Sexualität der Einsamkeit - Alexandra Peterson - E-Book

Sexualität der Einsamkeit E-Book

Alexandra Peterson

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Beschreibung

Nach dem Tod ihrer Schwester findet die Herausgeberin auf deren Computer den Text eines Romans. Der Text erschüttert und irritiert sie. Es ist die Sprache ihrer Schwester. Aber was sie da liest, kann sie nicht glauben. Viele Begebenheiten kommen ihr bekannt vor, erinnern sie an das Leben der Schwester, das sie kennt. Aber vieles ist auch so abgrundtief verschoben anders, dass sie sich gar nicht vorstellen kann, dass ihre Schwester so etwas geschrieben hat, dass ihre gebildete Schwester solche fürchterlichen Gedanken in ihrem Kopf gehabt hat. Sie ist schockiert. Die Schwester war die letzten Jahre ihres Lebens vollständig gelähmt. Der Computer war ihre einzige Verbindung zur Außenwelt. Sie hat damit Gedichte und Romane geschrieben und auch veröffentlicht. Doch dieser Text gehört nicht zu den publizierten Texten. Es ist die Geschichte einer erfolgreichen Rechtsanwältin in einer Wirtschaftskanzlei. Es ist aber auch die Geschichte einer erdrückend einsamen Sexualität, die Geschichte von grausamen Alpträumen und schrecklichen Verirrungen einer Frau auf der Suche nach ihrer Identität. Nach vielen Gesprächen mit ihrem Mann und Freunden entschließt sich die Herausgeberin, den Text der verstorbenen Schwester zu veröffentlichen. Ein mutiger Schritt.

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Seitenzahl: 407

Veröffentlichungsjahr: 2019

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für den unbekannten Erbauer

des kleinen Leuchtturms an der

Nordspitze von Mudland und für

die Menschen, die ihn bis heute

betrieben und gepflegt haben

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Postludium I

Wind

Anziehung

Dunst

Licht

Säge

Postludium II

Postludium III

Nachwort

Anhang 1

Texte

Mein Vater

Englische Reise

Veronique

Das rote Fräulein Susanne

Tante Elisa

Linda

Klaps

Dressur

Rohrstock

Klopfpeitsche

Erziehungsmaßnahme

Das Tantenzimmer

Das Haus in der Kargelandstraße

Der Sessel

Day after

Kruste am Ohrläppchen

„Du meinst Hauen?“

Frage an der Supermarktkasse

Das schüchterne Fräulein Mi

Bestrafung

Die Nachbarin

Wunsch

Erziehungszimmer

Prägungen

Geschichten-Dinge

Träume

Schon 25 Jahre verheiratet

Vorhang

Unter der Wärme der Bettdecke

Vater

Küsse

Phantasien .

Erinnerungsfragmente

Bilder

Anhang 2

Die Gedichte-Mappe

Die Gedichte der alten Frauim Sessel am Fenster

Italien-Fragment

Zeitungsartikel

Anhang 3

Rezension

Karten

Mudland (Übersicht)

Vom Fischerkirchlein zum Inseldorf

Von der Siedlung zur Gemeinde

Zeitlinien und Daten

Mudland (Detail)

Kapitel 1

12. März 2011. – Ich habe heute meinen neuen Mieter getroffen. Ein zurückhaltender Mann, Mitte fünfzig und vielleicht genau der Richtige für das abgelegene Haus hinter den Dünen. Mudland ist ein wunderbares Fleckchen Erde, man kann sich eigentlich nichts Schöneres vorstellen, besonders wenn man die Einsamkeit liebt und die langen Spaziergänge am Strand, mit dem rauen Wind, der einem hier stets ins Gesicht bläst.

Der Weg zum Haus in den Dünen lässt sich nicht leicht finden. Wir hatten uns deshalb im Ort verabredet, in dem einzigen Kaffee, das es hier gibt. Er war auf die Minute pünktlich. In seinem dunkelblauen Anzug, hochwertige Schurwolle, gut verarbeitet, wahrscheinlich eine Maßanfertigung, stand er vor mir. Die Wangen und das markante Kinn glatt rasiert, das Haar sorgfältig nach hinten gekämmt. Sein fein gestreiftes Hemd trug er offen und auf den Lippen lag ein vorsichtiges Lächeln. Es wirkte natürlich, so wie eigentlich seine gesamte Erscheinung natürlich und ungezwungen wirkte. Nur ganz am Rande der Mundwinkel war in dem Lächeln eine Spannung eingegraben. Sie ließ etwas wie eine kaum erkennbare Sorge oder Betrübnis durchschimmern. Doch das bemerkte ich in diesem Moment noch nicht.

Es war der erste sonnige Tag und von der See kam der Wind frisch und salzig. Ein früher Frühling mit Bilderbuchwetter. Fast schon übertrieben. Man hätte keinen besseren Termin für eine Besichtigung machen können. Im Herbst und Winter stürmte es hier und es gab Tage, an denen auch die Einheimischen keinen Fuß vor die Tür setzten. Mudland konnte eine sehr unwirtliche Insel sein.

Wie er da vor mir saß, an dem kleinen runden Tisch mit der verrutschten blau weiß gemusterten Decke, aufmerksam und präsent, kam es mir vor, als hätte ich ihn schon einmal gesehen, vor einiger Zeit. Aber das konnte nicht sein. Vielleicht war es einfach, weil er so nett und gewöhnlich aussah, sein Blick vertrauenserweckend. Ein Vorzeigemittfünfziger, in seiner Erscheinung nur noch einige wenige Jahre zu jung um ein gutes Fotomodell für den Werbeprospekt einer Seniorenresidenz abzugeben. Er war gepflegt und vor allem, das sah man ihm an, gut situiert. Gerade letzteres konnte mir ja nur recht sein. Pünktliche Zahlungseingänge und wenig Scherereien, das waren Aussichten die ihn als einen guten Mieter erscheinen ließen.

Er holte aus seiner Jackentasche einige zusammengefaltete Zettel: das ausgedruckte Exposé der Immobilienbörse. Ich schaute auf seine schlanken Finger, die das Papier auf dem kleinen Kaffeetisch glattstrichen. Die Fingerkuppen waren außergewöhnlich kraftvoll. Klavierspielerfinger. – Doch, ging es mir durch den Kopf, ich hatte ihn doch schon einmal gesehen, vor drei oder vier Jahren, in Hamburg, Café Paris, ein kalter Winter. Er saß an einem kleinen Doppeltisch, ihm gegenüber eine jung Frau, sehr zart, das feine Haar kurz geschnitten. Sie blätterte in einem Reiseführer und er schaute noch einmal in die Speiskarte, wohl vor allem, so schien es mir damals, damit auch er in etwas blättern konnte, und nicht aus dem Grund noch etwas bestellen zu wollen. Ein ungleiches Paar. Professor und Studentin, war meine erste Assoziation. Die zweite: Vater und Tochter, aber dafür war der Altersunterschied dann doch nicht groß genug. Trotzdem hatte er ihr gegenüber etwas väterlich Fürsorgliches. Es lag in der Art wie er zu ihr schaute: Alles okay, sie ist beschäftigt, gut, sie liest in ihrem Reiseführer, das mag sie, gut, sie erwartet jetzt nichts von mir, auch gut. – Das war so das, was ich damals in seinem Blick zu sehen glaubte. Und da war auch noch etwas anderes. Etwas das ich noch nicht sehen konnte, das aber zu spüren war und das mein Interesse weckte.

