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Das epische Finale – Welten am Abgrund Eines muss enden: Wahn oder Welt. Die Menschheit steht vor ihrem letzten Kapitel, und alles hängt an einem seidenen Faden. Serera, die magische Parallelwelt, geformt durch unsere Gedanken, ist nicht länger ein Ort des Friedens. Der Seelenlose, eine unerbittliche Bedrohung, verbreitet Tod und Chaos. Beide Welten stehen vor dem Untergang. Die nahe Verbindung der Welten Robin Grimm, ein gewöhnlicher Jugendlicher, wird durch einen geheimnisvollen Schlüssel nach Serera gezogen. Zunächst findet er Zuflucht, doch schnell wird klar: Er spielt eine zentrale Rolle im Schicksal beider Welten. Seine Reise ist gefährlich, doch er findet treue Gefährten, die ihm beistehen. Spannung, Magie und der Kampf ums Überleben Im zweiten und abschließenden Band der »Serera«-Reihe entfaltet Bruno Hof ein packendes Finale voller Magie, Kämpfe und emotionaler Tiefe. Leserinnen und Leser erwartet eine Handlung voller Mythen, Mut und dramatischer Wendungen. Was erwartet Sie in diesem epischen Abschluss? Verflochtene Handlungsstränge: Wie beeinflussen sich die Ereignisse in beiden Welten? Epische Schlachten: Der alles entscheidende Krieg verändert Robin für immer. Menschlichkeit im Angesicht des Untergangs: Entscheidungen werfen Fragen über das Wesen des Menschen auf. Ein Finale voller Wendungen: Eines muss enden – Wahn oder Welt. Genre-Grenzen sprengen: Eine Verbindung von Fantasy, Abenteuer und Endzeitroman. Ein spektakuläres Parallelwelt-Epos Bruno Hof verknüpft meisterhaft Serera mit unserer Realität. Dieses Buch setzt den gefeierten ersten Band „Serera. Die zwei Welten“ fort und führt die Handlung in einem mitreißenden Finale zu Ende. Eine Geschichte, die über Menschlichkeit, Toleranz und die Abgründe unserer Welt nachdenken lässt. Für Leserinnen und Leser ab 16 Jahren, die packende Fantasy und tiefgründige Geschichten lieben. Seien Sie bereit für eine Reise, die Sie nicht loslassen wird. Werden Robin, unsere Welt und Serera überleben – oder wird der Eine triumphieren?
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Seitenzahl: 1012
Veröffentlichungsjahr: 2024
Zweites Buch
Bruno Hof
Serera. Zweites Buch: Die zwei Kriege
1. Auflage 2024
© 2024, Calderan,
ein Imprint der Kraterleuchten GmbH,
Gartenstraße 3, 54550 Daun
Verlagsleitung: Sven Nieder
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Dr. Tim Becker
Korrektorat: Michael Kothe
Gestaltung, Satz, Bezug und Karten: Björn Pollmeyer
ISBN Print 978-3-98600-668-6
ISBN E-Book 978-3-98600-669-3
www.calderan.de
www.bruno-hof.de
Siegfried
Frau Han
Die Rituale
Casal
Die zwei Krieger
Gusvulin
Giftbringer
Serera vor dem Fall
Die Zeit läuft ab
Welten am Abgrund
Rückkehr und Neubeginn
Die Heilung
Die Welt nährt mich
Anhänge
Weiteres zur alten Sprache
Verzeichnis der Figuren dieser Erzählung
Karten
Über den Autor
Warum ihn Civis in letzter Zeit mied, vermochte Siegfried nicht zu sagen.
Siegfried griff Civis‘ Stellung als Erster Diener der Stadt Ocal nicht an. Und er plante dies auch nicht, obwohl er mittlerweile viele Anhänger hatte. In den Versammlungen des Rates der Stadt hatte er in den letzten Jahren zwar immer dramatischer die Gefahren aufgezeigt, die der westlichen Welt Sereras erwuchsen; der Eine hatte sich schon vor langer Zeit jeder Bewachung und Beobachtung entzogen und erstarkte im Schatten der westlichsten Stadt der freien Menschen. Doch Siegfried versuchte lediglich durchzusetzen, dass die von ihm angebotene Hilfe endlich angenommen würde. Diese Hilfe sollte alle Fragen der Schaffung einer Ratsarmee und des Baues einer wehrhaften Stadtmauer betreffen. Seine Pläne lagen Civis und dem Rat vor. Civis und mit ihm die Hälfte des Rates verweigerten diesen Vorschlägen bislang die Zustimmung, befürchtend, sie würden sich über die Menschen erheben und die Welt könnte in einen Zustand geraten, der dem von Siegfrieds Welt, dem Ursprung Sereras, glich. Siegfried war oft der Verzweiflung nahe. Er wusste, dass es in nicht ferner Zukunft nur zwei Möglichkeiten geben würde: Kampf oder Flucht.
Und wie schleichendes Gift kam bei einigen Einwohnern jenes Misstrauen wieder zurück, dem sich Siegfried vor zwanzig Jahren nach seiner Ankunft gegenübergesehen hatte - als zählten all diese Jahre nicht, in denen er sich angepasst und die Lebensgewohnheiten dieser Welt angenommen hatte. Ein Teil der Menschen begann ihn zu beäugen und hinterfragte jeden seiner Schritte. Er flüsterte sich zu, es könne doch kein Zufall sein, dass zu jenem Zeitpunkt, als Siegfried durch das Tor gekommen war, die Entwicklungen zum Schlechten begonnen hätten. Und trotz ihres Streites kamen sich Siegfried und Civis immerhin näher, denn Civis verurteilte diese Verfolgung durch verbreitete Gerüchte und gemachte Stimmungen. Siegfried vermeinte bei Civis einen gewissen Sinneswandel auszumachen. Immer öfter bat dieser ihn zu Unterredungen, um über Verteidigungsfragen zu sprechen und von Siegfried Garantien einzufordern für den Fall, dass sich eine Mehrheit der Bewohner irgendwann für Siegfrieds Ideen aussprechen würde. Umso erstaunlicher war es, dass Civis ihm in den letzten Tagen aus dem Weg zu gehen schien. Siegfrieds Anhänger, aber auch Gegner versicherten ihm, dass Civis sich auch ihnen gegenüber anders verhielt und in letzter Zeit seine Tage nur noch alleine verbringen wollte.
Es war an einem Abend, als sich Siegfried zu einem langen Spaziergang durch Ocal aufmachte. Er liebte diese Stadt, dieses unübersichtliche Geflecht von Säulen und Bäumen, in das sich die Gebäude einbetteten und gepflasterte Sträßchen schmiegten. Er verließ sein kleines zweistöckiges Haus durch den kleinen, duftenden Garten, ging an dessen Ende über einen Steg, der einen kurvenreichen Bach kreuzte, und wandte sich schließlich einem Areal malerischer Hügel zu, wo die Besiedlung nicht so dicht war wie im Zentrum der Stadt. Er spazierte sich müde, setzte sich auf eine Steinbank und genoss die rote Abenddämmerung und das friedliche Hier und Jetzt. Siegfried würde gleich in einem Bogen wieder nach Hause gehen, um den ersten Schlaf der langen Nacht zu suchen. Er stand auf und streckte sich, um seine Glieder auf ein wenig Bewegung vorzubereiten – da sah er in einigem Abstand Civis einen Weg entlangeilen, der aus der Stadt hinaus in westliche Richtung führte. Siegfried ging instinktiv in die Hocke, um von Civis nicht entdeckt zu werden, denn er gewahrte, dass dieser trotz der Eile immer wieder über die Schulter blickte, als wolle er nicht gesehen werden. Dies kam Siegfried seltsam vor und er beschloss, ihm zu folgen.
Was brennt Civis auf der Seele, was bewegt ihn? Warum verschließt er sich in diesen Tagen in diesem Maße? Wohin treibt es ihn und warum fürchtet er jetzt, dass ihn jemand sehen könnte?
Civis verließ Ocal in Richtung des Endlosen Gebirges und Siegfried folgte ihm in sicherem Abstand. Glücklicherweise fanden sich Sträucher, Bäume oder Steine in der Nähe, hinter die Siegfried springen konnte, wenn sich der Erste Diener Ocals umdrehte, um sich zu vergewissern, dass niemand ihn beobachtete. Mittlerweile liefen sie abseits aller Wege. Als in Siegfried der Entschluss zu reifen begann, die Verfolgung abzubrechen und wieder zur Stadt zurückzukehren, blieb Civis plötzlich stehen. Schnell warf sich Siegfried hinter einem Gebüsch zu Boden. Er lugte daran vorbei, gespannt darauf, den Grund zu erfahren, warum Civis innehielt.
Civis entkleidete sich. Warum tut er das? Nackt faltete er Hose und Wams zusammen und versteckte sie unter einem Stein. Dann ging er auf die Knie und breitete seine Arme aus. Und plötzlich begann er zu schreien und sich auf dem Boden zu wälzen. Siegfried stockte der Atem. Der nackte Mensch wuchs. Seine Haut verdunkelte sich, wurde braun, weiß, schwarz, fleckig. Er röchelte und grunzte und verformte sich. Und weiter wuchs er, Arme und Beine wurden straff und glichen sich an, der Kopf wurde spitz und hässlich, Mund wurde zu Maul, Zähne wurden zu Waffen. Und wieder wälzte er sich auf der Erde, zerdrückte Pflanzen und ließ Steine fliegen. Plötzlich kam er zur Ruhe. Civis war jetzt ein Tier, länger, als ein Mensch groß sein konnte, zäh und hart, böse und enthemmt. Es sprang auf und davon – und Siegfried wusste sofort, dass Civis tot und dieses Tier eine Kreatur war, die von ihrem Herrn erwartet wurde.
