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Als ein Atomkrieg ausbricht, wird ein Überleben für Mensch und Tier in der Welt der Schwestern Venia und Vanni unmöglich. Ihr Cousin Butch bringt sie daher in das Lager der Rebellen, die eine Möglichkeit zur Flucht in eine andere Welt gefunden haben. Mithilfe von winzigen Kapseln, welche die Regierung produzieren ließ, gelingt dies schließlich. In dieser anderen Welt regiert König Ferry, der die Neulinge wertschätzend empfängt. Doch die Freude über die Novas ist nicht von Dauer. Schon bald herrscht Nahrungsknappheit durch die plötzliche Überbevölkerung. Die Stimmen im Volk werden immer lauter, als Sheraza die Bevölkerung gegen die Novas aufhetzt. Wer kann die beiden Völker jetzt noch retten?
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Seitenzahl: 667
Veröffentlichungsjahr: 2014
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iemandsland
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arren
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ahkampf
Mira, Ferrys Frau, wurde in Ferrys Welt entführt
Luisa, Miras beste Freundin, Bekannte von Xenon
Fareval, Mann aus der Stadt der Alten, Saminas Freund
Ferelan (†), Farevals Bruder, reiste früher durch die Welten
Kemal (†), ehemaliger König und Saminas Ehemann
Klerius, Artinis‘ Soldat, schloss sich Miras Gruppe an
Resa, Ferrys Pflegemutter
Retius, Artinis‘ Soldat, schloss sich Miras Gruppe an
Sinéad, dreizehnjährige Drachenreiterin
Sira, Sinéads Mutter
Temus, Heiler am Schloss des Königs
Xenon, Giftmischer und Ferrys bester Freund
Artinis (†), dunkler Herrscher, Phelia prophezeite seinen Tod
Ferry, König und Feuermeister
Noa, Jakuzer, Romies Tochter
Phelia, die Prophezeiung
Riesa, Jakuzer, die über besondere Kräfte verfügt
Romie, Jakuzer, Riesas Tochter
Samina (†), Ferrys leibliche Schwester, Feuer- & Wassermeisterin
Embros, Anführer der Katura-Herde
Kitty (†), Cnumel-Weibchen
Maritima, Wassernixe und Xenons Freundin
Seras, ein gutmütiger Drache
Ein helles Blitzen erhellte den Raum für mehrere Sekunden. Und mit dem Licht kam die Stille. Ich ließ mich vom Stuhl fallen, rollte mich unter den Tisch und presste die Arme um meinen Kopf. Dann kam der Knall. Ein ohrenbetäubender Schlag mit anschließendem Scheppern. Der Boden unter mir bebte, die Wände wackelten. Die Fensterscheiben zerfetzten und die Scherben flogen überall im Raum herum und klirrten, als sie auf dem Boden aufkamen. Dann war auch schon alles vorbei. Kurz war nur das panische Atmen meiner Mitschüler zu hören, dann begann das Kreischen.
„Raus!“, schrie Frau Feavler und ich krabbelte unter dem Tisch hervor. „Alle in den Keller! Ihr kennt den Plan!“, brüllte sie mit bleichem Gesicht und öffnete die Tür für uns. Ich rannte los und verließ als erste das Zimmer. Ohne zu realisieren, was gerade geschehen war, rannte ich den Korridor entlang. Mein Ziel war nicht der Keller. Im Gegenteil. Ich stürzte die Treppe nach oben und quetschte mich an der panischen Schülermasse vorbei.
„Vanni!“, schrie ich und riss die erste Tür im Flur auf. Im Klassenzimmer meiner elfjährigen Schwester schien die Zeit stehen geblieben zu sein. Alle Jungen und Mädchen saßen zusammengekauert unter ihren Tischen. Es war kein Lehrer zu sehen. „Vanni!“, schrie ich noch einmal, da entdeckte ich endlich ihr blondes Haar. Ich nahm ihre Hand und zog sie unter dem Tisch hervor. „Pass auf die Scherben auf!“, warnte ich sie. Vanni schluchzte erleichtert und presste ihr Gesicht an mich. „Ihr müsst alle in den Keller!“, rief ich und die Jüngeren hörten tatsächlich auf mich. Vanni und ich verließen als letzte das Zimmer und folgten dann den anderen in den Keller.
Die Schule war eines der wenigen Gebäude, die mit dem Atomschutzbunker unter der Stadt verbunden waren. Zwischen panischen und bleichen Schülern liefen wir durch den stickigen, zweitausend Meter langen Gang, bis wir endlich den Bunker erreichten. Der Bunker war nichts anderes als ein Keller mit langen Bänken, auf die wir uns nun setzen sollten. Die Lehrer bemühten sich die Kontrolle zu behalten, aber es herrschte Chaos. Auch aus den anderen Gängen strömten Bürger aus unserer Stadt. Ich fand einen Platz am Rand und setzte Vanni auf meinen Schoß. Dann gelang es mir zum ersten Mal meine Gedanken zu ordnen und ich realisierte, was gerade geschehen war.
Die schlimmste aller Befürchtungen hatte sich gerade in einen wahr gewordenen Alptraum verwandelt. Es war tatsächlich geschehen. Der Atomkrieg hatte begonnen. Die Bombe, die wir gehört und gespürt hatten, schien weit weg gewesen zu sein, denn sonst wären wir jetzt nicht mehr am Leben. Aber wer wusste, ob nicht in der nächsten Sekunde eine neue direkt über uns einschlagen würde? Ich zog mein Handy aus der Tasche und wählte mit zitternden Händen die Nummer von Mamas Büro. Die Leitung war tot. Auch auf Papas Handy erreichte ich niemanden. Vanni sah mich hoffnungsvoll an, aber ich musste traurig den Kopf schütteln.
Der Bunker war inzwischen brechend voll. Wir brauchten nicht wie andere Kinder nach unseren Eltern zu suchen. Sie arbeiteten mehrere hundert Kilometer von uns entfernt in Ganahe. Vanni und ich lebten unter der Woche in einem Internat und am Wochenende kamen unsere Eltern hierher nach Fuena. Unsere Schule war eine der besten im Land und aus diesem Grund hatten sich Mama und Papa dagegen entschieden, uns mit nach Ganahe zu nehmen.
„Venia! Vanni!“ Ein Schrei riss mich aus meinen Gedanken. „Ich bin so froh euch zu sehen!“ Butch kniete sich vor uns und küsste Vannis Wange.
„Geht es euch gut?“, fragte er.
Ich nickte, aber Vanni umarmte unseren Cousin schluchzend. Ich zeigte auf das Handy und schüttelte den Kopf. Butch nickte: „Ich bin jetzt für euch da“, sagte er. Ein älterer Herr neben uns rutschte, damit sich Butch neben uns setzen konnte. „Irgendwann werdet ihr es sowieso erfahren“, sagte Butch und nahm meine Hand, „Die Bombe ist zwei Kilometer neben Ganahe eingeschlagen.“
Venia
Ich stand von dem weißen Bett auf und zog Vanni hoch: „Es ist zwölf. Wir müssen los.“ Sie nickte und ließ sich widerwillig von mir aus dem Zimmer führen. Seit zwei Wochen lebten wir jetzt schon in diesem furchtbaren Krankenhaus. Alles hier war weiß und hygienisch rein. Nur wenige Stunden nach dem Einschlag der Bombe hatten die Gegner der Regierung, die Rebellen, das Krankenhaus unserer Stadt Fuena eingenommen und Butch hatte uns hierher gebracht.
Vanni hatte seit der Bombe kein Wort mehr gesprochen. Ein Arzt hatte sie untersucht, sie war körperlich gesund. Wir waren zum Glück weit genug von der Atombombe entfernt gewesen, so dass unsere Körper keine Strahlungsschäden von der Radioaktivität erlitten hatten. Das galt natürlich auch nur, weil wir nichts von dem verseuchten Wasser getrunken hatten.
Laut Aussage des Arztes hatte Vanni ein Trauma erlitten, aber hatten wir das nicht alle? Ich solle ihr einfach Zeit lassen, wenn sie etwas zu sagen hätte, würde sie es schon tun. Und dann hatte er uns fortgeschickt, weil ein verwunderter Rebell eingeliefert worden war. Und mir war nichts anderes übriggeblieben als meine kleine Schwester zurück in unser Zimmer zu bringen. Der Raum war nicht groß, aber er hatte drei Betten und mehr brauchten wir nicht. Es gab sowieso nichts, was mich hätte aufmuntern können. Meine Eltern waren tot, meine Schwester schwieg, meine Welt stand kurz vor dem Untergang. Während wir nach unten gingen, liefen Tränen über Vannis Wangen. Ich blieb stehen und ging vor ihr in die Hocke. Ihre blonden Haare waren zerzaust. Wie ich hatte sie eigentlich strahlend blaue Augen, doch die hatten seit dem großen Unglück ihren Glanz verloren. Jetzt waren sie rot von den Tränen und dunkle Augenringe umrandeten sie. Ihre roten Lippen zitterten. „Es ist nur ein kleiner Pieks, okay?“, sagte ich. Als auch in mir die Tränen aufstiegen, stand ich auf und ging zügig weiter.
