Verlag: Reclam Verlag Kategorie: Geisteswissenschaft Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2014

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E-Book-Beschreibung Seneca zum Vergnügen - Seneca

Ratgeber für ein glückliches Leben feiern nicht erst heute große Erfolge. Schon Seneca legte im 1. Jahrhundert nahe: »Will man glücklich werden, dann mehre man nicht den Besitz, sondern mindere die Wünsche.« Und wer wüsste besser, was ein glückliches Leben wirklich ausmacht, als einer, der wie Seneca die Höhen und Tiefen des Lebens kennengelernt hat? Aber Seneca hat mehr zu bieten als erbauliche Kalendersprüche. Treffsicher zeichnet er lebhafte Charaktere und nimmt das Fehlverhalten seiner Zeitgenossen aufs Korn. Damit bereiten seine Texte selbst noch dem heutigen Leser eine vergnügliche Lektüre.

Meinungen über das E-Book Seneca zum Vergnügen - Seneca

E-Book-Leseprobe Seneca zum Vergnügen - Seneca

Seneca zum Vergnügen

Herausgegeben und übersetzt von Marion Giebel

Mit 12 Abbildungen

Reclam

2014 Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

Umschlagillustration: Nikolaus Heidelbach, Köln

Umschlaggestaltung: Eva Knoll, Stuttgart

Gesamtherstellung: Reclam, Ditzingen

Made in Germany 2017

RECLAM, UNIVERSAL-BIBLIOTHEK und RECLAMS UNIVERSAL-BIBLIOTHEK sind eingetragene Marken der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-960523-4

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-019208-5

www.reclam.de

Inhalt

Vorwort

I Sich selbst gehören, die Zeit nutzen

II Was sagen die Weisen?

III Aus dem Leben lernen

IV Philosophieren – leben

V Wahre Freude

VI Der Natur gemäß leben – Leben wider die Natur

VII Der Genusssucht den Prozess machen

VIII Weltall, Götter und Menschen

IX Der Mensch, dem Menschen heilig?

X Handeln lehrt die Philosophie, nicht reden

XI Ruhe und Tätigkeit

XII Vom glücklichen Leben

XIII Ende oder Übergang?

Textnachweise

Verzeichnis der Abbildungen

Hinweise zur E-Book-Ausgabe

Vorwort

Als Ratgeber für ein glückliches, oder, wie es heißt, gelingendes Leben treten heute Glückspropheten, Lebenskünstler und Sinnsucher aller Art auf, die in einer philosophischen Hausapotheke oder sogar mit Hilfe eines Fragebogens Lebenshilfe bieten. Wenn man ihre Botschaften auf ihren Kern reduziert, wird man das alles klar, knapp und einleuchtend schon bei Seneca finden. Wie zum Beispiel: »Will man glücklich werden, dann mehre man nicht den Besitz, sondern mindere die Wünsche«. »Nicht wer wenig hat, sondern wer viel wünscht, ist arm.« »Fang jetzt an zu leben und zähle jeden Tag als ein Leben für sich«.