Ich saß zwei Tische weiter und wartete auf einen Bekannten, der nicht kam. Der Tisch, an dem die beiden saßen, lag in meinem Blickfeld. Und so konnte ich sie beobachten während ich abwechselnd auf meine Uhr und auf die Tür schaute.

Das tat ich auch jetzt. Eigentlich musste der Herr von der Verwaltungsgesellschaft schon längst da sein. Er hatte versprochen eine halbe Stunde vor dem Termin zu kommen, damit wir uns noch kurz absprechen konnten. Aber er war auch jetzt noch nicht da. Komisch, er wohnte doch auf der Insel. Wenn einer keinen Grund hatte zu spät zu sein, dann war er es.

Ich schaute auf mein Gegenüber. Meine Unruhe schien bei ihm nicht anzukommen. Er blätterte in seinen Zetteln und suchte eine Seite, die er offensichtlich nicht fand. Ich merkte, dass ich mir seinen Blick, seine Gestik und Mimik besser eingeprägt hatte, als es mir damals bewusst gewesen war. Ich hatte bei ihm etwas verborgenes, etwas verbotenes gesehen, ein Tabu. Ich hatte es in seinen Augen aufblitzen sehen, als die junge, schlanke Kellnerin kam, zu dem Tisch an dem er saß, und dann doch vorbei ging zum Nachbartisch. Er schaute auf ihre lange Schürze, vielleicht auch etwas tiefer, in jedem Fall nicht in ihr Gesicht. Ein kurzer Blick, der, dadurch dass er ihn tat, in ihm eine Irritation auslöste, von der ich nicht sagen konnte worin sie bestand. Sie war kurz und nur aufgrund ihrer stechenden Heftigkeit erkennbar. Seltsam.

Jetzt, hier in dem Kaffee auf der Insel, gab es keine Bedienung. Self-Service. Neben der Eingangstür stand ein Wagen auf dem man sein Tablet abstellen konnte, wenn man fertig war. Der Wagen wurde dann irgendwann weggerollt.

„Wollen Sie einen Kaffee?“, fragte ich ihn, „vielleicht dauert es doch noch etwas bis der Herr von der Verwaltungsgesellschaft kommt.“

„Nein, danke, nein“, meinte er, „das muss nicht sein.“

Ich konnte seine Stimmung nicht einschätzen. Er war zurückhaltend verbindlich, aber nicht ohne Zielstrebigkeit. Wahrscheinlich wollte er einfach direkt zur Besichtigung. Ich dachte daran, dass der Verwalter gesagt hatte, ich solle in keinem Fall dem Mieter alleine das Haus zeigen. Auf der anderen Seite sah ich auch nicht ein, dass wir hier noch lange warteten. Sollte ich, als Pausenfüller, erzählen, was mich mit dem Haus verband? Warum? Ich war hier als Vermieterin, nicht um Geschichten zu erzählen. Ich versuchte über mein Handy den Verwalter zu erreichen aber bei ihm war nur der Anrufbeantworter dran.

„Ich denke, wir gehen schon mal vor“, sagte ich, „er kennt ja den Weg zum Haus. Er kann dann ja nachkommen.“

Wir gingen durch den Ort. Auf den roten Pflastersteinen des Gehwegs lag Sand, den der Wind hin und her wehte.

„Rechts geht es weiter“, meinte ich, als wir aus dem Ort heraus waren und vor den ersten Dünen standen.

„Rechts?“, fragte er. Er sah den kleinen Pfad nicht, der da war. Die Holzbalken waren vom Sand verweht und der Weg war so schmal, dass wir hintereinander gehen mussten. Ich blickte auf mein Handy: Kein Empfang. Aber der Verwalter würde zum Kaffee kommen, wenn er denn noch kam, und da lag ja ein Zettel für ihn.

Ich schaute auf den vor mir gehenden Mann. Der feine Lederschuh mit der glatten Sohle fand auf dem sandigen Weg nur unzureichend Halt. Trotzdem ging er recht zügig. Ein gutes Tempo. Wahrscheinlich war er ein geübter Wanderer.

Seltsam, dachte ich. Jetzt laufe ich hier durch die Dünen hinter einem Mann her, den ich vor einigen Jahren zufällig in Hamburg in einem Kaffee gesehen habe, und der wohl jetzt mein neuer Mieter sein wird. Was mag aus der Frau geworden sein? Ich hatte die beiden noch eine ganze Weile beobachtet. Der Bekannte, auf den ich gewartet hatte, hatte irgendwann mit einer kurzen SMS abgesagt. Aber ich blieb sitzen und beobachte weiter das ungleiche Paar.

Ich mache das gerne, Leute beobachten. Und ich mache mir dabei so meine Gedanken, als Zeitvertreib. Ein Spiel.

Sie wollte zahlen, sie hatte noch eine ganze Menge vor, wohl die ganzen Empfehlungen des Reiseführers abarbeiten. Er wäre gerne noch etwas sitzen geblieben in der warmen Atmosphäre des Cafés. Die Kellnerin kam, diesmal war sein Blick ruhig und ohne jede Irritation. Er hatte sich im Griff. Er zahlte, natürlich er und nicht sie, klassische Rollenverteilung. Das Trinkgeld viel großzügig aus.

Ich blieb sitzen, bestellte noch einen Kaffee und spann in meinem Kopf die Geschichte weiter. Ganz schnell war ich bei einer Auseinandersetzung. Sie waren einfach zu unterschiedlich, die beiden. Aber so recht wollte mir der Streit in meinen Gedanken nicht gelingen. Er war viel zu sanft, zum Streiten, er gab immer nach, ließ sie alles machen, ließ alles mit sich machen. Gleichzeitig war da eine Spannung zwischen ihnen, etwas was sich aneinander rieb, etwas Unausgesprochenes, doch es war sehr präsent, das war ganz deutlich mein Eindruck. Es gab da auch etwas was er mit ihr machte. Doch ich hatte keine Idee, was das hätte sein können. Viel zu viel Normalität war da bei den beiden, bürgerlich, gut bürgerlich, vielleicht eine zweite oder auch schon dritte Einwanderergeneration als Hintergrund bei ihr, ja, sie hatte etwas fremdländisches, nicht asiatisch, aber die Form der Augen, darin lag eine Tiefe, auch wenn sie vor allem scheu waren, diese Augen. Ich glaube, ich würde sie wiedererkennen.

Von hinten riss mich der kurze Atem des Verwalters aus meinen Gedanken.

„Da habe ich sie ja noch erwischt“, sage er und schnappe nach Luft, „Entschuldigung für die Verspätung. Ich hatte noch einen Termin auf dem Festland Ich bin nicht von der Fähre gekommen. Eine Rampe war beschädigt. Die konnten nicht anlegen.“

„Ja, ja. Kein Problem“, sagte ich, immer noch in Gedanken an die junge Frau.

