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Ein Thron aus Lügen
Eine Liebe, so mächtig wie verboten
Eine Entscheidung, die über das Schicksal des Königreichs bestimmt
Der Plan, den König zu stürzen, ist gescheitert. Zion sitzt im Kerker, als Verräter gebrandmarkt und zum Tode verurteilt. Ava soll den Prinzen heiraten - eine überstürzte Hochzeit, vom König inszeniert, um das Reich zu spalten.
Ava weiß, dass sie nur eine Marionette des Königs ist. Doch er hat ihren Bruder in seiner Gewalt, und so bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich seinem Spiel zu fügen. In Prinz Othello findet Ava einen unerwarteten Verbündeten. Er verachtet die Methoden seines Großvaters und verspricht Gerechtigkeit, sollte er den Thron besteigen. An seiner Seite könnte Ava ein Reich erschaffen, in dem Magier endlich wieder frei leben dürfen.
Doch da ist Zion ... der Einzige, der ihre Dunkelheit versteht. Den sie nicht lieben darf, und doch niemals vergessen kann. Zerrissen zwischen Herz und Verstand muss Ava alles riskieren - für ihre Familie, für Zion und für das Königreich, das endlich die Wahrheit erfahren muss.
Das epische Finale der Shadowflame-Dilogie: Magie, Intrigen und eine mutige Heldin, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt
ONE. Wir lieben Young Adult. Auch im eBook!
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Seitenzahl: 353
Veröffentlichungsjahr: 2025
Cover
Inhalt
Über dieses Buch
Titel
Kapitel 1: Shadowflames sterben gemeinsam
Kapitel 2: Ich habe gewaltigere Brände gelegt
Kapitel 3: Das große Ganze und die kleinen Siege
Kapitel 4: Für die Zukunft unseres Landes
Kapitel 5: Verbotene Liebe
Kapitel 6: Die perfekte Königin
Kapitel 7: Verrat zu Mitternacht
Kapitel 8: Prinz in Not
Kapitel 9: Zu viel gewagt
Kapitel 10: Keine Distanz zu groß
Kapitel 11: Wir sind Valkyrs
Kapitel 12: Zwischen den Fronten
Kapitel 13: Rückkehr
Kapitel 14: Kalte Füße
Kapitel 15: Royale Hochzeit
Kapitel 16: Auf immer und ewig
Über die Autorin
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Impressum
Cover
Inhaltsverzeichnis
Titelseite
Inhaltsbeginn
Impressum
Der Plan, den König zu stürzen, ist gescheitert. Zion sitzt im Kerker, als Verräter gebrandmarkt und zum Tode verurteilt. Ava soll den Prinzen heiraten – eine überstürzte Hochzeit, vom König inszeniert, um das Reich zu spalten.
Ava weiß, dass sie nur eine Marionette des Königs ist. Doch er hat ihren Bruder in seiner Gewalt, und so bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich seinem Spiel zu fügen. In Prinz Othello findet Ava einen unerwarteten Verbündeten. Er verachtet die Methoden seines Großvaters und verspricht Gerechtigkeit, sollte er den Thron besteigen. An seiner Seite könnte Ava ein Reich erschaffen, in dem Magier endlich wieder frei leben dürfen.
Doch da ist Zion ... der Einzige, der ihre Dunkelheit versteht. Den sie nicht lieben darf, und doch niemals vergessen kann. Zerrissen zwischen Herz und Verstand muss Ava alles riskieren – für ihre Familie, für Zion und für das Königreich, das endlich die Wahrheit erfahren muss.
Liz Skadi
Ein infernalischer Schrei durchdringt meinen Albtraum, zerrt mich brutal daraus hervor und katapultiert mich zurück in die Realität. Mein Schrei. Panisch reiße ich die Augen auf. Meine keuchenden Atemzüge dröhnen mir in den Ohren. Irritiert blicke ich zu dem hübschen Goldstuck empor, der meine weiße Zimmerdecke ziert.
Bei Nyssa! Wo bin ich?
Mein Herz galoppiert, als würde es vor einem Monster flüchten, das mir aus der Albtraumwelt gefolgt ist. Eine warme Decke umwickelt mich wie ein Kokon. Unter dem schweren Stoff bin ich schweißgebadet. Ich will aufstehen und mir ein Glas Wasser holen, mich erfrischen und meinen aufgewühlten Magen beruhigen.
Aber ich kann nicht.
Nur wieso?
Mein benebeltes Gehirn erinnert sich nur an eines. Den Albtraum, dem es gerade entkommen ist. Eine Schattenflamme raste auf mich zu – dann explodierte die Welt. Und ich mit ihr. Doch da war noch etwas anderes. Ein Augenpaar, vertraut wie mein eigenes. Smaragdgrün und mit einem Ring aus purem Gold ...
Ich zucke zusammen, als ein schwarzes Fellknäuel auf meinen Bauch springt. Die sonnengelben Augen der Katze heften sich neugierig auf mich und erwecken einige meiner Gehirnzellen aus ihrem Tiefschlaf. Kätzchen Mitternacht besucht mich nicht zum ersten Mal. Immer wenn die grausame Welt der Träume mich kurzzeitig freigibt, schmiegt sie sich schnurrend an mich und meinen Deckenkokon. Ich weiß nicht, wie häufig das war oder wie lange ich schon hier liege. Eine Stunde? Eine Woche? Zehn Jahre?
Kätzchen Mitternacht ist frei.
Ich bin es nicht.
Tiere haben in unserem Land mehr Rechte als Magier.
»Du hast wunderschöne Augen«, flüstere ich mit heiserer Stimme. Meine Zunge fühlt sich klobig und fremd an, als wäre sie aus Schieferstein gemacht. Meine Lippen sind ausgetrocknet und pappen aufeinander. Ich will um Wasser betteln, aber ich weiß nicht, wen ich anbetteln soll. Der Prinz war hier, so glaube ich. Doch das ist lange her.
Prinz Othello.
Mein Verlobter.
Viel bleibt nicht in meinem matschigen Gehirn haften. Das meiste wird von dem bitteren Geschmack auf meiner Zunge abgetötet, dem magiehemmenden Gift, das mich in dieser mentalen Zwangsjacke hält. Alles entgleitet mir. Nur eines nicht. Zion.
Wir passen auf uns auf.
Wir gaben uns ein Versprechen, und ich werde es selbst in diesem fragilen Zustand nicht brechen. Ich muss ihn retten.
Zion Ronin hat viele Fehler. Bei Reya, die hat er. Aber er ist meine zweite Hälfte. Und er hat mich nicht verraten, wie Othello behauptet. Niemals. Es ist eine der wenigen Wahrheiten, an die ich mich klammere. Nicht Zion hat mich mit unserer Schattenflamme angegriffen – der König war es. Er wusste von unserem Plan und kam uns zuvor. Nur so kann es gewesen sein. Er jagte mir ein magiehemmendes Gift durch die Adern und machte mich handlungsunfähig. Dadurch konnte ich die Schattenflamme nicht mehr kontrollieren. Noch immer kann ich den Stich des Giftpfeils in meiner Wirbelsäule spüren.
