Seuchenvogel - Jakob Hönsch - E-Book

Seuchenvogel E-Book

Jakob Hönsch

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Beschreibung

Trotz seiner sportlichen Erfolge und einer vorzeigbaren Hülle ist Bastian beziehungstechnisch ein Versager. Und so gerät sein eh schon chaotisches Studentenleben vollends aus den Fugen, als er nach einem harmlosen Unfall im Krankenhaus landet und auf seine absolute Traumfrau trifft. Um überhaupt eine Chance bei der attraktiven Medizinstudentin Mala zu haben, muss er die Dienste seines selbstverliebten Studienkollegen Mike in Anspruch nehmen. Doch damit fangen die Probleme erst richtig an und Bastian stolpert von einem Fettnäpfchen ins nächste.

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Seitenzahl: 382

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Für den echten Jakob – bis zum Himmel und noch viel weiter!

Kapitel:

Notfall 1

Kulturaustausch

Gesichtspullover

Kurierdienst

Offenbarung

Heimatbesuch

Wareneingang

Turner-Party

Durchsuchung

Mai-Tai

Überschläge

Matze

Hangover

Hallenreinigung

Deutzer Kirmes

Anruf

Hotel Timp

Dämmerung

Wiedersehen

Prüfung

Notfall 2

I

Kopfschmerz. Nichts, als lautes, pochendes Dröhnen. In seinem Schädel wummerte es wie in einer schlechten Dorfdisco. Klare Gedanken: Fehlanzeige. Wo zum Henker hatte er die Bandagen verschlampt? Und wo war die Trainingshose? In wenigen Minuten begann bereits der Schwerpunktkurs Turnen, doch Bastian suchte immer noch verzweifelt nach den notwendigen Utensilien. Beim Blick auf die Dreckwäsche und das verschwitzte Sportzeug in der Ecke seines Zimmers dachte er unwillkürlich an einen Streik der Kölner Abfallwirtschaftsbetriebe, immerhin lag der letzte Heimatbesuch schon wieder vier Wochen zurück. Während er notgedrungen aus dem unteren Stapel eine verwaschene Baumwollhose zog, rekonstruierte er die letzte Nacht: nach dem Training waren sie zunächst in die Bar des Studentenwohnheims eingekehrt, ehe Mike den Vorschlag machte, noch weiter in die Stadt zu ziehen - schließlich servierte Biggi donnerstags Cocktails für nur vier Euro. Wie spät es letztendlich wurde, wusste Bastian genauso wenig, wie die Art der Heimkehr. Der Inhalt seines Portemonnaies und sein starker Brummschädel deuteten jedoch darauf hin, dass Mike mit ihm wieder mal alle gelisteten Longdrinks hintereinander ausprobieren wollte. Während der Verführer anstelle eines Katers mit der von ihm als `fabulösen Thekenschlampe´ titulierten Biggi das warme Bettchen teilte, musste Bastian innerhalb kürzester Zeit seinen Geist und Körper beflügeln. Ausgerechnet heute sollten die Kür-Übungen vor der großen Praxisprüfung gezeigt werden – und diese Note war maßgeblich für sein Examen. Neun Semester studierte er nunmehr an der Sporthochschule, und im Gegensatz zu seinen ehemaligen Erstsemester-Kollegen hatte er noch immer nicht mit der Diplom-Arbeit begonnen – geschweige denn ein Thema gefunden. Stattdessen genoss er die Freiheit, den Fängen seiner Mutter und der spießigen westfälischen Heimat entkommen zu sein. Die Extras seines Studium finanzierte er sich als Torwart in der Verbandsliga – trotz seiner gerade mal 1,83 m galt er wegen seiner Sprungkraft, Reaktionsschnelligkeit und Strafraumbeherrschung als extrem wichtiger Rückhalt seiner Mannschaft und wurde nicht ohne Grund von seinen Mannschaftskollegen mit der Kapitänsbinde bedacht. Doch heute ging es nicht um das vergleichsweise einfache Spiel mit einem verklebten Kunststoffball, sondern um das riskante Zusammenwirken von Koordination, Kraft und Erdanziehung in Verbindung mit furchteinflößenden Turngeräten.

Bastian streifte sich schnell ein T-Shirt über, legte zwei Aspirin auf die Zunge und kippte kalten Kaffee vom Vortag hinterher. Die Tür zum Nachbarzimmer war noch verschlossen, hier träumte sein japanischer Mitbewohner Hiromitsu Okoshi ganz offensichtlich von der Heimat und sägte dabei den gesamten Baumbestand Hokkaidos ab. Hiro, so sein Spitzname, sollte als Austauschstudent der Partner-Universität Nittaidai eigentlich an der Sporthochschule die deutsche Fußball-Lehrer-Ausbildung absolvieren, frönte stattdessen aber vielmehr dem süßen Leben jenseits des japanischen Hochschul-Drills. Zu Zweit bewohnten sie ein Appartement im Turm - dem großen, 27-stöckigen Wohnheim direkt neben dem Campus. Und diese Nähe war für Bastian Fluch und Segen zugleich. Zum einen ermunterte es ihn, immer auf den letzten Drücker zu seinen Kursen zu gelangen, auf der anderen Seite bestand die Gefahr, dass einer oder mehrere Aufzüge ausfielen – und er mal wieder die Arschkarte gezogen hatte.

Sichtlich angeschlagen betrat er eine Minute vor Kursbeginn die 300m entfernte Halle 21. Nachmittags trainierten hier die Cracks: hochklassige Turnerinnen und Turner, deren durchtrainierte Körper immer wieder Scharen von Schaulustigen auf die Tribüne lockten. Am Vormittag aber mühten sich die weniger Begabten an den Geräten, die Turnen als eines ihrer Pflichtfächer im Sportstudium belegen mussten. Da gerade in den Grundkursen die Versuche eher ungelenk und fast selbstzerstörerisch wirkten, war auch den normalen Studenten besonders in der Mittagszeit ein großes und begeistertes Publikum sicher, zumal die Mensa nur einen Steinwurf entfernt lag.

„Na Du Sprungwunder, was macht Deine Schlussbahn?“

Bastian war sich unsicher, ob die Begrüßung von Olli, dem Star des Kurses, wirklich freundlich oder doch eher ironisch gemeint war. Jedenfalls verursachte die Erkundigung nach seiner Boden-Kür zusätzlich zum Kopfschmerz noch einen leichten Brechreiz. Bei den letzten Versuchen, die Kombination Radwende - Flick-Flack - Salto rückwärts sauber zu stehen, landete er jeweils unsanft auf dem Hintern. Die daraus resultierenden blauen Flecke provozierten beim Duschen schon einige süffisante Kommentare.

„Wusste ja noch gar nicht, dass Du der kleine Bruder von Peter Lustig bist…“ - Bastian fand es ungerecht, dass seine todesmutigen Aktionen an lebensfeindlichen Geräten von Bundesliga-Turnern wie Olli nur müde belächelt wurden - „Du wirst Dich noch wundern, bei der Prüfung stehe ich wie ´ne Eins!“

Olli musste grinsen und streichelte ihm dabei fast zärtlich über den Rücken. „Mach Dir nichts draus. Wäre Turnen einfach, würde es Fußball heißen“. Olli war ein nahezu glatzköpfiges Kraftpaket mit Oberarmen wie anderer Leute Oberschenkel. Der Anblick seines von definierten geraden und schrägen Bauchmuskeln durchzogenen, V-förmigen Oberkörpers hätte jeden antiken Bildhauer in Ekstase versetzt. Er hingegen hatte nach vielen Zerrungen, Hautabschürfungen und Blasen immer wieder bereut, diesen Kurs als zweiten Schwerpunkt neben seiner Hauptsportart Fußball gewählt zu haben. Andererseits konnte er sich dank spezieller Übungen extrem in Sachen Kraft und Koordination verbessern, was ihm als Torwart sehr gelegen kam.

