Seth - D.W. Briggs - E-Book

Seth E-Book

D.W. Briggs

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Beschreibung

Entdecken Sie die fesselnde Entwicklung von Seth Merrick, einem hochintelligenten Kind, das zur politischen Führungsperson von Neu-Britannien aufsteigt. Tauchen Sie ein in eine Welt voller Liebe, Groll und Rache, durchzogen von Intrigen und dämonischem Hass. Ein Leben, gezeichnet von überraschenden Wendungen und außergewöhnlichem Fortschritt, erwartet Sie. Diese Geschichte verspricht, Ihre Neugier zu entfachen und Sie auf eine Reise mit unerwarteten Enthüllungen zu entführen. Bereit für ein Buch, das Ihre Vorstellungskraft herausfordert?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 330

Veröffentlichungsjahr: 2024

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D. W. Briggs

SETH

Ein Roman in drei Teilen

© 2023 David William Briggs

Alle Rechte vorbehalten

Übersetzt aus der englischen Originalsprache durch David William Briggs

SETH ISBN 978-1-80031-987-5

Lektorat:www.derletzteschliff.de

Covergestaltung: Marcel Ströter www.marcelstroeter.com

Mein Dank geht an:

Tony Wesley, Grubensteiger im Ruhestand,

für die Einführung in die Arbeitsvorgänge einer Kohlengrube.

Werner Boschmann und Yogi Spliethoff

für ihre Hilfe bei der Übersetzung der im Dialekt gesprochenen Dialoge.

Meine Töchter Ilja und Phyllis sowie meinen Schwiegersohn Marcel für ihre Unterstützung.

Meine Frau Esther für ihre unendliche Geduld.

Sieglinde Hollmer, David Hollmer und Nadja Diem vom Lektorat Der Letzte Schliff.

Ohne ihr Engagement wäre diese deutschsprachige Version meines Buches nicht möglich gewesen.

Übersetzung:

„So nah wie möglich, so frei wie möglich.“

Bei der Übersetzung aus dem Englischen habe ich mich an diesen Vorsatz gehalten. Ich wollte dem Stil des Originaltexts möglichst treu bleiben, ohne ihn bei der Übersetzung zu verfremden und trotzdem die Bedürfnisse der deutschsprachigen Leser zu berücksichtigen.

Das „Pütt-Volk“, die Bergwerksleute im ersten Teil meiner Geschichte, spricht einen nordenglischen Dialekt. In der Übersetzung lasse ich es eine äquivalente, wenn auch gemäßigt interpretierte Ausdrucksweise der Ruhrdeutschen Bergleute sprechen.

Quellenhinweis:

Etwaige Ausschnitte von mehr progressiven Schriften und Zitaten von Oswald Mosley habe ich aus rein literarischen Gründen verwendet, ohne die verwerflichen Aspekte seiner politischen Tätigkeit zu billigen.

Die Sozialreformen, die in diesem Buch beschrieben werden, dienen der Geschichte, auch wenn sie als Leitbild einer vermeintlich idealen Gesellschaft betrachtet werden könnten.

In meiner Darstellung von Seths Ansatz zur Schaffung einer gerechten Gesellschaft habe ich mich auf den Menschenverstand von Plan B von Andreas Popp und Rico Albrecht gestützt.

Zum Ende des Buches befindet sich zudem ein Glossar, das ein paar Begrifflichkeiten, vorwiegend aus dem Bergbau, erläutert.

Inhalt

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

Teil I: Eine seltsame Geschichte

Kapitel 1 – Muckthorpe Moorend

Kapitel 2 – Wissen und Wesen

Kapitel 3 – Der Schacht

Kapitel 4 – Die Grubensohle

Kapitel 5 – Der Deckensturz

Kapitel 6 – Der Aufstieg

Kapitel 7 – Ort und Zeit

Kapitel 8 – Lily

Kapitel 9 – Die Ladestelle

Kapitel 10 – Das Rennen

Kapitel 11 – Rache und Schande

Kapitel 12 – Große Erwartungen

Kapitel 13 – Der Kampf

Kapitel 14 – Die Rettung

Kapitel 15 – Vorfahren und Nachkommen

Teil II: Der Berufene

Kapitel 1 – Der Berufene

Kapitel 2 – Hydra

Kapitel 3 – Harte Zeiten

Kapitel 4 – Eine Zugreise

Kapitel 5 – Entführt

Kapitel 6 – Der Zellenblock

Kapitel 7 – Der Schmeichler

Kapitel 8 – Die Guten und die Bösen

Kapitel 9 – Der Eiserne Griff

Kapitel 10 – Frag Onkel Bob!

Kapitel 11 – Die Wiederbegegnung

Kapitel 12 – Abigail, Retterin in der Not

Kapitel 13 – Die Bestrafer

Kapitel 14 – Der Ritter und der Unhold

Kapitel 15 – Nicht verhandelbar

Kapitel 16 – „Persopolitik“

Teil III: Vollkreis

Kapitel 1 – Der sich schließende Kreis

Kapitel 2 – Neue Besen

Kapitel 3 – Die Verschwörer

Kapitel 4 – Im Versteck

Kapitel 5 – Das Blatt wendet sich

Kapitel 6 – Mister Green

Kapitel 7 – Lady Fitzallens Tagebuch

Kapitel 8 – Der Showdown

Kapitel 9 – Auf verlorenem Posten

Kapitel 10 – Der geschlossene Kreis

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Kapitel 1 – Muckthorpe Moorend

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Teil I

Eine seltsame Geschichte

 

Es gibt nichts Seltsameres als Leute.

Altes Yorkshire-Sprichwort

Kapitel 1 – Muckthorpe Moorend

Ein seltsamer Vorfall und die darauffolgenden dramatischen Ereignisse markierten einen Wendepunkt in seinem Leben, den Seth sich damals nicht hätte vorstellen können. Bevor ich mit seiner Geschichte beginne, werde ich von den Schauplätzen und Umständen dieser Geschehnisse erzählen.

