Shadow Tales - Das Licht der fünf Monde - Isabell May - E-Book

Shadow Tales - Das Licht der fünf Monde E-Book

Isabell May

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8,99 €

Beschreibung

Die verträumte Lelani wächst in einem Dorf im Königreich Vael auf. Schon immer spürt sie eine starke Verbindung zu den fünf magischen Monden, die nachts über ihr erstrahlen. Als sich an ihrem 18. Geburtstag das Amulett öffnet, das ihre Eltern ihr hinterlassen haben, steht Lelanis Welt auf einmal Kopf. Zusammen mit ihrem besten Freund Haze macht sie sich auf die Reise, ihre wahre Bestimmung zu erfüllen - und gerät in einen Strudel aus Gefühlen, Selbstfindung und dunkler Magie ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 496



Sammlungen



Inhalt

Cover

Über das Buch

Über die Autorin

Titel

Impressum

Karten

Widmung

Prolog

Kapitel 1 Dämmerkatze

Kapitel 2 Rabenflügel

Kapitel 3 Der Ruf

Kapitel 4 Ein Abenteuer

Kapitel 5 Flirrendes Gold

Kapitel 6 Ein Name für einen Namen

Kapitel 7 Sonne und Monde

Kapitel 8 Der Aufbruch

Kapitel 9 Lady Goldhaar

Kapitel 10 Spiegelndes Wasser

Kapitel 11 Gitterwald

Kapitel 12 Lichter in der Nacht

Kapitel 13 Klingen

Kapitel 14 Frischer Schnee

Kapitel 15 Spukgeschichten

Kapitel 16 Augen aus der Dunkelheit

Kapitel 17 Der Wolf

Kapitel 18 Das Mädchen

Kapitel 19 Mondweiße Blüten, tiefrotes Blut

Kapitel 20 Süße Beeren

Kapitel 21 Eine neue Nuance

Kapitel 22 Der weiße Turm

Kapitel 23 Herzschläge

Kapitel 24 Wilde Vögel im Kopf

Kapitel 25 Tödlicher Tanz

Kapitel 26 Asche

Kapitel 27 Gesichter

Kapitel 28 Gleißendes Licht

Kapitel 29 Wunden

Fortsetzung

Danksagung

Über das Buch

Die verträumte Lelani wächst in einem Dorf im Königreich Vael auf. Schon immer spürt sie eine starke Verbindung zu den fünf magischen Monden, die nachts über ihr erstrahlen. Als sich an ihrem 18. Geburtstag das Amulett öffnet, das ihre Eltern ihr hinterlassen haben, steht Lelanis Welt auf einmal Kopf. Zusammen mit ihrem besten Freund Haze macht sie sich auf die Reise, ihre wahre Bestimmung zu erfüllen – und gerät in einen Strudel aus Gefühlen, Selbstfindung und dunkler Magie ...

Über die Autorin

Isabell May, geb. 1985 in Österreich, studierte Germanistik, Bibliothekswesen und einige Semester Journalismus und PR. Es vergeht kein Tag, an dem sie nicht schreibt: Schon als Kind hat sie begonnen, Kurzgeschichten und ganze Romane zu schreiben. Nach CLOSE TO YOU folgt nun ihr Fantasy-Debut bei ONE. Die Autorin lebt in der Nähe von Aachen.

Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Originalausgabe

Copyright © 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Annika Grave

Kartenillustrationen: © Markus Weber, Guter Punkt München

Umschlaggestaltung: Sandra Taufer, München

Einbandmotiv: © RIRF Stock / shutterstock; faestock / shutterstock; photomaster / shutterstock; Yuriy Mazur / shutterstock; Thampapon / shutterstock; Vangelis_Vassalakis / shutterstock; HS_PHOTOGRAPHY / shutterstock

E-Book-Produktion: 3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 978-3-7325-8903-6

www.luebbe.de

www.lesejury.de

Für meine alberne Muse.

Für die lieben Menschen, die hinter mir stehen und standen, während ich meinen unvernünftigen Traum lebe, statt einen seriösen Beruf zu ergreifen.

Und für dich, weil du dieses Buch in deinen Händen hältst.

Prolog   

Er ist und atmet Schatten, wandelt in ihnen, ist Teil von ihnen. Sein Fuß berührt kaum den Boden. Fackeln an den Schlossmauern werfen ihr flackerndes Licht auf weißschimmernden Marmor, tanzend und zuckend, aber mehr noch als das werfen sie Schatten, die er nutzt, um sich ungesehen und unbemerkt durch Korridore und Säle zu bewegen.

Wachen in schimmernden Rüstungen flankieren die Türen, bereit, jeden Eindringling aufzuhalten, doch ihn bemerken sie nicht, für sie ist er unsichtbar. Tief atmet er die Schatten ein, die sich verdichten, tiefer werden, wie lebendige Wesen auf ihn reagieren und ihn ganz durchdringen. Schwarzen Schwaden gleich kriechen sie in Ecken entlang an den Wächtern vorbei, unter Türen hindurch, durch Schlüssellöcher, und kein Winkel, den sie erreichen, bleibt dem Schattengänger verschlossen.

Dieser Bereich des Schlosses ist am strengsten bewacht, die wenigsten Menschen setzen je einen Fuß hierher, und niemand tut es ohne Einladung. Niemand, außer ihm, für den Schlösser und Türen kein Hindernis darstellen.

Der Marmor an Böden und Wänden ist spiegelglatt, silbrige Schlieren durchziehen das Weiß. Mondsichelförmige Ornamente zieren die Kronleuchter und schweren Möbel, Mondsteine sind in Kerzenständer und Deckenfresken eingelassen. All der Prunk und Protz, diese Zurschaustellung von Macht, befremdet ihn immer noch, wenngleich er schon lange hier ist, so fern seiner Heimat. Hier gilt er als Exot, doch ihm erscheinen dieses Schloss, dieses Land und die Menschen darin exotisch.

Durch die dicken Mauern, selbst hier im Herzen des Westflügels, hört er das Rauschen des Ozeans, der unermüdlich gegen das Schloss anstürmt, als wollte er es niederreißen. Jenseits dieses Ozeans befindet sich seine Heimat, und diesen Ozean musste er überqueren, um an den Ort zu gelangen, an dem er sich nun befindet – nicht aus freien Stücken, sondern um zu sühnen für das schwerste aller Verbrechen, das er beging: eine Lüge.

Vor ihm liegen die Gemächer der Lady: private Räumlichkeiten, der intime Rückzugsort der öffentlichsten Person des Reichs, die Gemächer, in denen sie sich sicher fühlt. Doch vor ihm ist sie nicht sicher, niemand ist das.

Wie dunkle, immaterielle Finger kriechen die Schatten an Boden und Wänden entlang, strecken sich der Tür entgegen, wispern von Tod und Vernichtung. Er gibt sich ihnen hin, gleitet mit ihnen, überwindet das letzte Hindernis: die letzte, mehrfach verschlossene Flügeltür.

Er hört ihre Stimmen, bevor er sie sieht: eine Frau und ein Mann, die sich ernst miteinander unterhalten, doch dann nimmt seine Stimme einen neckenden Tonfall an, und ihr Lachen ist sanft und leise wie der Abendwind. Der Schattengänger versteht die Worte nicht, wenngleich er die Sprache gut beherrscht – er will nicht zuhören und verstehen, sondern die Distanz wahren.

Sie sehen ihn nicht, als er sich in den dunklen Winkeln und Ecken des Raumes nähert, aber er kann sie sehen. So zart und blutjung ist die Frau, dass man kaum glauben mag, welche Verantwortung in ihren schmalen Händen liegt. Ein Geschöpf mit milchweißer Haut, schön wie eine Lilie, die in der Dunkelheit blüht. Die Haare, die sie bei Tage in kompliziert geflochtenen Zöpfen um ihr Haupt gelegt trägt, fallen nun offen, gleich einem Vorhang aus Seide, über ihre Schultern und ihren Rücken.

Er sieht ihr Gesicht nur im Profil, ihre schmalen Züge, etwas zu kantig, um wirklich hübsch zu sein, aber doch unbestreitbar schön. Dann lächelt sie, und ein weicher Ausdruck legt sich auf ihr Antlitz und glättet die Sorgenfalten, die sich wegen ihrer verantwortungsvollen Position schon in jungen Jahren in ihre Stirn gegraben haben.

Sie blickt den Mann an, der etwas zu ihr sagt und sich dabei mit der Hand über den Hinterkopf streicht, durch sein bernsteinfarbenes Haar, welches er der aktuellen Mode entsprechend bis zum Kinn trägt. Die schmucke Uniform in Blau und Silber weist ihn als hohen Offizier aus, doch der Schattengänger weiß, dass er mehr ist als das: einer der fünf Mondlords, der höchsten Adeligen und engsten Berater der High Lady. Auf seinem jungenhaft glatten Gesicht zeichnet sich Zärtlichkeit ab, als er die Hand der Frau an seine Lippen führt, sie sanft küsst und dann auf seine Brust legt, genau dorthin, wo sich sein Herz befindet.