„Also Jungs, bevor wir heute noch mal alle Eure Übungen durchgehen, starten wir das übliche Programm mit Aufwärmen und Dehnen.“ Kursleiter Eduard Knirsch war ein Turner von altem Schrot und Korn: ein ehemaliges Nationalmannschafts-Mitglied, gerade mal 1,65m groß, und trotz seines bevorstehenden Ruhestands noch immer muskelbepackt und drahtig. Für ihn war es selbstverständlich, seine Schutzbefohlenen zu duzen, er selbst wollte aber mit „Sie“ angeredet werden. Die Studenten hatten Achtung und Respekt vor dem jung gebliebenen Brillenträger – immerhin konnte er gnadenlos zynisch sein, im Falle eines Falles seinen „Jungs“ aber auch noch vormachen, wie die Übungsteile richtig auszusehen hatten. Auch deshalb wurde er seit Studenten-Generationen liebevoll Ede genannt.

„Um Euch das Warmmachen etwas zu erleichtern, leg ich mal ´ne CD ein, die Euch gefallen müsste. Die folgenden 5 Minuten will ich alle auf der Bodenfläche in Aktion sehen. Bringt mal schön Eure Muskeln auf Betriebstemperatur“. Und schon dröhnten die Sex Pistols durch die Halle…

Die 16 anwesenden Kursteilnehmer begannen langsam, aber stetig schneller, zum Punk von Sid Vicious zunächst mit Traben und Armkreisen die Müdigkeit aus dem Körper zu treiben. Animiert von Bernd, einem Skirennläufer, fingen einige plötzlich an, zu hüpfen und Pogo zu tanzen. Ede Knirsch sah solche Art von Aufwärm-Gymnastik nicht ungern, war ihm doch nichts mehr verhasst, als stupides, langweiliges Warmmachen nach Plan. Auch Bastian begann nach langsamen Laufen rund um die 12 mal 12 Meter große Bodenfläche zunächst zögerlich, dann aber immer höher und weiter, im Sprung den Kontakt zum Nebenmann zu suchen. In unmittelbarer Nähe erblickte er Bernd und verständigte sich mit ihm per Blickkontakt zu einem Slam. Und schon krachten die beiden – Oberkörper an Oberkörper – in der Luft zusammen. Doch dabei traf ihn noch mehr: Bastian verlor das Gleichgewicht und stürzte bei der Landung auf den Wettkampfboden. Irgendetwas pochte rhythmisch in seinem von der letzten Nacht eh schon mitgenommen Schädel. Er nahm die Hände vom Kopf und war kurz davor, sich übergeben zu müssen: in die Handflächen ergoss sich eine warme, dunkelrote Blutlache. Bernd hatte ihm unfreiwillig einen zusätzlichen Kick mit dem Kopf mitgegeben – und eben dieser traf ihn an seiner empfindlichsten Stelle: der Schläfe. Sofort stoppte die Musik in der Halle.

„Sag mal, spinnt ihr? Ihr solltet Euch aufwärmen, aber nicht eliminieren!“ Ede war stocksauer. Zwar kam es immer wieder vor, dass gerade im Turnkurs Verletzungen auftraten, aber dann bei schwierigen Übungsteilen und nicht beim eigentlich lockeren Aufwärmen.

„Bevor Du die ganze Bodenmatte zusaust, komm schnell an den Rand. Zeig mal die Wunde…“ Ede´s Wut wich einer gewissen Besorgnis. Auch Bernd stand ziemlich niedergeschlagen neben seinem Opfer – genau wie Olli.

„Trainer, lassen Sie mal, das geht schon wieder. Ich kühl das ein bisschen, und dann mach ich weiter“. Seit Bastian vor fünf Jahren aus seinem verschlafenen Heimatnest im Münsterland in die rheinische Metropole zog, wollte er alles hinter sich lassen und den starken Mann markieren. Doch heute hatte er die Rechnung ohne seinen Kursleiter gemacht.

„Kommt gar nicht in Frage. Du blutest ja wie ´ne abgestochene Sau. Wir machen jetzt ´ne Kompresse drauf und dann rufe ich den Krankenwagen.“ Bastian kannte Ede nur zu gut, um zu wissen, dass jede Widerrede zwecklos war. Also ließ er sich verarzten und wartete mit der kühlen Kompresse am Kopf auf das Eintreffen der Sanitäter.

Während sich seine Kollegen an Boden, Barren und Ringen mit ihren Kür-Übungen abmühten, war er angesichts der letzten Nacht sogar heilfroh, diesen Strapazen entkommen zu sein. Stattdessen träumte er von der zukünftigen Meistersause seines neuen Klubs. Aufgrund der kräftezehrenden Doppelbelastung mit Studium im Rheinland und Fußballspielen im Münsterland trennte er sich vor anderthalb Jahren von seinem Heimatverein SuS Stadtlohn und suchte sich einen neuen leistungsstarken Klub in Köln. Den fand er ausgerechnet in dem an die Sporthochschule angrenzenden Stadtteil beim FC Junkersdorf. Bereits in seiner ersten Saison verdrängte er die bisherige Nummer 1 und stand nun mit seinen Mitspielern kurz vor dem Aufstieg von der Verbandsliga in die Oberliga. Aus den verbliebenen 3 Saisonspielen benötigten sie nur noch 4 Punkte, was im Erfolgsfall mit einer einwöchigen Meisterfeier an den Ballermann belohnt werden sollte. Bastian hatte keinen blassen Schimmer, woher das Geld dafür stammen sollte, erfuhr aber hinter vorgehaltener Hand, die Gönner seien wohlhabende Fans, die aus steuerrechtlichen Gründen anonym bleiben wollten. Trotz seiner Verletzung und des immer noch pochenden Kopfschmerzes war Bastian mit sich und seinem Spoho-Dasein äußerst zufrieden. Da riss ihn ein lautes Tatütata jäh aus den Träumen von Sommer, Sonne und Sangria...

„Bastian, Dein Taxi ist da. Mach, dass Du fortkommst. Und nächstes Mal setzt Du Deinen Kopf hier im Kurs etwas sinnvoller ein.“

„Alles klar, Trainer! Ich bin dann mal weg.“ Bastian nahm seine Sporttasche und schlurfte langsam nach draußen. Da sah er einen großen Rettungswagen mit Blaulicht auf den Halleneingang zurasen. Als der Fahrer mit quietschenden Reifen direkt vor ihm eine passable Vollbremsung hinlegte und ein Rettungssanitäter aus dem Wagen sprang, wusste er nicht, ob er sich vor Lachen in die Hose machen oder vor Scham im Boden versinken sollte.

„Nur die Ruhe!!!“ - Bastian versuchte angestrengt, trotz Verletzung ultracool zu wirken - „Ich glaube, Ihr seid meinetwegen hier.“

„Unmöglich. Uns wurde ein Notfall aus der Halle 21 gemeldet.“

„Und dieser vermeintliche Notfall bin ich. Wenn ich mich kurz vorstellen darf: Bastian Lückemeyer, Fußballer und Teilzeit-Turner.“

„Ich glaub, ich spinne. Da schicken die durch eine Fehlinformation den großen RTW raus und verballern so mal wieder einige hundert Euro für Nichts! Du hättest doch locker von einem Freund ins Krankenhaus gebracht werden können“. Die Zahl der Zornesfalten im Gesicht des Sanitäters nahm bedenklich zu.

„Ganz meine Meinung. Aber verklickern Sie das mal unserem Kursleiter…“

„Und was ist, wenn es jetzt irgendwo einen richtigen Notfall gibt?