Seth ist in einem kleinen Dorf im Norden Englands aufgewachsen, ruhig und malerisch mit seiner sächsischen Kirche und dem Dorfplatz, umgeben von altertümlichen hübschen Steinhäusern. Seit der Zeit vor der normannischen Eroberung war Muckthorpe ein winziges Dörfchen gewesen, zwischen grünen Feldern, die ans Heidemoor grenzten. Hunderte Jahre hatte sich an der pastoralen Beschaulichkeit wenig geändert, bis zur Industriellen Revolution mit wachsender Nachfrage nach Brennstoff, um die Fabriken, Eisenbahnen und Haushalte des Landes zu versorgen. Das große Anwesen von Baronet Fitzallen, zu dem auch Muckthorpe gehörte, lag mitten in einem Gebiet mit reichen Kohlevorkommen. Nachdem die erste Mine 1869 abgeteuft worden war, hatte sich die kleine Ansiedlung schnell in ein Bergbaudorf mit Rücken an Rücken gebauten Reihenhäusern verwandelt. Bergmänner kamen von nah und fern, um in der Muckthorpe-Moorend-Kohlengrube Beschäftigung zu finden, gezwungen, mit ihren Angehörigen in überfüllten, düsteren Behausungen mit Krankheit und Benachteiligungen zu leben. Das Bild der bäuerlichen Idylle hatte sich für die kommenden Generationen drastisch verändert.

Mehr als hundert Jahre lang waren die Straßen vom neuen Ortsteil Moorend Tag und Nacht Zeuge des Kommens und Gehens von Bergarbeitern bei Schichtwechsel gewesen. Die faktische Stilllegung der Kohleindustrie im ausgehenden 20. Jahrhundert läutete das Ende des Bergbauerwerbs ein und gab der Landschaft wiederum ein neues Gesicht. Zu Beginn des Jahrzehnts waren die Schandflecken der Schlackenhalden und Zechengebäude verschwunden, und mit der Erholung der Natur kehrte eine Atmosphäre des ländlichen Lebens nach Muckthorpe zurück.

Als Seth Anfang des 21. Jahrhunderts geboren wurde, waren die Beseitigung der verfallenen Spuren des im Jahr 1987 geschlossenen Moorend-Bergwerks und die Regenerationsprogramme in vollem Gange. Die alte, enge, soziale Struktur der Bergbaugemeinde von Moorend hatte jedoch aufgehört zu existieren, ihre Häuser waren nun Wohnstätten für die, in den Nachbarstädten tätigen, Pendler geworden. Ein langweiliger Ort, identitätslos und vergessen, bis in der lokalen Presse und den regionalen Fernsehnachrichten über einen sonderbaren Unglücksfall berichtet wurde.

Kapitel 2 – Wissen und Wesen

Nachdem sie die ersten acht Jahre ihrer Ehe kinderlos geblieben waren, hatten seine Eltern alle Hoffnung, eine Familie zu gründen, bereits aufgegeben. Als seine Mutter dann doch noch überraschend schwanger wurde und einen Sohn zur Welt brachte, gaben sie ihm den Namen Seth, was „berufen“ bedeutet.

Sie erkannten früh, dass ihr Sohn etwas Außergewöhnliches an sich hatte. Er zeigte bereits in sehr jungen Jahren einzigartige Fähigkeiten. Voller Erwartungen beobachteten sie seine natürlichen Veranlagungen und überlegten, wie sie ihm helfen könnten, seine angeborenen Begabungen zu entwickeln. Sie merkten jedoch schnell, dass er ihren Bemühungen keine Aufmerksamkeit schenkte. Er kam mit jeder neuen Lernerfahrung allein zurecht und war vollkommen in der Lage, die Probleme seiner Kindheit selbstständig zu lösen. Es machte keinen Sinn, ihn drängen oder beeinflussen zu wollen, und sie fanden sich allmählich damit ab.

Im Kindesalter verursachte er dauernd Probleme in der Schule, indem er durch sein geschwätziges und zappeliges Verhalten den Unterricht störte. Die Menschen um ihn herum konnten sich keinen Reim aus seinen irritierenden Handlungen machen. Seine Lehrer beschwerten sich ständig und drohten, ihn vom Unterricht auszuschließen. Als die Situation eskalierte, beschlossen seine Eltern, eine psychoanalytische Beratung aufzusuchen, um der Ursache seiner Persönlichkeitsstörung auf den Grund zu gehen. Der Psychologe attestierte die Begleiterscheinungen seines extrem hohen IQ, die sich bei dem schleppenden Unterrichtstempo in totaler Langeweile äußerten. Während seine Klassenkameraden sich mit ihrem Unterrichtsstoff und den Aufgaben plagten, brauchte er einen Text nur einmal lesen, und dieser war bereits in seinen grauen Zellen gespeichert.

Er hatte keine Freunde. Die anderen Kinder waren langweilige Gesellschaft, ihr kindisches Spiel zu albern. Am liebsten war er allein und verbrachte seine Zeit mit Büchern und Enzyklopädien oder er beschäftigte sich mit Denkspielen und Geschicklichkeitsübungen an seiner Playstation. Stundenlang studierte er die faszinierende Geografie von Google Earth auf dem PC seines Vaters und schon bald hatte er die ganze Welt in der Tasche.

Als Einzelkind lebte er mit seinen Eltern in einem modernen Scheunenumbau im alten Muckthorpe-Dorf. Sein Vater, Adam Merrick, war der Bezirksarchitekt und seine Mutter, Evelyn, eine Stationsschwester im örtlichen allgemeinen Krankenhaus. Die Schließung der Mine und die daraus resultierende desolate Lage im eine Dreiviertelmeile entfernten Moorend hatten kaum Auswirkungen auf ihr Leben, und sie hatten sowieso wenig Kontakt mit den Bewohnern der City, wie die tristen Reihenhäuser von den Dorfbewohnern genannt wurden. Ihre Freunde waren meist gutverdienende Paare, und sie genossen es, Gäste in ihrem komfortablen Zuhause einzuladen.