Vanni und ich gingen nach unten ins Lager. Wir stellten uns in der Schlange an. Es dauerte eine Weile, bis wir an der Reihe waren. Hinter der Theke stand eine Frau, die mich an unsere Mutter erinnerte. Sie hatte lange, blonde Locken und ein herzliches Lächeln.
„Venia und Vanni, richtig?“, sagte sie und zog eine Liste unter der Theke hervor. Ich nickte. Sie hakte unsere Namen ab und ließ uns vorbei. Vanni starrte auf die Waffe, die im Gürtel der Frau steckte und ich musste sie weiterziehen. Wir betraten das kleine Zimmer.
„Hallo ihr beiden“, begrüßte uns der Arzt und wir setzten uns nebeneinander auf den sterilen Tisch. Die Atombombe hatte das Grundwasser verseucht. Und natürlich hatte unsere Regierung zurückgeschlagen. Mit fatalen Folgen. Auf unserer ganzen Welt gab es kein Schlückchen reines Trinkwasser mehr. Alles war verseucht. Alles. Unsere Welt hatte sich in wenigen Minuten in Niemandsland verwandelt. Schon bald würde es hier kein einziges Lebewesen mehr geben.
Zum hundertsten Mal seit der ersten Atombombe fragte ich mich, ob Politiker auch Menschen waren. Sie hatten doch gewusst, welche Folgen ein solcher Angriff haben würde. Oder nicht? Das war doch jedem klar gewesen. Jetzt waren wir es, die mit den Folgen ihrer hirnlosen Entscheidung leben musste. Meine Eltern waren tot. Das Grundwasser war verseucht. Die Nahrungsmittel waren verseucht. Wie lange würde es überhaupt noch Menschen auf dieser Welt geben? Innerhalb von zwei Tagen waren ausnahmslos alle Tiere an den Folgen des radioaktiven Wassers ausgestorben. Innerhalb von zwei Tagen! Es war unvorstellbar. Von den fünf Milliarden Menschen, die vor dem Atomkrieg gelebt hatten, lebten nur noch sehr wenige. Solche Menschen wie wir, die Glück gehabt hatten.
Ich zog den Ärmel meines Shirts zurück und der Arzt stach die Nadel in meine Vene. Meine Arme waren mittlerweile voller blauer Flecken. Jetzt mussten wir fünf Minuten warten. Eine Infusion pro Tag anstelle von Essen und Trinken. Ich wischte die Tränen von Vannis Wange. Sie hatte sich immer noch nicht an die Infusionen gewöhnt. Der Arzt verließ das Zimmer, um auch den anderen ihre tägliche Ration zu verabreichen.
Vanni und ich liefen über die Treppe nach oben auf das Dach. Das Treppensteigen war anstrengend. Trotz der lebenswichtigen Infusionen war ich müde und schlapp, jeder Schritt erforderte Konzentration und Mühe. In jedem Stockwerk hatten sich bewaffnete Rebellen stationiert. Am Anfang war mir ihre Anwesenheit unangenehm gewesen, aber jetzt hatte ich mich an sie gewöhnt. Sie waren auch nur Menschen, die überleben wollten. Über eine kleine Leiter gelangten wir auf das Dach des Krankenhauses. Vanni fühlte sich hier am wohlsten. Von dort sahen wir den blauen, strahlenden Himmel. Das Krankenhaus durften wir ja sonst nicht verlassen. Wir gingen bis zum Geländer und sahen uns Fuena an. Oder besser gesagt das, was davon noch übrig war. Das Krankenhaus war das größte Gebäude der Stadt und so konnten wir von hier alles perfekt überblicken.
Vor der Bombe war Fuena eine bezaubernde Stadt gewesen. Beinahe jedes Gebäude war weiß oder strahlend gelb gewesen und alle hatten riesige Verglasungen besessen. Die meisten Gebäude hier in der Innenstadt waren Firmen oder öffentliche Gebäude wie unsere Schule. Von morgens bis tief in die Nacht hinein waren die Straßen voller Menschen gewesen. Jetzt war unsere Stadt tot. Alle Fensterscheiben waren gesprungen und die Straßen waren voller Scherben. Ansonsten waren die Straßen gespenstisch leer.
Nachts war alles dunkel. Und still. Es gab natürlich keinen Strom mehr, nur im Krankenhaus gab es ein Notstromaggregat. Dennoch mussten wir uns meistens mit Kerzen zufrieden geben.
Am Anfang hatten einige versucht ins Lager einzubrechen, um sich Medikamente und Infusionen zu verschaffen. Aber die Rebellen waren zu gut bewaffnet gewesen und so waren unsere Vorräte niemals wirklich in Gefahr gewesen. Dennoch waren sie genau bemessen. Wir waren fast tausend Leute hier im Krankenhaus. Alles Rebellen oder Familienmitglieder von ihnen, so wie Vanni und ich. Die Vorräte würden für uns alle genau vier Wochen reichen. Wir hatten also noch zwei Wochen zu leben.
Vanni und ich setzten uns im Schneidersitz auf den Boden des Daches. Ich legte den Kopf in den Nacken und schloss die Augen. Die Sonne schien und es war angenehm warm. Es wäre ein wunderschöner Tag gewesen - vor zwei Wochen. Nicht aber jetzt. Vanni drückte sich an mich und weinte leise. Ich streichelte über ihren Kopf und flüsterte: „Ich vermisse sie auch sehr, Vanni!“ Endlich konnte ich die Rebellen vergessen, unser steriles Zimmer, die Infusionen, die Angst, die Langeweile. Ich nahm meine kleine Schwester in den Arm und ließ endlich meine Tränen laufen.
Als wir wieder zurück in unser Zimmer kamen, war Butch schon da. „Na, wo seid ihr unterwegs gewesen?“, fragte er gut gelaunt.
„Auf dem Dach“, antwortete ich. Dann ging ich zum Schrank und zog Vannis Nachthemd heraus. „Und du?“, fragte ich, während ich Vanni beim Ausziehen half und ihr das Nachthemd überzog. Natürlich konnte sie es alleine, aber ich wollte ihr einfach das Gefühl geben, immer für sie da zu sein.
„Wir haben uns eine Straßenschlacht mit der Polizei geliefert“, sagte mein Cousin und zog sein verschwitztes Shirt aus. Butch war einundzwanzig und braun gebrannt. Seine kurzen braunen Haare hingen ihm verschwitzt ins Gesicht. Sein Oberkörper war breit und muskulös, seine Arme kräftig und stark von der vielen Arbeit auf den Baustellen. Durch einen Kumpel war er zu den Rebellen gekommen, vielleicht drei Monate vor dem Unglück. Sie hatten geahnt, dass der Atomkrieg bald ausbrechen würde und so hatten sie vorgesorgt. Die Besetzung war reibungslos verlaufen und jetzt kämpften sie gegen die Regierung. Was sie genau erreichen wollten, wusste ich nicht.
Vanni hatte sich ins Bett gelegt und erst als Butch sich über sie beugte, um ihr einen Gute-Nacht-Kuss zu geben, sah ich, dass er verletzt war. „Oh Butch, was ist passiert?“, fragte ich und stürzte zu ihm. Sein linker Oberarm war aufgeschlitzt und immer noch tropfte Blut aus der Wunde.
„Warum warst du nicht beim Arzt?“, schimpfte ich und betrachtete die Wunde.
„Ein Polizist hat mich gestoßen und ich bin in Ramons Messer gefallen. Es war ein Unfall. Es tut nicht weh“, sagte er, aber als ich ein feuchtes Tuch auf die Stelle presste, stöhnte er auf.
„Willst du es nicht besser nähen lassen?“, fragte ich, aber er schüttelte den Kopf.
„Binde es mit deinem Tuch ab“, sagte er, „Der Arzt hat genug zu tun. Einige von uns sind schwer verletzt.“
„Wenn du meinst“, sagte ich und band ihm das Tuch um den Arm. Dann zog auch ich mich um und legte mich zu Vanni ins Bett, bis sie eingeschlafen war, bevor ich unter meine eigene Decke kroch und in einen unruhigen Schlaf fiel.
Ramon
„Alle in Position!“, schrie ich in mein Funkgerät, das ich an einem Band um meinen Kopf befestigt hatte, damit ich die Arme frei hatte zum Schießen. Es rauschte kurz.
„Truppe Hintereingang in Position!“, bestätigte mir Butch.
„Truppe Garage in Position!“, schrie ein anderer Rebell durch das Gerät.
Eine kurze Zeit blieb es still, dann bestätigte die letzte Gruppe: „Truppe Fluchtweg in Position!“ Das war Sofia. Eigentlich hatte ich nicht gewollt, dass sie mitkommt, aber sie hatte darauf bestanden. Und natürlich konnte ich ihr nichts abschlagen. Ich selbst befand mich mit der größten Rebellentruppe am Haupteingang des Parlamentes, in dem sich seit dem Ausbruch des Atomkrieges der Präsident und seine Minister versteckt hielten. Durch einen Maulwurf hatten wir erfahren, dass sie die Flucht aus unserer Welt planten und dafür die sogenannten Kapseln NW001 in einem geheimen Labor hergestellt hattenschon lange bevor der Krieg ausgebrochen war. Diese Kapseln konnten es einem ermöglichen in eine andere Welt zu gelangen. Vielleicht in eine, die viel besser war als unsere. Aber auf jeden Fall in eine, die nicht zerstört und unbewohnbar war! Unsere Vorräte waren fast aufgebraucht. Sie reichten lediglich noch für vier Tage! Wir waren also gezwungen zu handeln.
