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Poetry Slam Texte von Theresa Sperling, der Europameisterin 2024 und zweifachen deutschsprachigen Meisterin im Poetry Slam. Dieses abwechslungsreiche Poetry Slam Buch grenzt an ein literarisches Meisterwerk. Absolute Leseempfehlung!
Theresa Sperling präsentiert in ihrem ersten Sammelband alle 33 lyrischen Slamtexte aus 2014–2024. Jeder ihrer Texte hat ein eigenes Vorwort zur Entstehungsgeschichte sowie Anmerkungen zu Performance und Wirkung des Stücks. Stürzt euch in zehn Jahre künstlerisches Schaffen der zweifachen deutschsprachigen Meisterin im Poetry Slam.
„Theresas Texte kommen aufrecht und mit klarem Blick geradeaus durch die Vordertür ins Herz und sagen völlig zurecht: Ich wohne jetzt hier.“ (Sebastian23)
„Theresas Texte leuchten.“ (Sandra Da Vina)
„Sperlings Texte klingen nach. Kaum eine andere Poetin auf den deutschsprachigen Poetry Slam-Bühnen beweist so viel Haltung und Kraft, ohne dabei oberflächlich oder gar selbstgefällig zu sein. Dabei ist sie stets sprachlich präzise und gleichermaßen emotional sowie von messerscharfem Verstand. Wer Sperling nicht als Mutter hat, ist selber schuld.“ (Tilman Döring)
„Theresas Texte sind so aufrecht, so mutig und klar. Das macht sie zeitlos. Und gerade heute unentbehrlich.“ (Dominique Macri)
„Viele Menschen tragen das Herz auf der Zunge, aber nur den wenigsten gelingt es, daraus so wundervolle und treffende Texte zu formen. Jeder Satz berührt auf eine Art und Weise, wie nur Theresa berühren kann.“ (Laura P.)Über die Autorin:
Theresa Sperling (*1971 in Berlin) ist ehemalige Tänzerin und heute in variabler Reihenfolge: fünffache Meisterin im Poetry Slam, Jugendbuchautorin, Jugendtheaterautorin, mittelmäßige Mutter von zwei lebhaften Söhnen, quirlige Ehefrau eines in sich ruhenden Mannes und Herzblut-Lehrerin für Deutsch, Englisch und Darstellendes Spiel in ihrer Wahlheimat, der Grafschaft Bentheim. Theresa Sperling stand acht Jahre in Folge im Finale der niedersächsisch-bremischen Poetry Slam Meisterschaften. 2020 gewann sie mit ihrem Team "Unterricht mit Psychos" die deutschsprachigen Meisterschaften, 2023 wurde sie niedersächsisch-bremische Poetry Slam Meisterin im Team und im Einzel. Als erste Frau nach 23 Jahren gewann sie 2023 dann auch die deutschsprachige Poetry Slam Meisterschaft im Einzel. 2024 holte sie sich den Sieg in der Poetry Slam Europameisterschaft. Ihr Text "Was ich meinen Töchtern, glaube ich, nie selber sagen würde", der auch in ihrer Textsammlung "Sezierung" enthalten ist, ging 2024 auf Facebook und 2025 auf Instagram viral. Mehr Informationen zur Biografie und zum literarischen Schaffen der Autorin finden Sie unter www.theresa-sperling.de
Über den Verlag:
Beim Dichterwettstreit deluxe dreht sich alles rund um Poetry Slam: hier haben einige der renommiertesten Bühnenpoet*innen des deutschsprachigen Raumes ihr literarisches Zuhause. Vom Poetry Slam Buch über Gedichtsammlungen bis hin zu diversen Anthologien voller Poetry Slam Texte ist der Dichterwettstreit deluxe leidenschaftlicher Poetry Slam Verlag aus der Szene. Entdecke in unserem Programm spannende Poetry Slam Bücher aus Liebe zur Literatur - überall zu finden, wo es Bücher gibt, oder unter www.dichterwettstreit-deluxe.de
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 152