Sie spielen uns gegeneinander aus. Seit fünfzig Jahren.
Auch Maeves Stimme geistert gelegentlich durch meinen Kopf. Die Nox, die für die Nyrev ihr Leben gab und dabei auch Xen und Aurora mit in den Tod riss. Die Nyrev klammern sich hartnäckig an meine Gehirnzellen. Sie und ihr Gerede von Lügen und Verrat. Es klingt wie ein schlechter Scherz, doch ich erinnere mich an zwei brisante Schriftrollen. An einen dunklen Verrat. Ein Komplott, das fünfzig Jahre zurückliegt ...
Es ist alles da. Manchmal erreicht es mich tröpfchenweise. Manchmal heftig wie ein Wasserfall. So wie jetzt. Der mentale Nebel lichtet sich, jede Sekunde ein wenig mehr. Bis zur nächsten Portion Gift. Ich muss dieses Fenster nutzen und nach der Welt dort draußen greifen, solange ich es noch kann.
Leider ist der gedankliche Nebel nicht mein einziges Problem. Meine Muskeln sind von einer schlimmen Lähmung befallen, gleichzeitig verspüre ich überall an meinem Körper Schmerzen. Ich bin unendlich kraftlos, kann nur atmen und warten. Auf die nächste Dosis Gift. Möglicherweise könnte ich mich aus meinen Fesseln befreien, wäre ich nicht so schrecklich erschöpft.
»Kannst du mich befreien, Mieze?«, wispere ich mit brüchiger Stimme.
Die schwarze Katze miaut klagend und springt in einem großen Satz aus dem geöffneten Fenster. Ein kalter Wind weht zu mir herein, trägt den verführerischen Duft nach Meer und Freiheit mit sich. Es ist Winter, was bedeutet, dass ich noch nicht lange hier liegen kann.
Wobei ... war ich ein ganzes Jahr im Koma? Ist Zion längst Vergangenheit? Nur Knochen unter der Erde?
Nein. Wenn ich das glaube, ist alles verloren. Zion ist das Einzige, was bleibt, wenn mir alles andere entgleitet. Wenn ich seine Existenz negiere, dann bleibt mir nichts.
Ich muss ihn retten. Um auch mich zu retten.
Nur wie?
Mein Herz erstarrt, als ich das Knarren einer Tür vernehme. Atemlos stiere ich den Deckenstuck nieder, während sich mir schwere Schritte nähern. Eisen klappert, und meine Hände ballen sich instinktiv zu Fäusten.
Ein Krieger der Palastgarde.
Und mit einem Mal erinnere ich mich wieder. Mein Kopf ist klar wie selten, das Fenster weit offen. Fünf Mal. Mir wurde das Gift fünf Mal eingeflößt. Und wenn ich weiß, wie häufig ich es bekomme – dann weiß ich auch, wie lange ich hier schon liege.
Einen Tag? Vielleicht zwei? Fünf Mal dieses bittere Zeug, das mich jedes Mal aufs Neue in ein albtraumhaftes Delirium versetzt.
»Mund auf!«
Ein Visier schwebt über mir. Ich sehe nichts von dem Mann, nur drohendes Eisen und die Spritze mit dem Gift. Es wird mir in den Mund eingeflößt. Warum, weiß ich nicht.
Ich presse die Lippen fest aufeinander.
»Mund auf!« Der Krieger packt mein Kinn so grob, dass mein Kiefer knirscht. Er zwingt meine Lippen auseinander, indem er seine eisenbewehrten Finger dazwischenschiebt.
Ich stoße einen gedämpften Schrei aus und reiße meinen Kopf herum. Die Metallspitze der Spritze ratscht über meine bandagierte Wange, dann fliegt sie aus den Metallhandschuhen des Mannes, und das Glas mit dem Gift zerspringt auf dem Marmorboden.
Jetzt muss das Gift aufgefrischt werden, was bedeutet, dass es mir jede Sekunde besser geht. Ich muss Zeit schinden. Bis meine Kraft zurückkehrt. Und meine Magie.
Meine Magie.
Möglicherweise ist sie bereits erwacht. Bislang war ich zu schwach, um sie hervorzulocken. Nun aber bin ich hoch motiviert. Trotz des Eisens, das ich die ganze Zeit penetrant riechen kann und das irgendwo an meinem Körper haftet, und dem magiehemmenden Mittel in meiner Blutbahn, zwinge ich sie hervor. Ich schließe die Augen, taste nach meiner Dunkelheit ...
»Elende Nox!« Der Krieger gibt mir eine schallende Ohrfeige. Es fühlt sich an, als würden alle Knochen in meinem Gesicht brechen. Mir bleibt die Luft weg, und ich sehe nur noch Sterne. Doch ich höre Schritte. Seine Schritte.
Er geht, um eine neue Spritze zu holen.
Ich atme tief und langsam, um nicht in die Ohnmacht abzudriften. Meine Haut im Gesicht ist verbrannt von der Schattenflamme, die mich frontal getroffen hat, aber die Verbände konnten den Schlag des Kriegers nur wenig abmildern. Vier. Sieben. Acht. Ich gönne mir eine Runde bewusstes Atmen, dann will ich an meinen Fesseln zerren und sie sprengen. Doch meine Muskeln wollen nicht wie ich.
Frustriert schreie ich auf. Kann mein Körper tun, was ich von ihm verlange?
Mein Kopf. Ich konnte ihn wenden, als ich der Spritze ausgewichen bin.
Ich presse die Zähne fest aufeinander und drehe meinen Kopf nach rechts. Diese minimale Bewegung ist so anstrengend wie ein Dauerlauf zur Spitze des Schieferbergs. Ich blinzle den Schleier vor meinem Sichtfeld weg und erkenne einen kleinen Tisch, der direkt neben mir steht. Darauf befinden sich ein Wasserkrug, ein Glas, Tücher, eine Dose ...
Und eine Schere.
Ich zwinge mein Kinn vorwärts, aber ich kann die Schere unmöglich erreichen. Gedämpft schreie ich auf, Tränen laufen über meine Wangen. Ich spüre ein Gewicht auf mir und höre Kätzchen Mitternacht schnurren.
Ich schiele zu ihr. »Sei eine liebe Katze und bring mir die Schere, ja?«, wispere ich verzweifelt.
Aber die blöde Katze starrt mich nur an.
Ich nicke mit zittrigem Kinn Richtung Schere. »Hol sie mir!«
Doch eine Katze ist kein Hund.