Natürlich war es ein gewagtes Unternehmen das Parlament anzugreifen, doch wir hofften darauf, dass die Wachen der Regierung genauso geschwächt waren wie wir. Wenn nicht sogar noch mehr.
„Wir stürmen auf mein Kommando!“, teilte ich den anderen Truppenchefs mit. Ich entsicherte die Waffe mit Zielfernrohr und legte sie griffbereit neben mich. Wir befanden uns in einem verlassenen Gebäude, das nur noch aus Mauerstücken und Glassplittern bestand. Uns gegenüber befand sich das riesige Parlament mit der Glastür, die zunächst unser erstes Ziel war. Meine Truppenmitglieder legten ebenfalls ihre Waffen zur Seite, um die Granaten zu entsichern, die ich jetzt an sie austeilte. Wir stellten uns unter den Fenstern auf. „Okay, werft!“, schrie ich und sprang auf die Beine. Ich schleuderte die Granate so weit ich konnte. Zwanzig Explosionen zersprengten die Tür mit Leichtigkeit. Ich hatte damit gerechnet, dass sofort Wachen aus dem Gebäude rennen würden. Doch nichts geschah!
„Stürmt das Gebäude!“, brüllte ich ein paar Sekunden später in das Funkgerät, schnappte mir meine Waffe und sprang durch den fensterlosen Rahmen nach draußen. Stiefel trampelten über den Beton. Ich riss das Zielfernrohr von meinem Gewehr. Jetzt war Nahkampf angesagt!
Die Glassplitter knirschten unter unseren Stiefeln, als wir durch den zerstörten Eingang in das Parlament stürmten. Gleichzeitig rannten bewaffnete Polizisten in die große Eingangshalle. Ich sprang hinter eine dicke Säule, noch bevor sie das Feuer auf uns eröffneten. Ich lehnte mich nach rechts und feuerte Schüsse auf die Wachen ab. Neben mir brach ein Rebell getroffen zusammen. Schreie und Schüsse hallten an den Wänden. Ich versuchte die Lage einzuschätzen. Wir waren in der Überzahl. Die Polizisten verschanzten sich hinter dem Empfangstresen, was es für uns schwierig machte sie zu treffen. Doch dann stürmte Butch mit seiner Truppe die Eingangshalle durch den Hintereingang und hatte so leichtes Spiel.
„Sie sind alle tot!“ Butchs Stimme erreichte mich durch das Funkgerät in meinem Ohr.
„Wir warten auf die Truppen aus der Garage und von den Fluchtwegen“, befahl ich. „Sofia, wo seid ihr?“, fragte ich dann, während ich meinen Blick durch die Halle schweifen ließ. Es hatte einige Rebellen übel erwischt. Butch begutachtete die Verwundeten, von denen manche uns schon verlassen hatten. Andere kämpften noch mit ihrem Leben.
Knarzen im Funkgerät.
„Gleich im ersten Stock. Wo bleibt ihr?“, antwortete sie.
In diesem Moment erreichte uns die Gruppe, die das Gebäude über die Garage gestürmt hatte.
„Keine Polizisten da unten“, meldete einer der Rebellen. Ich nickte und rannte auf die große Treppe zu: „Alle in den ersten Stock!“
Der Weg nach oben war leicht, da wir auf keine weiteren Polizisten mehr trafen. Oben im Flur stieß dann noch Sofias Truppe zu uns. „Hier ist alles sicher“, meldete sie mir. Ich sah ihr durch das Visier ihres schwarzen Helmes in die Augen. Ich spürte, dass sie nervös war. Doch ich war mir sicher, dass wir keine weiteren Schwierigkeiten mehr haben würden. Wären noch mehr Wachen hier, dann hätten sie uns längst gehört.
„Gut, weiter nach oben!“, befahl ich. Sofia lief vor mir die Treppe in den zweiten Stock nach oben und ich musste mich beherrschen, um weiterhin an den Angriff zu denken und mich nicht von ihrem hübschen Hintern in der enganliegenden, schwarzen Hose ablenken zu lassen. Oben im Flur teilten wir uns auf und stürmten die einzelnen Zimmer. Doch das einzige, was zu hören war, waren die Rufe meiner Kameraden: „Sicher!“ Das Parlament war verlassen, das war klar! Hier erwartete uns keine Gefahr mehr. Die Schreibtische, die wir vorfanden, waren allesamt leer. Nur auf den Fußböden lagen Dokumente verteilt herum, als hätte jemand das Büro fluchtartig verlassen. Wieder trafen wir uns im Flur. Die Rebellen waren enttäuscht. Manche hatten unten in der Eingangshalle ihre Freunde und Brüder verloren. Sollte jetzt alles umsonst gewesen sein? Sollten wir etwa nicht wie vermutet die Kapseln hier vorfinden?
„Okay, Leute, wir haben noch ein Stockwerk. Es ist noch nicht alles vorbei!“, versuchte ich meine Kameraden aufzumuntern.
„Also los, weiter!“, drängte Butch und stürmte bereits wieder ins Treppenhaus. Auch er wusste, was eine Niederlage bedeuten würde: Wir, unsere Freunde und Verwandten würden alle sterben. Ohne eine einzige Ausnahme.
Der Flur im dritten Stock war leer. Doch hier befanden sich die Büros der obersten Minister unseres Parlamentes. Die Regierungsoberhäupter. Die Politiker, die schuld am Atomkrieg waren. Schuld am Tod von Millionen Menschen! Wut erfüllte mich, als mir der Geruch von frisch gestrichener Farbe und teurem Parfum in die Nase stieg, der noch an den Wänden haftete. Butch hatte scheinbar unseren Plan vergessen und riss einfach eine Tür nach der anderen auf, obwohl mein Befehl lautete, nur in einer Gruppe zu stürmen.
„Butch!“, schrie ich, „Butch, hör auf!“ Doch er rannte wie ein Wahnsinniger durch den Gang. Ich stieß ein paar Rebellen zur Seite und stürmte hinter ihm her. „Butch!“ Vor der letzten Tür erreichte ich ihn endlich. Butch riss sie auf. Wie versteinert blieben wir stehen und starrten in den Konferenzraum.
Venia
Wir hatten uns mit den anderen Rebellen in der Eingangshalle des Krankenhauses zusammengefunden. Da es nicht genug Stühle gab, saßen Vanni und ich auf dem Fußboden. Ich hatte keine Ahnung, was bei dem Einsatz geschehen war. Vor einer halben Stunde waren die Truppen zurückgekehrt. Wir hatten Butch noch nicht gesehen. Wie alle anderen waren wir ahnungslos hier in die Halle gekommen, wie uns Ramon über die elektronische Sprechanlage befohlen hatte.
Jetzt betrat er mit festen Schritten die Halle und stellte sich breitbeinig vor uns. Die anderen Rebellen der Einsatztruppe folgten ihm. Erleichtert erkannte ich auch Butch und Sofia in der Menge. Doch es waren nicht mehr so viele wie heute Morgen, als sie losgezogen waren. Sie hatten also einige Verluste erleiden müssen. Ramons dunkle Augen flogen über uns. Es wurde still. Ramon sah ernst aus, fast wütend. Er zog ein weißes Papier aus seiner Hosentasche und begann langsam, aber laut Namen vorzulesen. Jeder verstand sofort, was er da tat. Es waren die Namen der gefallenen Rebellen. Immer wieder lösten sich Schluchzer aus der Menge. Als Ramon verstummte, gedachten wir in einer Schweigeminute an die Verstorbenen. Ich hatte keinen von ihnen persönlich gekannt, aber dennoch verspürte ich eine tiefe Trauer. Diese Männer hatten für uns, für mich, ihr Leben aufs Spiel gesetzt.
„Leute, ich muss euch etwas sagen.“ Ramons tiefe Stimme donnerte über uns. „Es ist endlich so weit“, sagte er. Alle hielten die Luft an. Vanni nahm meine Hand und drückte sie. Ramon ließ seine Hand in die Hosentasche wandern und zog eine kleine Kapsel heraus: „Das NW001 ist endlich in unseren Händen!“ Ein kurzer Moment herrschte Stille im Raum, dann brach das Chaos aus. Ich schrie vor Freude und wirbelte Vanni durch die Luft. Ich umarmte alle Leute in meiner Umgebung, schrie, weinte. Endlich Erlösung. Eine Absolution nach der ganzen schrecklichen, hoffnungslosen Zeit.
Das Gefühl von Endorphinen, die durch meinen Körper strömten, war ungewohnt. Ich hatte fast vergessen wie sich Freude anfühlt.
„Ruhe!“, schrie Ramon, „Ruhe!“ Es dauerte eine Weile bis wir uns beruhigten. Endlich war das eingetroffen, auf das wir seit genau dreieinhalb Wochen warteten. Das Ziel der Rebellion war erreicht. „Ruhe!“, schrie Ramon noch einmal. Wir schwiegen, aber niemand setzte sich. Ein Rebell trug eine Kiste herein. „Und jetzt kommt alle nach vorne und holt euch eure Kapsel ab. Heute Nacht will ich niemanden von euch mehr hier sehen. Wir sehen uns erst woanders wieder!“ Und dann schrie auch er, mit seiner tiefen und rauen Stimme und wir stimmten alle in seinen Freudenschrei mit ein.
