4,99 €
Das mitreißende Finale der Elemental-Romantasy! Spoiler Alert: Der nachfolgende Inhaltstext enthält Hinweise auf das Ende von »A Monster's Heart, Bd. 1« Xena und Ajax sind Halbmonster. Aufgrund ihrer magischen Begabung werden sie gejagt, doch als sie ins Königreich zurückkehren, sind sie auf einmal seine letzte Hoffnung. Die entfesselten Bestien bedrohen alles Leben, und das vergessene Reich Koralia birgt den Schlüssel zur Rettung. Xena muss sich entscheiden, wem sie trauen kann, sonst verliert sie alles ... Ein episches Fantasy-Abenteuer voller düsterer Geheimnisse, großer Romantik und gefährlicher Magie – perfekt für Fans von Enemies to Lovers! #EnemiesToLovers 🔥 #ForcedProximity 🔒 #DeadlySecrets ⚡️ #Hidden Identity 🕵️♀️ #Enemies to Allies ⚔️ Alle Bände der Realm of Myths and Magic-Dilogie: - Band 1: A Monster´s Heart - Band 2: A Huner´s Legacy
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2025
Es gibt Wahrheiten, die schneiden tiefer als jede Klinge
Xena will frei sein. Doch als Gefangene von Königin Senka trägt sie im Palast von Uxasta Eisen um den Hals, und Ajax, den sie in den Flammen verlor, erinnert sich nicht mehr an sie. Xenas Ziel steht fest: Sie braucht ihre Magik zurück und muss ihre Fesseln sprengen.
Was als persönlicher Befreiungskampf beginnt, wird zum Sturm, der über den ganzen Kontinent fegt: Hofintrigen weben ihre Netze, die Monsterflut rückt näher – und Xenas Erbe ruft sie nach Koralia, zum Blauen Herz, das den Krieg der Königreiche entscheidet. Zwischen Wüste und Thronsaal, Mensch und Monster, kämpft sie für Selbstbestimmung und Liebe – und dafür, den Krieg ein für alle Mal zu beenden. Denn die gefährlichsten Ketten sind nicht aus Eisen.
Band 2 der »Realm of Myths and Magic«-Dilogie
© Privat
Als junger Bücherwurm lernte Liz Skadi mit Asterix und Obelix lesen, erlebte schaurige Abenteuer mit dem kleinen Vampir und brachte bereits als Kind ihre eigenen Geschichten zu Papier. Später studierte sie Archäologie und arbeitete bei den Vereinten Nationen, ehe sie ihre Leidenschaft wiederentdeckte und sich dem Erschaffen fremder Welten widmete. Heute lebt Liz in Wien und schreibt fantastische Geschichten für junge Erwachsene. Sie hat eine Vorliebe für eigenwillige Kick-Ass-Heldinnen, liebenswerte Love Interests, magische Welten von High bis Urban Fantasy und Drachen.
Liz Skadi auf TikTok: @lizskadi
Liz Skadi auf Instagram: @lizskadi
Du liebst Geschichten? Wir bei Loomlight auch!
Wir wählen unsere Geschichten sorgfältig aus, überarbeiten sie gründlich mit Autor:innen und Übersetzer:innen, gestalten sie gemeinsam mit Illustrator:innen und produzieren sie als Bücher in bester Qualität für euch.
Deshalb sind alle Inhalte dieses E-Books urheberrechtlich geschützt. Du als Käufer erwirbst eine Lizenz für den persönlichen Gebrauch auf deinen Lesegeräten. Unsere E-Books haben eine nicht direkt sichtbare technische Markierung, die die Bestellnummer enthält (digitales Wasserzeichen). Im Falle einer illegalen Verwendung kann diese zurückverfolgt werden.
Mehr über unsere Bücher und Autor:innen auf: www.thienemann.de
Loomlight auf Instagram:https://www.instagram.com/loomlightverlag
Loomlight auf TikTok:https://www.tiktok.com/@thienemannverlage
Und hier kommst du direkt zu unseren Events und Lesungen:www.thienemann.de/events-lesungen
Viel Spaß beim Lesen!
Liz Skadi
Loomlight
Liebe Leser:innen,
dieser Roman enthält potenziell triggernde Inhalte.
Auf der letzten Seite findest du eine Themenübersicht, die Spoiler für die Geschichte enthält.
Entscheide bitte für dich selbst, ob du diese Warnung liest.
Wir wünschen dir das bestmögliche Leseerlebnis!
Liz Skadi und das Loomlight-Team
Ein warmer Wind streichelt meine Haut und verscheucht die Finsternis, die mich in ihren düsteren Krallen hält. Es ist ein solch friedliches Erwachen, dass sich die grauenhaften Albträume von Flammen speienden Monstern und lebenden Wurzeln sofort in Luft auflösen. Der herrliche Duft nach Feuer und Asche kitzelt in meiner Nase, durchmischt mit einem Geruch, der mir eher unangenehm vertraut ist …
»Ajax«, murmle ich schläfrig und taste nach dem Halbmonster. Ich erwarte seine Brust unter mir, die mir wie so häufig als Kissen dient. Sicherlich strahlt diese unbändige Hitze von seinem Körper aus.
Statt einer starken Männerbrust aber spüre ich einen rauen und zugleich butterweichen Stoff unter meinen Fingern. Leinen. Kostspieliges Leinen. Verwirrt blinzle ich. Vor meinen Augen weht eine zitronengelbe Tüllgardine in der warmen Brise, dahinter erkenne ich eine Mauer mit geometrischem Lochmuster. Rötliche Sonnenstrahlen dringen hindurch und tauchen die Welt in ein feuriges Licht. Bizarr. Doch erst der kräftige Windstoß, der an der zarten Gardine zerrt und wüst mit meinem Haar spielt, rüttelt mich endgültig wach. Er riecht … eigenartig. Fremd. Würzig.
Mit einem Hauch von Zimt.
Ich schüttle den Kopf, um die schwere Benommenheit zu vertreiben, und zwinge mein Gehirn, seine Arbeit wieder aufzunehmen. Dann gebe ich mir eine Ohrfeige. Nur um sicherzugehen, dass ich mich nicht im Reich von Evrilas versunkener Totengöttin Qaara befinde oder noch immer in einem dieser schaurigen Albträume. Der Schmerz aber ist real, und so muss es auch diese Welt sein.
Ich setze mich auf. Eine purpurne Leinendecke rutscht von meinem Körper und entblößt … nicht viel. Ich trage ein Nachthemd, das mir bis zu den Knöcheln reicht. Unter dem dünnen Stoff zeichnen sich deutlich meine Hüftknochen und Brustwarzen ab. Der schwarz-rote Farbverlauf gleicht einem Sonnenuntergang.
Einem Sonnenuntergang über Uxasta.
»Ajax!«
Ich rolle mich vom Bett herunter, habe aber nicht erwartet, dass es so hoch ist. Hart lande ich auf dem Boden, meine Knöchel knicken weg und ich strauchle. Gerade noch rechtzeitig kann ich mich am flatternden Baldachin des Himmelbetts festhalten. Ich zwinge mich, dreimal tief durchzuatmen, bis das Zittern meiner Glieder sich beruhigt und die grellen Punkte vor meinen Augen verschwinden. Dann setze ich einen Fuß vor den anderen. Ich passiere die löchrige Wand und meine Hände gleiten über den rauen Sandstein, der die Hitze in sich gefangen hält. Als die Mauer endet, trete ich auf einen offenen Balkon hinaus. Meine Finger graben sich in die massive Brüstung. Der aufgeheizte Wind bläht mein Nachthemd auf, während ich über die atemberaubende Wüste Uxastas blicke. Schwarz wie eine mondlose Nacht breitet sich der Sand vor mir aus und zieht sich bis zum fernen Horizont, wo er mit dem diesigen Himmel verschmilzt. Die feuerrote Sonne brennt erbarmungslos auf meinen Kopf. Hitze flimmert in der Luft.
