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Geschichten von verpassten Gelegenheiten und ausgefüllten Leben, die nicht erfüllend sind. Geschichten vom Mut, der in jedem von uns steckt, und von Fehlern, die uns ein Leben lang verfolgen. Geschichten über Momente, die alles verändern. Erzählungen von einem Arzt, dessen Erfolge zu seinem Untergang führen, von einem Interview in tiefster Dunkelheit, von einem Krieg zwischen Schneeflocken und einem Zigeunerfluch, dem man auch nach dem Tod nicht entkommt.
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Seitenzahl: 270
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Geschichten von verpassten Gelegenheiten und ausgefüllten Leben, die nicht erfüllend sind. Geschichten vom Mut, der in jedem von uns steckt, und von Fehlern, die uns ein Leben lang verfolgen. Geschichten über Momente, die alles verändern.
Erzählungen von einem Arzt, dessen Erfolge zu seinem Untergang führen, von einem Interview in tiefster Dunkelheit, von einem Krieg zwischen Schneeflocken und einem Zigeunerfluch, dem man auch nach dem Tod nicht entkommt.
Christin David wurde 1984 bei Berlin geboren und lebte in Deutschland, Dänemark und Spanien. Von ihren Reisen, dem Schreiben und Hintergründen zur Entstehung ihrer Werke erzählt sie mehr auf ihrer Webseite sites.google.com/view/christin-david. Die Autorin ist als @CDavid_Fiction auf Twitter zu finden.
Leben!
Der letzte Tanz
Jeder Tag birgt eine Chance
Das Interview
Das Silberbesteck
Das seltsame Schicksal von Sanssoleil
Der Leuchtturm am Sund
Das Meisterwerk
Traumfrau?
Glückssache
Werwölfe
Der Segen
Die am Tag träumen, kennen viele Dinge, die den Menschen entgehen, die nur nachts träumen.
– Edgar Allan Poe –
Ein rasselnder Atemzug lässt die ausgetrockneten Kapillaren erbeben. Der Blütenkelch neigt sich demütig herab. Ein Blütenblatt löst sich aus seinem schwachen Griff und gleitet sanft durch die Luft, segelt zu Boden.
Eine starke Hülle umschließt die junge Knospe. Vorsichtig testet der Blütenstengel das ungewohnte Gewicht in der frühsommerlichen Brise. Er beschützt die Knospe vor Wind und Wetter, doch die Pflanze spürt tief in sich drin, dass es seinen Schatz nicht ewig für sich behalten kann, es auch nicht tun sollte. Langsam öffnet sich die Umhüllung der Knospe und zum ersten Mal bemerkt diese die Außenwelt. Bisher war ihr die Kälte der Nacht und die Wärme des Tages in einer dumpfen Ecke ihrer Wahrnehmung aufgefallen. Sie hatte nur gedämpft Geräusche wahrgenommen, die sie mit dem Atmen und Rauschen des Wassers in den Adern des Blütenstengels assoziiert hatte. Doch nun, da zum ersten Mal die Sonne freundlich die noch starren Blütenblätter streifte, nicht nur mit ihrem warmen Lächeln, sondern auch mit ihrem strahlenden Licht, erkannte die schläfrige Blüte in ihrem Erwachen, dass es etwas gab, das jenseits von ihr lag. Jenseits von allem, das sie bisher gekannt hatte. Erschrocken beobachtete sie die Wolken, die die Sonne verschluckten, ihr Licht und ihre Wärme nahmen, nur um sie kurze Zeit später wieder freizugeben. Sie beobachtete die Vögel, die frei über ihr durch den Himmel zogen und sie fragte sich, ob sie selbst in einer Wolke saß.
Die schützende Hülle öffnete sich jeden Tag ein bisschen mehr und die Knospe jauchzte bei jedem Windstoß vor Freude auf. Bei stärkerem Wind lehnte sich ihr Blütenstängel sanft gegen das saftige Gras, in dem die junge Pflanze wuchs. Die Knospe lernte, dass ihr Himmel grün war und ihre Wolken mächtige Baumkronen, die im Wind raschelnd tanzten. Seltsame kleine Vögel mit dicken Rückenpanzern brummten über das Grün und krabbelten geschickt über saftige Blätter.
Bisher hatte die Blüte nur ein Ich gekannt, ihre eigenen Bedürfnisse in dieser Welt. Das erquickende Wasser, das der Himmel ihr an wolkenverhangenen Tagen schenkte, sandte ihr Blütenstängel aus den gierig im Erdboden saugenden Wurzeln herauf. Die frische Luft, die sie atmete, erquickte sie bei Tag und sandte ihr Träume von grünen Himmeln, in denen zwitschernde Baumkronen vorbeizogen, während auf den stillstehenden Stämmen am Waldrand stumme, weiße Wolken thronten und wenn sie sich im Winde zur Seite neigte, kuschelte sie mit einem weichen Vogel, ein kleines, dunkles Wölkchen mit flatternden Ästchen.
Solche Träume wären ihr nie möglich gewesen in der dunklen Sicherheit ihres Schutz gebenden Blütenkelches. Nie hätte sie erfahren, was es jenseits ihres Ichs und ihres Heims gab. Nie hätte sie erfahren, was es bedeutete, ein Teil dieser Welt zu sein.