Butch
Vanni, Venia und ich hatten uns in unsere Zimmer zurückgezogen, um die Kapseln zu schlucken. Meine Cousinen saßen zusammen in Vannis Bett. Die beiden sahen sich so unglaublich ähnlich. Abgesehen davon, das Vanni fünf Jahre jünger war. Beide hatten blonde, glatte Haare. Vanni trug ihre zu zwei Zöpfen geflochten, Venia trug sie offen.
„Erzähl, Butch!“, drängte Venia mich.
„Es gibt nicht viel zu erzählen“, sagte ich, „Wir haben das Parlament gestürmt. In der Eingangshalle trafen wir auf einige Polizisten. Das hat einigen Rebellen das Leben gekostet. Der Rest des Gebäudes war leer. Erst ganz oben im Konferenzraum fanden wir, was wir gesucht hatten.“ Ich zeigte lächelnd auf die Kapsel in meiner Hand.
„Und was war mit den Ministern?“, fragte Venia, „Ich dachte, die hatten sich im Parlament verschanzt?“
„Mhm“, machte ich, nickte und dachte zurück an den Moment, in dem ich die Tür zum Konferenzraum aufgerissen hatte. Was Ramon und ich dort gesehen hatten, wäre sicher nicht für jeden ertragbar gewesen. Einige Minister hatten sich noch im Raum befunden. Scheinbar hatten sie sich dort zu einer letzten Konferenz getroffen. Doch die Polizisten hatten das Gebäude umsonst gesichert und beschützt: Die Minister waren alle längst fort! Manche waren mit Hilfe der Kapseln aus unsere Welt geflohen, was ihre leeren Plätze und die leeren Verpackungen auf den Tischen bewiesen. Alle anderen waren tot. Einige von ihnen hatten sich eine Kugel durch den Kopf gejagt.
Die Wände des Raumes waren vom Blut rot gesprenkelt gewesen. Andere lagen mit dem Kopf auf dem Tisch in ihrem eigenen Erbrochenen. Vermutlich Gift. Wahrscheinlich hatten sie die Last ihrer Schuld nicht mehr ertragen. Vielleicht hatten sie eingesehen, dass dieser Atomkrieg ein einziger Fehler gewesen war. Und wahrscheinlich waren sie der Meinung gewesen, dass sie ein neues Leben nicht verdient hatten.
„Sie waren alle schon tot“, antwortete ich Venia, um ihnen die Einzelheiten zu ersparen. „Wir müssen die Kapseln jetzt schlucken. Und dann sind wir endlich von hier weg. In der neuen Welt wird es genug zu essen und zu trinken für uns alle geben“, erklärte ich Vanni. Sie sah die weiße, unscheinbar wirkende Kapsel an und runzelte die Stirn.
Ihre Augen sagten: „Das glaube ich nicht.“
„Du wirst schon sehen“, sagte ich, „Und jetzt…“ Ich drehte die Kapsel zwischen meinen Fingern: „Eins…“ Ich sah Venia an, die die Kapsel schon mit den Lippen berührte, so als könnte sie es kaum abwarten, „Zwei…“ Ich sah Vanni aufmunternd an und auch sie führte die Kapsel zum Mund, „Drei!“
Ferry
Paralysiert stand ich am Fenster und dachte wieder mal an sie. An ihre strahlenden Augen, ihre leuchtend rotbraunen Haare, ihre zauberhafte Stimme. Es war erst so wenig Zeit vergangen. Ich musste noch so lange auf unser Wiedersehen warten.
„Hallo Ferry!“, sagte plötzlich jemand neben mir und schlug mir unsanft auf die Schulter. Erschrocken drehte ich mich um und sah in Xenons Augen. „Bist du da?“, fragte er und klopfte auf meine Stirn. Ich schlug seine Hand weg: „Was ist denn los?“
„Ich stehe seit einer Minute vor der Tür, aber der Herr lässt sich ja nicht dazu herab, mal ein Lebenszeichen von sich zu geben“, sagte er genervt und ließ sich dann in den Sessel vor meinem Schreibtisch fallen.
„Tut mir leid“, sagte ich und setzte mich ebenfalls an den Tisch, „Ich habe an sie gedacht.“ Xenon schwieg eine Weile und erwiderte nichts darauf. Er wusste genau, wie sehr Mira mir fehlte.
„Was wolltest du denn von mir?“, fragte ich.
„Oh ja“, sagte er und schien aus einem Tagtraum zu erwachen. Ich war also nicht der Einzige, der mit den Gedanken ganz woanders war. „Ferry, wir haben ein Problem“, begann er.
„Schieß los“, sagte ich.
„Überall tauchen Leute auf. Wie aus dem Nichts. Sie sind einfach da“, erklärte er und gestikulierte dabei mit seinen Händen. Ich zog die Augenbrauen nach oben: „Das nennt man Geburt!“
„Ferry, hör auf. Sie tauchen plötzlich überall auf. In der Stadt der Lichter. Im Wald. Im Gebirge. Überall. Sie tragen komische Kleider und haben schwarze Zeichen auf ihren Armen“, sprach er weiter.
„Was soll das?“, fragte ich, „Willst du mich verarschen?“ Xenon stand auf und packte mich am Arm: „Komm mit, wenn du mir nicht glaubst!“
Wir liefen die Treppe nach unten in den großen Saal, in dem mein Thron stand. Und ihrer. Ich setzte mich und Xenon setzte sich neben mich. Seit Mira weg war, hatte er ihren Platz eingenommen. „Holt sie“, rief er den Dienern an der Tür zu und sie verschwanden. Als sie zurückkamen, wurden sie von einer Gruppe begleitet. Es waren fünf junge Männer, alle trugen schwarze lange Hosen und kurze Oberteile, die mich an Miras Welt erinnerten. An ihren linken Unterarmen sah ich die schwarzen Zeichen, von denen Xenon gesprochen hatte. Erst als sie näher kamen, erkannte ich, dass es Zahlen waren. „Glaubst du mir jetzt?“, flüsterte Xenon und ich nickte.
„Seid gegrüßt“, sagte ich und stand auf, „Mein Name ist Ferry. Wer seid ihr?“ Einer der Männer löste sich aus der Gruppe. Wie die anderen hatte er einen breiten, muskulösen Körper. Seine Haare waren schwarz und kurz geschnitten. Eine Narbe verlief über sein Kinn und seine Augen wirkten dunkel und leer. „Mein Name ist Ramon“, sagte er und seine Stimme war rau und laut.
„Wo kommt ihr her?“, fragte ich weiter.
„Aus einer anderen Welt. Unsere wurde zerstört. Wir hofften, hier Nahrung und ein neues Heim zu finden“, antwortete er und ich glaubte ihm sofort. Ein anderer König hätte sie vielleicht ausgelacht, aber ich wusste genau, dass andere Welten existierten. Schließlich hatte ich selbst meine eigene schon einmal verlassen. Und natürlich gab es Mira.
Für einen kurzen Moment blieb mein Herz stehen. „Miras Welt ist zerstört?“, stöhnte ich und packte Xenon am Arm. Er schüttelte den Kopf: „Sie kommen aus einer anderen Welt. Jeder von ihnen trägt diesen Code, wie sie es nennen, auf dem Arm. Das gibt es in Miras Welt nicht.“
Ich holte tief Luft und versuchte mich zu beruhigen.
„Lasst uns bei einem Abendessen Näheres besprechen“, sagte ich und stand auf. Ramon, der ihr Anführer zu sein schien, nickte zufrieden. Xenon und ich verließen den Saal.
Ich musste zuerst meine Gedanken sammeln. Welche Fragen sollte ich ihnen stellen? Es gab so viel, das ich wissen wollte. Wie war es ihnen gelungen, in unsere Welt zu kommen? Hatten sie, wie Xenon einst, ein Mittel hergestellt? Oder hatten sie ein Tor oder etwas Ähnliches entdeckt? Wie war ihre Welt zerstört worden? Wie viele waren sie?
Als das Essen gerichtet war, gingen wir zurück in den Speisesaal. Die Männer hatten mächtig Hunger und so ließ ich sie zuerst fertig essen.
„Danke für eure Gastfreundschaft!“, sagte Ramon, als er sein Messer zur Seite gelegt hatte.
„Es ist uns eine Ehre“, sagte ich, „Darf ich euch ein paar Fragen stellen?“
Ramon und die anderen nickten. „Wie wurde eure Welt zerstört?“, fragte ich zuerst.
„Unsere Regierung kämpfte gegen eine andere. Sie zerstörten mit ihren Atombomben viele Städte und verseuchten das gesamte Grundwasser“, antwortete Ramon. Atombomben gab es in meiner Welt nicht, aber in Miras Welt hatte ich schon davon gehört, also nickte ich.