Wie kann ich in Uxasta sein? Gerade noch war ich auf Azythros, gefangen in dem Höllenloch von Monsternest. Wieder sehe ich Ajax, der sich langsam von mir entfernt, und das grelle Licht des Blitzes, das uns brutal trennt. Und Rae, das verlogene Miststück, das mich betäubt, nur damit ich wenig später auf einem Schiff erwache. Eingesperrt in einem Eisenkäfig. So wie Ajax, der den Kampf gegen das Monster in sich verloren hat. Und immer wieder diese eigenartigen Symbole …
Erde, Wasser, Feuer … Luft.
Die Sonnenstrahlen blenden mich und ich halte meine rechte Hand vor die grelle rote Kugel. Doch nur vier Finger schirmen sie ab. Mein Ringfinger fehlt. Das Zerriza Fata hat ihn mit einem Blitz abgerissen, bevor das Monster sich zum Kontinent aufgemacht hat. Ich betrachte eingehend die Lücke in meiner Fingerreihe. Wo zuvor eine blutige Wunde war, ist nun eine gut verheilte Narbe. Neue Haut ist darüber gewachsen.
Eine Schiffsreise von Azythros nach Uxasta muss Wochen dauern. Genug Zeit, um frische Hautzellen zu bilden. Wieso aber erinnere ich mich nicht an die Überfahrt? Warum ist da bloß gähnende Leere in meinem Kopf?
Ich reiße mich von dem faszinierenden Ausblick über die schwarze Wüste los und sehe mich im Zimmer um. Ein großes Schlafgemach, offen gebaut mit perforierten Sandsteinwänden und zwei Balkonen. Die Farben spiegeln Uxasta wider, alle Nuancen von Feuer, Schwarz und Gold. Das Himmelbett ist ein wahrer Traum. Auf einem runden Tisch steht ein üppiger Obstkorb mit Früchten, die mir gänzlich unbekannt sind, aber unverschämt köstlich aussehen. Doch all das interessiert mich nicht. Nicht mal die schlangenförmigen Goldstatuetten, welche die Kommode schmücken und mit denen man in Azherdale ein ungewolltes Kind aus gutem Haus erwerben könnte.
Meine Zeiten als Diebin sind vorbei.
Energisch schreite ich an dem Luxus vorüber. Bei meinem strammen Schritt spüre ich, wie steif und unbeweglich meine Muskeln sind. Ich fühle mich schwach. Energielos. Als habe ich die vergangenen Wochen im Bett gelegen. Oder … habe ich das?
Ich verharre abrupt. Der dezente Duft nach Zimt wabert noch immer in der Luft. Luriylfern. Ich habe die letzten Wochen geschlafen. Rae hat mich betäubt. Die gesamte Schifffahrt über.
Wenn Rae mir das nächste Mal unter die Augen tritt, sollte sie gut bewaffnet sein, denn ich werde ihr den Kopf vom Körper säbeln.
In Vorbereitung auf den kommenden Kampf rolle ich meine Schultern, lasse den Kopf kreisen und lockere meine Muskeln. Ich umfasse den Knauf einer der beiden Türen, die von meinem Gefängnis abgehen, und stoße sie kraftvoll auf. Ein Badezimmer. Es ist fast so groß wie das Schlafzimmer, hat eine kohleschwarze Badewanne mit goldenen Schlangenfüßen und wunderbar flauschige Handtücher, die nur auf mich warten. Luxuriös. Verdammt luxuriös. Das Gold blendet mich, aber ich kann diesen exquisiten Luxus nicht genießen. Ich will ihn nicht mal. Ich will wissen, wo ich bin und wie ich hier schnellstens wegkomme.
Frei. Ich will frei sein.
Das Bedürfnis nach Freiheit ist so groß, dass meine Finger instinktiv zu meinem Hals fliegen, als wüssten sie mehr als ich. Und da erst erkenne ich, dass mein Hals nicht steif ist, sondern sich ein klobiger Eisenring darum windet. Eisen. Pures Eisen. Ich bin … ein Monster! Diese Erkenntnis trifft mich wie ein Schlag gegen den Kopf. Meine neue Identität war noch zu frisch, um sofort präsent zu sein.
Ich bin ein Halbmonster. Und dieses Eisen ist Gift für mich.
Wie auf Kommando fängt es an, heftig unter dem Halsband zu jucken. Mit meinen Fingern aber gelange ich nicht darunter. Während ich mich umständlich verrenke, beschleunigt sich mein Atem und mein Herz hämmert panisch gegen die Brust.
Ich muss dieses eiserne Ding loswerden.
Ich haste zur zweiten Tür und rüttle an dem Knauf. Verschlossen. Ich bin eine Gefangene. Der schöne Luxus ist ein Trugbild. Dies hier ist ein aufgehübschter Eisenkäfig.
»Rae!« Ich trommle mit den Fäusten gegen die Tür. »Ich werde dir das Herz herausreißen! Dir die Luft nehmen und dich in einem Tornado zerfetzen! Dir den Kopf –«
Meine Waffen! Um meine Drohungen in die Tat umzusetzen, benötige ich meine Waffen. Das Monster in mir ist eingesperrt, also muss ich wie ein Mensch kämpfen.
Ich suche das Zimmer ab, allerdings vergebens. An meinem Körper trage ich nichts außer dem Nachthemd. Und meinem Lapislazuli-Ring. Eine traurige Erinnerung an meine Eltern, die mich auf den Treppenstufen eines Waisenheims aussetzten, weil ich ein Monster war.
Mein Blick streift einen der Pfosten des Himmelbetts. Sieht stabil aus. Ich könnte ihn als Kampfstab umfunktionieren. Oder zu einem Speer schnitzen. Dann aber bleiben meine Augen an einer der goldenen Statuetten hängen. Eine majestätische Kobra, die ihre gespaltene Zunge in die Höhe reckt. Uxasta ist das Land der Schlangen. Ich werde Anouk irgendwann dafür danken, dass sie täglich die Zeitung las und mich mit dem Tratsch und Klatsch nervte.
Ich grapsche die hässliche Schlangenstatuette und marschiere damit zurück zur Tür. Dann hole ich aus und schlage sie kräftig auf das Holz. Die Tür bebt in ihren Angeln, Splitter fliegen ab. Ich nehme abermals Schwung – doch da wird sie bereits aufgerissen. Im Türrahmen steht Rae.
Die Schlangenstatuette verharrt in der Luft. Wie gern würde ich sie Rae ins Gesicht donnern. »Wenn ich du wäre, würde ich zurücktreten«, warne ich sie. »Du hast da zwei überaus hübsche Zahnreihen. Wäre schade, wenn sie Löcher bekämen.«
Raes Hand ruht auf der kupferfarbenen Sichel, die an ihrer Hüfte baumelt. »Du musst nicht mehr Cassia mimen, Xena.«
»Das hier ist nicht Cassia!« Wütend klopfe ich an meine Brust. »Das ist eine stinkwütende und mörderische Xena, die dir die hübsche Nase zertrümmern will. Glaub mir, du solltest vor Xena mehr Angst haben als je zuvor vor Cassia!«
Rae erwidert meine wüste Drohung mit einem milden Lächeln, das ihre herzförmigen Lippen anhebt. Sie gibt den Kriegern zu beiden Seiten der Tür einen Wink, nicht einzuschreiten. Zwei Frauen und zwei Männer in feuerroten Lederrüstungen mit kupferfarbenem Brustpanzer und dem Wappen Uxastas darauf. Zudem tragen sie neben ihrer Sichel diverse weitere Waffen am ganzen Körper.