Frustriert stoße ich die Luft aus. Nicht aufgeben. Nur Opfer geben auf. Im Krieg gibt es nur dich und dein Ziel. Jäger Severus’ polternde Stimme in meinem Kopf spornt mich an, während ich meinen Hals lang mache und dann noch länger. Ich beuge mich so weit vor wie nur möglich. Mein Nacken knackst. Meine Zähne nähern sich der Schere. Mein Kopf zittert wie ein nervöser Schatten.
Ich glaube fast, dass ich es schaffen könnte – da springt die Katze plötzlich auf den Tisch.
»Du Mistvieh!«, kreische ich.
Sie faucht und kippt das Wasser um. Ich will die Katze verfluchen, als eine Pfote gegen die Schere stößt und sie über das Wasser zu mir gleitet. Sie ragt über den Tischrand. Sie wackelt.
Sie fällt.
Ich ignoriere den Schmerz und meine natürliche Dehnfähigkeit, recke meinen Hals und umschließe die Schere mit den Lippen. Kräftig beiße ich zu. Dann mache ich eine zügige Rückwärtsbewegung.
Die Schere ruht zwischen meinen Lippen.
Vor Schmerz und Erleichterung sickern Tränen in meine Bandagen. Ich habe eine Waffe. Jetzt muss sie nur noch in meine Hand.
Doch da höre ich bereits Geräusche an der Tür.
Ich hebe den Kopf, sodass mein Blick zum ersten Mal über meinen Körper gleitet. Wie erwartet bin ich fest eingepackt in eine nachtschwarze Decke. Meine Hände sind zwar ans Bett gefesselt, aber nicht mit Eisen, sondern mit Stoff. Ich müsste nur kräftig ziehen und wäre frei. Doch mein Körper streikt noch immer. Also mache ich eine weitere ruckartige Kopfbewegung, und die Schere landet auf meinen Brüsten. Sie rutscht daran hinab und landet auf meinem Bauch.
Unerreichbar für meine Hände.
Ich vernehme Stimmen hinter der Tür. Offenbar wurde der Krieger aufgehalten. Das Metall seiner Handschuhe schabt ungeduldig über den Türgriff.
Jetzt oder nie. Oder ich sacke ins nächste Delirium ab.
Ich schließe die Augen und sammle meine Kräfte. Ich bin stark und mächtig. Eine Shadowflame. Teil eines tödlichen Ganzen. Eine ultimative Waffe. Ich zerre an meinem rechten Arm, und die Hand rutscht aus der Halterung. Hektisch greife ich nach der Schere und schiebe sie unter die schwarze Bettdecke.
Gleich darauf reißt der Krieger die Tür auf. »Mund auf!«
Er trampelt in meine Richtung und beugt sich über mich. Ich sehe nur sein Visier. Mein Herz pocht so heftig, dass das ganze Bett bebt. Stell dir vor, das Kostbarste wird dir genommen. Ich hole meine Hand unter der Decke hervor und steche dem Mann in den Hals, direkt unterhalb des Visiers.
Der Krieger gurgelt. Blut sprudelt aus dem tiefen Stich. Röchelnd presst er sich eine Hand an die Kehle, um den Blutfluss zu stoppen, aber da kollabiert er schon und sackt zu Boden.
Ich lasse keine Zeit verstreichen und befreie mich von den Fesseln. Die grausige Tat hat mir einen Adrenalinschub verliehen, den ich ausnutzen muss, um aus dem Bett zu kommen. Ich zerre meine Füße aus den Stofffesseln, schwinge meine Beine über die Kante – und falle aus dem Bett wie ein Sack Mehl.
Ein paar Minuten liege ich einfach nur da, neben dem toten Krieger in einer fremden Blutlache. Dann zwinge ich mich hoch. Die Katze glotzt mich an, als wäre ich ein neuartiges Monster. Ich schleppe mich zur Tür, ziehe mich an der Klinke empor. Sie öffnet sich von meinem Gewicht, und ich spähe hinaus. Ich taste nach meiner Magie, während ich den Palastkorridor mit den goldenen Säulen inspiziere. Aber meine Finsternis schläft noch immer.
Ich muss es wagen. Was ist die Alternative? Wer weiß, wann der nächste Krieger mit seiner Giftspritze kommt? Und wenn er seinen ermordeten Kollegen findet, hänge ich am Galgen.
Zion wird im Kerker festgehalten. Dorthin gelange ich nur durch den Geheimgang in der Bibliothek. Ein Spaziergang durch den Palast bleibt mir also nicht erspart. Aber ohne meine Schatten?
Ich sehe an mir hinab. Ich trage ein schwarzes Nachthemd, das im Notfall auch als Gewand durchgehen könnte. Das Eisenband an meinem Handgelenk verstecke ich unter dem linken Ärmel. Nur was ist mit meinem Nox-Mal? Ich taste meine Stirn ab ... und fühle die Verbände.
Ich habe Verbände im Gesicht. Wenn mich jemand sieht, werde ich alle Aufmerksamkeit auf mich ziehen.
Doch das ist egal. Ich muss auf meine Magie vertrauen. Darauf, dass sie mich schützt, wenn ich sie benötige. Zudem bin ich eine Nox, auch ohne meine Magie, und hervorragend darin, mich unsichtbar zu machen.
Und im Notfall habe ich sogar eine Waffe.
Entschlossen kralle ich meine Finger um die Schere und laufe los.
***
Tatsächlich kommen die Schatten von ganz allein. Sie umschwirren mich, während ich durch den Palast husche, wissen, dass sie mich zu schützen haben. Selbst wenn sie nur schwach sind und deutlich transparent, halten sie mich einigermaßen in der Verstohlenheit. Als ich aber fast von einer Gruppe schwatzender Frauen entdeckt werde und mich panisch hinter eine Säule flüchte, passiert etwas Eigenartiges. Ich werde zum Schatten. Meine Hände flimmern, meine Füße lösen sich in Luft auf. Ich sehe mich selbst nicht mehr, kann mich nicht mehr fühlen, nicht berühren. Es ist nicht die übliche Schattenblase, die sich um mich legt, die Schwaden, die mich umschwirren und schützen. Im ersten Moment ist dieser Zustand beängstigend, doch ich zwinge mich, es zu akzeptieren. Als Teil von mir. Es muss das intensive Training mit Zion sein, womit wir uns auf das missglückte Attentat vorbereitet haben. Ich habe Tag und Nacht mit meinen Schatten geübt, bis die Dunkelheit so sehr mit mir verschmolzen war, dass ich sie atmete und lebte. Ich bin die Dunkelheit. Wortwörtlich. Wenn man nicht genau hinsieht, sieht man mich nicht. Nur ein Schemen oder ein schwarzer Schimmer im goldenen Korridor.
Ich kann mich selbst zum Schatten machen.