„Wie seid ihr hierher gekommen?“, stellte ich die wohl wichtigste Frage. Ramon lächelte selbstzufrieden: „Die Regierung hat für sich ein Mittel gefunden, um von unserer zerstörten Welt zu fliehen. Doch es gelang uns, das Mittel zu stehlen. Es sind kleine Kapseln, die man schlucken muss. Und dann waren wir plötzlich hier. Die Leute waren erschrocken, dass wir aus dem Nichts aufgetaucht waren und empfahlen uns, hierher zum Schloss zu kommen. Jetzt sind wir hier.“
„Darf ich eine dieser Kapseln genauer untersuchen?“, fragte Xenon, der sofort hellhörig geworden war.
Ramon sah mich an und ich nickte: „Xenon hat vor einiger Zeit etwas Ähnliches wie eure Kapseln entdeckt. Besitzt ihr noch welche?“
Ramon nickte ebenfalls und legte drei Kapseln auf den Tisch. Xenon schnappte sie sich sofort und rauschte aus dem Saal.
„Wie viele seid ihr?“, fragte ich weiter. Ramon zuckte mit den Schultern. „In meinem Stützpunkt befanden sich etwa tausend Menschen, aber es gibt noch mehr. Wir sind nicht die einzigen Rebellen“, antwortete er. Er wusste es also nicht. „Ihr seid in unserer Welt herzlich willkommen“, sagte ich, ohne zu ahnen, welche Folge meine Worte haben würden.
Xenon
Ich stürzte die Treppen hinauf. Kapseln mit denen man in eine andere Welt gelangen konnte. Das war fantastisch! Meine Neugier und Entdeckerlust stiegen bis ins Unermessliche als ich endlich mein Zimmer erreichte. Ich riss die Tür auf und erschreckte das Dienstmädchen zu Tode, das gerade meine Decke ausschüttelte. „Oh entschuldigen Sie bitte…“, stammelte sie.
„Raus!“, brüllte ich, etwas lauter als beabsichtigt.
Das Mädchen schnappte sich Eimer und Lappen und rannte aus dem Zimmer. Ich beschloss ihr später ein paar Goldtaler als Entschädigung zukommen zu lassen.
Mit einer Handbewegung wischte ich Pergamente voller Rezepte von meinem Tisch und bereitete alles vor. Als alles an Ort und Stelle war öffnete ich die drei Kapseln vorsichtig und ließ den trockenen Inhalt in ein Gefäß rieseln. Er war orangefarben und äußert fein, so ähnlich wie Puderzucker. Anschließend teilte ich die recht kleine Portion in zwanzig noch kleinere Anteile, damit ich mehrere Tests durchführen konnte.
Als es an meiner Tür klopfte war es bereits mitten in der Nacht. „Herein?“, fragte ich freundlich, falls es sich wieder um das Dienstmädchen handelte. Aber es war Ferry, der mich angrinste: „Schon mal auf die Uhr geschaut, Kumpel?“
„Häh was?“, fragte ich verwirrt.
„Du bist seit Stunden hier drin. Ich dachte ich sehe mal nach dir“, sagte Ferry und stellte sich neben mich, um das Chaos auf meinem Tisch zu begutachten. „Es ist sehr interessant Ferry“, sagte ich und zeigte auf meinen Aufschrieb.
„Ich kann deine Sauklaue nicht lesen, Xenon, das weißt du doch…“
„Du würdest ohnehin nichts verstehen“, murmelte ich, dann sagte ich etwas lauter: „Die Kapseln enthalten fast die identischen Zutaten wie das Seraiz!“
„Was heißt fast?“, fragte er nach.
„Na ja, das Seraiz ist flüssig, was vor allem an dem Ei des Seras liegt. Wie es sich angehört hat, kennen die Leute aus dieser Welt keine Drachen also ist es auch unmöglich, dass sie Bestandteile aus dem Ei eines Drachen besitzen.
Aber abgesehen davon ist die Zusammensetzung identisch – bis auf eine Zutat, die ich seit Stunden versuche zu identifizieren.“
„Diese Kapseln befördern einen auch direkt in eine andere Welt. Man muss sich dafür nicht an einer bestimmten Stelle befinden, so wie beim Seraiz am Übergang zu Miras Welt“, überlegte Ferry.
„Ja, du hast Recht. Es muss an dieser einen Zutat liegen. Aber ich finde nicht heraus, um was es sich handelt“, sagte ich grimmig. Es wurmte mich, wenn ich an so einer Aufgabe scheiterte.
„Nimm es dir nicht so zu Herzen“, sagte Ferry, der genau wusste, wie es in mir aussah, „Es ist vermutlich ein Stoff, den es in unserer Welt gar nicht gibt.“
„Ja, du hast Recht“, murmelte ich und ließ Pipette und Feder fallen.
„Du solltest schlafen, Xenon. Gute Nacht“ Ferrys Hand ruhte kurz auf meiner Schulter, dann verließ er das Zimmer und ich fiel ins Bett.
Venia
Mit Vanni an der Hand lief ich über den Marktplatz. Butch, der mit Ramon und den anderen im Schloss gewesen war, hatte von König Ferry Geld bekommen. „Was möchtest du essen, Vanni?“, fragte ich sie und betrachtete die fremden Früchte an den Ständen. Sie zeigte auf eine rote, strahlende Frucht.
„Ich nehme zwei davon“, sagte ich zu der Frau hinter dem Stand. Sie nickte freundlich: „Natürlich.“ Sie packte die Früchte in eine Tasche und reichte sie mir. Da ich mich mit dem Geld nicht auskannte, gab ich ihr einfach zwei Stücke. Ihre Augen wurden plötzlich riesig. „Das ist aber viel Geld, das du da hast, junges Mädchen“, sagte sie und gab mir eine Menge Rückgeld.
Als ich ihr meine Hand hinhielt, entdeckte sie den Code auf meinem linken Arm. „Nein, das kann nicht wahr sein! Gehört ihr zu den Novas, von denen alle reden?“, fragte sie.
Ich runzelte die Stirn: „Novas?“
„Ja, die Menschen aus der anderen Welt, die überall auftauchen“, erklärte sie und lächelte.
„Ja, zu denen gehören wir wohl“, sagte ich.
Sie streckte ihre Hand aus und ich schüttelte sie. „Mein Name ist Zusanna.“
„Ich bin Venia und das ist meine kleine Schwester Vanni“, sagte ich und auch Vanni gab ihr die Hand. „Sie spricht nicht“, sagte ich leise, damit die Frau nicht dachte, wir wären unhöflich.
„Darf ich euch zu mir nach Hause einladen? Auf ein Abendessen?“, fragte sie.
„Ich…“, ich zögerte, „Ich weiß nicht. Wir müssen auf unseren Cousin warten.“ Butch war mit den anderen Rebellen im Schloss und führte Gespräche mit dem König. „Wie wäre es, wenn ihr heute Abend mit eurem Cousin hierher kommt, dann gehen wir gemeinsam zu mir und ich koche uns etwas Gutes.“ Zusannas Augen strahlten vor Begeisterung, sodass ich nicht nein sagen konnte. „In Ordnung“, sagte ich, „Vielen Dank für ihre Einladung.“
Venia
„Essen ist fertig“, sagte Zusanna fröhlich und trug einen dampfenden Topf herein. Sie stellte ihn auf den Tisch und verschwand wieder in der Küche. Sie brachte weitere Töpfe und Schüsseln, dann setzte sie sich zu uns an den Tisch und zündete ein paar Kerzen an. „Lasst es euch schmecken“, sagte sie und hob die Deckel von den Töpfen. Obwohl ich nicht wusste, was ich aß, schmeckte es köstlich. Gemeinsam mit Butch waren wir zum Markt zurückgekehrt und Zusanna hatte uns zu ihrem Haus geführt.
„Vielen Dank für ihre Gastfreundschaft“, sagte Butch.
„Ach, nichts zu danken. Ich mache das doch gerne“, sagte Zusanna. Ich konnte ihr Alter schwer einschätzen. Graue Strähnen tauchten zwischen ihren schwarzen Haaren auf und auch ihre faltigen Hände wirkten alt. Aber sie war so energiegeladen und fröhlich, dass sie deutlich jünger als sechzig Jahre sein musste. Butch erzählte ihr von dem Atomkrieg und wie wir hierher gekommen waren. Zusanna hörte ihm aufmerksam zu und stellte einige Fragen. Ich warf einen Blick auf Vanni. Ihre Wangen waren von dem heißen Essen rot gefärbt und sie sah richtig glücklich aus, sodass auch ich lächeln musste.
„Wo wohnt ihr denn jetzt?“, fragte Zusanna uns und wir konnten nur mit den Schultern zucken. Ferry hatte uns angeboten, im Schloss zu übernachten, aber dort war längst nicht Platz für alle. Auch wussten wir nicht, wo die anderen gelandet waren. „Ihr könnt hier bleiben, wenn ihr wollt“, sagte Zusanna sofort. „Ich habe zwei Gästezimmer auf dem Dachboden. Sie sind groß und ihr hättet viel Platz“, erzählte sie uns euphorisch.
„Ich weiß nicht, ob wir das annehmen können“, zögerte Butch.