Ich muss das Eisen jetzt loswerden. Mit meinem Element kann ich jeden Menschen hier spielend überwältigen. Ich habe im Alleingang einen Hyaxa vernichtet. Mein Tornado trug mich die große Eiswand von Azythros empor. Ich habe Ajax mit meinem Wind weggeschleudert. Ich könnte auch Rae wegschleudern. Geradewegs hinein in die glühende Sonne.
Rae jedoch zeigt keinerlei Anzeichen von Angst. Sorglos tritt sie ins Zimmer und schließt die Tür hinter sich. Ihre blonden Haare sind frisch geschnitten, reichen ihr bis zum Kinn und umrahmen, akkurat geglättet, ihr zierliches Gesicht. Sie sieht viel zu unschuldig aus, dafür, dass sie unser aller Leben zerstört hat. »Du musst dich beruhigen, Xena«, flüstert sie eindringlich. »Du bist hier im Haus meiner Königin. Alles wird an ihre Ohren getragen. Und dein Schicksal hängt davon ab, welche Meinung Senka B’alam sich von dir bildet.«
»Ich bin im Palast von Uxasta?« Eigentlich hätte es mir schon früher auffallen müssen – bei dem ganzen Reichtum. Der Regierungssitz von Senka B’alam liegt bei Xixheia, der Hauptstadt des südlichen Königreichs. Xixheia wiederum ruht am Ufer des Ythar, dem Hauptstrom unseres Kontinents. Somit gibt es einen direkten Zugang zum Meer.
Mit diesen bescheidenen geografischen Informationen aber endet mein Wissensschatz. Ich muss mehr über dieses Land lernen. Wenn ich mich nach meiner Flucht aus Senkas Fängen entschließe, hierzubleiben … dann benötige ich alles Wissen, was ich kriegen kann. Seitdem ich Cassia mime, habe ich auf schmerzhafte Weise gelernt, dass Wissen Macht ist. Und mir mein Überleben sichert.
»Wir sind letzte Nacht am Hafen von Xixheia eingelaufen«, berichtet Rae und nimmt die Schlangenstatuette aus meiner Hand. Vorsichtig trägt die Spionin sie zurück zur Kommode und wischt mit ihrem Handrücken sorgsam meine Fingerabdrücke ab. Senka scheint ein strenges Regiment zu führen. Und hat definitiv einen Sinn für Ästhetik. Auch wenn es nicht mein Geschmack ist.
»Wie lange sind wir von Azythros nach Xixheia gereist?« Ich muss mich beherrschen, um Rae in ihrer schicken Uniform aus burgunderrotem Schlangenleder nicht an die Kehle zu springen. Eine Schlange. Das ist Rae.
»Zwei Wochen.«
Bevor ich meine Tat überdenken kann, presse ich meinen Arm an ihre Kehle und dränge sie gegen die Kommode. »Ihr habt mich zwei Wochen lang mit Luriylfern betäubt?!«
Rae bleibt ganz ruhig. »Wir mussten dich betäuben, Xena. Zu deinem Schutz.«
»Ich schwöre, Rae, wenn du mich anlügst –«
»Du warst schwer verletzt.« Zaghaft streckt Rae ihre Finger nach mir aus, zieht sie aber zurück, bevor sie meine Wange berühren können. Ihre ozeanblauen Augen schimmern sanft. Doch ich weiß es inzwischen besser. Hinter der lieben Rae steckt eine knallharte Spionin. »Ajax’ Flammen haben dich frontal getroffen. Du hattest Brandverletzungen, die sofort behandelt werden mussten. Dein Körper hätte die Strapazen nicht überlebt, wenn wir dich nicht ins Koma versetzt hätten.«
Eine Erinnerung blitzt in meinem Kopf auf. Ajax – halb Mensch, halb Draka – öffnet seine Lippen und ich bade in Flammen. Doch die Erinnerung ist nicht vollständig. Sie bricht ab, als ich das Bewusstsein verliere. Ich kann noch die Hitze spüren, aber nicht die Flammen. Und Raes panischer Schrei klingelt in meinen Ohren …
Ich betrachte die Spionin. Narben von ehemaligen Brandblasen zieren ihr hübsches Gesicht. Sie sind verblasst und gut verheilt, jedoch deutlich zu sehen. »Ajax hat die Kontrolle verloren …«, murmle ich. Was sagte Rae auf dem Schiff? Er hat Amnesie, weil das Zerriza Fata ihn gegen einen Felsen geschleudert hat. »Er weiß nicht, wer er ist.«
»Die Heilung brauchte seine Zeit, Xena. Und dein Körper die Ruhe.« Rae spricht so sanft und behutsam, als wäre ich ein Monster, das besänftigt werden muss, bevor es eine fatale Tat begeht.
»Wo ist Ajax?«
»Er lebt.« Beruhigend legt sie mir eine Hand auf den Arm. Gleichzeitig gleitet sie aus ihrer unterwürfigen Position und an mir vorbei. Sie schleicht durch mein Zimmer, mit flüsterleisem Schritt, und ihre Augen erhaschen jedes Detail. »Er ist hier im Palast. In Gewahrsam.«
»Ich will zu ihm«, verlange ich.
»Er schläft. Und schlafende Monster sollte man nicht wecken.« Sie wirft mir ein zartes Lächeln zu. Soll ich darüber etwa lachen? »Komm du erst mal an, Xena. Du siehst mitgenommen aus. Die Hitze dieses Landes kann für Fremde anfänglich schwer zu ertragen sein. Ich weiß, wovon ich rede.« Demonstrativ klappt sie einen farbenfrohen Fächer auf, der an ihrer Rüstung neben den Waffen baumelt, und fächert sich Luft zu. »Ich werde Zofen schicken. Sie werden ein Bad einlassen und dir helfen, damit du dich wieder wie in deiner eigenen Haut fühlst. Meine Königin versteht, dass du außerordentliche Strapazen hinter dir hast. Sie wird auf dich warten.«
»Ich will kein Bad!«, fauche ich aufgebracht. »Ich will zu Ajax! Jetzt!«
Mit hochgezogener Augenbraue begutachtet Rae meinen Körper. »Im Nachthemd?«
»Ist mir scheißegal!« Meine Geduld hängt am seidenen Faden. Ich vergeude Zeit. Je mehr Kompromisse ich eingehe, desto weiter rückt meine Freiheit in die Ferne. »Und wenn ich nackt wäre und keine Beine hätte. Ich will zu Ajax. Sonst wird Senka ein sehr ungemütliches Halbmonster kennenlernen.«
»Ich habe meine Befehle. Nachdem du gewaschen wurdest, bringe ich dich zu meiner Königin. Danach begleite ich dich zu Ajax.« Rae legt sich feierlich ihre Hand ans Herz. Den klobigen Schlangenring mit dem schillernden Rubin bemerke ich erst jetzt. Das ist die wahre Rae. Ihrem Königreich treu ergeben. Ich lasse mich nie wieder von ihr täuschen. »Ich verspreche es.«
»Hör auf mit deinen verlogenen Versprechen!« Meine Gedanken schweifen kurz zu Cole. Auch wir gaben uns Versprechen. Ich solle jedes Monster, das mir begegnet, abstechen. Und ich sehe momentan bloß eines. Rae. »Wo sind meine Waffen?«
»Die Zofen werden dir deine Habseligkeiten bringen.«
Ich bewege mich drohend auf Rae zu. »Wenn ich dieses Theater hier durchziehe, dann führst du mich zu Ajax. Alles klar?«
»Natürlich. Ich halte meine Versprechen.« Ungerührt erwidert sie meinen harten Blick, das Meerblau ihrer Iriden ist undurchschaubar. »Weshalb ich selten welche gebe.«
Ich will meine Tornadoaugen aufbrausen lassen, aber ich habe nicht das Gefühl, dass es funktioniert. Das Eisen. Es ist das Eisen. »Wieso trage ich Eisen?« Ich zerre an dem klobigen Ring um meinen Hals.