Dann fehlt ein Rettungswagen! Was ist denn überhaupt passiert?“

„Ich hab beim Warmmachen einen ziemlichen Schlag auf den Kopf bekommen und danach tierisch geblutet. Ganz einfach und unspektakulär.“

„Ob das unspektakulär ist, lass mal meine Sorge sein. Zeig erst mal das corpus delicti“. Der Sani nahm die Kompresse von Bastians Kopf und sah sich die Wunde an. „Tatsächlich nichts Dramatisches.“ Bastian grinste. „Sag´ ich doch!“

Der Sani reagierte zunehmend gereizt auf die ungewohnt vorlaute Art. „Pass´ mal auf, Du Held. Es braucht zwar nur ein paar kleine Stiche, um die Wunde zuzunähen, aber ich bezweifle, dass Du dann noch immer eine so große Klappe hast. Immerhin erhältst Du so ein nettes Andenken an diesen wundervollen Tag“.

„Ha, Ihren Sarkasmus für Arme können Sie sich sparen. Schließlich habe ich mir die Verletzung weder selbst zugefügt noch den Krankenwagen gerufen.“

Auf der kurzen Fahrt von der Sporthochschule zum St. Elisabeth-Krankenhaus herrschte eisiges Schweigen an Bord des Rettungswagens. Bastian saß vorne neben dem Sanitäter, während der Zivildienstleistende am Steuer ganz gemächlich den Militärring in Richtung Dürener Straße fuhr. Am Klinikum in Hohenlind angekommen, wies ihm der Sani den Weg in einen Behandlungsraum.

„Zwar bist Du ja ganz offensichtlich kein Notfall, da wir aber wegen eines Unfalls an die Sporthochschule gerufen wurden, wirst Du hier schon erwartet. Zunächst brauchen wir noch ein paar Angaben zur Person und zum Unfallhergang, ehe sich dann der behandelnde Oberarzt um Dich kümmert. Bis dahin mach es Dir hier schon mal gemütlich, auch wenn wir leider keinen Kaffee oder Kuchen anbieten können…“

Bastian ging dieser verklemmte Typ mit seinem Frust über den Fehl-Alarm tierisch auf die Nüsse. „Macht nichts, Chef. Ein Glas Kölsch und ne´ Frikadelle tun´s auch…“

Die Gesichtsfarbe seines neuen Freundes verfärbte sich beängstigend rot, die aus dem Nichts hervorgetretenen Schläfen pochten wie wild. Kurz bevor sie zu zerbersten drohten, verhinderte eine barmherzige Samariterin Schlimmeres.

„Ist das der Notfall von der Sporthochschule?“

„Ja, bei einem Stoß an den Kopf hat er nicht nur Blut, sondern wohl auch einen Teil seines Großhirns verloren. Und wegen so eines Rotzbengels wurde der Rettungswagen gerufen. Unverschämtheit…“ Wütend zog der Sani von dannen.

„Na, das klingt ja nach wahrer Liebe! Dann wollen wir uns diesen Sanitäter-Schreck mal etwas genauer anschauen.“

Zunächst war Bastian lediglich verwirrt; beim Blick in Richtung der nassforschen Helferin verschlug es ihm jedoch die Sprache.

Vor ihm stand – nein, schwebte ein Wesen wie von einem anderen Stern. Eine Elfe mit hochgesteckten blonden Haaren, die bei Bastian sofortiges Herzrasen verursachte. Sie machte nicht den Eindruck einer Schwester oder gar Ärztin, auch wenn sie eine strenge, rechteckige Brille und einen gestärkten weißen Kittel über ihrer Jeans trug. Bastian schätzte, dass sie maximal 25 Jahre alt sein konnte. Die Grübchen an den Wangen und Mundwinkeln signalisierten ihm, dass sie definitiv kein Kind von Traurigkeit war. Sie fixierte ihn mit wachen blauen Augen und forderte auch ohne entsprechende Frage eine Erklärung. Bastian musste schlucken, sein Rachen wurde trocken und ihr Anblick ließ ihn schwindeln. Der Kopfschmerz kam zurück und er fühlte sich animiert, die Mitleidsnummer zu fahren.

„Ähem… ich hab´ ´ne große, offene Wunde am Kopf und – glaub´ ich – ziemlich viel Blut verloren. Können Sie mir bitte helfen?“

Ihre Anwesenheit verunsicherte ihn. In Millisekunden hatte sich ihr Gesichtsausdruck in sein tiefstes Unterbewusstsein eingebrannt. Nie zuvor hatte er eine so selbstbewusste und zugleich attraktive Perle getroffen, auch wenn es an der Sporthochschule von gut aussehenden Studentinnen nur so wimmelte. Er konnte sich nicht erinnern, wie oft er schon die Einführungsvorlesung in Anatomie und Physiologie besucht hatte, nur um aus der 1. Reihe des Hörsaals - mit dem Rücken zum Dozentenpult – die neuen weiblichen Erstsemester zu begaffen. Sein Spezi Mike, der ihn auf diesen Trichter brachte, nannte das ziemlich despektierlich „Fleischbeschau“.

Mike war der größte Aufreißer auf Erden und somit das totale Gegenteil von ihm. Doch das süße Gift, das er ihm bei seinen Anmachtouren eingeflößt hatte, wirkte. Auch jetzt war es ein innerer Zwang, der seinen Blick von den sich unter dem Kittel abzeichnenden Brüsten über die schlanke Taille bis zu ihren Füßen gleiten ließ. Bastian war ein unübertroffenes Ass darin, die Sportlichkeit des weiblichen Geschlechts allein an deren Fesseln zu erkennen. Und tatsächlich: über ihren weißen Sneakern kamen ausgeprägte Sprunggelenke zum Vorschein, die zumindest vom regelmäßigen Joggen stammen mussten.

Bastians offensichtliche Musterung verfehlte nicht ihre Wirkung, allerdings völlig anders als erhofft.

„Komisch, nach Blutarmut sieht das hier aber gar nicht aus. Nur um eins klarzustellen: ich bin nicht vom psychologischen Dienst, der traumatisierten Sportstudenten wieder auf die Beine hilft, sondern brauche lediglich ein paar Angaben für den Unfallbericht.“

Bastian musste schlucken und schaute wie nach einem selbstverschuldeten Gegentreffer betreten zu Boden. Obwohl er eigentlich dank seines durchtrainierten Körpers, den rehbraunen Augen sowie gewellten dunklen Haaren als Typ Latin Lover durchgehen konnte, verpasste er beim anderen Geschlecht immer den Anschluss. Nach seiner letzten Beziehung und einigen Körben traute er sich kaum noch, ein stinknormales Gespräch zu führen – zu groß war die Angst, sich der Lächerlichkeit preiszugeben. Die im Sportstudium abzuleistenden Psychologie-Vorlesungen brachten ihn zu der Erkenntnis, dass dies wohl mit dem gestörten Verhältnis zu seiner Mutter und seiner sturen westfälischen Art tun haben musste. Dennoch: der Wunsch nach einer Beziehung überwog, auch wenn er keinen Plan hatte, wie man die Theorie in die Praxis umsetzen konnte. Auch deshalb bestand die Verbindung (Bastian sprach ganz bewusst von keiner Freundschaft) zu Mike. Seine Art, Frauen aufzureißen und sich ihrer dann wieder zu entledigen fand er – je nach Stimmungslage – entweder verachtens- oder bewundernswert. Zu gern hätte er Mikes Zaubertricks gekannt, um selber unwiderstehlich zu wirken. Stattdessen probierte er es mangels Alternativen ständig auf die altbackene Tour: Saufen für die Lockerheit - frei nach dem Motto seiner alten Kumpels: „nüchtern bin ich schüchtern, voll bin ich toll!“ Tags drauf wunderte er sich jedes Mal aufs Neue, wieso diese westfälischen Bauernweisheiten keinen Erfolg, sondern immer nur Kopfschmerzen und Ärger einbrachten.

Bastian stammelte ein „…na ja, ist ja eigentlich auch gar nicht soo schlimm“ und wäre am liebsten im Boden versunken. Auch wenn ihm der Begriff zuwider war – dieser `Engel in Weiß´ entsprach zu hundert Prozent seiner Idealvorstellung von einer Traumfrau: sportlich, blond, intelligent, selbstbewusst und vor allem: gutaussehend.