„Oh bitte, es ist so schön, euch hier zu haben. Seit mein Mann gestorben ist, bin ich viel alleine, wisst ihr. Ich bin mir sicher, ihr werdet mich nicht stören.“
Venia
Seit dem großen Unglück waren nun sechs Monate vergangen. Ich traute es mich kaum zu denken, aber ja, ich war glücklich. Natürlich dachte ich jeden Tag an meine Eltern und es verging fast keine Nacht, in der ich nicht aus einem Alptraum aufwachte, aber Vanni ging es so gut und Zusanna kümmerte sich so liebevoll um uns, dass ich gar nicht anders konnte, als die neue Welt zu genießen.
Als ich aufstand, war das Haus leer. Ich zog meine Robe an. Zusanna hatte sie uns gekauft, denn mit unseren Kleidern waren wir hier sehr aufgefallen. Die meisten Leute hier trugen Kleidung aus Leinen, die Reichen konnten sich Roben leisten, so auch Zusanna, da sie viel Geld von ihrem Mann geerbt hatte. Ich machte mein Bett und ging in die Küche. Auf dem Tisch lag ein Brief von Zusanna, der mir sagte, dass sie arbeiten und Vanni bei ihrer Freundin war. Zusanna arbeite als Schneiderin in einem Dorf hier in der Nähe. Butch und Ramon hatten eine Stelle bei einem Holzfäller gefunden und waren den ganzen Tag im Wald unterwegs. Wenn mein Cousin abends verschwitzt hierher kam, hatte er immer ein Lächeln auf den Lippen. Ich kochte mir Wasser auf, trank einen Tee und aß etwas von dem köstlichen Brot, das Zusanna selbst gebacken hatte. Dann räumte ich den Tisch ab, spülte das Geschirr und fegte das Esszimmer.
Zusanna schien ein Faible für Blumen zu haben, denn ihr ganzes Haus hatte nicht ein Fensterbrett ohne Blumen. Ich feuchtete ein Tuch an und befreite die Blätter der Pflanzen vom Staub, nachdem ich sie gegossen hatte. Die Farbenpracht der Blumen ließen das Haus lebendig wirken, auch wenn ich alleine war. Als ich fertig war, ging ich die Treppe nach oben, lüftete alle Schlafzimmer und machte die Betten. Es gab außer Zusannas Zimmer noch zwei Gästezimmer. Vanni und ich teilten uns natürlich eines. Ich räumte Vannis Kleider in den Schrank, denn sie hatte sie achtlos auf den Boden geworfen. Als ich mich gewaschen hatte, ging ich wieder auf den Dachboden. Hier war ich am liebsten.
Zusanna hatte ein Haustier, das dort oben lebte. Es war ein riesiger Vogel mit strahlend roten Federn und einem grellgelben Schnabel.
Wie immer saß er auf einem Dachbalken und gab schrille Töne von sich, als ich über die Leiter auf den Dachboden gelangte.
Ich holte ein paar Körner aus dem Schränkchen unter dem runden Fenster und sofort flog Avis zu mir und ließ sich auf meiner Schulter nieder. Ich öffnete meine Hand und er begann vorsichtig die Körner von meiner Handfläche zu picken. Als er fertig war, flog er einige Runden auf dem Dachboden, dann setzte er sich wieder auf den Dachbalken und beobachtete mich dabei, wie ich seine Hinterlassenschaften mit einem Besen auffegte.
Der Dachboden stand voller Bücherregale und war eine richtige Bibliothek. Ich ging zum Sessel und nahm das Buch vom Tisch, das ich gestern begonnen hatte. Dann versank ich in der Geschichte und vergaß alles um mich herum.
Irgendwann tippte jemand auf meine Schulter und ich schreckte hoch. „Vanni! Du hast mich erschreckt!“, stieß ich hervor. Sie sah mich entschuldigend an. Ich legte das Buch auf den Tisch und stand auf.
„Alles klar?“, fragte ich sie und sie nickte. „Hast du Hunger?“ Sie nickte wieder. Wir gingen zusammen in die Küche und ich stellte den Topf mit der Suppe auf den Tisch, die Zusanna gestern für uns gekocht hatte. Vanni hatte seit dem großen Unglück noch immer kein Wort gesagt, aber ich spürte, dass es ihr schon viel besser ging. Ihre Wangen glühten jedes Mal rot, wenn sie vom Spielen mit Sinéad wiederkam. Sinéad war ein Mädchen, das auch in der Stadt der Lichter wohnte und etwa in Vannis Alter war. Sie schien es überhaupt nicht zu stören, dass Vanni nicht redete. Meine Schwester deckte den Tisch und ich stellte den dampfenden Topf darauf. „Wart ihr im Wald?“, fragte ich und Vanni nickte, während sie sich einen Löffel in den Mund schob. Es war schwer, sich mit ihr zu unterhalten, aber ich hatte mich mittlerweile daran gewöhnt, ihr nur Fragen zu stellen, die sie mit Nicken oder Kopfschütteln beantworten konnte. „Was habt ihr gemacht?“ Es gelang mir jedoch nicht immer. Vanni sah mich mit gerunzelter Stirn an, als würde sie mich für meine Dummheit tadeln. „Wart ihr beim Seras?“, verbesserte ich mich und sie nickte strahlend.
Ich konnte es immer noch nicht glauben, dass Sinéad einen Drachen hatte. Und das, obwohl ich ihn selbst mit eigenen Augen gesehen hatte. Als die beiden Mädchen an einem Regentag in der Bibliothek gespielt hatten, war mir ihr blauer Drachenanhänger, den sie um den Hals trug, aufgefallen. Ich hatte sie darauf angesprochen und sie hatte mir erzählt, dass im Wald ein Drache wohnte, auf dem sie fliegen konnte. Bis dahin hatte ich schon einige seltsame Tiere hier in der neuen Welt gesehen, aber ein Drache war dennoch unvorstellbar gewesen. Ich hatte gelacht und ihr natürlich nicht geglaubt. Am nächsten Tag hatte Sinéad darauf bestanden, dass ich sie in den Wald begleite. Und sie hatte mich nicht angelogen.
In einer Schlucht mitten im Wald hatte tatsächlich ein Drache auf sie gewartet und sie fröhlich begrüßt, während er uns skeptisch gemustert hatte.
Als wir aufgegessen hatten, räumten wir gemeinsam ab und spülten die Teller. Danach ging Vanni wieder nach draußen zu Sinéad. Ich las noch drei Seiten in meinem Buch, dann hatte ich es beendet und stellte es glücklich zurück in den Schrank. Anschließend ging ich auch nach draußen, um etwas frische Luft zu schnappen. Jeden Tag entdeckte ich etwas Neues, ob es nun ein unbekanntes Tier oder auch nur eine neue Beere war. Heute beschloss ich zum Schloss zu gehen. Es war nicht sehr weit von der Stadt der Lichter entfernt und man durfte das Schlossgelände und den Park immer betreten.
Nach zehn Minuten erreichte ich das Tor und die Wachen grüßten mich freundlich. Ich schlenderte durch den Park und legte mich dann in der Nähe des Teiches ins weiche Gras. Die Sonne schien und mir wurde so warm, dass ich meine Robe ausziehen musste. Darunter trug ich einen weißen Rock mit einem kurzen, gelben Oberteil.
Erst als es dämmerte, beschloss ich zurück zu gehen. Ich fand es wunderbar, den Tag mit Haushalt und Nichts-Tun zu verbringen, aber irgendwie hatte ich ein schlechtes Gewissen. Butch verdiente schließlich Geld, von dem er einen großen Teil an Zusanna abgab, die es jedes Wochenende nur widerwillig annahm. Wir wollten ja keine Schmarotzer sein. Butch verdiente genug Geld für uns drei, aber dennoch kam ich mir schlecht vor, wenn ich den ganzen Tag nichts Sinnvolles tat. Andererseits war es mir auch wichtig, für Vanni zu kochen und für sie da zu sein, falls Sinéad einmal keine Zeit hatte. Ich wollte nicht, dass sie in dem großen Haus alleine war.
Als ich durch das Tor das Schlossgelände verlassen wollte, hörte ich plötzlich Butchs Stimme hinter mir. Ich blieb stehen und drehte mich um. Er kam gerade mit Ramon und einem anderen Rebellen durch das große Tor und alle drei sahen nicht besonders glücklich aus. Doch als Butch mich sah, lächelte er und winkte mir zu. Ich wartete auf die drei.
„Na Venia, wie geht’s dir?“, fragte er und lachte, aber die anderen beiden wirkten immer noch sehr ernst.
Ich runzelte skeptisch die Stirn: „Alles klar bei mir. Und bei euch? Gibt es ein Problem?“
„Ach“, sagte Butch und machte eine abwertende Armbewegung, „Kein Grund zur Sorge, Venia.“
Wir gingen gemeinsam zurück zur Stadt der Lichter, wo sich Butch von Ramon und dem anderen verabschiedete.
Ramon, der Anführer der Rebellen, wohnte gemeinsam mit Sofia bei einem alten Mann in der Stadt der Lichter. Ich mochte Sofia sehr gerne, sie war eine alte Schulfreundin von Butch und kam öfter zum Essen zu uns. Aber Ramon war mir irgendwie sehr unsympathisch. Er war etwas älter als mein Cousin und hatte ständig wegen irgendetwas schlechte Laune. Es gab wenige Momente, in denen man ihn lachen sah. Seine Narbe am Kinn ließ ihn gefährlich wirken, aber vor allem seine dunklen Augen machten mir Angst.
