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Romantasy pur! "Shadow Hunter" ist die Vorgeschichte zur packenden "Execution Underground"-Serie von Kait Ballenger. Wie alles begann: Im sonst so friedlichen Rochester, New York, geht die Angst um: Im Club Fantasy trifft man nachts auf Vampire, und täglich findet man eine Frauenleiche mit den typischen Bisswunden. Damon Brock, der Vampirjäger im Team der Execution Underground, will nur eins: die Killer töten, die schon seinen besten Freund auf dem Gewissen haben! Aber Damon ist nicht der einzige Jäger. Auch Tiffany Solow ist den grausamen Geschöpfen der Nacht, die ihre Familie vernichtet haben, auf der Spur! Das Aufeinandertreffen der beiden bringt allerdings noch andere Emotionen ins Spiel, gefährlich erotische Emotionen …
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Seitenzahl: 266
Veröffentlichungsjahr: 2014
Kait Ballenger
Shadow Hunter
Übersetzung aus dem Amerikanischen von Thomas Hase
MIRA® TASCHENBUCH
MIRA® TASCHENBÜCHER
erscheinen in der Harlequin Enterprises GmbH,
Valentinskamp 24, 20354 Hamburg
Geschäftsführer: Thomas Beckmann
Copyright dieser Ausgabe © 2013 by MIRA Taschenbuch
in der Harlequin Enterprises GmbH
Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:
Shadow Hunter
Copyright © 2013 by Kaitlyn Ballenger
erschienen bei: HQN Books, Toronto
Published by arrangement with
HARLEQUIN ENTERPRISES II B.V./S.àr.l
Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln
Covergestaltung: pecher und soiron, Köln
Redaktion: Mareike Müller
Titelabbildung: Harlequin Enterprises, S.A., Schweiz
Autorenfoto: © by Harlequin Enterprises S.A., Schweiz
ISBN epub 978-3-95576-392-3
www.mira-taschenbuch.de
eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net
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Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder
auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich
der gesetzlichen Mehrwertsteuer.
Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.
Für meinen Ehemann Jon. Kein Held wird sich je mit dir messen können.
Ich werde dich immer lieben.
Damon Brock packte den Kopf des Türstehers mit beiden Händen. Ein kurzer Ruck genügte, und er hörte das leise Knacken, als das Genick brach. Eine eisige Bö fegte durch die stille Seitengasse, so kalt, dass Damons Atem beim Austreten eine kleine weiße Wolke bildete. Unter seinen Händen spürte Damon den schwächer werdenden Puls, bis der ganz erstarb.
Kein Schrei. Damon ließ los, und der Körper des Türstehers sackte leblos auf das kalte Pflaster. Noch einmal stieß Damon den Mann mit der Stahlkappe seines Stiefels an. Nichts. Keine Bewegung. Wie ein nasser Sack lag er da. Ein schneller, sauberer Job.
Es war noch keine neun Uhr abends, und schon hatte er den ersten Blutsauger zur Strecke gebracht. Ein vielversprechender Anfang in Rochester.
Damon stieg über den Toten hinweg und betrat durch den Hintereingang den Club Fantasy, wie sich dieses Etablissement hier nannte. Im Ärmel seines Ledertrenchcoats steckte ein Dolch aus Silber, hinten im Bund seiner Jeans seine Desert Eagle, eine Halbautomatik Kaliber .44 – dazu kamen zwei silberne Wurfmesser, in jedem Stiefel eines und ein angespitzter, lackierter Holzpflock, den er ebenfalls unterm Mantel verbarg. Man musste mit allem rechnen, wenn man es mit Vampiren zu tun hatte. Es war beinahe unmöglich, diese Blutegel zu töten. Kugeln und Silberklingen konnten sie zwar vorübergehend aufhalten, endgültig erledigt werden konnten die Untoten allerdings nur durch Enthauptung oder durch einen Pfahl durchs Herz.
Club Fantasy. In großen Neon-Röhren prangte der Name über der Tür. Damon schüttelte den Kopf. Club Hell wäre passender. Aber die meisten der Gäste ahnten nicht, wer der Besitzer war. Diese Bestie stand ganz oben auf Damons Wunschzettel.