Mit leerem Blick gab er pflichtbewusst Auskunft über seine Person, Krankenversicherung, Hausarzt und den Unfallhergang. Zu gerne hätte er jetzt gewusst, wie Mike an seiner Stelle reagiert hätte. Garantiert mit einem lockeren Spruch auf den Lippen und einem schmachtenden Augenaufschlag, der Frauen jedweden Kalibers dahinschmelzen lies wie Wassereis in der Kalahari. Wenn er doch bloß die letzten Minuten rückgängig machen könnte…

„Na, Frollein Wagner. Was für einen Patienten haben wir denn da?“ Bastian schreckte hoch. Vor lauter Selbstmitleid hatte er gar nicht registriert, wie der Oberarzt samt Assistenten im Schlepptau im Behandlungsraum erschien.

„Oh, Hallo Dr. Schröder. Dieser junge Mann hier heißt Bastian Lückemeyer und hat sich bei einer ziemlich kuriosen Form des Aufwärmens im Turnkurs der Sporthochschule verletzt.“

Peinlich berührt senkte Bastian den Kopf und verpasste so, wie ein flüchtiges Lächeln über ihr bezauberndes Gesicht huschte.

„Und, wie lautet Ihre Diagnose?“

„Oberflächliche, etwa 4 cm lange Platzwunde und ein leichtes Hämatom an der linken Schläfe. Die primär stärkere Blutung konnte mit einem Druckverband gestillt werden. Keine Anzeichen für weitere Verletzungen. Ich würde eine Hautnaht in Lokalanästhesie mit 4 bis 5 Stichen vorschlagen.“

„Sehr gut, Frau Kollegin. Wenn Sie so weitermachen, muss ich mir noch Sorgen um meinen Job machen, haha… Ich freue mich jedenfalls schon auf das Ende ihres Medizinstudiums, damit wir hier unter den Nachwuchskräften endlich mal was Kluges und optisch Ansprechendes vorweisen können.“ Bastian konnte erkennen, wie der Assistenzarzt die Augen verdrehte und eine Faust ballte. „Sie wissen ja, wenn Sie Fragen zu Ihrem Studium haben, stehe ich Ihnen jederzeit zur Verfügung. Und wenn ich jederzeit sage, dann meine ich auch jederzeit!“.

Während der Oberarzt schmachtend seinem aus dem Raum tretenden Objekt der Begierde hinterher starrte, zischte der Assi fast unhörbar „Arschloch“.

Wagner hieß sie also und studierte Medizin. Damit konnte man zumindest schon mal was anfangen und gegebenenfalls Nachforschungen anstellen. Immerhin.

II

Bastian schlief unruhig. Das Pflaster am Kopf nervte und die Gedanken fuhren Achterbahn. Alles vermengte sich zu einem wilden Traum: die Medizinstudentin beobachtete ihn bei seiner Bodenkür und brach in schallendes Gelächter aus, als er bei seiner Abschlussbahn übermotiviert nicht auf dem Hintern, sondern auf dem Hinterkopf landete. Bastian lag benommen auf der Bodenfläche, während um ihn herum der gesamte Kurs und auch die übrigen Zuschauer nicht mehr an sich halten konnten und laut losgröhlten. Bastian versuchte sich zu erheben, aber er konnte nicht. Irgendetwas Warmes, Klebriges hielt ihn gefangen…. Blut! Innerhalb von wenigen Sekunden war die gesamte Matte blutgetränkt, sein Kopf dröhnte, als Ede Knirsch ihn anbrüllte: „Was für eine Sauerei veranstaltest Du denn hier. Hau ab zu Deinem Schwachmatensport und lass Dich beim Turnen nie wieder blicken“. Bastian schaute sich verzweifelt um, aber niemand stand ihm bei. Da erblickte er auf der Tribüne Dr. Schröder. Doch statt Erste Hilfe zu leisten, kümmerte der sich lieber um seine junge Medizinstudentin. Geifernd und sabbernd fingerte er an ihr herum, die durchaus Gefallen daran zu haben schien, auch wenn sie vor lauter Prusten über Bastians Fauxpas kaum noch Luft bekam. Just in dem Moment, als der fürsorgliche Oberarzt seiner ärztlichen Nachwuchshoffnung die `praktische Mund-zu-Mundbeatmung unter besonderem Einsatz der Zunge´ zeigen wollte, wachte Bastian schweißgebadet auf.

Sein Schädel tat noch immer höllisch weh. Wie vorhergesagt, wurde seine Platzwunde im St. Elisabeth-Krankenhaus mit 5 Stichen genäht. Verantwortlich für das „Operatiönchen“ – wie dies Dr. Schröder nannte – war der Assistenzarzt.

Nachdem die Hautlappen wieder zueinander geführt und mit Nadel und Faden fixiert wurden, begutachtete der Chef die Arbeit seines Asis. Jovial gab er Bastian einen Klaps auf den Rücken. „Na ja, junger Freund. Sie werden wohl eine Narbe als Andenken behalten. Aber lassen Sie sich von einem lebenserfahrenen Mediziner wie mir sagen: Männer müssen nicht schön, sondern interessant sein. Und Narben finden Frauen sexy“.

„Darauf kann ich gerne verzichten, das hilft mir in meiner Situation auch nicht weiter. Was viel wichtiger ist: kann ich denn sofort wieder Sport treiben?“

„Auf gar keinen Fall. Abgesehen davon, dass bei der kleinsten Erschütterung die Wunde wieder aufplatzen kann, haben Sie sich beim Zusammenprall wahrscheinlich auch eine leichte Gehirnerschütterung zugezogen. Ruhen Sie sich mal die nächsten Tage gründlich aus und verzichten Sie auf jegliche Form von körperlicher Anstrengung.“

„Und wie lange, bitte schön??“

„Na, ich würde sagen…. für so etwa 2 Wochen.“

„Aber das geht nicht. Ich bin Sportstudent und stehe vor der praktischen Abschlussprüfung im Turnen. Außerdem kämpfe ich mit meiner Fußball-Mannschaft um den Aufstieg in die Oberliga. Die brauchen mich.“

„Was Sie brauchen ist Ruhe. Ich kann nicht verantworten, dass Sie gleich wieder Sport treiben.“

„Und was ist, wenn ich´s doch mache? Sie können es mir ja nicht verbieten!“

„Das ist wohl wahr, immerhin ist das Ihr Risiko und Ihre Gesundheit. Aber ich schreibe einen Vermerk in die Unterlagen, dass Sie für die nächsten 14 Tage krankgeschrieben sind. Sollten Sie sich in diesem Zeitraum irgendwie verletzen, kommt keine Versicherung für Sie auf. Und dann – mein junger Freund – könnte es ziemliche Unannehmlichkeiten geben.“

Es war das zweite Mal an diesem Tag, dass sich Bastian geschlagen geben musste. Wie schon bei Ede Knirsch biss er auch bei diesem selbstverliebten, geifernden Ärzte-Sack auf Granit. Als wäre alles nicht schon schlimm genug, musste er die Hiobsbotschaft nun auch noch seinem Fußballtrainer klar machen. Kurt war zwar eigentlich ein schlichtes Gemüt, hatte aufgrund seiner Volksschul-Vergangenheit aber unverhohlene Vorbehalte gegen „Studierte“. Die folgende telefonische Übermittlung gestaltete sich auch deshalb zu einem der bittersten Momente der letzten Zeit. Statt selbst niedergeschlagen zu sein oder Bastian zu trösten, nahm der alte Haudegen die Mitteilung sportlich locker und verwies auf den hervorragenden Ersatz-Torhüter, was Bastians Wut nur noch mehr steigerte. Bastian wollte – trotz Verletzung – nur noch eins: den Frust ertränken.