Mit einem kribbelnden Gefühl der Erregung schleiche ich weiter durch die Korridore, in einer Hand die blutige Schere. Auch sie ist verstohlen, flackert aber immer mal wieder auf. Wahrscheinlich ist sie aus Eisen. Meine Macht wächst. Vielleicht, weil das Gift so lange in meinem Körper war. Nun, wo es schwindet, will meine Magie kraftvoll an die Oberfläche drängen. Ich bin ihr sehr dankbar, denn ich würde keinen Meter weit kommen. Der Palast ist in Aufruhr, ständig flitzen Menschen um mich herum. Verständlich. Immerhin endete eine pompöse Feierlichkeit in einer Katastrophe, und der Prinz verlobte sich mit einer Schattenmagierin.
Ich finde den hübschen Torbogen, der in die Palastbibliothek führt, erstaunlich mühelos. Als würden die Bücher auf mich warten. Mich zu sich rufen. Wissen ist Macht. Ich trete ein und schleppe mich durch die nach Staub und alten Buchseiten duftenden Gänge. Dabei macht sich mein schwacher Zustand deutlich bemerkbar. Ich habe seit dem Angriff nichts mehr gegessen oder getrunken. Zumindest nicht, dass ich mich erinnern könnte. Ich taumle von einem Bücherregal in das nächste und halte mich an den Buchrücken fest. Bücher fallen aus den Regalen, und ich hinterlasse Blutspuren auf dem Marmorboden. Einmal muss ich eine Pause einlegen, weil mir so übel ist, dass ich mich in einer Ecke übergebe.
Doch dann stehe ich vor der Eisentür. Dort, wo ich die Wahrheit erfahren habe. Über König Ryu Roark und seinen Betrug. Über die Wahrheit Khisfires und das Komplott vor fünfzig Jahren, als die Menschen uns Magier austricksten, einen Krieg zwischen Licht und Schatten inszenierten und uns in Fesseln legten.
Und über Zion.
Er hat mich nicht verraten. Das wollen sie mir nur einreden.
Mein Bauchgefühl hat mich bei Zion nicht betrogen. Nie. Er wollte mich für seine Rache benutzen und nahm meinen Tod in Kauf. Doch das war, bevor er mich kannte. Er wusste selbst nicht, wer er war. Er wollte seine Schwester rächen, seine Familie, die vom König ermordet wurde.
Nein. Die Schuld trägt der König. Für alles.
Ich schüttle den Kopf, um wieder zu klarem Verstand zu kommen, und stemme mich gegen die Tür. Doch die bewegt sich nicht. Niemals kriege ich dieses eiserne Monstrum auf. Nicht ohne die Shadowflame-Macht. Dann aber sehe ich, dass sie bereits einen winzigen Spalt offen steht. Etwas liegt zwischen Tür und Stein. Zions Ring. Der Ring mit dem sonnengelben Edelstein, den seine Mutter ihm schenkte und damit aufforderte, den König zu töten.
Ich zwänge meine Finger in den Spalt, mobilisiere all meine Kräfte und schiebe die Tür auf. Schwer atmend tauche ich in den Geheimgang ein und lege den Ring wieder an seinen Platz, damit die Tür nicht zufällt. Dann stolpere ich durch den düsteren Gang. Mehrfach falle ich auf die Nase, pralle immer wieder gegen die kalten Wände aus Schieferstein. Ich bin kein Schatten mehr. Meine Magie ist aufgebraucht. Wenn mich jetzt jemand erwischt, bin ich so tot wie Zion.
Ich halte den Blick gesenkt, um über kein Hindernis zu stürzen, und taumle in den Untergrund wie eine Betrunkene. Bis ich plötzlich gegen einen massiven Körper pralle.
»Wen haben wir denn da?«, grollt eine männliche Stimme.
Ruckartig reiße ich den Kopf hoch und sehe zu der Wache auf. Der Mann ist riesig. Er trägt eine andere Rüstung als jene der Palastgarde oder Stadtwache. Sie ist zwar auch aus Eisen, aber schwarz und mit einem Symbol am Brustpanzer, das mir unbekannt ist. Außerdem hängen diverse Waffen und Fesseln an seinem breiten Gürtel.
Ja. Ich bin tot.
»Zion ...«, kommt es flüsternd über meine Lippen. Ich verfestige den Griff um meine Schere, bin bereit zuzustoßen.
Der Mann mustert mich von Kopf bis Fuß. Das tut er so lange, bis ich mich fast einnässe vor Angst. »Du bist Avalon«, poltert er dann.
Zitternd starre ich zu ihm empor. »Was?«
Der Mann schiebt sein Visier hoch und kneift die Augen zusammen, um mich besser in Augenschein zu nehmen. Sein Gesicht zieren drei hässliche Narben. »Du bist die Nox, auf die Zion so scharf ist.«
»Ich ...«, stottere ich verständnislos. Mein Gehirn arbeitet zu langsam, um diese eigenartige Begegnung zügig einzuordnen. »Was?«
»Na, komm schon, Kleine.« Er packt mich wie einen Sack voll Federn und wirft mich über die Schulter.
Ich krampfe meine Finger um die Schere, während der massive Krieger mich durch die dunklen Gänge des Kerkers trägt. Schreie hallen an den klammen Wänden wider, herzerweichende Schluchzer und Furcht einflößende Geräusche. Es stinkt nach Blut und Pisse.
Hier landen all die Magier, die der König nicht mit seinen Lügen zum Schweigen bringen konnte. Die gegen die unsinnigen Magier-Regeln aufbegehrt haben oder stärker waren als ihre Fesseln. Und auch ich werde nun hier unten enden. Bis ich zwischen den kalten Felswänden mein Leben aushauche ...
Nein. Das werde ich nicht. Ich bin eine Shadowflame. Ausgebildet, um zu töten. Bevor ich hier verrotte, kämpfe ich. Und sollte es meinen eigenen Tod bedeuten.
Ich hebe die Hand mit der Schere, will dem Mann in den Rücken stechen. In diesem Moment aber bleibt er unvermittelt stehen und lässt mich los. »Schau mal, wen ich gefunden habe!«, dröhnt er.
Ich falle zu Boden wie ein nasser Sandsack. So schnell es mir meine müden Muskeln erlauben, komme ich auf alle viere – und sehe mich dicken Eisenstäben entgegen. Ich schließe meine Finger darum, strenge meine Augen an. Ein Schemen löst sich aus der dahinterliegenden Dunkelheit.
»Avalon?« Zions unverwechselbare Augen strahlen durch die Finsternis. Ein smaragdgrüner See mit einem goldenen Ring. Selbst im tiefsten Delirium sind sie mir nicht entglitten.
»Zion!«, stoße ich erleichtert aus, und die Anspannung löst sich schlagartig aus meinem Körper. Zion lebt. Mein schlimmster Albtraum hat sich nicht bewahrheitet. »Ich hatte Angst, dass ...« Mein Rachen ist so trocken, dass ich mehrmals schlucken muss, um meine Stimme wiederzufinden. »... dass ich zu spät bin«, hauche ich heiser.
