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Der Raldovar Ọş hatte sich eigentlich auf ein ganz normales Trimester im Biologie-Studium gefreut, als er plötzlich in eine magische Parallelwelt entführt wird. Die Königin von Selutarn verwickelt ihn in eine streng geheime Mission, um gegen Korruption und Verseuchung anzukämpfen. Ist er diesem Auftrag gewachsen? Ein Roman aus einer Welt ohne Menschen. Aus einer Welt, in der Geschlecht eine ganz andere Rolle spielt – geschrieben in geschlechtsneutralem Deutsch. Jedes Kapitel wird durch eine vom Autor erstellte Tuschezeichnung eingeleitet.
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Seitenzahl: 628
Veröffentlichungsjahr: 2023
Rolf T. Meles · Selutarn
Rolf T. Meles
wurde 1995 geboren. Aufgewachsen ist er in Ostwestfalen, Südportugal und schließlich Hessen. Mit 16 Jahren hat er diesen Roman begonnen und sich fest vorgenommen, nicht damit aufzuhören, bis er eines Tages veröffentlicht würde. In Laubach hat er sein Abitur gemacht, in Marburg und Rostock Biologie studiert und oft sehr wenig Zeit auf dem Ạtol oder in Selutarn verbracht, doch er ist stets zurückgekehrt. Und er wird es auch immer wieder tun.
Rolf T. Meles
Selutarn Khleonas Geheimnis
Mit Illustrationen vom Autor
Unter Verwendung des De-e-Systems des Vereins für geschlechtsneutrales Deutsch e. V.
© 2023 Rolf Texugo Meles
Website: rolfmeles.de
ISBN Softcover: 978-3-347-92395-9
ISBN Hardcover: 978-3-347-92396-6
ISBN E-Book: 978-3-347-92397-3
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Germany
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung »Impressumservice«, An der Strusbek 10, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
Cover
Halbe Titelseite
Titelblatt
Urheberrechte
Vorbemerkungen
Prolog
Kapitel 1
Die Neue
Kapitel 2
Die Zeitwende von 3047
Kapitel 3
Khoráj
Kapitel 4
Zwei Welten
Kapitel 5
Selutarn
Kapitel 6
Der Fluch
Kapitel 7
Eine ganz normale, besondere Arn
Kapitel 8
Zwei Doppelleben
Kapitel 9
Korila
Kapitel ↊
Şraufen
Kapitel ↋
Amnesie
Kapitel 10
Fedd
Kapitel 11
GarojáL
Kapitel 12
Erste Lehrstunden
Kapitel 13
Helạr
Kapitel 14
Zwei ungewöhnliche Dates
Kapitel 15
Tapa
Kapitel 16
Wasser
Kapitel 17
Kengorn
Kapitel 18
Keller
Kapitel 19
Ạfu
Kapitel 1↊
Koạ
Kapitel 1↋
Fegano
Kapitel 20
Verstörende Ereignisse
Kapitel 21
Gedächtnislücken
Kapitel 22
Fehlfunktion
Kapitel 23
Heimkehr
Kapitel 24
Verrat
Kapitel 25
Der Brunnen
Epilog
Glossar
Dank
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Titelblatt
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Prolog
PALASTBERG. SIVAT, 13.FALIMEN 3097
Es herrschte angespannte Stille in der düsteren, kühlen Höhle unter dem Palastberg. Von draußen waren keine Geräusche mehr zu hören. Die Kinder wussten nicht, ob das gut war. Es saßen vielleicht fünfzig Kinder dicht gedrängt in der Höhle. Alle versuchten, so nah wie möglich bei Oma Grena zu sein, die auf sie aufpasste.
Irgendwo schluchzte ein Kind leise, ein anderes Kind schien es zu trösten. Dann sagte es lauter: »Oma Grena, erzählst du uns eine Geschichte?«
»Sicher. Lass mich überlegen«, antwortete Oma Grena. Ihre tiefe, leicht kratzige Stimme klang fest und sicher und wirkte sehr beruhigend. Sie war sehr alt, doch strahlte sie eine Kraft aus, die den Kindern Sicherheit vermittelte.
»Wie wäre es mit der Legende von Oaoo?«
»Wer ist Oaoo?«, fragte eines der Kinder sofort.
»Das ist eine gute Frage, Liebes! Oaoo ist eigentlich niemand. Und doch alles! Wir alle sind Teil von Oaoo. Oaoo ist die Welt, in der wir leben, aber auch alle Sterne im Himmel. Unsere Monde und unsere Sonne Faşi. Das alles ist Oaoo!«, Oma Grena machte eine kurze Pause, während sich die Kinder vorzustellen versuchten, wie jemand so Großes wohl von außen aussehen mochte. Dann fuhr sie fort: »Aber das war nicht immer so, wisst ihr? Vor sehr, sehr langer Zeit war Oaoo noch ganz anders. Und diese Welt, mit Faşi und den zwei Monden lebte auch noch nicht zusammen mit Oaoo. Die Felsen dieser Höhle gab es damals auch noch nicht. All das war nur eine Idee, und niemand weiß, wer sie zuerst hatte. Es war alles eine vage Idee von Staub und Dampf. Und die Idee trieb träumend durch die leere Ewigkeit. Vielleicht hat sie etwas gesucht! Und wahrscheinlich hat es sich selbst gesucht. Das kann sehr lange dauern, wisst ihr? – Doch irgendwann erschien in der Ferne ein zweites Wesen! Es war riesengroß!«
»Wie sah es aus?«, rief ein Kind irgendwo hinter der Oma.
Die Oma überlegte einen Moment. War dies überhaupt eine Geschichte für Kinder? Doch dann fuhr sie mit ruhiger Stimme fort: »Stellt euch einen Strudel in einem reißenden Bach vor. Und zwar nur der Strudel. Der Bach ist eigentlich gar nicht da. Ein riesiger Strudel aus hell leuchtenden Sternen in der Dunkelheit. Und der Strudel ist so groß, dass er den ganzen Himmel füllen würde, und noch größer! Und in der Mitte ist – etwas Unsichtbares. Und dieses unsichtbare Etwas ist Oaoo. Und all die leuchtenden Sterne strudeln um Oaoo herum, bis sie in der Mitte ankommen und Oaoo sie frisst.
Einige Kinder atmeten erschrocken ein.
»Ist Oaoo böse?«, hauchte ein kleines Kind.
»Oh nein! Oaoo ist bloß immer sehr hungrig gewesen. Und Sterne waren nun mal sein Leibgericht!«, meinte die Oma.
»Bäh!«, fand ein Kind, das mit zwei Steinen spielte. Ein paar Kinder lachten.
»Tja, und Oaoo sah die Idee von unserer Welt und beschloss, dass diese sicher auch ganz köstlich schmecken würde! Und Oaoo drehte sich um die eigene Achse und flog mit dem gewaltigen Strudel drum herum auf unsere Welt-Idee zu!«
»Oh nein!«, riefen ein paar Kinder ganz schockiert.
Nur eins rief: »Aber das ist nie passiert! Hätte Oaoo die Welt gefressen, würden wir hier doch gar nicht sitzen!«
Die Oma seufzte, lächelte dann und schüttelte den Kopf. »Ja, Cego, damit hast du vermutlich recht. Aber jetzt hört zu! Unsere Welt war nämlich nicht die einzige Idee, die da draußen mit Oaoo herumtrieb! Da war nämlich noch das große Ahôm! Und Ahôm war viel, viel größer, als unsere kleine Welt-Idee. Ahôm war damals das Samenkorn eines ganzen Universums!«
»Was ist denn ein Universum, Oma Grena?«, fragte ein kleines Kind, welches Oma nicht genau erkennen konnte.
»Ein Universum ist ein Wesen, in dem unvorstellbar viele Welten leben. Da gibt es helle Wolken. Und wenn einey sich die hellen Wolken genauer ansieht, bestehen sie aus ganz vielen Sternen! Und jeder Stern ist so groß, dass sich darum Welten wie unsere hier drehen können. So groß ist ein Universum!«
Es war still in der Höhle. Die Oma hatte mit einem erstaunten Geraune gerechnet. War das zu viel? – Jetzt konnte sie aber nicht einfach aufhören. Also erzählte sie weiter: »Stellt es euch vor, wie ein Baum. Auf jedem Blatt dreht sich ein Stern, der im Dunkeln leuchtet. Und nun stellt euch eine kleine Nuss vor. Ihr wisst ja, dass die Nuss, wenn sie auf einen schönen, feuchten Waldboden fällt, aufplatzt, und ein Baum daraus keimt. Nun, so eine Nuss war Ahôm damals. Und sie trieb genau auf Oaoo zu!