Seth hatte kein Interesse an Gleichaltrigen, sobald Besuch mit Kindern auftauchte, machte er sich rar. Ihm war es gleichgültig, Kontakt zu seinen sozial gleichgestellten Altersgenossen zu pflegen, ganz zu schweigen von der Bekanntschaft mit Nachkommen vom „Pütt-Volk“ aus Moorend.

Er bevorzugte die Gesellschaft von Erwachsenen, aber wenn er meinte, dass ihre Unterhaltung langweilig wurde, dachte er sich drollige Fernsehwerbung, Quizshows oder Science-Fiction-Geschichten aus und spielte sie bis ins kleinste Detail durch. Er konnte alle Ideen, die ihm in den Sinn kamen, fantasievoll ausschmücken. Seine Eltern und ihre Freunde waren an sein seltsames Verhalten gewöhnt und versuchten trotzdem, ein normales Gespräch fortzusetzen. Abwechslungsversuche mit Brettspielen endeten unweigerlich in Wutanfällen, wenn klar war, dass er nicht gewinnen würde. Alles in allem war er ein eigenartiger Junge, ein selbstsüchtiger Bengel und ein schlechter Verlierer, wenn die Dinge nicht liefen, wie er wollte.

Ab seinem elften Lebensjahr durchlief er eine verfrühte und kurze Pubertät. Mit fünfzehn war er überdurchschnittlich groß, hatte eine schlanke, athletische Statur, war gutaussehend, selbstbezogen, lässig und faul. Was auch immer er tat, es war nicht mehr als das absolut Notwendige.

Die Beziehung zu seinen Eltern war liebevoll, aber ohne große Emotionen; das Familienleben unkompliziert und entspannt. Seine Eltern achteten auf gute Umgangsformen und Verantwortung, aber insgesamt verwöhnten sie ihn ziemlich. Er stellte selten Forderungen an sie, war aber daran gewöhnt, dass sie seinen Wünschen nachkamen. Seine privilegierte Situation stellte er nie in Frage.

In der Schule hatte sich die Situation mittlerweile beruhigt. Nachdem er die Lehrer an die Grenzen ihrer Belastbarkeit getrieben hatte, erkannte die Schulleitung, dass er nicht nur schneller, sondern auch anders lernte und der normale Lehrplan für ihn ungeeignet war. Letztendlich gaben sie ihm die Möglichkeit, selbstständig mit eigener Stoffauswahl zu lernen. Infolgedessen kam eine wirkliche Kommunikation mit dem Lehrpersonal nicht zustande und es blieb bei einer angemessenen Aufsicht für den Rest seiner Schulzeit.

Die pädagogische Freiheit ließ ihm viel Raum für andere Aktivitäten. Obwohl er in allen Schulsportarten gut war, konnte er keinen Bezug zur Gruppenmentalität des Mannschaftssports finden. Außerschulische körperliche Aktivitäten mied er eher. Der Kampfsport jedoch interessierte ihn, und nach einer plötzlichen Laune, seine latente Energie zu mobilisieren, schloss er sich dem örtlichen Boxclub an. Er lernte schnell die Technik von Angriff und Verteidigung, mit einem starken Schlag und einer guten Beinarbeit. Der Trainer ermutigte ihn, sein boxerisches Talent weiterzuentwickeln, und betreute ihn bei Juniorenturnieren. Bald hatte er einige Trophäen und Medaillen vorzuweisen.

Das Arbeiten mit dem Sandsack und meilenweites Laufen über Landwege verbesserten seine Schlagkraft und Ausdauer, aber nach einer Weile fand er auch das langweilig und eintönig. Für die anderen Jungen war er ohnehin ein Sonderling, der kein Interesse daran hatte, sich mit ihnen einzulassen, und die Boxhalle sofort nach dem Training wortlos verließ. Am Ende kam er mit dem kollektiven Training und der Kameraderie in der Boxschule nicht klar und gab es auf. Er hatte damals keine Ahnung, dass dieser vorübergehende Ausflug in das Feld der Faustkämpfe eine schicksalhafte Rolle bei den kommenden Ereignissen spielen würde.

Trotz der Zeitplanprobleme, alle Fächer unter einen Hut zu bringen, schloss er sechs Abiturfächer mit Auszeichnung und in beispiellos jungem Alter ab.

Im September, kurz nach seinem sechzehnten Geburtstag, sollte er sein erstes Jahr an einer renommierten Universität beginnen, um Anthropologie, Soziologie und Wirtschafts- und Politikwissenschaften zu studieren. Zu diesem Zeitpunkt störte es ihn nicht, dass er lernen würde, die Gesellschaft aus rein akademischer Perspektive zu betrachten.

Während seine Mitschüler, die alle älter waren, entweder Partys feierten oder in den Sommerferien waren, fehlte Seth jegliches Interesse an solchen für ihn faden Aktivitäten. Seine Welt war derart von seinen Gedanken bestimmt, dass er nicht auf das achten konnte, was außerhalb seines Kopfes vor sich ging. Mit jeder Idee, die ihm in den Sinn kam, identifizierte er sich so sehr, dass für die Wahrnehmung der Menschen um ihn kein Raum blieb. Sein Zeitgefühl war völlig anders, ein Augenblick konnte endlos dauern, weil er mit allen Sinnen auf einen Gedanken fixiert war. In seiner eigenen Zeitwelt schienen die Grenzen zwischen Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit durchlässiger zu sein. Fantasie war für ihn oft selbstverständlicher als Realität. Er isolierte sich mehr und mehr, sodass nichts, was in der realen Welt geschah, ihn so sehr bewegte, dass er darauf reagieren wollte.