Es gab Geräusche, die die Blüte nicht verstand. Sie hörte das Lachen und Spielen von erdgebundenen Vögeln, die meist weit von ihr entfernt ihren mysteriösen Bahnen folgten. Sie hörte das tiefe Stottern und Brummen von kleinen Gewittern, ebenfalls auf ihrer Seite des Himmels. In immer gleichem Abstand jagten sie sich am Tage, während sie des Nachts wohl schliefen.
Vorsichtig öffnete sich die Blüte weiter. Ihre empfindlichen Blütenblätter erschauerten lustvoll, als die ersten Strahlen der Sonne sie streiften. Sie zitterten genüsslich, als der erste Regenschauer sich über sie ergoss und sich Wassertropfen wie Küsse auf sie legten und in den Blütenkelch schmiegten. Die Blüte erstrahlte in kräftigen Farben und bald war sie so schwer und gereift, dass der ganze Blütenkelch sich zur Seite neigte.
Das eröffnete ihr neue und unerwartete Perspektiven auf die Welt.
Sie besah ihren grünen Himmel und die vielen bunten Punkte darin, die im Wind leuchteten und blinkten. Endlich erblickte sie die tschirpenden Vögel, die lachend durch ihre Welt flogen. Es gab große auf zwei Beinen und kleine, bellende auf vier Beinen. Nie müde die Welt zu betrachten, sah sie scheue Bewohner des Wolkenwaldes, die morgens und abends mit ins Gras gesenkten Köpfen über ihren grünen Himmel auf vier langen Beinen graziös zogen.
Eine solche Vielfalt an Freuden für ihre Sinne ließ die Blüte erstrahlen und seufzen:
Ich lebe!
Eines Tages, als die Sonne schien und der Himmel über ihr blau erstrahlte, beobachtete die Blüte wieder die Zweibeiner. Kleinere tollten über den grünen Himmel und größere bewegten sich langsam und würdevoll mit ihnen. Sie gestikulierten mit ihren Flügeln und lehnten sich aneinander, ohne vom Wind getrieben zu werden. Sie kamen den Wolkenbäumen immer näher bis die Blüte ihr Tschirpen vernehmen konnte.
„Mache dir keine Sorgen, mein Sohn, es wird schon alles gut gehen.“
„Es ist ja nur, ich fühle mich so hilflos, ich kann nichts machen, um zu helfen.“
„Glaube mir, mein Junge“, sagte der Zweibeiner mit dem weißen Gefieder lachend, „deine Hilfe ist nicht erwünscht. Wenn es soweit ist, dann wirst du schon das Richtige tun.“
„Und sicher auch Einiges falsch machen,“ versuchte der Vogel mit dem dunklen Gefieder zu scherzen. Seine Nervosität war sichtbar, hörbar und spürbar. Je näher die beiden großen Zweibeiner kamen umso mehr konnte man sie riechen und die Blüte streckte sich neugierig aus dem gut gewachsenen Gras.
„Sieh mal, dein Bruder hat es auch geschafft und wir helfen euch natürlich, womit wir nur können.“
„Danke, Vater. Ich danke dir. Es ist nur, ich bin so nervös und das Warten macht mich ganz verrückt.“
„Natürlich, mein Junge, natürlich. Bald ist es soweit, dann wirst du dir wünschen, es wäre alles nicht so schnell gegangen.“
Freundschaftlich klopfte der weiße Vogel dem Anderen auf den Rücken und kurz legten sie die Flügel umeinander.
„Sie mal, Opa!“, schrie ein kleiner, zweibeiniger Vogel direkt neben der lauschenden Blüte.
„Ist die nicht wunderschön!“
„Ja, Kleines, die ist sehr hübsch!“, rief der weiße Vogel herüber.
„Darf ich die für Tante Lena mitnehmen?“, fragte der nahe Vogel und beugte seinen plötzlich riesigen Kopf über die Blüte, sodass die Sonne blockiert wurde.
„Deine Tante Lena würde sich bestimmt sehr freuen“, antwortete der Vogel mit dem dunklen Gefieder.
Daraufhin griff der kleine Vogel nach dem Blütenstängel und zog mit aller Kraft daran, bis der Stängel nahe am Boden mit einem knackenden Geräusch riss. Die Pflanze an die Brust gedrückt, rannte der kleine Vogel zu den beiden Großen hinüber und überreichte sie feierlich.
„Sagst du Tante Lena, dass ich sie ganz doll lieb habe?“, fragte das Kleine brav.
„Selbstverständlich!“, versicherte der dunkle Vogel und lächelte strahlend auf das Kleine.
Die Blüte war verwirrt.
Die Bewegung, das Rennen, das laute Rufen machten sie schwindelig und sie fühlte sich unwohl. Was geschah mit ihr?
Eine plötzliche Welle von Schmerz drang vom verletzten Blütenstängel auf. Die Wunde brannte ungewohnt heiß und betäubte die Sinne der Blüte. Sie wurde eine Weile in den fleischigen Flügeln der zweibeinigen Vögel gehalten und dann zu einem grotesken Metallkasten gebracht. Sie lag auf einer kratzigen, grauen Fläche und erschrak bis ins Mark, als das Blech zum Leben erwachte. Die Blüte erkannte, dass sie inmitten des seltsamen, stotternden und röhrenden Gewitters lag, dessen Blitze sie nie sehen konnte. Sie spürte eine ziehende Kraft und ein Schaukeln und einen überwältigenden Schmerz und ergab sich der schwärzenden Ohnmacht.