Aber Seneca hat mehr zu bieten als erbauliche Kalendersprüche. Wenn ihn Nietzsche den »Toreador der Tugend«1 nennt, so meint er nicht nur den Philosophen, der mit Vehemenz und Eindringlichkeit als den alleinseligmachenden Weg zum Glück die Lehren der Stoa verkündet. Nietzsche, selbst Philosoph und Dichter, weist auch hin auf die Sprache Senecas. Bei ihrer Treffsicherheit, ihrem Pointenreichtum und der Intensität, mit der sie auf ein Gegenüber zielt, kann man an den gewandten Degen eines Toreros denken. Senecas Degen richtet sich gegen das Fehlverhalten seiner Zeitgenossen, das er in anschaulichen Szenen vergegenwärtigt, die auch dem heutigen Leser noch Vergnügen machen. Seneca ist ja auch Tragödiendichter – und er schafft sich eine Bühne, auf der er die missgeleiteten Zeitgenossen auftreten lässt: die Betriebsamen, die den ganzen Tag hektisch herumrennen und nur ihre Lebenszeit vertun, die Modebewussten, die stundenlang beim Friseur sitzen und einen Rat abhalten über jedes einzelne Härchen, die Superreichen, die Meeres- und Seeufer mit ihren Luxusvillen zubauen – dabei können sie doch nur in einem Bett schlafen – die Gourmets, die Delikatessen von jenseits der Grenzen des Römischen Reiches für ihre feine Küche heranschaffen lassen, um dann nur einen Bissen davon zu nehmen, weil ihr Magen schon krank ist, oder die im Sommer Schnee brauchen, um ihre Getränke zu kühlen, oder die nachts leben und am Tag schlafen, weil sie nicht leben wollen wie das gemeine Volk. Sind sie denn glücklich? Nein, sagt Seneca, die Gier nach Luxus und Genuss brauche ja ständig neue Reizmittel, müsse sich selbst überbieten, und dies führe zu einem Gefühl des Überdrusses, eines Unbefriedigtseins inmitten allen Reichtums. Für seinen Besitz und seine Stellung müsse man auch fürchten, vor allem in diesen unruhigen Zeiten, wo man sich heute in der Gunst des Kaiserhofes sonnen könne, morgen das Todesurteil zu erwarten habe. Die Furcht vor dem Tod, ob gewaltsam oder nicht, vor einem Umschlag des Schicksals, ist allgegenwärtig, da hilft kein Luxus, kein Savoir-vivre.

Was hilft? Die Philosophie, so wie sie Seneca verstanden haben will, als Lebenskunst, als Seelenheilkunde. Der Philosoph muss ein Arzt für die Seele sein. Zwar kann er die verschiedenartigen Nöte des Lebens nicht beheben, wie Armut, Krankheit, Unterdrückung, aber er kann dem Betroffenen zu einer gewandelten Einstellung gegenüber diesen Problemen verhelfen, und dann wird dieser mit seiner speziellen Lebenssituation besser umgehen können. Nichts anderes versucht heute die Psychologie und Psychotherapie.2

Was rät Seneca als Stoiker? Secundumnaturamvivere, gemäß der Natur leben, ist die zentrale Formel seiner Schule. Gegründet von Zenon (332–262 v. Chr.), benannt nach einer mit Gemälden ausgestatteten Säulenhalle in Athen (stoapoikile), dem Versammlungsort der Schule, stand die Stoa in der Nachfolge des Sokrates und seines Bemühens um die Seele, die möglichst gut sein sollte.3 Im Hellenismus begann das Individuum, aus der Begrenzung des Bürgertums in seiner Polis, der Stadtgemeinde, herauszutreten, sich auf sich selbst zu besinnen und sich wichtig zu nehmen. Ein individuelles Glücksstreben verband sich mit dem neuen Gefühl eines Weltbürgertums, erzeugt von den weiten Räumen der antiken Welt nach den Eroberungen Alexanders des Großen. Viele Völker vieler Rassen lebten hier zusammen, geprägt von der griechischen Kultur. Weltoffenheit dokumentiert sich in der Herkunft der stoischen Lehrer: Der Gründer Zenon stammte aus Kition auf Zypern, war der Abstammung nach Phönizier; Panaitios aus Rhodos, der bedeutende Impulsgeber, leitete die Schule in Athen, kam nach Rom, um dort die Stoa einzubürgern; sein Schüler Poseidonios stammte aus Apameia in Syrien. Eine von ihnen gelehrte Philosophie musste wahrhaft weltumspannende Leitbegriffe haben. Einer dieser Begriffe war die physis, lateinisch natura, die Natur in einem weiten Sinn, die Allnatur des Kosmos, der von einem geistig-göttlichen Prinzip durchwaltet wird. Die Götter sind gewissermaßen Personifizierungen dieses schöpferischen Prinzips, das gleichzeitig logos, ratio, die göttliche Weltvernunft ist. Die Grundvorstellung der stoischen Ethik besagt, dass alle Menschen Glieder der Natur und mit einem Anteil an dieser Weltvernunft ausgezeichnet sind, den man sich bildlich in der Art eines Funkens aus dem feurigen Element des Kosmos vorstellte. Alle Menschen besitzen diesen göttlichen Funken, sie sind also alle gewissermaßen Abkömmlinge des Göttlichen, was sie auch untereinander verbindet, unabhängig von ihrem irdischen Status als Freier oder Sklave, Mann oder Frau. Sie sind ihrer Verbindung mit dem Göttlichen verpflichtet, indem sie ihre ratio, diesen Vernunftfunken4, im Verlauf ihres Lebens ausbilden. Damit folgen sie dem Gesetz der gemeinsamen Natur, wie der Grundgedanke der Stoa lautet. Da die göttliche Allnatur vollkommen ist, also gut, verwirklicht der Mensch mit der Ausbildung der vollkommenen Vernunft, der rectaratio, gleichzeitig den höchsten sittlichen Wert, die virtus, die Tugend. Sie ist damals wie heute die Grundlage menschlichen Zusammenlebens, denn sie bedeutet, das Rechte zu tun, niemandem Unrecht oder Leid zuzufügen, auch sich selbst nicht, sich den Mitmenschen und der staatlichen Gemeinschaft nach Kräften zur Verfügung zu stellen, seine Affekte im Zaum zu halten, alles Tun und Lassen der Vernunft zu unterwerfen, nur sich selbst, das heißt dieser Vernunft, verantwortlich zu sein. Wer so lebt und handelt, besitzt die virtus, und sie allein ist der höchste, unverlierbare Wert, in ihrem Besitz liegt das Glück.