»Ich mag Nüffe. Befonderf, wenn Mama fie abendf am Feuer knackt!«, erzählte ein Kind lispelnd, das direkt an Omas Knie lehnte.
Sie hatte die Kinder also wieder. Zufrieden lächelte sie und nickte. »Nüsse sind auch sehr gesund, Kel! Und das wusste auch Oaoo! Und nun sah es auf der einen Seite den kleinen Samen unserer Welt und auf der genau anderen Seite die große, saftige Nuss namens Ahôm! Und weil Oaoo sehr, sehr gierig war, wollte es beide aufessen! Dafür musste Oaoo sich in zwei Richtungen strecken. Das war anstrengend, für so ein riesiges, schweres Wesen, aber es schaffte es schließlich doch. Es packte Ahôm und unsere Welt und riss sie beide an sich! Zack!«, die Oma klatschte in die Hände und die Kinder zuckten erschrocken zusammen. Nach einer kurzen Pause seufzte sie und fuhr fort: »Aber bevor Oaoo die Nüsse knacken konnte, keimte Ahôm plötzlich! Schuld daran war unsere Welt! Als Oaoo Ahôm und unsere Welt gerade verschlingen wollte, trafen sie sich und die Welt-Idee war wie der lockere Waldboden, den Ahôm gesucht hatte. Und glaubt mir, wenn direkt neben euch eine Nuss mit einer solchen Geschwindigkeit keimte, wie Ahôm es jetzt tat, würde es euch ganz schön umhauen! Bum! Zack! Plötzlich war Ahôm ein riesiger Baum mit aberwitzig vielen Blättern, auf denen überall Sterne mit Welten kreisten! – Aber wisst ihr, was noch viel erstaunlicher war? Das Gleiche passierte auch mit Oaoo. Ja! Nun stellt euch einmal vor, ihr seht ein kleines Tier. Vielleicht ein Grend1. Das kleine Grend findet eine Nuss und will sie fressen. Doch als es die Nuss frisst, keimt sie mit einem lauten ›PENG!‹ zu einem Baum! Und mit einem Mal merkt das Grend, dass es auch mit einem fast noch lauteren ›PENG!‹ selbst zu einem Baum geworden ist! Genau das war mit Oaoo passiert.
Nun schwebten da also zwei Universums-Bäume. Die Wurzeln waren nicht in Erde vergraben, sondern sie umschlangen die Wurzeln des anderen Baumes wie in einer innigen Umarmung mit hunderten von knorrigen Armen.
Jetzt fragt ihr euch vielleicht, was aus unserer Welt geworden ist? Ja? Nun, sie ist tatsächlich von Oaoo verschlungen worden. Aber das war gut! Denn Oaoo war jetzt ein Universums-Baum und hatte genauso viele Blätter, wie Ahôm. Und mitten in Oaoos Baumkrone gab es ein wunderschönes, frisches Blatt, auf dem unsere Welt jetzt lebte. Sie war jetzt keine Idee mehr. In der Mitte des Blattes drehte sich wie ein leuchtender Stern unsere Faşi. Und drum herum drehte sich unsere Weltkugel: Selutarn! Und um Selutarn herum drehten sich fortan unsere beiden Monde, Molsidor und Fẹsla.«
Eine Weile wurde es still in der Höhle. Dann fragte ein Kind: »Heißt das, wir wären niemals geboren worden, wenn Oaoo uns nicht aufgegessen hätte?«
»Wer weiß? Vermutlich nicht. Aber wir wären auch nie geboren worden, wenn Ahôm nicht in dem Moment gekeimt wäre, in dem Oaoo uns gegessen hat«, vermutete Oma Grena.
Und dann fuhr sie fort: »In der Krone von Ahôm gibt es übrigens auch ein Blatt, auf dem sich eine Faşi dreht. Sie ähnelt unserer zum Verwechseln! Und auch um sie dreht sich eine Weltkugel mit zwei Monden. Ja, so wird es sich erzählt. Und es wird sich außerdem erzählt, dass die Leute, die auf dieser Weltkugel leben, ihrer Welt manchmal sehr wehtun. Und wenn das passiert, hat Ahôm Schmerzen, die bis in die Wurzeln reichen. Und wenn Ahôms Wurzeln vor Schmerz zucken, spürt auch Oaoo die Schmerzen. Ja und wenn das passiert, kommen bei uns Monster wie die Şreltôr aus den Tiefen der Berge.«
Das erschrak die Kinder sehr. Ein paar fingen an zu weinen. Ein Kind rief unter Tränen: »Dann sind diese Leute schuld, dass die Shreltôr da draußen die Häuser kaputtmacht⁈«
Die Oma sah sich schuldbewusst um. Hätte sie doch aufgehört zu erzählen, als die Kinder so verträumt dasaßen und sich zwei uralte Bäume mit glitzernden Blättern vorstellten! Jetzt hatte sie alles nur noch schlimmer gemacht.
1Ein kaninchengroßes Tier, das nicht nur äußerst putzig, sondern auch sehr intelligent ist und erstaunlich gut verschiedene Laute imitieren kann.
Kapitel 1
Die Neue
GOLAḨ. RIVAT, 25. SIP-ŞAL 3119
Es war ein sonniger Rivatmorgen, der erste Tag einer neuen, ạtolianischen Woche. Ọş war auf dem Weg zur Uni und durchschritt soeben den Corşymis-Park. Avide zwitscherten und Faşi, die Sonne, erhob sich majestätisch über den weiten Wäldern jenseits der Stadt. In der Luft lag der angenehme Duft nach allerlei Blüten. Alles war von traumhafter Schönheit; ein guter Start ins Herbsttrimester, wie Ọş fand. Er nahm sich noch eine große Nase voll von diesem Duft, dann verließ er den Park und betrat den Campus der Universität Golaḩ durch das eigentümliche Tor am Eingang. Gefertigt aus hellgrauem Chitin formte es einen Spitzbogen, auf dessen Scheitelpunkt die Skulptur eines schwer zu identifizierenden Tieres mit einer Schriftrolle in den Klauen saß.
Die Universität war das wichtigste Aushängeschild der beschaulichen Kleinstadt Golaḩ. Gerade einmal einundneunzigtausend Einwohnerne hatte die Ortschaft im mittleren Südost-Ẹxilien zu verzeichnen. Sie lag in den östlichen Ausläufern des Ạkel-Gebirges im fruchtbaren Ryạ-Tal. Viel Tourismus gab es hier nicht, dafür war die Altstadt nicht alt genug und die Lage nicht hoch genug in den Bergen. Eigentlich gab es hier vor allem Wald. Subtropischen Nebelwald, um genau zu sein. Das bedeutete viel Nebel, meist auch Regen, hin und wieder Nebel mit Regen oder umgekehrt.
Dafür bestand die Population Golaḩs zu fast einem Drittel aus Studenternen. Viele von ihnen lebten auf einer Plattform, etwa 500 Meter über den anderen Stadtteilen, dem Nebel sowie dem Wald. Ein ganzer Bezirk war der Stadt so hinzugefügt worden, gemeinhin einfach ›Stelzenbezirk‹ genannt. Hier oben schien häufig eine starke, heiße Faşi und bestrahlte die modernen Gebäudeblöcke der Universität von Golaḩ. Ihre schlichten, quaderförmigen Grundstrukturen wurden hie und da von modernen Chitingebilden kaschiert, die in ihrer Form an dunkelblaue, violette und grüne Knospenschuppen erinnern sollten, oder durch Glasfassaden aufgebrochen.