Veröffentlichungsjahr: 2024
Inhalt
Vorwort: Aus gegebenem Anlass
Medusa
Was ich meinen Söhnen nie selber sagen würde
Holy fuckin‘ stage
Sezierung
Amilija
Zwei Brüder
Moritat
Das erste Mal
Ludwigs Blumen
Pyralinderkugel
Was wird
Fatma Fee Fingernagelgroß
Suchstaben
Die zwölfte Fee
Oh Menschenkind
In der Küche wartet Milchkaffee
Häute
Rockstars
Louis Goldkind
Argumentationsstrangulation
Mahnmal
Hand
Post-Corona-Liebesschwur
Ich weiß es einfach nicht
Wölfe
Wanderer der Nacht
Der Coach
Begnadete Hände
Dien Hoff, mien Jung
Was ich meinen Töchtern, glaube ich, nie selber sagen würde
Ich habe mich verliebt
Glut
Epilog: Liebesbrief
Herausgeber
© 2024 Dichterwettstreit deluxe, Villingen-Schwenningen
www.dichterwettstreit-deluxe.de/impressum
Lektorat: Elias Raatz
Coverillustration: Julia Siegmund
Design: T-Sign Werbeagentur
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
ISBN: 978-3-98809-015-7
ISBN E-Book: 978-3-98809-016-4
www.dichterwettstreit-deluxe.de
Über die Autorin
Theresa Sperling (*1971 in Berlin) war früher Tänzerin, heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren beiden Söhnen in der Grafschaft Bentheim, wo sie an einem Gymnasium die Fächer Deutsch, Englisch und Darstellendes Spiel unterrichtet. Nebenberuflich schreibt sie Romane und Theaterstücke. Seit 2015 war sie jedes Jahr Finalistin der niedersächsisch-bremischen Meisterschaften im Poetry Slam, die sie 2023 im Einzel- und Teamwettbewerb mit Matti Linke gewann. 2020 siegte sie bei den deutschsprachigen Meisterschaften im Team mit Sebastian Hahn. 2023 wurde sie deutschsprachige Meisterin im Poetry Slam.
Mehr unter: www.theresa-sperling.de
Widmung
Für Noah, Julian & Simon und für all die Menschen, die mich darin bestärkt haben, weiterzuschreiben und mich der Bühne immer wieder zu stellen.
Vorwort: Aus gegebenem Anlass
Die Gedichte dieser Textsammlung sind Slamtexte, sie wurden geschrieben, um auf einer Bühne performt und vom Publikum live erlebt zu werden. Die geschriebene Fassung dient deshalb nur der Dokumentation, dem Nachlesen, als Erinnerungsstütze und Analysegrundlage. Ich hoffe, du hast mindestens einen der Texte live gesehen, dann kannst du dir beim Lesen besser vorstellen, mit welchem Rhythmus, welcher Dynamik, Melodie und Lautstärke, mit welchen Tempi und Pausen und mit welcher emotionalen Dringlichkeit oder Distanz der Text gesprochen wird, welche Atmosphäre er im Publikum erzeugt und wie er (nach)wirkt.
In der schriftlichen Form fällt die häufige Verwendung von Apostrophen auf, die zeigen, wo beim Sprechen Silben abgekürzt werden. Die unterschiedlich langen Verse sind der Versuch, Flow und Sprechpausen widerzuspiegeln. Die meisten Texte findest du zwar auf YouTube als Video, das dir zumindest ein Bild von der Vortragsweise vermittelt, doch auch zweidimensionale Videos können die Wirkung eines Live-Auftritts nur in Ansätzen einfangen.
Jedem Text habe ich ein Vorwort vorangestellt, in dem ich dich – wie du schon gemerkt hast – einfach duzen werde. Im Vorwort erzähle ich dir, wie und warum der Text entstanden ist. So mache ich das auf der Bühne in der Regel auch. Im Nachwort erfährst du etwas zur Rezeption des Textes, was aus ihm oder seinen Protagonist*innen geworden ist. Bitte lass den Text nach dem Lesen unbedingt erst ein wenig auf dich wirken, bevor du die Anmerkung liest.
