier gibt es keines mehr, er bedauert:

— Ya no hay cerveza.

— ¿Y qué hay? —frage ich gereizt, doch der junge lässt sich durch die frage nicht beirren:

— Pues, mucho, señor —sagt er und hat natürlich recht: solange ich nicht wünsche was es nicht gibt, ist die auswahl gross.

Also kaufe ich zigaretten, cigarrillos gibt es noch, obwohl ich eigentlich nicht die absicht hatte wieder zu rauchen. Dazu nehme ich eine flasche aguardiente, bevor ich ins zimmer zurück gehe und an mein notebook, das eingeschlafen ist und aufsurrt, sowie ich die return taste drücke.

Wo war ich stehen geblieben?

Dies alles sind eigentlich technische details, die den laien nicht kümmern müssen, handwerk als fundament, auf dem sich eine idee als brauchbar oder unbrauchbar erweisen kann. In unserem projekt, aber, sind die details alles, denn das handwerkliche know-how als solches ist die idee, die wir den sponsoren und also den leuten von der presse immer wieder vermitteln mussten: die tatsache dass im bereich der Artificial-Life forschung die unscheinbarsten phänomene weit komplexer sein können als die spektakulären.

Dass heutzutage kein mensch mehr im schach gegen einen computer gewinnen kann, ist nach wie vor sensationell; das dafür erforderliche programm ist von gigantischem ausmass. Und doch ist dessen prinzip trivial im vergleich zu den problemen die jede ameise zu bewältigen hat, etwa wenn sie lernen muss mit sechs beinen auf jedem beliebigen terrain voran zu kommen. Und für die frage wie sich dieser zentrale aspekt unserer arbeit allgemein verständlich darstellen lässt, hatte ich den ganzen herbst über mehr zeit aufgewendet als für die lösung irgend eines dieser probleme selbst.

I mean: ich bin informatiker, kein PR-manager. Ich habe mathematik auch studiert weil ich sprachlich nie besonders begabt war (höchstens – oder tiefstens, wie noch zu zeigen sein wird – mit sprache auf besondere art geschlagen). Aber andererseits lassen sich mathematische probleme nur in der sprache der mathematik exakt formulieren. Schwierigkeiten der informatik gründen in der logik der informatik. Wie, also, konnte ich eine sache erklären in einer sprache die diese sache gar nicht angemessen beschreiben kann? Wie sollte ich auch nur eine frage formulieren in einem kontext in dem diese frage überhaupt nicht auftauchen kann? Um vermitteln zu können worum es ging, musste ich geschichten erfinden.

»You see«, erklärte ich einmal einer gruppe von journalisten, computer programme werden im kopf entwickelt, im selben menschlichen kopf der auch die regeln des schachs entwickelt hat. So, um ein programm zu entwickeln das schach spielen kann, muss der kopf nachdenken über dinge die er selber hervorgebracht hat. Ohne menschlichen verstand gäbe es kein schach. Daher entsprechen ihm die regeln dieses spiels, ihre struktur ist ihm, zumindest dem prinzip nach, vollkommen einsichtig. Das gehen, dagegen, hat nicht der kopf erfunden. Gehen lernt man mit händen und füssen, armen und beinen, mit allen sinnen und dem ganzen rückgrat, und die biologische evolution hat alle dazu nötigen glieder und ihre koordination über mehrere millionen jahre hin entwickelt, bis auch nur der erste käfer vor der aufgabe stand sich über erde und gräser, steine und zweige, wurzeln und blätter hinweg seinen weg zu ertasten, ohne das gleichgewicht zu verlieren; von der evolution unseres kopfs, der sich spiele ausdenken und computer entwickeln kann, ganz zu schweigen. Aber wenn dieser kopf, nun, eines tages anfängt über die bausteine des denkens nachzudenken – die logik der wahrnehmung, die mechanik von entscheiden und handeln et cetera – dann muss er, so zu sagen, den ganzen weg seiner eigenen entstehung wieder zurück gehen. Er muss sich durch die regeln aller denkbaren spiele, die er ursprünglich selbst erfunden hat, immer weiter zurück denken, bis hin zu den spielen die das leben selbst erfunden hat, etwa dieses nicht-immer-lustige spiel der ameisen ›ÜBER STOCK UND STEIN KRABBELN‹. Oder ›FUTTER SUCHEN‹, ›EIN NEST BAUEN‹ et cetera – für jedes dieser spiele hat die natur unzählige organismen hervorgebracht, die alle versuchen eine möglichst gute partie zu spielen. Und viele ihrer errungenschaften mögen dem menschlichen kopf auf den ersten blick banal vorkommen, denn der kopf, natürlich, hat den eindruck zu höherem geboren zu sein. Doch sobald er wirklich anfängt darüber nachzudenken, kommt er plötzlich in die lage jenes tausendfüsslers der eines tages entdeckt wie viele füsse er hat, und das gehen, das ihm just noch schien eins der natürlichsten dinge der welt zu sein, wird zu einer höchst problematischen sache, ein chaotisches flimmern vor den augen, and that’s it. So, der punkt ist, was sie in diesem institut hier sehen, sind tausendfüssler, beschäftigt mit der aufgabe das gehen zu verstehen, jenes gehen das sie, ladies and gentlemen, wie alle normalen tausendfüssler, so selbstverständlich finden. Also geben sie acht dass sie nicht über die eigenen füsse stolpern, wenn sie versuchen in ihrem artikel zu beschreiben was wir hier tun.