Einen Moment lang wirkt das Paar so glücklich und innig, als gäbe es nur sie auf der Welt und als könnte nichts und niemand diese Harmonie zerstören. Doch dann sagt sie etwas, verzieht kummervoll das Gesicht und wendet den Blick ab. Sie entzieht dem Lord ihre Hand und entfernt sich von ihm. Aber er tritt hinter sie, legt die Arme von hinten um ihre Schultern und lehnt seinen Kopf gegen ihren.

Aber der Schattengänger ist nicht gekommen, um zu beobachten, er hat einen Auftrag auszuführen. Er tut es nicht gerne, es bereitet ihm keinerlei Freude, doch es ist sein Schicksal, und nur Narren und kleine Kinder stellen Dinge infrage, die unausweichlich sind.

Er tritt aus den Schatten auf sie zu. Sobald die Frau ihn bemerkt, erkennt er in ihrem Blick, dass sie weiß, dass ihr Schicksal besiegelt ist, und doch ist ihre Haltung bewundernswert. Wenngleich er ihr ansieht, dass Qual und Trauer ihr Herz in tausend Scherben brechen, erwidert sie seinen Blick hocherhobenen Hauptes. Die tiefblauen Augen sehen ihn mit einer Intensität an, die sogar jemanden wie ihn frösteln lässt, doch niemand hält den Schattengänger davon ab, seinen Auftrag zu erfüllen, nicht einmal sie.

Als er das Schloss später verlässt, ist er nicht alleine, sondern hat etwas bei sich – und das Land, das er zurücklässt, ist nicht mehr, wie es zuvor war. Unsichtbare Ketten, die ihn gebunden hatten, lösen sich. Nun ist er frei, doch niemals wird er es vergessen können. Und doch wird er nach Kuraigan zurückkehren und in der Heimat genau das versuchen: die Dinge, die er getan hat und die Narben in seiner Seele hinterlassen haben, aus seinem Gedächtnis zu löschen.

Kapitel 1Dämmerkatze

Das Mondlicht tauchte meine Haut in flüssiges Silber. Es rief nach mir, zog mich an unsichtbaren Fäden, und ich wehrte mich nicht gegen seinen Sog.

In Nächten, in denen die Monde so hoch am Himmel standen, war an Schlaf nicht zu denken. Ich schwang die Beine aus dem Bett, mit wenigen Schritten war ich am Fenster und kletterte auf den Sims. Tief atmete ich die Nachtluft ein, die nach Sommer und Freiheit schmeckte.

Meine Augen weiteten sich, als ich die fünf Monde sah: die Zwillingsmonde Lua und Mar wie immer nah beisammen, Lagan im Westen, Dalon im Osten, der große Umbra überstrahlte die anderen groß und bleich. Doch heute war etwas anders als sonst, der Nachthimmel hatte etwas Besonderes an sich. Das sah ich nicht nur, ich spürte es mit jeder Faser meines Körpers, wie ein seltsames Kribbeln, das mir keine Ruhe ließ. Eine Gänsehaut zog sich über meine Unterarme und meinen Nacken.

Beinahe standen die Monde in einer geraden Reihe, mit jedem vergehenden Augenblick näherten sie sich dieser perfekten Stellung weiter an. Nicht mehr lange, dann würden sie eine schnurgerade Linie am Nachthimmel bilden. Eine solche Konstellation hatte ich noch nie gesehen, und dass, obwohl ich jeden Abend in den Himmel starrte wie eine liebeskranke Wölfin, wie mein bester Freund Haze wenig schmeichelhaft zu sagen pflegte.

Ich wusste, ich sollte nachts nicht rausgehen. Ich sah förmlich Aphras hochgezogene Augenbrauen vor mir, wenn sie mich aufforderte, in der Hütte zu bleiben und zu schlafen wie jeder normale Mensch. Doch wie hätte ich das tun sollen, wenn die Monde nach mir riefen? Mein Körper handelte wie von selbst, als hätte ich keinen eigenen Willen mehr. Ich zog einen dicken, dunkelgrauen Wollumhang über mein Nachthemd, schlüpfte in weiche Lederstiefel, setzte mich aufs Fensterbrett, schwang die Beine hinaus und ließ mich sachte auf die Wiese fallen.

Das hohe Gras der Lichtung dämpfte meine Schritte, der kühle Nachtwind spielte mit meinen schwarzen Haaren und umfing mich wie eine Umarmung. Die Blumen des Tages hatten ihre Blüten längst geschlossen, aber die Finsterlilien blühten knochenweiß im Mondlicht und verströmten ihren betörend süßen Duft. Wie Sterne leuchteten sie aus der Wiese empor.

Mit raschen Schritten überquerte ich die Lichtung, auf der Aphras Holzhütte stand, und hielt auf den höchsten Baum zu, eine uralte Eiche.

Das Klettern fiel mir so leicht wie ein Spaziergang. Aus dem Stand sprang ich hoch, bekam den untersten Ast zu fassen, zog mich daran hoch und langte sofort mit der Hand nach dem nächsten. Instinktiv spürte ich, welche Äste stark genug waren, um mich zu tragen, und welche nachgeben würden, wenn ich mein Gewicht darauf verlagerte. Das Silberamulett, das ich schon mein ganzes Leben tagtäglich trug, klimperte leise an seiner feingeschmiedeten Kette hin und her. Der Wind fuhr raschelnd durch die Blätter und sang mir ein Lied, dessen Worte ich nicht verstand. Flink kletterte ich weiter, bis ich so hoch war, dass die Äste und Zweige bei jeder Bewegung schaukelten und schwankten. Hier suchte ich nach sicherem Halt, machte es mir gemütlich und schaute aus großen Augen zu den Monden, die ich noch nie so voll und leuchtend erlebt hatte.

Plötzlich merkte ich, dass ich nicht alleine war. Ich spürte seine Anwesenheit immer, noch bevor ich ihn sah – ich wusste einfach, dass er da war, so als änderte sich etwas in der Atmosphäre. Er trat aus dem Schatten der Bäume auf die Lichtung, blickte hoch zu mir, entdeckte mich zwischen den dichten Blättern sofort, und ein breites Grinsen trat auf sein Gesicht.

»Wenn ich dich nicht kennen würde, hätte ich dich glatt mit einer Dämmerkatze verwechselt«, spottete er.

Ich verzog das Gesicht. Die Wildkatzen mit den runden gelben Augen konnten jeden Baum erklimmen und lebten in den höchsten Wipfeln, waren mit ihrem struppigen schwarzen Fell aber wahrlich keine Schönheiten.

»Deine Komplimente werden von Tag zu Tag reizender«, maulte ich.

»Komplimente kann ich. Eine meiner vielen, unzähligen Stärken.« Haze strich sich die widerspenstigen schwarzen Haare aus der Stirn, seine dunklen Augen funkelten vergnügt.

Als er mit geschmeidigen Schritten über die Lichtung lief und sich meinem Baum näherte, sah ich den Bogen in seiner Hand und einen Köcher voll Pfeile, den er sich umgeschnallt hatte. Nicht weiter verwunderlich: Haze war der Sohn des Jägers. Was ihn nachts in die Wälder trieb, war nicht der herrliche Anblick der Monde, sondern die Jagd auf Wildschweine, Dämmerkatzen und Rasselböcke.

Er kletterte zu mir hinauf, etwas weniger geschickt als ich, aber fast genauso schnell. Haze war in den Wäldern zu Hause, das merkte man jeder seiner Bewegungen an. Als er mich erreicht hatte und vorsichtig auf einem Ast knapp unter meinem Platz nahm, stieg mir der Duft von Tannennadeln, Moos und Leder in die Nase, der meinem besten Freund stets anhaftete.

»Was treibt dich so spät nachts hier raus?« Dann schüttelte er den Kopf über sich selbst, wieder blitzte sein Grinsen auf. »Warum frage ich eigentlich? Du starrst wie üblich den Nachthimmel an.«

Ich zuckte mit den Schultern und sagte leise: »Sieh sie dir nur an. Aufgereiht in einer perfekten Geraden.« Ich kniff die Augen zusammen, um besser sehen zu können, und korrigierte mich: »Zumindest beinahe. Noch stehen sie ein winziges bisschen unregelmäßig, aber es dauert bestimmt keine Stunde mehr, bis sie die perfekte Konstellation erreicht haben.«

»So besessen, wie du von den Monden bist, würde es mich nicht wundern, wenn du eine Magierin wärst.«

Ich musste lachen. »Ja, klar. Dann würde ich wohl kaum in einer kleinen Holzhütte abseits des Dorfs wohnen und für eine Kräuterfrau arbeiten. Dann wäre ich eine elegante Lady in einem Schloss, würde den lieben langen Tag feine Häppchen essen und mit noch feineren Lords turteln. Wer weiß, vielleicht hätte ich sogar eine einflussreiche Position bei Hof oder würde als Magistra unterrichten.«

Das war glatt gelogen. Selbst wenn ich mit einer magischen Begabung geboren worden wäre und die Kräfte der Monde nutzen könnte, würde ich ziemlich sicher weiterhin bei Aphra leben und sie unterstützen. Ihr verdankte ich alles. Sie hatte mich großgezogen wie eine eigene Tochter, nachdem ich als Baby ausgesetzt worden war. Mondmagier waren in den höchsten gesellschaftlichen Rängen zu finden, nicht zuletzt auf dem Thron, aber darüber musste ich mir nicht den Kopf zerbrechen: Solche Kräfte zeigten sich schon in frühester Kindheit. Meine Talente beschränkten sich aufs Kräutersammeln, Baumklettern und Fröschefangen.