Normalerweise brauche ich von der Idee eines Textes bis zu dessen Premiere ungefähr vier Wochen. Ich schreibe den Text innerhalb von ein bis zwei Tagen und beginne dann damit, ihn auswendig zu lernen. Während dieser Phase verändert sich der Text maßgeblich, weil ich ihn akribisch an meine Mundmuskulatur und meinen Sprechduktus anpasse. Nach vier Wochen ist der Text bereit für die Bühne, das heißt, dass ich die für mein Empfinden und mein Können bestmögliche Version geschaffen habe. Ein ausgefeilter Slamtext schreibt sich nicht an einem Tag.
Auch wenn ich meine fertigen Texte selten und nur minimal verändere, ist mir das konstruktive Feedback meiner engsten Kolleg*innen wichtig. Die Einschätzung eines Textes im Backstage unterscheidet sich nicht selten fundamental von der Einschätzung des Publikums, weil die Auftretenden im Gegensatz zur Publikumsjury in der Regel sehr klare Vorstellungen von Bewertungskriterien und sehr viel Vergleichsmöglichkeiten haben.
Es kommt durchaus vor, dass ein Text, der beim Publikum gerade mit niedrigen Wertungen abgestraft wurde, im Backstage gefeiert wird.
Manchen Slammer*innen ist es relativ egal, wie sie punkten, denn letztendlich ist die fundierte Bewertung von Literatur mittels Punktetafeln durch die beim Slam relativ willkürlich zusammengewürfelte Jury ohnehin nur bedingt möglich. Diese bewertet ohne einen vorliegenden Kriterienkatalog und manchmal auch ohne nennenswertes literarisches Grundwissen. Untereinander achten wir viel mehr auf sprachliche Finessen und innovative Kunstgriffe – Kriterien, die das Publikum in der Regel weniger interessieren als die inhaltliche Aufarbeitung des Themas und der Charme der Performenden. Um dem Publikum eine möglichst große künstlerische Bandbreite zu bieten, laden Veranstaltende auch Slammer*innen ein, die das Format brechen, experimentierfreudig und provokativ sind. Möglicherweise punkten sie niedriger, bereichern aber durch textuelle Diversität und literarisches Niveau.
Natürlich ist jeder Mensch, der Geschriebenes veröffentlicht, ohnehin einer Wertung ausgesetzt. Mit der Fertigstellung meiner ersten beiden Slamtexte begannen im Familien- und Freundeskreis sofort die Vergleiche, noch bevor ich überhaupt das erste Mal auf einer Slambühne stand. Welcher der beiden Texte ist ausdrucksstärker, schöner, wichtiger, berührender? Um Texte bewerten zu können, vergleichen Menschen Texte miteinander, auch Literaturprofis bilden ihr Urteil über einzelne Texte auf der Grundlage ihrer gesammelten Literaturerfahrungen.Das ist logisch, aber in der Praxis auch ein wenig schade. Menschen haben nach Slams oft den Drang, mir mitzuteilen, welcher meiner Texte ihnen besser gefallen hat: „Besonders Ihr erster Text hat mich sehr berührt.“
Ich mache das gedanklich mit Texten anderer Slammer*innen genauso, sobald ich mehr als einen Text von ihnen kenne. Das scheint ein menschlicher Automatismus zu sein und das ist Slam – ein Wettbewerbsformat, das der Bewertungslust des Publikums entgegenkommt.