Mit solchen geschichten hatte ich erfolg, auch im institut übrigens, wo ich es mir nicht verkneifen konnte, den ganzen ablauf nochmals zu schildern, vor allem weil ich zuerst, bei der vorbereitung zu hause, für tausendfüssler das wort millipede gebraucht hatte. Aber als ich vor den journalisten stand, war mir spontan der andere ausdruck dafür eingefallen: wireworm. Und ohne die zweideutigkeit im moment zu realisieren, sagte ich: »So the point is, what you see in this lab are sort of wireworms, all of them busy with the task of re-learning how walking works.«

In den folgenden wochen redeten sich alle nur noch mit wireworm an: »Good morning, wireworms« und »Hey you, wireworm!« oder: »You son of a wireworm«. Jemand fragte ob wir nicht als konkurrenz zum magazin WIRED, das sich als sprachrohr der digital revolution versteht, eine satirische zeitschrift unter dem titel THE WIREWORM herausgeben sollten, und irgendwann mutierte mein wireworm sogar zu einer digitalen variante des bücherwurms.

Für mich, however, hatte die geschichte vor allem den effekt dass von nun an alle journalisten (die PRwireworms) an mich verwiesen wurden und ich Lilith schon bald nicht mehr sagen durfte womit ich meine tage verbrachte. Es ärgerte sie dass ich mich für diese zusätzliche arbeit hergab, denn es hiess natürlich auch dass ich meine eigentliche arbeit nachts und am wochenende machte. Und für einander hatten wir ohnehin kaum mehr zeit, seit sie mit ihrem abschluss beschäftigt war – wobei: jetzt fällt mir wieder ein woran ich auf der fahrt nach Texas (unter anderem) gedacht habe: unsere abmachung nach Russland zu reisen, sobald Lilith ihr letztes examen hinter sich haben würde, mitte Februar, also jetzt ...

Es hatte aufgehört zu schneien oder zu nieseln, über dem meer kam stellenweise sogar blauer himmel zum vorschein, als ich auf der autobahn an New Haven vorbei fuhr. Und woran ich auch gedacht haben mochte: plötzlich öffnete ich die augen und sagte mir dass es vermutlich angebracht wäre wenigstens ab und zu bei vollem bewusstsein auf die strasse zu schauen! Das letzte woran ich mich noch erinnerte, war die kolonne in einer unterführung auf der höhe von Providence, wo es gut zehn minuten lang nur noch im schritt tempo weiter gegangen war – und jetzt, unversehens, fand ich mich auf dieser brücke wieder: Quinnipiac River. Fast drei stunden war ich schon unterwegs, und vielleicht war es der blick durch das gewirr der vorüber flitzenden pfeiler und träger hinab auf die docks von New Haven Harbor was mich an unsere geplante reise nach Russland erinnerte.