Als sie zu sich kam, befand sie sich in einer befremdlichen Welt. Ihr schmerzender Stängel steckte in kühlem, frischen Wasser. Sie spürte keine Wurzeln, die ihr Halt geben konnten, und trotzdem lehnte sie nahezu aufrecht an einer unsichtbaren, kühlen Schulter.
Es war still hier. Tag und Nacht zogen vorüber wie einst, doch die Blüte sah nie mehr die Sonne und spürte nie wieder den Wind oder den Regen. Vor Sehnsucht klagend klopften die Wassertropfen an die Wände des großen, stillen Kastens, der ihre Aussicht völlig verstellte. Die Blüte war an die unendliche Weite des Raumes gewöhnt, hier drückten nahe Wände auf ihr Gemüt.
Sie hatte Angst.
Dieses Gefühl war ihr nicht völlig unbekannt, aber diese Veränderungen waren so absolut und ihre Angst so pur und ungetröstet. Alles um sie her war fremd. Sie war verletzt und obwohl sie spürte, dass ihre Wunden heilen würden, so war sie doch für immer entwurzelt. Langsam, aber immer bestimmter, wurde ihr klar, dass es kein Zurück gab, dass sie nie wieder zwischen dem grünen und dem blauen Himmel leben würde.
Sie hatte Angst.
Sie wollte leben, aber so? Ihrer Würde, ihrer Freuden und Freunde beraubt, was gab es noch, das ihr Leben lebenswert machte?
Die Tage vergingen in schrecklicher Stille, nur der Donner der rasenden Metallkästen war gedämpft zu hören, ein Geräusch ohne Herz und Seele und die Blüte war voller Kummer.
Das Wasser schwand, kein Regen füllte den unsichtbaren Boden und die Kapillaren ächzten vor Anstrengung, die Feuchtigkeit direkt aus der Luft zu ziehen. Doch kein Wind wehte und die gespenstische Stille war das Echo ihrer eigenen Hoffnungslosigkeit. Die Blüte strahlte in kräftigen Farben, doch ihr Blütenstängel verlor zusehends an Kraft. Schlaff neigte er sich unter dem Gewicht der leuchtenden Blüte. Ohne Wasser, ohne die Hilfe des Stängels schwanden auch die Kräfte der schönen Blüte. Nach und nach lösten sich einzelne Blütenblätter aus dem schwächelnden Kelch und bald bildeten sie ein leuchtendes Muster wie frisches Blut auf dem starren, hellen Untergrund, auf dem die Pflanze sich seit einer gefühlten Ewigkeit befand.
Einer der stotternden Metallkästen erstarb in nächster Nähe. Gedämpft vernahm die sterbende Blüte Lachen und Rufen. Das schlagende Öffnen und Schließen von Öffnungen in Metall-, Stein- und Holzkästen ertönte.
„Endlich zu Hause!“, rief jemand und die Blüte glaubte den zweibeinigen Vogel mit dem dunklen Gefieder in der Stimme wiederzuerkennen. Der Vogel, der sie zum Sterben herbrachte.
„Es ist überraschend ordentlich!“
„Aber Lena“, ereiferte sich der dunkle Vogel lachend. „Natürlich habe ich hier Nichts verändert. Dass heißt“, räumte er ein, „ich habe die letzten Tage bei meinem Bruder verbracht.“
Der andere Vogel antwortete scherzend mit seiner klaren, hellen Stimme:
„Ich habe mich schon gewundert, wieso man den liegengebliebenen Abwasch nicht überall im Haus riechen kann.“
„Es ist nichts liegengeblieben!“
„Doch! Bei deinem Bruder, du alter Lausbube!“
Die Vögel neckten sich, ganz wie in den Wolken und Wäldern. Die geschwächte Blüte lächelte.
„Oh! Was haben wir denn hier?“
Ein goldener Vogel stand nahe der Blüte und blickte sorgenvoll herab. Er presste ein Bündel fest an sich. Hinter ihm trat der dunkle Vogel durch einen schmalen Durchgang ein.
„Das arme Ding. Habe ich ganz vergessen. Mit lieben Grüßen von deiner Nichte“, erklärte er.
„Das ist lieb von ihr. Du hättest die Blume mit ins Krankenhaus bringen sollen.“
„Tut mir leid. Es ging alles so schnell. Ich habe sie vergessen.“
„Ist ja kein Problem“, sagte der goldene Vogel mit der hellen Stimme. Er setzte sich nahe der Blüte nieder, fast vollständig in dem Boden versunken, auf dem die Blüte stand. Er streckte einen Flügel aus und berührte die vertrockneten, farblosen Blätter, die bereits herabgefallen waren. „Es ist nur schade“, fügte er hinzu.