Durch eine zweite Tür gelangte er in die Partyzone des Nachtclubs. Wenn der Abend gut verlief, konnte er mit ein bisschen Glück seine Erfolgsquote auf bis zu vier tote Vampire erhöhen. Die Luft war zum Schneiden. Der Geruch von abgestandenen Getränken und den verschwitzten Körpern derer, die sich auf der Tanzfläche drängten, stach ihm in die Nase. Grellrote Blitze zuckten über die Köpfe hinweg, und der Beat der Bässe dröhnte ihm in den Ohren, während er versuchte, sich in der Menge einen Überblick zu verschaffen. Das war die größte Herausforderung auf der Jagd nach Vampiren: Sie waren von Normalsterblichen kaum zu unterscheiden. Denn nach Einbruch der Dunkelheit schlug der Puls der Untoten ebenso kräftig wie bei jedem normalen Sterblichen. Und doch lauerten hinter der unverdächtigen Oberfläche eine übermenschliche Kraft und ein unersättlicher Blutdurst auf das nächste arglose Opfer. Wenn die Menschheit nur wüsste, was da auf sie zukam …
Damon bahnte sich seinen Weg durch die zappelnden Leute auf der Tanzfläche, bis er auf der anderen Seite eine der Nischen erreichte, wo er sich auf der schwarzen Lederbank niederließ. Mit den Fingerspitzen fuhr er über die glatte, frisch lackierte Tischplatte. Auf den ersten Blick stach der Club Fantasy im Vergleich zu den anderen Techno-Schuppen in Rochester hervor, und seine Atmosphäre konnte es mit den Etablissements in Manhattan locker aufnehmen – was die Preise anging, umso mehr. Und so ließen sich die jungen Leute um die zwanzig oder ein wenig älter in Scharen anlocken, ohne zu merken, dass sie wie die Lämmer zur Schlachtbank geführt werden sollten. Der Club Fantasy war doppelt so gefährlich wie jeder andere Schuppen in New York.
Eines Handicaps war sich Damon wohl bewusst. Allein, ohne ein Team von Jägern, würde es verdammt schwierig werden, sich in der Szene der übersinnlichen Kreaturen zu bewegen. Aber er war dieser Herausforderung gewachsen. Er hatte sein Zielobjekt bis hierher nach Rochester, in Marks Heimatstadt, verfolgt und wollte nicht eher ruhen, bis er seinen Freund gerächt hatte. Deshalb hatte er auch darum gebeten, in dieser Stadt eingesetzt zu werden, selbst auf die Gefahr hin, dass er ihr hier begegnete. Tief seufzte Damon. Daran wollte er jetzt nicht denken.
Sein Blick streifte über die Gesichter der Besucher. Blondes Haar, blaue Augen, von mittlerer Statur, jedoch kräftig gebaut, leicht gebogene Nase und eine dünne, aber deutlich sichtbare Narbe unter dem linken Auge. Das war der Mann, den er suchte. Dieses Gesicht verfolgte ihn jede Nacht im Traum.
Caius Argyros Dermokaites war dem Straßendreck des antiken Rom entkrochen. Der Grund, warum ihm die Herrschaft über das Vampirnest in Rochester zugefallen war, die er mit harter Hand ausübte, waren keine besonderen Fähigkeiten, sondern viel mehr sein bedeutendes Alter. Je älter ein Vampir wurde, desto todbringender wurde er – oder sie.
Caius stand jedenfalls ganz oben auf Damons Liste, und dieses Mal würde er auch sicherstellen, dass er ihn vollständig zur Strecke brachte.
Nach einer Weile hatte er ihn entdeckt. Obwohl Damons Sicht von den Tanzenden fast vollständig versperrt war, erspähte er ihn auf der anderen Seite des Clubs. Eine unbändige Wut kochte in ihm hoch. Er musste sich zurückhalten, um nicht gleich hinzumarschieren, ihn mit seiner Desert Eagle niederzuschießen und ihm dann den angespitzten Pfahl durchs Herz zu treiben. Unwillkürlich ballte er die Hände zu Fäusten. Es war seine Schuld. Sein Versagen hatte es ermöglicht, dass Caius da hinten saß und sich amüsierte, während Marks Asche noch nicht einmal hatte beigesetzt werden können. Und es war seine Schuld, dass die einzige Frau, der er jemals sein Herz geöffnet hatte, ihm inzwischen den Tod wünschte. Er hatte Mark, seinen besten Freund, im Stich gelassen. Und sie dazu.
Caius grinste breit, während er den Arm um eine Frau in einem recht freizügigen Lederoutfit legte. Dass er sich mit Frauen umgab, war nicht weiter überraschend. Nichts übertraf das Ego eines männlichen Vampirs, aber Caius setzte dem mit seiner Protzerei noch die Krone auf. Damon behielt ihn im Auge. Eine der besonderen Fähigkeiten, die er sich in seiner Spezialausbildung angeeignet hatte, war seine schnelle und sichere Einschätzung von Personen. Eitelkeit war ohne Frage die größte Schwäche von Caius, eine, an der man ihn mit Sicherheit zu packen kriegte.
Dicht neben seinem rechten Ohr hörte Damon plötzlich eine weibliche Reibeisenstimme mit einem übertrieben aufreizenden Timbre: „Willst du etwas bestellen, Süßer, oder den ganzen Abend nur die Leute anstarren?“ Im nächsten Moment versperrten ihm hautenge Latex-Hotpants die Sicht auf den Vampir.
Die wasserstoffblonde Kellnerin schmatzte, während sie ihren Kaugummi kaute. Sie stützte sich auf dem Tisch auf und beugte sich zu Damon, indem sie ihm einen ausgedehnten Einblick auf ihre Silikonoberweite gönnte, die in einem Top steckte, das kaum größer war als anderer Frauen Slips. Ihr Atem roch nach dem ausgelutschten Kaugummi und billigem Gin.