Er war empfindungslos gegenüber Emotionen der Sympathie und Kameradschaft und reagierte nur auf die trägen Rufe von Apathie und Ungeduld in ihm. Zu keiner Zeit dachte er über seine Selbstgefälligkeit nach oder den Grund für die Zwietracht, die ihn von seinen Zeitgenossen trennte. Er versuchte nur, seine egoistischen Sehnsüchte zu befriedigen, alles andere schien sinnlos und unvereinbar. Im großen Ganzen aber fühlte er sich lustlos und gelangweilt und konnte kaum abwarten, mit dem Studium zu beginnen, um seine permanente Sucht nach Wissen zu befriedigen. Er wollte die Zeit totschlagen, dabei aber so wenig Energie wie möglich aufwenden.

Kapitel 3 – Der Schacht

Es war Mitte Juli, ein warmer und sonniger Frühnachmittag. Seth saß an seinem Schreibtisch und überlegte, was er mit sich anfangen sollte, zu faul, um sich um etwas Konkretes zu bemühen. Seine Mutter, die gerade von ihrem Frühdienst nach Hause gekommen war, fand das schmutzige Frühstücksgeschirr und angeknabberte Mittagssnacks auf dem unaufgeräumten Küchentisch vor. Sie war beunruhigt, dass ihr Sohn zu viel Zeit zuhause verbrachte und machte sich Sorgen wegen seiner Teilnahmslosigkeit. Nach einem kurzen Klopfen an der Tür und einem „Hallo Seth“ rauschte sie durch den Raum, öffnete die Fenstertür sperrangelweit und komplimentierte ihn, ohne Wenn und Aber, hinaus an die frische Luft. Mit der Autorität einer leitenden Krankenschwester gegenüber einem missmutigen Patienten befahl sie ihm unmissverständlich, sich zusammenzureißen und sich etwas Bewegung zu verschaffen. Widerwillig unterwarf er sich der Anweisung seiner Mutter.

Er musste nicht weit laufen – an den tristen Hinterhöfen von Moorend vorbei –, um das wilde Moorgelände zu erreichen, wo er allein und ungestört von Passanten spazieren konnte. Muckthorpe war ein kleines Dorf, in dem sich alle kannten, und er wollte nicht in ein zufälliges Gespräch verwickelt werden. Er ging schnell, ebenfalls in der Hoffnung, eine mögliche Konfrontation mit Burschen aus der City zu vermeiden. Außer ein paar jungen Frauen, die mit ihren kleinen Kindern im Park spielten und ihn nicht beachteten, begegnete er niemandem.

Mit verlangsamtem Schritt folgte er dem alten Schlackenpfad durch das Moor, den so viele Generationen von Bergleuten zu ihren langen Schichten unter Tage gegangen waren. Er ließ die Banalität von Moorend hinter sich, atmete den Duft der letzten Ginsterblüten in der warmen Sommerluft und lauschte dem Summen der Hummeln in der Glockenheide. Seine Gedanken schwebten in der Ferne und stellten sich weitverändernde Zukunftsvisionen vor.

Dann drängten sich ihm, wie aus dem Nichts, Bilder dieser Männer und Jungen in den Sinn, die hier bei jedem Wetter zur Arbeit getrottet waren. Er schauderte, als er ihre Gegenwart da draußen in dem einsamen Moor spürte, mit ihrem aschgrauen Teint auf dem Weg zur Zeche und den kohlschwarzen Gesichtern auf dem Heimweg. Als ob er dort nicht hingehörte, wich er den gespenstischen Gestalten aus und lief in das Moor hinein. Aufgeschreckte Schnepfenvögel zerstreuten sich im Zickzackflug, als er beinahe in einen kleinen Tümpel im hohen Pfeifengras hineingetreten wäre.

Um seine Gedanken neu zu ordnen, nahm er sein Smartphone aus der Tasche, fluchend, dass er den Akku nicht aufgeladen hatte, bevor seine Mutter ihn rausgeschmissen hatte. In das Handy vertieft, merkte er nicht, dass er geradewegs auf ein Dickicht aus Farnen und Gestrüpp zulief.

Dann erinnerte er sich an die wilden Himbeersträucher, die in diesem Teil des Moores wuchsen. Die Dorfkinder waren immer zu dieser Jahreszeit mit Körben und Schüsseln dorthin gegangen, um die roten Früchte an den wuchernden Sträuchern zu sammeln. Gleichzeitig wurden die Mäuler mit dem saftigen süßen Schmaus gestopft, mit Würmern und allem. Manchmal stritten rivalisierende Dorf- und City-Kids um die Ernterechte. Irgendjemand landete immer in den Brennnesseln und die Gegner suchten gemeinsam nach Ampferblättern, um den Ausschlag damit einzureiben. Das signalisierte meistens das Ende des Gefechts.

Halb mit den Gedanken bei den Himbeersträuchern und halb mit seinen Apps beschäftigt, übersah er die Reste eines verfallenen Sicherheitszauns. Sein Fuß blieb in einem zertrampelten, mit Wildpflanzen überwucherten Stacheldraht hängen und er stolperte in ein Büschel Farnkraut hinein. Kaum hatte er sein Gleichgewicht wiedererlangt, stieß sein Schuh gegen eine niedrige, ringförmige Backsteinmauer, die im dichten Gewächs versteckt war. Ehe er sich versah, befand er sich mit verschrammten Schienbeinen auf der anderen Seite der Mauer in verheddertem Dornengestrüpp. Als er durch die Schlingpflanzen und totes Unterholz taumelte, fiel ihm aus dem Augenwinkel ein ebener grüner Fleck auf. Mit einem Seitensprung gelang es ihm, auf der scheinbar sicheren, moosbedeckten Fläche zu landen.

Plötzlich gab es ein lautes Knacken und Splittern, als der Boden unter seinen Füßen nachgab und seine Beine durch aufplatzendes Grünzeug und zerbrechende Hölzer nach unten durchbrachen. Das Smartphone flog ihm aus der Hand, als er im freien Fall durch die Öffnung krachte und von dem Erdloch verschlungen wurde.