Das Bündel in seinem Arm zappelte und mit einem quietschenden Gähnen streckte sich ein winziger Flügel heraus. Die großen Vögel lachten vergnügt und schauten liebevoll auf den winzigen Vogel, der in warme Decken gewickelt war. Der mit dem dunklen Gefieder nahm die Blüte aus ihrem Gefäß und drehte sie nachdenklich in seinem Flügel. Der helle Vogel lächelte ihn an und drehte das Bündel herum. Es war tatsächlich ein winziger Vogel, viel kleiner als jene zweibeinigen Vögelchen, die in dem grünen Himmel tobten und lachten. Dieser hier war so klein und hilflos, noch ganz ohne Gefieder.
Die Blüte staunte. Es war das erste Mal, in dieser neuen Umgebung, dass sie Freude empfand. Das kleine Kerlchen verzog verschlafen den Mund. Die Blüte kam dem Gesichtchen immer näher, bis der dunkle Vogel sie dem Kleinen unter die Nase hielt.
„Schau mal, wie das duftet!“
Winzige Nasenflügel bebten und der kleine Körper erzitterte wegen dieses neuen Eindrucks. Sanft strich der dunkle Vogel die wenigen verbliebenden Blütenblätter über die Wange des Vogelkindes. Ein Ausdruck von Überraschung stahl sich auf das warme Gesichtchen und die beiden großen Vögel freuten sich.
„Gib mir ein Blütenblatt!“, verlangte der goldene Vogel und sein Partner folgte dem Ruf ohne Umschweife. Ein spitzer, heißer Schmerz fegte durch den letzten Rest des Seins der Blüte. Doch sie verspührte keine Angst mehr. Fasziniert beobachtete sie, wie der goldene Vogel das ausgerissene Blütenblatt in den kleinen Flügel legte. Winzige Glieder schlossen sich um das Blütenblatt und gähnend rieb sich das Vögelchen die Augen mit seinen geschlossenen Fäustchen.
Bisher hatte die Blüte vor allem das Ich empfunden. Dann hatte sie das Außen entdeckt. Nun, da ihre Zeit zu Ende ging, erkannte sie, dass es ein Wir gab. Es war in ihrem grünen Himmel und in dem Blauen. Es war in den Baumwolken, aber auch hier in diesem Steinkasten, der so lange still und leer gewesen war.
Das Wir, das steckte nicht nur in der Gegenwart. Die Blüte hatte Freude erfahren und anderen bereitet. Sie kannte Kälte und Wärme und hatte durch die Einsamkeit erkannt, was Gemeinschaft für sie bedeutete, für jeden Einzelnen von ihnen bedeuten musste.
Sie spürte, dass sie ihre Pflichten auf Erden nun erfüllt hatte. Es gab immer ein Morgen, mit oder ohne sie, und die Freude würde nie aussterben, solange es Wesen gab, die nur ein Ziel gemeinsam hatten:
Leben!
Die Gewissheit, dass er ein gemachter Mann war, überkam ihn, als er bedächtig die Stufen aus italienischem Marmor zur prächtigen Villa der Andersons hochstieg. Aus den hell erleuchteten Fenstern drang fröhliche Musik, das Klirren von teuren Kristallgläsern und das unbekümmerte Lachen der Reichen und Mächtigen. Zwar war er an diesem Abend weder reich noch mächtig, aber mit jedem Schritt, der ihn höher führte, wurde ihm klar, dass ihm niemand seine jüngsten Erfolge nehmen konnte. Er war auf dem besten Wege dazuzugehören und ein Lächeln umspielte seine bisher verkrampften Lippen.
Vor den weiten Eingangstüren nahm ein livrierter Diener seine Einladungskarte entgegen, sah kurz auf die goldenen Buchstaben und seinen mit schnörkeliger Schrift eingefügten Namen und studierte eine Liste auf einem Pult neben sich.
„Seien Sie willkommen, Herr Henley“, sagte er mit einer Verbeugung und bedeutete ihm mit der Hand die Villa zu betreten.
Markus Henley ermahnte sich zum wiederholten Male, seine Aufregung vor den anderen Gästen zu verbergen. Er wollte sich den Anschein geben, als ob er häufig an solchen Festen des Adels teilnahm. Ein weiterer Diener nahm seinen warmen Umhang und Hut in Empfang und von einem dritten ließ er sich in den Tanzsaal führen. Trotz aller Vorsätze glotzte er mit aufgerissenen Augen ungläubig auf das Spektakel.
An den Wänden hingen Spiegel, die das glanzvolle Innere vervielfachten. Drei schwere Kronleuchter warfen ein gelbes Licht durch den Saal und erhellten jeden Winkel, brachten die Gläser zum Leuchten, das Silber zum Glänzen und die Juwelen an Fingern und in Dekolletés zum Erstrahlen. Die illustren Gäste standen in einem stillen Wettstreit um auffällige Kleidung und Insignien ihres Wohlstands. Im hinteren Bereich des Saales wurde getanzt, dass die schweren Stoffe im Kreise flogen und das Parkett unter dem Stampfen vieler Füße erbebte. Das Orchester spielte den Wiener Walzer schneller und immer schneller, bis das Lachen in hysterisches Gekreisch überging.
Markus gab sich einen Ruck, drückte den Rücken durch und schritt maßvoll durch den Raum, nickte nach links und rechts unbekannten Menschen zu. Er spürte, wie sich die Leute nach ihm umdrehten. Ein paar von ihnen mussten ihn erkannt haben. Sprachen sie über ihn? Er lächelte, schloss für einen Moment die Augen und lief wie auf weichen Wolken über das Parkett.