„Du siehst aus wie ein Wodka-on-the-rocks-Typ“, meinte sie und strich sich mit der Zungenspitze über die Lippen. „Stark, klar, kalt und trotzdem feuergefährlich.“
Damon würdigte sie kaum eines Blicks. Er lehnte sich zurück, um Caius weiter zu beobachten. „Ich trinke nicht“, antwortete er kurz angebunden.
Frustriert seufzend richtete sich die Kellnerin wieder auf. „Wenn Sie nichts bestellen, können Sie hier auch keine ganze Nische in Beschlag nehmen.“
Eine schlanke Rothaarige fuhr Caius mit den Fingern durchs Haar und drängte sich an ihn. Die Frauen in seiner Umgebung warfen sich ihm buchstäblich an den Hals und bettelten geradezu darum, von ihm ausgesogen zu werden. Caius jedoch hatte wohl in diesem Moment keinen Sinn dafür. Sein Blick war starr auf etwas gerichtet, das außerhalb von Damons Sichtfeld lag, und Damon hätte gern gewusst, was ihn derart fesselte.
„Haaallo“, meldete sich die Kellnerin wieder, die langsam die Geduld verlor. „Haben Sie gehört, was ich gesagt habe?“
Durch den Club zu streifen, war wohl die bessere Methode, entschied Damon, erhob sich und ging. Die ärgerliche Kellnerin ließ er einfach stehen. Er musste diese Sache zu Ende bringen. Sechs Frauen aus Caius’ Herrschaftsgebiet wurden vermisst, und die Zahl der grausamen Überfälle und Morde auf offener Straße wuchs beständig. Diesem Treiben konnte Damon nicht länger tatenlos zusehen.
Als er in den Dienst der Execution Underground getreten war, hatte Damon einen Eid geschworen, unschuldige Menschen vor jenen gefährlichen Kreaturen zu beschützen, die von außen betrachtet ganz harmlos wirkten. Die Execution Underground verstand sich als internationale Einheit. Sie rekrutierte Hunter, Jäger, die ausgebildet waren, allem Unwesen den Garaus zu machen – seien es Vampire, Werwölfe, Dämonen bis hin zu Gestaltwandlern.
Trotz härtesten Trainings, mühsam erarbeiteter Muskeln und der intensiven Nahkampfschulung wäre dennoch kein normalsterblicher Jäger in der Lage, eines dieser übernatürlichen Wesen zu bezwingen. Im Rahmen ihrer Vereidigung bekamen sie deshalb ein Serum injiziert, das ihnen eine verlängerte Lebensspanne und Extrakräfte verlieh, die sie für den Kampf gegen diese Bestien brauchten, und das außerdem ihre Selbstheilung beschleunigte. Und selbst mit diesem Serum waren sie den übersinnlichen Kreaturen nicht vollständig gewachsen und mussten nahezu täglich ihr Leben in die Waagschale werfen für eine Aufgabe, die im Wesentlichen darin bestand, Menschen zu beschützen und die Bedrohung durch diese Bestien so weit wie möglich einzudämmen. Dafür war kein Preis zu hoch, auch nicht der des eigenen Lebens. So lautete grob umrissen der Inhalt des Eids, den alle Jäger geleistet hatten. Mark war diesem Eid bis zur allerletzten Konsequenz treu geblieben.
Damon näherte sich der Bar und versuchte dabei, Caius’ Blickrichtung zu verfolgen. Am gegenüberliegenden Ende des Bartresens, von wo aus er den Vampir noch im Auge behalten konnte, fand er einen Platz und setzte sich. Kurz darauf, wusste Damon auch, worauf Caius so gebannt starrte. Natürlich war es eine Frau.
Sie hatte Damon den Rücken zugewandt, sodass nicht viel mehr zu erkennen war als dunkelbraunes Haar, das ihr leicht gewellt bis über die Schultern fiel. Der Barkeeper hatte ihr gerade zwei Gläser mit Rotwein gereicht, bevor sie durch die Menge zu Caius tänzelte, der sie mit seinen Blicken geradezu verschlang.
Damon war entschlossen, Caius zu zerstören und seinen Hofstaat zu dezimieren, so gut er konnte. Doch selbst wenn er darauf brannte, seinen Freund und Partner zu rächen, war er nicht gewillt, Unschuldige dabei in Gefahr zu bringen. Das hätte auch Mark nicht gewollt. Damon musste es schaffen, Caius von den Menschen hier wegzulocken. Dieser eitle Widerling hatte ohnehin schon viel zu viele Leute auf dem Gewissen. Damon spürte, wie das Blut in ihm hochkochte, sobald er nur daran dachte.
Im Prinzip genügte der natürliche Fluchtinstinkt, der die meisten Leute von den gefährlichen Kreaturen fernhielt. Dennoch gab es ebenso eine Menge Abgestumpfter, Gedemütigter, Ausgebeuteter und Missbrauchter, die die Untoten umschwärmten wie Fliegen ein halbverwestes Aas. Sie ließen sich gut und gerne manipulieren. Und doch galt es, auch sie zu schützen, selbst wenn sich sonst niemand um sie scherte.