»Besser so. Als Lady wärst du eine glatte Fehlbesetzung.« Haze streckte die Hand nach mir aus, bekam eine meiner Haarsträhnen zu fassen und zog sanft daran. »Mit den zerzausten Rabenhaaren und diesem – was bei allen fünf Monden ist das eigentlich? Ein Nachthemd? Damit würdest du bei all den feinen Lords eher für Albträume sorgen.«

Erbost knibbelte ich ein paar Rindenstücke vom Ast und schnipste sie Haze ins Gesicht.

»Womit du meine Theorie soeben untermauert hast«, meinte er trocken.

Ich verdrehte die Augen. »Mit der Eleganz deiner hochwohlgeborenen Lady Tulip kann ich selbstverständlich nicht mithalten. Was macht eigentlich eure Romanze? Wann geht ihr den Bund ein? Vielleicht seid ihr ja auch bald schon mit Kindern gesegnet?«, schoss ich zurück.

»Autsch, Lelani, mitten ins Herz.« Er legte sich beide Hände auf die Brust und verzog theatralisch das Gesicht. »Aber was nicht ist, kann ja noch werden.«

Natürlich war er Lady Tulip noch nie von Angesicht zu Angesicht begegnet, immerhin war sie die Tochter des einflussreichen Lord Heathorn Umbra und lebte ein prunkvolles Leben bei Hof, während Haze als Jägerssohn vermutlich nie einen Fuß dorthin setzen würde. Doch er würde wohl niemals vergessen, dass er sie einst auf einer großen, vom Mondlord organisierten Treibjagd gesehen hatte, bei der sie wie eine perfekt ausstaffierte Porzellanpuppe auf einer Tribüne gesessen und den wackeren Jägern alle Gunst der Monde gewünscht hatte.

Kein Wort hatte er mit ihr gewechselt, er war ein gesichtsloser Teil der Menge gewesen, nur einer von vielen, die bewundernd zu ihr emporsahen und ihren Worten lauschten: So nah, dass er beinahe ihr Goldhaar hätte berühren können, wenn er die Hand danach ausgestreckt hätte, und doch unerreichbar fern. So hatte er es mir geschildert. Sie hatte den jungen Jäger mit den Glutaugen und dem widerspenstigen Haar wohl nicht einmal wahrgenommen, doch das hinderte ihn nicht daran, die junge Lady, die als die Schönste in ganz Vael bekannt war, aus der Ferne anzuhimmeln und von einer rosigen gemeinsamen Zukunft mit ihr zu träumen.

Ich kletterte tiefer hinab auf seinen Ast, testete vorsichtig, ob er uns beide trug, und suchte eine halbwegs bequeme Position, aus der ich nicht in die Tiefe stürzte. Jetzt konnte ich Haze besser sehen, sein kantiges Kinn, seine breiten Schultern, das dunkle Lederwams über dem Leinenhemd, die starken Hände, die scharf geschnittene Habichtsnase, die dunkelbraunen Augen, die jetzt fast schwarz wirkten.

»Was willst du überhaupt mit ihr anfangen? Auf die Jagd kann sie dich bestimmt nicht begleiten. Die Leute erzählen, ihre seidigen goldenen Haare seien so lang, dass sie eine Zofe braucht, die ihre Haarpracht wie eine Schleppe hinter ihr herträgt.« Bei der Vorstellung musste ich grinsen. Die Leute erzählten viel, wenn der Tag lang war, aber in dem Fall glaubte ich dem Geschwätz.

Haze prustete los. »Ausgeschlossen. Mit den wunderschönen Haaren würde sie in den Zweigen hängenbleiben, sich vielleicht strangulieren.« Sein Blick nahm einen versonnenen Ausdruck an. »Aber mit dem Wald und der Jagd wäre es dann vorbei. Meinst du, ich könnte mir nichts Besseres vorstellen, als nachts und bei Sturm und Regen durch die Wälder zu streifen, damit die Leute im Dorf genug zu essen haben? Vielleicht hält das Leben mehr für mich bereit.«

Kritisch sah ich ihn an. »Du magst die Jagd. Du bist gut darin.«

Er zuckte mit den Schultern. »Ich denke, ich wäre auch gut darin, den ganzen Tag mit meinem Hintern auf Seidenkissen zu sitzen, mit wichtigen Leuten zu plaudern, mit meiner goldhaarigen Lady zu turteln und Häppchen zu essen, bis ich dick und rund bin.«

»Das klingt in der Tat so, als käme es deinen Talenten entgegen.«

»Aber das Leben ist leider nicht fair.« Plötzlich war alle Leichtigkeit aus seiner Stimme verschwunden, Bitterkeit stahl sich in seinen Tonfall. Seine Augen wurden noch dunkler, erinnerten im schwachen Mondlicht an Kohlestücke, in denen es noch ganz schwach und kaum erkennbar glomm. »Nicht alle Menschen haben die gleichen Chancen. Manche werden mit dem Goldlöffel im Mund geboren, andere müssen um jeden Strohhalm kämpfen.«

Sein Seufzen wurde zu meinem. Ich hätte ihm gerne gesagt, dass er zufrieden sein sollte mit dem, was er hatte. Doch die Wahrheit war, ich konnte ihn nur allzu gut verstehen. Ich sehnte mich nicht nach Wohlstand, funkelnden Juwelen, seidenen Kissen und Kleidern, Einfluss und Macht, aber auch ich hatte das Gefühl, dass das Leben mehr für mich zu bieten hatte – dieses unbestimmte Streben nach mehr, ohne zu wissen, wonach genau. Da war ein schwacher Sog, der an meiner Seele zupfte und mich in die Welt hinauszog, fort von allem, was ich kannte. War das undankbar von mir? Vermutlich. Das schlechte Gewissen versetzte mir einen Stich, aber ich konnte mich nicht gegen meine Empfindung wehren.

Ich presste eine Hand flach auf die Brust, als könnte ich so meine tiefe Sehnsucht stillen, und starrte in die Ferne. Zartbunte Funken tanzten in den nächtlichen Wäldern, pfingstrosenrosa, fliederfarben, mintgrün und kobaltblau: Pixies, die sich einen Spaß daraus machten, arglose Wanderer vom sicheren Weg abzubringen. Aus der Ferne schienen sie nicht viel mehr als Glühwürmchen zu sein, aber einmal war es mir gelungen, eines zu fangen und aus der Nähe zu betrachten: eine winzige feenhafte Gestalt, nicht größer als mein Daumennagel, die empört zirpend davongeflattert war, sobald ich sie losließ. Manchmal sehnte ich mich danach, den Pixies zu folgen und mich von ihnen leiten zu lassen, so weit meine Füße mich trugen, ohne zu wissen, wo ich landen würde.

»He da, Dämmerkatze.« Haze riss mich aus meinen Gedanken. »Für dich.«

Er warf mir etwas zu, das ich instinktiv auffing, ohne auf dem schaukelnden Ast das Gleichgewicht zu verlieren: ein mit dickem Tuch umwickeltes Bündel, in dem ich etwas Hartes erfühlen konnte.

Fragend sah ich ihn an, doch er verdrehte nur die Augen. »Nun mach es schon auf. Es ist ein Geburtstagsgeschenk.«

Der achtzehnte Geburtstag war etwas Besonderes, denn seit heute galt ich als erwachsen. Aphra hatte mir einen wunderbaren nachthimmelblauen Umhang geschenkt, der sie bestimmt ein halbes Vermögen gekostet hatte. Das war zu viel, hatte ich gesagt, doch darüber schüttelte sie nur grinsend den Kopf und gab mir einen Kuss auf die Stirn. Von Haze jedoch erwartete ich nichts, er hatte mir noch nie etwas geschenkt.

Mit fliegenden Fingern löste ich das Lederband und sog scharf die Luft ein, als meine Hände auf kaltes Metall trafen. Staunend hob ich es hoch und betrachtete die Dolchklinge, auf der sich das Mondlicht wie silbernes Wasser spiegelte.

»Für mich?«, flüsterte ich ungläubig.

»Manchmal bist du echt etwas schwer von Begriff«, teilte er mir freundlich mit.

Meine Fingerspitzen wanderten über den Dolchgriff und die scharfe Schneide. Die Waffe lag gut in der Hand, und ein Sichelmond zierte den Knauf. Ein Lächeln trat auf mein Gesicht.

»Ein Wurfdolch«, erklärte er mir. »Ich kann dir beibringen, wie man damit umgeht.«

Vorsichtig, um nicht vom Ast zu fallen, schob ich mich näher an Haze heran und umarmte ihn. Seine wuscheligen Haare kitzelten meine Wange, sein vertrauter Duft ließ mich lächeln. »Danke. Das ist ein sehr elegantes Geschenk für eine Lady.« Die Beschwerde war nicht ernst gemeint, das Geschenk war mir lieber als Gold und Juwelen es je sein würden. Der Dolch würde mir mit Sicherheit zugutekommen, und sei es nur, um für Aphra Misteln und Kräuter zu schneiden.