„Das ist Markus Henley! Der Schauspieler!“, flüsterten sie in seinem Geiste.
Jemand zupfte ihn von hinten am Arm.
„Verzeihen Sie meine Unverfrorenheit, mein Herr“, lispelte eine üppige Matrone in sein erschrockenes Gesicht. Sie besah ihn sich genau, von oben bis unten. Als ihre Blicke sich wieder trafen, zischelte sie kokett:
„Sie waren ganz entzückend als Don Juan!“
Sie lächelte ihn frech an, während sie sein Gesicht mit Blicken förmlich aufsog. Er wusste, dass er gut aussah. Hellbraunes Haar umrahmte in sanften Wellen sein Gesicht, sinnliche Lippen und grüne Augen schmeichelten seinen jugendlichen, weichen Gesichtszügen, und sichtbar männliche Kraft unterstrich seine schlanke, muskulöse Statur.
„Vielen Dank, Madam“, erwiderte er und verbeugte sich übertrieben galant zum Handkuss. Die Matrone kicherte als sein Atem ihren Handrücken berührte.
„Ich habe das Stück erst letzte Woche gesehen. Es ist einfach fantastisch!“
Sie ergab sich in einem Schwall aus Komplimenten, was zur Folge hatte, dass andere Personen sich um sie gesellten, um zuzuhören. Markus wurde sich plötzlich bewusst, dass er durch diese Frau in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit geraten war. Er überlegte schnell, wie er den Redeschwall der Matrone stoppen konnte, um sich selbst besser zu inszenieren.
„Madam“, begann er mit einem süffisanten Lächeln, „es ist mir eine große Freude, das geneigte Publikum kennenzulernen. Durch Euer hingebungsvolles Lob und Eure schonungslose Kritik können wir unser Repertoire ständig verbessern und uns als Schauspieler weiterentwickeln.
Ihres ist die wertvollste Rolle von allen“, fügte er mit leicht gesenkter Stimme und einem Augenzwinkern hinzu.
Die Matrone kicherte erneut und hätte sicher weiter mit ihm geplaudert, wäre nicht die Neugierde der Umstehenden geweckt worden. Weitere Festteilnehmer erwähnten, dass sie ihn im aktuellen Stück am Staatstheater gesehen haben und seine Darbietung wurde viel gepriesen. Markus nahm dies demütig entgegen, auf das Höchste entzückt in seinem Inneren.
Der Abend versprach besser zu werden, als er anfangs angenommen hatte. Ein Kellner brachte süßlichen Champagner und endlich erlaubte sich Markus zuzugreifen. Er versuchte sich die Namen und die Stellung der Menschen einzuprägen, die sich ihm vorstellten. Bald war er überwältigt von der schieren Anzahl seiner Bewunderer. Die, die ihn bereits als Don Juan gesehen hatten, versprachen, ihn im Theater zu besuchen. Wer in den letzten Wochen keine Zeit für derlei Vergnügungen gehabt hatte, würde dies bald nachholen, versicherte man ihm.
Den ganzen Abend schwamm er auf einer Welle der Euphorie. Er war als Junge mit seiner Familie wie ein heimatloser Vagabund durch das Land gezogen. Ihr Wandertheater hatte mäßige Erträge gebracht und sie waren kaum über die Runden gekommen. Notgedrungen hatten sie sich am Anfang des letzten Jahres in der Großstadt niedergelassen und bei einem schäbigen Theater am Hafen zu arbeiten angefangen. Seine Mutter verstand es, herrliche Kostüme zu nähen, sein Vater war ein geschickter Bühnenbildner und beide hatten ihm das Schauspielern in die Wiege gelegt.
Diese grässliche Zeit lag endlich hinter ihm. Er wollte nie wieder eingesperrt wie ein Tier leben, ob in einem Wagen über Land reisend oder in einer kleinen Kellerwohnung, immer den Geruch von Salz und Fisch in der Nase. Es war die richtige Entscheidung gewesen, von diesem armseligen Theater im Hafenviertel wegzugehen, auch gegen den Willen seiner Eltern. Endlich arbeitete er in einem gut besuchten Haus und welch ein Publikum aus reichen und adligen Menschen! Stolz erkannte er, dass er seinem Talent diesen Erfolg zu verdanken hatte. Andererseits war ihm bewusst, dass er sich weiter bemühen musste, um seinen Status in der besseren Gesellschaft zu festigen. Heute Abend tat er die ersten Schritte in diese strahlende Zukunft.
Er stellte sich sein neues Leben vor, dem eines echten Don Juans nicht unähnlich. Markus lächelte und seine Adern pulsierten vor Aufregung. Die erste Welle des Interesses flaute ab und er schnappte sich ein junges Fräulein um ein paar Runden zu tanzen.