Und was ist das Glück? Die innere Unabhängigkeit von allen äußeren Dingen, die wir nicht beeinflussen können, von den Wechselfällen des Lebens, das Vertrauen darauf, in seinem Innern fest und unerschütterlich gegründet zu sein. Das wiederum führt zur Gelassenheit, zur »stoischen Ruhe«.

Seneca nimmt, ebenso wenig wie ein anderer prominenter Stoiker, Kaiser Marc Aurel, für sich in Anspruch, die höchste Stufe der Vollkommenheit schon erreicht zu haben. Doch wer immer strebend sich bemühe, der werde dem Ziel im Laufe seines Lebens nahe kommen. Und hilfreich sei dieses Bemühen im Sinne eines ständigen Meditierens, Memorierens der stoischen Regeln, in jedem Falle. Dafür war Seneca selbst der lebende Beweis.

Um die Zeitenwende in Corduba in Spanien geboren erhielt er in Rom eine gründliche Ausbildung in den Wissenschaften, vor allem in Rhetorik, so dass er bald ein anerkannter Redner war. Was ihm freilich die Missgunst des Kaisers Caligula zuzog, der sich selbst für den besten Redner hielt und den Rivalen beseitigen wollte. Nur der Hinweis, Seneca habe es an der Lunge und mache es ehʼnicht mehr lang, hielt ihn davon ab. Seneca litt in der Tat an Tuberkulose und Bronchialasthma; die erstere Krankheit konnte er bei einem Aufenthalt bei Verwandten in Ägypten auskurieren, das Bronchialasthma, mit qualvollen Erstickungsanfällen, blieb ihm bis ins Alter, wohl mit fortschreitender Herzinsuffizienz, und ist wohl einer der Gründe, warum der Gedanke an den Tod eine so große Rolle bei ihm spielte.