Später habe ich mich allerdings gefragt ob das mit dieser kulturellen symmetrie nicht doch nur eine fixe idee von Lilith war. Ob sie da nicht etwas sah weil sie es so sehen wollte – vielleicht aus dem bedürfnis das Jüdisch-Russische ihrer herkunft mit dem Irisch-Amerikanischen zu versöhnen? Immerhin hat sie mir einmal erzählt wie oft ihr vater sich geärgert habe über das nostalgische verhältnis seiner schwiegereltern zu ihrem Russland, dem sie nach dem Zweiten Weltkrieg zwar den rücken gekehrt hatten, aber nur um es dann umso mehr zu verklären, je weiter alles zurück lag. So ist nicht auszuschliessen dass Lilith sich einzig von diesem familiären hintergrund zu ihrer these einer Sowjet-Amerikanischen Kultur-Union verleiten liess. Aber vielleicht ist diese vermutung genauso weit her geholt; aus eben dem grund hätte ich ja nie kunstgeschichte studieren können wie sie, oder sonst eines dieser fächer in denen man alles erdenkliche in die dinge hinein lesen und deuten kann. Mathematik ist da bescheidener: sie bleibt strikt auf aussagen über sich selbst beschränkt. Natürlich habe ich das Lilith nie gesagt, und sie hat ja ihre arbeit auch nie geschrieben, obwohl sie immer neue beispiele fand und möglichst bald wieder nach Russland wollte. Daher unsere abmachung, die mir wieder einfiel, wie gesagt, als ich an New Haven vorbei fuhr.

Wobei es schon seltsam ist, schreibt er, zu erzählen woran dies oder jenes mich erinnert hat. Denn die erinnerung an einen moment der mich an einen andern moment erinnert hat, provoziert die frage ob nicht jener frühere moment mich vielleicht an einen noch früheren erinnert habe, der mich womöglich an einen noch früheren erinnert hat – et cetera, was nicht etwa eine linie ergibt, sondern ein fraktales gebilde wie die Julia Menge, wie schneekristalle oder andere figuren mit unendlich fein verästelten rändern und einer selbst-ähnlichen gestalt, deren muster sich unendlich oft und immer kleiner wiederholt – was mich jetzt wieder an die körbchen dieses alten Indios auf dem markt in Quito erinnert. Am strassenrand sitzend, während seine enkelin oder ur-enkelin die körbchen zum verkauf anpries, spannte der alte zwischen seinen zehen und den zähnen dünne halme, die er der länge nach in streifen riss, um daraus diese körbchen zu flechten, eins nach dem anderen, eins kleiner als das andere, das kleinste grad sodass er es sich als fingerhut an den kleinen finger stecken konnte. Er arbeitete fast ohne hinzuschauen. Doch als er sie dann in einander verschachtelte, das jeweils grössere immer als deckel über die öffnung eines kleineren gestülpt, passten sie wie eingegossen. Das erinnern von erinnerungen erinnert an diese körbchen – wobei: der augenblick der mich an etwas erinnert, ist real, ein reales körbchen, so zu sagen, in dem das imaginäre körbchen einer erinnerung steckt. Aber auch dieses imaginäre körbchen enthält eine reale seite: den real erinnerten augenblick, in dem wiederum das imaginäre körbchen einer andern erinnerung steckt, die inwendig wieder eine reale seite hat, et cetera: ein fraktales gebilde aus lauter komplexen körbchen, die alle – wie die komplexen zahlen – aus einem realen und einem imaginären teil bestehen, whatever that means! Imaginäre zahlen sind ja auch nur hilfs-konstrukte, die man braucht um aus negativen zahlen eine gerade wurzel ziehen zu können. Denn wie das produkt aus zwei negativen grössen im reellen bereich positiv ist, gilt im reich des imaginären das umgekehrte: plus mal plus ergibt minus.

Wasimmer das heissen mag (ob nun das imaginäre die realität abbildet oder umgekehrt): die flüchtige aussicht von jener brücke und kurz darauf der blick auf die vorsintflutliche anlage der UNITED ILLUMINATING COMPANY mit ihrem gewirr von rohren und kaminen, aus denen es zischte und dampfte wie in den anfängen der industriellen revolution, das alles hat mich auch daran erinnert wie Lilith damals, auf jener rückfahrt von New York, um nicht immer von sich und ihrer familie oder von Russland zu reden, mich über meine familie auszufragen begann: meine kindheit, geschwister, ob denn meine eltern, meine grosseltern seit eh und je alle in der Schweiz gelebt hätten, und wie sie, nachdem das übliche rasch erzählt war, insistierte – »Yeah, but what about your mother? What do you mean, you don’t know?« Sie weigerte sich schlicht zu glauben dass ich als kind meine mutter nicht gekannt – vor allem: dass ich nie nach ihr gefragt habe, soweit ich mich erinnere, nicht ein einziges mal ... »But that’s incredible!«, sagte sie.