Sein Grinsen reichte von einem Ohr bis zum anderen. »Du bist nun mal keine Lady. Aber eine Katze braucht Klauen, dachte ich.«

Weil ich sonst noch nicht viel damit anzufangen wusste, nutzte ich mein Geschenk für das Erste, was mir einfiel: Ich versuchte, mit der Spitze meines Dolches unter den Silberrand des Amuletts zu gelangen. Suchte nach einer Schwachstelle, um das Schmuckstück aufzuhebeln. Nichts, was ich nicht schon unzählige Male versucht hatte, und auch diesmal hatte ich keinen Erfolg. Was auch immer für ein Mechanismus das Amulett verschloss: Weder ich, noch irgendjemand, den ich kannte, hatte es bisher öffnen können.

Aphra hatte mir von klein auf eingebläut, gut darauf aufzupassen und es immer bei mir zu tragen. Das hätte ich ohnehin getan, immerhin war es das Einzige, was mich mit meiner ungewissen Herkunft verband, aber ich hatte das vage Gefühl, dass Aphra mehr wusste, als sie preisgab. Ich sollte schließlich nicht nur aus sentimentalen Gründen auf mein Amulett achtgeben. Aber wenn ich sie danach fragte, konnte meine sonst so gesprächige Ziehmutter plötzlich verschlossen wie eine Auster sein. Sie schüttelte dann nur lachend den Kopf, sodass ihr dicker grauer Flechtzopf über ihren Rücken schwang, und wechselte das Thema.

»Ich kann noch einmal versuchen, es aufzubrechen«, bot Haze an. »Oder du gibst es dem Hufschmied, der demnächst wieder ins Dorf kommt. Ein gezielter Schlag mit dem schweren Hammer, und du siehst, was sich im Inneren verbirgt.«

Ich riss die Augen auf, schloss die Hand um das Amulett und drückte es schützend an mich. Es hätte sich nicht richtig angefühlt, sein Geheimnis mit Gewalt zu ergründen, und irgendetwas sagte mir, dass dieses filigran verarbeitete Silber sogar dem massivsten Schmiedehammer widerstanden hätte.

Haze zuckte mit den Schultern. »Nur ein Angebot, du entscheidest«, sagte er, doch sein Blick, der zu dem verborgenen Schatz in meiner Hand huschte, verriet, wie neugierig er auf das Geheimnis im Inneren des Amuletts war.

Gedankenverloren betrachtete ich erneut den Anhänger und ließ ihn durch meine Finger gleiten. Ich kannte ihn so genau, dass ich jedes kleinste Detail aus meiner Erinnerung hätte zeichnen können. Er war kreisrund wie ein voller Mond, verziert mit einer zierlichen eingelassenen Sichel. Ein Geflecht aus Linien, die sich über das Rund spannten und sich scheinbar willkürlich kreuzten, bildete ein faszinierendes Muster. Vielleicht symbolisierten sie eine bestimmte Konstellation der Himmelskörper, doch dazu reichte mein Wissen um die Welt dort oben nicht aus. Es frustrierte mich, dass das Rätsel direkt vor meiner Nase, die Lösung aber so unerreichbar fern lag.

»Vielleicht werde ich es nie öffnen können«, murmelte ich. »Das ist mir aber immer noch lieber, als es zu zerstören.«

Der klagende, schrille Schrei einer Dämmerkatze hallte durch die Nacht, und mir lief ein Schauer über den Rücken. Wieder wanderte mein Blick hoch zum Himmel. Beinahe hatten die Monde ihre endgültige Position erreicht, nur noch wenige Augenblicke, dann würden sie in einer perfekten Linie stehen. Wie gebannt starrte ich empor. Nichts hätte mich jetzt noch davon ablenken können, weder Haze noch irgendjemand anderes. Unwillkürlich hielt ich den Atem an, jede Faser meines Körpers war gespannt und fieberte dem Moment entgegen, in dem die Monde jene Konstellation erreichten, von der ich instinktiv spürte, dass sie bedeutsam war.

Nur noch ein winziger Augenblick, dann war es soweit. Wie auf einer straff gespannten Perlenkette waren die Monde aufgereiht, standen in einer perfekten Linie.

Der Anblick der blass leuchtenden Scheiben vor dem Schwarzblau des Himmels war überwältigend schön, das Vollkommenste, was ich je gesehen hatte – und das leise Klacken vor meiner Brust am Ende der zarten Silberkette schien ohrenbetäubend laut zu sein.

Ich zuckte zusammen, schnappte nach Luft, griff nach meinem Amulett, riss es hoch, sah es an. Langsam begann sich die eingelassene Mondsichel vor meinem ungläubigen Gesicht zu drehen, die leisen Klicktöne verrieten, dass ein verborgener Mechanismus in Gang gesetzt worden war.

»Mach es auf.« Haze' Stimme klang rau.

Meine Finger zitterten, als ich den Nagel des Zeigefingers unter den Rand schob, an dem sich plötzlich eine schmale Rille aufgetan hatte, und ihn hochdrückte.

Ein Mondstein.

Ich erkannte ihn sofort, obwohl ich so etwas erst ein einziges Mal gesehen hatte. Damals hatte der Bürgermeister ein solches Mineral für seine Frau erworben und in einen Ring einsetzen lassen, doch das war kaum mehr als ein winziger Splitter gewesen – dieser hier war wesentlich größer. Ein kugelrund geschliffener Stein lag in das Silber eingebettet, dessen milchiger Glanz seine Nuance veränderte, als ich den Anhänger langsam hin und her drehte: muschelweiß und wasserblau, blassrosa und das zarteste Lila, das ich je gesehen hatte. Der geheimnisvolle Schimmer zog mich in seinen Bann, füllte mein ganzes Sichtfeld aus und alles ringsumher verblasste. Die Welt schien kleiner zu werden, immer enger, bis es nur noch mich und den wunderschönen Stein in meiner Hand gab, der das Licht aller Monde in sich aufsaugte und stärker glomm als sämtliche Himmelskörper vereint.

Auf einmal bemerkte ich ein leichtes, kaum wahrnehmbares Pulsieren, welches aus ihm hervorging – und mein Herz antwortete ihm. Das dumpfe Pochen in meiner Brust passte sich jenem in meiner Hand an, bis ich nicht mehr wusste, wo mein eigener Herzschlag endete und die mysteriöse Kraft des Mondsteins begann.

Ich musste ihn berühren. Mein Zeigefinger tippte leicht gegen die kühle, glatte Oberfläche – und mit einem Mal war die Welt nicht mehr, wie sie vorher war.

Kapitel 2Rabenflügel

Eine Schockwelle aus purer Energie entlud sich aus dem Stein und rollte über mich hinweg. Sie raubte mir den Atem, und ein wildes Prickeln durchfuhr meinen ganzen Körper bis in die Fingerspitzen. Gleißendes Licht explodierte hinter meinen Augenlidern. Mein Herz schlug immer schneller, raste, galoppierte, bis ich glaubte, es müsste zerbersten. Es war angefüllt mit fremdartigen Empfindungen, die ich nicht begriff. Ich rang nach Luft, doch meine Kehle und meine Brust waren wie zugeschnürt.

Auf einmal tauchten Bilder aus dem gleißenden Weiß auf und formten sich in meinem Kopf. Ich sah eine Frau mit sanften Gesichtszügen. Ihre großen Augen waren tiefblau wie der Abendhimmel, die langen Haare schwarz schimmernd wie das Gefieder eines Raben, abgesehen von einer silberblonden Strähne, die ihr Gesicht umschmeichelte. Sie war Nachtwind und Sommerduft, Rabenflügel und Finsterlilie – und ich kannte sie.

Schlagartig wusste ich es mit absoluter Bestimmtheit, obwohl ich mich nicht daran erinnern konnte, ihr je begegnet zu sein. Da war dieses Gefühl von Vertrautheit, so als seien wir einander nicht fremd, obwohl ich sie noch nie gesehen hatte. Die Frau sah mich an, ihr Blick bohrte sich in meinen, und dann sprach sie mit mir, ohne ein einziges Wort zu sagen. Ich hörte in meinem Kopf, was sie mir mitteilen wollte und las die Gedanken, die sie mir sandte.

Das Gefühl eines fremden Bewusstseins in mir ließ mich erschaudern. Obwohl ich keine Ahnung hatte, was da gerade geschah, verstand ich die Frau problemlos: Sie wollte, dass ich nach ihr suchte und zu ihr kam. Das Mondstein-Amulett würde mich leiten.

Sie deutete auf mich, streckte mir ihre Hand entgegen, und plötzlich war es, als löste sich eine Eisenklammer, die mein Herz schon mein ganzes Leben lang eingeschnürt hatte, ohne dass es mir bewusst gewesen wäre. Ich meinte sogar das Klirren zerspringenden Metalls zu hören, obwohl das natürlich nichts weiter als ein Produkt meiner Fantasie war. Mein Herz schlug höher, meine Atmung ging freier, so als sei ich erst jetzt wirklich und wahrhaftig ich selbst.