Auf den hellen, gepflasterten Wegen sowie den dunkelgrünen Wiesen des Campusgeländes tummelte sich das bunte Volk der Studenterne und Dozenterne. Die weit überwiegende Mehrheit davon war Ọş vollkommen unbekannt. Aber da war auch Soyl. Wie immer trug er seine Mütze. Eine schlichte, schwarze Mütze, vielleicht um seinen kahlen Kopf zu verbergen, denn er war ein Şiral und besaß somit kein Haupthaar. Şirale waren nicht etwa Mitglieder eines Clubs glatzköpfiger Menschen. Nein, weit gefehlt, denn Menschen kannte in Golaḩ niemand. Fakt ist, niemand auf dem ganzen Planeten Ạtol hatte je von einerm Menschen gehört und vermutlich würde sich daran auch so schnell nichts ändern. Ọş und Soyl waren Raldovar. Was zuerst an Raldovar auffiel, war das zusätzliche Gliedmaßenpaar. Die zunächst humanoid anmutenden Geschöpfe liefen auf vier Beinen, von denen die hinteren mächtige Sprungbeine formten. Dadurch konnte einerm Menschen der Gedanke an einen Zentauren kommen, der sich einst sehr gut mit einer Heuschrecke verstanden hatte. Aber zum Glück sah kein Mensch zu und so konnte dieser törichte Eindruck gar nicht erst aufkommen.
Die Haut der Raldovar schimmerte in tiefem Blau. Es war ein Blau, in dem einey sich verlieren konnte. Manche hatten so dunkelblaue Haut, wie ein klarer Sommernachthimmel, andere waren vom Blau einer schimmernden Südsee, aber manch ein Raldovar wies auch Hauttöne irgendwo dazwischen auf, mit Tendenzen ins Violette, Graue oder fast schon Helllila.
Abgesehen von der Hautfarbe unterschieden sich die Raldovar in einem weiteren wichtigen Merkmal. Es schien recht exakt ein Drittel aller Raldovar von dichtem Fell bedeckt zu sein, während die anderen zwei Drittel Haupthaar trugen oder gar nicht behaart waren. Und hier reckte die Evolution des Ạtol stolz die Brust heraus. Niemand war ihr bislang so recht auf die Schliche gekommen, inwiefern sie es für sinnvoll erachtet hatte, die Raldovar mit sechs Geschlechtsformen auszustatten, und darauf war sie auch noch stolz. Sie hatte auf die Mühe verzichtet, sechs tatsächliche Geschlechter zu erfinden. Sie hatte sich auf jeweils drei weibliche und drei Männliche Geschlechtsformen beschränkt und es so geschickt eingefädelt, dass eine Tochter nie die Geschlechtsform der Mutter und ein Sohn nie die Geschlechtsform des Vaters erbte, wodurch alle sechs Formen voneinander abhängig waren. De Raldosoziologere Gil Şrelor hatte schließlich im neunzehnten Jahrhundert nach Forg eine offizielle Unterteilung in drei Paare vorgenommen, die sich besonders ähnelten. Die Ehn und den Fọr stopfte en in die erste imaginäre Schublade, die en in der Sprache der damaligen Zeit mit »Dichtes Felle am gantsen Leybe, von gedrungener Architektuhr; vermutelich die ursprüngelichste Forma. Eintzigst der Ehn isset eine Scheckigung im Felle vergönnet« beschriftete. Daraufhin wird en sich mit wichtiger Miene am Kinn gekratzt haben, denn einen Bart hatte en nicht vorzuweisen, um nun gedanklich nach der Arn und dem Farl zu greifen. Diese beförderte en mit einem neidischen Blick auf den Vollbart des Farles in die zweite imaginäre Schublade, welche mit folgendem Vermerk versehen war: »Kein Felle, ledigelich Haupt und Schahm von Haare bedecket. Intermediär in vielerleih Hinnesicht«. Nun blieben nur noch die Kọra und der Şiral. Sie sollten das dritte Paar bilden, zu dem en fortan auch sich selbst zählen würde (wenngleich ense Gattin eine Ehn war). Die Schublade ließ folgendes verlauten: »Vollends nackend, athlethisch gebauet unt grohß von Wuhchse.«
Mit diesem kleinen Exkurs bewegen wir uns wieder zurück ins zweiunddreißigste Jahrhundert, wo Ọş seinen alten Freund nach den langen Trimesterferien endlich wiedersah. Soyls Oberkörper war mit einer schwarzen Lederjacke über einem ebenso schwarzen Hemd bedeckt, auf dem das Logo seiner Lieblingsmannschaft prangte. Sein Hinterleib war mit einer schwarzen Zuweste bekleidet, die mit nützlichen, großen Taschen und ein paar Nieten besetzt war. Letztere dienten offensichtlich weniger dem Zusammenhalt der Weste, als vielmehr der Ästhetik. Seine Hosen waren beide aus schlichtem, schwarzen Stoff, der hie und da schon etwas abgenutzt wirkte. An den Füßen trug er dunkelgraue Stoffschuhe.
Die beiden begrüßten sich mit einer herzlichen Umarmung und tauschten sich über die vergangenen Wochen aus, während sie über den Campus schlenderten.
Wie um deutlich zu machen, dass die Trimesterferien nun vorüber waren und der Ernst des Lebens weiterging, wartete nun zuallererst eine Vorlesung über Biochemie auf sie. Die Freunde studierten ab heute im zweiten Trimester Biologie in Golaḩ.
Pünktlich um halb acht ließ Professore Reylin ens schweres Lehrbuch, das en immer bei sich hatte, auf den Tisch fallen. De Professore hub zur üblichen Begrüßung an. Ọş und Soyl hatten sich gerade über die Ferien unterhalten und saßen im Nu aufrecht und wie gebannt in ihren Sesseln. Doch um sie herum wollte das Tuscheln zu ihrer Verwunderung nicht aufhören.
Es war nicht immer praktisch, so weit vorne zu sitzen. Da bekam einey weniger von dem mit, was hinter einerm geschah. Und so waren die Studenterne in der ersten Reihe fast so verwundert ob der andauernden Unruhe, wie Professore Reylin. Sie wandten sich nach hinten, de Professore musterte jedey wie mit Adleraugen. Ens Blick blieb an einerm jungen Raldovar hängen, de als einzige ruhig und mit unergründlichem Gesichtsausdruck in der dritten Reihe saß. En mochte vom Aussehen eine Arn von Anfang zwanzig sein. Ọş schnappte Wortfetzen aus dem Getuschel der anderen Studenterne auf: »Wo kommt en denn her?! Ich habe en nicht reingehen sehen!«
Dann etwas lauter von Hyra, de Ọşs Wissen nach eine Kọra war und direkt neben derm Neuen saß: »Du hast mir einen Heidenschreck eingejagt! Eben gerade saß da noch niemand, wie hast du das gemacht?!«
De Neue blickte ernst und ungerührt geradeaus. Beim Sprechen rollte en das R ganz weich im Hals. Ọş überlegte, in welchem Akzent dies üblich war, doch kam er auf kein Ergebnis.
»Tut mir leid. Ich wollte dich nicht erschrecken. Von Zeit zu Zeit schleiche ich, ohne es zu beabsichtigen«, sagte en mit weicher, ruhiger Stimme und neigte dabei respektvoll den Kopf.
Einige lachten. Professore Reylin räusperte sich.
»Nun, da das geklärt ist, darf ich noch einmal um Ruhe bitten!«
»Entschuldigen Sie, Professore! Aber en hier hat sich aus dem Nichts vor mir materialisiert, ich kann Hyras Reaktion schon nachvollziehen!«, meldete sich ein andere Raldovar, de direkt hinter derm Neuen saß. Jedenfalls war jetzt Ruhe. Nur Tşel meldete sich zu Wort: »Außerdem – von wo willst du bitte gekommen sein? An mir bist du nicht vorbeigegangen. Und von woanders hättest du nicht kommen können. Wo in aller Welt kommst du bitte her?! Und wer bist du?« – Tşel saß links von derm Neuen und war ein Fọr, wie Ọş wusste. Tşel wurde mit seinem Gebaren alten Klischees gerecht. Fọren wurde nachgesagt, sie könnten es nur schwer ertragen, wenn etwas unerklärt blieb.
Das dicke Lehrbuch krachte erneut aufs Pult. De Professore kniff ense Augen zu einem engen Spalt zusammen und sah Tşel durchdringend an. »Also gut! Ich kenne Sie alle vom letzten Trimester, und zwar namentlich. Bis auf Sie!«, en deutete auf de Neue, »Sie wissen daher als Einzigey hier im Raum nicht, wie sehr ich die Ruhe der Aufmerksamkeit in meinen Lehrveranstaltungen zu schätzen weiß. Dennoch scheinen Sie im Augenblick de Ruhigste im Saal zu sein! Ich wünsche, dass sich alle anderen augenblicklich ein Beispiel an Ihnen nehmen!«
Es war schwer zu sagen, ob en sauer oder sehr erstaunt war. Letzteres wäre nicht allzu verwunderlich, wenn wir uns weiter auf alte Klischees berufen wollten und uns erlauben würden, Professore Reylin nach ensem Aussehen ebenfalls in die Schublade des Fọrs zu stecken. Doch das Geschlecht einers Dozentes ging natürlich kein Studente etwas an und so sollten auch wir davon absehen.