Kapitel 2

Der Wind hatte die Wolken, die während unseres Spaziergangs am Himmel aufgezogen waren, zu dünnen, schräg übereinanderliegenden Bändern geblasen. Die kleinen wattig weißen Tupfer des Vormittags waren in die Länge gezogen und unten zu tief dunkelblaugrauen Streifen verdichtet, so als hätte man sie in die Spitzen eines mächtigen Gebirges kalt strahlenden Eises getaucht. Der Wind trieb die von ihm geformten Wolkenbänder hin und her und das Licht, das auf die Landschaft fiel, wechselte ständig. Eine großartige Inszenierung der Natur.

Wir hatten die letzte Düne erreicht. Der Weg ging hier noch einmal ein ganzes Stück steil hinauf. Dann waren wir da. Das Haus lag vor uns in dem malerisch magischen Licht, das der bewegte Himmel auf die Landschaft zeichnete. „Wundervoll“, sagte der Mann. Er war berührt.

Das „wundervoll“ klang wie ein Zitat. Es kam aus einem anderen Teil seiner Seele. Einem Teil, der mit einer Erinnerung verknüpft war, die ihm nur noch selten zugänglich war. Ich wusste nicht, ob er sich dessen bewusst war. Wahrscheinlich nicht. Als er dann, nach einem kurzen Innehalten, mit dem Verwalter über die Lage des Hauses sprach, über seine Erreichbarkeit, die Frag der Versorgung, Strom, Wasser, Gas, da war seine Stimme wieder ganz anders. Ich glaube er war eigentlich kein schlechter Geschäftsmann, auch wenn er vermutlich selten wirklich gute Geschäfte machte. Er dachte zu wenig an den eigenen Vorteil. Aber vielleicht täuschte ich mich da auch.

Als wir im Haus waren, begann der Verwalter schneller zu sprechen. Er erklärte Sachen, die man gar nicht erklären musste. Er war nervös. Er hatte Angst, dass der Mann doch noch abspringen würde. Es waren bereits drei Interessenten abgesprungen. Ein einsames Haus in den Dünen, nur durch einen Trampelpfad erreichbar, das war keine leicht vermietbare Immobilie. Doch den Mann interessierte das Gerede des Verwalters nicht. Er ging durch die Räume, ruhig und gelassen und nur wenn man ihn ganz aufmerksam beobachtete, merkte man, dass er doch angespannt war. Es arbeitete in ihm und ich war mir sicher, dass er das Haus wollte. Die Sorge des Verwalters war unbegründet.

Im Keller schaute der Mann sich die Anschlüsse an, Zähler für Gas, Wasser und Strom. Der Verwalter zeigte das Kellerfenster, das nicht richtig schloss und sagte, dass das in jedem Fall noch gemacht werden würde. Unnütz, dachte ich. Wenn er nicht darauf hingewiesen hätte, wäre das gar nicht aufgefallen.

Neben dem Fenster waren einige gusseiserne Harken, an denen alte Putzutensilien hingen: Ein typischer Keller eines alten Hauses eben. Dieses alte Zeugs hätte man schon längst wegschmeißen sollen, dachte ich. Das machte doch nur einen ungepflegten Eindruck.

Der Verwalter ging zur Treppe. Ich folgte ihm. Der Mann blieb vor dem Fenster stehen. Schaute er sich das defekte Scharnier an? Das war doch nur eine Kleinigkeit. Ich drehte mich noch einmal in die Richtung, in der der Mann stand. Er war immer noch an derselben Stelle. Ich sah, wie er die Hand hob – offensichtlich fühlte er sich unbeobachtet – und wie er mit seinen Fingerkuppen über die Oberfläche des verschmatzten gelben Regencapes, das da hing, strich. In seinen Augen der seltsame Blick, den ich aus dem Café Paris von ihm kannte. Er zögerte ein bisschen und schaute dann, ganz kurz nur, auf den Teppichklopfer aus Rattan, der neben dem Cape hing. Ein Zucken ging durch seinen Körper. Er wandte sich hastig um, war dann irritiert, dass ich noch da unten auf der Treppe stand und ihn beobachtete. Er wurde nicht rot, zumindest konnte ich das im Dunkel des Kellerlichtes nicht sehen, aber in seinem Blick lag Scham. – Ja, es war der Mann, den ich vor vier Jahren in Hamburg mit der jungen Frau beobachtet hatte. Jetzt war ich mir ganz sicher.

Kapitel 3

Ein einsam in den Dünen stehendes Haus ist in der Tat eine schwer zu vermietende Immobilie. Da hatte der Verwalter schon recht und ich war deshalb auch wirklich froh, dass er es geschafft hatte, diesen neuen Mieter zu finden. So hatte ich auch kein Problem damit, als der Verwalter einen Aufschlag auf die übliche Provision verlangte. Mir war es vor allem wichtig, dass ich von der Pflicht entbunden wurde, mich um das Haus zu kümmern. Ich hatte es von meinem Onkel geerbt, vor einigen Jahren schon. Es war vermietet, an ein Ehepaar, das in ihm meist den Sommer verbrachte. Sie segelten und hatten auch eine Motorjacht. Für sie war das Haus mit der kleinen Bucht ideal. Ein Anlegepunkt im Sommer, für einig Wochen oder auch Monat im Jahr, ein Domizil jenseits von Trubel und Geschäftigkeit. Es war für sie kein Problem, dass man vom Land aus nur über den kleinen Pfad einen Zugang zum Haus hatte. Sie machten ohnehin alles mit ihren Booten. Der Mietvertrag war noch von meinem Onkel abgeschlossen worden und um die jährliche Abrechnung kümmerte sich die Verwaltungsgesellschaft. Warum sollte ich daran etwas ändern? Erst als die Mieter beschlossen ganz nach Spanien umzusiedeln, musste ich tätig werden.

Das Haus war in den frühen 1860er Jahren von einem im Ruhrgebiet durch Kohle und Stahl zu Reichtum gekommenem Industriebaron errichtet worden. Heute begann bereits wenige hundert Meter hinter dem Haus der Strand. Ein malerischer Sandstrand der, als wäre es immer schon so gewesen, in einem großen ruhigen Bogen in der stetig an ihm nagenden Brandung des Meeres lag. Jedes Jahr spülte sie einige Zentimeter des feinen hellgelben Sandes fort. Zur der Zeit, als das Haus gebaut wurde, waren Meer und Strand noch mehr als einen Kilometer entfernt und damals schlängelte sich eine Straße an Strand und Meer entlang zum Haus. Die Straße zum Haus hatte es noch bis 1962 gegeben. Erst als die große Sturmflut eine ganze Landzunge und damit auch die Zugangsstraße weggerissen hatte, war das Haus zu seiner jetzigen einsamen Lage gekommen.

Einige Jahre hatte das Haus leer gestanden und als mein Onkel es 1965 kaufte, war der Verfall, von Dach, Fenstern und Außenwänden, schon sichtbar fortgeschritten. Besonders die zur See liegenden Teile des Hauses waren stark von der Witterung angegriffen. Aufgrund des schlechten baulichen Zustands war die das Haus verwaltende Stiftung schließlich stark mit dem Preis heruntergegangen. Nur deshalb hatte es sich mein Onkel leisten können, das von einem namentlich nicht bekannten Schüler des Arts-and-crafts-Architekten Ernest George im Stile eines repräsentativen englischen Landhauses gebaute Haus zu kaufen. Der Aufwand für die Renovierung war erheblich. Wegen der fehlenden Zufahrtsstraße mussten alle Materialien über das Meer mit dem Boot herangebracht werden. Die meisten Arbeiten führte mein Onkel mit viel Liebe zum Detail, aber nicht immer ganz fachmännisch, selbst aus. Den grundlegenden Charakter des Hauses hatten die Renovierungen und die kleinen Umbauten aber nicht verändert. Die Räume in der ersten Etage waren fast vollständig in der Originalausstattung. In der Küche gab es sogar noch zwei mächtige Schänke, die der Bauherr seiner Frau zum Einzug geschenkt hatte und die damals eigens aus England herangeschafft worden waren.