Der grausame und größenwahnsinnige Caligula wurde 41 n. Chr. ermordet, unter seinem Nachfolger Claudius schienen bessere Zeiten anzubrechen, doch die Kaisergattin Messalina spann Intrigen, denen auch Seneca zum Opfer fiel. Als angeblicher Ehebrecher mit Julia Livilla, einer Schwester des Caligula, in der Messalina eine Rivalin sah, wurde Seneca auf die damals recht unwirtliche Insel Korsika verbannt. 41–49, acht lange Jahre, eine Zeit, in der seine Altersgenossen in Rom die Stufenleiter der Ämterlaufbahn absolvierten, verbrachte Seneca im Exil. Er verfasst eine Trostschrift an seine Mutter Helvia in Rom, in der er zwar nicht beteuert, dass er unschuldig ist – damit würde er dem Kaiser ein Fehlurteil unterstellen und eine etwaige Begnadigung erschweren –, doch indem er sich selbst in eine Reihe mit dem unschuldig verurteilten Sokrates stellt, sagt er genug. Er tröstet Helvia, die, wie er weiß, der Philosophie zugewandt ist, indem er ihr beweist, wie er mit den stoischen Grundsätzen lebt. Was sei Armut? Die Natur erfordere nur weniges zum Leben. Was sei Verbannung? Der Mensch sei überall auf der Welt zu Hause. Er habe keine Freuden? Doch, er schaue hinauf zum Himmel, sehe die Gestirne, wie sie ihren Lauf nähmen, und fühle sich eingebunden in die Gesetzmäßigkeit und Harmonie des Kosmos. Es erhebe ihn, wie er später sagt, Zeuge zu sein des Wirkens der Gottheit im All. Ein Band der Sympathie umschließt ja, wie die Stoa lehrt, den Makrokosmos, das All, und den Mikrokosmos, den Menschen. Eine solche nicht nur emotionale, sondern wissenschaftliche Bindung bleibt Seneca bis ins Alter erhalten, bis hin zu seiner Abhandlung NaturalesQuaestiones, den NaturwissenschaftlichenUntersuchungen. Das Schicksal ist veränderlich, auch ein missliches, wird er später sagen.

Messalina starb, und die nächste Gattin des Claudius wurde Agrippina, die Schwester der Julia Livilla, die zusammen mit Seneca verbannt worden war. Agrippina hatte Großes vor: Sie wollte an die Dynastie des Augustus anknüpfen, und ihr Sohn Nero (geb. 37 n. Chr.) sollte statt des Kaisersohnes Britannicus Thronfolger werden. Sie rief Seneca aus der Verbannung zurück und übertrug ihm 49 n. Chr. die Erziehung des Prinzen.

Seneca muss mit großen Hoffnungen an sein Werk herangegangen sein. Hatte nicht Platon gesagt, die Menschheit würde erst dann glücklich, wenn entweder die Herrscher Philosophen oder die Philosophen Herrscher wären? Könnte sich hier nicht beides verwirklichen – der junge Herrscher als Schüler der Philosophie würde ein Philosophenherrscher werden. Seneca verfasste einen Fürstenspiegel (Declementia, ÜberdieMilde), in dem er darlegt, dass die wahre Freude, das echte Vergnügen nur im Wohltun des Herrschers und in der daraus entspringenden Liebe der Bürger bestehe. Nero sah das bekanntlich anders. Mit welchem (Des-)Interesse er dem Unterricht seines Philosophenlehrers folgte, stellt eine Statuengruppe in Senecas Heimatstadt Cordoba dar (s. Abb. 1): Minerva, die Göttin der Weisheit und Wissenschaft, verweist vergebens auf ihre Schätze.

Abb. 1: Seneca mit seinem Schüler Nero

Statuengruppe von E. Barrón González, Rathaus Córdoba

Seneca, der große Weisheitslehrer der Menschheit – ein gescheiterter Prinzenerzieher? Ist es ein Hieb auf Agrippina, wenn er von verwöhnten Einzelkindern spricht, denen immer nachgegeben wurde, denen alle nach dem Munde redeten, die bei der geringsten Versagung einen Tobsuchtsanfall bekamen und sich schließlich zu richtigen »Monstern« entwickelten?5 Betont er deshalb so sehr, dass man auch den Willen haben müsse, sich die rechte Vernunft und die Tugend anzueignen? Quidratiopossit – Was vermag die Vernunft, wenn man den furor, die blinde Leidenschaft, in sein Inneres eingelassen hat, fragt Seneca in einer seiner Tragödien. Diese stellen einen Gegenentwurf dar zum vernunftbestimmten Leben des Jüngers der Philosophie: abschreckende Beispiele im Gewand des Mythos, aber vielfach ein Spiegel der Gegenwart.