Und dann war es so schnell vorbei, wie es begonnen hatte. Das gleißende Licht verschwand, ebenso wie das Bild der Frau mit dem Rabenhaar im meinem Kopf, das ich verzweifelt festzuhalten versuchte. Ich landete so abrupt in der Realität, dass ich einen Moment brauchte, um zu begreifen, wo ich war.

Meine Füße baumelten im Leeren. Vor meinen Augen flimmerten Punkte, aus denen sich nach und nach Konturen schälten. Im schwachen Licht der Monde sah ich den Boden schwindelerregend tief unter mir. Etwas Schmales, Hartes lag schmerzhaft fest um meinen Bauch.

»Nun mach schon«, presste Haze zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Du musst ein bisschen mithelfen, wenn du an deinem Leben hängst.«

Sein Arm, den er fest um mich gelegt hatte, war das Einzige, das mich davor bewahrte, in die Tiefe zu stürzen – denn ich hing unterhalb des Astes in der Luft. Benommen blickte ich mich um, wandte den Kopf und sah hoch zu Haze. Mit dem anderen Arm klammerte er sich an den Baum, zitternd vor Anstrengung. Sein Kiefer war verkrampft, und an seiner Stirn trat eine Ader hervor.

»Jetzt«, krächzte er.

Ein Herzschlag reichte aus, um meine Fassung wiederzufinden, dann setzte mein Selbsterhaltungstrieb ein. Meine Hände angelten nach dem nächsten Ast, hielten sich daran fest, sodass ich die Beine nachziehen konnte. Als Haze mich schließlich losließ, war ich wieder in der Lage, mich selbst zu halten. Zitternd und steifbeinig kletterte ich hinab, dicht gefolgt von meinem besten Freund. Sobald ich wieder festen Boden unter den Füßen hatte, ließ ich mich schweratmend ins taunasse Gras fallen, den Rücken an den rauen Stamm gelehnt, und fragte mich benommen, was bei allen Monden das gerade gewesen war.

Haze saß mir gegenüber, ließ mich nicht aus den Augen und gab mir einen Moment, um mich zu sammeln. Eine unheimliche Ruhe hatte sich über die Lichtung gelegt. Das Einzige, was ich hörte, war mein eigener, gegen meine Brust trommelnder Herzschlag. Als ich mich umsah, fiel mir auf, dass sämtliche Pixies verschwunden waren.

»Danke«, war schließlich das Erste, was ich zwischen zwei Atemzügen hervorbrachte. »Du hast mir das Leben gerettet.«

Haze machte eine wegwerfende Handbewegung, als sei das gerade überhaupt nicht von Bedeutung. »Was um alles in der Welt war das?« Seine Stimme war mühsam beherrscht, jedes Wort sorgsam artikuliert.

»Du hast es auch gespürt«, flüsterte ich. Es war nicht nur in meinem Kopf gewesen, keine bloße Fantasie. Ich verlor nicht den Verstand.

Sein Gesicht hatte alle Farbe verloren, die Sonnenbräune wirkte aschfahl. »Ich habe … etwas gespürt«, gab er vorsichtig zurück. »Und gesehen. Irgendetwas ist passiert. Lelani, was hast du gemacht?«

Ich konnte nicht antworten. Mein Mund öffnete und schloss sich, doch ich brachte keinen Ton hervor. In mir drehte sich alles, und der Boden unter mir schien leicht zu schwanken.

Ich kauerte mich zusammen und umschlang meinen Oberkörper fest mit den Armen, um mich selbst davor zu bewahren, in unzählige Einzelstücke zu zersplittern. Etwas war anders als zuvor, etwas in mir.

Haze beugte sich vor und griff nach meinen Händen. Ich konzentrierte mich auf die Wärme seiner Haut, bis das Donnern meines Herzens nachließ.

»Diese Frau«, stammelte ich. »Du hast sie gesehen?«

Verwirrt schüttelte er den Kopf. »Eine Frau? Lelani, hier ist niemand außer uns beiden.«

»Nein, nein, sie war nicht wirklich hier. Aber …« Wie sollte ich etwas beschreiben, was ich selbst nicht begriff? »Aber ich habe sie gesehen, in meinem Kopf. Sie hat mit mir gesprochen, aber nicht in Worten, sondern in Bildern.« Obwohl ich die Worte selbst aussprach, fiel es mir schwer, sie zu glauben. Alles was ich sagte, klang einfach so verrückt! Aber ich hatte es erlebt, es war da gewesen, und es hatte mich überwältigt. Meine Hände zitterten.

Ratlos sah er mich an, sein Blick war eine einzige Frage. »Licht habe ich gesehen. Dein Amulett ist aufgegangen und hat geleuchtet. Und dann … Ich weiß auch nicht genau, was das war. Ein starker Windstoß vielleicht, der sich in alle Richtungen ausgebreitet hat. Sogar dort hinten haben die Blätter geraschelt.« Er deutete in die Ferne. »Aber dann bist du auf einmal ganz starr geworden, und deine Augen …« Er hielt inne, zuckte ratlos mit den Schultern. »Sie waren auf einmal ganz hell, milchig, fast wie das Licht der Monde. So etwas habe ich noch nie gesehen.«

»Ich habe sie gehört und gesehen«, sagte ich leise. »Diese Frau. Sie hat mit mir gesprochen.«

Haze wirkte ebenso ratlos wie ich. »Sie hat Kontakt zu dir aufgenommen?«

Ich dachte nach, bevor ich antwortete. »Ich weiß nicht genau«, gab ich zögerlich zu. »Es war nicht so, als würde sie direkt mit mir sprechen. Vielleicht so, als hätte sie die Dinge, die sie mir mitteilen wollte, vor langer Zeit ausgesprochen und in diesem Amulett verwahrt.«

»Das klingt nur mittelmäßig sinnvoll.«

Er hatte recht, und doch war es so. Es fiel mir schwer, die Dinge, die ich gefühlt hatte, in Worte zu fassen, aber das machte sie nicht weniger real. Die Frau mit dem Rabenhaar musste diese Nachricht irgendwie für mich vorbereitet haben, in der Absicht, dass ich eines Tages darauf stieß. War es die Mondkonstellation, die das Amulett und die Botschaft enthüllt hatte? Oder mein achtzehnter Geburtstag? Das waren Fragen, die ich ihr gerne gestellt hätte, aber es gab noch so viel mehr, das mir auf der Seele brannte. Doch um Antworten zu bekommen, musste ich wohl die Rabenfrau finden.

Das Amulett sollte mich leiten, hatte sie gesagt, doch nun blieb es stumm und kalt. Ich hielt es in beiden Händen, konzentrierte mich darauf – und sog scharf die Luft ein, als das fremdartige Gefühl mit voller Wucht in mir aufflammte.

»Etwas stimmt nicht mit mir.« Meine Worte klangen rau und abgehackt.

Hilflos sah er mich an. »Was? Was ist denn?«, bedrängte er mich.

Doch ich konnte es ihm nicht sagen, mir fehlten die Worte dafür. Nur ein Mensch konnte mir jetzt weiterhelfen, das spürte ich einfach: Aphra. Meine Ziehmutter hatte bislang fast immer die richtigen Antworten auf meine Fragen gefunden.

»Morgen. Ich … ich muss nach Hause.« Meine Stimme war kaum mehr als ein Hauch.

Haze gab sich keine Mühe, seine Enttäuschung zu verbergen, und es tat mir weh, dass ich ihn jetzt nicht näher an mich heranlassen konnte. Doch die merkwürdigen Empfindungen in Worte zu fassen, hier, im Licht der fünf vollen Monde, hätte sie noch realer gemacht. Als ich mit raschen Schritten zurück zu Aphras Hütte ging, wurde mir etwas bewusst: Die Lichtung, das kleine Holzhaus, der Nachthimmel – alles wirkte verändert. Ich war verändert.

Kapitel 3Der Ruf

Ihre Augen weiteten sich, als ihr Herz von einem Augenblick auf den anderen beinahe explodierte. Das war die einzige Reaktion, die ihr Gesicht zeigte, als die Welle aus geballter Energie durch sie hindurchfloss und ihr fast die Besinnung raubte. Sie verzog keine Miene, schnappte nicht nach Luft, krümmte sich nicht einmal, obwohl ihr Körper genau das tun wollte. Nach außen hin blieb sie standhaft, doch sie verstummte mitten im Satz und hatte vergessen, was sie gerade sagen wollte.

»High Lady Serpia, stimmt etwas nicht?« Eine Männerstimme wie fließende Seide drang durch ihre Benommenheit und riss sie aus ihrer Starre.

Sofort war sie wieder im Hier und Jetzt. Ihr Blick schweifte über die fünf Männer, die sich mit ihr zu einer nächtlichen Besprechung um den runden Tisch versammelt hatten: die Mondlords, welche die fünf Provinzen verwalteten, in die Vael untergliedert war und die nach den Monden benannt waren. Umbra, Dalon, Lagan, Lua und Mar.