Markus trank und sprach viel an diesem Abend, immer bemüht, bescheiden und demütig aufzutreten, um die Zuneigung der Leute zu gewinnen. Es war kurz vor Mitternacht, als er der ungewohnten Aufmerksamkeit überdrüssig wurde und sich mit einem gut gefüllten Teller vom exquisiten Büfett an einen einsamen Tisch setzte. Als er gegessen hatte, zog er sich ins Raucherzimmer zurück, obwohl er es nicht wagte, eine der ihm dargebotenen Zigarren anzunehmen. Seine bescheidenen Mittel hatten es ihm nie erlaubt, das Rauchen zu probieren und er wollte sich nicht in aller Öffentlichkeit blamieren, weil er beim ersten Mal etwas falsch machen könnte. Er steckte unauffällig ein paar Zigarren ein und nahm sich vor zu rauchen, sobald er wieder allein war, zu Hause oder im Theater.
Am Kamin lehnend ging er im Geiste Namen und Gesichter des heutigen Abends durch und überlegte, wen er nachher ein zweites Mal ansprechen würde, um ihre Bekanntschaft zu bekräftigen. Während er in seinen Gedanken versunken war, schob sich jemand in sein Gesichtsfeld.
Ein blonder, nicht restlos gebändigter Schopf, erschien, geschmückt mit einem warmen, schüchternen Lächeln und Augen blau wie ein Tag im Juni. Der Bursche war älter als Markus und deutlich feiner, wenn auch etwas altmodisch, gekleidet. Seine vorgeschobenen Schultern ließen den Neuankömmling unterwürfig erscheinen.
Markus zwang sich ein Lächeln auf, er wollte diesen nächsten Bewunderer nicht durch eine durchscheinende Laune verprellen.
„Guten Abend“, begann Markus ermutigend mit einem Kopfnicken. Die Augen des blonden Mannes leuchten auf wie ein Signalfeuer in der Nacht und eine leichte Röte stahl sich auf seine Wangen.
„Guten Abend“, erwiderte er und senkte die Augen, um dann ruckartig den Kopf zu heben und Markus direkt anzublicken. Eine Eigenart, die er im Gespräch ständig wiederholte.
„Mein Name ist“, kurz wandte er den Blick zu Boden, sah Markus dann mit ungewöhnlicher Intensität an, „Christian.“
Die Stille, die darauf folgte, wurde Markus schnell unangenehm. Hätte er wissen müssen, wer der Mann war? Er war ein Neuling in diesen Kreisen. Daher entschied er sich für ausgesuchte Höflichkeit.
„Es freut mich, Sie kennenzulernen, Christian. Ich bin...“
„Es ist mir egal, wie Sie heißen!“, unterbrach ihn sein Gegenüber unerwartet schroff, indem er die Hände abwehrend hochhielt. „Ich wollte nur“, setzte dieser in peinlich berührtem, ruhigeren Tonfall fort, „also, ich wollte Sie um den nächsten Tanz bitten!“
Markus starrte ihn ungläubig an. Beinahe hätte er laut gelacht, doch es war klar, dass der Mann jedes Wort ernst meinte.
„Den nächsten Tanz?“, echote Markus vorsichtig, nicht wissend, wie er sich in dieser Situation verhalten sollte. Christian nickte heftig, dass seine Locken einen wilden Csárdás aufführten. Markus hatte lebhaft die Dorffeste in Erinnerung, zu denen seine Familie normalerweise ging. Er schüttelte den Gedanken aus einer anderen Welt mit einer heftigen Kopfbewegung weg.
„Wieso nicht?“, erkundigte sich Christian in einem vorsichtigen Tonfall. Er musste Markus’ Reaktion missverstanden haben, aber das war Markus recht. Selbstverständlich würde er nicht mit ihm tanzen!
„Das wäre nicht angemessen.“
Markus hatte sich gefasst und sprach die Worte schlicht und nach seinem ehrlichen Empfinden. Christian lief vollends rot an und Markus sorgte sich, dass es ein Anzeichen von Wut sein könnte.
„Was wollen Sie damit sagen?“
Das brachte Markus erneut aus dem Konzept. Er fand die Antwort darauf offensichtlich, aber er ahnte, dass er sie seinem Gegenüber nicht direkt ins Gesicht sagen konnte. Wieso also fragte er? Wollte er eine Konfrontation erzwingen? Der aufstrebende Schauspieler kannte höfische Manieren gänzlich aus Theaterstücken und überlegte fieberhaft, wie er diesem Menschen und dem unangenehmen Gespräch entrinnen konnte.
„Alle haben heute Abend ihren Spaß“, stellte Christian mit einem freundlichen Lächeln fest. „Ein Tänzchen in Ehren kann niemand verwehren“, fügte er mit spitzbübischem Ausdruck hinzu und vollführte eine ausladende Drehung, dass sich ein paar Köpfe überrascht nach ihnen umdrehten. Markus spürte Wut in sich aufsteigen. Er konnte es sich nicht leisten, bei seinem ersten Auftritt in der gehobenen Gesellschaft durch delikates Verhalten aufzufallen.
„Was soll das?“, bellte Markus, dabei unterdrückte er die Lautstärke seiner Worte und es klang wie ein Knurren. Christian blickte ihn erschrocken an und nahm wieder Haltung ein.
„Bitte verzeiht, ich wollte Euch nicht veralbern. Ich möchte nur so gerne tanzen.“
Die Aufrichtigkeit in diesen Worten konnte Markus nicht anzweifeln. Das Glitzern in den blauen Augen flammte erneut auf, als diese sich hoffnungsvoll auf den jungen Schauspieler richteten.