»Sobald du meiner Königin Loyalität geschworen hast und für unser Königreich kämpfst, wird es dir abgenommen.«
»Ich werde ihr niemals Loyalität schwören!« Vor keinem Herrscher dieser Welt würde ich jemals das Knie beugen. Sie sind alle gleich. Es ist das verkommene Blut, das die B’alams teilen, selbst nach tausend Jahren haben sie nur ein Ziel: die Schlacht um Koralia – den Mittelpunkt dieser Welt – zu gewinnen. Und wir müssen darunter leiden. »Meine Loyalität gilt einzig und allein mir.«
»Und Ajax?« Neugier und eine Spur Kalkül funkeln in Raes Augen. Schon einmal habe ich mich gefragt, was sie mit der Information anfängt, dass ich alles für Ajax tun würde. Meine Gefühle vor ihr preiszugeben, ist dumm, denn sie könnte mich mit ihm erpressen. So wie sie es bereits jetzt tut. Doch ich bin zu aufgewühlt und ängstlich, da kann ich nicht abgeklärt handeln. Und Rae weiß ohnehin längst um unsere Allianz.
»Und Ajax«, antworte ich also klar und deutlich.
»Nicht nur ihm, oder?« Raes Blick wird härter, ihre Stimme klingt vorwurfsvoll. Sie greift in einen Einschub ihres kupfernen Brustpanzers und ich wappne mich für einen tödlichen Kampf. Doch sie holt nur eine Münze heraus und hält sie mir vor die Nase. Cassias Münze. Die eigenartige Medaille aus Himmelseisen mit den vier Symbolen der Lizée Magik für die vier Elemente: Erde, Wasser, Feuer, Luft. »Diese Münze habe ich bei dir gefunden. Sie war in deine Unterhose eingenäht.«
Ja. Ich habe sie dort eingenäht, damit dieses wertvolle Stück niemand findet. Auch wenn ich nicht weiß, was sie bedeutet oder wie viel sie wirklich wert ist.
Ich grapsche danach und winde sie aus Raes Fingern. »Sie gehört mir.«
Verwunderung huscht über ihre Augen. »Du hast mich angelogen.« Es klingt, als könne sie es nicht fassen, dass ein dummes Waisenmädchen die beste Spionin Uxastas anflunkert. »Du bist keine einfache Waise, eine Diebin, die Sorrel Arslan ausraubte. Du trägst ein Geheimnis mit dir, das du selbst vor mir verbergen konntest.«
»Woher willst du wissen, dass ich Sorrel ausgeraubt habe?« Kurz kommt die alte Angst zurück. Die Angst der Diebin, die erwischt wurde, wie sie ein Königsmitglied bestiehlt, und dafür den Kopf verliert.
»Sorrel erzählte es mir beim Frühstück im Gasthaus vor der Abreise nach Azythros. Eine dreckige Diebin habe seinen liebsten Dolch gestohlen. Als ich ihn an dir sah, auf dem Hafenplatz, wusste ich sofort, wer du bist. Und dass du unmöglich Cassia sein kannst.«
Ich fasse es nicht, dass Rae es so lange wusste. Die ganze Zeit über hat sie mir etwas vorgespielt und auf beste Freundin gemacht. »Ich lüge dich an? Du hast mich von Anfang an schamlos angelogen!«
Rae tippt an die Münze in meiner Hand. »Was war deine Aufgabe?«, fragt sie mich, ohne auf meinen Vorwurf einzugehen. »Uns alle zu ermorden, sobald das Monster in Ketten liegt? Wolltet ihr damit Koralia erobern? Hat ein Schiff auf dich gewartet?«
Irritiert sehe ich sie an. Hatte mein Gehirn einen Aussetzer? »Hä?«
»Die Yahvax. Was war ihr Plan, dass sie dich in die royale Expedition geschleust haben? Du solltest lieber sprechen, Xena. Senka wird einen Weg finden, alles aus dir herauszuquetschen.«
»Die … was?« Ich verstehe kein Wort von dem, was Rae faselt.
Rae mustert mich aufmerksam. Feine, nachdenkliche Falten graben sich zwischen ihre Augenbrauen. »Du sagtest, die Münze gehört dir.«
»Tut sie auch.«
Der Blick der Spionin wird so eindringlich, dass es selbst mir unangenehm wird. Ich bin kurz davor, meinen von ihr abzuwenden. »Du bist eine Diebin«, sagt sie schließlich, als wäre das eine ganz neue Erkenntnis. »Hast du jemandem die Münze entwendet?«
»Sie war in Cassias Rüstung, okay?«, gebe ich zu. »Aber sie gehört nun mir. Und bestimmt nicht dir.« Ich deute zu dem goldenen Prunk, der uns umgibt. »Du bist wohl reich genug.«
»Du weißt nicht, was sie ist, oder?«
»Sie ist aus Himmelseisen. Also wird sie viel wert sein.«
»Das ist das Signum der Yahvax.« Andächtig gleitet Raes Fingerkuppe über die erhabenen Elementsymbole auf der Münze in meiner Handfläche. »Die Yahvax sind eine Gruppierung von Fanatikern, die sich im Untergrund bewegen. Wir vermuten sie in den Wäldern Evrilas, den Grenzbergen zwischen Taezenia und Uxasta und dem östlichen Archipel von Iyawen. Der Geheimbund erstreckt sich über den gesamten Kontinent, ihre Mitglieder sind überall verstreut, funktionieren aber dennoch als Netzwerk. Selbst den besten Spionen ist es seither nicht gelungen, sie zu infiltrieren …« Rae tritt von mir weg und auf einen der Balkone, sieht über die Wüste Uxastas hinaus. Der warme Wind trägt ihre Worte zu mir. »Sie sind wie Schall und Rauch, nennen sich die Nachfahren von Alizeh B’alam. Eine mythische Figur, die nie existierte, aber noch immer in Märchen weiterlebt. Und in den Köpfen dieser Menschen hat sie sich zu einer Märtyrerin erhoben. Sie behaupten, Koralia gehöre ihnen. Es wäre ihr Geburtsrecht. Sie wollen zurück zu ihren Wurzeln, so heißt es in ihren Briefen, die sie gelegentlich an die Herrscher des Kontinents aussenden. Und nun glauben wir, sie sind nah dran. Etwas geht vor im Untergrund. Ich habe … Dinge aufgeschnappt. Gespräche. Gerüchte.« Rae reißt sich von der roten Sonne los und dreht sich wieder zu mir um. »Diese Münze besitzen nur Mitglieder. Einmal schon habe ich solch ein Stück in der Hand gehalten, bei einer Leiche. Wir untersuchten alles ausgiebig, Leiche und Fundort, ohne Hinweise auf die Yahvax zu finden. Am nächsten Morgen war die Münze verschwunden. Aus einem sicheren Tresor hier im Palast. Die Yahvax sind mächtig. Und gefährlich. Sie schrecken vor Mord nicht zurück. Der Tod von Senkas jüngster Schwester liegt in ihrer Verantwortung. Es war nicht das erste Mitglied der Königsfamilie, das sie hinrichteten.«
Eine geheime Bande, die sich dazu verschrieben hat, gegen die Herrscher unserer Welt anzugehen? Die Yahvax wären mir auf Anhieb sympathisch, wenn sie nicht ebenso versessen auf Koralia wären. »Und du glaubst, ich bin ein Mitglied dieser Gruppierung?«
Raes Mundwinkel zuckt amüsiert. »Nein. Eine der Fähigkeiten, warum ich von meiner Königin so geschätzt werde: Ich sehe Lügen. Du hast diese Münze gestohlen. Was bedeutet, dass …«
»… Cassia ein Mitglied der Yahvax war«, beende ich ihren Satz. Was erfahre ich noch alles über diese mysteriöse Frau? Monsterjägerin. Mitglied einer fanatischen Gruppierung, die offenbar den kollektiven Verstand verloren hat. Was haben nur alle mit diesem Koralia? Steckt ein gigantischer Goldschatz unter dem Gebirge? Ist das Tal der Könige mit Diamanten gepflastert?
