SensatioZell - Claudia Bignion - E-Book

SensatioZell E-Book

Claudia Bignion

0,0

Beschreibung

Pünktlich zum Stadtjubiläum von Radolfzell erscheint dieses Buch mit seinen Geschichten, die sich im Jahr 2017 zutragen könnten. Es ist eine Liebeserklärung an die Stadt und ihre Menschen, mit unterhaltsamen, schrägen und auch nachdenklichen Geschichten. Sind Sie Insider oder Gast in Radolfzell? Hier können Sie unsere Stadt (neu) entdecken. Lernen Sie beiläufig einige Sehenswürdigkeiten, die Stadtgeschichte, Einkaufsmöglichkeiten, die Kur und Natur und die gute Küche kennen. Nehmen Sie an unseren Festen teil. Von Glockengeläute bis Rock’n‘Roll ist alles geboten. Schwelgen Sie in der einzigartigen Atmosphäre von Radolfzell und genießen Sie Kulturmomente. Begreifen Sie das Besondere, welches diese Stadt auch bei Winternebel erblühen lässt. WER IN RADOLFZELL NICHT GLÜCKLICH IST, IST ES NIRGENDWO AUF DER WELT.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 124

Veröffentlichungsjahr: 2018

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Für meine Freundin Heike Luise Wagner

Vorwort

„Radolfzell ist ein langweiliges Nest. Im Prinzip ist hier nichts los.“ Das waren ernsthaft die Worte einer Frau, welche seit fast 40 Jahren in Radolfzell wohnt. Hätte ich nicht angeschnallt neben ihr auf dem Beifahrersitz gesessen und hätte ich nicht Angst gehabt, dass sie in den nächsten Graben fährt, so wäre ich ihr am liebsten ins Gesicht gesprungen.

Obwohl ich noch ein relativ neues Mitglied dieses schönen Städtchens bin, das aus 30.000 Sängern, Musikern, Malern, Artisten, Autoren, Schaffern und zeitweise auch Narren besteht, fühlte ich mich persönlich beleidigt. Ich setzte mich aufrecht hin, drückte mich in den Sitz, wandte mich nach links und begann in einem Bandwurmsatz aufzuzählen, was Radolfzell alles zu bieten hat. Zuerst hielt die Führerin des Kleinwagens mir stand, doch dann wurde sie immer kleinlauter, bis sie zu der Erkenntnis kam, dass sie die Vielfalt ihrer Heimat noch nie in diesem Umfang wahrgenommen hatte. Endlich war ich zufrieden und gab Ruhe.

Kurz nach diesem Vorfall wurde das Motto zur 750-Jahrfeier bekannt: „Jeden Moment wert“.

Stimmt!

Und als Hommage an mein geliebtes Radolfzell finden Sie in diesem Buch Geschichten, die an Radolfzeller Schauplätzen spielen, so wie sie sich im Jahre 2017 zutragen könnten. Manche Ereignisse geschahen in ähnlicher Weise, doch es darf auch geflunkert und übertrieben werden, weil der Lesespaß im Vordergrund steht.

Ähnlichkeiten mit Zellern sind unbeabsichtigt und somit rein zufällig.

Viel Freude beim Lesen wünscht

Dr. med. Claudia Bignion

Inhaltsverzeichnis

Das scharfe Eck

Ein Tag im Museum

Bei Aldi

Geburtstag im Scheffelhof

Nostalgiekino Universum

Marktplatzgespräche

Der Narrenbrunnen

Schülerbefreiung

Wassersport mit Folgen

Die alte Forstei und ihre Bewohner

Hochzeit im Münster

Wasser, Feuer, Luft und Erde

Das Faktotum

Die Hausherren

Volkshochschule für Singles mit Niveau

Die Bora Sauna

Herbst an der Hafenmole

Nathalies Plan

Die ungeschminkte Wahrheit

Der Satirebildhauer

Begegnungen im Weltkloster

Die Kurklinik

Philosophischer Spaziergang am See

Im Seniorenheim

Das Sterben will geordnet sein

1. Das scharfe Eck

Er schloss die Zimmertür hinter sich, stellte seinen Koffer ab und ging zur Balkontür. Mit einem kleinen Ruck öffnete er diese, trat hinaus, holte einmal tief Luft, genoss den Blick auf den Bodensee und ließ dann die Luft passiv, durch die Entspannung seines Zwerchfells, entweichen. Während er seinen Blick zuerst über die Wiese, die Bäume und anschließend über die gegenüberliegenden Hügel schweifen ließ, drehte er an seinem Ehering, den er mit etwas Mühe vom rechten Ringfinger löste und dann an seinem Schlüsselbund befestigte.