Ich lachte und foppte sie damit dass es für sie, als Amerikanerin, natürlich unvorstellbar sein müsse wie sich jemand aus seiner herkunft respektive der eigenen familie nichts machen kann.

»I didn’t care«, sagte ich. »Don’t ask why, I just didn’t.«

»But that’s weird«, sagte Lilith.

Immer wieder steht Dörflinger auf und geht ins Bad, um sich kalt zu waschen, Hände, Gesicht und Nacken, in dieser Reihenfolge. Sein Gesicht im Spiegel, der an den Rändern stellenweise blind ist, die Wunde über dem rechten Auge, die geschwollene Stirn. Sein Blick – der Blick eines Mörders? Jedenfalls glaubt er, dass er einen Menschen getötet hat, auch wenn er sich nur verworren an die Umstände erinnert. Versucht er sich Einzelheiten ins Gedächtnis zu rufen, entziehen sie sich wie Bilder oder Szenen, von denen man nicht mehr weiss, ob man sie geträumt oder wirklich erlebt hat; auch von daher sein Bedürfnis nach minutiöser Rekonstruktion.

Was weiss ich, schreibt er weiter, was mir in wirklichkeit alles durch den kopf gegangen ist auf diesen siebzehn hundert meilen bis Texas oder auch nur am ersten tag. Tatsächlich habe ich für solche einzelheiten nie ein besonders gutes gedächtnis gehabt – übrigens mit ein grund für meinen entschluss mathematik zu studieren. In mathe, dachte ich, muss man nur das prinzip begriffen haben, aus dem sich alles andere herleiten lässt. Statt fakten anzuhäufen, braucht man nur die faktoren zu kennen. Das episodische gedächtnis, dagegen, funktioniert genau umgekehrt: es speichert lauter ergebnisse, ohne sich für ursachen und zusammenhänge zu interessieren, unbekümmert um formeln oder algorithmen, die beschreiben wie eins aus dem andern gesetzmässig hervor gegangen ist.

Lilith zum beispiel würde sich an die farbe des teppichs im ersten motel wo ich übernachtete, ebenso erinnern wie an alle CNN bilder von jenem tag. Ihr memory ist unglaublich, selbst völlig belanglose details behält sie im kopf, und ich kann sie dafür nur bewundern, auch wenn ich nie begreifen werde wozu sie wissen muss, auf den tag genau, wann Abraham Lincoln ermordet wurde oder welches kleid ihre mutter zur hochzeit der schwester getragen hat. Ich selber behalte praktisch nichts was ich nicht aus einem systematischen zusammenhang herleiten kann.

Ob das gespräch mit Kiwako, also, bevor ich los fuhr, genau so ablief wie ich es geschildert habe, oder ob sich da erinnerungen mit einander vermischen und wie oft oder von wo aus ich später versucht habe Guido anzurufen: sicher ist dass ich am ersten tag weit über Washington hinaus kam, nachdem es bald aufgehört hatte zu schneien, obschon das wetter nie recht wusste was es wollte. Auch der verkehr war meist sodass ich auf automatik schalten und die fahrt geniessen konnte. Hie und da werde ich mich gefragt haben wie weit das benzin noch reicht, ob es zeit wäre für einen kaffee, an welcher ausfahrt ich zuletzt vorbei gekommen war. Oder ich wunderte mich über dieses klopfen: immer wieder, bei einer gewissen geschwindigkeit oder infolge der touren zahl, begann irgendwo etwas zu flattern, aber ich wusste nicht: kam es vom motor, der karosserie, von den rädern her? Draussen zog das idyllische Connecticut vorbei – ein seltsamer name, wie ich immer noch finde: als hätten die weissen siedler nicht anders gekonnt als den Langen Fluss der Pequot Indianer, Quinnehtukqut, mit ihrem englischen gehör in ein gewässer namens Verbindsgetrennte umzutaufen – während ich im kopf, vermutlich, noch immer bei irgend einem der ungelösten probleme mit unserem robot baby war, bei der verbesserung jener routine, zum beispiel, die in erster näherung das zentrum einer bewegung, die irgendwo im visuellen feld aufflackert, eruieren und das ergebnis weiter geben muss an eine andere routine, die bewirkt dass der roboter den kopf dreht, um genauer zu fokussieren was sich da bewegt.

Erst wenn ich das calendar file