Nachdenklich betrachte ich die Münze in meiner Hand. Die gleichen Symbole waren auch auf dem Altar eingraviert, der Alizeh gewidmet war, bei der unheimlichen Ruinenstadt auf Azythros. Ich muss an Ajax’ Lieblingsmärchen über die erste magische Königin denken und die Leichtigkeit, mit der ich plötzlich den Hyaxa töten konnte, als ich es … einfach wollte. Weil ich wusste, ich kontrolliere ihn. Und nicht er mich.
Was, wenn die Monster nicht uns erschaffen haben … sondern wir die Monster?
»Du sagst, Alizeh B’alam ist bloß ein Märchen«, murmle ich tief in Gedanken versunken und spiele mit der schweren Münze in meiner Hand. »Ein Mythos.«
»Natürlich.«
»Bist du dir sicher?«
Raes Augen schmälern sich. »Was meinst du?«
»Vergiss es.« Wieso rede ich überhaupt mit Rae? Ich sollte in ihrer Gegenwart meinen Mund nicht mehr öffnen. Sie ist eine Spionin und wird alles davon verwerten. Zu ihrem Vorteil. Oder dem ihrer Königin.
»Wir dürfen uns nicht mehr anlügen.« Rae legt mir eine Hand auf die Schulter und sucht meinen Blick. »Uns stehen schlimme Zeiten bevor. Noch haben die Monster niemanden angegriffen, doch das kann jede Sekunde passieren. Ich halte engen Kontakt zu einer Spionin in Azherdale. Wenn die Monster auf Festland treffen, werden sie möglicherweise dort zuerst landen. Wir wissen nicht, was sie vorhaben.«
Azherdale. Wenn die Monster Azherdale erreichen …
Zwei Wochen. Wie lange reisen die Monster über das Nordmeer? Für die Flugmonster sollte der Weg schnell zurückgelegt sein. Es sei denn, sie benötigen viel Rast. Aber wer weiß, was sie planen? Ob Titus ihnen einen Wegweiser mitgegeben hat? Ein Ziel? Einen Befehl?
»Wir müssen nun eine starke Allianz bilden, Xena«, unterbricht Rae meine Überlegungen. »Um zu überleben und diesen Kampf zu überstehen.«
»Ich bilde mit dir keine Allianz, Rae«, wiederhole ich mich mit Nachdruck. »Habe ich nicht und werde ich nie.«
Ernste Bekümmerung huscht über ihre Züge. »Dann werden wir alle untergehen.«
Nachdem Rae sich verabschiedet hat, warte ich ungeduldig auf meine Zofen. Um die Zeit sinnvoll zu vertreiben, dehne ich meine eingeschlafenen Muskeln und mache ein paar leichte Stärkungsübungen. Ich muss diese Scharade jetzt zügig durchziehen. Ein Bad brauche ich ohnehin, unter meinen Achseln stinkt es wie in der Flussgasse zum Frühlingsanfang, wenn das ganze Elend des Winters auftaut. Zudem benötige ich Kleidung und meine Waffen. Das Treffen mit Senka lasse ich schnell über mich ergehen, stelle mich bestenfalls taubstumm, und danach flüchte ich mit Ajax aus diesem Palast. Mit Magie oder ohne. Vielleicht fliege ich einfach auf Draka davon.
Für etwas muss diese Wandlung zum Monster ja gut sein.
Ich bin gerade bei meiner dritten Muskelübung, als es sanft an der Tür klopft. Sofort reiße ich sie auf und blicke in vier neugierige Augenpaare. Zwei Frauen und zwei Männer in gelben Leinengewändern mit Handtüchern auf den Armen und Wägelchen voller Hygienezubehör warten darauf, mit meiner Sanierung zu beginnen. Freundlich lächeln sie und sagen etwas auf Uxastisch, das ich nicht verstehe.
Ich nicke knapp und lasse sie ein. Mit scharfen Falkenaugen beobachte ich die Zofen und ihre flinken Finger, während sie meine Sachen auf dem Bett ablegen, das Bad präparieren und die Gemächer von Staub befreien, den offenbar nur sie sehen. Sie brauchen sich keine Mühe geben. Ich bleibe nicht lange. Als eine der Frauen vorsichtig an mich herantritt, flexe ich kampfbereit meine Muskeln. Lächelnd sieht die Zofe zu mir auf und sagt wieder etwas in ihrer Heimatsprache.
Ich zucke verständnislos mit den Schultern und deute auf meine Ohren.
Wissen sie nicht, woher ich stamme?
Das Lächeln der Frau wird noch ein wenig breiter. Mit ihren Händen formt sie etwas zu üppig meinen Körper nach und zeigt dann in Richtung Bad, aus dem nun heiße, wohlriechende Rauchschwaden dringen. Schließlich wird sie forscher und zupft an meinem Nachthemd.
Ich trete einen Schritt zurück. »Ihr wollt mich baden?«
Fragend legt die Frau ihren Kopf schief. Dann nimmt sie meine Hand, führt mich ins Badezimmer und deutet in die Wanne. Sie ist bis zum Rand mit dampfendem Blubberwasser gefüllt. Der süßlich-würzige Duft ist betörend. Und die zusätzliche Hitze des aufgekochten Badewassers ist nicht unangenehm. Im Gegenteil. Jede Wärme ist mir als Bewohnerin des Nordreichs Evrila willkommen. Meine Augen aber taxieren etwas anderes. Den Mann, der mit einem vollen Wasserkrug in der Hand auf dem Wannenrand sitzt und einladend lächelt. Verführerisch streifen seine Finger durch das schäumende Badewasser. Die übrigen beiden Zofen stehen beim Waschbecken, mit Seifen, Döschen und Waschlappen bewaffnet. Höflich grinsend warten sie darauf, dass ich mich entblöße und sie meinen nackten Körper abschrubben können.
Auf keinen Fall ziehe ich mich vor diesen Leuten aus und lasse mich von ihnen betatschen. Nackt und wehrlos in einer Wanne. Da mag dieses Wasser noch so verführerisch knistern und duften.