Es gibt inzwischen dennoch immer mehr Poetry Slams, die ohne den Wettbewerb auskommen, denn auch beim geübten Publikum stellt sich langsam eine gewisse Bewertungsmüdigkeit ein. Wenn Slam kein Wettbewerb mehr ist, sondern eine Show, in deren Rahmen stilistisch und sprachlich möglichst breitgefächerte Slamtexte performt werden, dann definiert sich das Genre Slamtext auch recht einfach: Ein Slamtext ist ein auf ein Vortragszeitlimit von bis zu sieben Minuten begrenzter literarischer Text, der für den Vortrag vor Publikum ohne Verwendung von Requisiten und Kostüm verfasst wurde und vom Schreibenden selbst vorgetragen wird.
Häufig werde ich gefragt, welcher meiner Texte mein Lieblingstext ist. Das ist ein bisschen so wie Leute zu fragen, welches ihrer Kinder ihr Lieblingskind ist. Alle Texte, die du in diesem Buch findest, mag ich. Mir ist bewusst, dass manche Texte die Menschen mehr „berühren“ als andere, dafür sind andere sprachlich vielleicht herausfordernder und damit weniger zugänglich. Manche Texte befassen sich mit Themen, für die sich möglicherweise nur wenige Menschen interessieren, aber für den einen Menschen im Publikum, der sich angesprochen fühlt und mit dem Text verbinden kann, sind sie von großem Wert. Vielleicht gelingt es dir ja entgegen unserem Bewertungs- und Vergleichsbedürfnis, meine Texte einzeln zu betrachten, zu genießen und wertzuschätzen. Das wäre mein Wunsch an dich.
Bevor du anfängst, in meine Texte einzutauchen, möchte ich, dass du weißt, dass dieses Buch nie ohne die Unterstützung lieber Menschen entstanden wäre: Mein Mann hält mir seit nun fast 25 Jahren wirklich aufopferungsvoll den Rücken frei, ich könnte nicht mehr Glück gehabt haben. Meine Eltern schreiben beide selbst, sind mir ein großes Vorbild und haben alles dafür getan, ihren Kindern einen Zugang zu Kunst und Literatur zu eröffnen. Die beeindruckende Künstlerin Julia Siegmund hat mir das wundervolle Titelbild zur Verfügung gestellt. Mein besonderer Dank gilt meinem Lektor und Verleger Elias Raatz, der sich von Anfang an so professionell und zugleich fürsorglich, so zuverlässig und zugleich offenherzig um dieses Buch gekümmert hat.
Theresa Sperling, 2024
Medusa
2014
„Medusa“ ist der erste Slamtext, den ich geschrieben habe. 2014 war ich mit meinen Theaterschüler*innen in einem Jugendtheaterstück, in dem die Theatergruppe einen sehr bekannten Slamtext szenisch darstellte. Ich war total verzaubert von dem rhythmischen Sog des Textes und dem dichten und zugleich zugänglichen Inhalt. Bis zu diesem Zeitpunkt dachte ich, Poetry Slams seien anstrengende Lesungen erfolgloser Autor*innen, die intellektuell abgehobene Texte schreiben. Noch am selben Abend sah ich mir restlos begeistert Dutzende von Slamtexten auf YouTube an. Ich hatte bereits zwei Romane geschrieben, die mich jahrelang absorbiert hatten, und fand die Möglichkeit sehr reizvoll, ein Thema sprachlich und inhaltlich so zu verdichten, dass es sich dem Publikum in nur wenigen Minuten erschließt.
Also schrieb ich „Medusa“:
Vor über 200 Jahren segelte eine französische Fregatte namens Medusa nach Südafrika. Auf dem Weg lief das Schiff auf eine Sandbank auf und drohte zu kentern. Da nicht genug Rettungsboote an Bord waren, ließ der Kapitän aus dem Holz des Schiffes ein riesiges Floß bauen, auf dem das „Fußvolk“ an Land gezogen werden sollte. Als man alle auf das Floß verfrachtet hatte, stellte man fest, dass die Menschen bis zu den Hüften im Wasser standen und die Fahrt nicht überleben würden. Also ließ der Kapitän die Seile kappen und die höheren Herrschaften fuhren mit den Rettungsbooten an Land.