In Damons Jackentasche vibrierte das Handy. Das Hauptquartier.
In aller Öffentlichkeit konnte er den Anruf nicht annehmen. Unauffällig entfernte er sich von der Bar und steuerte auf einen der Privaträume des Clubs zu. Er fand, was er suchte, und gelangte durch die mit einem Vorhang verhängte Tür hinein. Nachdem sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, schaute er sich um, konnte allerdings nichts anderes entdecken als die Umrisse einiger gepolsterter Sitzmöbel und weiterer gewöhnlicher Einrichtungsgegenstände. Er war allein.
Er zog das Handy aus der Tasche, klappte es auf und las die Nachricht. In der Tat war es sein Kontaktmann im Hauptquartier. UPDATE. RÜCKRUF. Damon biss die Zähne zusammen. Verdammt. Update bedeutete nichts anderes, als dass es ein weiteres Opfer gab. Der nächste Tote, für den Damon sich verantwortlich fühlte. Hätte er in jener Nacht vor drei Monaten nicht Mark im Stich gelassen …
Einen leisen Fluch murmelnd drückte er auf die Rückruftaste.
Chris meldete sich nach dem zweiten Klingeln. „Dir wird nicht gefallen, was ich dir zu sagen habe“, begrüßte er ihn.
Damon fuhr sich mit der Hand über die dichten, kurzen Haare. „Dann erzähl schon.“
Resigniert seufzte Chris. „Du wirst nichts davon mögen. Was willst du zuerst hören, die schlechten Neuigkeiten oder die ganz beschissenen?“
Kopfschüttelnd ging Damon ein paar Schritte durch den Raum. „Mir egal. Heraus damit.“
„Nun gut, das rein Dienstliche zuerst. Eine weitere Tote wurde gefunden.“
Damon ballte die Faust. Es juckte ihn in den Fingern, sie neben sich gegen die Wand zu rammen. Dass er die Nachricht vorher schon geahnt hatte, machte es nicht leichter.
„Damon, bist du noch dran?“
Damon öffnete die Faust wieder und konzentrierte sich. Er durfte sich nicht wieder von seinen Gefühlen überwältigen lassen. „Ja, bin ich.“ Es war zum Wahnsinnigwerden. Das Police Departement Rochester würde die Sache wie üblich ignorieren, da sie die Morde schon einem Serienkiller angelastet hatten, der eine kleine Vampirmacke hatte. Vielleicht würde ein weiteres Opfer mit den typischen Bissspuren wieder Öl ins Feuer gießen.
Was für ein bescheuerter Blutsauger war das, der die Spuren seines Bisses nicht einfach versiegelte? Selbst der dümmste Vampir wusste, wie er sich vor den neugieren Augen der Öffentlichkeit verbergen konnte. Sie mussten lediglich kurz darüberlecken, um die Wunden zu schließen. War das zu viel verlangt?
„Das Opfer ist weiblich, weiß, gerade mal sechzehn Jahre alt. Sie wurde vier Blocks entfernt vom Manhattan Square Park gefunden. Ein Informant bei der Polizei hat uns das gemeldet. Jetzt liegt sie im Leichenschauhaus des Golisano Children’s Hospital in der Universitätsklinik von Rochester, und da sie keine Papiere bei sich hatte, wird sie dort als Jane Doe, also als nicht identifiziertes Opfer geführt. Nach den Tatortfotos zu urteilen, wird es … tja, schwierig werden, herauszubekommen, wer sie war. Du machst dich am besten gleich auf den Weg.“
Damon stützte sich an der Wand ab und lehnte die Stirn gegen den Unterarm. „Und was sind die anderen Neuigkeiten?“
Einen Moment lang herrschte Stille in der Leitung, bevor Chris sich räusperte. „Es gibt … nun, es gibt eine neue Entwicklung in Marks Fall.“
Damon richtete sich mit einem Ruck auf. Das Adrenalin rauschte wild durch seine Adern. „Was meinst du mit einer neuen Entwicklung? Er ist tot, Chris. Sein Körper ist verbrannt. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Er lag tot und ausgeblutet da, ehe das Gebäude explodierte. Und wir wissen alle, wer dafür verantwortlich ist. Was für eine neue Entwicklung soll es da noch geben?“ Er merkte, wie seine Stimme zu beben begann und seine Hände zitterten.
„Es tut mir ehrlich leid, Damon.“
Keuchend atmete er aus, und sein Magen revoltierte. Ein übler Geschmack stieg ihm in den Mund, als er begriff, worauf Chris hinauswollte. „Nein, nein … das kann nicht sein!“ Die Stimme versagte ihm vollends.
„Einer unserer Hunter hat ihn in New York City vor ein paar Tagen entdeckt. Die Information ist gerade hereingekommen. Er ist nicht tot, Damon. Er ist mutiert.“
Damon glitt das Handy aus der Hand. Sein Herzschlag dröhnte ihm in den Ohren, und er fühlte einen stechenden Schmerz in der Brust. Er konnte es nicht fassen. Mark war nicht tot, sondern mutiert. Er war einer von ihnen geworden.