Entsetzt rannte Siegfried den Weg zurück. Tränen in seinen Augen behinderten seine Sicht, sodass er mehrmals stolperte. Sein Herz raste und als er die ersten Häuser Ocals sah, hielt er an und stützte seine Hände auf die Beine, um sich zu beruhigen. In der Stadt angekommen, suchte er seine engsten Vertrauten auf, um ihnen von seinem Erlebnis zu berichten. Ihm war es bereits vorher klar gewesen, dass sie ihm nicht würden glauben können – und so eilte er mit zweien erneut aus der Stadt hinaus und versteckte sich mit ihnen hinter einigen Steinen an der Stelle, wo sich Civis verwandelt und seine Kleider versteckt hatte. Eine Stunde mussten sie warten, dann kam das Tier angesprungen. Und Siegfried war mit seiner Entdeckung nicht mehr alleine.
Sie ließen das Wesen, das Civis ‘ Gestalt hatte, nicht mehr aus den Augen. Für einige Tage blieb es in seinen Gemächern. Einige Mitglieder des Rates und andere Bewohner der Stadt besuchten es und Siegfrieds Vertraute mussten feststellen, dass es nicht möglich war, mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Doch bereits eine Woche, nachdem sie des Wesens gewahr geworden waren, kam es ihnen auf die Schliche, entdeckte einige seiner Verfolger, verließ Ocal und kehrte als Civis nicht mehr zurück. Sie sagten sich, dass es ein großes Unglück sei, verpasst zu haben, auch ihre Widersacher im Rat der Stadt Gelegenheit zu geben, Zeugen von Civis‘ Verwandlung zu werden. Es waren in Folge jene Menschen, die das Wesen in Civis‘ Gemächern aufgesucht hatten, die nun den Verdacht streuten, Siegfried habe Civis getötet und verschwinden lassen. Siegfried und seine Freunde konnten die ungeheure Wahrheit nur ihren eigenen Anhängern anvertrauen. Und obwohl sich jetzt ein tiefer Graben unter den Einwohnern auftat, blieb ihnen nichts anderes übrig, als um die Vorherrschaft in der Stadt zu kämpfen, um die Kontrolle zu erlangen und für das Wohl aller Menschen endlich Siegfrieds Pläne in die Tat umzusetzen.
Und alle, sowohl Siegfrieds Gefolgschaft als auch seine Gegner, mussten mitansehen, dass immer mehr verwahrlostes und gesellschaftsloses Volk in Ocal auftauchte. Menschen, die einzelne Gehöfte im Nördlichen Wald oder den Vorläufern des Gebirges bewirtschaftet hatten, gaben ihr bisheriges Leben auf, streunten durch die Lande und verbreiteten Furcht, wenn sie in der Stadt auftauchten. Es schien, als würde das Land vor den Toren der Stadt krank und mit ihm die Menschen, die dort bisher gesiedelt hatten. Schon verließen erste Einwohner die Stadt und zogen nach Osten, um der ungewohnten Mühsal und dem schlafraubenden Unfrieden zu entfliehen. Und es war der Hüter des Tores und des Schlüssels, Turis, der in seiner Verzweiflung eines Tages vorschlug, Siegfried mehr Macht zu geben, Macht, die dieser offenbar verlangte als Voraussetzung, Ocal Ordnung zu bringen und den Einwohnern Sicherheit zu geben. So hatte sich das Gewicht entscheidend zugunsten Siegfrieds Partei verschoben und bereits am nächsten Tag wurde er als Regent Gusvulin ausgerufen. Warum er seinen Namen änderte, wusste niemand zu sagen.
Siegfried ahnte, dass im Osten nichts Gutes über ihn verbreitet wurde. Zu begierig hatte sich die Mutmaßung seiner angeblichen Untat gegen Civis in die Köpfe einiger seiner Gegner hineingefressen – und es waren diese Menschen, die jetzt ebenfalls Ocal verließen und nach Osten gingen. Und überall, in den berühmten Städten Medal, Mesal und Likele, im gesamten ihnen bekannten Serera ergoss sich die Krankheit dieses Verdachts. Siegfried ahnte, je weiter sich dieser Verdacht von Ocal entfernte, desto ansteckender und müheloser wandelte er sich zur Gewissheit und damit zur Lüge. So war er erleichtert, als ein Bote aus Likele überraschend den Besuch des Zauberers Peris ankündigte. Siegfried, der sich in seiner Regentschaft unglücklich und auch verbittert fühlte, da er sich gezwungen sah, eine Rolle zu spielen, die er sich nie gewünscht hatte, setzte große Hoffnungen in die nahe Zusammenkunft mit dem Ersten Diener Likeles. Endlich würde es zu einer freien, unbelasteten Debatte kommen, endlich konnte gemeinsam versucht werden, der Flucht und dem Wirken des Einen auf den Grund zu gehen. Denn Peris war berühmt für seine Weisheit, seinen Verstand und sein allen Menschen zugewandtes Empfinden. Er galt gemeinhin als Wächter von Sereras Wesen.
Doch kaum traf Peris in Ocal ein, suchte er nur vertrauliche Gespräche mit Siegfrieds Gegnern und war lediglich bereit, sich mit Siegfried im Rahmen von Versammlungen des Rates auseinanderzusetzen. Peris schien sich nicht für Siegfrieds Geschichte zu interessieren, nicht für die Nöte der bedrängten Stadt und nicht für Fragen, die die Zukunft des Westens betrafen. Er griff Siegfried nicht offen an, sondern bedauerte die Schritte des Rates, ohne deren Rücknahme zu fordern, denn andere Wege, der Bedrohung Herr zu werden, vermochte er keine aufzuzeigen. Und es war am dritten und letzten Tag von Peris‘ Besuch, als dieser im Rat das Wort ergreifen wollte, da der Erste Soldat der jungen Ratsarmee in den Saal stürzte und rief: „Turis ist tot! Wir wurden verraten!“
„Er hängt an einem Pfahl!“, berichtete er zum Entsetzen der Versammelten. „Tausend Wunden zeichnen seinen Körper, er wurde gemartert und erlitt einen schrecklichen, langen Tod. Der Schlüssel ist fort, wurde geraubt. Der Feind war in der Stadt und ist es vermutlich immer noch! Wir müssen strenger vorgehen, müssen schnell alle Menschen in der Stadt überwachen und jeden, der verdächtig ist, in Gewahrsam nehmen! Erst dann können wir für die Sicherheit bedeutender Gäste garantieren! In diesem Augenblick können wir das nicht! Ich rate Peris, rasch die Stadt zu verlassen und in den Osten zurückzukehren!“
„Ich breche sofort auf!“, sprach Peris zu dem Rat. „Ich bedaure, dass Regent Gusvulin in den vergangenen zwei Tagen keine Unterredung mit mir suchte. Hier sprach er viel über Erfordernisse der Verteidigung und von vermehrten Befugnissen seines Regententums. ‚Ordnung muss sein‘, hörten wir ihn sagen – und meint offenbar eine Ordnung, die derjenigen seiner Welt gleicht, aus der er stammt. Es begehrte mich aber, ihn als Menschen kennenzulernen, was nun nicht mehr möglich ist. Ich werde nach Medal gehen, um eine Versammlung der freien Menschen einzuberufen – mit geachteten Vertretern der Völker Sereras. Ich gehe mit unbeantworteten Fragen. In Windeseile schwang sich Gusvulin zur Herrschaft auf und veränderte das Gesicht Ocals. Die Entwicklungen der letzten Zeit schufen dafür die Grundlage. Welche Interessen hat er wirklich?“
Siegfrieds Anhänger reagierten empört auf diese Andeutungen. Sie warfen Peris vor, die Menschen Sereras zu entzweien und forderten Unterstützung ein.
Zunächst hatte Siegfried geschwiegen, musste eine aufkommende Traurigkeit in sich erst besiegen, bevor er sich zum Denken wieder befähigt sah – dann hatte er sich gesammelt und sagte laut zu Peris, der sich bereits von seinem Sitz erhoben hatte: „Seit zwanzig Jahren weile ich in dieser Welt. Und immer noch hältst du es für weise, diese Tatsache zu bedauern. Ich bin bereit, mit dir nach Medal zu gehen. Du willst das nicht? Schaut ihn euch an, wie es ihn drängt, hier fortzukommen! Du begehst einen großen Fehler, Peris! Dein Misstrauen wird Folgen haben, die du dir nicht wünschen kannst!“
Vor fünf Tagen hatte Han You Jing Serera gesehen. Seitdem hielt sich die Hüterin in der Nähe des Tores auf.
Immerhin fiel You Jing das leicht, denn sie arbeitete als Touristenführerin an jenem zugänglichen Teil der großen Mauer, der dem Tor am Nächsten lag. Es war ihr ein Einfaches gewesen, diese Position zu erlangen, da sie mit besten Abschlüssen in ihrem Fachbereich Geschichte die Universität durchlaufen hatte. Doch noch heute wurde sie oft gefragt, warum sie sich, da sie inzwischen achtundzwanzig Jahre alt war, mit einer solchen Arbeit zufriedengab – und es war nicht immer einfach, eine Antwort zu finden in einem Land, in dem – so schien es – jeder hoch hinauswollte. Aber sie hatte von ihren Eltern diese Aufgabe geerbt, eine Aufgabe, die sie als eine der Wenigen unter Milliarden befähigte, die Vision vor fünf Tagen zu verstehen.