Der Sturz war kurz und heftig. Seine Stirn knallte gegen etwas Hartes und Kantiges, was einen Funkenregen, wie von einem Hammerschlag auf glühendem Eisen, vor seinen Augen aufblitzen ließ. Der Kollision folgte unmittelbar ein harter Aufprall, als seine Fersen schräg abrutschten und sein Hinterteil auf eine geneigte Oberfläche aufschlug. Er spürte, wie seine linke Hüfte schmerzhaft aufgescheuert wurde, als er mit Schlagseite einen steilen Abhang hinunterschlitterte. Plötzlich knallten seine Füße auf einen flachen Untergrund und die Knie und Sprunggelenke gaben nach als er mit einem wuchtigen Ruck zum Stillstand kam. Mit verstauchtem Knöchel, scharfem Stechen in der Hüfte und dumpfem Schmerz im Gesäß blieb er halb aufrecht auf der Schräge liegen. Sein Kopf drehte sich und tat übel weh. Er tastete vorsichtig über die Stirn, wo Blut aus einer Schnittwunde sickerte und sich bereits eine große Beule bildete.

Allmählich wurde Seth klar, in welcher Situation er sich befand. Er war offensichtlich in eine Art Bodensenke gefallen und krachend unten angekommen. Zum Glück lief das Loch nicht gerade nach unten und er hatte den Sturz überlebt. Es dauerte eine Weile, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Es gab gerade genug schwaches Tageslicht von oben durch das Loch, um seine Umgebung auszumachen. Er lag in einem muffigen, feuchten und schmutzigen röhrenförmigen Hohlraum mit einem Durchmesser von etwa dreieinhalb Metern. Am Fuß einer steilen Gefällstrecke ruhten seine Füße auf etwas, das eine Holzplattform zu sein schien. Laub- und Zweigreste und Fragmente von moosbedecktem morschem Holz lagen auf der Schräge verstreut. Auf einmal wurde ihm klar, dass er in einen alten Lüftungsschacht gefallen sein musste.

Im letzten Schuljahr hatte er das Kohlebergwerksmuseum mit seiner Schulklasse besucht. Ein pensionierter Steiger hatte sie 250 Meter tief zur Sohle heruntergebracht und erklärt, wie die Kohle abgebaut worden war. Er hatte sie aufgeklärt über die Gefahren von giftigen und explodierenden Gasen und die Funktion von Ventilationsschächten und Wettertüren in den Gängen. Nach der Führung hatten sich die anderen Schüler für die angebotenen Aktivitäten interessiert. Seth zog es eher in die Museumsbibliothek, in der er beiläufig Fotoarchive und ein altes Sicherheitshandbuch durchblätterte. Er hatte schon immer die phänomenale Fähigkeit, alle Arten von Informationen aufzusaugen, und nun kam ihn plötzlich eine von ihm zufällig gelesene Vorschrift in den Sinn: Eine Landeplattform muss an jedem Ort unter Tage installiert werden, an dem eine Leiter gegenüber einer anderen Leiter versetzt ist. Die Neigung und die Plattform hatten den Sturz aufgefangen und ihm das Leben gerettet.

Als er sich umsah, konnte er keine Leitern sehen, aber auf der Schrägstrecke waren zwei Reihen Löcher zu erkennen, die auf eine vorherige Befestigung hinwiesen. Die hölzerne Plattform schien solide genug zu sein, mit stabilen Balken, die in die gemauerte Schachtauskleidung eingebettet waren, aber eine Nassfäule ließ die Beplankung am Rande bereits verfallen.

Obwohl jede Bewegung schmerzte, machte er einen vorsichtigen Versuch, über den Rand des Podests zu spähen, schrak aber sofort mit Entsetzen zusammen. Er schaute in eine schwarze Leere, nur wenige Zentimeter vor sich. Instinktiv sprang er zurück, seine Füße rutschten auf der glitschigen Plattform aus und er schlug mit dem Hinterkopf auf.

Als wäre er von einem Blitz getroffen, durchbohrte ein brennender Schmerz seinen Schädel und versetzte ihn in eine Art Delirium. Vor seinen Augen schossen Sterne in alle Richtungen, schienen sich zu bündeln und zu flammenden humanoiden Formen zu verschmelzen. Als ob ihre ineinander verschlungenen, tanzenden und wiegenden Bewegungen sein ganzes Wesen einfangen würden, konnte er sich dem bizarren Fluss der geheimnisvollen Flammen nicht entziehen. Dann glitten die feurigen Körper, einer nach dem anderen, auf die Mündung des Abgrunds zu und zögerten einen Moment, als wollten sie ihn dazu verleiten, ihnen zu folgen. Er machte die Augen zu, entschlossen, all das Feuerwerk aus seinem Kopf zu verbannen. Mit den Händen vorm Gesicht hielt er sie fest geschlossen, bis der Schmerz nachließ und er seine Gedanken sammeln konnte. Als er sie wieder öffnete, waren die Flammen verschwunden, aber er war immer noch benommen und hatte Schwierigkeiten, klar zu denken.

Den Kopf in die Hände gestützt, versuchte er, sich auf die beste Vorgehensweise zu konzentrieren. Selbst ohne Verletzungen war es unmöglich, die steile und glitschige Steigung zu erklimmen. Das Rufen nach Hilfe schien zwecklos, denn es gab kaum die Chance, dass jemand zufällig vorbeiging. Seit dem Abriss des Zechenhofs wurde der Schlackenpfad nicht mehr benutzt und war teilweise mit Unkraut überwachsen. Die Einheimischen, die mit ihren Hunden spazieren gingen, bevorzugten die eingetretenen Wege am Rande des Moores. Abgesehen davon, war er weit weg in die Büsche gewandert und in seiner unterirdischen Lage wahrscheinlich außerhalb der Hörweite des Pfades.