Er fühlte sich frei, endlich frei, wenn auch nur für drei Wochen. Den See konnte er förmlich riechen und er schloss seine Augen, um diese Sinneswahrnehmung zu intensivieren. Nachdem er eine Weile dagestanden war ging er zurück ins Zimmer, öffnete seinen schwarzen Rucksack und holte die Desinfektionstücher heraus. Er putzte zuerst alle Türklinken ab und anschließend die Lichtschalter. Mit einem neuen Tuch wurden das Kopf- und das Fußende des Bettes, der Nachttisch, der kleine runde Tisch und die Stuhllehne gesäubert. Mit dem dritten Tuch ging er dann ins Bad und machte sich über die Armaturen sowie die Klobrille her. Zufrieden mit seinem Werk, packte er seinen Koffer aus und ging zum Abendessen. Anschließend steuerte er gezielt das Scharfe Eck an1, denn er war schon zum zweiten Mal zur Kur in Radolfzell und kannte sich bereits aus.2

Da es Sommer war, stand um halb neun die Sonne noch ziemlich hoch und fiel wärmend in die Höllstraße. Der Vorteil am gut besuchten scharfen Eck, das eigentlich Weinhaus Baum heißt, ist, dass man sofort Anschluss bekommt, da man sich zu fremden Menschen an den Tisch setzen muss, um überhaupt einen Platz zu ergattern. Schon auf dem Weg zur Theke hatte er zwei Blondinen ausgespäht, die fröhlich plaudernd an einem Bierfass saßen. Mit einem Glas Weißwein in der Hand steuerte er zielstrebig auf sie zu und fragte ungeniert, ob er sich dazusetzen dürfe. Sie gestatten das, obwohl es ihnen nicht wirklich angenehm war, da sie sich über private Dinge austauschen wollten. Deshalb ignorierten sie ihn, waren dann aber so befangen in ihren Erzählungen, dass sie ins Allgemeine abdrifteten.

Er nutzte die Zeit um sie abzuscannen. Die Frauen waren Ende dreißig, die eine naturblond, die andere hatte ihre Haare blond gefärbt. In Jeans und Sommerblusen sahen beide flott aus und die rot lackierten Fußnägel in den Sommersandalen wirkten sehr sexy. Die Naturblonde hatte drei schlichte Silberringe an den Händen, während die Gefärbte an der linken Hand einen Goldring mit einem kleinen Brillanten trug, was wahrscheinlich auf eine feste Beziehung hinwies.

Zu einem ihm gut erscheinenden Zeitpunkt, und eigentlich war ihm jeder Zeitpunkt recht, mischte er sich geschickt ins Gespräch der beiden Frauen ein. Er berichtete, dass er Kurgast sei und als Transporthubschrauberpilot beim Heeresflugplatz in Rheine-Bentlage in Nordrein-Westfalen alle drei Jahre Anspruch auf eine präventive Erholungskur habe. Sein Beruf als Pilot schindete meistens Eindruck bei den Frauen und auch an diesem Abend verfehlte er seine Wirkung nicht. Nachdem der Eindringling sich etwas Mut angetrunken hatte, begann er die Damen auszufragen. Er fragte nach ihren Namen und wo sie arbeiteten. Beide waren waschechte Zellerinnen. Die Gefärbte arbeitete bei der Firma Allweiler3, die Andere beim Schiesser4.