Wie rastlos und blind die Welt war! Sprachen zunächst alle Menschen über nichts anderes als über diese fünf bis zehn Sekunden, in denen sie eine wunderbare Stadt in einer anderen Welt, üppige Plantagen und Felder, gesunde Wiesen und bedächtig arbeitende oder gesellige Menschen gesehen hatten – so zwang sie der Kampf des Alltags bereits nach zwei Tagen, dieses Erlebnis in das Reich der Illusion zu verbannen, um es bis heute vollends aus dem Bewusstsein zu verdrängen.
So schön es war, was You Jing gesehen hatte – so atemberaubend und anziehend – sie wusste, dass dieser Blick in die andere Welt nur möglich sein konnte, weil etwas geschehen sein musste, was die Welten einander näherbrachte. Es entsetzte sie, dass sie von einem Atemzug zum nächsten ihren bisherigen Alltag aufzugeben hatte und ihre Aufgaben als Hüterin vorherrschend in ihrem Denken werden mussten. Vor und nach ihren Führungen sowie in ihren Pausen entfernte sie sich nun stets vom touristischen Trubel, lief einen dicht bewaldeten Hang hinunter und suchte jene von Kletterpflanzen umrankte und von hohen Sträuchern verborgene Stelle auf, an der sich das Tor befand. Es wirkte wie ein Relief, an einem Mauerstück angebracht. Die Archäologen des Landes hatten es mittlerweile aufgegeben, über den Ursprung und die Beschaffenheit dieses türgroßen Rechteckes an der Mauer zu forschen. Zwar wurde es immer wieder im Zusammenhang mit „ungelösten Rätseln der Geschichte der ersten Dynastien“ erwähnt, doch waren die Forscher des Themas müde geworden und erprobten ihre Fertigkeiten lieber an schwierigen, aber lösbaren Aufgaben. You Jing rechnete aber damit, dass sich irgendwann eine Forschungsgruppe zu einer neuerlichen Untersuchung ankündigen würde.
Dicht drängten sich heute die Besuchergruppen, um die Mauer zu besichtigen. Sie liebte dieses Sammelsurium einheimischer und fremder Menschen. Sie kamen aus allen Kontinenten, vereint in ihrer Vorfreude, endlich einmal dieses beeindruckende Zeugnis der Geschichte zu besichtigen. Hier wurde sie daran erinnert, dass sie Bewohnerin einer gemeinsamen Welt war und nicht nur eines Landes – und es wäre so schön, wäre diese Welt überall so friedlich wie an diesem Ort. Han führte eine zwanzigköpfige Besuchergruppe zu einer Treppe, um ihr den Weg nach oben zu weisen. Es war bereits die vierte Gruppe und nach dieser Führung würde sie eine Pause haben, in der sie zum Tor gehen würde, um nach dem Rechten zu sehen – was immer auch dies bedeuten mochte.
Eine Frau tippte sie sachte an den Unterarm. Offensichtlich wollte sie eine Frage stellen. You Jing drehte sich zu ihr um und sah in ein lächelndes, zufriedenes und wissbegieriges Gesicht. Und als die Frau zu sprechen beginnen wollte, veränderte sich dieses Gesicht. Es verzerrte sich, die Augen weiteten sich, der Mund öffnete sich, Falten zeigten sich. Sie begann jämmerlich zu wimmern, Tränen liefen aus den Augen und die Wangen hinab. Doch da war You Jing selbst nicht in der Lage, nach irgendwelchen Ursachen zu suchen, denn in ihrem Kopf hörte sie nun eine böse Stimme, eine Stimme, die sie peitschte und alle Gedanken verdrängte.
Lass jede Hoffnung fahren!
You Jing bekam fürchterliche Kopfschmerzen, presste ihre Hände auf die Ohren, als käme die Stimme von außen und nicht von innen. Sie ließ sich auf die Knie fallen, verlor jeden Sinn außer den für unerträglichen seelischen Schmerz, legte sich auf den Boden und zog ihre Beine an den Oberkörper. Sie hörte sich selbst weinen und klagen – und ein Instinkt wollte sie dazu verleiten, an ihr sofortiges Ende zu denken. So gebieterisch war die Stimme, so wissend und kalt, dass You Jing nur in der Lage war, in ihrem Wehklagen zu verharren und die Macht über ihre Glieder aufzugeben, um auf den Tod zu warten.
Lass jede Hoffnung fahren! Dein Tod ist nah! Lass jede Hoffnung fahren!
Sie war außerstande, auf ihre Umgebung zu achten. Sie sah und hörte keine anderen Menschen, sie war auf sich selbst zurückgeworfen, alleine in ihrem Kummer und einsam an ihrem Ende. Etwas nahm ihr, was Gedanken und Gefühle eines Menschen ausmachen konnten, füllte sie mit Leere, raubte ihr jeden Mut und alle Freude. Ein letzter Hieb traf ihre Seele – und dann verschwand die Stimme und die Tortur endete.
Alle Besucher lagen entkräftet auf dem gepflasterten Boden. Sie weinten und schluchzten – und die Welt kannte in diesem Augenblick keine anderen Laute. In der Ferne erklangen jetzt Sirenen. You Jing stand mühsam auf, sah vor sich auf dem Platz sitzende und gebeugte Menschen, sich fragend, welch Unheil in ihre Köpfe gefahren war. Von den Parkplätzen unterhalb des Platzes hörte sie Hilferufe. Ein Bus hatte mehrere Autos gerammt und sogar eines unter sich begraben. Mit Sicherheit gab es Verletzte und vielleicht sogar Tote. You Jing hatte bei dem Angriff auf ihre Seele nichts mehr von der Welt wahrgenommen – und sie war sich sicher, dass es allen Menschen dieser Welt so ergangen war. Was geschah? Vor fünf Tagen hatte sie Serera gesehen – und heute ihren baldigen Tod gefühlt. You Jing sah, wie uniformierte Beamte zum Parkplatz liefen. Die Frauen und Männer ihrer Besuchergruppe saßen vereinzelt auf Bänken und Treppenstufen, flüsterten oder sprachen miteinander – und ihnen stand offenbar nicht mehr der Sinn danach, irgendetwas zu besichtigen. Die ersten machten sich nun auf zu Parkarealen, die sich nicht in der Nähe des Unfalls befanden. Und You Jing traf die Entscheidung, sofort zum Tor zu gehen.
Verbotsschilder hatten in diesem Augenblick jede Bedeutung verloren und niemand beobachtete sie, als sie die touristische Zone verließ, unter einem Absperrband hindurch huschte und zwischen den Bäumen verschwand. Zehn Minuten später stand sie – verborgen von dichtem, üppigem Grünwuchs – vor dem Tor. Ein kalter Schauer zog sich über ihre Haut, als sie sah, dass auf dem Tor etwas geschrieben stand. Es waren nur sieben Worte, geschrieben in ihrer eigenen Sprache: „Bist du der Hüter, so warte jetzt“. Nie hätte You Jing gedacht, dass eine solche Situation möglich wäre, dass ihre Aufgabe als Hüterin aus etwas anderem bestehen konnte, als so nah wie möglich am Tor zu leben, für die Sicherheit des Schlüssels und irgendwann für eine Nachfolge zu sorgen. Eine halbe Stunde harrte sie aus, als plötzlich das Tor zu sprechen begann. Zunächst hörte sie eine männliche Stimme, die in einer für sie unbekannten Sprache ein Gedicht oder Gebet aufsagte, wie ihr schien. Es mochte sich um jene sagenumwobene alte Sprache handeln, von der ihre Mutter früher erzählt hatte und es keine Zeugnisse mehr gab.
You Jing fühlte sich jetzt von dem Tor vereinnahmt, sie vergaß ihre Welt da draußen, presste das linke Ohr auf die glatte Fläche und rief: „Hört mich jemand?“
Und prompt kam eine Antwort: „Ja. Ich, Peris, bin es, der gerufen hat. Welch Freude, eine Stimme zu vernehmen. Sag, wer bist du und was weißt du von diesem Tor, durch das wir sprechen? Wirst du bedrängt? Bist du allein? Wissen die Menschen um die Bedeutung von Tor und Schlüssel?“
Ich kann ihn verstehen, stellte sie überrascht fest.
Schnell überlegte You Jing, dass es keinen Sinn machte, nun zu einer langen Erklärung auszuholen, zu berichten von den Mühen ihrer Ahnen, vor allem dem gefährlichen Leben ihrer Eltern und Großeltern, deren Alltag trotz Anpassung an die Umstände und des Katzbuckelns vor den Bürokraten der herrschenden Kaste in den letzten Jahrzehnten von ständiger Unsicherheit geprägt gewesen war. Es war ein reines Wunder, dass die Linie der Hüter nicht unterbrochen worden war – vor allem in jenen langen Jahren der Geißelung des Landes, die vor über fünfzig Jahren begann und als „Zeit des Chaos‘“ zehn Jahre lang währte – und nicht gewaltsame Tode jedes Wissen um das Tor zunichtegemacht hatten.