Der Drang, wieder in den Schacht hinunterzuschauen, war unwiderstehlich, und dieses Mal erblickte er etwas, das wie rostige Metallrohre aussah, die direkt unter dem Plattformsims herausragten. Es war eine Leiter. Es gab kaum Licht, aber er konnte gerade noch einen Sicherheitskäfig und die ersten paar Sprossen ausmachen, die in die pechschwarze Öffnung hinabführten. Die Gedanken, die ihm in diesem Moment durch den Kopf schossen, machten ihm Angst. Welchen Sinn könnte es haben, sein Leben zu riskieren, indem er in eine verlassene Mine hinabstiege?

So rätselhaft wie es war, gab es aber tatsächlich nur eine Leiter nach unten. Was auch immer der Grund dafür gewesen war, die Leiter nach oben zu entfernen, machte es keinen Unterschied für die prekäre Situation, in der er sich befand. Es war nicht möglich, zurück nach oben zu klettern, der Weg nach unten in völliger Dunkelheit war voller Risiken und Ungewissheit, und der Zweck solch eines tollkühnen Unterfangens mehr als fraglich. Wenn es hingegen eine kleine Chance gäbe, einen anderen Weg vom Boden des Schachtes zur Oberfläche zu finden, wäre nicht jede noch so geringe Möglichkeit besser, als darauf zu warten, an Hunger und Durst zu sterben? Was wollten die feurigen Erscheinungen von ihm? War das alles wirklich nur Einbildung? Wollten sie ihm vielleicht den Weg zeigen?

Immer noch unsicher, ob er hinabsteigen sollte, begann er, so laut er konnte, den Schacht hinaufzuschreien. Er rief minutenlang um Hilfe und lauschte zwischendurch auf jede Reaktion. Mit jedem Ruf brummte es zunehmend in seinem Kopf, und nach einer erfolglosen halben Stunde entschied er spontan, die Leiter hinunterzusteigen.

Sein verstauchter Knöchel schwoll an, aber die Schmerzen waren noch erträglich. Vorsichtig öffnete er seine Hose, um sich die Verletzung an seiner Hüfte anzusehen. Die Haut war stark aufgeschürft und, soweit er sehen konnte, begann sich die Haut, um sein Gesäß herum, dunkel zu verfärben. Zum Glück schien nichts Schlimmeres passiert zu sein.

Sobald das Wirbeln und die Schmerzen in seinem Kopf genug nachgelassen hatten, um den Abstieg zu wagen, manövrierte er sich bäuchlings in Position. Er tastete mit seinen Füßen nach den Sprossen und senkte sich langsam, bis seine Hände die Leiter festhielten. Das rostige Eisen war klamm, und mehr als einmal hielt er den Atem an, als der verletzte Fuß von einer schleimigen Trittstange abrutschte. Sein Herz schlug heftig in der Brust, als er sich von Sprosse zu Sprosse hinabließ. In der tiefschwarzen Dunkelheit konnte er seine Hand vor Augen nicht sehen und musste jeden Hand- und Fußwechsel auf der tückischen Leiter ertasten. Er zählte jede Sprosse und machte bei jeder dreißigsten eine Pause. Der Abstieg in der feuchtstickigen Luft war anstrengend und quälend langsam, sein Knöchel pochte schon stark und die Schmerzen nahmen zu. Der Schacht schien endlos tief zu sein, und nachdem er vierhundertachtzig Sprossen gezählt hatte, war er völlig abgeschlagen.

Einen Moment lang dachte er, es wäre vielleicht besser, zur relativ sicheren Plattform zurückzukehren. Es würde bestimmt eine Suche geben, sobald er vermisst wurde, und er müsste einfach durchhalten, bis Hilfe eintraf. So wie die Dinge lagen, wusste er aber, dass er bereits zu weit abgestiegen war und ein Versuch, wieder hinaufzuklettern, nicht mehr infrage kam.

Bald schaffte er nur noch zehn Sprossen zwischen den Pausen und dann waren es nur noch fünf. Er hatte rasende Kopfschmerzen und bekam immer wieder Anfälle von Schwindel und Übelkeit. Obwohl ein merklicher Temperaturanstieg zu verzeichnen war, je tiefer er kam, zitterte er am ganzen Körper. Er spürte, wie die letzten Kräfte aus seinen Armen und Beinen verschwanden, bis ihn schließlich eine bleierne Erschöpfung überkam.

In der völligen Abwesenheit von Licht hatte er keine Ahnung von seiner Umgebung. Wahrnehmen konnte er nur andauernde Riesel- und Tropfgeräusche, einen modrig feuchten Geruch und einen leicht wehenden, muffigen Luftzug von oben. Ohne zu wissen, wie weit er noch absteigen musste, und daran zweifelnd, je unten anzukommen, war alles, was er tun konnte, sich an die glitschige Eisenleiter zu klammern und sich mühsam eine Sprosse nach der anderen hinunterzulassen. Ihm war hundeelend, schwebend zwischen dem Willen zu leben oder dem Abdriften ins Nichtsein. In einem Konflikt zwischen Vernunft und Irrationalität war sein Gehirn dabei, den Körper im Stich zu lassen und ihn seinem Schicksal auszuliefern. Als wäre dies der Aufruf, auf den sie gewartet hatten, tauchten die ätherischen Gestalten wieder auf und tanzten in seinem Schädel herum. Waren sie gekommen, um ihn noch mehr zu peinigen oder um ihn zum Durchhalten zu ermutigen?

Sein schlotterndes Bein baumelte, suchte nach der nächsten Sprosse und wurde schlaff, als hätte es den Willen verloren, weiterzumachen. Es gab keine nächste Sprosse. Die Leiter kam zu einem abrupten Ende. Mit einer letzten Anstrengung senkte er den losen Fuß und streckte seine Zehen, soweit er konnte. Sein Herz flatterte und er hoffte verzweifelt, dass er sicheren Boden finden würde, aber er trat nur ins Leere. Unter seinem suchenden Fuß war nichts, worauf er stehen konnte.