»Professore, ich will wissen, seit wann es möglich ist, eine Teleportation durchzuführen, ohne dass der Organismus dabei stirbt!« Tşel trug eine zerknautschte, braun karierte Mütze, sowie eine runde, schwarze Brille. Sein Fell war von dunkelbrauner Farbe, aber seine Denkfalten waren nun trotz Gesichtsbehaarung schwer zu übersehen.
Teleportation? Glaubte Tşel das etwa wirklich? Ọş wechselte einen amüsierten Blick mit Soyl.
»Nein, Person Gow, Teleportation ist noch nicht ohne Abtötung sämtlicher Organismen möglich und wird es meiner Meinung nach auch niemals sein. Erst gestern habe ich eine Tagung besucht, in der ein Referente die neuesten Errungenschaften in der Quantenforschung dargelegt hat. Und so unbemerkt, wie de junge Raldovar den Saal auch betreten haben mag, Teleportation können wir wohl guten Gewissens ausschließen!« Durchdringend blickte de Professore nun de Neue an und sagte höflich, aber nach wie vor mit einem leicht verärgerten Unterton: »In jedem Fall haben Sie recht erfolgreich auf sich aufmerksam gemacht. Hätten Sie die Güte, sich nun wenigstens rasch vorzustellen?«
Peinlich berührt aber mit stolzem Schwung erhob sich de Raldovar und sagte ruhig: »Gern, Professore Reylin. Es war durchaus nicht meine Absicht, ein solches Aufsehen zu erregen. Mein Name ist Khleona Dalia, ich bin eine Arn aus … ähm … Gorikhapa in Filopa. Ich bin letzte Woche erst hierhergezogen. Da in Gorikhapa die Studiengebühren erneut angestiegen sind und die Universität von Golaḩ legendär ist, habe ich mich entschlossen, mein Studium hier fortzusetzen.«
Ọş hörte gebannt zu. Khleona Dalia. Ein Gorikhapischer Name? Und sie stellte sich wie selbstverständlich mit ihrem Geschlecht vor. War das in Gorikhapa normal? Ihr Akzent hatte etwas Magisches. Und dieser Blick … Das Sonnenlicht reflektierte sich in ihren dunkelblauen Augen und ließ sie wie Edelsteine glitzern. Gleichzeitig ließ es ihre kurzen, dunkelroten Haare wie Feuer leuchten. Sie wirkte, als ginge sie das alles hier gar nicht das Geringste an … und gleichzeitig, als wüsste sie ein bisschen mehr, als alle anderen im Saal …
Etwa zwei Minuten später wurde Ọş unsanft aus seinen Gedanken gerissen.
»Person Fẹn! Würden Sie nun bitte wieder nach vorne schauen?«
Erst jetzt merkte Ọş, dass er immer noch halb nach hinten und aus einem Fenster sah. Verwirrt blickte er sich um. Er hatte doch auch wirklich nur aus dem Fenster gesehen? Er bildete sich ein, dass Khleona ihm kurz zulächelte. Die Situation war ihm äußerst unangenehm. Ihre Stimme hatte in ihm etwas bewegt. Und zwar ganz massiv. Noch immer klangen jene sachlichen Worte wie Musik durch seinen Kopf. Er rutschte ein bisschen tiefer in seinen Sessel. Sein Taschencomputer projizierte ein Rechteck vor Ọş auf den Tisch. Mit einem farblosen Stift schrieb er konzentriert ein falsches Datum in das Rechteck, es wurde sofort digitalisiert und als Beginn einer neuen Notiz abgespeichert.
Nach der Vorlesung verließen Ọş und Soyl mal wieder als erste den Saal. Wiederum ein Vorteil, vorne in einem Saal zu sitzen, sofern dort auch ein Ausgang gelegen war.
»Was war eigentlich eben mit dir los, als du da wie versteinert aus dem Fenster geschaut hast?«, spottete Soyl.
»Keine Ahnung. Ich war in Gedanken.«
»Ah. Und woran hast du so gedacht?«, bohrte er mit einem frechen Grinsen nach.
»Äh … ach so. Ich … hab nur überlegt, ob einey sich vielleicht irgendwann wirklich teleportieren kann.« Irgendwie klang das nicht sehr überzeugend … aber er wollte Soyl nicht die Wahrheit sagen. Er kam sich selbst lächerlich vor.
Sein Freund blickte ihn auch tatsächlich leicht prüfend von der Seite an. Doch dann beließ er es dabei und wechselte das Thema: »Was hast du vor, Ọş? Ich wollte mir was zu beißen kaufen. Gehen wir zum Bistro, wie letztes Trimester immer?«, fragte er schließlich.
Ọş war intuitiv neben der Tür des Vorlesungssaals stehengeblieben.
»Ach so … nein, ich muss noch was erledigen. Geh ruhig, wir sehen uns in der nächsten Stunde.«
»Was musst du denn erledigen?« »Äh … Professore Reylin was fragen.« Khleona kam heraus.
»Geh jetzt ruhig, sonst wird die Schlange nur immer länger! Bis nachher!«, versuchte Ọş, seinen Freund möglichst unauffällig wegzuscheuchen.
Und endlich ging Soyl kopfschüttelnd den Gang entlang in Richtung Bistro. Er drehte sich aber noch einmal um, entdeckte Khleona und schüttelte erneut den Kopf. Eine Schlange? In der ersten Pause? In der ersten Pause ging nur ins Bistro, wer sein Frühstück verschlafen hatte. Gut, unter Studenternen kam das schon vor, aber viele hielten es dann doch bis zur Mittagspause aus oder begnügten sich mit einem Becher Korrek aus dem Automaten. Aber zumindest ging einey doch nicht als Erstes aus dem Hörsaal, wenn einey mit derm Professore reden wollte.
Khleona war inzwischen zu einem Raumplan gegenüber der Hörsaaltür geschlendert und schien diesen aufmerksam zu studieren. Ọş holte tief Luft und gesellte sich zu ihr.
»Hi«, sagte er bemüht locker und schaute ebenfalls auf den Plan.
»Guten Morgen! Du warst eben auch bei der Vorlesung, richtig?«
»Ja, genau!«
»Kannst du mir sagen, wo die nächste Vorlesung stattfindet? Ich kenne mich hier noch nicht aus.«
»Klar doch! Ich wollte gerade fragen, ob ich helfen kann. Mein Name ist übrigens Ọş.«
»Freut mich, danke! Ich bin Khleona.«
»Ja, du kommst aus Filopa, richtig? Das muss eine echt unangenehme Situation gewesen sein, eben«, meinte Ọş mitfühlend.
»Nun, ich war auch nicht ganz unschuldig«, stellte Khleona fest.
Ọş wusste nicht, was er darauf erwidern sollte.
»Du bist sehr offen. Einige erscheinen mir hier sehr … wie soll ich sagen? – selbstbezogen«, sagte Khleona nachdenklich. Ọş lief eine Gänsehaut über den Rücken. Was passierte hier? Wer war diesey Person?
»Äh danke. Du auch«, erwiderte er plump.
Schweigend liefen sie nebeneinander her, bis sie schließlich beim nächsten Vorlesungssaal ankamen.
»Hier ist es.«
Er war plötzlich noch ein wenig unsicherer. Das Schweigen war zwar nicht unangenehm gewesen, aber jetzt waren sie an der Tür zum Vorlesungssaal und er wusste nicht, was er als Nächstes tun sollte.
»Ich gehe jetzt ins Bistro. Mein Freund Soyl müsste da sein«, meinte er unsicher, ohne Anstalten zu machen, sich abzuwenden.
»Gut, wir sehen uns. Und danke dir für die Hilfe!«, lächelte sie und zeigte Auf Wiedersehen1.
»Kein Problem, immer gerne!«, erwiderte er und ging unsicher winkend in Richtung Bistro.