„Mein Name ist Han You Jing und ich bin die Hüterin“, antwortete sie. „Der Schlüssel ist gut versteckt, das Geheimnis nicht aufgedeckt. Ich kann keine klaren Gedanken mehr fassen. Wer bist du? Was bedeutet dies alles? Was verursachte mir und allen Menschen vorhin solche Schmerzen in unserem Inneren? Mir scheint, etwas hat begonnen – bereits vor fünf Tagen, als ich plötzlich Serera sehen konnte. Und warum hast du mich jetzt gerufen und riskierst damit, dass das Geheimnis offenbart wird?“
Und You Jing hörte Peris im Folgenden aufmerksam zu. Er erzählte vom Erstarken des Einen, von dem nahen Fall der freien Länder Sereras und ausführlich von dem „Buch der Hüter“, den Ritualen und seinem Verdacht, dass es Helfern des Feindes gelungen war, in dieser Stunde mit dem die Welt bedrohenden Zauber begonnen zu haben. Schließlich berichtete Peris von den Entwicklungen am westlichen Tor, von Torheim und den Geschehnissen um den jungen Mann Robin, um seine Freunde und Feinde.
„Verzeih“, sagte er zum Schluss, „dass ich dich so jäh bedränge, ich bitte dich um Hilfe. Begib dich zu diesem Tor im Westen, versuche, die Geschehnisse dort zu ergründen. Tue alles in deiner Macht Stehende, die Rituale aufzuhalten. Wenn Robin und seine Freunde mit ihrer Zeitrechnung recht haben, fallen in fünfunddreißig Tagen deiner Welt die Wälle und wir sind alle verloren.“
You Jing schoss Frage um Frage in den Kopf und keine vermochte sie zu stellen. Ihr hatte es schier die Sprache verschlagen und nun vergaß sie alle ihre Fragen außer einer: Fünfunddreißig?
Nur fünfunddreißig Tage?
„Ich verspreche dir eines“, sagte Peris. „Wenn ich mich täusche, wenn ich noch lebe, wenn wir beide noch leben und die Welten nicht vereint werden, werden wir uns hier zu langen Gesprächen erneut zusammenfinden, doch jetzt ist keine Zeit. Keine Zeit!“
Und Peris stöhnte leise, fast lautlos. „Wenn ich noch lebe. Keine Zeit.“
Nur fünfunddreißig Tage!
„Ja“, sprach sie mit gebrochener Stimme. „Ich versuche es.“
Sie dachte kurz über ihre Lage nach – und da breitete sich Panik in ihr aus.
„Ich muss wieder zurück, nach oben!“, rief sie. „Ich bin schon viel zu lange hier! Peris, ich weiß jetzt nicht, was ich noch sagen soll. Aber ich muss schnellstens wieder …“
„Gewähre mir noch einige Augenblicke“, unterbrach sie Peris, „ich bitte dich! Ich möchte dich mit manchem Zauber vertraut machen, der dich gegen einige Waffen des Feindes zu wappnen vermag, so hoffe ich jedenfalls. Du solltest dir diese einprägen, Silbe um Silbe.“
Und Han You Jing hörte aufmerksam zu. Bereits als Kind hatte sie nur wenig Mühe gehabt, Texte auswendig zu lernen, ob es sich um interessante oder langweilige gehandelt hatte. Fast eine Stunde verbrachte sie noch am Tor, ihre Welt und die Zeit vergessend.
„Viel Glück!“, rief Peris schließlich. „Viel Glück, Hüterin, für dich und alle Menschen!“
Und die Verbindung brach ab und You Jing entfernte sich vom Tor und eilte den Hang hinauf.
Nur fünfunddreißig Tage, dachte sie dabei. Wie sollte sie nach Torheim kommen? Wie sollte es möglich sein, dies unbemerkt zu tun, da sie annähernd keine Zeit hatte, eine solche Reise vorzubereiten? Und wenn ihr die Reise innerhalb der geforderten Zeit gelänge: Was konnte sie dann überhaupt tun – in einem fremden Land, unter fremden Menschen, lediglich mit Bruchstücken an Wissen bewaffnet? Sie wusste um alle Wege, über die man in das ferne Land gelangen konnte. Und ihr fiel jemand ein, der ihr weiterhelfen konnte.
You Jing betrat die touristische Zone. Zunächst dachte sie, ihre Abwesenheit wäre unbemerkt und ihr Auftauchen unbeobachtet geblieben. Verwundert blieb sie in der Mitte des Platzes vor dem Zugang zur Mauer stehen. Der Platz war leer, kein Tourist war zu sehen, nur noch wenige Autos befanden sich auf den Parkplätzen. Eine merkwürdige Stille hatte diese Stätte in Beschlag genommen – die aber plötzlich von einzelnen Schritten unterbrochen wurde. Zwei uniformierte Polizisten kamen auf sie zu. Und obwohl sie sie kannte, blickten sie ernst, ja, wütend zu ihr.
„Frau Han“, sagte einer von ihnen förmlich. „Kommen Sie mit uns mit. Sie müssen sich rechtfertigen. Es ist nicht zu glauben, dass Sie einfach verschwinden, wenn das Volk Sie braucht!“
Nein!, schrie es in ihr, bei allem, was mir heilig ist, nein!
Ist es bereits jetzt zu Ende?
Tenbrach wunderte sich darüber, dass die Späherin und ihr Spion so lange fortblieben. Er hatte fest damit gerechnet, dass sie am Vorabend wieder zurückkehren würden. Was tat die Hungrige nur den ganzen Tag? War es wirklich so schwer, zwei Menschen einzufangen, die in keiner Weise kampferprobt waren? Konnte diese dem Untergang geweihte Welt auch zähe Diener schwächen, wenn man nur lange genug in ihr verweilte? Schnell traf er eine Entscheidung.
Er hieß Ajkar, sich auf seinen Schädel zu setzen, und ging in das Zimmer, in dem sich Avarach und Robins Vater aufhalten sollten. Er hatte bereits bei Anbruch des Tages die Fesseln beider gelöst, nachdem ihm Avarach seine Treue versichert hatte. Avarach befand sich nicht im Raum. Nur Grimm lag auf einem Bett, schlief tief und fest.
A! Tas gran gral tosta toen. Tas sakk arukan itosen ie tac isaseie.
Welch ein zufälliges Stück Leben! Wärst du keine Geisel, würde ich dich jetzt töten.
Es schloss die Tür, blieb im Flur stehen und rief: „Avarach! Tas pask!“ Avarach! Herbei mit dir!
Avarach trat aus einer Kammer am Ende des Flurs und Tenbrach staunte. Avarach war in feinstem Stoff dieser Welt gekleidet, roch jedoch unerträglich nach süßen Blütenpflanzen. Gaben sich die Menschen dieser Welt eine solche Aufmachung? Warum ließen sie die Schuhe glänzen? Und was bedeutete das sinnlose Band, das unter einem Kragen am Hals hervortrat und über den Bauch bis zum ebenfalls glänzenden Gürtel reichte? Aber Avarachs Augen blitzten, er zeigte sich bar jeder Angst. Er war einer der Zähen und Starken seiner Art. Tenbrach brauchte ihn jetzt – und er pries die Weisheit seines Herrn, diesen Menschen in seine Streitmacht aufgenommen zu haben.
Ajkar verließ Tenbrach, sprang mit drei Sätzen auf Avarach zu und umschlang dessen linkes Unterbein mit seinen biegsamen Beinen. Avarach verzog keine Miene, er kannte bereits diese Prozedur.
Avarach, die Späherin ist noch nicht zurück? Was kann geschehen sein?
„Ich habe keine Ahnung“, antwortete Avarach, „was dieses verblödete Tier treibt! Du hast doch selbst erlebt, dass ihr der Kampf gegen mich, einen Offizier, wichtiger als alles andere ist. Vielleicht hat sie sich verirrt und findet nicht mehr zurück nach Torheim! Dieses dumme Vieh!“
Tenbrach störte sich nicht an diesen Worten, zu groß war das Versagen der Hungrigen gewesen. Aber der Gebieter hatte ihr eine Gelegenheit zugestanden, dieses Versagen vergessen zu machen, und so musste auch Avarach nun daran erinnert werden, wem er diente und gehörte.
Dann sage ich dir jetzt als Erstes, dass du wiederum keinen Kampf gegen eine Späherin des Herrn führen darfst. Betrachte dies als Befehl, Offizier! Und nun verlange ich von dir, dass du noch heute in Erfahrung bringst, wo sich die Hungrige befindet oder ob sie Opfer des Feindes wurde. Falls sie versagt hat, musst du ihre Aufgabe zu Ende bringen. Den Greis schaffe hierher, sein junger Helfer möge sofort sterben.
„Nicht heute!“, entgegnete Avarach.
Tenbrach glaubte zuerst, sich verhört zu haben. Was erlaubte sich der Vasall? Zwar Offizier, war er doch nur Menschenvieh! Er schritt auf Avarach zu in der Absicht, ihn zu züchtigen.
Und lächelnd und sogar überheblich grinsend fuhr Avarach fort, bevor er von Tenbrach gepackt werden konnte: „Zügele dich, Erster Offizier! Und höre mir zu! Heute muss ich als Erstes dafür sorgen, dass wir hier in der Burg nicht gestört werden. Diese einfältige Hungrige tötete meine Frau. Ich muss in Erfahrung bringen, ob nach ihr gesucht wird. Ich muss für Ruhe sorgen! Das ist zunächst das Wichtigste! Du willst doch kein Aufsehen, willst nicht, dass Menschen in die Burg einzudringen versuchen, oder? Also, zügele dich, hörst du?! Morgen kümmere ich mich dann um die nutzlose Fängerin und diesen überflüssigen Gutmenschen! Einverstanden?“
Tenbrach hatte Avarach unterschätzt, dessen Gedanken waren zweifelsohne klug – und er beherrschte offenbar die Kunst der Planung. Tenbrach nickte seinem Offizier zufrieden zu.