Die Blicke der Lords waren aufmerksam auf sie gerichtet. Das dünne Lächeln der Lady war nicht mehr als bloße Höflichkeit, als sie sich an Lord Heathorn Umbra wandte und kühl auf seine Frage antwortete: »Das wird sich zeigen. Die Besprechung ist für heute beendet.«

Sie schenkte ihnen keinerlei Beachtung mehr, sondern wandte sich einfach ab. Ihr Kleid umfloss sie wie schwarzer Nebel, und ihre Schritte hallten über den weiß schimmernden Marmorboden, als sie auf die offene Galerie hinaustrat, die um das gesamte Schloss herumführte. Der Nachtwind empfing sie wie eine eisige Umarmung.

Tief unter ihr lag die Hauptstadt, deren Straßen zu dieser Zeit nur von einigen Laternen erhellt waren, die in der Finsternis glommen. Den endlosen Ozean konnte die Lady von hier aus nicht sehen, er lag auf der anderen Seite des Schlosses. Doch sie hörte sein Rauschen, roch den herben Salzduft und wusste, dass er unermüdlich und tosend gegen die Klippe anstürmte, auf der das Schloss stand.

Sie war überrascht. Sie wusste nicht, wann es das letzte Mal vorgekommen war, dass etwas sie so aus der Fassung gebracht und ihre kühle Ruhe durchdrungen hatte, wenn auch nur für einen winzigen Moment. Dass sie zu solchen Empfindungen überhaupt noch fähig war, hatte sie nicht erwartet. Auch jetzt noch spürte sie tiefe Unruhe in sich.

»High Lady. Was ist geschehen und wie lauten Eure Befehle?« Die Stimme von Lord Heathorn Umbra war leise und wohlartikuliert.

Lautlos wie ein Schatten war er neben sie getreten. In seinem schlichten grauen Mantel verschmolz der hochgewachsene Mann mit den asketischen Zügen beinahe mit der Dunkelheit. Im Gegensatz zu den anderen Lords und den meisten anderen Adeligen, die die Lady kannte – und sie kannte sie alle – legte er keinerlei Wert auf Prunk und Geschmeide. Wer ihn zum ersten Mal traf, hätte kaum geahnt, dass er zu den einflussreichsten Männern Vaels zählte.

Zu den Dingen, die sie an ihm schätzte, zählte, dass er sich aufs Wesentliche konzentrierte. Ein weiterer seiner Vorzüge war, dass er schwieg, wenn sie in Ruhe nachdenken wollte. So sagte er auch jetzt kein Wort, während sie ihren Blick über all das schweifen ließ, was ihr gehörte: die Häuser, Straßen und Menschen der Hauptstadt Navalona, die Wälder und Wiesen, über die die Monde nun ihr silbriges Licht ergossen. Die Ländereien, die sich so weit erstreckten, wie das Auge reichte, und noch viel weiter darüber hinaus.

Ihre Atemzüge wurden noch ruhiger und langsamer. Sie verbannte jeden Gedanken aus ihrem Kopf, den sie gerade nicht benötigte, und leerte ihren Geist, bis ihr Verstand klar und scharf wie geschliffener Kristall war. Sogar ihre Haut wurde kühler, bis sich der eisige Nachtwind auf ihren Unterarmen und ihrem Gesicht seltsam warm anfühlte.

Die Welt um sie schien stiller und dunkler zu werden, doch sie brauchte ihre Augen nicht, um zu sehen. Ihr Blick blieb starr auf das Straßengewirr Navalonas gerichtet, das so chaotisch und unperfekt wie alles auf der Welt war, doch in ihrem Geist herrschte perfekte Ordnung.

Sie spürte das Mondlicht. Es floss über ihre Haut, durch sie hindurch und diente ihr als Instrument. Vor ihrem inneren Auge formte sie es zu Fäden und Pfaden, die sich schließlich als formvollendetes Netz vor ihr erstreckten. Diesen Wegen folgte sie und versuchte dem Hall der magischen Welle nachzuspüren, die über das Land gerauscht war.

Das, was sie gefühlt hatte, war ein unerklärliches Phänomen gewesen, doch nichts in ihrem Reich durfte unerklärbar bleiben. Wollte sie alle Fäden in der Hand behalten, musste sie ergründen, was geschehen war. Die Lady spielte auf der Magie wie auf einem Instrument, das sie meisterlich beherrschte.

Sie war selten überrascht, und noch seltener wirklich beunruhigt, doch nun gruben sich Sorgenfalten in ihre sonst so glatte Stirn. Sofort trat der Lord einen Schritt näher.

»Meine Regentin«, sagte er leise.

»Eine Entladung von Magie, mächtiger Mondmagie, die einer Schockwelle gleich über das Land gerollt ist. Ein komplexes Muster, meinem eigenen allzu ähnlich. Ich kenne nur eine Person, die ihre Zauber auf genau diese Weise wirkt und solche feinen Muster zeichnet.« Die Lady staunte selbst über die Worte, die aus ihrem eigenen Mund strömten, denn sie schienen keinen Sinn zu ergeben. Und doch war sie sich dessen sicher. »Meine Schwester.«

Der Lord verzog kaum eine Miene, doch ihr entging die Irritation in seinem Blick nicht. »Eure Schwester ist sicher verwahrt. Es ist unmöglich.«

»Und doch habe ich es gespürt.« Ihr Blick war ein scharfer Tadel. »Ich bin den Linien gefolgt. Die Monde und Sterne zeigten mir, wo die Quelle dieser Entladung lag.«

Nachdenklich faltete er seine blassen Hände und verschränkte die langen Finger ineinander. »Im Turm?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nicht im Turm. Und trotzdem scheint es mit meiner Schwester zu tun zu haben.«

Noch einmal wanderte ihr Blick in die Ferne. Dort draußen in der Dunkelheit, zu weit entfernt, um es mit bloßem Auge erkennen zu können, lag jener Punkt, an dem sich etwas ereignet hatte – etwas Großes und Bedeutsames. Nun galt es herauszufinden, was genau geschehen war.

Er zögerte nicht. »Ich sende einen Trupp los, um der Sache auf den Grund zu gehen.«

Erneutes Kopfschütteln. »Lasst mein Pferd satteln, unverzüglich. Und schickt Euren Sohn zu mir.«

*

»Mondmagie«, sagte Aphra schlicht.

Im gleißenden Sonnenlicht glichen die Ereignisse der vergangenen Nacht einem fernen Traum. Ich griff nach dem Amulett, um mich daran zu erinnern, was geschehen war. Kühl und glatt lag das Metall in meiner Hand, fühlte sich ganz so an wie immer und hielt mich wie ein sicherer Anker in der Realität.

»Magie?«, wiederholte ich leise. Mein Schmuckstück, das ich schon so lange bei mir trug, sollte ein verzaubertes Artefakt sein, ohne dass mir das bisher aufgefallen war? Die Vorstellung war verrückt, aber nicht unmöglich, und die Ereignisse der letzten Nacht sprachen Bände. Sofern ich nicht geträumt, halluziniert oder den Verstand verloren hatte, musste Magie im Spiel sein. »Du könntest recht haben. Irgendetwas … irgendetwas ist daran merkwürdig.«

Merkwürdig? Das war noch weit untertrieben. Seit letzter Nacht fühlte sich das Medaillon verändert an, obwohl ich kaum in Worte fassen konnte, was genau es war. Es schien mir, als hätte sich etwas in der Luft rundherum verändert, als sei sie seltsam aufgeladen, wie kurz vor einem tosenden Gewitter. Der Sog, den das Medaillon auf mich ausübte, fühlte sich ein wenig an wie jener, den ich angesichts der Monde verspürte – und doch zog es mich nicht zu dem Medaillon hin, sondern in die Ferne, auf irgendeinen unbekannten Punkt zu. Ich spürte ein Sehnen, ein Drängen, als zupfte etwas mit unsichtbaren Fäden an meiner Seele und das Amulett sei dazu da, mir wie ein Kompass die Richtung zu weisen.

Als ich den Blick wieder von meinem Schmuckstück löste und Aphra ansah, erschrak ich. Soweit mein Gedächtnis zurückreichte, konnte ich die Situationen an einer Hand abzählen, in denen das verschmitzte Lächeln ihr Gesicht verließ und die hellbraunen Augen einen besorgten Ausdruck annahmen. Das letzte Mal war das passiert, als der Sohn des Bürgermeisters von einem Baum gefallen und vier Tage lang nicht aufgewacht war. Diesen ernsten Blick jetzt wiederzusehen, jagte mir eine Gänsehaut über den Rücken.

»Aphra?«, flüsterte ich. »Was ist denn los?«

Statt einer Antwort wirbelte sie herum, gab sich beschäftigt, pflückte scheinbar willkürlich Kräuter, die in dicken Sträußen zum Trocknen von den offenen Dachbalken hingen, und zermalmte sie im Mörser.

»Aphra.«

Sie reagierte nicht, fügte etwas Öl zu den gemahlenen Kräutern hinzu und bearbeitete sie weiter mit dem Stößel, bis sich eine dicke Paste bildete.

Seufzend setzte ich mich im Schneidersitz auf eine Decke und sah ihr schweigend zu. Ich hätte ihr gern geholfen, aber ich kannte sie gut genug, um zu wissen, dass ich ihr jetzt nur im Weg gewesen wäre.