Ihm brach der kalte Angstschweiß aus, sein Herz raste und die Magengrube senkte sich. Der Kopf schwebte, als wollte er abheben, um den dem Untergang geweihten Körper loszuwerden. Absurde geistige Verzerrungen verdrängten jede Rationalität. Sein Gesicht schien sich von außen nach innen zu kehren. Augen und Ohren, jetzt wie innere Sinnesorgane, wandten sich den leuchtenden Erscheinungen zu, bis diese wieder dahinschwanden und ihn in der dunklen Surrealität zurückließen.

Als ob ein metamorphischer Strudel seine ganze Substanz in sein Innerstes hineinsog, verblieb eine entleerte Körperhülle, die sich an eine ausgelaufene Leiter klammerte. Leblose Finger, die keinen Halt mehr hatten, ließen den hohlen Korpus von der Leiter fallen. Zeit und Raum lösten sich auf, dann gab es nichts mehr.

Kapitel 4 – Die Grubensohle

Als Seth wieder zu sich kam, befand er sich noch immer in einer totalen Schwärze, zusammengekauert und stöhnend auf nassem, hartem, unebenem Boden. Wie ein Haufen Elend lag er eine Weile dort und kämpfte gegen das Durcheinander in seinem Kopf. War er an der Grubensohle oder in der Finsternis des Totenreichs angekommen?

Nachdem er einigermaßen wieder zu Sinnen gekommen war, konnte er die Lage einschätzen. Es war ihm jetzt klar, dass die Ursache all der Halluzinationen, verwirrten Gedanken und Handlungen die Folge einer Bewusstseinsstörung war, die durch eine schwere Gehirnerschütterung verursacht wurde. Jetzt, mit etwas klarerem Kopf, konnte er seine absurde, von ihm selbst hervorgerufene Situation überdenken. Zweimal war er in einen Minenschacht gefallen und hatte irgendwie überlebt. Aber selbst unter Berücksichtigung des Schlags auf den Kopf fragte er sich, wie er so dumm gewesen sein konnte. Es erforderte nicht viel Überlegung, um zu erkennen, dass er am Boden des Schachtes ohne Licht keine Orientierung haben würde. Dies war eine stillgelegte Mine, nicht das Bergwerksmuseum mit Beleuchtung für die Besucher. Bei all den Unvereinbarkeiten musste es irgendeinen Grund gegeben haben, warum er so gedankenlos der Verlockung der anthropomorphen Flammen gefolgt war. Hatte irgendein Schicksal ihn dazu verleitet? Ob durch Leichtsinn oder Bestimmung, er hatte sich in diese unmögliche Situation gebracht, und das Einzige, was er letztendlich tun konnte, war, einen anderen Weg zurück nach oben zu finden.

Mit seinem Gewicht auf dem guten Fuß rappelte er sich hoch. Wie in einem Blinde-Kuh-Spiel hielt er seine Arme geradeaus vor sich in die Dunkelheit, aber es gab nichts zu fangen in der lichtlosen Leere. Nur ein leises Plätschern durchbrach die schwarze Stille. Nachdem er sich um neunzig Grad gedreht hatte, spürte er nasse Spritzer auf seinen ausgestreckten Händen. Er machte einen vorsichtigen Schritt nach vorne und berührte schon die verfugten Ziegelsteine einer gebogenen Wand. Glücklich, etwas Halt gefunden zu haben, stützte er sich ab und spürte, wie kalte Flüssigkeit durch seine gespreizten Finger lief.

Stein für Stein tastete er sich an dem Mauerwerk entlang, bis sein Arm an ein Hindernis stieß: Ein vertikaler Rundstab, der sich hölzern anfühlte. Es gab horizontale metallische Querstangen und einen zweiten Rundstab. Mit beiden Händen folgte er den Stäben nach unten und stellte fest, dass sie mit etwas wie stabilen Eisenhalterungen etwa einen Meter über dem Boden an der Wand befestigt waren.

Es war das untere Ende einer Leiter. Obwohl er sich noch elendig fühlte, stahl sich unwillkürlich ein ironisches Lächeln in sein Gesicht. Die Ironie war, dass sein tastender Fuß nur eine Handbreit vom sicheren Boden des Schachtes entfernt gewesen sein musste, als er ohnmächtig wurde. Er fragte sich, warum die Leiter am untersten Ende aus Holz war und warum sie nicht bis zum Boden reichte. Vielleicht hatte es damit etwas zu tun, dass hier unten viel Wasser war, aber das schien jetzt sowieso nicht weiter wichtig zu sein.

Obwohl es stockdunkel war, schloss er instinktiv die Augen, um sich besser darauf zu konzentrieren, was als Nächstes zu tun war. Da er nichts sehen konnte, waren seine anderen Sinne, besonders das Hören und Riechen, geschärft. Jedoch hatte er außer einem schmutzig feurigen Geruch und gelegentlichen Plätscher-, Knack- und Zischgeräuschen keinen Hinweis auf die Beschaffenheit seiner Umgebung. Nur anhand seines kurzen Besuchs unter Tage im Museum hatte er überhaupt eine Vorstellung, wie diese aussehen könnte. Als er einen leichten Durchzug auf seiner Haut verspürte, entschied er, sich weiter an der Wand entlang, der Zugluft nach, zu bewegen. Da die Luft im Schacht nach unten zog, müsste es irgendwo auch eine Luftströmung nach oben geben.

Die Oberfläche der Wand war inzwischen glitschig und felsenartig. In regelmäßigen Abständen waren stabile, scheinbar hölzerne Pfosten eingesetzt, die nur Grubenstempel sein konnten. Während er weiterhumpelte, prüfte er mit jedem Schritt, ob mögliche Löcher im Boden oder andere Gefahren lauerten. Dann hielt er an und blieb ganz still stehen.