Ein wütender Aufschrei entfuhr ihm aus tiefster Seele. Die Tränen liefen ihm übers Gesicht. Dann gab er dem Verlangen nach, das er vorhin schon verspürt hatte, und rammte die geballte Faust gegen die Wand, aus der sich darauf ein großess Stück Putz löste und zu Boden fiel. Trotz seiner Wucht blieb der Schlag bei der lauten Musik unbemerkt.
Schlimmer hätte es nicht kommen können. Marks Wandlung war noch furchtbarer als sein Tod. Er war jetzt einer dieser widerlichen Blutegel geworden, und er selbst trug die Verantwortung dafür. Erinnerungen wurden in ihm wach, an Mark, seinen Freund und Partner.
„Es gibt nichts Schlimmeres, als einer von diesen Vamps zu werden“, sagte Mark, während er sich neben Damon setzte und die Klinge seines Silberdolchs schärfte.
Die Trainingshalle war erfüllt von dem Geruch nach Schweiß, Blut und Pulverdampf. Nach einem ganztägigen Training taten Damon alle Knochen weh. „Hast recht“, erwiderte er. „Es gibt nichts Schlimmeres.“
„Zum Glück ist in meiner Familie niemand mutiert. Insofern bin ich letztendlich froh, dass sie alle tot sind.“ Mark betrachtete den Dolch in seiner Hand. „Eines musst du mir versprechen: Sollte ich mich jemals verwandeln, wirst du mir eigenhändig einen Pfahl durchs Herz jagen.“
Damon schüttelte den Kopf. „Das wird nie passieren.“
Mark boxte ihm kräftig in die Rippen. „Ich meine das wirklich ernst, B. Du musst es mir versprechen.“
Damon seufzte. Dann gab er Mark einen Klaps auf den Rücken. „Okay, versprochen.“
Damon holte zu einem nächsten Schlag in die Wand aus und ließ weitere folgen, sodass der zerbröselte Putz ihn in eine Staubwolke hüllte. Vergeblich versuchte er, die schrecklichen Bilder aus seinem Kopf zu verbannen. Mark, wie er reglos und leblos auf dem nackten Betonboden lag, das ganze Blut, die beiden kleinen, kreisrunden Wundmale im Hals. Oh, Gott …
Damons Knöchel bluteten. Seine rasende Wut war kaum noch zu zügeln. Wäre er weniger stark gewesen, hätte er sich jetzt die Kugel gegeben.
Tiffany Solow kochte vor Zorn, als sie den Bordeaux auf den Tisch stellte. Am liebsten hätte sie das Glas an der Tischkante zerschlagen und dem alten Vampir die gezackten Scherben in den Hals gestoßen. Caius Argyros Dermokaites von vorne bis hinten zu bedienen, rief einen Abscheu in ihr hervor, der sie regelrecht krank machte. Als ob es nicht schon genug von ihr verlangt war, dass sie mit diesen Kreaturen auf Tuchfühlung gehen musste, die sie aus tiefstem Herzen hasste. Schon Caius’ Arroganz war nicht zu ertragen. Vor allem aber hatte dieser Bastard ihren Bruder umgebracht. Tiffany war entschlossen, ihn zu töten. Es war nur eine Frage der Zeit, und wenn sich die Gelegenheit endlich ergab, würde sie jede Sekunde auskosten.
„Danke, mein Schatz“, schnurrte Caius, als er seinen Wein serviert bekam.
Mein Schatz – das fehlte noch. Ich hoffe, du erstickst daran, du untoter Mistkerl.
Während sie das dachte, zwang Tiffany sich zu einem Lächeln und setzte sich zu ihm, wobei Caius ihr sofort den Arm um die Schultern legte. Der üble Geruch seiner Haut, vermischt mit dem des schweren Rotweins und einer schwachen Note von Blut, stach ihr in die Nase. Es kostete sie Mühe, ihre Übelkeit zu meistern. Zum Glück stand ihr ein gewisses schauspielerisches Talent zur Seite. Ohne ihr Pokerface hätte sie es niemals geschafft, in den inneren Zirkel um Caius vorzudringen. Und ihren Abscheu und den Ekel nahm sie gern in Kauf, wenn sie dadurch zu ihrer Chance kam, dieses Schwein zu töten. So etwas wie einen anständigen Vampir gab es nicht. Das war von dem Tag an klar, an dem sie sich entschlossen hatte, eine Jägerin zu werden, dem Tag, an dem ihr die Familie genommen worden war.
Caius zu töten, würde ein schwieriges Unterfangen werden. Sie brannte darauf, ihm auf der Stelle den Todesstoß zu versetzen, es endlich zu Ende zu bringen. Aber schon beim geringsten Versuch, ehe sie auch nur mit der Wimper zucken konnte, würde er sie zerschmettern. Sie musste ihn erwischen, wenn er ihr gerade den Rücken zudrehte. Zumindest hatte sie ihn schon geködert. Sie hatte ihn so weit gebracht, dass er sie unbedingt als Host haben wollte.