„Wir müssen noch etwas auf dem Markt besorgen“, sagte Butch, als Ramon und der andere weg waren, und zog einen Zettel aus seiner Tasche in der Robe. „Zusanna hat ihn mir heute Morgen gegeben. Sie sagte, sie würde heute erst spät kommen“, erklärte er und wir bogen auf die Straße, die zum Marktplatz führte.
Bei einer Frau, die ich noch nie hier gesehen hatte und deshalb vermutete, dass sie eine wandernde Händlerin war, kauften wir verschiedene Früchte ein. Als ich ihr das Geld geben wollte, sah sie den schwarzen Code auf meinem Unterarm. Die Zahlen waren tätowiert. Jeder von uns trug sie. Sie waren wie ein Ausweis, der zeigte, wer wir waren und woher wir kamen. Hier in dieser Welt brauchten wir sie nicht, aber sie ließen sich auch nicht entfernen. Mich hatten sie noch nie gestört. Sie waren ein Teil von mir. Die Frau jedoch schien sich an ihnen zu stören, denn sie packte meinen Arm und starrte auf den Code. Ihre langen Fingernägel krallten sich in meine Haut und ich stöhnte auf. Ihre grünen Augen funkelten mich plötzlich wütend an.
„Lassen Sie mich los!“, schrie ich sie an und wollte meine Hand losreißen. Aber sie ließ nicht locker.
„Seid ihr etwa Novas?“, zischte sie. Butch packte sie an der Schulter und sie ließ mich endlich los: „Was soll das?“ Doch die Frau, die mindestens zwei Köpfe kleiner war als Butch, ließ sich nicht von ihm einschüchtern. Sie lachte hysterisch und riss ihm die Tasche, die sie eben noch freundlich für uns gefüllt hatte, aus der Hand: „Ihr bekommt nichts von mir! Elendige Schmarotzer! Überschuss-Menschen! Novas! Diebe, Räuber, MÖRDER!“
Butch packte die zierliche Frau am Kragen: „Was soll das? Wir sind nichts von dem, was sie uns vorwerfen!“ Die Frau grinste und zeigte uns ihre verstümmelten Zähne. Jetzt erst fiel mir auf, wie hässlich sie eigentlich war. Vorhin war sie noch eine nette, alte Dame gewesen, jetzt wurde sie ohne Vorwarnung zur Furie.
„Ihr esst unser Essen, trinkt unser Wasser! Wegen euch werden unsere Kinder verhungern! DIEBE! SCHMAROTZER!“, brüllte sie jetzt und zog so die Aufmerksamkeit der Menge auf sich.
Butch ließ sie wieder los: „Suchen Sie sich eben andere Kunden“, sagte er, drehte sich um und ging.
„Kluger Junge“, flüsterte die alte Frau. Dann sah sie mir direkt in die Augen: „Mörderin!“ Verstört drehte auch ich mich um und rannte Butch hinterher.
„Butch!“, rief ich, aber er lief mit schnellen Schritten weiter, „Was sollte das? Was meinte sie damit?“ Ich war mir sicher, dass er wusste, was sie gemeint hatte, denn sonst hätte er sie nicht einfach so losgelassen. Sonst hätte er sich das nicht gefallen lassen. Aber er sah mich nicht einmal an, sondern lief schnurstracks zu Zusannas Haus. Ich kam fast nicht hinterher. Dort angekommen, rannte er die Treppe nach oben und knallte die Tür seines Schlafzimmers hinter sich zu. Ich traute mich nicht, anzuklopfen. Also ging ich wieder nach unten.
Vanni saß am Tisch und malte auf Pergamentpapier. Ich setzte mich neben sie und gab ihr einen Kuss auf die Wange. „Na, alles klar, Vanni?“ Sie nickte und wandte sich wieder ihrem Bild zu. „Was malst du denn da?“, fragte ich und sie schob das Papier zu mir. Es zeigte zwei blonde Mädchen, das eine ein wenig größer als das andere, auf einem blauen Drachen durch die Wolken fliegen. „Bin ich das?“, fragte ich und zeigte auf das größere Mädchen. Vanni nickte lächelnd und nahm das Bild wieder zu sich. „Sieht gut aus“, sagte ich. Dann ging ich nach oben, um mir ein Buch zu holen, damit ich mich von dem Zwischenfall auf dem Markt ablenken konnte.
Zusanna
Ich schloss die Tür auf und ging ins Esszimmer. Die beiden Mädchen saßen sich gegenüber am Tisch. Vanni malte und Venia las. Wie immer. „Hallo ihr beiden!“, begrüßte ich die Schwestern und ließ mich erschöpft auf einem Stuhl nieder. Vanni stand auf und umarmte mich wortlos. Ich drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Die drei waren längst wie eigene Kinder für mich. Butch war ein wenig unnahbar, aber ich spürte, dass er glücklich war, vor allem, weil es seinen Cousinen hier gut ging. Vanni drückte mir ein Pergamentpapier in die Hand.
Darauf war eine Zeichnung von ihr. Sie zeigte mich in der Stadt der Lichter und Vanni, die mir einen Blumenstrauß überreichte. Sie sprach zwar nicht, aber dennoch konnte sie mir ihre Dankbarkeit ausdrücken. Und dieses Bild berührte mich mehr als jedes Wort. „Danke, Vanni. Das ist wunderbar!“ Ich küsste sie noch einmal. „Wir hängen es hier im Esszimmer auf, ja?“ Sie nickte lächelnd.
Ich ging in mein Zimmer, um mich umzuziehen. Dann klopfte ich bei Butch an. Es dauerte eine Weile, bis er mich hereinrief. Er lag ausgestreckt auf dem Bett, das fast zu klein für ihn war. Im Zimmer war es dunkel, er hatte das Licht nicht angemacht. „Geht es dir gut? Bist du krank, Butch?“, fragte ich besorgt und setzte mich an die Bettkante. „Alles klar“, murmelte er.
„Wie war es heute bei der Arbeit?“, fragte ich. Ich war mir sicher, dass etwas nicht stimmte. Auch Venia war ungewöhnlich still heute.
„Ich war nicht arbeiten“, antwortete er knapp.
„Bist du sicher, dass du nicht krank bist?“, fragte ich erneut, „Soll ich einen Heiler holen?“
Er schüttelte den Kopf. „Ich war mit Ramon bei Ferry. Wir hatten ein Gespräch“, sagte er und drehte sich von mir weg.
„Was ist los, Butch?“, fragte ich und rüttelte an seiner Schulter. Er schlug mit der Faust gegen die Wand: „Wir sind zu viele, verdammt, wir sind einfach zu viele!“ Ich zuckte erschrocken zurück und wartete, bis er sich beruhigte. Butch setzte sich im Bett auf und sah mir in die Augen: „Zusanna, wir sind zu viele. Am Anfang waren wir noch die netten, armen, hilfesuchenden Novas, die man retten musste. Aber jetzt, jetzt merkt ihr, wie viele wir eigentlich sind. Es war ja nicht nur unser Krankenhaus, aus dem Leute die Kapseln geschluckt haben. Es gab noch andere Gruppen von Rebellen, die mit uns zusammengearbeitet haben. Wir sind tausende. Tausende! Und jetzt werden eure Vorräte knapp. Eure Nahrungsmittel. Und jetzt sind wir die Schuldigen. Wir sind die, die euren Kindern das Essen wegnehmen! Die eure Kinder töten werden. Klar! Klar!“ Ich legte ihm die Hand auf die Schulter: „Butch, beruhige dich. Und erzähle mir langsam und geordnet, was heute passiert ist.“
Butch holte tief Luft: „Ferry hatte uns heute ins Schloss gebeten, um uns zu sagen, dass überall die Nahrungsmittel knapp werden. Weil wir hier sind, verstehst du?“ Ich verstand rein gar nichts. „Wir sind zu viele, Zusanna. Wir sind einfach zu viele“, sagte er und vergrub das Gesicht zwischen den Händen.
„Beruhige dich, Butch“, sagte ich leise, „Du kannst nichts dafür. Es ist nicht deine Schuld.“
„Wir hätten nicht hierher kommen sollen. Wir hätten nicht von euch verlangen sollen, dass ihr eure Welt mit uns teilt. Sie steht uns nicht zu. Sie steht euch zu. Sie steht dir zu“, sagte er verzweifelt.
„Das ist nicht wahr. Ihr drei seid mir immer noch so willkommen wie vor sechs Monaten. Ihr macht mir so viel Freude. Ich bin so alleine, seit mein Mann gestorben ist. Ihr habt mein Leben wieder lebenswert gemacht. Seit ihr da seid, fühle ich mich wieder gebraucht. Es tat so gut zu sehen, wie Vanni hier aufblühte und wie wohl sie sich hier fühlt, auch wenn sie immer noch kein Wort spricht. Ihr habt dieses Haus wieder lebendig gemacht.“ Ich schlang meine Arme um ihn und drückte ihn an mich. „Es wird alles gut“, sagte ich, „Es wird alles gut.“
Butch
Aber es wurde nicht gut. Zusanna hatte leider nicht Recht behalten. Es wurde immer schlimmer. Die Nahrungsmittel wurden immer knapper. Und wir, die Novas, wurden immer unbeliebter bei den Leuten. Eines Tages brachte uns Zusanna Lederbänder mit, die wir uns um die Handgelenke banden, damit man den Code nicht mehr sehen konnte. So konnten wir wenigstens in den Nachbarstädten einkaufen ohne von den Leuten belästigt zu werden.