Im Studentenwohnheim wurde er im Appartement von Hiro in Empfang genommen. Der schien gerade aufgestanden zu sein, seine sehnigen Füße steckten in ausgelatschten Adiletten und seine Augen waren noch schmaler als sonst.

„Kon-nichi-wa, Basti. Ho, was passiert? Neues Torwart-Look?“

„Deine Faxen kannst Du Dir sparen, Hiro. Hab´ mich beim Turnen verletzt und bin malad.“

„Mala… was???“

„Krankgeschrieben! Kein Fußball morgen.“

„Ohh, sehr schade. Du gar nicht spielst?“

„Ii-e, leider nein. Hast Du eigentlich noch den japanischen Whiskey, den Du vom letzten Heimatbesuch mitgebracht hast?“

„Hai. Du willst trinken? Ist doch erst Morgen…“

„Es ist schon Nach-Mittag, fast schon Abend. Und außerdem: die Uhrzeit spielt heute keine Rolle mehr.“

Hiro huschte in sein Zimmer. Das Appartement dieser Fußballer-WG bestand aus einem gemeinsamen Flur mit Kocheinheit und Schränken, einer kleinen Nasszelle sowie zwei je 8 qm kleinen Räumen.

„Hier. Lecker Nippon-Whiskey. Do-zo!“

„Arrigato, Hiro!“ Bastian schüttete sich ein Glas halbvoll und trank es auf Ex.

„Du sehr durstig….“

„Nee, frustriert. Alles nur wegen einer beschissenen Aufwärmübung und einer wunderschönen Frau. Da fällt mir ein: ich hab´ Dich noch nie gefragt, ob Du in Tokio eine Freundin hast?”

„Hihi – eine? Viele! Und wenn ich bin zurück und Nationaltrainer, dann ich habe große Familie und eigene Mannschaft.“

„Eine eigene Fußballmannschaft?“

„Hihi, ja – eigene. 11 Kinder…“ Hiro strahlte bei dieser Aussage so sehr über das ganze Gesicht, dass außer der kleinen, rundlichen Nase nur noch waagerechte Striche zu erkennen waren.

In Japan war Okoshi-San einst ein bekannter Fußballer in der J-League, bis eine schwere Knieverletzung seine hoffnungsvolle Karriere jäh beendete. Nach Abschluss seines Studiums an der Nippon Taiiku Daigaku, der japanischen Elite-Sporthochschule Nittaidai in Tokio, kam er mit einem Stipendium nach Deutschland, um hier die Fußballlehrer-Lizenz zu erlangen. Den dafür notwendigen Sprachkurs im japanischen Kulturinstitut am Aachener Weiher besuchte er jedoch nur sporadisch – stattdessen studierte er lieber die deutsche Bierkultur und genoss das lange Ausschlafen.

„Und Du, Basti? Wo ist neue Freundin, habe ich noch nicht gesehen….“

„Ich habe keine neue Freundin – und werde wahrscheinlich so schnell auch keine bekommen.“

„Ho, kein Problem. Du Fußballer, in Japan viele Shōjo wollen Fußballer. Fußball Nummer 2, Sumo Nummer 1. Frauen lieben Sumo.“

Allein die Vorstellung, wie eine zarte Asiatin oder gar seine Medizinstudentin mit einem schwitzenden, fettleibigen Sumo-Ringer Zärtlichkeiten austauschte, verursachte bei Bastian Magenkrämpfe. Darauf musste er sich noch einen genehmigen.

„Komische Kultur habt ihr. Kanpai, Hiro“.

„Prost, Basti…“

Nach anderthalb Jahren im Turm verband die beiden mittlerweile eine echte Freundschaft. Um deutsche Sitten und Gebräuche kennen zu lernen, wurde Hiro von Bastians Familie zum letzten Weihnachtsfest in die westfälische Provinz eingeladen. Bastian stammte aus dem Örtchen Gescher, was bei Hiro aufgrund der phonetischen Ähnlichkeit mit der japanischen Geisha beim ersten Hören einen Lachkrampf verursachte. Ein immer lächelnder und sich verbeugender Japaner unter Gummistiefel-Trägern – das sorgte noch lange für Gesprächsstoff in der tiefsten westfälischen Walachei. Während er seinem Mitbewohner gelegentliche Nachhilfe in Deutsch gab, lernte Bastian im Gegenzug einige Brocken japanisch. Kurzfristig hatte er sogar geliebäugelt, für zwei Semester als Austauschstudent nach Tokio zu gehen. Aber im Auslandsamt der Sporthochschule hatte man seinen Wunsch nur mitleidig belächelt. Statt der Antragsformulare bekam er einen Stapel Briefe von anderen Studenten zu lesen, die diesen Schritt tatsächlich gewagt hatten. Bereits nach den ersten Zeilen erkannte er die Idiotie seiner Überlegungen. Bei minderjährigen Kindern hätten die Eltern wahrscheinlich keine Sekunde gezögert, ihre Liebsten sofort wieder nach Hause zu holen – so sehr trieften die Auslandsnachrichten von verzweifeltem Heimweh: frühes Aufstehen, Ausdauerläufe, Schrubben, Putzen, militärischer Drill, Training den ganzen Tag und Schlafen in 4-Bettzimmern waren nicht vergleichbar mit den geradezu paradiesischen Zuständen in Köln. Und auf die wollte Bastian auf keinen Fall so schnell verzichten.

Nach zwei weiteren Whiskey verabschiedete er sich in die Kneipe des Wohnheims - die bezeichnenderweise `Doping´ hieß -, um sich in aller Ruhe im Pay-TV das Auswärtsspiel des 1. FC Köln anzuschauen. Zwar waren Westfalen je nach Herkunft meist Anhänger von Borussia Dortmund oder Schalke 04 – abgesehen von der besonders sturen Variante der Ostwestfalen, die auf Arminia Bielefeld standen - doch er konnte sich dem Reiz des Geißbock-Klubs nicht entziehen. Aus geografischen Gesichtspunkten war dies eigentlich auch gar nicht anders möglich: das ehemalige Müngersdorfer Stadion, der Fußballtempel des FC, lag nur einen Steinwurf vom Turm entfernt. Außerdem trug sein eigener Verein, der FC Junkersdorf seine Partien genau neben dem Stadion in der Ostkampfbahn aus. Bastian versuchte, wenn er nicht selber spielen musste, so oft wie möglich die Heimspiele des „Eff-Zeh“ auf der Südtribüne zu verfolgen. Er liebte die einzigartige Atmosphäre dort, vor allem die 30 Minuten vor Spielbeginn. Mit gefühlvollen Fangesängen und Karnevalsliedern kam richtiggehende Champions-League-Stimmung auf, die meist für die folgenden 90 Minuten zähen Kickens auf dem Rasen entschädigte. In Köln hatte man nach Bastians Meinung in Sachen Fußball einen extremen Hang zur Dramatik: „der echte Kölsche liebt den FC voller Leidenschaft, auch wenn der ihm immer wieder Leiden schafft“. Auch an diesem Abend war von den großspurigen Versprechungen, bald wieder zur Elite des bundesdeutschen Fußballs zu zählen, nichts zu spüren. Nach der 1:3-Niederlage beim HSV standen 3 Weizen und 2 Kurze auf Bastians Deckel.

Zurück im Appartement vernahm er aus dem Nachbarzimmer Kichern und vor allem lautes Schlurfen. Hiro hatte andere japanische Austauschstudenten eingeladen – wahrscheinlich gab es wieder mal Ramen, die traditionelle japanische Nudelsuppe. Bastian hatte sich daran gewöhnen müssen, dass lautes Schlurfen beim Essen in Japan zum guten Ton gehörte. Überhaupt war so vieles anders und gewöhnungsbedürftig im alten Kaiserreich – besonders die Rolle des Mannes in der Gesellschaft. Die Emanzipation gehörte jedenfalls noch nicht zu den Errungenschaften im Technik-Wunderland, wie er aus vielen Gesprächen mit Hiro und seinen Freunden erfahren hatte. Andererseits hatte man in diesem traditionsbewussten wie modernen Land eine unglaubliche Hochachtung vor „Doitsu“ und „Made in Germany“. Bastian schauderte bei dem Gedanken, dass Hiro fast all die deutschen Volkslieder auswendig konnte, die er nach der Grundschule sofort wieder vergessen hatte. An diesem Abend war er aber zu müde und betrunken, um noch auf eine kleine Kulturlektion und einen Sake vorbeizuschauen. Leise schloss er seine Tür und legte sich zu Bett.