Sie bewegte sich mit der Geschmeidigkeit einer sehr viel jüngeren Frau durch die winzige Hütte, jeder ihrer Handgriffe saß. Der intensive Geruch der Paste stieg mir in die Nase und verband sich mit dem allgegenwärtigen Duft der Kräuter, Tinkturen, Öle und Salben zu einer wilden Komposition: frisch und herb, beißend und mild, süßlich und würzig. Die Luft in der Hütte war zum Schneiden dick, bei jedem Atemzug schmeckte ich sie auf meiner Zunge. Die Ritzen zwischen den geschlossenen Fensterläden ließen nur gedämpftes Licht ins Innere und sorgten für eine gemütliche Atmosphäre. Wohin man auch blickte, sah man im Halbdunkel Gläser und Flaschen mit geheimnisvollem Inhalt, Kräuterbündel, kleine Tontöpfe und gewaltige Kupferkessel.

Das war Aphras kleines Reich, hier war sie ganz in ihrem Element. Sie war vertraut mit den Wirkungen und Nebenwirkungen eines jeden Krauts und jeder Blüte, wusste genau, wie man sie verarbeitete, damit sie ihre natürlichen Kräfte entfalteten, und kannte die verborgenen Orte, an denen man jene finden konnte, die nicht im üppigen Kräutergarten rund um die Hütte gediehen.

»Aphra, bitte«, sagte ich leise, als ich das Gefühl bekam, die Fragen würden einfach aus meiner Brust explodieren, wenn sie keine Antworten fanden.

Sie fuhr zu mir herum und sah mich einen Moment lang reglos an. Ein Sonnenstrahl, der durch die Fensterläden fiel und die Düsternis der Hütte durchschnitt, ließ das helle Braun ihrer Augen gelb wie die einer Dämmerkatze leuchten.

»Ist womöglich nicht nur das Amulett.« Ihre Stimme war kühl und sachlich. »Womöglich, Lelani, bist’s auch du selbst.«

Das ungläubige Lachen blieb mir fast in der Kehle stecken. »Ich selbst!«, krächzte ich dann. »Das … das ist …«

»Überraschend. Aber nicht unmöglich«, vervollständigte sie meinen Satz ganz anders, als ich es getan hätte.

Ich schüttelte den Kopf und suchte nach Worten, um auszudrücken, wie absurd dieser Gedanke war. »Magier haben ihre Gabe von Geburt an. Meinst du nicht, das wäre mir in den letzten achtzehn Jahren aufgefallen? Magier kennen ihre Begabung.«

»Im Allgemeinen.«

»Immer!«»Das weißt du, mein Stern? Woher? Weil du mit jedem von ihnen gesprochen hast?«

Ihre Augen, im Licht nun katzengelb leuchtend, folgten mir unaufhörlich, während ich aufstand und unruhig durch die Hütte tigerte, soweit die beengten Verhältnisse es zuließen: drei Schritte hin, drei zurück. Als ich gerade wieder kehrtmachen wollte, umfingen mich ihre schmalen, drahtigen Arme. Der vertraute Geruch von Rinde, Wurzeln und Erde, der ihr anhaftete, stieg mir in die Nase und verdrängte sogar den intensiven Kräuterduft in der Luft. Obwohl ich mittlerweile größer war als sie, barg ich mein Gesicht an ihrer Schulter wie ein trostsuchendes Kind und gab mich der Umarmung hin, die mich vor allem Unheil der Welt schützte.

Ich hielt mich an ihr fest und hätte am liebsten meine Augen und Ohren verschlossen, denn sie hatte recht, und diese Tatsache ließ mich zittern. Ich hatte es gefühlt, hatte etwas gefühlt, tief in mir. Etwas war erwacht, war entfesselt worden, leuchtete auf, in dem Moment, als sich das Amulett öffnete. Und es war immer noch da, saß tief in mir. Wie eine fremdartige Lebensform floss es durch meine Adern.

»Nein«, flüsterte ich, obwohl ich es besser wusste.

Aphra wiegte mich sanft hin und her. »Doch«, lautete ihre schlichte Antwort.

Vermutlich hätte ich noch ewig so dagestanden und mich mit aller Macht gegen die Wahrheit gewehrt, die viel zu groß für mich war, mich an meine Ziehmutter geklammert und die Realität verleugnet, doch Aphra kannte kein Erbarmen. Sie schob mich mit sanfter Gewalt von sich, drückte mir ein scharfes, sichelförmig gebogenes Messer in die Hand und schnalzte leise mit der Zunge. »Sei so gut, mein Stern. Elsbeeren und Arnika brauche ich.«

Unausgesprochene Worte hingen zwischen uns in der Luft, doch mit einem Blick und einem Nicken verständigten wir uns darauf, sie noch für einen Moment ruhen zu lassen. Allerdings nicht für immer, denn es gab Schreckgespenster, die nicht einfach verschwanden, wenn man die Augen vor ihnen verschloss.

*

Als ich hinaus ins Freie trat, hatte ich das Gefühl, wieder richtig atmen zu können. Ich liebte die gemütliche kleine Hütte, doch jetzt gerade verursachte mir die Enge Beklommenheit, und ich brauchte den offenen Himmel über meinem Kopf, um angesichts der Neuigkeiten einen klaren Verstand zu bewahren.

Aphras Garten sah aus, als hätte die Natur dieses Stückchen Land erobert und sei drauf und dran, das winzige, von Menschenhand geschaffene Gebäude zu verschlingen. Ranken kletterten an den Wänden empor und krochen auf den nahegelegenen Waldrand zu, mannshohe Königskerzen wiegten ihre gelben Blüten im Wind und schienen über die Hütte hinauswachsen zu wollen, den Boden bedeckte ein Gewirr aus dunklen Blättern und tiefbunten Blüten. Die Wildnis schien sich völlig willkürlich ausgebreitet zu haben, doch in der Realität war nichts dem Zufall überlassen worden. Mit akribischer Sorgfalt pflegte Aphra die Pflanzen, die sie benötigte, um Arzneien herzustellen. Sie wusste genau, wo sie welches Gewächs finden konnte, und jene, die hier nicht gediehen, fand sie zielsicher im umliegenden Wald.

Während ich nun in der weichen Erde kniete, mit den Fingerspitzen über zarte Blätter und Triebe strich und die Kräuter erntete, um die Aphra mich gebeten hatte, rief ich mir die wenigen Dinge ins Gedächtnis, die ich über Magie wusste. Ich war weder dumm noch ungebildet: Natürlich wusste ich, dass manche Menschen in der Lage waren, das Licht der Monde zu kanalisieren und damit Wunder zu wirken.

Magier existierten, natürlich taten sie das, aber für mich waren sie vergleichbar mit Adeligen in juwelenbesetzten Gewändern oder imposanten Wasserwesen, die in den Tiefen der Ozeane hausten: Es gab sie, irgendwo da draußen in der Welt, aber nicht hier. Nicht in meinem Leben, das sich auf Aphras Hütte, das Dorf und ein paar Meilen des Waldes ringsumher beschränkte. Nie war ich so weit fortgegangen, dass ich nicht am Abend desselben Tages wieder zu Hause gewesen wäre. Und nie hatte ich geglaubt, dass ein solches Thema den Weg in mein beschauliches Leben finden würde. Hier im Dorf ging es darum, genug Holz zu sammeln, bevor der Winter hereinbrach, genug Wild zu pökeln und die Ernte rechtzeitig einzubringen. Nicht darum, hoch in den Nachthimmel zu starren und übernatürliche Dinge zu wirken.

Und nun glaubte der Mensch, auf dessen Meinung ich mehr Wert legte als auf die jedes anderen, da sei etwas in mir, etwas Fremdartiges, was ich nicht begriff und was mir deswegen eine Heidenangst einjagte. Konnte es denn stimmen? Am liebsten hätte ich Aphras Worte als Unsinn abgetan, aber ich hatte doch selbst gespürt, dass sich etwas in mir geregt hatte. Diese Empfindung konnte ich nicht vergessen, so gerne ich das auch wollte.

Der Moment, als die Frau ihre Hand nach mir ausgestreckt hatte, veränderte etwas. Sie hatte eine Klammer um mein Herz gelöst, einen Damm gebrochen, etwas in mir befreit – etwas, was ich jetzt in meiner Brust und meinem ganzen Körper fühlen konnte.

Noch nie hatte ich davon gehört, dass eine solche Gabe in einem erwachsenen Menschen erwacht war: Magier war man von Geburt an, oder eben nicht. Andererseits hatte Aphra ganz recht, ich war noch nie einem Zauberkundigen persönlich begegnet, den ich hätte befragen können. Menschen, die ein so machtvolles Talent besaßen, verbrachten ihre Zeit nicht damit, durch entlegene kleine Dörfer wie unseres zu flanieren. Sie hatten hohe Positionen inne, viele besetzten Ämter bei Hofe oder lehrten an Akademien. Die High Lady selbst, die über unser Reich regierte, war eine überaus mächtige Mondmagierin. Was wusste ich schon vom Leben dieser Leute?