Wenn ich, wie an diesem Montag, das Haus verließ, um zur Arbeit zu gehen, verging keine Minute, in der ich nicht von irgendjemandem schief angeguckt wurde. Wir waren Abschaum für die anderen. Wir hatten das Gleichgewicht in ihrer Welt zerstört. Wir hatten dafür gesorgt, dass ihre Kinder hungern mussten. Ich zog mir die Kapuze der Robe über, als ich die Tür hinter mir zugezogen hatte. Ich wollte nicht, dass mich jemand erkannte. Deshalb hatte ich beschlossen, eine halbe Stunde früher zur Arbeit zu gehen, damit die Stadt noch leer war und ich nicht so vielen Leuten begegnen musste. Ramon wartete bereits vor dem Haus auf mich, denn auch er stand lieber eine halbe Stunde früher auf, um den Blicken zu entgehen.
„Alles klar?“, begrüßte er mich und schlug mir auf die Schulter.
„Geht“, antwortete ich knapp, „Wie geht’s Sofia?“ Dass Sofia zusammen mit Ramon bei dem alten Herrn Fuzeh wohnte, gefiel mir nicht. Anscheinend waren sie nur gute Freunde, aber ich wusste nicht, ob ich ihnen glauben sollte.
Sofia war ein wunderbares Mädchen und ich wollte nicht, dass sie mit einem Typ wie Ramon zusammen war. Er war einfach zu unsensibel für Frauen.
„Sie hat letzte Woche ihre Stelle verloren“, antwortete Ramon.
„Wie bitte?“, fragte ich erstaunt, „Aber warum?“
Sofia arbeitete in einem Schönheitssalon. Hatte gearbeitet.
„Weil sie eine Nova ist“, sagte Ramon grimmig. Ich erwiderte nichts. Es gab nichts, was ich dazu sagen konnte. Es musste ja irgendwann soweit kommen.
Als Ramon und ich im Wald ankamen, erwartete uns das gleiche Schicksal. Geresus, unser Arbeitgeber, wartete bei der Hütte, in der wir unsere Materialien aufbewahrten. Das war eigentlich ungewöhnlich. Meist sahen wir ihn nur am Ende der Woche, wenn er den Transport der Ladungen überwachte und uns unser Gehalt übergab.
„Jungs, es tut mir leid“, begrüßte er uns und gab uns die Hand, „Ich kann euch nicht mehr für mich arbeiten lassen.“ Ramon und ich sahen uns vielsagend an. „Was soll das?“, fragte Ramon, „Das ist jetzt nicht dein Ernst oder?“ Er nickte: „Doch, es tut mir leid.“
„Und warum?“, fragte ich, obwohl ich die Antwort schon kannte. Ramon und ich hatten bis jetzt beim Arbeiten immer alles gegeben. Wir fällten pro Woche fast doppelt so viele Bäume wie die anderen Arbeiter. Für uns war es mehr ein Muskel-Aufbau-Training als Arbeit.
„Kann ich euch nicht sagen, Jungs. Tut mir leid. Und jetzt verschwindet!“, antwortete Geresus uns.
„Spinnst du?“, fuhr Ramon ihn an und stieß ihn hart gegen die Schulter. „Glaubst du etwa, du kannst uns einfach so feuern? Weil wir Novas sind?“ Geresus hielt abwehrend die Hände nach oben. Er war zwar auch kräftig, aber wenn es hart auf hart kommen würde, hätte er keine Chance gegen Ramon. Vor allem nicht, wenn Ramon wie jetzt vor Wut schäumte.
Ich wollte meinen Kumpel zurückhalten, aber er schlug meine Hand weg und verpasste Geresus einen Kinnhaken. „Ramon!“, schrie ich und packte ihn an der Jacke. Geresus lag auf dem Boden und Blut tropfte von seiner Lippe. „Es reicht!“, schrie ich Ramon an und zog ihn weg, „Willst du etwa im Gefängnis landen? Ferry wäre enttäuscht von dir!“ Ramon schnaubte wütend, dann traten wir den Heimweg an.
Ferry
„Was steht an?“, fragte ich in die Runde. „Sheraza“, sagte Hermis, mein bester Berater. „Sheraza?“, fragte ich, denn ich hatte diesen Namen noch nie gehört.
„Eine junge Frau von unheimlicher Schönheit verschafft sich Gehör in der Bevölkerung. Die Zeiten sind nicht gut, mein König, das weißt du genauso gut wie alle anderen im Land auch. Die Menschen hungern. Ihnen fehlt es an den alltäglichsten Lebensmitteln. Die Händler verarmen. Die Leute werden anfällig für einen Aufstand. Und einen Aufstand könnte sie anführen“, begann Hermis und stand auf.
Er ging zum Fenster, schwieg eine Weile und drehte sich dann wieder zu uns um: „Sheraza hat eine Gabe. Sie schafft es, dass die Leute ihr glauben. Gleichgültig, was sie ihnen erzählt. Sie schürt den Hass auf die Novas, der sich ohnehin schon unaufhaltsam ausbreitet. Sie bietet den Menschen Lösungen.“
„Lösungen, die wir ihnen eigentlich bieten sollten“, sagte ich traurig. Ich war zwar König, aber ich war machtlos. Die Bevölkerung war so schnell angestiegen. Niemand hatte mit den fatalen Folgen gerechnet. Die Nahrungsmittel wurden immer knapper. Schon lange wurden keine Gewürze oder Süßigkeiten mehr ins Schloss importiert. Wir waren froh, wenn wir überhaupt noch etwas zu Essen kaufen konnten. Die Nahrungsmittel wurden immer teurer und die Wälder waren bald leer gejagt. Aus diesem Grund hatte ich Riesa ins Schloss gebeten. „Wenn wir nicht bald eine Lösung finden, dann werden immer mehr Tierarten aussterben. Bald werden in den Wäldern nur noch Cnumel leben, weil sich niemand traut, sie zu jagen“, sagte sie nun. Ich sah Riesa in die verschiedenfarbigen Augen. Das linke war tiefblau, das andere hellgrau. Ihre dichte, rote Mähne verlieh ihr ein ungewöhnliches Aussehen, das aber typisch für eine Frau aus dem Stamm der Jakuzer war. Sie sah so jung aus, dass ich es oft selbst nicht glaubte, dass sie seit einem Jahr Großmutter war.
„Was schlägst du vor, Riesa?“, fragte ich sie, aber sie zuckte mit den Schultern: „Es tut mir leid, Ferry. Ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen, wie wir den Menschen helfen könnten. Aber wie sollen wir mehr Essen beschaffen? Wir haben schon viel mehr angepflanzt als sonst, aber auf die Ernte müssen wir lange warten. Die Natur gerät immer mehr aus ihrem Gleichgewicht.“ Ich sah mich am Tisch um: „Hat irgendjemand eine Idee, wie wir unserem Volk helfen können?“ Betretenes Schweigen.
Xenon
„Ferry!“, brüllte ich und rannte den Gang entlang, „Ferry!“ Ich riss die Tür zu seinem Schlafzimmer auf. Er saß in Schneidersitz auf seinem Bett und sah mich mit großen Augen an. „Steh auf, Kumpel!“, sagte ich und zog ihn am Arm aus dem Bett.
„Was ist denn los?“, fragte er mich genervt.
„Los, sieh dir das an!“, sagte ich und zog ihn zum Fenster. Er stöhnte, als er sah, was draußen los war. Eine riesige Menschenmasse hatte sich vor dem Schloss versammelt. Allen voran Sheraza. Sie war eine wunderschöne Frau, ihre langen braunen Haare sah man sogar von hier oben glänzen. Sie hatte etwas Exotisches, etwas Unnahbares, das mich ungemein reizte. „Was wollen die Leute?“, fragte Ferry. Ich sah ihn mit gerunzelter Stirn an. Es wunderte mich, dass er den Lärm überhaupt nicht gehört hatte. War er so in Gedanken versunken gewesen? An was hatte er gedacht? An Mira?
Die Leute vor dem Schloss trugen Fackeln und Schlaghölzer. Die Soldaten schafften es noch, sie vom Tor fernzuhalten, aber wie lange würden sie die Masse noch zurückhalten können? „Xenon?“, fragte Ferry und riss mich aus den Gedanken.
„Ähm ja, sie wollen Sheraza als neue Königin sehen“, antwortete ich.
„Sie wollen was?“, fragte Ferry entsetzt und seine Augen wurden riesig: „Sie wollen mich nicht mehr als König haben?“ Ich schüttelte den Kopf und legte meinen Arm um seine Schulter. Ferry war ein unglaublich guter König gewesen. Dass er für dieses Lebensmittelproblem keine Lösung fand, war kein Wunder. Niemand wusste, wie man es beseitigen konnte. Und auch Sheraza würde es nicht schaffen.
„Was tun wir jetzt?“, fragte ich.
„Aufgeben“, antwortete Ferry.
Venia