Gut überlegt und gesprochen, Avarach!So zögere jetzt nicht, sondern gehe hinaus in deine Welt und sorge für Ruhe! Hast du Erfolg und offenbart sich, dass die Späherin versagt hat, mache ich dich zu meinem Werkzeug ihrer Bestrafung!
Avarach wandte sich ab zum Gehen. Da kam Tenbrach noch ein letzter Gedanke.
Avarach, prüfe, wie viel Fleisch noch in diesem weißen Schrank lagert, dessen Namen ich mich zu merken weigere. Ich weiß nicht, wie viele Vorräte die Späherin angelegt hat; sie scheint mir zu sehr unter dem Einfluss ihrer eroberten Menschlein zu stehen. Auch ich will ab und an etwas Nahrung zu mir nehmen.
Über welche Dinge man in dieser Welt nachzudenken hatte!
Ach ja, und, Avarach, bereite dich darauf vor, dass sogleich etwas geschieht. Ich rate dir, warte darauf, bevor du die Burg verlässt. Es wird dich daran gemahnen, wie groß die Macht deines Herrn ist. Denn heute ist ein fünfter Tag! Und nun geh mir aus den Augen!
Und erst jetzt gab Ajkar Avarachs Bein frei und sprang zu Tenbrach zurück. Der Menschenoffizier eilte zur Treppe und verschwand.
Fast feierlich ging Tenbrach in die Bibliothek. Gefühle von Zufriedenheit und Euphorie, ja, von Glück durchströmten seinen Geist. Es konnte beginnen! Behielte Gusvulin Recht, hätte die Welt da draußen in wenigen Augenblicken eine Erschütterung zu erdulden, die sie nicht würde deuten können, ihr aber ersten, maßlosen Schmerz zufügen würde.
Lonis tinsen stule! Es kann beginnen!
Tenbrach stellte sich an den Schreibtisch und betrachtete die aufgeschlagene Seite des großen Buches, dieses Zeugnisses der Dummheit der alten Magier, die mit Feder und Farbe dem Einen die mächtigste Waffe geschmiedet hatten, welche sich nun gegen die Menschen richten sollte.
Er blendete alle Einflüsse seiner Umgebung aus, sprach die entscheidenden Zeilen zunächst in Gedanken, holte noch einmal tief Luft und rief dann den ersten Zauber hinaus und hinein in die Welt:
Tast serest ak filen
Serest tosmin tostaren
Tas lonis sak tostren tas rolk tostrenen
Londe sak aka to
Tas grilen – te ie tenten
E serest stulsten
Te ie tenten
Tausend kleine Schläge hieben in sein Inneres, jeder kleine Schlag ein Stück Erinnerung, ein Deut Nähe und ein Teil der Macht seines Herrn. Sein Gebieter war plötzlich in ihm und erfreute seine Seele. Der Tod ist nah! Und Tenbrach durfte der Vollstrecker sein. Es war getan, der erste Schritt vollbracht. Weide dich am Elend deiner Opfer! Sieh die Menschen, wie sie jammern im Angesicht ihres baldigen Endes! Tenbrach schüttelte sich vergnügt, seine Glieder genossen die plötzliche Ruhelosigkeit seines Geistes und bewegten sich hin und her in ihrer Erregung. Stärke empfand Tenbrach, Macht, Wille, Gier und Lust, all diese Empfindungen sich vereinend auf eine einzige unverrückbare Absicht: allen Menschen, allem Leben den Tod zu geben. Es gab kein Mitleid und keine Zagheit, weder Schwäche noch Geduld. Da draußen in der Welt verbreiteten sich Hoffnungslosigkeit und Furcht, und seine Macht, ihm vom Herrn geschenkt, war der Grund dafür. Und er frohlockte, da ihn nun rauschhafte Empfindungen des Gebieters ereilten, der die Welt, seine Geburtsstätte rufen hörte.
Tenbrach schrie vor Vergnügen, sprang mit Ajkar auf dem Schädel die Treppe hinunter und in den Hof der Burg, um schnell zu einem Wachturm und schließlich hinauf zum Wehrgang zu gelangen. Auf einer Straße direkt unterhalb der Mauer sah er als Erstes, wie Avarach gerade aufstand – und zufällig trafen sich ihre Blicke. Seine Augen zeigten zunächst Entsetzen. Doch dann nickte er Tenbrach zu, ihm still bedeutend, dass er etwas verstanden hatte und froh war, mit ihm verbunden zu sein, hoffend, dass er nicht das nahe Schicksal seiner Mitmenschen würde teilen müssen. In Avarachs Nähe lag ein altes Menschenweibchen auf der Straße und rührte sich nicht. Es war vermutlich tot. Tenbrach wusste, dass bei den Menschen plötzlicher Schrecken zu einem Stillstand des Herzens führen konnte, was hier wohl geschehen war. Zufrieden gewahrte er, dass Avarach an der Verendeten vorbeiging, ohne sie eines Blickes zu würdigen. Ach, Avarach - ein nützlicher Lakai, der nun gefestigt worden war, doch natürlich nicht ahnen konnte, dass auch er keine Zukunft hatte, sondern nur das kleine Privileg, als einer der Letzten zu sterben.
Tenbrach ließ seine Blicke über die Stadt schweifen und spitzte dabei die Ohren. Es gab noch mehr Menschen, die in den Straßen und auf den Plätzen lagen und nicht mehr aufstanden. Schreie des Leidens und Rufe des Unglaubens durchfluteten diese Siedlung der Todgeweihten. Einige der Gefährte, mit denen sich die Menschen gerne fortbewegten, waren zu Werkzeugen des Endens geworden, hatten Menschen unter sich begraben oder waren – nachdem sie aufeinander gerast waren – zu Fallen für ihre Insassen geworden. Aus einem Haus nahe des größten Platzes kam Rauch aus dem Fenster, unweit davon stürzte ein Gerüst aus Eisen und Holz, das an einer Hauswand gelehnt hatte, in sich zusammen und begrub zwei Kinder unter sich. Hunde jaulten, Katzen jammerten. Und nun wurde das Schluchzen und Rufen übertönt von den Klängen verschiedenster Sirenen, den Getroffenen und allen Bewohnern signalisierend, dass etwas geschehen war, das jeden betraf, und ankündigend, dass vielleicht irgendwann Hilfe käme. Die Menschen dachten wohl, dass es etwas Schlimmeres kaum geben könnte, solch unerwarteter Schmerz, der ihre Seele angegriffen hatte. Sie wussten nicht, was noch auf sie zukommen würde.
Tenbrach schritt auf dem Wehrgang weiter, um an dem nordöstlichen Turm wieder die Treppe hinabzusteigen, sah dabei noch, wie sich an einem Haus, das in unmittelbarer Nachbarschaft zur Burg lag, eine Tür öffnete. Ein kleines Menschenkind trat auf die Straße, in seinem Arm ein Spielzeuglöwe aus Stoff gebettet. Es sah sich in alle Richtungen um und rannte bestürzt wieder in das Haus zurück.
Ajkar sagte: Dieses kleine Menschenvieh weiß um einige unserer Spione.
Ist das so?, antwortete Tenbrach. So beobachtet es weiterhin. Nicht mehr lange, und die Armee der Giftbringer schlüpft. Eine Einheit möge sich dann unumwunden des kleinen Feindes annehmen.
Wieder in die Wohnräume der Burg zurückgekehrt, sah Tenbrach zunächst nach der Geisel. Sie schlief immer noch, hatte ihren Körper jedoch zusammengezogen, die Beine gekrümmt und von den Armen fest umklammert. Ihr Schlaf hatte die Attacke des Rituals offenbar nicht aufgehalten.
Er ging erneut zur Bibliothek und fragte sich, was er in den nächsten fünf Tagen tun sollte – außer den möglicherweise in sein Blickfeld tretenden Erfordernissen zu begegnen, von denen er jetzt noch nichts wusste. Und zum wiederholten Male vergegenwärtigte er sich das letzte Kapitel des „Buches der Hüter“, das er heute zum ersten Mal in Gebrauch genommen hatte, las es, saugte es in sich auf, labte sich daran, ließ ihn an die Zukunft denken, an den Zeitpunkt in fünfunddreißig Tagen dieser Welt, da er wieder mit dem Einen vereint sein würde. Siegfried von Burg-Torheim, der in Serera zu Gusvulin geworden war, hatte seinen Übersetzungen der Rituale nicht nur eigene Verse hinzugefügt, sondern auch ein von ihm beschriebenes gesondertes Blatt vorangestellt. Der Text trug die Überschrift Zum Geleit. Zur Warnung. Zum Gebrauch. Und Tenbrach ließ sich diesen nun zum wiederholten Male von Ajkar übersetzen:
Du hast Dich entschieden, Du hast es getan. Das Siegel ist gebrochen. Du weißt nicht, was geschehen wird, ob Zauber Dich erfreuen oder der Tod Dich ereilen wird. Die Magier geben Dir keine Antwort und ich Narr vermag nur darob zu rätseln. Hat der Lebensfeind große Macht erlangt in den letzten Jahren, so wird diese Macht in Deiner Welt umso größer werden. Das Böse Deiner Welt wird ihn ehren, ihm folgen, sich hinter ihm vereinen. Deine Welt sucht den Untergang? Nun wird herrschen der Vollstrecker! Oh, Du wirst es spüren, kaum ist das erste Ritual entfesselt, das Deiner Seele die Wahrheit offenbaren wird. Jubelt Deine Seele, besteht Hoffnung, wird sie bedrängt, ist der Untergang nah. Ich rate Dir: Beende die Rituale, wenn von ihnen das erste Deinem Inneren Schmerzen zufügt, beende sie sofort! Dann verschließe mit Scham das Buch erneut und bringe es zurück an den geheimen Ort, wo es meine liebe Gemahlin ehemals hat verborgen. Ich rate Dir: Schaue stets zurück und zur Seite bei Deinem Wege zum Verstecke, niemand darf Dich sehen, keiner soll Kunde erlangen von diesem Ort!