Zions Gesicht schält sich aus der Dunkelheit, gefolgt von seinem Körper. Alles an ihm ist mir so vertraut wie sonst kaum etwas nach diesen elenden Stunden des Gehirnnebels. Sein Haar ist ein wirres Nest aus nachtschwarzen Strähnen, und sein Blick wirkt matter als üblich, aber er sieht unversehrt aus. Und der Kopf sitzt auf seinen Schultern. Nur wie lange noch?
Zögerlich hockt Zion sich zu mir und hält dabei eine gewisse Distanz ein. Als würde er sich vor mir fürchten. Eine Weile starrt er mich nur an, wirkt fast ... schockiert. Sein Blick wandert minutiös über mein verhülltes Gesicht, gleitet zu der Schere in meiner Hand, dem blutigen Nachthemd und wieder zu meinem bandagierten Kopf. Die Lux-Magie, die von Zion auf mich übergeht, stärkt mich sofort. Ich spüre das vertraute Prickeln der Lichtmagie, die durch meine Adern wandert.
Nachdem Zion mich lang genug gemustert hat, streckt er zaghaft seine Hand nach mir aus. Doch bevor ich sie ergreifen kann, zieht er sie wieder zurück. »Es tut mir leid«, flüstert er mit einer rauen Stimme, in der tiefer Schmerz liegt. Schuldgefühle. Er hat Schuldgefühle.
Und da verstehe ich seine Sorge.
Er glaubt, ich würde ihm die Schuld für meine Verletzungen geben. Möglicherweise glaubt er sogar, dass er die Schuld daran trägt. So wie alle anderen. So, wie es vom König inszeniert war. Ein Lux tötet eine Nox, mitten im Palast. Wie damals.
»Es muss dir nicht leidtun.« Ich fasse durch die Gitterstäbe und ergreife seine Hand. Zions vertraute Wärme durchströmt mich. »Ihm wird es leidtun.«
»Ich wusste nicht, ob du lebst oder ...« Zion legt seine Hand an meine Wange, und die Lux-Magie rauscht ungehindert durch meinen Körper, aktiviert meine eigenen magischen Kräfte. »Was ist passiert?«, haucht er verzweifelt.
»Du weißt es nicht?«
Er schüttelt den Kopf, so traurig und schuldbewusst, dass sich noch mehr Wut in meinem Magen zusammenrottet.
»Er war es, Zion«, fauche ich zornig. »Er hat mir einen Giftpfeil in den Rücken gejagt. Das magiehemmende Gift. Ich konnte die Schattenflamme nicht mehr kontrollieren.«
Hinter Zions Augen arbeitet es. Es dauert eine ganze Weile, bis er es realisiert. Ryus Lüge hat sich offenbar schon tief in sein Herz gefressen. Dann aber wird Zions reumütige Niedergeschlagenheit von einem wütenden Feuer verdrängt, das den goldenen Ring seiner Iriden aufflammen lässt. »Er wusste es«, knurrt er. Zions Kiefermuskeln zucken vor Empörung, sein Blick wandert unruhig durch die Dunkelheit. »Und nutzte es für seine Zwecke. Wir waren zu naiv. Ryu hat Spione. Überall.«
»Wir werden nicht zulassen, dass er damit durchkommt, Zion.« Ich verfestige den Griff um seine Hand, damit er nicht in seine traumatische Vergangenheit abdriftet, sondern sich auf mich fokussiert. »Wir werden ihn vernichten«, wispere ich entschlossen, appelliere an seine alte Rachsucht. »Ein für alle Mal.«
Zion aber schüttelt den Kopf. »Ryu ist zu mächtig. Er kennt unsere Schritte, bevor wir sie tun. Ich habe nur an meine Rache gedacht und meinen Kopf ausgeschaltet.« Er wirkt weniger motiviert als niedergeschlagen und senkt den Blick. Die Wut darin weicht einer Ohnmacht, die ich von ihm nicht kenne. »Ryu hat uns nicht von dem Attentat abgehalten und uns hingerichtet. Nein, er hat es benutzt. Für seine Zwecke. Er hat uns manipuliert und die ganze Situation verkehrt.« Zions Blick landet wieder auf mir, und er streicht zärtlich über mein blutverklebtes Haar. »Wenn ich dich getötet hätte, Avalon ...«
»Aber das hast du nicht. Ich habe überlebt. Es ist nicht so gelaufen, wie Ryu es geplant hat.« Vergeblich suche ich den vertrauten Funken Kampfgeist in Zions Augen. »Wir sind mächtiger, als er glaubt. Er unterschätzt uns. Das müssen wir uns zunutze machen, Zion. Wir müssen es dieses Mal besser machen. Wir dürfen unsere Rachegelüste nicht gewinnen lassen. Unsere ... Gefühle.« Meine Wangen wärmen sich auf, als die Erinnerung an unseren innigen Kuss im Gasthaus wiederkehrt. An Zions leidenschaftliche Worte. An die drei Worte, die er mir sagte, nachdem ich schon dachte, ich würde ihn für immer hassen. Aber mein ganzer Hass ist nun für jemand anderen reserviert. »Wir müssen taktisch vorgehen. Mit unserem Verstand. Wir müssen besser sein als er. Ein besseres Spiel spielen, Zion. Wir müssen ihn austricksen.«
»Er hat doch schon gewonnen.« Zions Finger gleiten über meine Verbände, Traurigkeit schillert in dem Smaragdgrün seiner Augen. »Was macht er mit dir, Avalon?«
»Ich bin ans Bett gefesselt. Er spritzt mir dieses magiehemmende Zeug und ... es macht mich zu einem Wrack. Körperlich. Und mein Gehirn ist Pudding.« Instinktiv lehne ich mich Zions zärtlicher Berührung entgegen. Wie viel einfacher es wäre, sich dem Schicksal zu beugen und den Dingen ihren Lauf zu lassen. Alles unverändert zu lassen. Doch das ist nicht mein Naturell. Ich wäre nie eine Shadowflame geworden, wäre ich keine Kämpferin. Ich hätte ein Leben geführt wie Vater. Angepasst und regelkonform. »Ich konnte einer Dosis entgehen, aber die nächste wartet schon.« Entschlossen entziehe ich mich Zions Fingern. »Wir müssen handeln, Zion. Jetzt.«
Sein Blick fällt auf die Schere in meiner Hand. Und da flammt er auf, der kämpferische Funke. »Wen hast du abgestochen, Avalon?«
»Dafür haben wir keine Zeit.« Ich schiebe die blutige Schere unter meinen Hemdsärmel. »Du musst hier raus, Zion. Ryu wird dich hinrichten. Alle glauben, dass du mich mit der Schattenflamme töten wolltest. Er wird ein Spektakel daraus machen.«
»Avalon, ich kann nicht fliehen.«
Ich besehe mir die dicken Eisenstäbe und den Eisenring um Zions Handgelenk. »Mit unserer Shadowflame-Macht schaffen wir es.« Ich atme tief ein, um mich auf diese anspruchsvolle magische Aufgabe vorzubereiten. »Ich muss mich nur kurz regenerieren, dann –«
»Avalon«, unterbricht mich Zion mit ernster Stimme. »Die Wachen werden hingerichtet, wenn ich unter ihrer Obhut türme.« Der Mann hinter mir brummt zustimmend. »Das kann ich nicht verantworten. Ich verdanke ihnen mein Leben.«
Angespannt lasse ich die Luft wieder ab. »Ich lasse nicht zu, dass du hingerichtet wirst, Zion!«
»Kontaktiere die Nyrev.« Zion schielt verstohlen zu der Wache und rückt näher an mich heran, senkt die Stimme. »Sie brauchen die Schriftrollen«, wispert er. »Überleg dir mit ihnen einen neuen Plan. Einen, der nicht scheitert. Ihr müsst die Wahrheit verkünden. Sie müssen Kit befreien, damit der König nichts gegen dich in der Hand hat. Zwing sie dazu.«
Mein Herz zieht sich schmerzhaft zusammen. »Und was ist mit dir?«
»Ich bin nicht wichtig, Avalon.«
»Du bist mir wichtig!«, stoße ich heftig aus.