Und nun lag er wach. Es war 5 Uhr morgens, sein Schädel tat höllisch weh und er fühlte kalten Schweiß auf der Stirn. Sein Herz pochte so heftig, dass er Mühe hatte, den Pulsschlag zu zählen. Zum Glück wusste er blind, wo neben dem Bett die Kopfschmerztabletten lagerten. Wieso bloß ging ihm diese Medizinstudentin nicht aus dem Sinn? Zeigte sie doch kein Interesse an ihm und außerdem – ihr Hochmut war schon fast anstößig. Andererseits schossen die körpereigenen Hormone Adrenalin und Noradrenalin kreuz und quer durch seinen Körper, wenn er nur an sie dachte. Die Folgen dieses Hormonchaos waren ihm noch aus der Sportphysiologie-Vorlesung vertraut: gesteigerte Herzfrequenz, Gefäßverengung sowie zentrale Stimulation, sprich Erregung. Die Bettdecke lieferte dafür den handfesten Beweis.

Er nahm sich fest vor, in der neuen Woche auf Recherche-Tour in der medizinischen Fakultät zu gehen. Das müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn er sie nicht wieder sah. Und dann? Auf die Mitleidstour brauchte er es jedenfalls nicht noch einmal zu probieren. Stattdessen Macho-Gehabe? Das nahm ihm keiner ab. `Sei einfach Du selbst´, redete er sich immer wieder ein. Nur wie? Er musste Mike fragen. Schon heute Abend. Aus Anlass des Bestehens seiner Biomechanik-Prüfung gab er in seiner Südstadt-Bude eine große Party.

III

Nie zuvor hatte Bastian einen solchen Selbstdarsteller mit geradezu krankhaftem Narzissmus kennen gelernt, geschweige denn gedacht, dass es solche Menschen überhaupt geben könnte.

„Moin, Leute. Was geht ab?“

Nur zu gut erinnerte er sich an das erste Aufeinandertreffen im vorletzten Wintersemester. Zu Zwölft saßen sie im Seminarraum des Institutsgebäudes, die wissenschaftliche Hilfskraft hatte gerade mit ihrem Vortrag begonnen, als dieser Typ mit einem breiten Lächeln in den Kurs hineinplatzte. Während die Dozentin irritiert versuchte, ihren verloren gegangenen Faden wieder aufzunehmen, runzelten die Kerle im Kurs über das Auftreten und die Dreistigkeit des Neuen die Stirn. Er sah so gar nicht wie ein Sportstudent aus: ein Schönling im Business-Anzug, braungebrannt mit gegelten schwarzen Haaren, dazu ein Dauergrinsen im Gesicht, das den Blick auf zwei Goldzähne freigab. Am meisten verblüffte an seinem Äußeren jedoch etwas anderes…

„Basti, schau Dir mal diese widerliche Pornoleiste im Gesicht an. Der sieht aus wie so ein Hardcore-Darsteller auf der Venus in Berlin.“

Von diesem Moment an wurde der buschige Schnauzträger den Spitznamen „Porno“ an der Spoho nicht mehr los.

Auch Bastian fand den Gesichtspullover ziemlich abstoßend, registrierte aber mit einer gewissen Verwunderung, dass die Studentinnen allesamt unruhig wurden. Der bislang Unbekannte nahm wie selbstverständlich den freien Platz neben Bastian ein und zauberte Bücher, Mappe und Stifte aus seinem ledernen Pilotenkoffer hervor. Bastian traute seinen Augen nicht: ein Pilotenkoffer??? Hier an der Sporthochschule??? Der Typ musste von einem anderen Stern sein, schließlich kamen alle anderen Studenten mit Rucksack, abgewetzten Sporttaschen oder gar Plastiktüten in den Kurs.

Es war eines dieser Seminare, das man am liebsten sofort wieder von der Festplatte seines Studentenlebens gelöscht hätte – wenn man denn gekonnt hätte. Die Dozentin, eine völlig unsportliche Doktorandin mit Nickelbrille, war bräsig, langweilig und hypernervös. Und das didaktische Thema „Das im Gespräch im Unterricht“ riss noch nicht mal künftige Sonderpädagogen vom Hocker. Bastian schaute aus dem Institutsfenster auf immer kahler werdende Bäume und träumte davon, im Laufe der Wintermonate als Torwart im vorderen oder mittleren Orient zu jobben – des Wetters und der Kohle wegen. In Gedanken sah er sich schon mit einem schnittigen Cabrio den Boulevard eines der Emirate entlanggleiten, während ihm die Scheichs freundlich zuwinkten.

Nach quälend langweiligen 45 Minuten Folter-Kursus wollte sich Bastian so schnell wie möglich verdünnisieren, kam aber nicht weit. „War echt interessant, oder?“

Bastian schaute verstört in Richtung des Intelligenzallergikers, der so einen Schwachsinn ungefragt von sich gab. Es war Porno – und dieser Burt Reynolds-Verschnitt sprach ihn direkt an. Für einen kurzen Augenblick sympathisierte Bastian mit dem Gedanken, ihn vor all seinen Kommilitonen als Evolutionsbremse bloß zu stellen, überlegte es sich aufgrund seines durchdringenden Blicks dann doch anders.

„Nee...äh ja... ich meine, ging so.“

Breit grinsend bewegte sich bei seinem Gegenüber der Schnauzer in die Höhe. „Sag mal, Keule, fällst Du eigentlich auf jeden Scheiß rein? Glaubst du wirklich, ich fand diesen Bockmist interessant?“

„Keine Ahnung, ich kenne Dich ja überhaupt nicht…“

„Das können wir ändern: ich bin Michael, aber meine Freunde nennen mich alle nur Mike.“

„Mike? So heißt auch das Meerschweinchen meiner kleinen Schwester…“

„Haha, ich liebe Typen mit einer gesunden Portion Mutterwitz. Wie heißt Du denn? Etwa Bernd wie das Brot?“

Widerwillig nannte Bastian seinen Namen.

„Und was machst Du so?“

„Ich bin Fußball-Torwart.“

„Alter, das passt. Ich bin Stürmer. Lass uns in der Mensa was essen gehen.“

Bastian hatte eigentlich keinen Bock, mit diesem Ekelpaket die Mittagspause zu verbringen, konnte sich dessen aufdringlicher Art aber nicht entziehen. Er nahm sich fest vor, die ungewollte Zusammenkunft so schnell wie möglich zu beenden und sich dann zu verpissen.

Während der gemeinsamen Mahlzeit erzählte Michael ungefragt, dass auch er einen Schwerpunktkurs Fußball und in Kürze sogar ein Probetraining bei den Profis von Borussia Mönchengladbach machen wollte. Die Tatsache, dass er bislang lediglich Bezirksliga gespielt hatte, schien ihn in keiner Weise zu belasten. `Was für ein großkotziger Kameltänzer´, dachte Bastian. Überhaupt bestand die gemeinsame Unterhaltung eher aus einem endlosen Monolog, so dass Bastian das halbe Leben seines Gegenübers zu kennen glaubte. Sein Studium finanzierte sich dieser Typ nebenher als Vertreter für Solarien und übergab Bastian stolz seine Visitenkarte. Dort stand neben Firmenlogo und dem Namen die Fabel-Bezeichnung `cand. sportwiss. ´. Alles an diesem Schleimer und Angeber war abstoßend. Dennoch weckte er Bastians Neugier, als er anfing, von seinen Frauengeschichten zu erzählen.