Nach elf Tagen fand ein Suchtrupp das Floß endlich auf dem offenen Meer. Von den 149 Menschen waren nur noch 15 am Leben, den Rest hatten sie über Bord geworfen oder gegessen, um zu überleben.
Das Ganze trug sich zu vor rund zweihundert Jahren,als die Menschen hier im Raum noch nicht geboren waren.
Es geht uns nichts an,
wir haben damit nichts zu tun.
Es scheint nicht unsere Schuld zu sein,
also lassen wir es ruh’n.
Und trotzdem hoffen wir, wir betreten niemals ein zum Kentern verurteiltes Schiff.
Und wir hoffen, wir kriegen unser zum Scheitern verurteiltes Leben noch in’n Griff.
Wir wissen aus der Medien täglich Nachrichtenreport, Kapitäne, die die Seile kappen, gibt es fast an jedem Ort, und in fast jedem Land gehen täglich viele Menschen über Bord.
Meist die Kranken, meist die Kinder, meist die Schwachen und die Guten,
denn der Mensch an sich ist fähig zu Dingen, die könn’n wir nur vermuten.
Es gibt Menschen, die dich töten, dich missbrauchen und dann essen,
dich vergewaltigen und foltern, dich vergraben und vergessen.
Und wir stehen vor der Entscheidung,
ob wir springen oder bleiben,
ob wir essen oder sterben,
ob wir töten oder leiden,
ob wir aufstehen und laut schreien
oder zusehen und schweigen.
Doch wer schweigt, der wird vergessen,
und wer kämpft, der will nur essen,
und wer aufgibt, wird gegessen.
Und am Schluss stellt sich die Frage,
wer das Ganze überlebt,
denn wer die andren überlebt,
hat sie vermutlich selbst ermordet,
hat wahrscheinlich gedacht, dass es richtig sei,
weil die Situation es so erfordert,
oder zumindest, dass es nicht falsch sei
in Anbetracht der Lage,
oder zumindest stellt die Lage
die Normal-Moral in Frage.
Vielleicht haben die, die leben, überhaupt nicht nachgedacht,
haben all die andren aus Verzweiflung umgebracht,
haben Kinder, Kranke, Frauen, Feinde, Freunde über Bord gefeuert,
instinktiv, so wie die Tiere, von Natur aus triebgesteuert,denn der Trieb zu überleben ist so tief in uns begrabenwie die Menschheit, wie die Träume, wie die Seele, die wir haben.
Und so sitzen wir tagtäglich und für immer auf dem Floß im Meer.
Das Leben um uns herum gibt auf den ersten Blick verdammt viel her.
Wir haben strahlende Sonne, blaues Wasser. Mensch und Natur formen wieder eine Einheit.
Wir haben perfekten Empfang, Geld wie Salz
und die ultimative virtuelle Freiheit,
doch die Sonne brennt, die Haie warten
und das Salz verätzt den Magen,
und was wir uns so sehr gewünscht haben,
wird auf einmal zur Bedrohung,
und Hunger, Durst und Schmerz und Leid
führen bekanntlich zu Verrohung.
Und so töten wir und essen,
um nicht selbst vor die Hunde zu gehen.
Oder zumindest sehen wir zu,
wie die anderen vor uns zu Grunde gehen,
und so sind wir doch letztendlich alle Teil
dieser Geschichte, die wir so schwer ertragen können, weil
wir die sind, die noch nicht tot sind, sondern leben und noch fragen können.
Wir können fragen, ob und wie wir alle leben wollen,ob noch mehr Leute über Bord gehen oder alle überleben sollen.
Oder keiner überlebt und dafür wird auch keiner mehr gegessen.
Und wenn wir alle dafür einstehen, wird auch keiner mehr vergessen,
weil wir noch ein wenig Zeit haben,
um uns endlich mal zu fragen,
wer wir sind und was uns ausmacht,
was wir wollen, wünschen, hoffen, träumen,
was uns wirklich etwas ausmacht.