Nachdem sie über das Wetter und das Segeln gesprochen hatten, fragte er sie unverblümt, ob sie in Beziehungen stünden, was beide bejahten. Daraufhin gab er zu, dass er verheiratet sei, aber er sei ja weit weg von Rheine und in diesem Falle nehme er das mit der Ehe nicht so streng. Dann fragte er, ob die Damen Zugang zu Segelbooten hatten. Sie erzählten, dass sie Freunde im Yacht Club Radolfzell hätten und ab und zu mal mit der Vereinsjacht mitsegeln durften.

Zum Ende des Abends, es war bereits dunkel geworden, bekundete er, dass er gerne mit ihnen zum Segeln gehen wolle. Später, auf dem Rückweg von der Toilette, drückte er der Naturblonden mit den Silberringen einen Zettel mit seiner Handynummer in die Hand. Siegessicher verabschiedete er sich und wendete er sich zum Gehen.

Die beiden Frauen schauten hinterher, wie er seinen gut gebauten Körper beschwingt Richtung Halbinsel Mettnau bewegte.

*

In seinem desinfizierten Zimmer angekommen, legte sich der Kurgast zufrieden ins Bett und schaute gleich auf sein Handy, ob er eventuell schon eine SMS bekommen hatte. Bei dieser Gelegenheit tippte er noch schnell ein „Gute Nacht, Schatz“ an seine Ehefrau.

Auch am folgenden Tag wartete er erfolglos auf eine Nachricht.

Am Montagmorgen ging er zur ärztlichen Konsultation und dann ins Diagnosezentrum mit den Fahrradergometern. Eines der zwölf Ergometer wurde ihm von einer naturblonden Frau im weißen Kittel mit drei schlichten Silberringen an den Händen zugewiesen. Auf ihrem Namensschild las er „Frau Schiesser“.

1http://www.weinhaus-baum.de

2http://www.mettnau.com/hermann-albrecht-klinik

3http://www.allweiler.de/10966/Home/awr_start.asp

4http://www.seemaxx.de/marken/schiesser.html

2. Ein Tag im Museum

Alexandra kam mit dem Zug aus Singen auf Gleis 5 an. Eigentlich wollte sie in Radolfzell ein bisschen bummeln gehen. Sie liebte das Kaufhaus Kratt, weil es dort schöne Unterwäsche gab und eine freundliche und kompetente Beratung dazu. Außerdem erhoffte sie sich, dass bei Gerry Weber im Seemax Outlet Musterteile angeboten würden. Schon häufig konnte sie ein Einzelstück ergattern, das nie in die Kollektion aufgenommen worden war. Eine Bluse hatte sie sogar selbst zu Ende genäht, weil sie aus dem Sortiment rausflog, bevor sie fertiggestellt worden war. Da Alexandra Kleidergröße 38 trägt, sind die aparten Musterteile ihr wie auf den Leib geschneidert.

Doch statt Shopping-Tour kam alles anders. In Radolfzell angekommen, zog sich der Himmel zu und es regnete wie aus Kübeln. Alexandra, ohne Schirm, suchte einen Zufluchtsort. Sie rannte los, Richtung Münster, sah zur Linken das Museum und huschte hinein.5

Außer Atem zahlte sie das Eintrittsgeld von 3 Euro, ging zielgerichtet an der Museumsapotheke vorbei ins erste Obergeschoss und setzte sich in das Modell des alten Zugabteils, welches an den Eisenbahnanschluss der Stadt im Jahre 1863 erinnert. Sie schloss die Augen, um sich zu entspannen. Hoffentlich würde der Regen bald nachlassen. Ganz in der Ferne nahm sie die Stimme der Empfangsdame im Erdgeschoss wahr: „Herr Adler, können Sie am Mittwoch in zwei Wochen eine Schulklasse für die Sonderausstellung „Bader, Feldscher und Barbiere“ übernehmen?“

Adler, Adler — der Name erinnerte sie an ihren ehemaligen Tanzpartner, in den sie 1975 sehr verliebt gewesen war. Ein charismatischer junger Mann, 190 cm groß, schlaksig mit einer angedeuteten Hakennase, die ihm gut stand und tatsächlich an einen Adler erinnerte. Warum ist aus uns eigentlich nichts geworden? Wir haben nicht nur auf dem Parkett absolut harmoniert. Damals tanzten wir auf The Hustle6 und der Line Dance zu Kung Fu Fighting kam auf. Haben wir uns nicht sogar einmal geküsst? Sie war sich nicht mehr sicher. Sie und der Adler waren grade auf dem Weg der Annäherung, als ihr Freund von einem einjährigen Australienaufenthalt zurückkehrte und seinen Besitzanspruch geltend machte. Besonders auf Druck ihrer Eltern, die sie quasi schon mit Roland verheiratet sahen, ließ sie den Adler fliegen.