Hosts erfüllten ihren Zweck für eine relativ kurze Zeit. Sie stillten den Blutdurst der Vampire und daneben auch ihr sexuelles Verlangen. Wenn jedoch einmal die Blutarmut einsetzte, hatten die Vampire keine Verwendung mehr für ihre geschwächten Opfer. Darüber hinaus waren Sterbliche, die Kenntnis von Vampiren hatten, ein zu hohes Risiko, um sie länger um sich zu haben. Und so endeten die Hosts ausnahmslos als Tote – oder als Untote. Dabei war die Gier der Vampire so groß, dass, selbst wenn sie sich eines Hosts bedienten, sie das nicht davon abhielt, unschuldige Menschen abzuschlachten. Allenfalls dämpften die Hosts gelegentlich ihr Wüten.
Als sie anfangs zu Caius und seinem Kreis stieß, hatte Tiffany noch überlegt, wie sie die Sterblichen warnen konnte, die sich in dieser gefährlichen Nähe aufhielten. Sie verwarf den Gedanken aber bald wieder, nicht allein wegen des Risikos für sie selbst, sondern auch, weil sie merkte, wie verblendet, geradezu hypnotisiert diese Menschen von dem Charme mancher dieser Blutsauger waren. Dass sie eine gewisse Anziehungskraft besaßen, konnte auch Tiffany nicht leugnen. Aber sie brauchte nur an ihre toten Eltern und ihren toten Bruder denken, dazu an den Verlust einer wertvollen Freundschaft, und der gesunde alte Hass und der Abscheu stellten sich wieder ein. Dann wusste sie genau, warum sie dafür lebte, den Vampiren einen Pfahl durchs Herz zu treiben. Sie dankte es einer glücklichen Fügung, dass Caius noch immer versuchte, sie mit seinen Verführungskünsten zu umgarnen, weil er so unglaublich scharf auf sie war, dass er beinahe um ihre Gunst bettelte.
Er konnte sehen, dass sie stark und kerngesund war. Um den Eisengehalt im Blut hoch zu halten und ihn dadurch anzuziehen, hatte sie in letzter Zeit eine solche Menge an rotem Fleisch und Spinat gegessen, dass es für den Rest ihres Lebens ausgereicht hätte. Allein bei dem Gedanken an ein blutiges Steak oder ein Stück Spinatpastete drehte sich ihr der Magen um. Wie nebenbei waren ihre Ersparnisse dadurch fast bis auf den letzten Cent draufgegangen, denn Steak auf dem Speiseplan passte nicht unbedingt ins Budget einer mittellosen Medizinstudentin, die noch ein paar Jahre Assistenzzeit vor sich hatte. Trotzdem funktionierte es wie gewünscht. Caius konnte förmlich riechen, dass sie das Zeug zu einer länger anhaltenden Beziehung samt all den sexuellen Erfüllungen hatte, die er sich von einem Host erhoffte. Und das war fürs Erste ihre Lebensversicherung, denn diese Aussichten waren viel zu verlockend, als dass er sie einem kurzen Genuss opfern würde. Er wollte länger etwas von ihr haben.
Caius unterbrach sie in ihren Gedanken. „Darling, siehst du den Privatraum da hinten?“ Er deutete auf das andere Ende der Bar.
Tiffany nickte. „Ja.“
Caius nippte an seinem Bordeaux und fixierte den Vorhang, der die Tür verbarg. „Ich glaube, wir haben einen Besucher. Ein Vampir, wie es scheint. Jedenfalls bewegt er sich wie ein Raubtier.“ Er knallte das Glas auf den Tisch. „Ich möchte nicht, dass so ein ungebetener Konkurrent sich hier in meinem Club herumtreibt. Geh und hole Calvin, damit der sich darum kümmert.“
„Mit Vergnügen.“ Lächelnd stand sie auf, um sich auf den Weg zu dem Bodyguard zu machen, aber sobald sie Caius den Rücken gekehrt hatte, war ihr Lächeln verschwunden, und ihre Miene verfinsterte sich. Sie konnte an nichts anderes denken, als diesem widerlichen Blutegel ihren Holzpfahl durch die Brust zu rammen. Kein Wunder. Nur fünf Minuten in seiner Gegenwart mussten jeden, der noch seine Sinne beisammenhatte, in ein nervliches Wrack verwandeln. Aber er sollte für alles bezahlen. Wieder stellte sie sich vor, wie sie ihn erledigte, sah ihn vor ihren Augen zerplatzen wie einen Blutbeutel. Vampire zu töten, war ein verdammt dreckiges Geschäft. Aber das machte ihr nichts aus. Sie wünschte sich nichts mehr, als ihm den Rest zu geben.
So rasch sie konnte, drängte sie sich durch die Menge und steuerte den Hinterausgang des Clubs an. Sie passierte die erste Tür, betrat den Vorraum, von dem verschiedene Büros abgingen, und blickte sich um. Kein Calvin.