Für jemand der diesen Stil mochte, war die Ausstattung attraktiv. Trotzdem konnte ich nicht ganz verstehen, was der Mann an dem Haus fand. Der Salon und die kleine Bibliothek waren wirklich beeindruckend, auch wenn sie bei einem genaueren Blick gar nicht so historisch museal waren, wie sie zunächst erschienen. Der Mann hatte kein Boot und ich fragte mich, wie er da leben wollte. Irgendwie musste er ja alles was er brauchte zum Haus schaffen. Über den schmalen sandigen Pfad konnte man nicht einmal einen Handwagen schieben. Das Haus war, soweit ich das wusste, niemals ganzjährig bewohnt worden. Es war immer ein Ferienhaus gewesen. Selbst der ursprüngliche Bauherr, der Industriebaron, hatte es immer nur in den Sommermonaten genutzt. Und damals gab es ja noch die Straße.

Aber offensichtlich war genau diese abgeschiedene Lage, die Einsamkeit, das, was für meinen neuen Mieter das Interessante an dem Haus war. Nun, mir sollte es recht sein.

Ich hatte den Verwalter gebeten, die für mich bestimmte Kopie des Mietvertrags direkt an meine Hamburger Adresse zu schicken. Als sie nach einigen Tagen eintraf, heftete ich sie zu den anderen das Haus betreffenden Unterlagen. Ich war froh, dass die Sache gut abgeschlossen war.

Kapitel 4

4. April 2011. – Wir waren den kürzeren, dafür aber sehr steilen Weg gegangen. Lissy war außer Atem. Sie legte sich auf die Wiese. Ich legte mich neben sie. Eine Weile sagten wir beide nichts. Ich hörte Lissys Atem, der sich langsam beruhigte. Sie war das letzte Stück des Wegs vorausgelaufen und ich hatte sie erst ganz zum Schluss eingeholt.

„Es ist schön hier“, sagte sie.

„Ja“, sagte ich und fand es schön, dass ich weiter nichts sagen musste.

Irgendwann sagte sie: „Ich wäre jetzt gern an der Nordsee.“

„Was?“, fragte ich.

„Ich wäre jetzt gerne an der Nordsee, du hast da doch ein Haus“, fuhr sie fort, „auf dieser Insel deren Namen ich mir nicht merken kann.“

„Sag mal“, entgegnete ich, „wir sind hier auf der schönsten Alm Bayerns mit einem Postkartenpanoramablick, strahlender Sonne und frischer Luft und du denkst an die Nordsee.“

„Ja“, sagte sie kurz.

Ich schweig. Ich wollte jetzt nicht an die Nordsee denken, wollte auch nicht mit ihr streiten oder auch nur diskutieren. Ich wollte einfach diesen Ausblick genießen, die frische Luft, den Duft des Grases, den steilen Hang, auf dem wir lagen und überhaupt alles hier. Ich war hier. Und das war schön.

Lissy sagte jetzt auch nichts. Wir lagen nebeneinander. Der Wind fuhr durch ihr Haar. Ich nahm es nur aus dem Augenwinkel wahr, so wie man jemanden eben sehen kann, der nahe neben einem liegt. Irgendwann spürte ich ihre kleine Hand zwischen meinen Beinen an der Innenseite der Oberschenkel. Sie war erstaunlich kühl, diese Hand. Langsam tastete sie sich nach oben. Meine erste Reaktion war aufzuspringen und Lissy anzubrüllen. Was suchten Ihre Hände unter meinem Rock? Aber ich blieb liegen. Ihre Finger tasteten sich weiter nach oben. Langsam, sehr langsam. Dass ich das geschehen ließ war seltsam. Ich wusste nicht warum ich es tat. Wir lagen lange so da. Als wir wieder ins Dorf kamen, war die Sonne schon untergegangen.

Es war ja nicht ungewöhnlich, dass man ein paar Tage mit einer alten Schulfreundin in die Berge fuhr. Von daher war alles normal, so von außen gesehen. Wir trafen uns mindestens einmal im Jahr, meist für ein oder zwei Tage, manchmal auch für eine Woche.

Ich war nur zwei Jahre in Bayern zu Schule gegangen. Die beiden ersten Jahre des Gymnasiums. Lissy saß neben mir, bei Latein und Englisch und auch in Mathe. Sie war nicht besonders gut, aber auch nicht schlecht. Wahrscheinlich wäre sie viel besser gewesen, wenn sie nur ein kleines bisschen mehr gelernt hätte. Aber sie lernte nie. Die meiste Zeit hörte sie nicht einmal richtig zu, im Unterricht. Sie träumte. Nur vor den Klassenarbeiten schaute sie mal für ein zwei Stunden in ihr Heft, oder in ein Schulbuch. Oft bat sie mich, ihr mein Heft zu leihen, weil in ihrem nichts stand. Trotzdem war sie in fast allen Fächern ein oder sogar zwei Noten besser als ich. Wenn man mich gefragt hätte, ob ich auf Lissy neidisch war, hätte ich die Frage nicht verstanden. Warum sollte ich neidisch sein? Es war eben so.

Auch als mein Vater die Stelle in der Kanzlei in Hamburg bekommen hatte und die Familie von Bayern in die Hansestadt zog, war der Kontakt zu Lissy nicht abgebrochen. Wir schrieben uns und mindestens einmal im Jahr trafen wir uns auch. Meist nur für ein paar Tage, manchmal auch länger. Auch während der Zeit des Studiums und danach trafen wir uns regelmäßig. Das war schon sehr intensiv. Aber wir waren nie intim miteinander gewesen.

Ich konnte nicht einordnen, was ihre Hand zwischen meinen Schenkeln bedeutete. Es war auch weiter nichts passiert. Nur, dass ihre Hand zwischen meinen Schenkeln geruht hatte. Die tastenden Finger fühlten sich an, wie die weich flauschigen Beine einer Fliege die, müde von der Hitze einer drückenden Sommerschwüle auf der Haut eines vor sich dahindösenden Badegastes krabbelt, nur dass diese Fingerkuppen eben etwas größer waren als an ihren Enden mit kleinen Saugnäpfen bestückte Fliegenbeine. Sie gingen in kleinen Kreisen hin und her und weil sie nicht verscheucht wurden, blieben sie an dem Ort, zu dem sie sich vorgearbeitet hatten. War Lissy lesbisch? Ich war es nicht, und ich denke sie konnte auch nicht denken, dass ich es wäre, nur weil ich nicht mit einem Mann zusammen war.

Ich war noch nie fest mit einem Mann zusammen und ich denke, das wusste sie auch, auch wenn wir nie darüber gesprochen hatten. Es gibt Wichtigeres als Männer.