Hatte er in der Ferne ein schwaches Licht und gedämpfte Stimmen wahrgenommen oder waren dies wieder Halluzinationen in Folge seiner Gehirnerschütterung? Die Mine war vor mehr als dreißig Jahren geschlossen worden und aus welchem Grund sollte jemand hier unten sein. Als er den Atem anhielt, verstärkte sich das rasende Herzklopfen in seinem Brustkorb. Das Licht war noch schwach, schien sich jedoch zu bewegen, und er konnte jetzt definitiv die Stimmen von wenigstens zwei Männern erkennen, die sich näherten. Er versuchte, in Richtung der Stimmen zu rufen, doch sein Hals war zu trocken. Heraus kam nur ein krächzendes, schwaches „Hallo, wer ist da?“.

Das Licht und die Stimmen kamen näher und nach wenigen Minuten erschienen drei dämmerhafte Gestalten aus der Dunkelheit. Alle drei hielten Lampen, die nur ein schwaches Licht ausstrahlten, gerade genug, um fahle Schatten zu werfen. Er konnte schemenhaft einen niedrigen und düsteren Stollen mit Holzstützen und Dachbalken ausmachen. Die Männer, mit ihren kohleverschmierten Gesichtern, trugen Stoffmützen und schmutzige, zerlumpte Kleidung. Sie richteten sich nun auf, als sie die höhere Strecke betraten, wo Seth neben der rauen Steinwand des Ganges hockte.

Der größte der drei kam auf ihn zu. „Verdorri nomma“, rief er mit schroffer Stimme, „Wat machs du denn hier, so weit weg vom Streb? Komma her, Albert, damit wir sehn können, wer et is. Billy, wat hängse so weit zurück, komm inne Gänge und gib uns Licht.“

Als sie vor Seth standen, hielten sie ihre Lampen hoch, um zu sehen, wen sie so weit draußen in dem alten Teil der Mine gefunden hatten. Ein kleinerer, älterer Mann trat vor. „Is nur son Junge, der sieht schlecht aus und hat ne Riesenbeule aufn Kopp. Den habe ich hier nonnie gesehen. Wie bisse hier runnergekommen, Jung?“

Seth sagte seinen Namen, und dass er im alten Dorf wohnte. Dann erzählte er, wie er in den Schacht gefallen und die Leiter heruntergeklettert war. Er bemerkte, wie sie einander verstohlene Blicke zuwarfen, als ob sie seine Geschichte etwas zweifelhaft fanden. Der große Mann packte Seth mit einer starken, schmutzigen Hand am Arm. „Jau ey, komma am besten mit uns mit, die Strecke runner zum Obersteiger.“

„Ey, Arthur, der hat Malesse mit seinem Fuß“, sagte der Mann namens Albert. „Gib mir dein Arm, Jung, ich helf dir.“ Er reichte seine Lampe an Billy, einen stämmigen Burschen mit besonders zerlumpter Kleidung, und half Seth auf die Beine. Albert schien freundlicher zu sein als die anderen beiden und als Seth sich einhakte, sprach er ihn direkt an: „Ich habe nicht erwartet, dass sich jemand in der Grube befindet, was machen Sie hier unten?“

Billy lachte und ahmte ihn nach: „Wat machen wir hier unten, bis du blöd, oder wat?“

Albert beantwortete seine Frage: „Wir sind auf Kontrolle. Is hier unten schwer am Knirschen im Gebälk, müssen schauen, dat die Stempel nich zusammenkrachen. Aber dat du hier im Alten am rumspöken bis!“ Er grinste Seth an. „Der Billy dachte ers, du wärsn Gespenst.“ Dann nickte er in Richtung des großen Mannes.

„Der Arthur, dat is unsern Vorarbeiter.“

Arthur sah sich den geschwollenen Knöchel an und meinte, es wäre besser, sich darum zu kümmern, bevor sie aufbrachen.

Albert sagte, Seth solle seinen Schuh ausziehen, und forderte Billy auf, mit seiner Lampe auf den verletzten Fuß zu leuchten. „Donnerlüttchen! Wat has du da dolles anne Füße“, rief er erstaunt, „schau dich de dufte Schuhe und Socken an, du mussn fein Pinkel sein.“ Er zog seinen schmutzigen Schal vom Hals und tränkte ihn im Wasser, der aus einem Spalt in der schwarzen Wand tropfte. Der Schal wurde fest um die Schwellung gewickelt und ordentlich um den Spann gebunden. Während er sich um den Knöchel kümmerte, erzählte er, dass er an einem Rettungskurs teilgenommen hatte, der Bergleuten erst seit kurzem angeboten wurde. Voller Stolz ergänzte er, dass er eine Medaille und eine Urkunde erhalten hatte.

Seth versuchte, sich nichts von den Schmerzen anmerken zu lassen, als er vorsichtig seine Socke über den Verband stülpte und mit gelockertem Schnürsenkel seinen Schuh wieder anzog. Albert steckte das Ende des Schals sauber fest und meinte, das sollte erst einmal reichen. Seth humpelte zwischen den beiden Älteren, und Billy ging mit einer Lampe in jeder Hand voraus.

Seth dachte zurück an das Bergwerksmuseum. Der Steiger hatte ihnen diese alten Davy-Sicherheitslampen gezeigt, während ihre Helme elektrisches Licht gehabt hatten. Er wunderte sich, dass die drei Männer keinen Kopfschutz und nur die alten Lampen trugen. Obwohl er keinerlei Interesse hatte, sich mit ihnen zu unterhalten, machte er dennoch eine entsprechende Bemerkung über ihre Ausrüstung.

„Du bis vielleicht en Schlauberger“, schnappte Billy, blickte über seine Schulter und sah Seth missmutig an. „Der Direktor is der einzige mit sonner Wunderlampe. Hier bei uns im Pütt hat nimma der Obersteiger son Ding.“