Während ich weiter in der Erde nach Wurzeln grub, brannte die Sonne glühend heiß auf meinen Kopf und Rücken. Unter meinen langen schwarzen Haaren, die mir wie eine Decke über Nacken und Schultern fielen, geriet ich ins Schwitzen. Der herb-frische Duft von feuchter Erde, saftigem Grün und honigsüßen Blüten erfüllte die Luft, das Summen von Bienen und Hummeln klang einschläfernd eintönig. Je länger ich in der weichen Erde kniete, den Kopf gesenkt und ganz auf die Pflanzen konzentriert, desto ruhiger wurde ich. Als Aphras Schuhspitzen in meinem Blickfeld auftauchten, war ich bereit für ein weiteres Gespräch. Mit einer Gelenkigkeit, für die manch junges Mädchen sie beneidet hätte, ließ sich meine Ziehmutter inmitten der wildwachsenden Kräuter nieder, die Beine übereinandergeschlagen, den langen grauen Zopf über die Schulter nach vorne gelegt. Ihr zierliches Gesicht, dessen spitze Züge mich stets ein wenig an die eines Vogels erinnerten, wandte sich mir zu, und wachsam musterten mich die schmalen Augen. Ihre Miene war freundlich, doch ich wusste genau, dass ihr keine meiner Regungen entging und sie mir jede Emotion von der Nasenspitze ablesen konnte.

»Bist ein gutes Mädchen«, sagte sie ruhig. »Bist es immer schon gewesen, vom ersten Tag an. Aber auch was Besonderes, das merkte ich. Nicht die Art von Mädchen, die ihr ganzes Leben in einem Dorf damit verbringt, einer alten Frau beim Kräuterpflücken zu helfen.«

Energisch schüttelte ich den Kopf. »Ich helfe dir gerne, Aphra! Ich würde nirgends lieber leben als hier bei dir.«

Ihr Blick war so intensiv, dass ich nicht wegschauen konnte. Als sie den Kopf leicht schief legte, wechselten ihre Augen durch das Sonnenlicht erneut von Hellbraun zu ihrem katzenhaftes Gelb. »Die Art von Mädchen, die für etwas Größeres bestimmt ist.«

Ich wollte widersprechen und versichern, dass ich keine Ambitionen hatte, die über dieses Leben hinausgingen, doch wäre das nicht eine Lüge gewesen? Starrte ich nicht Nacht für Nacht zu den Monden hinauf und wünschte mir verzweifelt, ihre Geheimnisse ergründen zu können? Folgte ich den Pixies nicht mit sehnsüchtigen Blicken, frustriert darüber, mich nicht einfach von ihnen in die Irre leiten zu lassen, ohne Rücksicht auf Konsequenzen? Träumte ich nicht von Abenteuern, die ich mir gemeinsam mit Haze ausdachte?

Und spürte ich nicht seit letzter Nacht einen unheimlichen Sog, der mich in eine Richtung zerrte, die das Amulett vorgab – wohin auch immer, aber in jedem Falle fort von hier?

Ich schloss die Hand um den Anhänger, als könnte ich seine Wirkung so ersticken, biss mir auf die Unterlippe und senkte den Blick.

»Was weißt du über Magie?«, fragte ich leise.

Sie zuckte mit den Schultern. »Was man so weiß. Wird vererbt, so wie die Farbe der Augen oder der Haare. Ist trotzdem schwer, sie zu beherrschen. Denk an das Mondlicht, mein Stern: kühl, klar, ruhig. So muss ein Magier sein, um die Kraft der Monde zu nutzen, um Dinge zu ändern, zu formen, zu verzaubern.«

»Kühl, klar, ruhig«, wiederholte ich murmelnd. »Klingt einfacher, als es ist.«

Noch ein Schulterzucken. »Meditation soll helfen, sagen die Leute. Magier versenken sich ganz in sich selbst, lassen ihre Gedanken und ihren Geist zu Ruhe kommen.«

Zweifelnd sah ich sie an. »Und das hilft ihnen, das Mondlicht … einzusetzen?«

Aphra schnalzte mit der Zunge. »Was weiß ich? Das erzählen die Leute.«

Meditation also. Das sollte mein einziger Anhaltspunkt sein, um herauszufinden, was um alles in der Welt in mir erwacht war? Wenn das so war, malte ich mir meine Zukunft in den düstersten Farben aus. Aber noch etwas anderes beschäftigte mich. Wenn ich wirklich magisch begabt sein sollte, musste mindestens eines meiner Elternteile dieses Talent ebenfalls gehabt haben.

»Wenn ich nur mehr über meine Eltern wüsste«, murmelte ich frustriert.

Aphra zuckte kaum merklich zusammen, ihre Miene veränderte sich. Immer schon hatte ich das Gefühl gehabt, sie wüsste mehr, als sie preisgab, doch bisher war es mir nicht gelungen, ihr Informationen zu entlocken. Jetzt ging ihr Blick auf einmal in die Ferne, als sähe sie nicht mich, nicht den Kräutergarten und die Lichtung, sondern etwas, das einst gewesen war und jetzt in der Vergangenheit lag.

»Ein Mann war’s.« Ihre Stimme war wie der Wind, der durch trockenes Laub fuhr. »Ein Mann mit schwarzen Augen, schwarzen Kleidern und einem Baby auf dem Arm. Vor meiner Tür stand er und sagte die Worte, nach denen mein Leben nicht mehr so war wie zuvor. Sollte mich um das Kind kümmern, um dich kümmern. Achtzehn Jahre ist’s her, aber ich sehe ihn vor mir, als wär’s gestern gewesen.«

Mein Herz schlug flach und schnell. »Mein Vater?«, brachte ich hervor.

Sie wiegte den Kopf hin und her und erinnerte mich in diesem Moment noch stärker als sonst an einen kleinen Vogel. »Nein, mein Stern. Glaube nicht. Hat gesagt, du hast keine Eltern mehr, die sich um dich kümmern können und brauchst jemanden, der für dich sorgt. Bin davon ausgegangen, dass du ein Waisenkind bist. Hab ihn gefragt, wie deine Eltern ums Leben gekommen sind, aber kein Wort hat er verraten. Und dann ist er verschwunden. Hab darüber nachgedacht, ihn zu suchen, aber er war wie vom Erdboden verschluckt.«

»Du hast mir nie von ihm erzählt. Gar nichts hast du mir darüber erzählt, wie ich zu dir gekommen bin, in all den Jahren nicht.«

Ein Schatten huschte über ihr Gesicht, so schnell, dass ich nicht sicher war, ob ich ihn mir nur eingebildet hatte. »Da war etwas seltsam an ihm.« Sie blickte mich nicht an, als sie das sagte. »Beunruhigend. Eine Dunkelheit, die ihn umgab. Eine Dunkelheit, die ich nicht in deinem Leben wollte. Mein Mädchen sollte im Licht aufwachsen.«

Enttäuscht seufzte ich. Für einen Moment war in mir die Hoffnung aufgekeimt, mehr über meine Herkunft zu erfahren, ja, vielleicht sogar meinen Vater zu finden, aber der geheimnisvolle Mann brachte mich offensichtlich nicht weiter.

Wieder griff ich nach meinem Amulett, das sich nur während meiner Vision geöffnet und direkt danach wieder geschlossen hatte. Mehrmals hatte ich heute versucht, es zu öffnen, indem ich an der Mondsichel herumdrehte, aber nichts tat sich. Es war so fest verschlossen wie eh und je, und wenn Haze nicht dabei gewesen wäre und den bunt-schillernden Mondstein darin gesehen hätte – ich hätte meinen eigenen Erinnerungen misstraut.

»Aphra, ich muss dir etwas sagen«, platzte ich heraus. Mir war egal, wie abstrus das jetzt klang, ich musste die Gedanken, die mich quälten, einfach mit jemandem teilen. »Die Frau, die ich vor mir gesehen habe, als sich das Amulett geöffnet hat – ich kenne sie. Ich glaube, ich weiß, wer sie ist.«

Aphra fragte nicht nach. Sie sah mich nur an, und irgendetwas an ihrer Miene verriet mir, dass sie bereits ahnte, was ich sagen wollte.

Ich brauchte einen Augenblick, um die Worte zu formen, die ich selbst kaum glauben konnte und von denen ich doch tief in mir fühlte, dass sie wahr waren. »Sie ist meine Mutter.«

Kapitel 4Ein Abenteuer

Wie Fledermausschwingen bauschte sich ihr Umhang im Wind. Die Haare trug sie offen und ungezähmt, das Silberblond war frei von zierlichen Schmucknadeln, Juwelen oder Goldkettchen. Sie trug auch kein Collier und keine Armreife. Ihr einziger Schmuck war das filigrane Mondsteindiadem, das ihr Haupt zierte und sie als das auswies, was sie war.

Die donnernden Hufschläge der Pferde trommelten in einem Rhythmus, auf den sie sich unbewusst konzentrierte. Sie beugte sich tiefer über den Rücken und Hals ihres Schimmels und trieb das Tier zu noch höherer Geschwindigkeit an, bis es förmlich dahinflog. Seine Hufe schienen kaum mehr den Boden zu berühren.

Die Gardisten, die sie begleiteten, versuchten mit ihr mitzuhalten, fielen aber immer weiter zurück. Kaum jemand konnte es auf dem Pferderücken mit ihr aufnehmen, und das lag nicht etwa daran, dass ihr Tier so viel schneller gewesen wäre – sondern daran, dass sie nicht zögerte. Niemals.