Später am Abend, wir waren in dem kleinen Zimmer der Pension, die wir für die drei Tage unseres Kurzurlaubs gemietet hatten, fing sie wieder von der Nordsee an. Ich saß auf meinem Bett und sie auf ihrem. Die Betten standen einander gegenüber. Eines an der rechten Wand und eines an der linken. Dazwischen die Bohlen des Holzfußbodens, die knarrten, sobald man sie betrat.

„Wie geht es denn deinem Haus“, fragte sie, „du hast es doch vermietet, oder?“

„Ja“, sagte ich, „das weißt du doch, warum fragst du?“

Ich mochte dieses Gespräch nicht, schon bevor es begonnen hatte, mochte ich es nicht. Ihr Ton war nörglerisch drängend, ein bisschen so wie ein quengelndes Kind, dass irgendetwas will, das es nicht bekommt, vielleicht auch nicht bekommen kann. In ihrer Stimme schwang etwas mit, das so war wie die Hand, die sie zwischen meine Schenkel gelegt hatte. Eine Grenzüberschreitung, die nur deshalb nicht zum Konflikt führte, weil ich nicht auf sie reagierte. Ich wollte keinen Streit.

„Was macht er denn so in dem Haus, dein Mieter, so ganz allein, am Strand in diesem großen Haus“, fragte sie.

„Er zahlt seine Miete“, sagte ich und erschrak, als ich hörte, wie schnippisch meine Antwort klang.

„Und so ein ganzes großes Haus allein für einen Mann“, Lissy ließ nicht locker.

„So groß ist es auch nicht und er bewohnt ja auch nur die Räume im Parterre.“

„Und die Räume in der ersten Etage sind leer?“

„Das weißt du doch alles schon.“

„Aber ich weiß nicht, was mit den leeren Räumen ist.“

„Die sind leer.“

Lissy schaute eine Weile in Richtung Fenster, das aber schon mit den Fensterläden verschlossen war. Der Harken, der die beiden Flügel zusammenhielt, war in einem dunklen Grün gestrichen und störte das auf der Innenseite der Fensterläden gemalte Blumenmuster.

„Warum können wir nicht dahin fahren?“, fragte Lissy plötzlich. Sie hob den Kopf an, als sie das fragte und holte tief Luft, so als wenn jetzt etwas ganz Entscheidendes passieren müsste. Doch es passierte nichts.

In der Nacht konnte ich nicht schlafen. Das Bett knatschte bei jeder Bewegung und ich hörte den Atem von Lissy. Das war ich nicht gewöhnt. Ich hatte schon lange nicht mehr, mit jemand anderem in demselben Raum geschlafen.

Kapitel 5

Ich habe nie mit Lissy über das gesprochen, was sie seit jenem Tag auf der Alm mit mir machte, wenn wir alleine waren. Sie machte es und ich ließ es geschehen. Es geschah. Wir sprachen nicht darüber. Es war ein Tabu. Es war so tabu, dass ich nicht einmal daran dachte, dass da etwas war, über das wir nicht sprachen. Ich sprach einfach nicht darüber. Und vor allem sprach ich nicht während es geschah. Auch hatte ich nie das Bedürfnis oder den Gedanken darüber zu sprechen, weder mit Lissy noch mit jemand anderem. Ich empfand das nicht als seltsam oder außergewöhnlich. Es war einfach in einem Bereich, in dem Worte und Sprechen und auch Bewerten und Einordnen nicht waren. Ohne dass sie etwas sagte, tat ich das, was sie wollte. Es geschah mit mir.

Als ich das erste mal von ihr einen Klaps auf den Po bekam, das war, als ich bei ihr im Flur an der Garderobe stand und versuchte meine Handtasche an den obersten Harken zu hängen, da trug ich das Kleid, das sie mir geschenkt hatte, einige Wochen zuvor. Ich trug nur das Kleid und sonst nichts. Ich hatte mir nicht einmal Gedanken darüber gemacht, dass ich kein Höschen und keinen BH trug. Es war auch nicht so, dass sie mir gesagt hatte, ich solle ohne Unterwäsche kommen. – Sie sagte mir nie was ich tun sollte oder was sie von mir wünschte. – Ich hatte einfach nur das Kleid angezogen, war, in München angekommen, vom Bahnhof etwas durch die Stadt gegangen und dann mit der U-Bahn zu ihr gefahren. Selbst als ich am Marienplatz im Aufzug stand, dicht gedrängt, zwischen zwei Kinderwagenmüttern, einem Rollstuhlfahrer und drei chinesischen Touristen, dachte ich nicht daran, dass ich unter dem dünnen Sommerkleid nackt war. Es war damals kühl in München, aber während der ganzen Woche, die ich bei ihr war, trug ich nur dieses Kleid.

Bei meinem nächsten Besuch, nur wenige Monate später, zeigte sie mir ihr neues Sofa. Als ich es bewunderte, mich darüber freute, dass sie so etwas Schönes hatte, mit den Fingern über das wertvoll tief dunkel braun glänzende Leder strich, da kam es mir gar nicht in den Sinn, das sie dieses Sofa nur dafür gekauft hatte, um mich darauf sitzen zu lassen, um mich über seine rund gepolsterte Armlehne zu legen, mich vor ihm knien zu lassen und meinen Oberkörper auf die lang zur Seite auslaufende Sitzfläche zu drücken. Ich hätte gelacht, wenn sie mir gesagt hätte, dass sie dieses Sofa nur gekauft habe, um mich zu nehmen. Es kam mir gar nicht in den Sinn, dass sie etwas plante, etwas vorbereitete, dass sie wusste was sie mit mir machen wollte. Ich erlebte alles was sie tat spontan, im Jetzt. Es gab keine Zeit, wenn ich bei Lissy war.

Ich probierte das Sofa aus, rutschte hin und her. Es war schön auf im zu sitzen. Nach kurzer Zeit saß ich, ohne mich anzulehnen, mit aufrechtem Oberkörper, ganz vorne an der Kante der gepolsterten Sitzfläche, die Beine geschlossen nebeneinander. Mein kurzer Rock war nach oben gerutscht. Ich saß still, und versuchte das Bedürfnis zu unterdrücken, mit der stramm um den Po sitzenden Strumpfhose über das Leder der Sitzfläche hin und her zu rutschen. Lissy nahm meine Hände und legte sie nach vorne auf meine bestrumpften Knie. Mit den Spitzen ihrer Finger korrigierte sie, ohne mich dabei wirklich zu berühren, meine Haltung. Ich ließ sie gewähren, fügte mich. Sie positionierte mich so, als bereite sie mich für ein Foto vor. Als sie mir eine Strähne aus dem Gesicht strich, berührte ihr Handballen kurz meine Wange und ich stellte mir die Frage, ob ich, wenn ich mich jetzt bewegte, von ihr eine Ohrfeige bekäme, keinen heftigen Hieb, aber einen leichten wohl dosierten Klatsch auf die Wangen. Doch ich bewegte mich nicht.