Soyl unterhielt sich gerade mit Helk, den er schon aus der Grundschulzeit kannte. Soyl hatte bereits als Kind in dem Dorf Relşẹst gewohnt, das etwa zehn Kilometer von Golaḩ entfernt lag. Dort war er geboren und eingeschult worden. Nach der Grundschule waren seine Eltern mit ihm nach Hasugrajn gezogen. Der Abschied von seinen Freundernen, insbesondere von Helk, war ihm damals sehr schwergefallen. Die kleine Großstadt kam ihm riesig und er sich darin verloren vor. Doch seine Eltern hatten ihn mit zu den Spielen der Bajtelns genommen, eines international bekannten Kengornteams, das in Hasugrajn saß. Außerdem hatte er in der neuen Schule Ọş kennengelernt. Zusammen hatten sie den Akademikerneabschluss gemacht, um Biologie zu studieren. Und hier hatte er feststellen dürfen, dass sein alter Freund Helk einen ähnlichen Weg eingeschlagen hatte. Es war wie eine Heimkehr nach langen Jahren gewesen.
»Hey Ọş! Hätte gar nicht gedacht, dass du noch kommst! Die Gespräche mit Professore Reylin dauern doch meistens etwas länger. Was hast du en eigentlich gefragt?«
»Äh … nix Besonderes. Gibt’s noch Dşọk?«
»Denke schon.«
Dşọk war Ọşs absolutes Lieblingsgetränk. Es wurde aus den scharfen Zẹşwurzeln gebraut. Die Zẹşwurz wuchs fast ausschließlich im gemäßigten Mesorika, weshalb der süßlich-scharfe Dşọk ein Hauptexportgut Ẹxiliens war. Es wurde traditionsgemäß in speziellen Glasflaschen mit großen Bügelverschlüssen und in verschiedenen Schärfegraden verkauft.
In der folgenden Vorlesung traf es sich, dass nur noch der Platz links neben Ọş frei war, als Khleona den Saal betrat. Sie grüßten sich und Khleona lächelte ihn freundlich an, als sie sich neben ihm niederließ. Ọş spürte, wie sein Kopf heiß wurde und hoffte, nicht allzu violett im Gesicht zu werden.
Soyl, der auf der anderen Seite von Ọş saß, fragte ihn leise, woher sie ihn kannte.
»Hab sie getroffen, als ich mit Professore Reylin geredet hab. Wir haben uns nur kurz gesehen.«
Als Soyl etwas später konzentriert etwas aufschrieb, beugte sich Khleona zu ihm herüber. »Du Ọş?«
»Ja, was denn?«, flüsterte er und beugte sich ein wenig in ihre Richtung, ohne von seinen holographischen Mitschriften aufzuschauen. Ihm lief ein Schauer über den Rücken, der diesmal sogar in die hinteren Fußzehen hineinreichte.
»Wieso sagst du Soyl nicht, dass du mir den Weg gezeigt hast?« »Ich weiß nicht …«, gestand er unsicher.
»Ah.« Sie schrieb weiter.
»Seid ihr ein Paar?«, flüsterte sie kurz darauf. »Nein«, grinste Ọş.
»Verstehe.«
»Was ist?«, wollte Soyl wissen. »Nichts …«
»He, Sie drei da! Was meinen Sie als Unbeteiligte, was ich gerade wohl gesagt habe?« Es gab noch Proffessorne, die es nicht aufgegeben hatten, um die Aufmerksamkeit ihres Auditoriums zu kämpfen.
Nach der Vorlesung verabschiedete sich Khleona und verschwand eilig in einem Korridor. Verwirrt blickte Ọş ihr hinterher.
»Was hat sie eben gefragt?«, wollte Soyl beim Herausgehen wissen.
»Ob wir zusammen sind«, erwiderte Ọş und legte Soyl scherzhaft einen Arm über die Schulter. Doch dieser schüttelte den Arm ab, blieb wie angewurzelt stehen und sah ihn perplex an.
»Warte, was?!«
Ọş sah ihn erstaunt an.
»Was hast du denn? Könnte doch sein!«
»Aber was geht sie das an? Kommt aus dem Nichts daher und fragt so persönliche Fragen?«
»Was ist los mit dir? Ist doch nichts dabei!«
»Schonmal daran gedacht, dass sie dich einfach ärgern wollte? Ich finde die eigenartig.«
»Nein! Sie war eben neugierig! Was hast du denn auf einmal?«
Es war lange her, dass Soyl und er sich zum letzten Mal gestritten hatten. Das gefiel ihm gar nicht. Was ging denn vor in seinem Freund? Hatte er etwa Angst, dass Ọş neue Freundschaften schloss?
Ọş grübelte immer noch über die Situation nach, als er nachmittags wieder nach Hause ging. Damals war Soyl der Neue gewesen und Ọş hatte sich rasch mit ihm angefreundet. Ọş mochte es, neue Leute kennenzulernen. Wenn sich daraus eine Freundschaft ergab, umso besser! Warum sah Soyl das mit seiner Vergangenheit nicht genauso?
Dann war er auch schon zu Hause. Er wohnte in der Ẹl-Rismor-Straße sieben, im elften Stockwerk eines Bionic Towers – eines Turmes, der mit Hilfe von speziellen Algen Elektrizität erzeugte und so gleichzeitig die Luft und das Abwasser reinigte. Eigentlich wollte er mit Soyl zusammen eine gemütliche Zweier-WG gründen, doch sein Freund wollte unbedingt wieder in seinem alten Heimatdorf wohnen. Ọş wollte aber nicht jeden Tag auf den Luftbus angewiesen sein und so hatten sie sich jeweils eigene Bleiben gesucht. Und vielleicht war das auch besser so gewesen.
Der Bionic Tower war riesig und ragte hoch über die anderen Gebäude des Stelzenbezirks hinaus. Ọş betrat das Gebäude durch den Bewohnerneeingang. Zu den Technikräumen und zu dem kleinen Supermarkt im Erdgeschoss gab es eigene Zugänge.
Er fuhr mit dem Schwebelift nach oben, presste seinen Daumen auf die Platte neben seiner Wohnungstür, woraufhin diese aufging und schmiss seinen Rucksack in eine Ecke.
»Guten Tag, Ọş. Die Raumtemperatur beträgt 20 Grad Celsius. Ich habe mir erlaubt, zu lüften, die Außentemperatur beträgt vor den Fenstern 8,3 Grad Celsius. Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Tag!«, begrüßte ihn der Wohnungscomputer.
»Danke, dir auch«, murmelte er, schlüpfte aus seinen Schuhen, ohne sie zu öffnen, und ging in die Küche.
Nachdem er Wasser aufgesetzt hatte und einen Löffel Korrekpulver in die Glaskanne gegeben hatte, ließ er sich erst einmal auf einen Stuhl sinken. Er war total aufgekratzt. Die ganze Zeit musste er an Khleona denken. Immer wieder fragte er sich, weshalb er der Einzige war, der bis jetzt auf sie zugegangen war. Zumindest auf eine freundliche Art und Weise, ohne von Teleportation zu faseln … und schließlich merkte er, dass er es eigentlich gar nicht so schlimm fand, der Einzige zu sein.
Ihm fiel auf, dass er vergessen hatte, in seinen Briefkasten zu schauen.
»Computer, war die Post da?«
»Vor drei Stunden wurde etwas in Ihr Postfach geworfen«, bestätigte die Stimme aus dem Off.
Beim Einzug in seine Studenternewohnung vor nunmehr etwa einem halben Jahr hatte er die Möglichkeit gehabt, den Wohnungscomputer mit einem Namen seiner Wahl zu versehen. Doch das Science-Fiction-begeisterte Kind in ihm hatte die künstliche Intelligenz schlichtweg »Computer« getauft. Ọş goss den Korrek auf und fuhr noch einmal mit dem Schwebelift nach unten.
Im Eingangsbereich bestand eine Wand fast vollständig aus Briefkästen. Dem seinen entnahm er eine Ausgabe des Golaḩkuriers. Er seufzte. Zeitungen aus Papier, wo einey doch ohnehin schon überall mit digitaler und personalisierter Werbung überhäuft wurde, hielt Ọş für absolut archaisch.
Dennoch blätterte er kurz durch und tatsächlich blieb sein Blick an einer Abbildung hängen. Darunter stand, dass derzeit besonders günstig Paddelboote auf dem Fluss Ryạ vermietet wurden. Das Wetter sei bestens geeignet, das Wasser gerade noch warm genug zum Schwimmen und ein Treffen mit den Tşerila sei so gut wie garantiert.