Und wenn wir schließlich kollektiv vor dem Verdursten kollabieren,
wissen wir wenigstens, wer wir waren und warum – verdammt – wir existieren,
wissen wir wenigstens, was uns von Wahnsinn und von Trieben unterscheidet,
wissen wir wenigstens, dass der neben uns kein schlimmeres Los erleidet,
wissen wir wenigstens, dass wir gelebt haben und sterben, wenn der Zeitpunkt da ist
und nicht wenn unser Körper auf dem Spieß des andren gar ist,
wissen wir wenigstens, dass wir Menschen waren,
wissen wir wenigstens, dass wir menschlich waren,
wissen wir wenigstens, dass der Mythos von mehr Menschlichkeit noch wahr ist.
Anmerkung: Nachdem ich „Medusa“ geschrieben hatte, überkam mich das rückwirkend betrachtet ziemlich alberne Gefühl, ich hätte mit diesem Text alles Wichtige über das Menschsein gesagt und es gäbe nichts mehr, worüber ich schreiben könnte. Allerdings wusste ich, dass ich einen zweiten Text brauche, um mich für meinen ersten Open-Mic-Slam anmelden zu können. Monate später kam mir endlich die Idee für den Söhne-Text.
Was ich meinen Söhnen nie selber sagen würde
2014
Der Titel dieses Textes lässt dich vielleicht vermuten, dass es in dem nachfolgenden Text um all die Dinge geht, die man selbst gerne tut, aber nicht unbedingt mit seinen Kindern besprechen würde: Sex, Drogenexzesse und Ähnliches. Um keine falschen Erwartungen zu wecken, möchte ich dir im Vorhinein mitteilen, dass dieses Gedicht leider weder von Drogen noch von Sex handelt. Meine Söhne waren neun und elf Jahre alt, als ich den Text geschrieben habe, und mit ihnen über Sex zu sprechen, war damals keine große Sache. Wenn die beiden zum Beispiel nach Hause kamen und fragten: „Du, Mama, macht ihr beim Sex auch solche Geräusche wie die Alpakas im Tierpark?“, konnte ich die Frage ganz einfach mit „Nein“ beantworten. Die Alpakas im Nordhorner Tierpark geben beim Sex nämlich langgezogene tiefkehlige Grunzlaute von sich. Die konsequente Folgefrage: „Was macht ihr denn dann für Geräusche?“, war schon etwas prekärer. Aber all das ist eben nicht Thema dieses Textes.
Was ich meinen Söhnen nie selber sagen würde:
Eigentlich ist es egal, ob du deinen Teller aufisst,
weil in deinem Magen kein afrikanisches Kind sitzt,
das sehnsüchtig darauf wartet,
dass es deine Essensreste kriegt.
Sicherlich stirbt gerade irgendwo
ein armes Kind den Hungertod,
und zwar unabhängig davon, ob dein Butterbrot
im Abfall oder in deinem Magen landet.
Du musst nicht aufessen,
weil es sich hier um Fragen handelt,
die ein kleines sattes Kind nicht lösen wird,
indem es immer alles aufisst
und langsam immer adipöser wird.
Sicherlich solltest du dir das nächste Mal weniger auftun,
denn dein übertriebener Konsum
fördert die Überproduktion,
aber selbst die wirst du nicht aufhalten
durch ein frühzeitig gestörtes Essverhalten.
Und deshalb muss ich dir leider sagen,
dass das Essen im Mülleimer besser aufgehoben ist
als in einem überfüllten Magen.