Das Sofa erregte mich und es erregte mich, dass ich, einige Besuche später, nicht nur ihre Hand, sondern auch die Sohle eines Lederslippers auf meinem Po spürte. Gar nicht feste, aber es war eine Ledersohle. Ich konnte den Schuh, den sie für die Schläge benutzte, nie sehen. Ich lag immer so auf dem Sofa, dass ich ihre Hände und was sie machten nicht sehen konnte. Doch ich denke, dass es ein Lederslipper war, den ich da spürte. Wahrscheinlich war es einer von den beiden alten, zwar gut und oft polierten aber schon sehr ausgetretenen, Lederslippern, die in dem kleinen Fach unter der Garderobe standen. Ich hatte immer gedacht, sie seien von einem Vormieter hier stehen gelassen worden. – Ein seltsamer Gedanke. – Erst als ich das matte Klatschen des Leders der abgetretenen Sohle auf meinem Po hörte und, den Bruchteil einer Sekunde später, das dumpfe Brennen spürte, das der Schlag mit dem Schuh erzeugte, kam mir der Gedanke, dass sie diese Schuhe gekauft hatte; vielleicht und ausschließlich für diesen Zweck. Was sollte sie mit einem Paar alter Herrenschuhe in Größe 49? Wahrscheinlich stammten die Slipper vom Schuster um die Ecke, einem kleinen altmodischen Laden. Dort standen auf einer Bank neben der Kasse alte, von ihren Eigentümern nicht abgeholte Schuhe zum Verkauf. Ich hatte mich immer gefragt, wer an solchen Schuhen Interesse haben konnte. Jetzt kannte ich eine Verwendung.

Kapitel 6

Obwohl wir in dieselbe Klasse gegangen waren, war Lissy zwei Jahre jünger als ich. Sie war früher eingeschult worden und hatte dann in der Grundschule eine Klasse übersprungen. Ihr fiel alles leicht. Sie tat das was sie wollte. Auch jetzt im Umgang mit mir. Es war nicht so, dass ich mich nicht hätte wehren können. Ich wollte mich nicht wehren. Ich hatte mich verändert.

Nach außen fiel diese Veränderung nicht auf. Ich trennte alles was mit Lissy zu tun hatte von den übrigen Bereichen meines Lebens. Selbst wenn ich nach einem Wochenende mit meinem von ihren Schlägen glühenden Po im Büro saß, blendete ich das aus, konnte es ausblenden. Abends im Bad schaute ich nicht in den Spiegel, in dem ich die blauen Flecken oder die Striemen hätte sehen können. Ich hatte bei mir zu Hause nicht einmal eine Salbe um den Schmerz auf dem Po etwas zu lindern. Es gab ihn nicht. Es gab das nicht. Nur wenn ich nachts alleine im Bett lag, ließ ich es zu, den Schmerz zu spüren, gab ich mich in der Dunkelheit meines Schlafzimmers der Sehnsucht und dem Verlangen genommen zu werden hin. Aber auch das war ein Bereich, der am Rest des Tages ausgeblendet war.

Wenn wir zusammen in ein Kaffee gingen, wäre niemand auf die Idee gekommen, dass wir miteinander intim waren und auf keinen Fall hätte jemand gedacht, dass es Lissy war, die das alles führte. Hätte man mich gefragt, ob ich etwas mit Lissy hatte, dann hätte ich, ganz ohne das Gefühl zu lügen, nein gesagt. Das, was da zwischen uns war, wenn wir allein waren, in dieser bestimmten Stimmung, dieser sonderbaren Mischung aus Erregung und Stille, das gab es nicht in der Außenwelt. Es hatte dort keine Existenz. Lissy machte alles sehr diskret, auf eine Art, die es nachher so erscheinen ließ, als wäre es gar nicht passiert.

Ich fuhr jetzt fast jedes Wochenende nach München. Die meiste Zeit verbrachte ich in Lissys Wohnung. In kleinen wohldosierten Schritten steigerte sie die Intensität dessen, was sie mit mir machte.

Als der Sommer anfing, als es die ersten schönten Tage gab, bekam ich zum ersten Mal die Peitsche. Ich wusste bis dahin nicht, dass sie eine Peitsche im Haus hatte und auch als ich die Peitsche regelmäßig und dann sehr bald auch schon mit großer Heftigkeit bekam, wusste ich nicht, wie sie aussah. Ich kannte nur die brennende Wirkung der schneidenden Riemen auf meiner Haut.

In meiner Schulzeit hatte ich – damals war das noch äußerst ungewöhnlich in einer normalen Zeitung oder Zeitschrift etwas über andere Formen der Sexualität zu schreiben –, einmal davon gelesen, dass es Frauen gab, die sich auspeitschen ließen. Damals fand ich das ekelig. So etwas würde ich nicht wollen, ganz sicher. Aber jetzt hatte Lissy das mit mir gemacht, hatte mit dieser bestimmten Selbstverständlichkeit, mit der sie alles Intime mit mir machte, eine weitere Grenze überschritten.

Die Peitsche hing in der Ecke, hinter dem Bücherschrank des Wohnzimmers. Eigentlich hätte sie jeder sehen können. Man musste nur ganz nah zum Fenster gehen und dann nach links schauen. Aber niemand, der Lissy besuchte, ging zum Fenster um in die Ecke neben dem Bücherschrank zu schauen. Auch ich schaute nicht in die Ecke.

Im August nahm ich drei Wochen Urlaub. Ich fuhr zu Lissy und statt wie sonst irgendwohin zu fahren, blieben wir bei ihr. Sie hatte die Wohnung renovieren lassen. Einen neuen Parkett – nicht Laminat sondern echtes Holz –, neue Fenster – Schallschutzfenster – und voluminöse, dunkle Gardinen. Dazu in der ganzen Wohnung dieselbe dezent gemusterte Tapete. Das ließ alles größer erscheinen. In der Küche war der Boden mit kleinen bunten Kacheln gefliest. Ich fand das fast etwas zu verspielt, aber es war gut gemacht und stand in einem belebenden Kontrast zu der sehr strengen Schlichtheit der neuen Küchenmöbel. Die Garderobe im Flur war an der gleichen Stelle wie bisher und auch im Wohnzimmer waren Bücherschrank und Sofa an ihrem Platz geblieben. Die Abstellkammer hatte Lissy an den Wänden bis unter die Decke mit dicken Polstern verkleiden lassen. Die sahen aus wie etwas zu groß geratene rechteckige Sofakissen. In der Mitte war jeweils immer ein dicker Knopf. Der zog das Polster etwas nach innen und erzeugte so eine kleine Kule. Der Bezug war aus einem festen, schwarzem Latexgummi. Das war extrem, das durchbrach allen Anschein von Normalität. Das konnte man niemandem erklären, das konnte man auch nicht übersehen. Das war eindeutig. Mein Atem ging schnell und kurz.

Ich war froh, dass sie die Besichtigung abbrach und mich zum Sofa führte. Vorsichtig setzte ich mich. Ich fühlte mich etwas wackelig auf den Beinen. Sie gab mir ein Glas Wasser. Wir schwiegen.

Ich fragte mich, ob das zu viel war. Wollte ich das?

Es war ganz still im Raum. Draußen zwitscherte ein Vogel und die warme Abendsonne fiel durch das große Fenster auf den schönen neuen Parkett. Lissy hat einen so guten Geschmack, ging es mir für einen Moment durch den Kopf. Warum dann nebenan dieser schwarze Raum? Ein Zittern ging durch meinen Körper.