Seneca führte, zusammen mit dem Prätorianerpräfekten Burrus, die Staatsgeschäfte für den jugendlichen Kaiser. Welche Maßnahmen er im einzelnen traf, ist nicht mehr nachvollziehbar, doch wurde von keinem Geringeren als Kaiser Trajan die Zeit seiner Administration als das glückliche Jahrfünft Roms bezeichnet (54–59 n. Chr.). Dann aber wurde sich der junge Kaiser seiner Machtfülle bewusst und wollte sie auskosten. Seine herrschsüchtige Mutter Agrippina war ihm lästig, er ließ sie schließlich ermorden (59 n. Chr.). Statt seines Tugendlehrers Seneca bevorzugte er andere Ratgeber, die ihn in seinem Allmachtsanspruch bestärkten. Die zunehmenden Willkürakte und Todesurteile waren ein trauriger Beweis dafür, wie sehr man sich geirrt hatte, als man in dem jungen Nero, dem blutsmäßigen Nachfahren des Augustus, den Bereiter eines neuen goldenen Zeitalters erhofft hatte. Seneca sah, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis seinem ehemaligen Zögling auch der Lehrer, als ein wandelnder Vorwurf, allzu lästig sein würde.

Seneca demissionierte – er gab Nero 62 n. Chr. seine Amtsbefugnisse zurück und bat, sich ins Privatleben zurückziehen zu dürfen, wo er sich den Wissenschaften widmen wollte. Er wollte auch seine reichen Güter zurückgeben, doch Nero lehnte es ab, die Geschenke zurückzunehmen, um nicht als undankbar zu erscheinen. Vielleicht amüsierte er sich darüber, dass sie seinem Tugendlehrer Kritik und Anfeindung einbrachten: der Philosoph, der Wasser predigte und Wein trank (vgl. hier).

Die Audienz mit dem Gespräch zwischen Lehrer und Schüler, samt dem Judaskuss zum Abschied, hat Tacitus wie eine Bühnenszene dargestellt,6 des Theaterdichters Seneca würdig und angemessen für eine Zeit, die mit ihren jähen Umschwüngen und den bizarren Auftritten ihres Protagonisten selbst eine Bühne war, auf der Leben und Tod nicht nur gespielt wurden.

Seneca lebte nun zurückgezogen in Rom und auf seinen Landgütern und führte seine schriftstellerische Arbeit fort. Darin nahm er auch den Vorwurf seiner Stoikerfreunde vorweg, dass ihrer Lehre gemäß der Weise, das heißt der Jünger der Philosophie, bis zum letzten Atemzug tätig sein müsse. Die Lehrer der Stoa hätten, so Seneca, auch gesagt: Zwar solle der Weise im Staatsleben tätig sein, wenn sich jedoch der Staat in einem Zustand befinde, in dem ihm nicht mehr zu helfen sei, dann solle er sich zurückziehen und auf andere Weise zu wirken versuchen. Ebendas tut Seneca: Für ihn gibt es nicht den Gegensatz negotium – Tätigkeit, otium – Muße im Sinne eines Untätigseins oder Müßiggangs. Sein otium ist ein negotium: Er arbeitet für die Nachwelt und will ihr ein Kompendium der Philosophie hinterlassen, als Überlebensstrategie.