Ein überraschtes Lächeln huscht über Zions Lippen. Für einen Moment wird sein Blick so tief, das Smaragdgrün so dunkel und intensiv, dass ich kopfüber in ihm versinke wie in einem Bergsee. Zion bettet seine Hand auf meiner Brust, und mein Herz trommelt ruhelos gegen seine Finger. »Ich hätte mir keine bessere Shadowflame-Partnerin wünschen können«, raunt er, und seine tiefe, sanfte Stimme wärmt mich mehr als seine Lux-Magie.
Doch die Worte klingen zu sehr nach Abschied und bringen mich erneut an den Rand der Verzweiflung. Mein Arm schnellt durch die Gitterstäbe, und ich packe den Kragen seines hässlichen Kerkerhemds. »Ich brauche dich, Zion!«
»Hey, ihr Turteltauben!« Der Wachmann hämmert mit seinem Eisenstab gegen das Gitter. »Gleich ist Wachwechsel.«
»Bring sie zurück«, bittet Zion ihn und entfernt meine verkrampften Finger aus dem rauen Stoff seines Hemds. »Extra-Zahlung. Und gib ihr eine anständige Waffe.«
Die Wache seufzt, packt meinen Arm und zerrt mich in die Höhe.
»Shadowflames sterben immer gemeinsam!« Zions Finger entgleiten mir, und seine Lichtmagie verflüchtigt sich aus meinen Adern, als der Mann mich unsanft durch den finsteren Kerkergang schleift. »Und von uns stirbt keiner!«
Wie zur Bestätigung funkeln Zions Augen kämpferisch durch die Dunkelheit. Bis sie in den Schatten erlöschen und seine Wärme endgültig meinen Körper verlässt.
Mit einem winzigen, aber extrem scharfen Dolch unter meinem rechten Hemdsärmel liege ich wieder in meinem Krankenzimmer und starre zur Decke empor. Die Wache muss Zion viel schulden. Oder er ist süchtig nach seinem Lux-Blut. Der Mann hat das Zimmer aufgeräumt, alles vom Blut gesäubert, die Bettwäsche ausgewechselt und den toten Krieger der Palastgarde entfernt. Und das alles, ohne ein Wort mit mir zu wechseln oder sich zu beschweren. Oder mich für den Tod seines Kollegen zu bestrafen. Ich meine sogar, ein schadenfrohes Grinsen auf dem Gesicht des Kerkerwächters gesehen zu haben, als er die Leiche mit dem goldenen Brustpanzer aus dem Fenster direkt ins Meer warf.
Niemand wird erahnen, was hier geschehen ist.
Dennoch zittere ich unkontrolliert, als nur wenige Minuten später die Tür geöffnet wird. Unter der Bettdecke schmiegen sich meine Finger um den Dolchgriff. Ich muss der nächsten Dosis entgehen. Ich darf nicht wieder alles vergessen. Nur wie? Ich kann schlecht jeden Krieger erstechen und im Meer versenken, der zu mir geschickt wird.
Ich muss mich anders schützen. Mein Körper liegt nicht unter meiner Kontrolle, mein Gehirn schon. Wenn ich alles vergesse, sobald das Gift durch meine Adern brodelt, muss ich es mir anderweitig merken. Ich muss es mir aufschreiben.
Ich brauche Stift und Papier.
Maximal angespannt lausche ich den Schritten, die erstaunlich sanft zu mir kommen. Es duftet ... süßlich. Blumig.
Das ist kein Krieger.
»Wie geht es dir, Avalon?« Prinz Othellos Handrücken streicht über meine bandagierte Stirn. Zu gern würde ich ihm die Hand abhacken.
»Schlecht, Othello«, hauche ich mit schwächlicher Stimme. Ich darf auf keinen Fall zeigen, dass ich wieder zu Kräften gekommen bin. Dann wird er die Dosis erhöhen. »Ich habe überall Schmerzen. Und mir ist so langweilig. Ich kann nur hier liegen und an die Decke starren. Wenn ich malen könnte ...« Ich seufze wehleidig. »Ich male gern.«
»Du brauchst Ruhe, Avalon.« Othello zieht einen Schemel heran und setzt sich. »Du hast schwere Brandverletzungen. Unsere Mediziner tun ihr Bestes, um dich wieder vollständig zu heilen, aber du musst diese Heilung unterstützen.«
Seine besänftigende Stimme, mit der man üblicherweise zu Kindern spricht, bringt mein Blut ungewollt in zornige Wallungen. »Ich will nicht ruhen!«, platzt es aus mir heraus, bevor ich die harschen Worte aufhalten kann.
Othello blinzelt irritiert. Auch er sieht krank aus. Tiefe Falten graben sich in seine blasse Stirn, und unter den warmen haselnussbraunen Augen zeichnen sich violette Ringe ab.