Ich hörte meinen und ihren Atem und das Klopfen meines Herzens. Es war erstaunlich ruhig und schlug gleichmäßig wie ein Metronom. Ich dachte daran mich zu bewegen, tat es aber nicht. Lissys Hand lag zwischen meinen Schenkeln. In meiner Anspannung hatte ich es gar nicht bemerkt, wie sie mir den Rock langsam hochgeschoben hatte und jetzt berührten Ihre Finger das sich über meiner Scham spannende Höschen.

„Es ist alles gut“, sagte Lissy. Sie sagte es so, dass ich es als Frage verstehen konnte, aber für sie war es eine Feststellung. Für sie war alles gut.

„Ja“, sagte ich und war mir gar nicht sicher, ob das für mich richtig war. Es war eine Frage an sie, mein Ja, nicht eine Antwort. Es war das erste Mal, dass wir während der Intimität sprachen. Mein Mund war trocken.

Sie öffnete meine Bluse und half mir dabei mich auszuziehen. Es war alles anders als sonst. Ich saß auf der Kante des Sofas, aufrecht, die Beine gespreizt. Sie ging zum Schrank, nahm die Peitsche. Es war ein seltsamer Anblick: Lissy mit einer Peitsche in der Hand. Ich hatte sie so noch nie gesehen. Lissy hatte eine sehr jugendliche Erscheinung, hatte immer noch etwas unschuldig kindlich mädchenhaftes. Die Peitsche passte nicht zu ihr. Sie war keine Domina. Es war absurd. Ich dachte, dass ich gleich lachen müsste, wenn sie mit der Peitsche in der Hand näher zu mir kommen würde. Aber ich lachte nicht, nicht einmal ein verlegenes Lächeln gelang mir. Ich saß da auf dem Sofa, erstarrt, nackt in der Position in die sie mich gesetzt hatte. Sie berührte mit den Riemen der Peitsche die Innenseite meiner Schenkel. Ich dachte, dass sie mich schlagen würde. Aber sie schlug mich nicht.

„Steh auf“, sagte sie. Sie sprach langsam und ruhig, fast leise. Ihre Stimme klang ganz normal. Nur die Situation war nicht normal. Es war seltsam, ihre Anweisungen zu befolgen. Ich hatte immer getan was sie wollte, aber ich hatte es aus mir heraus getan, ohne dass sie es mir gesagt hatte. Das hier hatte jetzt eine ganz neue Qualität. Es war eine ganz andere Lissy, die da zu mir sprach. Ich atmete vorsichtig, so als wolle ich sparsam mit der wenigen Luft umgehen, die da noch um mich war.

„Knie dich hin“, sagte sie und deutete auf eine Stelle des Bodens vor ihr.

Ich gehorchte. Sie legte die Peitsche auf den Sofatisch, so dass ich sie anschauen musste. Ich wollte sie bitten mich doch endlich zu berühren, mich in den Arm zu nehmen, mich zum Sofa zu führen, mich über zu legen, über ihr Knie; es zu machen, es so mit mir zu machen, wie sie es bisher getan hatte. Ich wollte, dass sie den Bann, der da war, brach. Ich hielt es nicht mehr aus, so nackt vor ihr zu knien und sie zu sehen und nicht berührt zu werden. Aber ich sagte nichts und blieb in der angewiesenen Position.

Sie nahm eine Reitgerte, eine schwarze Ledergerte mit einer kleinen Klatsche an der Spitze. Im Wohnzimmerschrank hatte sie eine ganze Sammlung von Peitschen, Gerten und Stöcken. Ich sah diese Sammlung zum ersten Mal. Sie ließ die Schranktür offen. Das Fach war von innen verspiegelt. Man sah alles doppelt und dreifach.

Sie begann damit mich zu dressieren. Sie lies mich aufstehen und hinknien, mich vor die Wand stellen und in die Ecke. Sie berührte mit der Klatsche der Gerte meine Kniekehlen und ich sackte auf die Knie. Sie wies mich an, mich vorzubeugen, so, dass ich mit der Stirn den Boden berührte. Ich tat es. Ich war eine Marionette, die sie mit ihrer Stimme und mit den Berührungen der Gerte führte. Ein kleiner Klaps auf den Po, ein leichter Klatscher auf den Unterarm oder den Nacken und ich bewegte mich nach ihren Wünschen. Ich dachte nicht mehr, ich folgte nur noch. Es hatte etwas Befreiendes. Die Bewegung löste meine Spannung, die Kontrolle, die sie übernahm, befreite mich von der Angst vor dem, was sie mit mir tat, vor dem, was ich zu kommen befürchtete.

Sie legte mir ein hellbraunes Halsband an und dünne, gepolsterte Riemen um die Hand- und Fußgelenke. Ich kam über die Lehne des Sofas. Am Rand des Polsters waren einige Ösen und Ringe angebracht. Die hatte ich noch nie bemerkt. Vielleicht waren sie auch neu. Ich wurde mit Riemen fixiert. Sie nahm aus ihrer Sammlung ein kräftiges breites Lederpaddle und begann mir den Po zu versohlen. Schlag um Schlag sauste auf meine nach oben stehenden Pobacken. Das Klatschen wurde immer lauter, die Schläge immer schneller und kräftiger. Als sie meinte, dass es genug war, machte sie mich los, führte mich am Halsband in die gepolsterte Abstellkammer. Ich wollte schreien, schrie aber nicht. Mein Mund war bereits zu trocken.

Sie stellte mich links vor die Wand. Da war ein Harken an dem ein großer Ring hing. Sie machte mich hinten am Halsband fest, so dass ich mit dem Rücken zur Wand stand. Sie führte die Gerte zwischen meine Beine, ich öffnete meine Schenke. In dieser gespreizten Position wurden die Beine fixiert. Überall zwischen den Polstern waren Ösen, in die sie die Ringe der Fesseln einharken konnte. Auch meine Arme wurden nach rechts und links gespreizt. Sie ließ mich so stehen, ging hinaus, schloss die Tür und löschte, der Schalter saß außen, das Licht. Es war dunkel. Ich brauchte nicht einmal die Augen zu schließen um nichts mehr zu sehen.

Das war so lächerlich, war klischeehaft und ohne jede Poesie, was hier passierte. Ich weinte. Ich stand da in der Dunkelheit, gefesselt, und die Tränen flossen an mir herunter. Es war da nur noch Enttäuschung und Angst. Das also war Lissy. Ich fühlte mich alleine, verlassen. Mein Körper zitterte. Ich spürte nichts mehr. Ich wollte mit den Händen an meine Scham, aber das ging nicht. Die Hände waren an der Wand gefesselt. Meine Arme ausgestreckt auf der Höhe meines Kopfes, rechts und links. Ich zerrte an den Fesseln, aber die waren fest. Ich wand meinen Kopf in schnellen hektischen Bewegungen, von rechts nach links, von links nach rechts. Panik kam in mir auf. Mein Gesicht presste sich in die gummiüberzogenen Polster der Wand. Ich rieb mich daran, versuchte mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen, um einen Gegenschmerz zu meinem brennenden Po auszulösen. Aber es ging nicht. Die Öse hielt das Halsband sehr nah an der Wand. Es gab keinen Spielraum um Schwung zu holen. Der einzige zusätzliche Schmerz, den ich spürte war, nach einiger Zeit, das Scheuern der Riemen. Ich ließ mich hängen, in den Fesseln, tränenüberströmt.