„Wollt Ihr mir nicht diesen einen Wunsch erfüllen?“
Markus erkannte, dass Christian die Schultern vorgestreckt hielt, weil er ein gutes Stück größer war und sich beim Sprechen stets nach vorn beugte. Diese Eigenheit drängte sich Markus mit einem Mal als zu intime Geste auf. Er ging einen bewussten Schritt rückwärts und räusperte sich. Dann sah er auf den Boden und seufzte:
„Ich bin mir sicher, dass es im Ballsaal Dutzende Frauen gibt, die gerne mit Ihnen tanzen würden.“
Er sagte und meinte dies aufrichtig. Gleichzeitig legte er eine solch boshafte Betonung auf Frauen, dass er im selben Moment erkannte, es musste als Gemeinheit verstanden werden.
In der Tat lief Christian hochrot an und diesmal sprühte Wut aus seinen weit aufgerissenen Augen. Seine Kiefer mahlten und Markus spürte, dass er etwas sagen, vielleicht sogar schreien wollte. Mit einer enormen Willensanstrengung verbeugte sich Christian und murmelte kaum hörbar:
„Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend.“
Er drehte sich auf dem Absatz um und verließ das Raucherzimmer.
Markus blieb eine Weile wie gelähmt im vernebelten Rauchersalon. Diese Begegnung hatte ihn verwirrt. Er war sich sicher, dass er gemäß der geltenden Etikette gehandelt hatte und sich nichts vorwerfen musste. Wer hatte so etwas schon einmal gehört? Männer, die miteinander tanzten! Vielleicht in fremden Religionen, vielleicht bei einem Trinkgelage unter alten Freunden. Sicher keine ehrenvollen Männer, die an einem herzoglichen Ball teilnahmen. Sie waren einander fremd und keine Kinder mehr.
Solcherlei Gedanken warf Markus für eine Weile hin und her. Er fragte sich verwundert, ob Christian direkt zu einem nächsten Auserwählten gehen würde und den ganzen Abend lang die Gäste irritierte. Würde jemand einen Schutzmann rufen?
Letzten Endes verließ er den Salon, der für die männlichen Gäste reserviert war. Er war besorgt, ohne genau sagen zu können, wieso. Es kostete ihn einige Kraft, sein Selbstbewusstsein zurückzugewinnen, und sein ursprüngliches Ziel weiter zu verfolgen. Er wollte sich heute Abend unbedingt persönliche Einladungen zum Tee oder Dinner von ein paar der Anwesenden sichern. Mit seinem bescheidenen, leicht aufgezwungenem Lächeln, hatte er alsbald Zugang zu den verschiedenen Gesprächsrunden gefunden und hier eine Adresse erhalten und dort die seine hinterlassen. Er nahm sich in Acht, stets die Frauen mit Höflichkeiten zu umgarnen und von ihren Männern die Einladung ausgesprochen zu bekommen.
Am Rande seines Blickfelds bemerkte er Christian. Mal lehnte dieser an einer Wand und mal stützte er sich auf eine Stuhllehne. Stets starrte er offen in Markus’ Richtung. Dieser konnte auf die Entfernung sein Gesicht, seine Stimmung nicht deuten und versuchte, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen. Mit gespielter Gelassenheit lachte und scherzte er, ganz im Bewusstsein, dass Christian jede seiner Bewegungen mit den Augen verfolgte.
Nach einer guten Stunde war Markus mit seiner Ausbeute zufrieden und sandte mit einem Fingerzeig nach einem Glas Champagner. Als der Kellner sein Tablett mit einer leichten Verbeugung anbot, war der junge Schauspieler nicht der einzige, der zugriff.
„Wie ich sehe, amüsiert Ihr Euch gut“, begann Christian zaghaft und nippte von seinem Glas.
Markus war sofort angespannt und verspürte keine Lust auf ein Gespräch wie vorhin.
„Haben Sie in der Zwischenzeit einen passenden Tanzpartner gefunden?“, fragte er bissig, als der Kellner außer Hörweite die anderen Gäste bediente.
Christian sah ihn seltsam traurig von der Seite her an.
„Ich möchte mit Ihnen tanzen. Die Nacht ist noch nicht vorüber. Ich würde mich daher freuen...“
„Nein!“ Markus Worte waren scharf wie ein Messer. „Sie können nicht von mir verlangen mit Ihnen in aller Öffentlichkeit zu tanzen. Was würden die anderen Gäste denken?“
Das Glück nimmt viele Formen an.“
Christians Augen leuchteten geheimnisvoll auf. Markus sah seinen Ruf gefährdet.
„Ich sagte Ihnen bereits, suchen Sie sich für solchen Spaß eine Frau!“
„Ich mache mir aber nichts aus Frauen.“
Die Direktheit dieses Fremden erstaunte Markus. Es war bewundernswert und gleichzeitig beängstigend. Er sah sich um, wie um Sicherheit in dem Umstand zu finden, dass sie nicht allein im großen Saal waren.
„Dann suchen Sie sich eben einen anderen Mann“, grummelte Markus nicht unfreundlich. Christian verzog schmerzhaft sein Gesicht.