Roland kam aus gutem Hause, wollte Jura studieren und sich auf Internationales Recht spezialisieren. Er war quasi bereits in den Diplomatischen Dienst eingetreten. Damit konnte der Adler mit seiner kaufmännischen Lehre natürlich nicht konkurrieren. Alexandra ging gedanklich einen Schritt weiter. Warum hatte sie sich nicht gewehrt? Warum hatte sie andere für sich entscheiden lassen? Warum war sie so angepasst gewesen? In ihr drin hatte alles rebelliert, doch nach außen traute sie sich nicht, zu sich selbst zu stehen. Außerdem waren sie und der Adler ja auch noch kein offizielles Paar, entschuldigte sie ihre damalige Ohnmacht. Ihr hatte der Mut gefehlt, nachzufragen, ob er sie liebe und der Adler war vielleicht auch zu schüchtern gewesen.

Letztendlich hatte die Beziehung zu Roland nicht gehalten, da er sich zu einem Loser entwickelt hatte, täglich Marihuana rauchte und seine Karriere mit Mühe beim Rechtsanwaltsgehilfen endete.

*

Einige Jahre später hatte sie den Adler zufällig auf der Fasnet getroffen. Er war mit seiner Freundin da, die schätzungsweise zehn Jahre älter war als er. „Warum nimmt der sich so eine Alte? Hat er doch gar nicht nötig?“, dachte sie damals griesgrämig. Alexandra war traurig, zusehen zu müssen, wie er die strahlende Blondine glücklich von hinten umarmte und wärmte. Sie lachten, flirteten und waren gut drauf.

Alexandras Brust schmerzte jetzt, als hätte ihr ein Attentäter ein Messer ins Herz gerammt. Sie atmete tief und schwer.

„Hallo, geht es Ihnen gut?“

„Danke, ich bin nur etwas zu schnell die Treppe hochgerannt“, log sie den Mann an, der sie gerade am Arm berührte und ihr besorgt in die Augen schaute.

„Mein Name ist Adler, ich bin der Museumspädagoge. Sind sie sicher, dass ich nichts für Sie tun kann?“

Oh ja, er hätte vieles für sie tun können. Am Liebsten wäre es ihr gewesen, wenn er ihren Seelengefährten von damals zurückbringen könnte.

„Nein, nein. Vielen Dank, es ist schon gut.“ Sie zwang sich ein Lächeln ab.

Sie liebte den Adler, doch es sollte nicht sein. Nicht in diesem Leben.

5http://www.radolfzell.de/stadtmuseum

6https://www.youtube.com/watch?v=wj23_nDFSfE

3. Bei Aldi

Wo geht´s bei Aldi?”

„Zu Aldi!“

„Ach, schon so spät?”

Ob mit oder ohne guten Deutschkenntnissen, ob arm oder reich, jung oder alt, ob Deutscher oder Schweizer, beim Aldi findet jeder das Richtige für sich: Freundliches, schnelles Personal, sauberes Ambiente, viele Parkplätze.

Da Aldi allseits beliebt ist, findet sich täglich ein illustrer Kundenkreis in der Eisenbahnstraße ein. Doch nicht alle Kunden sind ehrlich. Da wird einfach mal eine Laugenbrezel beim Einkauf verzehrt oder das Shampoo im Kinderwagen versteckt.

Zu zweit klaut es sich besser. Eine schwangere Frau zahlt an der Kasse, plaudert und lenkt die Kassiererin mit einem Lachen ab, während ihre Freundin ein Piccolöchen in ihrer Handtasche mitgehen lassen will. Sogar einen ganzen Einkaufstrolley, randvoll mit Fleisch, wollte ein Mann mit Hut an der Kassiererin von Kasse 3 vorbeischummeln.