Tşerila! Irgendwie gruselte es ihm vor diesen Kreaturen ebenso sehr, wie er sie faszinierend fand. Gigantische Wesen, die in den Ozeanen und Stromgewässern des Planeten hausten und dort sogar riesige Städte erbauten. Sie waren gute fünf bis zehn Meter lang, hatten große, geheimnisvolle Augen und bewegten sich mittels vieler Tentakel durchs Wasser, die je zwei Reihen kleiner Saugnäpfe aufwiesen. Irgendwie konnten diese Meeresungeheuer mit ihren schlängelnden Armen genauso fein arbeiten, wie ein Raldovar mit ensen Händen. Viele behaupteten, die Tşerila seien allen anderen Bewohnernen des Planeten in ihrer Intelligenz weit überlegen.
Dass diese majestätischen Wesen hier wie eine Touristenattraktion beschrieben wurden, grenzte schon fast an eine Beleidigung.
Nachdenklich betrachtete er das Foto über dem Artikel, auf dem einige Boote in Aktion abgebildet waren. Ob eine gemeinsame Unternehmung zusammen mit Khleona und Soyl nicht eine gute Idee wäre? Gerne wollte er Khleona besser kennenlernen und er hoffte, Soyl würde sie weniger verurteilen, wenn er sie erst einmal kannte.
Also schrieb er sich den Namen des erwähnten Bootsverleihs auf.
Wenig später wusch Ọş gerade das Geschirr vom Vortag ab, als er sich dabei ertappte, in Gedanken Streitgespräche mit Soyl zu führen. Er schüttelte den Kopf. Das ging so einfach nicht an. »Computer«, rief er über das Plätschern des Wassers hinweg, »ruf Soyl an!«
»In Ordnung. Ich baue eine Verbindung zu Soyl Şaḩil auf. Soll ich ein Hologramm über deinen Taschencomputer projizieren?«, schlug Computer sofort vor.
Solche Geräte hatte heutzutage fast jeder. Die runden, handlichen Dinger hingen oft an einer Kette und verfügten über einen Knopf, einen Holoprojektor und einen Haufen Sensoren. Einey konnte damit alles tun, was einey sich mit einem mobilen Computer zu tun vorstellen konnte. Geladen wurden sie durch Bewegung, Körperwärme oder mithilfe der Induktions-Ladestation. Gegenüber Tablets hatten sie den Vorteil, in jede Hosentasche zu passen, aber den Nachteil, dass Hologramme bei starkem Sonnenschein schwerer zu erkennen waren.
»Ja, mach das«, bat Ọş, trocknete sich die Hände ab und legte den etwa handtellergroßen Taschencomputer neben sich auf die Anrichte. Wenig später schwebte darüber die holographische Büste seines Freundes.
»Was gibts?«, fragte dieser.
Gar keine so leichte Frage. Was sollte er eigentlich sagen? Die Dialoge aus seinen gedanklichen Streitgesprächen waren jetzt wenig hilfreich. »Wie geht es dir?«, fragte er stattdessen plump.
Soyls Hologramm musterte ihn kritisch. »Mir geht es gut.«
»Gut.«
»Ọş, was ist?«
»Ich will nicht, dass irgendwas komisch ist, zwischen uns. Khleona ist neu, ich wollte einfach, dass sie sich ein bisschen willkommen fühlt, nach der komischen Situation in der Biochemievorlesung.«
»Du warst komisch. Du hast gar nicht mit Professore Reylin gesprochen, oder?«
»Nee …«
»Warum machst du so ein Ding draus? Von mir aus ist nix komisch zwischen uns.«
»Gut. Hast Recht. Gehen wir morgen zusammen ins Bistro?«
»Machen wir. Mach dir nicht so ’nen Kopf!«
»Danke.«
Soyls Hologramm löste sich auf. Er legte immer einfach auf, wenn er das Gespräch für beendet hielt.
Bevor Ọş einschlief, dachte er noch lange darüber nach, wie er seine Idee erklären sollte, wann sie die Paddeltour am besten unternahmen und vor allem, was die beiden wohl erwidern würden. Das einzige Ergebnis, zu dem er kam, war, dass die Paddeltour am besten kommenden Şevat passen würde, also am ersten Tag des Wochenendes.
Irgendwann musste er wohl eingeschlafen sein. Jedenfalls träumte er, dass er durch die Gänge der Uni ging. Plötzlich vernahm er ein kurzes, scharf zischendes Geräusch. Er sah sich um und stellte fest, das sich Khleona neben ihm materialisiert hatte.
Sie wollte wissen, wo es zum Labor für Quantenphysik ginge.
Ọş zeigte ihr den Weg, der über die Ryạ verlief und in einem Boot zurückgelegt werden musste. Während sie sich in diesem gegenübersaßen, sah sie ihn mit ihren dunklen Augen an. Er konnte nicht anders, als diesen Blick zu erwidern, obwohl ihm kalte und warme Schauer den Rücken hinunterliefen und sein Magen gewagte Purzelbäume schlug. Sie ließen sich mit der Strömung tragen. Dann war der Traum zu Ende.
1Unter Raldovar sind auffallend mehr Handzeichen zur alltäglichen Kommunikation zu beobachten als unter Menschen. So gibt es unter anderem ein eindeutiges Zeichen, welches »Auf Wiedersehen!« bedeutet. Hierzu wird die rechte Hand mit der Handfläche zum Gegenüber gehoben und mit dem Daumen beginnend jeder zweite Finger eingeklappt, sodass bei den sechsfingrigen Händen der Raldovar drei Finger ausgestreckt verbleiben. Der Daumen hält die beiden eingeklappten Finger fest.
Kapitel 2
Die Zeitwende von 3047
GOLAḨ. ỌVAT, 26. SIP-ŞAL 3119
Obwohl Ọşs Gedanken gleich nach dem Aufwachen Khleona galten, machte er sich ein ordentliches Frühstück, packte seine Sachen für die Uni zusammen und schaute noch schnell nach seinen Pflanzen. Er züchtete schon seit er sechzehn war Paralifken. Diese Pflanzenfamilie war unglaublich vielseitig. Die zahlreichen Arten bildeten Blüten verschiedenster Formen, Größen und Farben. Häufig lebten sie mit einem Pilz in Symbiose, der im Substrat und um die Wurzeln wuchs, ohne den die Pflanzen nicht überleben konnten. Hin und wieder bildete dieser Mykorrhizapilz hübsche kleine Fruchtkörper aus, die neben den dicken, teils freigespülten Wurzeln der Paralifken ausgesprochen urig aussahen, wie Ọş fand.
Sein Hobby beschränkte sich allerdings nicht auf die reine Zucht und Sammlung der Pflanzen. Es gab drei Arten, deren Luftwurzeln, Samen oder Blüten als Gewürz teuer verkauft werden konnten und eine, deren Blüte zur Herstellung von Parfüm genutzt wurde. Einmal im Jahr konnte er diese Blüten ernten. Durch Wasserdampfdestillation extrahierte er dann das duftende ätherische Öl. Zwar war es verboten, selbstproduzierte Pflanzenextrakte ohne Lizenz zu verkaufen, aber als Geschenk machte so ein Duftöl durchaus was her. Darüber hinaus stellten die Pflanzen dem angehenden Biologen potenzielle Objekte für so manch ein Experiment im Rahmen seines Studiums dar. So hoffte er zumindest.
Den Pflanzen ging es wie üblich prächtig und Ọş machte sich auf die Socken.
Er liebte den Weg von seiner Wohnung zur Uni. Kaum war er aus dem Bionic Tower getreten, gelangte er auch schon in den Ẹl-Rismor-Park. Hier gab es zwei Pfadsysteme, ein mäandrierendes, für alle, die lieber etwas mehr Zeit im Park verbrachten, und ein geradliniges, für diejenigen, die rasch vorankommen wollten. Meist nahm Ọş auf dem Hinweg den direkten Pfad und auf dem Heimweg den schöneren. So auch heute. Der Park wurde von Hyrmuna-Bäumen dominiert, angeblich waren dies die Lieblingsbäume von Ẹl Rismor gewesen, derm Erfindere der Stelzenbezirke. Wenn hier nicht zu viel los war und er keine schweren Lehrbücher schleppen musste, konnte er hier prima seine Sprungbeine zum Einsatz bringen.
Nach dem Park gelangte er an das gigantische Einkaufszentrum in der Mitte des Bezirks, wo auch die Personen- und Lastenaufzüge von den ebenerdigen Stadtteilen nach oben kamen. Hier konnte er entweder einmal hindurchgehen, oder den Weg außen herum nehmen. Je nach Tageszeit war der eine oder der andere Weg schneller.