Bist Du des Wahnsinns und fährst fort mit den Zaubersprüchen, bedenke, dass Du es auch später noch wirst aufhalten können. Doch ein jedes der Rituale wird den Menschen neue Pein bringen und Du wirst Dich mit Schuld beladen, deren Last Dein Wesen bis zum Tode wegen schlimmen Kummers für immer beugen kann. Aus diesem Grunde stelle ich bei allen Ritualen mit Hilfe meiner Poesie voran, was Dich und die Menschen ereilen mag, wenn Du sie sprichst und der Unbeseelte ist zu diesem Augenblicke mächtig. Doch eilst Du von Zaubertag zu Zaubertag und bist beim achten Rituale angelangt und sprichst jenes aus, so ist alles geschehen und ein Zurück wird es nicht mehr geben. Mein Zweifel lässt mich erstarren, jener Zweifel, ob die Menschheit sich sodann wird behaupten können, denn sie selbst verhalf dem Seelenlosen zu seiner Macht. Und dass es Zauberer geben wird, die zu Hilfe eilen wie ehedem, vermag ich nicht zu glauben. Ich bin ein Hüter – und ich kenne keinen Magier, es gibt sie nicht mehr. Und wenn der Seelenlose in Serera mächtig werden kann, haben dortige Zauberer offenbar nicht mehr die Kraft, dies zu verhindern. Merke: Je stärker der Lebensfeind, je schwächer die Magier!
Du hast Dich entschieden, Du hast es getan. Wisse, keinen Schabernack habe ich getrieben. Die Worte sind so auszusprechen, wie sie hier von mir dargelegt. Nun besinne Dich und handle gut.
Gusvulin war davon ausgegangen, dass ein Mensch seine Zeilen lesen würde. Und was einen solchen verschrecken sollte, ließ Tenbrach triumphieren. Der Erste Offizier vernahm die von Ajkars Gedanken übermittelten Rituale und ließ sich in eine Vision hineingleiten, einer Vision der Vorwegnahme jener berauschenden Gefühle, die ihn nunmehr an jedem fünften Tag in der Zeitrechnung dieser Welt ereilen würden.
Dies Tor, der mächtig Wall
Nun bringst du es zu Fall
Todesangst erobert dich
Sie raubt dir den Verstand
Deine Seele trifft ein Stich
So sie fesselt Fuß und Hand
Tast serest ak filen
Serest tosmin tostaren
Tas lonis sak tostren tas rolk tostrenen
Londe sak aka to
Tas grilen – te ie tenten
E serest stulsten
Te ie tenten
Hört den ersten Zauber
Er ängstigt die Seelen
Du weißt es nicht, ahnst jedoch
Dass die Welt nicht alleine ist
Sprich: Ja, ich will!
Und der Zauber gilt
Ja, ich will!
Kälte liegt auf deiner Haut
In deinem Leib sind Flammen
Jede Ruh‘ sei dir geraubt
Beides tobt zusammen
Tast serest aki filen
Serest lonis tol e sut konten
Tas lonis sak tostren tas rolk tostrenen
Sastola e sutol sak tam londe tostae
Tas grilen – te ie tenten
E serest stulsten
Te ie tenten
Hört den zweiten Zauber
Er zeigt, was warm und kalt
Du weißt es nicht, ahnst jedoch
Glut und Eis stammen nicht aus deiner Welt
Sprich: Ja, ich will!
Und der Zauber gilt
Ja, ich will!
Du wirst gepeitscht mit Knuten
Schmerzen erleidest du
Du beginnst zu bluten
Und windest dich immerzu
Tast serest akin tostilen
Serest sostra tostilen
Tas lonis sak tostren tas rolk tostrenen
Sak kim grosa pla tak to
Tas grilen – te ie tenten
E serest stulsten
Te ie tenten
Hört den dritten Zauber
Er lässt Schmerzen fühlen
Du weißt es nicht, ahnst jedoch
Nicht nur Freude ist auf dem Weg zu dir
Sprich: Ja, ich will!
Und der Zauber gilt
Ja, ich will!
Blutend Fleisch und Tod du riechst
Verdrängt wird trauter Duft
Kummer herrscht und du kriechst
Zu entfliehen fremder Luft
Tast serest akint filen
Serest trillen trielen
Tas lonis sak tostren tas rolk tostrenen
Tas pronk rad wede grieland grielen
Tas grilen – te ie tenten
E serest stulsten
Te ie tenten
Hört den vierten Zauber
Er lässt Düfte wittern
Du weißt es nicht, ahnst jedoch
Atmen wirst du künftig eine andere Luft
Sprich: Ja, ich will!
Und der Zauber gilt
Ja, ich will!
Unrat auf der Zunge liegt
Du schmeckst all das, was verdarb
Einst Leben, vom Feind besiegt
Fraß, nachdem ein Leben starb
Tast serest akinta filen
Serest grilten umnen
Tas lonis sak tostren tas rolk tostrenen
Et sastul pronk tac sostren
Tas grilen – te ie tenten
E serest stulsten
Te ie tenten
Hört den fünften Zauber
Er packt die Zungen
Du weißt es nicht, ahnst jedoch
Auch Unreines wird dich bedrängen
Sprich: Ja, ich will!
Und der Zauber gilt
Ja, ich will!
Du hörst Sterbende schreien
Weinen, Stöhnen und Klagen
Der Hass der Mordlakaien
Lässt dich jäh verzagen
Tast serest ek filen
Serest filaki umnen
Tas kre stulen tostre
Tot tosta laden tot sast et laden
Tas grilen – te ie tenten
E serest stulsten
Te ie tenten
Hört den sechsten Zauber
Er packt die Ohren
Du beginnst zu wissen
Kommt neues Leben, kommt auch neuer Tod
Sprich: Ja, ich will!
Und der Zauber gilt
Ja, ich will!
Du siehst, was zu dir treibt
Dein eigen Werk dies ist
Der Lebensfeind sich zeigt
Nun todgeweiht du bist
Tast serest eki filen
Serest konaki umnen
Tas kre serera konnen tas kre lonis tostren
Sartsa serera lonsten – sartsa kre tac lonsten
Tas grilen – te ie tenten
E serest stulsten
Te ie tenten
Hört den siebten Zauber
Er packt die Augen
Nun siehst du es, nun weißt du es
Was in Serera herrscht, beherrscht nun dich
Sprich: Ja, ich will!
Und der Zauber gilt
Ja, ich will!
Nun brechen alle Walle
Zu dir prescht das feindlich‘ Heer
Nun bist du in der Falle
Bald lebt deine Welt nicht mehr
Rast serest ekin filen
Serest pla tak serera usnen
Tas kre sostele – lonis e lonim stulsten
Sostrul ol londe kre sasen
Tas grilen – te ie tenten
E serest stulsten
Te ie tenten
Hört den achten Zauber
Zu dir er treibt Serera
Nun erlebst du es – und es gibt kein Zurück
Eines endet jetzt – Wahn oder Welt
Sprich: Ja, ich will!
Und der Zauber gilt
Ja, ich will!
Er hatte immer größere Mühe, den Hieben auszuweichen. Es schien, die Bestimmung der Waffe sei lediglich, dem gegnerischen Schwert die Wucht zu nehmen, und nicht, ein Werkzeug des Angriffs zu sein. Schlag um Schlag prasselte auf ihn nieder und gleich würden seine Kraftreserven aufgebraucht sein. Die Niederlage war nah – und dieser Gedanke drohte seinen überanstrengten Armmuskeln den letzten Willen zu nehmen. Nur noch wenige Augenblicke und er wäre geschlagen. Eine halbe Stunde hatte dieser Kampf bereits gewährt – eine lange halbe Stunde in der Zeitrechnung Sereras – und in Kürze würde Robin nichts anderes übrigbleiben, als zu kapitulieren.
„Wie immer lernst du schneller, als du es selbst dachtest!“
Robin war nicht dieser Meinung. Er wusste, dass sich Audiris zurückhielt und zu weitaus kräftigeren Hieben in der Lage war.
„Doch schaue nicht so oft auf dein eigenes Schwert, verlasse dich auf deine Hand, deinen Arm und deinen Instinkt. Nun weiter, konzentriere dich nur auf meine Bewegungen!“
Robin mobilisierte seine letzten Kräfte und versuchte den aufkommenden Krampf in seinem rechten Arm zu vergessen. Er riss das schwere Holz nach oben und hielt Audiris‘ Schlag auf, begegnete dem nächsten Angriff, der seine linke Seite suchte, drückte gegen den angreifenden Knüppel und stieß seinen Freund mit aller Macht zurück. Er verschnaufte für einen kurzen Moment und bereitete sich auf weitere Angriffe vor.
„Und nun greif selbst an. Zwinge mich zur Verteidigung!“
„Ich kann nicht mehr!“, antwortete Robin.
„Doch, greif an, ein letztes Mal! Wenn du müde wirst, nimm das Schwert in beide Hände, sonst verlierst du es bei einem harten Schlag dagegen!“
Robin war bereits müde, deshalb griff er sich das runde Holz, das ein Teil eines Ruderriemens gewesen war und jetzt die Rolle als Schwert innehatte, mit allen zehn Fingern, hob seine Arme an und stürzte sich auf Audiris. Dieser machte überrascht einen Satz nach hinten.