Ist den Kunden eigentlich noch nie die Idee gekommen, dass es bei Aldi Überwachungs- kameras und Warenhausdetektive gibt?

Es geht aber auch noch dreister. Eine Frau, ca. 65 Jahre alt, schlank und extrem faltig, möchte geradewegs mit einem halbgefüllten Einkaufswagen an der Kasse vorbeispazieren, als sie aufgehalten wird. Laut tönt sie:

„Wenn ich zahlen muss, ziehe ich mich jetzt und sofort nackt aus.“

„Das können Sie ja machen, doch ich muss dann die Polizei rufen.“

Die Hüllen fallen, der Polizeiruf erfolgt.

Als die Gesetzeshüter eintreffen, steht die Frau bereits in ihrer Unterwäsche da. Die Schlange bei Kasse 1 wird immer länger, die Schaulustigen bei Kasse 2 bleiben stehen.

„Guten Tag, wie heißen Sie?“ will die Polizistin mit dem blonden Pferdeschwanz wissen.

„Sag ich nicht!“

Ihr Kollege hebt die Kleidung auf und sucht nach dem Personalausweis. Die Frau hat nichts dabei, was ihre Identität verrät.

„Jetzt geben Sie den Einkaufswagen mal zurück.“

„NEIN, NEIN“, schreit die Halbnackte bei der jetzt Ganzkörperfalten deutlich zu sehen sind. Sie fängt an zu zittern. „Sonst habe ich doch nichts zu essen!“

Der Polizist bittet die Kassiererin, den „Streitwagen“ ins Lager zu bringen, damit er optisch aus dem Weg geräumt ist.

In diesem Moment entwischt die Halbnackte blitzschnell durch die Ausgangstür und kauert sich bei den Einkaufswägen an der Wand nieder.

Es dunkelt bereits.

„Sie können hier doch nicht sitzenbleiben. Wo wohnen Sie denn? Wir bringen Sie nach Hause.“

Im Aldi rattern die Scanner weiter und blitzschnell haben alle Kassen geöffnet. Die Kundschaft applaudiert, zückt bereits die EC-Karten und beeilt sich beim Einpacken der Ware. Alle wollen nach Hause und heute Abend traut sich niemand mehr, etwas mitgehen zu lassen, da die Polizei noch sehr lange vor der Tür steht und versucht, die alte Dame zur Vernunft zu bringen.

*

Schnell ist dieser Vorfall vergessen, doch in der nächsten Woche sind die Beamten wieder vor Ort, weil ein verwahrloster Mann mit grauem Rauschebart auf dem Parkplatz die Kunden anbettelt.

4. Geburtstag im Scheffelhof

Der 60. Geburtstag der Rockröhre Bonny stand an und sie beschloss, mit ihren beiden Bands die Grundmauern des Scheffelhofs zu erschüttern. Mit Bier und Band im Ballsaal in ihren Geburtstag hineinzufeiern, erschien Bonny für diesen Tag angemessen. Wenn der Scheffelhof für die Einweihungsfeier im Jahr 1907, zum 81. Geburtstag von Großherzog Friedrich I. von Baden, geeignet war, dann war er auch gut für Bonnys Fest im Jahre 2017.

Das weit über die Grenzen der Stadt hinaus bekannte Gebäude und dessen Geschichte sind schon heute tief in den Erinnerungen vieler Radolfzeller verwurzelt. Selbst eine Demenz kann diese Jugenderinnerungen, z. B. an Theaterstücke, eine Ballnacht oder die Bowlingbahn, nicht verblassen lassen. Doch bald ist Bonnys Tag und das verrückteste Fest aller Zeiten steht noch bevor. Ihre Gäste sollen von Familie Böck verwöhnt werden, die den alten Scheffelhof renoviert und reanimiert hat.

*

„Du, Mick, ich habe erst 50 Gäste beisammen. Der Böck tut´s aber unter 60 Leuten nicht.“ „Dann lade doch die Nachbarn mit ein.“

„Hmmm, auch die von über uns, die immer ihre Blumentöpfe so voll gießt, dass sie meine frisch gewaschene Wäsche bekleckert?“