„Mein Herz hat Sie heute Abend auserwählt. Mein Innerstes brennt vor Sehnsucht nach einem Tanz mit Ihnen.“
Die stahlblauen Augen bohrten sich in Markus Kopf, der sich peinlich berührt abwandte.
Wieso erzählt er mir diese Dinge? Er kann nicht ernsthaft hoffen, mich zu gewinnen? Hoffentlich hört uns niemand zu.
„Ich bitte Sie inständig“, setzte Christian flehentlich an, „um einen Tanz, einen einzigen Tanz. Ich werde Sie danach nie wieder belästigen, ich möchte noch einmal glücklich sein.“
Er verstummte, als er sich seiner Worte verlegen bewusst wurde. Nach einer kaum merklichen Pause fügte er ruhiger hinzu:
„Heute Abend ist die einzige Gelegenheit.“
Eine leise Neugierde regte sich in Markus. Vielleicht ging dieser Mann fort. In einen Krieg im Namen seiner Majestät, in ein fernes Land. Musste er morgen jemanden heiraten, den er nicht liebte, nicht lieben konnte? Er presste seine Augen zusammen und unterdrückte das Bedürfnis hilfsbereit zu sein.
„Es tut mir leid.“
Markus legte mehr Schärfe in seine Worte als beabsichtigt. Er war zu sehr durcheinander und hatte seine Stimme – sein ganzer Stolz, sein wichtigstes Werkzeug! – nicht gut unter Kontrolle. Er holte einmal tief Luft und wiederholte sanfter:
„Es tut mir wirklich leid, aber das geht einfach nicht.“
Dabei sah er Christian offen in die Augen und spürte, wie dessen Traurigkeit über ihn schwappte. Er ignorierte erneut ein aufkeimendes Gefühl des Mitleids.
„Ich verstehe“, sagte Christian und ein wässriger Schleier legte sich über seine Augen.
Er verbeugte sich tief vor Markus, als hätte ihm dieser einen großen Gefallen erwiesen, anstatt einen zu verweigern. Dann drehte er sich auf dem Absatz um und verließ gemessenen Schrittes den Saal. Bei jedem Schritt sank sein Kopf tiefer zwischen seine Schultern.
Markus sah ihm hinterher und ein unerklärlicher Schauer lief über seinen Rücken. Gegen zwei Uhr morgens richteten sich alle Gedanken von Markus auf seine neueste Eroberung. Sie hieß Tatjana. Ein niedliches, junges Fräulein, dass mit dem Herzog verwandt war. Er hatte sich von ihr entführen lassen. Sie besaß freien Zugang zu den Räumlichkeiten in der Villa. Das nutzten die beiden, um sich von den Feierlichkeiten zu entfernen. Hastige Küsse wurden ausgetauscht und ungeduldige Hände pressten sich an anschmiegsame Körper.
Ein Geräusch im Gang ließ sie auffahren. Markus legte einen Finger auf Tatjanas Lippen während er den Kopf zur Seite neigte, um zu lauschen. In einem Winkel seines Bewusstseins bemerkte er erfreut, dass sie warm, weich und feucht waren. Ihr helles Haar kitzelte ihm in der Nase.
Als sich die Schritte draußen entfernten, fragte Markus:
„Sollten wir einen Raum weiter gehen?“
Tatsächlich war er in Sorge. Er könnte beim Gastgeber in Ungnade fallen, sollten sie erwischt werden. Tatjana hingegen glaubte, er hätte einen anderen Grund, sie weiter und weiter fortzuführen. Dieser Gedanke missfiel ihr nicht, denn sie war in ihrem eigenen Tagtraum, einem Abenteuer voller Liebe und Intrigen, gefangen. Die fehlende Ähnlichkeit mit der Realität war für sie Nebensache. Markus war ein armer, galanter Schauspieler, ein hübscher junger Mann, der ebenso hübsche Dinge sagen konnte. Sie wollte seinen Liebesgedichten die ganze Nacht lauschen, vorzugsweise im Dunkeln in ihr Ohr geflüstert. So nah, dass seine Lippen ihr Ohrläppchen berührten. Sie seufzte vor Aufregung.
„Ja, lassen wir uns treiben“, rief sie verzückt, raffte ihre Röcke und rannte mit jauchzendem Lachen davon. Markus schaute verdutzt hinterher. Dann folgte er ihr ermutigt durch die Dunkelheit.
Ein guter Abend, wirklich ein verdammt guter Abend.
Tatjana stieß die verzierte Doppeltür aus dunklem Holz am anderen Ende des Salons auf, in dem sie sich gerade befanden. Sie führte auf einen engen, langen und schlecht durch das Licht von Fackeln unten im Hof erleuchteten Gang hinaus. Dieser Bogengang, der wie eine Brücke zwei Gebäudeteile miteinander verband, war nicht verglast. Markus wurde sofort von der kühlen Nachtluft ergriffen. Das Mädchen war bereits in den nächsten Wohnraum gelangt und rief ihm irgendetwas zu, das er nicht hörte.
Sein Verstand blockte alle äußeren Eindrücke aus. Dort war Christian und starrte ihn aus der Dunkelheit an. Der Atem stockte ihm und die Beine versagten ihm unvermittelt