Seine bisherigen Schriften heißen zu Recht dialogi; sie sind an einen Adressaten gerichtet, einen Freund oder Verwandten, haben aber immer gleichzeitig auch ein weiteres Publikum im Auge, einen Leser, mit dem der Autor ein Gespräch führt, den er in seinen Bemühungen um die rechte Lebensweise bestärkt und dem er ins Gewissen redet. Der Dialog debrevitatevitae – VonderKürzedesLebens7 zeigt besonders, wie Seneca, bei allem ernsten Bemühen, seine Zeitgenossen zum rechten Gebrauch ihrer kostbaren Lebenszeit anzuhalten, auch (im Sinne der späteren Form des Essays) für den unterhaltsamen Charakter sorgt. Er kennt seine Zeitgenossen, die an Reizüberflutung leidenden Großstädter. Sie sollen nicht ab- oder umschalten. So lässt er die occupati, die Betriebsnudeln, bei ihren ach so wichtigen Tätigkeiten auftreten: ›Das bin ich doch nicht!‹, mag der Leser sagen – ›oder doch?‹ Und auf den Zuhörer bzw. Leser ist auch Senecas Stil zugeschnitten; mit seinen kurzen Gliedern, seinen Pointen und seinen einprägsamen Anekdoten hat er Appellcharakter, wie eine Rede, die die Zuhörer aufmerksam machen und überzeugen soll. Es ließe sich viel sagen über die virtus, die sittliche Vollkommenheit als einzig wahres, unverlierbares Gut. Das Ziel der stoischen Philosophie ist ja die autonome Persönlichkeit, die, unangefochten von den Wechselfällen des Schicksals, in sich ruht. Seneca packt diese Aussage in die Anekdote von dem Philosophen, der nach der Zerstörung seiner Heimatstadt von dem siegreichen Machthaber gefragt wird, ob er etwas eingebüßt habe. Nein, sagt er, alles meinige habe ich bei mir (omniameamecumsunt oder mecumporto;vgl. hier).

Solche anschaulichen Beispiele zeichnen Senecas Stil aus, als Sentenz, wie: »Nicht für das Leben, für die Schule lernen wir« (vgl. hier), was ja eigentlich umgekehrt richtig ist, als Anekdote, oder zu einer kleinen Geschichte ausgeweitet, wie oft in seinem Hauptwerk, den Briefen an den Freund Lucilius. Da geht er von Begebenheiten seines täglichen Lebens aus und knüpft eine lehrreiche Betrachtung daran: wie sein Besuch auf dem Landgut, wo er an sein Alter gemahnt wird, die verunglückte Seereise, der wenig erholsame Aufenthalt im Modebad Baiae. Von solchen unterhaltsamen Geschichten angelockt lässt sich der Leser dann auch etwas schwerere Kost gefallen, wie über das Wesen der Philosophie oder über ein Thema, das für Seneca sehr wichtig ist, den Tod, die Todesfurcht, das richtige Sterben. Sicher ist es uns heutigen Lesern unbequem, so oft vom Tod zu hören, wie Seneca das schon von Lucilius vermutet (vgl. hier), doch sollten wir ihm dankbar sein, wenn er etwas aufgreift, was wir nur zu oft verdrängen. In der Frage, ob der Tod ein Ende oder ein Übergang sei, sind auch wir noch nicht weitergekommen. Wir wollen Seneca gerne zugeben, sich zu freuen sei eine ernste Sache (vgl. hier), wie denn überhaupt das Leben »keine Hängematte ist«: Vivereestmilitare, Leben heißt kämpfen. Aber es gehört auch dazu, sich in das zu fügen, das willig, ja aktiv anzunehmen, was als unvermeidlich zu ertragen ist. »Den Willigen führt das Schicksal, den Unwilligen schleppt es mit« (vgl. hier). »Ich kann, weil ich will, was ich muss«, sagt Immanuel Kant in seinen GedankenzumTag – vielleicht in Erinnerung an Seneca. Auch Schopenhauer fühlt sich von dieser Auffassung angesprochen.