Nun galt es noch etwa fünfzig Meter einer Querstraße zu folgen, deren Namen Ọş immer wieder vergaß, dann gelangte er in den Corşymis-Park.
Jetzt trennten Ọş nur noch achtzig Meter Straße vom Uni-Campus.
Dort traf er sogleich Khleona, welche diesmal auf ganz gewöhnliche Art und Weise zur Uni ging.
Als Khleona ihn kommen sah, wartete sie kurz. Sie begrüßten sich, als würden sie sich schon lange kennen. Er schätzte ihre offene Art. Ob in Filopa wohl alle Raldovar so offen waren? Trotz der multikulturellen Geschichte Ẹxiliens erschienen ihm seine Mitbürgerne oft eher verschlossen.
Die erste Vorlesung des Morgens war in Mykologie und wurde von Professore Trikon Minêl gehalten. En war Goriltapo. Ein braunes, pelziges Wesen mit großen Ohren, einer flachen, nach oben spitz zulaufenden Nase, drei kleinen Hörnchen auf dem Kopf – und einem Paar ledriger Fledermausflügel.
Wie spätestens an dieser Stelle klar werden dürfte, wird der Planet Ạtol nicht allein von Raldovar beherrscht. Goriltapo sind zwar kleiner, aber deutlich zahlreicher als Raldovar. Sie leben in Luftschiffen und hohen Bergen, oder aber in den höchsten Stockwerken von Wolkenkratzern. Nach einigen Jahrhunderten der gegenseitigen Verachtung lebten die beiden Spezies nun schon wiederum einige Jahrhunderte in überwiegend friedlichem Miteinander.
Professore Minêl hielt ense Vorlesungen stets auf dem Rednernepult und gestikulierte bei ensen durchaus lebendigen Vorlesungen mit den Schwingen und den kleinen Ärmchen, welche aus der Mitte enses Rumpfes ragten. Ọş mochte de Dozente, wenngleich das Thema eher Soyls Hauptinteressengebiet entsprach.
Als die erste Stunde vorüber war, ging Khleona mit Ọş und Soyl ins Bistro.
Als sie eine Weile so dastanden, jedey mit einer Flasche Dşọk in der Hand, sagte Ọş endlich: »Ich hab’ gestern Abend in einer Zeitung gelesen, dass gerade die Preise für Paddelboote auf der Ryạ ganz niedrig sind. Nur sechzehn $chuppen1 pro Tag und Boot!«
»Das erinnert mich an letztes Trimester. Da sind wir doch mit der Uni auf der Ryạ gewesen, um Insektoide2 zu bestimmen, weißt du noch?«, erinnerte sich Soyl.
»An einer Bootstour würde ich jetzt durchaus Gefallen finden. Wisst ihr, ob etwas Derartiges dieses Trimester wieder stattfindet?«, erkundigte sich Khleona.
»Wohl kaum. Das ist ein Theorietrimester, da gibt es meist keine Exkursionen«, meinte Soyl abschätzig.
Damit hatte er recht. In Golaḩ wurde das Jahr in drei Trimester à zehn Wochen eingeteilt. Bevor Ọş und Soyl mit ihrem Studium beginnen konnten, mussten sie ein Trimester über Grundkompetenzen der Wissenschaft belegen. Da erhielten sie Einblicke in alle Fachbereiche, die an der Universität Golaḩ angeboten wurden und erlernten wissenschaftliche sowie ethische Grundlagen. Danach begann zum Sommertrimester das Studium an sich. Sie befanden sich nun im zweiten und damit letzten Trimester des Grundstudiums, in welchem die Grundlagen und der Umfang des Fachbereiches dargelegt wurden. Das erste Trimester hatte aus Seminaren, Exkursionen und Praktika bestanden, um einen Überblick über verschiedene Arbeitsweisen und -bereiche zu vermitteln. In diesem Trimester hatten sie nur Vorlesungen und die Zeit, eigenständig den Stoff zu verinnerlichen. Diese Unterteilung in praxisreiche und Theorietrimester ermöglichte es Studenternen von weiter her nicht dauerhaft in Golaḩ wohnen zu müssen und Theorietrimester in reinem Fernstudium zu absolvieren.
»Ich könnte euch doch auf eine Tour einladen! Vielleicht diesen Şevat?«, schlug Ọş vor.
»Passen so viele in ein Boot?« – Soyls Unlust war deutlich zu hören.
»Das sind Sytojs. In so ein Boot passt jeweils nur einey, deshalb würden wir drei Boote mieten. Es wird Zeit, dass Khleona mal was von der neuen Umgebung
zu sehen kriegt. Und du willst doch sicher mit?« erwiderte Ọş scherzhaft. »Was ist das denn für eine Frage!«, empörte sich Soyl.
Khleona musterte Soyl, hinter dem sie stand, mit unergründlicher Miene, ohne etwas zu erwidern.
»Was ist mit dir, Khleona? Willst du mit?« wollte Ọş nun wissen. »Oh ja, sehr gerne!«
Auf dem Weg zur nächsten Vorlesung hielt Ọş aus Gewohnheit vor dem schwarzen Brett an. Da gab es eine Fläche, wo Studenterne anpinnen durften, was sie wollten. Oft stand da viel Quatsch, bis sich endlich mal ein Mitglied der Fachschaft berufen fühlte, ein wenig auszumisten. Was wiederum von Zeit zu Zeit eine regelrechte Flut von Aufklebern gegen Zensur auslösen konnte. Heute war da aber lediglich ein Zettel von einerm Studente, de ense Armbanduhr verloren hatte.
Neben dieser Sektion gab es einen großen Bildschirm, auf dem Sonderankündigungen oder Klausurergebnisse eingeblendetwurden. Heutewar dort ein Aushang mit dem Bild einer Landschaft voller Großstädte zu sehen, die sich in ein grünes Land mit den heute modernen Hochstädten verwandelte. Den Bezirken auf Stelzen. – »Im Stile des Sublicismus erbaut, unglaublich fortschrittlich!«, wie die Architekturstudenterne stets zu betonen wussten.
»Vortrag über die Zeitwende von 3047, von Prof. Dr. Gredọl Şrilk«, stand auf dem Plakat.
»Da geh’ ich hin. Hat jemand Lust mitzukommen?«, beschloss Ọş spontan.
»Wie du meinst, wenn du hingehst, geh’ ich auch«, willigte Soyl ein. Khleona war ebenfalls dabei. Sie schien regelrecht neugierig, gerade so, als habe sie noch nie etwas über die Zeitwende von 3047 gehört.
Um neun Uhr dieses Ọvatabends wurde eine große Gruppe Studenterne und anderer Personen in den Hörsaal Nummer vierhundertfünfundfünfzig geführt.
Ọş, Khleona und Soyl fanden ihre Plätze in der dritten Reihe gerade noch rechtzeitig. Der Saal war schnell gut gefüllt.
Endlich wurde es still im Auditorium und Professore Gredọl Şrilk ergriff das Wort. Mit einer angenehmen, lebendigen Stimme hielt en ensen Vortrag.
De Professore begann damit, die Zeit von vor über 72 Jahren auf dem Ạtol zu schildern. Dabei nutzte en die modernen Medien bestens aus, die em in diesem gut instandgehaltenen Hörsaal zur Verfügung standen. Es gab keine Leinwand im Raum. Hinter dem Rednerepult befand sich vielmehr eine kleine Bühne, welche mit Holoprojektoren nur so gespickt war. Während sich dort stumm Szenarien einer hektischen, verschmutzten Welt des Konsums abspielten, fasste Şrilk das Geschehen zusammen. Es war eine turbulente Zeit zwischen Wohlstand und Klimakrise. Die Raldovar und Goriltapo lebten im Rausche des Konsums und reizten die Ressourcen ihres Planeten immer mehr aus.
De Professore verwies auf diverse Verschwörungen, welche sich hauptsächlich um den Untergang der Welt drehten, da immer mehr Şimanoj3erkannten, dass sie ihren bisherigen Lebensstil nicht mehr lange fortsetzen können würden. Die Ausführungen ders Professores wurden spektakulär mit vermummten
Kapuzengestalten untermalt, welche auf der holographischen Bühne, und sogar um ihn herum, eine schaurige Atmosphäre verbreiteten.