„Halte ein!“, rief Audiris, „das geht sonst nicht gut aus! Du willst deiner Erschöpfung mit Wildheit begegnen, das führt nur zu blauen Flecken bei uns beiden! Also lass uns ausruhen.“
Sie lehnten sich beide lachend an die Reling, mit den Rücken zum Wasser. Sie befanden sich alleine auf dem Deck, nur Valter war zu sehen, der oben das Steuerrad hielt. Dies war eigentlich gar nicht notwendig, denn das Rad war fixiert, da dem Schiff in diesen Stunden ein gerader, unveränderter Kurs auferlegt wurde. Aber Valter liebte es, wie er schon vor zwei Stunden erklärt hatte, eine Verbindung mit dem Schiff zu bewahren, wenn er eine Zeit lang in sich gekehrt die Ruhe genießen wollte – eine Ruhe, die nur das Fahren auf See zu spenden befähigt war.
„Wann machen wir weiter?“, fragte Robin.
„Hast du denn gar keinen Hunger?“, entgegnete Audiris. „Bisher warst du es doch immer, der nach der nächsten Mahlzeit fragte. Ich jedenfalls würde jetzt gerne etwas essen.“
„Ich auch!“, rief es aus Richtung der Treppe, die ins Schiffsinnere wies. Amonis betrat das Deck.
„Ich habe soeben meine Nase in die Kombüse gestreckt“, sagte sie fröhlich. „Und wieder gibt es gebratenen Fisch. Und der Koch kündigte an, dass er den Fisch völlig anders würzt als bisher.“
Dies hatte der Koch schon des Öfteren versprochen – doch niemand außer ihm selbst konnte bislang einen Unterschied im Vergleich zu früheren Zubereitungen herausschmecken. Robin wusste, dass ihm nicht mehr als einige Fässer voller Salz, eine Handvoll Pfeffer und ein Eimer Bohnenkraut zur Verfügung standen. Der Koch pflegte seine Ankündigung ernst, sogar feierlich auszusprechen, dass man nicht zu denken wagte, dass es sich erneut um ein leeres Versprechen handeln könnte.
Aber der Fisch schmeckte immer gleich – und Valter hatte sich angewöhnt, zum Ende der Mahlzeiten zur Treppe zu gehen und begeistert in das Schiff zu rufen: „Köstlich! Da ist dir aber wieder etwas Besonderes gelungen!“
„Robin, Amonis, Audiris!“, sagte Valter, als sie im Kreis auf Kisten saßen und die leicht versalzenen Fische aßen, „spült es doch mit Bier hinunter, das vervollkommnet doch erst den Geschmack!“
„Diesmal nicht“, antwortete Robin lächelnd. „Das macht mich zu träge und Audiris und ich wollen gleich mit unseren Übungen fortfahren.“
Robin sah fröhlich zu Amonis hinüber, die auf ihre Füße blickte, hoffend, dass sie nun nicht als einzige von Valter zum Biertrinken gedrängt werden würde. Sie hob ihren Kopf nach oben, wandte ihn zu Robin, wohl mit der Absicht, etwas zu sagen und das Thema zu wechseln – da erstarrte sie plötzlich. War ihr Blick zunächst voller Zuneigung und Innigkeit gewesen, so wurde er jäh leblos, sodass Robin meinte, sie sähe durch ihn hindurch. Robins Verwunderung verschwand jedoch augenblicklich, wurde wie von selbst verdrängt durch eine Vision und Stimmen in seinem Kopf. Er hörte das Rauschen des Meeres, das Knarren des Holzes und das Flattern der Segel nicht mehr. Er nahm seine Umgebung nicht mehr wahr, spürte einen unsichtbaren Schleier, der um ihn gewoben wurde, der ihn von seinen Freunden trennte und ihn in ein übermächtiges Gefühl der Einsamkeit und Trostlosigkeit stürzte. Eine unbekannte Macht ergriff sein Innerstes, raubte ihm Gedanken des Glücks und jeder Hoffnung, entriss ihm all jenes, was menschlichem Leben Besonderes anhaftete, formte ihn zu einer auf sich selbst zurückgeworfenen Kreatur, der alle Fähigkeit genommen wurde, in Verbindung mit anderen Menschen zu sein.
Du kannst nicht fliehen. Einsam wirst du sterben. Deine Welt wird untergehen. Du wirst sie wieder sehen, aber nur, um darin zu sterben. Der Tod kommt bald. Vergiss das Leben, Liebe und Hoffnung vergehen. Magst du nun trauern und weinen, bis dein Ende dich erlöst.
Frost floss über Robins Haut und ließ ihn zittern. Seine Muskeln verkrampften, seine Glieder begannen zu schmerzen. Er stöhnte, flehte um Hilfe, wissend, dass keine kommen konnte, da er doch so alleine mit seiner Pein war – so allein … Und da waren seine Freunde plötzlich wieder bei ihm. Verängstigt betrachtete er ihre Gesichter und sah nur Furcht und Traurigkeit. Amonis stand auf, nahm die Kiste, auf der sie die ganze Zeit über gesessen hatte, und trug sie an Robins Seite. Sie stellte sie ab, setzte sich wieder, ergriff Robins Hand, drückte sie und ließ nicht mehr los. Robin ereilte ein Schauer von Glück, der die Trostlosigkeit zurückdrängte.
Ich bin nicht allein, dachte er. Da ist jemand bei mir. Und er genoss die Nähe.
Zunächst sprach niemand, alle verloren sich in Gedanken darüber, was die Zukunft für sie bereithalten würde oder ob es überhaupt eine gäbe.
Amonis lehnte ihren Kopf an Robins Schulter, den das angenehm berührte und auch ein wenig stolz machte, atmete tief durch, hob nach einigen Augenblicken ihren Kopf wieder an und sprach leise: „Erinnert ihr euch an gestern um die gleiche Zeit? Wir konnten Robins Welt sehen, ‚ein Koloss von Welt‘, wie Peris sagte. Etwas wurde soeben in Gang gesetzt, und als Erstes griff es unsere Seelen an, die zu verbrennen drohen, wenn der Feind siegt. Ich weiß nicht, was geschieht, ahne jedoch, dass wir uns in einem Wettstreit mit der Zeit befinden. In allem, was wir tun wollen, müssen wir uns beeilen.“
„Verdammt und vertäut!“, rief Valter. „Und gestern glaubte ich, nur einen kurzen Tagtraum gehabt zu haben, denn ich sah nur ein zweites Meer – und nahm mir vor, nicht mehr so viel Bier zu trinken. Obwohl einige von uns wahrlich mehr gesoffen hatten als ich. Ich hätte wohl auf den Steuermann hören sollen, der nichts trinken durfte, aber dieselbe Vision hatte, denn wo kämen wir denn hin, wenn …“
„Gestern sah ich Armut, Leid und Einsamkeit in deiner Welt, Robin“, unterbrach ihn Audiris. „Vorhin sah ich nur mich in einer solchen Einsamkeit, ein schreckliches Alleinsein vor gewaltsamem Tod. Wahrhaftig, etwas wurde ausgelöst – und zwar von dem Einen. Ihr beide, Amonis und Robin, seid Hüter von zwei Toren, doch es scheint mir, der Feind kann auch sein Ziel erreichen ohne eure Schlüssel.“
„Tore? Schlüssel? Hüter?“, rief Valter. „Was bedeutet das alles?“
„Lass es mich dir erklären“, antwortete Audiris und lächelnd streifte er mit seinem Blick Robin und Amonis. „Vorne am Bug mit Blick auf das Meer.“
Audiris und Valter erhoben sich von ihren Kisten und entfernten sich. Amonis hatte ihren Kopf erneut an Robin gelehnt, immer noch dessen Hand haltend.
„Sollen wir nach unten gehen?“, fragte sie Robin leise. „Ich wäre gerne mit dir alleine.“
Robins Herz raste nahezu, als sie von ihren Sitzen aufstanden und die Treppe zum Schiffsinneren hinabstiegen. Als Erstes sah sie der Koch, der stirnrunzelnd und mechanisch vor sich hin pfiff, als Nächstes der Medicus, der mit nachdenklicher Miene zum Deck hinaufsteigen wollte – und schließlich einer der Seeleute, mit dem Putzen von Öllampen beschäftigt. Alleine sein konnte man auf diesem Schiff in Wahrheit nicht, vielleicht für einige Zeit ungesehen oder für ein paar Momente ungehört bleiben, selten beides zugleich. Verschließbare Kabinen gab es keine für die Schlafplätze, bei denen es sich zum größten Teil um Hängematten handelte. Amonis‘ Koje war die einzige, in deren unmittelbarer Nähe sich keiner der anderen Reisenden untergebracht sah, doch befand sie sich unweit einer Tür, hinter der sich ein Raum mit gelagerten Bierfässern befand, einem nicht selten aufgesuchten Ort.
Sie setzten sich auf einen Stapel von Tüchern, die in einer Ecke lagen. Es roch nach Staub, Fisch und Meer. Das Holz des Schiffes atmete knarrend und ab und an hörten sie die eine oder andere Stimme eines Zweitstädters vom Deck. Robin befahl sich etwas zu sagen, irgendetwas, doch ihm fiel nichts ein. Amonis bettete erneut ihre Hand in die seine und schmiegte sich an ihn.
Was soll ich sagen?, fragte sich Robin. Was soll ich tun? Bitte, Amonis, sag du etwas.