Irgendwann kam Lissy zurück. Sie trug einen Umhang und eine Maske. Durch die Maskierung wirkte sie größer, ihre Schultern breiter und ihr Kopf runder. Sie löste meine Armfesseln, drehte mich, ohne die Kette vom Halsband zu lösen um, legte mir ein dickes gummiüberzogenes Kissen vor den Bauch, so dass mein brennender Po vorstand, und nahm mich mit einem Dildo von hinten. Es war sehr feucht, groß und hart wie sie in mich eindrang. Als sie genug hatte, ging sie. Das Kissen fiel herunter. Es hatte keinen Halt mehr, an der Wand. So stand ich da und dachte an nichts. In mir brannte es fürchterlich.

Kapitel 7

Früher hatte es, wenn sie es mit mir gemacht hatte, vielleicht eine halbe Stunde gedauert, manchmal auch etwas länger, doch selbst wenn sie mich für ein oder zwei Stunden nahm – länger war das nie –, war es doch immer eine zeitlich begrenzte Aktion. Danach war alles wieder ganz normal. Oft ging ich dann direkt zum Bahnhof und fuhr nach Hause. Manchmal gingen wir auch noch zusammen etwas Essen. Die eigentliche Erregung hatte ich, wenn ich, nachts in Hamburg angekommen, mit mir alleine im Bett war.

Jetzt hatte ich gar keine Erregung. Die ganze Zeit nicht. Ich war in einem anderen Film, einem sehr unwirklichen. Es gab kein Ende und auch keinen Höhepunkt. Die meiste Zeit war ich in dem gepolsterten Raum. Meist an der Wand festgemacht. Manchmal konnte ich mich auf die Erde hocken, oft musste ich stehen. Sie ließ mich auch nachts in dem Raum. Hinten war ein Teil des Bodens mit Latexpolstern bedeckt. Auch dort waren Ösen für die Fesseln. Sie ließ mich auf dem Polster liegen. Meine Arme und Beine gespreizt harkte sie die Fesseln so ein, dass ich mich nur etwas bewegen konnte. Berühren konnte ich mich nicht.

Es waren jetzt auch oft andere Leute in der Wohnung. Ich hörte die fremden Stimmen, verstand aber nie was sie sagten.

Eine Frau war da, die die Wohnung putzte. Wenn sie kam, wurden mir die Augen verbunden und ich wurde ins Bad geführt. Auch dort war jetzt ein Harken an dem ich festgemacht wurde. Ich konnte nichts alleine tun. Ich war mir nicht sicher, ob es immer Lissy war, die mich wusch. Wahrscheinlich war es meist die fremde Frau. Es waren auch Männerstimmen da. Lissy nahm mich jetzt mehrmals am Tag. Sie benutzte Dildos unterschiedlicher Größe und Form und auch wenn sie immer den Gummiumhang trug, so roch sie doch jedes Mal sehr unterschiedlich.

Kapitel 8

Ich war einige Tage nicht mehr genommen worden, hatte auch schon länger keine Schläge mehr bekommen. Meine Haut war ohne Striemen. Ich hatte keine Hämatome. Die Frau, jetzt war ich mir sicher, dass es die Frau war, hatte mich gewaschen, den Raum gesäubert, mir Essen hingestellt. Sie hatte mich versorgt, wie man ein Tier versorgt. In der Wohnung war es still.

Ich wurde davon wach, dass Lissy in den Raum kam. Sie hatte sich umgezogen. Sie war ohne Maske. Was sie da anhatte, sah aus wie eines der Kostüme, die sie gerne im Büro trug, nur dass es aus einem grünlich transparenten Latex war. Es war also immer noch nicht vorbei, das Spiel.

Sie machte mich von der Wand los, nahm mich in den Arm und ich weinte hemmungslos an ihrer Brust. Sie streichelte mich. Ich ging in die Rolle die sie mir anbot. Meine Tränen kullerten über ihren stramm in die Latexbluse eingepackten Busen.

„Mein Schätzchen“, sagte sie zu mir. Sie sprach so, wie man mit einem kleinen Kind spricht, das man tröstet. Sie streichelte mich, streichelte über meinen Kopf, den sie hielt, streichelte über meine Wange, über meinen Hals und meinen Rücken, sie streichelte meinen Po und sie sprach dabei die ganze Zeit. Es klang so, wie es klingt, wenn eine Mutter ein kleines Kind tröstet, das gefallen ist. Immer wieder sagte sie „mein kleines Schätzchen“, „mein Baby“ und einige andere Koseworte. Und dazwischen sprach sie, in demselben Tonfall von Strafe und Schlägen, von dem was mir guttun würde, was ich brauchte. – Ich brauchte es nicht, doch ich war zu schwach es nicht zu wollen.

Sie ging mit mir ins Wohnzimmer und legte mich über das Sofa. Sie versohlte mich. Ich wurde windelweich durchgeprügelt, erst mit dem Lederpaddle, das ich schon kannte, dann mit einem Teppichklopfer aus Rattan und zum Schluss mit dem Rohrstock. Es dauerte nicht lange, bis ich jede Beherrschung verlor und ungehemmt schrie und heulte. Dann musste ich mit dem brennenden Po still in der Ecke stehen. Als ich mich etwas beruhigt hatte, ging sie mit mir ins Bad, wusch mich, trocknete mich ab und packte mich in eine Gummi-Windelhose. Ich wurde wie ein kleines Baby verpackt. Und so fühlte ich mich auch: hilflos und ängstlich. Es war fürchterlich, was sie da mit mir machte, aber es funktionierte. Der Klaps, den sie mir mit der Hand auf den Gummipo gab, als ich im Bett lag, tat mir gut. Ob es wirklich so war, konnte ich nicht sagen.

„Schlaf schön“, sagte sie, streichelte mir über die Wangen und gab mir einen Kuss auf die Stirn. Ich schlief ein. Als sie mich am nächsten Tag weckte, war es schon Mittag. Die Gummiwäsche klebte. Es war unangenehm, war ekelig.

„Na mein kleines Schätzchen, wie geht es dir?“, fragte sie.

Ich verstand sie nicht. Ich hatte, trotz des brennenden Pos, trotz der Schmerzen und der unangenehm auf der Haut klebenden Gummiwäsche sehr tief geschlafen. Ich musste mich erst einmal orientieren. Ich wusste nicht was ich sagen sollte. Das Spiel, in dem sie da war, war ein Spiel, das ich nicht kannte, ein Spiel, das nicht meins war. Ich sagte nichts.

Sie klatschte mir eine. Es war ein kräftiger Schlag, Meine Backe brannte.

„Na, bist du bockig? Hast du gestern noch nicht genug Schläge bekommen?“, fragte Lissy. Ich fand es fürchterlich. Waren das die Gedanken, die sie im Kopf hatte, wenn sie es mit mir gemacht hatte, früher, fragte ich mich. Es war gut, dass wir nicht gesprochen hatten. Ich hatte die Stille des Vollzugs immer als etwas Außergewöhnliches, etwas sehr Spezielles, ja vielleicht sogar Erhabenes empfunden. Das hier, jetzt, war einfach nur unappetitlich, fade, von bedrohlich beißender Banalität durchtränkt.