„Ich kenn Dich ja nicht, aber verarsch mich nicht. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Frauen reihenweise auf so einen Hobbyangler wie Dich reinfallen.“

Von Minute zu Minute steigerte sich Bastians Eindruck, der Reinkarnation von Baron Münchhausen gegenüber zu sitzen, der vorgab, Frauen im Stundentakt zu verführen.

„Keule, pass auf, ich beweis es Dir. Morgen Abend findet in der zentralen Uni-Mensa eine große Studentenparty statt. Lass uns da gemeinsam hingehen, da gibt´s jede Menge willige Hühner.“

Am nächsten Abend holte ihn Michael mit seinem aufgemotzten GTI am Turm ab und fuhr mit ihm in die Zülpicher Strasse zur Uni-Mensa. Was Bastian da erlebte, konnte und wollte er einfach nicht glauben. Kaum dort angekommen, baggerte dieser Kerl die erstbeste Studentin an und verschwand mit ihr nach nur einer Viertelstunde. Vor dem Ausgang raunte er Bastian noch zu: „Keule, warte hier auf mich. Bestell uns beiden schon mal was zu trinken, ich komme gleich wieder“.

Eher widerwillig und missmutig folgte Bastian dieser Anweisung; er hasste das Rum-kommandiert-werden wie die Pest. Mit zwei Kölsch in der Hand schlenderte er durch die Räumlichkeiten der riesigen Mensa, unentschlossen, wie er diese Studenten-Massenparty nun finden sollte. Zwar war die Musik ganz passabel und auch die Studentinnen mehrheitlich durchaus attraktiv, aber mit dem Rumgehoppel auf der Tanzfläche konnte er nun rein gar nichts anfangen. Seit dem von seiner Mutter aufgezwungenen Tanzstunden-Kurs in der Jugend verabscheute er jegliche Form von Bewegung, die auch nur im Entferntesten an Tanz erinnerte. Bastian spekulierte, was Michael mit der unbekannten Schönen anstellen wollte. Im Außenbereich der Mensa waren sie jedenfalls nicht anzutreffen.

Nachdem Bastian sein Kölsch geleert hatte und keinerlei Lust verspürte, auch noch das längst schale Kaltgetränk seines Chauffeurs zu entsorgen, entschied er sich, mit der Straßenbahn zurück zum Studentenwohnheim zu fahren. Just in dem Augenblick kam ihm Michael entgegen – alleine.

„Mensch, Keule. Das war vielleicht eine wilde Maus…. Die hättest Du erleben sollen“

„Ähh, ich hab´ Euch überall gesucht. Wo wart Ihr?“

„Na wo wohl? Ich hab´ ihr mal kurz im Park meine Hormonlanze gezeigt...“

„Wie bitte? Einfach so? Du kanntest die doch gar nicht!“

„Na und? Alter, die war heiß wie Fritten-Fett. Was will Mann mehr?“

„Und jetzt? Wo ist sie denn hin?“

„Die war fix und fertig und ist nach Hause.“

„Wie, die hast Du einfach so laufen lassen?“

„Sag mal, spinnst Du? Bin ich Kardinal Meißner, oder was?“

„Reg Dich nicht auf, ich wollte nur...“

„Alter, das war doch nur das Vorspiel. Jetzt geht der Abend erst so richtig los…“

Bastian lagen tausend Fragen auf der Zunge, doch Michael war schon wieder im dichtesten Party-Getümmel verschwunden. Bastian überlegte es sich spontan anders und knickte den Plan mit der Heimfahrt. Er war zu neugierig um zu erfahren, welch weitere Beute dieses Raubtier noch reißen würde. Nach einer Weile entdeckte er den Aufreißer inmitten einer Gruppe von jungen, kichernden Studentinnen; Studienrichtung BWL, wie Bastian anhand des Outfits mutmaßte.

„Hey, Mädels, das ist mein Kumpel Bastian. Echt ein cooler Typ. Ihr werdet ihn mögen“.

„Is ja gut…“

„Wie, ist Dir das etwa unangenehm? Ich lach mich kaputt! Amüsier

Dich doch einfach mal. Ich stell´ Dir die Schnecken gerne vor…“

„Pass auf, mach einfach Dein Ding, so wie Du das für richtig hältst, und ich mach mein Ding.“

„Wie Du willst….“

Michael drehte sich um, zog den Schnauz nach oben und setzte wieder gewinnbringend seine Goldzähne ein. Sofort schlossen die Mädels einen dichten Kreis. Das Signal war eindeutig: Bastian war „out“, und tatsächlich interessierte sich keine der `Schnecken´ auch nur im Entferntesten für ihn – den Kontaktallergiker. Bastian kam sich vor wie frustrierter Fortuna-Fan beim FC, war aber dennoch fasziniert von diesem Schauspiel. Was um Himmels willen fanden die Mädels bloß an diesem Angeber mit dem widerlichen Oliba?

Bastian verkrümelte sich an die nächste Bar. Als er endlich nach langer Ansteherei ein Kölsch in der Hand hielt, sah er Michael einer blonden „Miss BWL“ den Hintern tätscheln und Richtung Ausgang führen. Wie zufällig kreuzte er ihren Weg.

„Hey Bastian, Du bist ja doch noch da. Darf ich Dir vorstellen: das ist Colette und kommt wie Du aus West-Ostfalen - oder so ähnlich. Ihr Vater ist Sparkassen-Direktor.“

„Glückwunsch! Sag mal, muss ich mir jetzt ´nen Taxi nehmen? Die Bahnen fahren ja nicht mehr…“

„Bleib einfach hier. Vertraue mir!“

Vertraue mir? War das nicht ein Zitat aus dem Dschungelbuch? „Hör auf mich, glaube mir! Augen zu, vertraue mir!“ Genau, das war es also: Michael war die Inkarnation der Schlange Kaa. Seine Sherlock-Holmes-mäßige-Kombinationsleistung blieb allerdings ungewürdigt. Eng umschlungen verließen Michael und Colette die Mensa.

Bastian hatte keinen Bock mehr. Er war müde und verärgert, die laute Musik verursachte zusätzliche Kopfschmerzen. Seit einem unglücklichen Zusammenprall mit dem Torpfosten in der Jugend reichten schon geringe Reize, um einen lästigen, pochenden Schmerz auszulösen. Er kämpfte sich nach draußen an die Frischluft und ergatterte einen freien Platz auf einer Bank. Dort konnte man es aushalten. Bastian beobachtete, wie reihenweise lachende, eng umschlungene Pärchen die Mensa verließen. Er selbst war mehr oder weniger freiwillig Single. Nach dem Vereinswechsel und den seltener gewordenen Heimatbesuchen zerbrach die Beziehung zu seiner alten Jugendliebe Imke. Auch wenn er anfangs in der pulsierenden Großstadt noch die Vogelfreiheit in vollen Zügen genoss, sehnte er sich mittlerweile doch wieder nach einer richtigen Beziehung. Welche Bedeutung das Wort `Beziehung´ wohl für Michael hatte? Wahrscheinlich war es ein Fremdwort – er suchte nur die kurze, schnelle Liebe. Wobei: von richtiger Liebe konnte man da wohl auch nicht sprechen. Bastian sinnierte und philosophierte und wurde allmählich immer müder. Er nahm noch einen Schluck Kölsch und schloss die Augen. Allmählich verschwand das Dröhnen und mit ihm auch die verwirrenden Gedanken.

„Ey Keule! Aufwachen!“

Bastian schreckte hoch. Vor ihm stand Michael – diesmal mit einer dunkelhäutigen Schönheit im Arm.