Was ich meinen Söhnen nie selber sagen würde:
Eigentlich bin ich ganz froh,
dass du nicht richtig ins System passt,
dass du Interessen außerhalb der Schule hast,
dass du ab und zu die Schule hasst,
weil du Angst hast,
dass du durch sie das richtige Leben verpasst:
Zeit mit Freunden, Zeit mit dir, Zeit zum Spielen;
und insgeheim denke ich mir, in den vielen
Jahren, die du hoffentlich noch vor dir hast,
wird dein Arbeitgeber dich gut bezahlen,
aber vollständig absorbieren,
wird dein Ehrgeiz dich weit bringen,
aber deine Beziehungen ruinieren,
wirst du damit beschäftigt sein,
Geld zu machen und sinnlos zu kumulieren,
deswegen wäre es so wichtig, dass du jetzt schon weißt,
was es heißt,
den Moment zu genießen,
sich für einen Moment nicht anzupassen,
für einen Moment das System zu verlassen,
Freizeit zu haben, Freiheit zu haben,
Texte zu schreiben, Feste zu feiern,
zu singen, zu trinken, zu tanzen, zu reden, zu lesen, zu lieben, zu leben, zu lachen
oder einfach mal nichts zu tun,
sich für einen Moment auszuruhen.
Was ich meinen Söhnen nie selber sagen würde:
Wenn du dich zum ersten Mal so richtig verliebst,
dann hoff’ ich, dass du das Ganze realistischer siehst
als ich, denn die erste große Liebe wird natürlich nicht halten.
Sie wird am Anfang unermesslich scheinen
und am Ende langsam erkalten.
Und dann kann ich nur hoffen,
dass du es rechtzeitig raffst,
dass du derjenige bist, der den Ausstieg schafft,
dass du derjenige bist, der den anderen verlässt,
weil es sich damit so viel besser leben lässt.
Sicherlich hast du dann dein Leben lang ein schlechtes Gewissen,
aber zumindest wirst du dich nicht mit dem Gedanken abfinden müssen,
dass du vielleicht nicht liebenswert bist,
dass die richtige Liebe vielleicht nicht lebenswert ist.
Und keine Sorge:
Die nächste Beziehung wird bestimmt ok,
tut, weiß Gott, nicht mehr so weh,
denn du siehst das Ganze einfach etwas pessimistischer,
etwas realistischer,
etwas holistischer,
ja geradezu gelassen,
denn du liebst einfach etwas egoistischer,
am Ende wird man ja verlassen.
Was ich meinen Söhnen nie selber sagen würde:
Wenn du heute in die Schule gehst,
möcht’ ich, dass du aufstehst
bei jeder Ungerechtigkeit, die du erlebst,
dass du dich vor jedes vom Leben, vom Lehrer
und von der Klasse benachteiligte Kind stellst,
dass du die Ungerechtigkeit laut aussprichst
und nicht einfach deinen Mund hältst.
Auch wenn die, die sie ausüben,
dich für deinen Mut leiden lassen und hassen,
und die, die sich nie einmischen,
dich für deinen Mut meiden und hassen.
Auch wenn du dir damit die Note verdirbst,
einen Anschiss riskierst,
ja, zur Not auch von der Schule verwiesen wirst,
denn es gab hier mal echt schlimme Zeiten
voll Traurigkeit und Grausamkeiten,
da haben sich einige wenige Menschen
im Untergrund vernetzt,
Gebäude besetzt,
Gesetze verletzt,
ihre Freiheit aufs Spiel gesetzt
und in letzter Konsequenz, also ganz zuletzt eben,
ihren Kopf hingehalten und ihr Leben gegeben.
Und ich sehe bestimmte Begebenheiten
heimlich und leise,
auf beängstigende Weise
abgleiten in alte Zeiten:
Beschränkung von Freiheiten,
menschliche Ungerechtigkeiten,
Diskriminierung von Minderheiten,
befremdliches Wahlverhalten
in Kriegs- und Krisenzeiten.
Und deswegen hoffe ich so sehr,
dass du dich in der U-Bahn vor den diskriminierten Muslim stellst,
auch wenn du seine Lebensweise für rückständig und befremdlich hältst,
dass du dich auf der Straße vor die belästigte Frau und den bedrohten Rentner stellst,
auch wenn du dafür am Ende
– und ich weiß, eine Mutter sollte so etwas nie laut aussprechen –
deinen Kopf hinhältst.
Aber morgen und an allen anderen Tagen