»Ich bade allein.« Ich verfinstere meinen Blick und verschränke die Arme vor meinem Oberkörper, damit die Fronten gleich geklärt sind. Mich fasst niemand an.
Aber ich ernte nur verständnislose Mienen.
Was ist daran so schwer zu kapieren?
Ich verhülle meine Brüste mit den Händen, ziehe ein empörtes Gesicht und stoße einen spitzen Schrei aus. Dann senke ich beschämt die Augenlider.
Die drei Zofen im Bad sehen sich ratlos an. Zum Glück versteht die Frau an meiner Seite meine theatralische Zeichensprache. Sie nickt verständnisvoll und bellt den anderen einen überraschend harschen Befehl zu. Offenbar führt sie den Reinigungstrupp an. Äußerst widerwillig verlassen die Zofen ihre Positionen und verdünnisieren sich aus dem Bad. Der Blick eines Mannes ist mir etwas zu anzüglich, und ich strafe ihn mit einem drohenden Zähnefletschen. Daraufhin beschleunigt er seinen Schritt und stolpert fast über die eigenen Füße.
Ja, ich bin ein Monster. Habt ruhig Angst vor mir.
Ich folge ihnen und dränge sie vorwärts. Bevor ich sie allesamt herauswerfen kann, tippt die Anführerin sich auf die Brust, sagt etwas und zeigt ihre offenen Handflächen. Ich soll mich offenbar bei ihr melden, wenn ich etwas brauche.
»Danke, aber das wird nicht nötig sein.« Energisch schiebe ich die Kolonne aus der Tür. Lächelnd und mit unterwürfig geneigten Köpfen trippeln sie rückwärts aus meinen Gemächern. Ich winke zum Abschied und knalle ihnen die Tür vor der Nase zu.
Erleichtert atme ich aus.
Das wäre erledigt.
Da die Tür sich nicht von innen abschließen lässt, ramme ich einen der Holzsessel unter den Knauf. Kopfschüttelnd kehre ich ins Bad zurück. Zofen, die meinen nackten Körper einseifen. So weit kommt es noch.
Ich reiße mir das Nachthemd vom Leib und gleite in die heiße Wanne. Verzückt seufze ich, während die wohltuende Hitze in all meine Poren dringt und die duftenden Badesalze erregend auf meiner Haut prickeln. Das hier muss ein Traum sein. Noch nie in meinem Leben lag ich in einer solch luxuriösen Wanne. Sie ist so groß, dass ich mich komplett ausstrecken kann. Die wunderbaren Düfte machen mich ganz schummrig und ich schließe glückselig die Augen. Leise zerplatzen die Blubberblasen.
Ich bin im Paradies der alten Götter.
Senka muss hier leben wie Munja – Uxastas verehrte Kriegsgöttin – höchstpersönlich. Diese Frau muss ich mit extremer Vorsicht genießen. Sie erwartet sicher niemanden, der ihr die Stirn bietet. Sich ihren Wünschen und Befehlen widersetzt. Gar Forderungen stellt. Doch sie hat mich noch nicht kennengelernt. Sie wird an mir verzweifeln. Und ihre wahre Gegnerin finden, sollte sie mich hier festhalten.
Ich gähne und strecke mich, lasse meine Arme über den Wannenrand baumeln und genieße den Ausblick über die Wüste. Ich bleibe so lange im Wasser, bis ich runzlig werde. Großzügig bediene ich mich an dem frischen Obst, das in einer Schale bereitliegt, und dem rubinroten Saft in der Glaskaraffe. Exotische Früchte, die ich nie gesehen habe, aber köstlich schmecken, und Traubensaft, der sanft meine Kehle herabrinnt. Mein Magen verlangt es. Ich sterbe vor Hunger. Warum sollte Gift darin sein? Rae hat mich zwei Wochen lang vergiftet. Wenn sie mich töten will, könnte sie das weitaus weniger umständlich bewerkstelligen.
Ich werde hier wahrlich wie eine Prinzessin behandelt. Senka will mich auf ihre Seite locken. Doch das wird nicht funktionieren. Egal, wie heiß und wohlriechend das Wasser ist, wie massiv die goldenen Füße der Badewanne oder edel und flauschig der Morgenmantel – für die Herrscher dieser Welt werde ich immer eine Sklavin sein. Und Ajax auch.
Nach einer gefühlten Ewigkeit steige ich widerstrebend aus der Wanne und wickle mich in eines der riesigen Handtücher. Dann trete ich auf den Balkon und lasse meine Haare vom heißen Wind trocknen. Dabei sehe ich mich genauer um. Doch ich erblicke nur Wüste. Ich beuge mich über das Geländer und entdecke ein Stück unter mir einen weiteren Balkon. Über mir hingegen ist die Dachkante. Rechts und links endet die glutrote Sandsteinmauer schon nach wenigen Metern. Es scheint, als befände ich mich in einem eckigen Turm, hoch oben. Ich habe keine Ahnung, wie der Palast von Uxasta aufgebaut ist. Doch ich werde recherchieren. Wenn man mich nicht freiwillig gehen lässt, muss ich die Wege kennen. Und wissen, wie ich durch diese gottverlassene Wüste komme. Mit einem heißen Feuermonster an der Seite.
Schade, dass ich kein Abkömmling des Yizolir bin und Eis produzieren kann.
Ich trete durch das Bad zurück ins Schlafzimmer und betrachte das uxastische Gewand, das die Zofen mir aufs Bett gelegt haben. Ein wirklich schickes Kleid aus fließender Seide in Gold und Schwarz mit feuerroten Applikationen. Schön … aber es gehört mir nicht. Zudem brauche ich auf der Flucht kein Kleid – schon gar nicht, wenn ich in einem Tornado fliehe. Es würde im Wind zerfetzen. Also lasse ich das elegante Gewand liegen und entscheide mich stattdessen für Cassias schwarze Rüstung, die mir bereits in vielen Situationen gut gedient hat. Sie hat Kämpfe überlebt, Eiswasser und Feuer getrotzt sowie etlichen Monstern. Jemand hat sie fachmännisch geflickt und das schützende Taillenkorsett poliert, sodass man die beschädigten Stellen kaum sieht. Das Leder war vom Monsternest total zerfleddert. Auch meine Machete aus Himmelseisen liegt auf dem Bettlaken, ebenfalls frisch geputzt. Und Cassias Zahnkette.
Ich steige in die wohlvertraute Rüstung, ziehe das Korsett stramm um meine Taille und schließe die Schnallen. Das weiche Leder schmiegt sich an meinen Körper wie eine zweite Haut. Vertraut und sicher. Ich fühle mich gleich stärker. Schließlich befestige ich die Machete am Hüftgürtel. Fehlt noch ein Speer. Und eine Handvoll Wurfmesser. Dann bin ich gut gerüstet für jeden Kampf, der mich erwarten wird.
Nachdenklich betrachte ich die Kette mit dem Monsterzahn. Anstatt sie anzulegen, stecke ich sie in einen Einschub der Rüstung. Ich habe zu ihr keine emotionale Bindung und sie ist mir nicht hilfreich, sondern eher lästig. Im Kampf verheddert sie sich ständig. Aber ich möchte sie auch nicht hierlassen. Etwas in mir … will sich nicht davon trennen.
Um mein Erscheinungsbild zu vervollständigen, flechte ich mir einen strammen Zopf, atme tief durch und streiche über das weiche Leder, das meine Brüste kleidet.
Ich bin wieder ich.
Nun ja. Bis auf den Finger. Aber lieber einen Finger als ein Bein.