„Mensch, Alter. Du hast volle Lotte geschnarcht. Ist Dir das nicht peinlich? Wie lange poofst Du denn schon hier?“

„Keine Ahnung, kurz nach dem Du eben abgehauen bist.“

„Eben? Das war vor 2 Stunden. Und jetzt will ich mit Audrey nach Hause. Als barmherziger Samariter kann ich Dich hier aber nicht einfach so liegen lassen. Komm, ich setz Dich noch am Wohnheim ab.“

Bastian war zu müde, um nachzuforschen. Er wollte nur noch nach Hause in sein warmes Bettchen. Er war sich sicher, dass ihm Mr. Boombastic die Details dieser heißen Nacht zeitnah aufs Tablett schmieren würde. Auf der Rückfahrt zum Turm schlief er sofort wieder in Michaels Hämorrhoidenschaukel ein.

***

Zwei Tage später bekam er wie erwartet den Abend mit allen sexuellen Details geschildert. Hätte er manche Dinge nicht mit eigenen Augen erlebt, er hätte die Story nie im Leben geglaubt. Tatsächlich war Michael mit jeder der drei Schönheiten mal kurz verschwunden um ihnen – Original-Zitat – „das Hirn wegzuvögeln und die Titten auszusaugen“. Kaum dass er sein Rohr verlegt hatte, kehrte er unverzüglich in die Mensa zurück. Und das angeblich nicht, um Bastian ein einmaliges Schauspiel zu ermöglichen, sondern weil sein „Long John“ unersättlich sei und andauernd gefordert werden müsse. Den Trick, wie er die Studentinnen nach kürzester Zeit zum Quickie überreden konnte, gab er allerdings nicht preis...

Dieser Typ war eindeutig fremdbestimmt: was andere zwischen den Ohren, hatte Michael zwischen den Schenkeln. Dieses Dreibein war Bastian unheimlich. Weil aber so ungewöhnlich, schillernd und aberwitzig, traf er ihn fortan öfter. Und dabei offenbarte Michael noch viel mehr von seiner chauvinistischen Ader.

IV

Der ganze Samstag gestaltete sich zu einem einzigen Desaster. Nach der unruhigen Nacht, in der Bastian ständig die Szene aus dem Krankenhaus durch den Kopf ging, drängte ihn gegen Mittag seine drückende Blase zum Aufstehen. Noch immer brummte der Schädel, trotz der verkonsumierten halben Packung Aspirin. Hiro war bereits ausgeflogen, was für diese Uhrzeit - die alte Küchenuhr zeigte 11.23 Uhr - äußerst ungewöhnlich war. Bastian rätselte, wie er den angebrochenen Tag über die Runden bringen sollte. Mit einem Pott Kaffee hockte er sich auf die Standard-WC-Keramik und verband die Thronsitzung mit einem ausführlichem Studium des `Kicker´. Angeregt durch die Fußball-Lektüre entschied er sich nach einer Katzenwäsche, seine Mannschaft entgegen der ursprünglichen Planung zum Auswärtsspiel nach Düren zu begleiten. Wenn zwar nicht als physische, so zumindest als moralische Unterstützung.

Im Nachhinein hätte er sich diesen Trip besser sparen sollen. Trotz Kurts einpeitschender Kabinenpredigt waren die Jungs in Gedanken bereits auf Malle bei der geplanten Meisterfeier. Möglicherweise hatten sich einige am Abend zuvor in der „Wiener Steffi“ auch ein Wetttrinken mit der Bergheimer Landjugend geleistet. Was auch immer dahinter steckte – die Mannschaft war nur ein Schatten ihrer selbst. Ausgerechnet Bastians Ersatzmann Karl leitete mit einem missglückten Abschlag den Anfang vom Ende ein. Wie festgeschraubte Skistangen ließen sich die Abwehrspieler umrunden, und Karl – den alle wegen seines leichten Schielens nur Dall riefen – fiel beim satten Flachschuss ins Eck auch noch so langsam wie eine angerostete Bahnschranke auf einer Nebenstrecke. 0:1 schon nach 13 Minuten.

„Ey, Ihr Flaschen. Wenn Ihr so weitermacht, dann fliegt Ihr nicht nach Mallorca, sondern aus der Mannschaft. Und zwar für immer.“

Vor lauter Verzweiflung holte Kurt in der Halbzeitpause aus alter Gewohnheit die verbale Keule raus – schließlich hatte er so schon vor 30 Jahren die verschiedensten Mannschaften zu Kreis-, Bezirks- und sogar Landesmeisterehren geführt. Dass er mit dieser Masche heutzutage nicht mal mehr in Turkmenistan Erfolg haben würde, schien ihn nicht zu interessieren. Kurt war mit seinen 63 Jahren ein kleiner Diktator, der es nicht überwand, sowohl als Spieler wie auch als Trainer die höheren Weihen verpasst zu haben. Nachdem ihn Bastian einmal scherzhaft als Honeckers Erben bezeichnet hatte, war dem Fußballlehrer im Mannschaftkreis der Spottname Honi nicht mehr zu nehmen.

„Ich will, dass Ihr Euch den Arsch aufreißt, notfalls bis zu den Ohren.“

Wie ein Haufen apathischer, mit Tranquilizer zugedröhnter Psychologie-Studenten hockten die Jungs auf der Bank, Wortfetzen wie „Gras fressen“, „Eier in der Hose“ und „Entscheidungsschlacht“ drangen wirkungslos von einem Ohr zum anderen. Statt des erhofften Aufbäumens folgte auch in der zweiten Hälfte ein fußballerisches Gruselkabinett mit Fehlpässen, Stellungsfehlern und Unachtsamkeiten. Kurz nach dem Wiederanpfiff fiel bereits das 0:2, wenig später so gar das 0:3. Und wäre der Schiri kurz vor Schluss nicht auf eine Schwalbe reingefallen, dann hätte es ohne den verwandelten Strafstoß gar eine bittere 0:4-Klatsche gegeben. Wie geschlagene Hunde trotte die Horde nach dem 1:4 gegen GFC Düren zurück zum Mannschaftsbus. Keiner traute sich etwas zu sagen, allen war der Ernst der Lage klar. Nur noch zwei Spiele – und daraus mussten vier Punkte geholt werden, sonst war der Aufstiegstraum jäh zerplatzt.

Auf der Rückfahrt setzte sich Honi zu Bastian in die letzte Busreihe.

„Tut mir leid, wenn ich Deine Platzwunde so leichtfertig hingenommen habe. Jetzt weiß ich, wie wichtig Du für uns und den Aufstieg bist. Kannst Du nicht nächsten Freitag wieder im Kasten stehen?“

„Ich würd´ ja gerne, aber ich darf nicht. Wenn ich mich verletze, dann kriege ich jede Menge Schwierigkeiten. Offiziell habe ich die nächsten 14 Tage Sportverbot“.

„Was soll denn schon passieren? Ich werd´ die Abwehr schon zusammenfalten, dass Dir bloß niemand zu nahe kommt.“

„Trainer, ich weiß nicht. Ich muss ja auch noch meine praktische Turnprüfung absolvieren – und davon hängt mein gesamtes Studium ab.“

„Sag mal, bist Du neuerdings ein Weichei? Das nächste Spiel geht doch nur gegen den Vorletzten aus Eschweiler. Du brauchst die Woche auch nicht zu trainieren. Ruh´ Dich mal richtig aus, und am Freitagabend stehst Du für gerade mal 90 Minuten auf dem Platz. Sieh es als kleine, lockere Trainingseinheit an.“

„Aber…“

„Nichts aber. Du wirst da hinten nur rum stehen, ohne irgendetwas zu tun zu haben. Alleine Deine Anwesenheit wird den anderen schon Beine machen.“

Die Drohung von Dr. Schröder im Hinterkopf versuchte Bastian verzweifelt, Gegenargumente zu finden. Aber ihm fiel auf die Schnelle nichts ein – erst recht nicht nach Honis Bemerkung: „Junge, denk dran, von Dir hängt unser Aufstieg ab!“