Robin fühlte ihr Haar an seiner Wange und hatte das Gefühl, sie beide würden gerade vergessen zu atmen. Als er endlich einen tiefen Zug Luft nahm und diese schnell wieder aus seinem Mund entließ, spürte er, dass sich jetzt ihre Beine berührten. Vorsichtig, sachte und so unauffällig es ihm möglich war, verstärkte er diese Berührung und das Herz blieb ihm fast stehen, als Amonis es ihm gleichtat.
Sag etwas!
„Mist, ich glaube, ich muss meine Hose mal wieder saubermachen“, flüsterte er – und war sich nicht sicher, ob er alle Worte hörbar herausgebracht hatte, aber, dass sie allesamt fehl am Platz waren.
„Wirklich?“, fragte Amonis, wandte ihm ihr Gesicht zu und schien ihm noch näher, so nahe, wie es eigentlich nicht möglich schien.
Robin nahm all seinen Mut zusammen und begegnete ihrem Blick. Ihre Augen trafen und verfingen sich und ihrer beider Hände pressten sich weiter zusammen. Wie von selbst begannen sie sich zu küssen und Robin war sich sicher, dass er alles falsch machte. Doch Amonis wollte damit nicht aufhören und ihn durchfuhr ein Glücksgefühl, wie er es noch nie in seinem Leben empfunden hatte – und fühlte sich dabei so schwach, dass er davon ausgehen musste, sich momentan nicht auf seinen Beinen halten zu können. Vergessen war, dass sie sich doch voneinander erzählen, dass sie versuchen wollten, sich ihre jeweilige Welt nahezubringen und zu berichten, wie ihr Leben darin bisher verlaufen war. Beide wagten zunächst nicht, sich zu rühren oder gar vermehrt zu berühren und deshalb begann Robins Hals leicht zu schmerzen, da er seinen Kopf die ganze Zeit weit zur Seite gestreckt hatte. Er bemerkte plötzlich, dass sein Druck auf Amonis‘ Hand zu fest war, dass sie sich völlig in ihrer verkrampft hatte. Tollkühn, unsicher und ungeschickt zugleich drehte er seinen Körper zu ihr und umarmte sie – und als sie sich an ihn drückte und ihm damit zeigte, dass er es gut gemacht hatte, und sie sich weiter in Küssen verloren, verschwanden ihre Umgebung und alle Dinge der Welt. Sie waren unter und für sich, ohne Fragen und Antworten, ohne Kummer und Zweifel. Er griff in Amonis‘ dichtes lockiges Haar und drückte sanft auf ihren Hinterkopf – und sie tat das Gleiche bei ihm. Mit seiner anderen Hand begann er sie zu streicheln, ohne auch nur zu ahnen, wo das nun hinführen sollte. Doch als Amonis auch damit seinem Beispiel folgte, wurde ihm jäh bewusst, dass hier etwas geschah, von dem er immer geträumt hatte, etwas, von dem er sich bislang ausgeschlossen wähnte und das nun zu einer Mischung von Freude und Angst führte, die sein Denken und seine Gefühle in ein unrettbares Durcheinander brachte. Robin war glücklich und ängstlich, mutig und schwach. Aber die Leidenschaft steigerte sich wie von alleine – und erfuhr in diesem Augenblick ein jähes Ende durch einen Ruf, der die unsichtbare Kapsel, die durch ihre Vertrautheit und Innigkeit entstanden war, mit einer nicht zu überbietenden Unerbittlichkeit zerbrach.
„Robin! Wo bist du?“
Sie schraken auf und fuhren hoch, als drohe ihnen nahe und große Gefahr, als wären sie bei einem verachtenswerten Verbrechen ertappt worden. Sie hörten, wie sich Schritte näherten, standen nun verloren nebeneinander, versäumten ganz, sich anzusehen – vergaßen aber auch zu Robins Entsetzen, ihre Hände voneinander zu lösen, die sich beim Aufspringen ungefragt erneut gesucht hatten. Und dann stand Audiris vor ihnen. Robin fühlte sein Gesicht brandheiß werden, floh vor dem Blick seines Freundes und sah zu Amonis an seiner Seite. Ihr Gesicht war von roter Farbe überzogen und ihm wurde bewusst, wie sein eigenes in diesem Augenblick aussah.
„Robin … Amonis …“, stammelte Audiris. „Ja, was wollte ich? Bitte verzeiht. Ja, Robin, ich wollte dich eigentlich fragen … bitte entschuldigt … ob wir unsere Übungen fortsetzen sollen. Ja, dann … Ich gehe wieder nach oben.“
Zunächst dachte Robin, Audiris hätte nie hier auftauchen dürfen. Aber vor was hatte er eigentlich Angst, verdammt und vertäut? Und warum benahm sich Audiris, als hätte er selbst etwas Falsches getan? Robin hatte einen Kloß im Hals, aber Audiris‘ unsicher, fast kleinlaut dahingesagten Worte beruhigten ihn einigermaßen – und er fand gegenüber seinem Freund eine Antwort, die ihn selbst erstaunte.
„Warum entschuldigst du dich, Audiris? Du hast keine Schuld auf dich geladen. Das interessiert mich jetzt aber! Warum dieses Wort?“
Audiris schaut Robin verdutzt an und Robin fühlte Amonis‘ verwunderten Blick. Und da kam Audiris‘ Lächeln zurück, mehr noch, sein Mund öffnete sich zu einem lauten Lachen. Er konnte gar nicht mehr einhalten und Robin fiel in das Lachen ein – schließlich ebenso Amonis, die zwar nicht verstehen konnte, was denn so lustig an dem Gesagten gewesen sein sollte, sich aber von der Fröhlichkeit anstecken ließ. Das Lachen befreite alle drei.
Robin legte seinen Arm um Amonis und sagte zu Audiris: „Ich komme gleich nach oben.“
Amonis legte ihre Hand auf die seine, als wollte sie damit zum Ausdruck bringen, dass sein Arm sie für immer halten sollte, und sagte: „Gib uns nur noch einen Augenblick Zeit.“
„So viel ihr wollt“, lächelte Audiris, drehte sich um und sagte noch: „Du hast ein gutes Gedächtnis, Robin.“
Wieder alleine, umfassten sie sich jetzt erneut – ohne Angst, richtiggehend befreit genossen sie ihre nun mutigeren Berührungen und Küsse. Und da ein unbekannter Bann gebrochen schien, scheuten sie sich schließlich nicht, Arm in Arm nach oben auf das Deck zu gehen.
Als Erstes sah sie Valter, der fröhlich rief: „Verfluchter Katzendreck! Habt ihr jungen Leute es endlich begriffen! Ich machte mir schon Sorgen! Und Robin, was erzählte mir Audiris über dich? Alter Hundedreck, dass ich einen Weltenwanderer als Freund haben darf!“
Bei den folgenden Übungen mit Audiris versagte Robin zunächst kläglich. Immer wieder suchten seine Augen Amonis, die ständig zu ihm hinübersah, obwohl sie mit Valter im Gespräch war. Aber ihn beruhigte es mit der Zeit, dass sich ihr liebevoller Ausdruck nie veränderte, auch wenn er wiederholt eine peinliche Niederlage einstecken musste. Und als sie lächelnd mit Valter diesen Schauplatz der Schmach verließ und Robin sich nun unbeobachtet wähnte, kamen Wille und Konzentration zurück und Robin fuhr sogar seine ersten zwei Siege ein, von denen er wusste, dass sie von Audiris nicht absichtlich herbeigeführt worden waren.
Schließlich kämpfte Robin mit Begeisterung, machte noch vieles falsch, aber immer mehr richtig. Nach einer halben Stunde unterbrachen sie die Übungen – und Robin stellte mit heimlichem Stolz fest, dass Audiris anscheinend über eine Pause genauso froh war wie er. Sie gingen zur Reling, stützten ihre Arme auf die Brüstung und sahen auf das Meer hinaus. Sachte, aber bestimmt trugen die Wellen das Schiff voran, gezogen von Strömungen, geschoben von Winden, die die Zweistädter Seeleute zu nutzen wussten, gleich aus welchen Richtungen beides sich zu kommen entschlossen hatte.
„Warum sehen wir kein Land mehr?“, fragte Robin. „Eigentlich müssten wir doch nur die Küste entlangfahren.“
„Valter sagte mir, dass die Strömungen in Landesnähe zu unberechenbar sind“, antwortete Audiris. „Und er möchte vom offenen Meer von Osten auf Casal zusteuern, obwohl er selbst keinen Grund dafür nennen konnte. ‚Aus einem Gefühl heraus‘, sagte er. Er und seine Männer brauchen wohl noch Zeit, wie Valter sich selbst gestand, bis sie sich dazu entschließen werden, Casals Rat oder dem Regenten einfach die Wahrheit darüber zu sagen, was in Ital geschah und warum sie sich am Kampf beteiligten. Doch es ist tatsächlich nur ein Gefühl, denn die Fahrt dauert nicht wesentlich länger – in der Nähe der Küste dürfte man das Schiff nur äußerst achtsam bewegen.“
Robin genoss seinen Blick auf das Meer, dessen Größe und Kraft, und lauschte bedächtig seiner inneren Stimme, die ihm zuflüsterte, wie schön es war, dass er zum ersten Mal in seinem Leben auf einem Schiff, auf einem Meer unterwegs war – so beruhigend, so friedlich, so zeitverloren. Er hob den Kopf, betrachtete den kräftig blauen Himmel und sah in alle Richtungen. Zeitverloren, ja, er hatte verdrängt, dass schon viele Stunden seit ihrem Ablegen in Ital vergangen waren.
„Wo bleibt Lebak?“, sagte er. „Er müsste doch schon längst wieder zurück sein.“