Schließlich überstürzten sich die Ereignisse Mitte des Jahres 3047, als die internationale Raumfahrtbehörde Şolạrej einen mächtigen Asteroiden entdeckt, der geradewegs auf den Ạtol zusteuerte. Als hätte das nicht ausgereicht, wurde als wahrscheinlicher Einschlagspunkt der große Ọḩulis-Vulkan berechnet. Dieser Vulkan im Südwesten des filopäischen Kontinents war bereits seit einiger Zeit in aller Munde, da Seismologerne und Vulkanologerne jederzeit mit einem erneuten Ausbruch rechneten, dessen Folgen verheerend sein mussten.
Die Sekte Grosuil fühlte sich ganz besonders in diesem astronomischen Stück Gestein bestätigt, das da heranraste, und der vorausgesagte Einschlagsort wurde von allen Anhängernen wie ein Wallfahrtsort aufgesucht, während alle anderen versuchten, so weit wie möglich von dort zu verschwinden.
Während der Planet also von einer großen Massenpanik heimgesucht wurde, installierte die Raumfahrtbehörde Şolạrej auf den beiden Monden des Ạtols, Molsidor und Fiẹsla, Atomraketen, um das Ungetüm rechtzeitig zu zersprengen. – Auch hier verzichtete de Professore nicht auf die Holotechnik und ließ beeindruckende Schaltpläne und Modelle der Abwehrraketen mit gut sichtbarem Şolạrej-Emblem in der Luft über em erscheinen.
Dieses Engagement trieb der Raumfahrtbehörde eine Menge Geld und gute Reputation ein. Fast täglich wurde in internationalen Nachrichtenmedien ein Bericht der Şolạrej ausgesendet. Doch die düstere Sekte Grosuil interpretierte die Machenschaften der Behörde als Eingriff in das gottgegebene Schicksal der Welt, aller Şimanoj und vielleicht sogar des ganzen Universums. Viele Sektenmitglieder verließen sich darauf, dass eben jenes Schicksal ausreichen würde, um eine derartig unerhörte Einmischung wie von ganz allein zum Scheitern verurteilt sein zu lassen. Fünf Sektenmitglieder fühlten sich jedoch ganz persönlich als Exekutive des göttlichen Schicksals berufen und drangen in die Zentrale der Şolạrej ein. Getarnt als Reporterne gelang es den Informatikernen, zwei Tage vor Einschlag die Programme zu hacken, welche die Atomraketen auf den Monden steuern sollten und feuerten die Waffen geradewegs in die unendlichen Tiefen des Weltalls. Und zwar alle. Da die Abwehr gegen den Asteroiden hiermit unwiderruflich vereitelt war, musste nun endgültig das gesamte Einschlagsgebiet evakuiert und ganz nebenbei noch nach fünf Sektenmitgliedern gefahndet werden, denen Hochverrat gegen den gesamten Planeten vorgeworfen wurde. Die Festnahme gelang tatsächlich noch am folgenden Tag, die Evakuierung konnte jedoch nicht rechtzeitig erfolgen.
Hier ertönte ein mächtiges Grollen im Hörsaal, gerade so, als wolle die Firma, welche für die Tontechnik verantwortlich war, mit ihren Subwoofern prahlen. Dann raste eine holographische Feuerkugel über die Köpfe des Publikums hinweg und schlug auf der Bühne hinter derm Professore ein, woraufhin es kurz sehr hell und anschließend stockfinster wurde.
Während de Professore langsam wieder beleuchtet wurde, erzählte en weiter.
Es kam zur größten Katastrophe, die jemals ein Şimanoj erleben musste. Es starben etwa 1,6 Milliarden Raldovar und 2 Milliarden Goriltapo an den Folgen des Einschlags. Die enormen Aschewolken, welche in erster Linie durch den erneuten Ausbruch des Ọḩulis-Vulkans verursacht wurden, führten zu einer plötzlichen Eiszeit, die immerhin knapp 4 Jahre andauerte. In dieser Zeit veränderte sich alles. Polare Regionen waren kaum noch bewohnbar, wohingegen zuvor verwüstete Regionen profitierten. Es wurden riesige Flächen neu aufgeforstet. Der Flugverkehr mit den damals üblichen Düsentriebwerken kam aufgrund der Aschewolken zum Erliegen, was unter anderem die Entwicklung neuer Technologien im Energie- und Antriebssektor begünstigte.
Währenddessen flohen die meisten Bewohnerne aus den polaren Regionen, aber auch aus Filopa, wo der Vulkan brodelte. Da eine kleine Gegend in Heldroạrn und Ghredarn, gelegen im mittleren Norden des Mesorikanischen Kontinents, aufgrund günstiger Luftströmungen lange von den Aschewolken verschont geblieben war, erfuhr diese Gegend einen enormen Bevölkerungszuwachs. Hier sollte später das neue Land Ẹxilien entstehen.
Abschließend fasste Professore Şrilk die Geschehnisse verblüffend positiv zusammen. En lobte die technischen und ökologischen Errungenschaften, die seit dem Einschlag zu verzeichnen waren. Nicht umsonst werde in diesem Zusammenhang von einer Zeitwende gesprochen. Alle Şimanoj gingen seither wesentlich bewusster mit ihrem Heimatplaneten um, nachdem sie von einem Himmelskörper derart wachgerüttelt worden waren.
»Ich bitte Sie daher alle von ganzem Herzen, sich stets daran zu erinnern, wie wertvoll unser geliebter Ạtol ist und nicht wieder einzuschlafen. Einen weiteren Meteoriten können wir uns nicht leisten. Und damit bedanke ich mich für Ihre Aufmerksamkeit.«
Das Publikum klopfte lautstark auf die Sperrholztische.
Nachdem Khleona, Ọş und Soyl den Hörsaal verlassen und sich die Zuhörerne verflüchtigt hatten, blieben die drei noch eine Weile auf dem Gang stehen.
»Es ist echt beachtlich, was diese Welt schon alles erlebt hat … Diesey Professore hat echt eine aufregende Art zu erzählen«, fand Khleona. Sie sah ziemlich erschüttert aus.
»Das sagst du so, als hättest du die Geschichte noch nie gehört. Es gibt doch hunderte Dokumentarfilme darüber! Hast du noch nie einen gesehen? Nicht einmal in der Schule? Außerdem ist en grammatikalisch mehrmals in der Zeit gesprungen, was mich etwas aufgeregt hat. Hast du das nicht bemerkt?«
»Wie? Ich hab die ja auch … also natürlich hab ich die schon mal gehört, die Geschichte. Sie bewegt mich nur immer wieder aufs Neue«, stotterte Khleona. Sie hatte plötzlich gar nicht mehr diese magische und selbstbewusste Ausstrahlung, die Ọş zuvor bemerkt hatte. Fast schien es, als sei sie verwirrt von dem, was sie erfahren hatte. Daher pflichtete er ihr rasch bei, dass auch er diesen Vortrag besonders intensiv wahrgenommen hatte, was auch der Wahrheit entsprach.
1$chuppen und $chüppchen sind die Währung Ẹxiliens. Sie heißen so, da sie aus den Schuppen eines Reptiloids geschliffen werden. 12 $chüppchen sind eine $chuppe wert.
2Als Biologe widerstrebt es mir, diese Tiergruppe als Insekten zu bezeichnen. Auf dem Ạtol nehmen sie zwar die Rolle ein, die auf der Erde von Insekten gespielt wird. Es gibt jedoch eine Vielzahl an Details, wie der regulären Bein-Anzahl von acht statt sechs, welche stets auf genau zwei Körpersegmente verteilt sind, um eine Unterschei- dung zu echten Insekten der Erde zu verlangen. Die wissenschaftliche Bezeichnung »Kumkurostej«, welche sich aus dem altgradorianischen ableitet und »Chitinträger« bedeutet, erscheint mir dann doch zu verwirrend.
3Wie schon gesagt wurde, die Raldovar sind nicht alleine auf dem Planeten. Und auf einem Planeten, welcher von mehreren Spezies auf ähnliche Weise beherrscht wird, musste ein Wort erfunden werden, das alle gleichermaßen anspricht. Şimanoj ist im Ẹxilianischen ein »vernunftbegabtes Wesen«; ich habe den Ausdruck einfach übernommen. Bitte sehen Sie mir diese Faulheit nach.
Kapitel 3
Khoráj
PALAST. RIVAT, 13. FEREN 3119 (DREI MONATE ZUVOR)