»Ich benötige Beschäftigung, Othello«, wispere ich leidvoll und kehre wieder in meine Rolle zurück. Hält der Prinz mich für schwach, kann ich mir mehr Freiheiten aushandeln. »Sonst drehe ich durch. Malen würde mich in einen Zustand der Ruhe versetzen.«
Othellos rosige Lippen verziehen sich zu einem sanften Lächeln. »Ich werde dir Farben und Papier bringen.«
»Danke«, seufze ich erleichtert. »Aber meine Hände ...« Unauffällig schiebe ich den Dolch meinen Arm hoch, um ihn komplett unter dem Ärmel des Nachthemds zu verbergen. »Ohne meine Hände kann ich nicht malen.«
»Sie sind zu deinem Schutz fixiert.« Der Prinz tätschelt meine Hand und spricht zu mir wie zu einem Welpen, der noch erzogen werden muss. »Damit du dich nicht kratzt und die Verbände löst.«
»Ich bin kein Hund, Othello!«
Der Prinz sieht sich nervös um. Als würde auch er unter Bewachung stehen. »Mein Großvater besteht darauf, dass du fixiert bist«, raunt er leise. »Ich sagte dir, dass er euch fürchtet.«
»Meine Magie ist unterdrückt. Ich bin so schwach, ich könnte nicht mal mein Bein heben. Was für eine Gefahr kann ich schon sein?« Ich blinzle so lange, bis sich Tränen in meinen Augen bilden. »Bitte, Othello«, flehe ich schluchzend. »Du bist nicht der Leibeigene deines Großvaters.«
Eine Weile sieht der Prinz auf mich hinab, während sein rechtes Augenlid nervös zuckt. Er hat wirklich Angst vor seinem Großvater. Verständlich. Ryu ist ein Furcht einflößender Mann. »Ich befreie dich, wenn ich dabei bin. Dann kannst du in meiner Anwesenheit malen.«
Da reißt mir nun doch der Geduldsfaden. »Wieso bin ich eine Gefangene?! Ich dachte, ich bin die zukünftige Königin?«
Die sanften Augen des Prinzen verdunkeln sich. »Das war nicht meine Entscheidung, Avalon.«
»Meine auch nicht!«
Er steht ruckartig vom Schemel auf. »Mein Großvater ist kein Mann, dem man sich widersetzt«, presst er zwischen den Zähnen hervor.
»Dann widersetze ich mich!« Einmal in Rage gebracht, kann ich mich kaum wieder beruhigen. »Sag ihm, ich will ihn sprechen. Und ihn fragen, warum ich eine Gefangene bin.«
»Du bist keine Gefangene.«
»Dann befreie meine Hände!«
Othello atmet scharf aus. Er geht zur Tür und prüft, ob sie verschlossen ist, bevor er sich wieder zu mir setzt. Sein Blick hat deutlich an Härte gewonnen. »Leider kann auch ich dir nicht trauen, Avalon.«
»Wieso nicht?« Mein Gehirn überschlägt sich. Es ist so vieles in den letzten Wochen und Monaten geschehen, seit ich der Shadowflame-Akademie beitrat. Nicht nur in der Akademie, sondern auch hier im Palast. Das Date mit dem Prinzen. Die erfolglose Befreiungsaktion meines Bruders ... »Wegen des Weins, den ich dir ins Gesicht gekippt habe?« Mein dramatischer Abgang sollte ihn eigentlich nur aufhalten, damit er mir nicht folgt. Doch ich war auch wütend. Unendlich wütend. So wütend, wie ich es jetzt bin. »Ich hatte nur Angst, Othello. Wegen meines Bruders.«
Wenn Ryu Kit etwas angetan hat, werde ich ihn in den dunkelsten Schatten verschlingen, die das Universum zu bieten hat.
»Nein, Avalon. Davon rede ich nicht.« Der Prinz senkt die Stimme zu einem kaum hörbaren Wispern. »Vor zwei Wochen fand ich einen Krieger der Palastgarde in der Bibliothek. Er war fast verblutet. Ein Stich im Bauch. Unsere Heiler konnten ihn retten, und er konnte mir seine Angreiferin beschreiben. Eine Nox mit mitternachtsblauen Augen.«
Mein Herz stolpert. Wie konnte ich das vergessen? Den Krieger, dem ich Zions Dolch in die Magengrube gestoßen habe. Er wollte mir die Schriftrollen entreißen. Die Wahrheit vernichten.
Doch es war nicht mein erster Mord ...
»D-Das ...«, stottere ich, während unweigerlich die Bilder der verunstalteten Terr vor meinem inneren Auge auftauchen. »Ich ...«
»Ich fand ihn vor einem Tresor«, fährt der Prinz mit ernster Stimme fort, und ich bereite mich innerlich darauf vor, meinen Dolch einweihen zu müssen. »Einem Tresor, in dem ich meine privaten Dinge aufbewahre. Er war aufgebrochen. Und leer.«
Ich schlucke angestrengt. Jedes Wort, das ich nun sage, würde mich nur tiefer in die Misere reiten.
»Ich weiß, dass du die Schriftrollen entwendet hast, Avalon. Was auch bedeutet, dass du die Wahrheit kennst. Du lügst mich an. Du hasst mich und würdest mich auf der Stelle töten, wenn ich dich befreie. Ich sehe es in deinen Augen.« Er schüttelt den Kopf und senkt schuldbewusst die Lider. Ich weiß nicht, ob der Prinz schauspielert oder er sich ernsthaft für das schämt, was sein Großvater uns angetan hat. »Ich würde mich selbst hassen, wäre ich ein Magier.«
Nachdenklich kaue ich auf meiner Unterlippe. Es gibt keinen Grund, es zu leugnen. Othello weiß es ohnehin längst. Also schiebe ich den Dolch unter meinem Ärmel wieder ein Stück tiefer und lege meine Finger um den Griff. »Ja, ich weiß es«, zische ich, und die Wut kocht frisch in mir hoch, schäumt über wie ein brodelnder Kochtopf. »Ich weiß Bescheid über den Betrug deines Großvaters, über das Komplott und den angeblichen Lux-Nox-Krieg. Ein Krieg, der nur inszeniert war! Nicht Lux gegen Nox, sondern Menschen gegen Magier. Ihr habt uns hintergangen, abgeschlachtet und in Fesseln gelegt. Der König lügt uns seit fünfzig Jahren an!«
»Nicht so laut, Avalon«, raunt Othello eindringlich und sieht besorgt zur Tür.
»Ich werde dafür sorgen, dass es jeder erfährt«, fauche ich ungehalten. Ich habe keine Kraft und kaum Gehirnmasse, aber ich habe meine Stimme. »Ganz Khisfire. Ich habe die Schriftrollen. Sie sind an einem sicheren Ort. Und ihr könnt mich einsperren, mich vergiften oder töten. Aber die Wahrheit wird ans Licht kommen. Und wenn sie das tut, dann solltet ihr rennen, mein Prinz.«
»Du weißt nicht, mit wem du dich anlegst, Avalon«, flüstert Othello, und nun ist die Angst in seinen Augen offen ersichtlich. Ich erinnere mich an den roten Fleck an seiner Wange, als Ryu unsere Verlobung verkündete. Echtes Mitleid überfällt mich, wenn ich daran denke, wie es ist, von Ryu Roark erzogen zu werden. Und ihm aufs Wort gehorchen zu müssen. »Wenn mein Großvater erfährt, dass du im Besitz der Schriftrollen bist, wird er dich töten und jeden Magier in Khisfire. Dieser Betrug, diese Lüge der Feindschaft zwischen Lux und Nox ... das ist sein Lebenswerk.« Ein tiefer Seufzer lässt den Prinzen wie einen leeren Beutel in sich zusammensacken. »Und bald wird es auch meines sein ...«
»Ryu weiß nicht, mit wem er sich anlegt.« Ich wünschte, ich wäre nicht so schwach, damit meine Worte mehr Schlagkraft hätten. »Und du auch nicht, Othello. Wenn du an seiner Seite bist, dann bist du mein Feind.«
»Ich will nicht gegen dich kämpfen, Avalon.« Die Ruhe und Sanftheit, mit welcher der Prinz redet und mich behandelt, bringen mich nur noch höher auf den Schieferberg der Wut. Othello ist nicht besser als sein Großvater. Er kann es nur geschickter verbergen hinter seiner hübschen Fassade und der charmanten Art.