Die reichste Fülle an Beherzigenswertem und Unterhaltsamem bieten die in der Zeit der Zurückgezogenheit, also 62 bis zu seinem Tod 65 n. Chr., entstandene Sammlung von 124 Briefen über ethische Themen, die epistulaemorales an Lucilius. Wer war Lucilius, mit dem Seneca sozusagen einen Fernlehrgang Philosophie abhielt? Er war ein etwas jüngerer Freund, mit dem gemeinsam Seneca schon lebensbedrohliche Situationen infolge kaiserlicher Ungnade durchgestanden hatte. Zur Zeit der Korrespondenz ist er Prokurator, ein höherer Verwaltungsbeamter in Sizilien. Er lebt nach den Grundsätzen der Philosophie, ist auf dem besten Wege – ein idealer Schüler, ein Ersatz für den gescheiterten Versuch mit dem inzwischen zum Tyrannen gewordenen kaiserlichen Zögling. Beide profitieren voneinander, wie es bei Schüler und Lehrer sein soll. Wieweit die Person, die Figur des Lucilius »ideal« und die Korrespondenzsituation real oder fiktiv ist, darüber wurde viel gestritten.8 Sicher hatte Lucilius nicht alle die Fehler, die Seneca in Briefen an ihn rügt, es war sicher abgesprochen, dass alle in der Tugendordnung wichtigen Themen zur Sprache kämen, doch man sollte sich auch die aktuelle Situation Senecas vorstellen. Er saß nicht, wie heutige Gelehrte, bequem im Lehnstuhl und schrieb ungestört, sondern musste dauernd befürchten, dass die Geheimpolizei Neros an die Tür klopfte, was ja schließlich auch geschah. Dann hatte er damit zu rechnen, dass, wie öfter schon in solchen Fällen, mit ihm auch seine Schriften den Untergang fanden. Wenn Tigellinus, der Chef der Geheimpolizei, sie untersucht hätte – was hätte er da stirnrunzelnd gelesen? Eine völlige Umwertung der Werte: Der Triumphzug, die glänzendste Repräsentation des Reiches, wird von einem dieser Lumpenphilosophen als der letzte Dreck bezeichnet, und der Ex-Minister findet das noch gut! Mord und Totschlag im Privaten werden geahndet – wieso ist Völkermord, von Männern im Feldherrnmantel verübt, eine lobenswerte Tat? Dann: Sklaven sind auch Menschen, man soll sie zur Tafel laden, gar als Freunde halten – wohl auch aufwiegeln? Und der Staat, der so verkommen ist, dass sich der Weise aus ihm zurückzieht: Spricht der Autor da von sich selbst? Das römische Reich in seiner gewaltigen Ausdehnung, mit den Heeren, die auf seinen Straßen marschieren: nichts als ein Ameisenhaufen! (vgl. hier). Höchst subversive Äußerungen sind das …

Unter diesem Aspekt gewinnen die Person des Lucilius und die Briefsituation mehr an Realität: Sicher hat Seneca jeweils Konvolute von Briefen abgeschickt, die Lucilius in Verwahrung nehmen sollte. Es gab seit der düsteren Spätzeit des Kaisers Tiberius Bücherverbrennungen und »Untergrundliteratur« in Rom.

Eine große Freude wird für Seneca die Arbeit an den NaturwissenschaftlichenUntersuchungen gewesen sein, die er zu Ende bringen konnte und die ebenfalls Lucilius gewidmet sind. Er erscheint darin als kompetenter Gesprächspartner für die oft schwierigen naturwissenschaftlichen Fragen. Auch in diesem Werk gibt es wieder »Lesefutter«, wie zu einem Lieblingsthema Senecas, der Invektive gegen Luxus und Habgier. Wie kommt es zur Bildung von Schnee – gut, das sollte man wissen, aber es ist doch viel entscheidender, gegen diese Typen zu wettern, die da im Sommer Schnee brauchen, um Getränke in ihren sowieso schon verkorksten Magen hinunterzuspülen. Die Kritik traf freilich auch den Kaiser, der stolz war auf einen geeisten »Nero-Cocktail«. Und wer außer Seneca kommt auf die Idee, erst die Entstehung von Luftbewegungen und Winden zu beschreiben und dann heftige Kritik daran zu üben, dass die Menschen die Winde auf See – statt für den Austausch von Gütern oder zum gegenseitigen Kennenlernen – nur dazu benutzen, um mit ihren Schiffen Kriegsmaterial an die entferntesten Küsten zu schaffen und die dortigen Völker zu überfallen (vgl. hier). Die Natur habe sich schon ergeben, sagt er in seiner Tragödie Medea, Land und Meer würden immer weiter in Besitz genommen: Bald werde Thule, die sagenhafte Insel im Norden, nicht mehr das äußerste Land sein (vgl. hier). Ganz optimistisch las Columbus diese Verse und beschloss, neue »äußerste Länder« zu suchen (vgl. Abb. 2). Die Kriegsflotten sollten ihm bald folgen.

Abb. 2: Das Columbus-Denkmal auf der Plaza Colon in Madrid mit einem Zitat aus Senecas Medea