Auf der Suche nach einem Spiegel finde ich mich im Bad wieder. Hinter der Tür ist ein wahrlich gigantisches Exemplar, das von der Decke bis zum Boden reicht. Spiegel sind für mich solch eine Seltenheit, dass ich zuvor nicht mal einen Blick hineingeworfen habe. Hätte ich es getan, hätte ich es nicht in die Wanne geschafft, weil ich mich von meinem Spiegelbild nicht hätte losreißen können.
Da sind sie. Meine Tornadoaugen. Ich sehe sie zum ersten Mal und kann kaum glauben, dass es tatsächlich meine Augen sind. Wie bei Ajax das Höllenfeuer lauert hinter dem Schiefergrau meiner Iriden ein tosender Wirbelsturm, der diese gesamte Welt in die Tiefe reißen könnte.
»Bei Cadall«, murmle ich und trete näher an das Glas. Ajax hat recht. Grau ist wunderschön. Schöner als jeder Regenbogen. Eine Million Schattierungen dieser Farbe, von Weiß bis Schwarz, tummeln sich in meinen Augen. Die Tornados sind im Hintergrund, fast nur zu erahnen. Sanft wirbeln sie umher. Ich will sie in Aktion sehen. Ohne dieses verdammte Eisen um meinen Hals.
Ich bin ein Halbmonster. Und stolz darauf.
Keine Waise. Keine Sklavin. Keine Gefangene. Wenn Senka uns nicht freilässt, werde ich mir den Weg in die Freiheit erkämpfen.
Ich zwinge den Blick von meinen Augen fort und betrachte den Rest von mir. Eine Kämpferin. Weniger abgemagert als nach zwei Wochen Bettlägerigkeit befürchtet. Auch Muskeln habe ich noch. Aber etwas … kommt mir eigenartig vor. Es ist mein Gesicht. Bis auf ein paar vereinzelte neue Narben von Kratzern und Schnitten und sonstigen Verletzungen durch die Monsterkämpfe sieht es aus wie früher. Doch …
Dann weiß ich es.
Brandblasen. Ich entdecke keine Brandblasen. Nicht mal die hauchfeine Narbe einer Verbrennung ist zu erkennen oder zu ertasten. Nichts. Rae hatte sie überall im Gesicht. Wieso ich nicht? Sie stand viel weiter weg vom Käfig. Ich befand mich direkt vor Ajax, als er seine Lippen öffnete, und muss alles frontal abbekommen haben. Ich werde wohl kaum eine bessere Heilung erhalten haben als Senkas oberste Spionin.
Wie ist das möglich?
Ich versuche mich zu erinnern, was geschehen ist, doch da sind bloß Flammen, die auf mich zuschießen, und eine unfassbare Hitze, die mir das Bewusstsein raubte …
Ich schüttle den Kopf. Das ist nun nicht mehr wichtig. Ich muss nach vorn sehen. Die Vergangenheit hinter mir lassen. Und dazu gehört auch Cassia. Hier und jetzt beschließe ich, wieder Xena zu sein. Nicht Xena, die Waise, oder Xena, die Diebin, sondern Xena, das Halbmonster. Das Luftmonster. Machtvoll und respektiert. Gefürchtet.
Dennoch wird Cassia nie ganz verschwinden. Sie wird stets ein Teil von mir sein und ich ein Teil von ihr. Cassia schenkt mir Stärke. Wie meine Rüstung. Sie ist mit mir verschmolzen, auf ewig.
Und daher weiß ich auch, dass ich ihre Fehler nicht wiederholen darf. Cassia starb, weil sie sich in Intrigen verstricken ließ. In royale Intrigen. Ich weiß nicht, warum sie diese Expedition antrat. Ob sie eine Monsterschlächterin auf der Jagd nach Monstern war, von dieser seltsamen Gruppierung beauftragt wurde oder aus einem ganz anderen Grund. Letzten Endes aber wurde sie von dem Prinzen mit dem Versprechen nach Macht und Gold eingewickelt und von der Prinzessin brutal ermordet. Sie hat die royale Familie unterschätzt und musste dafür mit ihrem Leben bezahlen.
Mir darf nicht das Gleiche geschehen.
Königin Senka B’alam gleicht einer Göttin. Ihre Schönheit blendet mich, sobald ich in die nachtschwarze Säulenhalle trete, in deren Mitte ein Thron aus massivem Gold jeden Ankömmling vor Ehrfurcht in die Knie zwingt. Der heiße Wüstenwind pfeift durch die perforierten Wände, fegt um die klobigen Kobra-Säulen und spielt mit meinem Haarzopf. Ich wünschte, ich könnte die hitzige Luft für mich gewinnen und kontrollieren. Dann müsste ich dieses Theater nicht durchziehen, bräuchte nur Ajax’ Geruch folgen und könnte türmen.
Ich nestle an dem Eisenhalsband, während ich an Raes Seite über den rubinroten Teppich schreite. Es ist so still in der gigantischen Halle, dass ich meinen Herzschlag überdeutlich höre. Vor Ajax könnte ich meine Angst nicht verbergen. Vor Senka aber will ich mir keine Blöße geben und unterlasse es, an der Fessel zu fummeln, straffe stattdessen die Schultern und hebe das Kinn.
Die Herrscherin über das Reich des Südens sitzt majestätisch auf ihrem klobigen Thron und taxiert mich schon aus der Ferne mit ihren giftgrünen Augen. Senka B’alam ist neunundzwanzig Jahre jung. Dennoch hat sie bereits große Schlachten gewonnen und auch verloren, um ihren Familiennamen gekämpft und ihn vor ihrer Verwandtschaft behauptet. Sie gilt als hinterlistig, überaus intelligent und skrupellos.
Eine Schlange.
Eindeutig ihre Lieblingstiere.
Wo ich auch hinsehe, begegnen sie mir. Fette Kobras in Säulenform mit goldenen Schuppen und weit aufgerissenen Mäulern, welche die schwarze Decke halten. Ein roter Läufer, der sich auf dem Weg zum Thron durch den ganzen Saal schlängelt, sodass man auf dem Weg zur Königin genügend Zeit hat, vor Neid und Ehrfurcht zu erblassen. Und schließlich Senkas Thron, bestehend aus Abertausenden von Schlangen, die sich umeinander winden, gegenseitig fressen und die Herrscherin in ihrem Sitz halten. Senka selbst umhüllt ein bodenlanges Kleid aus rubinrotem Schlangenleder, das sich wie eine zweite Haut an ihre zierliche Figur festsaugt. Wie viele Schlangen wohl für dieses Kleidungsstück sterben mussten? Die satte Farbe hebt sich drohend und effektvoll von Senkas schwarzem Körper ab, der üppig mit Gold geschmückt ist. Ihre langen feuerroten Haare glänzen im Licht der zahlreichen Fackeln, die den Raum aufheizen wie die glühende Sonne selbst.
Die Königin sieht aus wie Uxasta. Als habe sie ihr eigenes Reich verschluckt.
Als Rae zum Stillstand kommt und mir mit einer leichten Berührung am Arm zu verstehen gibt, keinen weiteren Schritt zu tun, entdecke ich noch eine andere Schlange. Eine sehr reale Schlange. Das um Senkas Hals ist kein Collier, sondern eine Kobra mit goldglänzenden Schuppen. Das elegante Tier taucht kurz in ihrem Dekolleté ab und reckt seinen Kopf in Höhe von Senkas Kehlkopf empor. Mit spitzen Zähnen faucht die Viper mich an, ihre gespaltene Zunge züngelt mir entgegen.