»Wieso hast du die Schriftrollen in dem Tresor aufbewahrt? Wieso hast du sie?«
Othello kämmt sich mit den Fingern durchs Haar, sein Blick wandert rastlos durchs Zimmer. »Vor einigen Monaten fand ich die Schriftrollen, als ich einen Teil der Bibliothek erkundete, der mir eigentlich versperrt ist. Was ich las ...« Er schüttelt fassungslos den Kopf. »Ich war schockiert.«
Ich schnaube empört. »Lügner!«
»Ich wusste nichts davon, Avalon.« Othello ergreift meine Hand – die mit dem Dolch. »Das versichere ich dir. Und ich wusste auch nicht, was ich mit diesem Wissen anfangen sollte. Also habe ich es versteckt. Ich studierte die Schriften wieder und wieder ...«
»Stehst du hinter ihm?« Meine Finger krallen sich angriffsbereit um den Dolchgriff, während ich ihn erbarmungslos taxiere. »Willst du diese Lüge aufrechterhalten? Uns auf ewig in Ketten halten? Einen sinnlosen Krieg weiterführen? Stimmt es, was man über dich erzählt? Dass du Magierinnen missbrauchst und sie dann tötest?«
»Ich ...« Othello wird ganz blass und rauft sein Haar, das mittlerweile Ähnlichkeiten mit einem kaputten Besen hat. »Nein Avalon, das schwöre ich bei meinem Leben. Mein Großvater ...« Er atmet scharf aus, und sein warmer Atem fegt über meine Gesichtsbandagen. »Er will dieses Bild von mir in der Öffentlichkeit. Ryu gefällt es nicht, wenn ich mich mit Magiern treffe. Vor einigen Jahren begann er, jene einzusperren, mit denen ich verkehrte. Schließlich ging er weiter und tötete sie. Daher meide ich Magier und treffe mich nur heimlich mit ihnen.« Mit dem Hauch von Verzweiflung im Blick verfestigt er den Griff um meine Dolchhand. »Ich bin nicht auf der Seite meines Großvaters, Avalon.«
»Und das soll ich dir einfach so glauben?«
»Ich schwöre es, Avalon.« Er zerquetscht meine Finger, und ich hoffe inständig, er spürt die Waffe nicht. »Aber ich habe nicht die Macht, mich gegen Ryu zu stellen. Noch nicht.«
»Wirst du mich davon abhalten, wenn ich ihn töte und die Wahrheit verkünde?« Ich zittere vor Wut und Anstrengung. Der Mangel an Nahrung und Flüssigkeit macht sich bemerkbar.
»Wir können nicht hier darüber sprechen ...« Schweißperlen glänzen auf seiner Oberlippe, als der Prinz wieder zur Tür sieht. Dann greift er in die Tasche seiner Hose und bringt eine Spritze zutage. »Es ist jetzt Zeit für deine Dosis, Avalon. Wenn du wieder bei Kräften bist –«
»Das Zeug bringt mich um, Othello!« Ich erhebe mich zitternd auf die Ellenbogen. »Es nimmt mir den Verstand und meine Kraft. Du musst mich töten, bevor ich das noch einmal nehme.«
»Mein Großvater erlaubt nicht, dass du deiner Magie mächtig bist. Es tut mir leid, Avalon.« Seine Finger nähern sich meinen Lippen, wollen mir das Gift einflößen. »Ich bitte unsere Heilerin, das Mittel zu reduzieren.«
Ich schlage seine Hand beiseite und spucke ihm ins Gesicht. »Du bist schlimmer als dein Großvater!«
»Avalon, bitte«, raunt er gedämpft. »Ich versuche, dir zu helfen.«
»Ich will dich nicht heiraten!«
»Ich bin auch nicht glücklich darüber.« Er betont es mit Inbrunst, als wäre ich eine hässliche Ente. »Aber es ist entschieden«, fügt er mit dunkler Stimme hinzu. Als wäre diese Verlobung für ihn der gleiche Albtraum wie für mich.
Ich stoße ihn mit letzter Kraft von mir, als er mir abermals das Gift geben will. »Ich WILL dich nicht heiraten!«
»Du musst das jetzt nehmen, Avalon«, presst er zwischen den Zähnen hervor. Langsam schwindet seine Sanftmut. Unter seinem hübschen Gesicht ist er bloß Ryu in jüngerer Version. Da bin ich mir sicher. »Sonst wird mein Großvater dich einsperren. Willst du das?«
»Ich bin doch eingesperrt.«
»Nein. Richtig einsperren.«
Ich starre ihn zornig an und presse die Lippen fest aufeinander. Selten war ich so wütend. »Ich hasse dich«, fauche ich.
Othello seufzt und legt die Spritze neben mein Bett. »Bitte nimm sie. Zu deinem Wohl.« Mit diesen Worten verlässt er zügig mein Krankenzimmer.
»Du bist ein Feigling«, rufe ich ihm hinterher.
Er knallt die Tür zu und dreht lautstark den Schlüssel herum.
Jetzt bin ich komplett gefangen.
Ich weiß nicht, ob ich weinen oder schreien soll.
***
Begleitet von einem Wutschrei werfe ich die Spritze in hohem Bogen aus dem Fenster. Während ich warte, dass der Prinz mir die versprochenen Malutensilien bringt, forme ich in meinem Kopf einen Plan aus. Ich lasse es in meinem Gehirn so richtig rattern. Solange ich es noch kann.
Als Erstes muss ich Zion befreien. Dann suche ich Kit. Wenn alle in Sicherheit sind, kümmere ich mich um die Schriftrollen und kontaktiere die Nyrev.
Ein guter Plan.
Ich will mich aus dem Bett schwingen, um mich auf die Suche nach dem dringend benötigten Wasser zu machen, da wird abermals die Tür geöffnet. Ich versteife mich augenblicklich, als ich in Ryus kaltes Gesicht blicke. Der König besitzt eine Aura, in deren Nähe man vor Angst schlottert. Noch immer in Rage und kochend vor Wut muss ich mich zügeln, ihm nicht meinen Dolch ins Auge zu werfen.
»Avalon, meine baldige Tochter.« Er lächelt schmallippig, tritt ans Bett und sieht bedrohlich auf mich herab. Von meiner niederen Position wirkt er noch größer und mächtiger.
Dieser Mann hat unser Volk versklavt. Er hat Kit in seiner Gewalt.