Ein kalter Schauer rieselte ihr den Rücken hinunter, und unwillkürlich richteten sich bei ihr die Härchen auf den Armen und im Genick auf. Gänsehaut. Irgendetwas stimmte nicht. Sie musste hier raus, und das schnell. Sie trat durch die Tür des Hintereingangs auf die schmale Gasse hinaus, lag aber im nächsten Moment lang auf der Nase.
Tiffany staunte nicht schlecht, als sie sah, worüber sie gestolpert war. Es war Calvins Leiche. Der Kopf war nach hinten gedreht und stand in einem bizarren Winkel zum restlichen Körper, der ansonsten unversehrt war. Nicht ein einziger Blutstropfen war zu sehen und keine Anzeichen für einen Zweikampf.
Donnerwetter, dachte Tiffany. Einen wie Calvin auf diese Art aus dem Weg zu räumen, dazu gehörte schon eine erbarmungslose Brutalität. Sie rappelte sich auf und klopfte sich den Staub ab. Dass der brave Calvin tot war, ging ihr am Arsch vorbei. Einer weniger von dieser Bande – davon konnte die Welt nur besser werden. Caius würde allerdings ausrasten, wenn er davon erfuhr, und einen wutentbrannten Vampir wollte sie lieber nicht in der Nähe haben.
Es sei denn … Tiffany kam eine Idee, wie sie Caius bei Laune halten konnte. Sie brauchte ihm nur den aufdringlichen Konkurrenten zu präsentieren, von dem er gesprochen hatte.
Sie lief zurück in den Club. Wenn sie sich beeilte, konnte sie Caius den Kopf des Unbekannten ausliefern und weitere Punkte in Sachen Vertrauensbildung sammeln. Alles nur mit dem einen Ziel: den Drecksack zu vernichten, der ihre Familie ausgelöscht hatte.
Sich zwischen den Gästen hindurch drängend und darauf bedacht, von Caius nicht gesehen zu werden, strebte sie dem Privatraum zu, auf den er gezeigt hatte. Als sie den Vorhang vor der Tür erreicht hatte, zog sie ihre Smith & Wesson aus der Jackentasche, die sie immer mit Silbermunition geladen bei sich trug.
Mit gezücktem Revolver schlüpfte sie durch die Tür. Ihre Augen hatten sich schon draußen an die Dunkelheit gewöhnt, und so konnte sie sich in dem fast stockfinsteren Raum orientieren. Aber es war niemand zu entdecken. Sie wagte sich ein paar Schritte weiter vor.
Im nächsten Augenblick spürte sie den Lauf einer Pistole an ihrem Hinterkopf. Der Schock, als sie das leise Klicken hörte, mit dem der Hahn gespannt wurde, schickte ihr eine volle Ladung Adrenalin durch die Adern. Ihr Herz klopfte wie wild.
Da stand sie mit der Kanone eines Vampirs im Nacken. Sie hatte es verkackt – und das war noch vornehm ausgedrückt.
Ungerührt hielt Damon ihr die Waffe an den Schädel. Wenn ihn etwas auszeichnete, dann war das, dass er selbst in extremen Situationen locker blieb. Mit einem weiblichen Vampir hatte er es bisher noch nicht zu tun gehabt, aber einmal war ja immer das erste Mal.
Er drückte ihr den Lauf an den Kopf. „Waffe fallenlassen“, sagte er ruhig.
Ganz langsam hob sie den Arm, damit er ihren Revolver sehen konnte, klinkte das Magazin aus, sodass es herausfiel, und ließ die Waffe dann ebenfalls fallen.
Damon verstärkte den Druck gegen ihren Schädel. „Namen. Alle, die in diesem Nest etwas zu sagen haben.“
Sie nahm das Risiko auf sich, wirbelte herum und griff nach seiner Hand, indem sie ihm die langen Fingernägel tief in den Handrücken bohrte, alles in einer einzigen, fließenden Bewegung. Er ließ den Revolver los, weniger wegen des Schmerzes, sondern eher, um sich seines silbernen Dolchs zu vergewissern. Ihr für einen Augenblick das Gefühl zu geben, sie hätte die Oberhand gewonnen, konnte für ihn nur von Vorteil sein. Blitzartig ließ sie einen Roundhouse-Kick folgen, doch er blockte sie vor seinem Gesicht ab.
Die Wucht ihrer Attacke ließ ihn nicht unbeeindruckt. Sie war eine starke Kämpferin, aber mit ihm konnte sie sich nicht messen. Er erwischte sie am Fußknöchel und drehte ihr das Bein um. Tiffany verlor das Gleichgewicht, doch bevor sie zu Boden fiel, fing er sie auf. Dabei hatte er den Dolch schon in der Hand und hielt ihn ihr an den Hals, nicht so fest, dass er sie verletzte, aber fest genug, um sie die Klinge spüren zu lassen. Zunächst einmal musste Damon aber sichergehen, dass sie ein Vampir war, sonst hätte er es nicht über sich gebracht, ihr wehzutun.
Sie war so klug, ihren Widerstand aufzugeben.
Er drängte sie in die Ecke neben einen Lichtschalter. Wenn er Glück hatte und sie zornig oder ängstlich genug war, würde die Farbe ihrer Augen sie verraten. „Dreh dich um.“
Sie gehorchte. Damon fixierte sie mit seinem Körper an der Wand. Noch immer hielt er ihr den Dolch an die Kehle, dann schaltete er mit der freien Hand das Licht an.
Und das war ein Fehler.
Ihm stockte der Atem. Er war wie elektrisiert. Mit einem Schlag waren all seine Sinne hellwach. Er roch ihr Parfüm. Es war ein köstlicher Duft nach frischen Äpfeln, orientalischen Gewürzen, die reine, süßeste Verlockung, die spontan eine Erektion bei ihm hervorrief.
Er war nie jemand gewesen, der innehielt, um die Schönheit der Natur zu bestaunen, aber dieses Gesicht war, das hätte er schwören können, das Wunderbarste, was er je gesehen hatte. Ihr dichtes, braunes Haar fiel ihr bis auf die Schultern, und daran erkannte er auch, dass sie die Frau an der Bar gewesen war, die Caius so angestarrt hatte. Er musterte sie genauer, und sein Blick fiel auf ihre festen Brüste, die sich gegen seinen Körper pressten. Wunderbar fühlte sich das an.
Was ihn jedoch am meisten faszinierte, war der Blick, den sie starr auf ihn gerichtet hatte. Zwischen dichten, dunklen Wimpern blickte ein Paar honigfarbener Augen zu ihm empor. Angriffslust entdeckte er in diesem Blick, aber auch eine Spur von Angst. Unwillkürlich tat es ihm leid, dass sie ihn fürchtete, und gleichzeitig fragte er sich, ob er noch bei Trost sei. Er hatte im Leben noch keinen von diesen Blutsaugern bedauert, und sie war nicht einmal eingeschüchtert genug, um ihm auf seine Fragen zu antworten. Aber sie war hinreißend. Er wusste, dass weibliche Vampire unglaubliche Schönheiten sein konnten, sie jedoch war unvergleichlich. Ob Sterbliche oder Vampir, er hatte nie eine schönere Frau gesehen.
Doch er durfte sich nicht ablenken lassen. Er biss die Zähne zusammen und unterdrückte die irritierenden Gefühle, die in ihm aufstiegen. Wie konnte er jetzt an Sex denken? Mark war zum Vampir geworden, und das durch seine, Damons, Schuld. Sein Versagen hatte schon seinen besten Freund das Leben gekostet – vielleicht mehr als eines. Hätte er ihm doch zur Sicherheit einen Pfahl durchs Herz gerammt, bevor das Gebäude explodierte.
Aber daran durfte er jetzt nicht denken. Er durfte sich keine Fehler mehr erlauben. Es gab hier drei Dinge, die erledigt werden mussten. Er musste Caius töten, um Mark zu rächen. Dann musste er das Gemetzel in den Straßen von Rochester beenden. Und schließlich musste er Mark ein zweites Mal töten.
Und von dieser Frau durfte er sich schon gar nicht aus der Bahn werfen lassen. Er versuchte sich darauf zu konzentrieren, auch wenn sein Körper etwas ganz anderes wollte. Gegen solche Widerstände hatte er noch nie ankämpfen müssen. Jedenfalls nicht, seitdem sie nicht mehr auf seine Briefe geantwortet hatte.
Er wünschte, er könnte das jetzt einfach beenden, indem er ihr die Klinge durch die Kehle zog, um sich aus diesem Dilemma endlich zu befreien, dem Dilemma, dass er sie begehrte – einen Vampir begehrte. Er kotzte sich selbst an. Aber Blutsauger oder nicht, er hatte noch nie Hand an eine Frau gelegt, und er wollte das auch jetzt nicht. Wenn es nicht gerade darum ging, ein unschuldiges Menschenleben zu retten, brachte er es nicht über sich – und sein Leben war alles andere als unschuldig.
Etwas in ihm wehrte sich dagegen, ihr den Garaus zu machen. Nicht, bevor er nicht sicher war, wer oder was sie war. Und es gab nur einen Weg, das herauszufinden.
Damon schüttelte den Kopf. Er brauchte nur einen Blick auf ihr Kainsmal zu werfen, und er würde wieder zur Vernunft kommen. Er würde wieder der sein, der er war, wenn es galt, einen Job zu erledigen, wovon ihn auch ein Paar schöner Augen nicht abbringen konnte, wie es jetzt der Fall war.
„Dreh dich um“, befahl er. Als sie nicht darauf reagierte, ließ er sie die Klinge etwas deutlicher spüren. „Na los.“
Die Augen hasserfüllt funkelnd, machte sie sich von ihm frei und drehte ihm wieder den Rücken zu. Damit sie ihm nicht entwischen konnte, legte er die Arme um sie. Er zog sie dicht an sich, zwang sie, sich nach vorn zu beugen. Wenn er das Zeichen fand, würde er nicht zögern, mit allen Mitteln zu seinen Antworten zu kommen. Und anschließend würde er tun, was getan werden musste, ob sie nun eine Frau war oder nicht.