Da oben steht sie also. Senka B’alam, Königin von Uxasta. Diese Frau benötigt keine Krieger an ihrer Seite. Allein, mächtig und wunderschön. Sie ist mit der Macht verheiratet, hat weder Partner noch Kinder. Sie kann keine bekommen. Gerüchten zufolge hat das Gift ihrer Schlangen sie unfruchtbar gemacht. Ein Schicksal, das viele Herrscher Uxastas erleiden. Man sagt sich, Senka lebt nur für den Krieg der Könige. Und den Sieg, den sie einfahren will.
Ich muss mich vor ihr in Acht nehmen. Wenn Senka es geschafft hat, eine Spionin in Xalvadors Expedition zu schleusen und Rae Eclipse für sich zu gewinnen, wo doch ihre Eltern hohe Positionen im Palast Evrilas einnehmen … wenn überhaupt jemand so Verlogenes wie Rae für sie arbeitet, dann ist sie gefährlich. Auch für mich. Sie kennt alle Tricks.
Ich darf nicht auf einen von ihnen hereinfallen.
Rae sinkt vor der Königin auf die Knie, neigt ihren Kopf gen Boden und berührt mit der Stirn den Teppich. Ich schätze, von mir wird das Gleiche erwartet. Dem steinernen Ausdruck auf dem hübschen Gesicht der Herrscherin nach zu urteilen, so bald als möglich. Obwohl sich alles in mir sträubt, vor einer fremden Königin – überhaupt vor einem Herrscher dieser Welt oder Mitglied der B’alam-Familie – das Knie zu beugen, muss ich diese Scharade wohl oder übel durchziehen. Wenn ich jetzt nicht mitspiele, werde ich höchstwahrscheinlich in Eisenketten gelegt und in ein dunkles Verlies unter der Wüste gesperrt.
Senka ist listig. Und ich muss es auch sein.
Vorbildlich falle ich zu Boden und küsse den roten Teppich. Ich komme mir dabei lächerlich vor, aber wenn Senka darauf steht …
Als Rae wieder hochkommt, folge ich ihr. Ein entzückendes und zugleich mörderisches Lächeln breitet sich auf den Lippen der Königin aus. Sie haben die gleiche Farbe wie ihr Kleid. Rubinrot.
»Rae, meine Liebe«, säuselt sie mit einer Stimme wie eine betörende Schlange. Diese Stimme. Wenn ich auf Frauen stehen würde, wäre ich der Königin bereits verfallen. Melodisch, dunkel und mit heiserem Abgang. Leise genug, sodass man gezwungen wird, ihr genau zuzuhören, und doch so laut, dass jeder im Land ihren Befehlen folgen würde. »Du bringst mir die versprochene Waffe für die nahende Schlacht.«
Waffe? Ist das eine Beleidigung?
Waffe ist besser als Sklavin, also halte ich meinen Mund.
»Meine Königin«, wispert Rae untergeben. »Gebieterin über die schwarze Wüste und Bezwingerin der Sonnengöttin Râxy. Möge die glühende Sonnenscheibe dich in alle Ewigkeit küssen und der Biss der Schlange dir unendliche Macht verleihen.« Erst verzögert realisiere ich, dass die beiden in der gemeinen Sprache Evrilas sprechen. Die hochgestochene Variante zwar, die man in Zarikée und gehobenen Kreisen nutzt, getränkt in einem schweren Akzent, aber wenigstens verstehe ich jedes Wort. »Ich präsentiere Euch Xena, die Humani Magik Aeri, von der ich Euch berichtete. Sie hat eine lange und beschwerliche Reise hinter sich, die Audienz mit Euch konnte sie jedoch nicht erwarten. Sie ist überaus dankbar für Eure Gastfreundschaft. Eure Exzellenz lässt sie in Ehrfurcht erblassen.«
Rae ist eine herausragende Lügnerin. Bei ihr kann ich mir einiges abschauen.
Senkas grüne Augen taxieren mich, wie eine Viper ihre Beute ins Visier nimmt. »Ist das wahr?« Die Schlange um ihren Hals imitiert ihren stechenden Blick aus kleinen giftgrünen Äuglein und lässt ihre Zunge kreisen. »Dieses Mädchen, das du mir hier präsentierst, wirkt eher … ungeduldig. Und wütend. Gilt deine Wut mir?«
»Mein Name ist Xena.« Meine Stimme ist fest und laut und definitiv Cassia-würdig, hallt von den Wänden und Kobrasäulen wider. Rae zieht leise die Luft ein. Sicher bin ich in ein royales Fettnäpfchen getreten. War es dreist von mir, ungefragt den Mund zu öffnen? Dann wird es jetzt noch ein wenig dreister. »Und ich bin kein Mädchen, sondern eine Frau.«
Senkas Augenbraue wölbt sich verwundert empor, wie eine hauchdünne Schlange. Ich erwarte schon, dass die Königin mich augenblicklich zum Tode durch Gift verurteilt, stattdessen heben sich ihre Mundwinkel zu einem hinterlistigen Lächeln. »Du gefällst mir.«
Ich gefalle ihr?
Ist das … gut?
In einer geschmeidigen Bewegung erhebt die Herrscherin sich und gleitet die Stufen ihres Throns hinab wie ein ätherisches Wesen, das nicht den Boden berühren muss. Die Viper schlängelt sich in ihr feuerrotes Haar, ein wachsames Auge stets auf mich gerichtet. Senka bleibt vor mir stehen und ihre Präsenz ist überwältigend. Sie ist nicht sonderlich groß gewachsen, doch sie umgibt eine Aura, der man sich schwer entziehen kann. Und ihr Duft ist betörend …
»Xena«, schnurrt sie und streicht mit ihren warmen Fingern über meine Wange. Ich möchte gern zurückzucken, aber ich kann nicht. Senka benötigt keine Waffen oder Monsterfähigkeiten. Ihre Stimme, ihr Parfüm und ihre alleinige Präsenz reichen aus, damit man sich ihr ergibt. »Du hast eine außerordentliche Macht in dir. Eine Macht, nach der ich mich schon lange sehne.«
»Ach, wirklich?« Mehr bringe ich nicht hervor. Fast vergesse ich, warum ich hier bin, während ich in Senkas giftgrünen Augen versinke und ihr Duft sich in meiner Lunge ausbreitet.
»Eine Humani Magik Aeri«, wispert sie und streicht über mein Haar, als wäre ich ein exotisches Wildtier, das von seiner neuen Herrin auf Schäden begutachtet wird. »Ihr seid so schwer zu greifen wie ein Windhauch. Das letzte Mal hatte meine Ururgroßtante Vesyn B’alam ein Halbmonster der Luft in ihrer Gewalt. Das war vor vierhundert Jahren. Mit ihm an ihrer Seite nahm sie beinahe Koralia ein. Doch das Blaue Herz ist eigenwillig und möchte nicht eingenommen werden …« Ein verträumter Ausdruck weicht ihre Züge auf, ihre Finger gleiten abwesend durch mein Haar. Die scharfen Fingernägel kratzen meinen Nacken. Dennoch fühlt es sich nicht unangenehm an. Ich würde ihre Hände gern überall spüren … »Aber wir werden es einnehmen«, flüstert sie und haucht einen Kuss auf meine Lippen. Jetzt verstehe ich, wieso Rae sich für sie prostituiert. Diese Frau ist eine tödliche Verführerin. »Du und ich … wir werden diese Welt in die Knie zwingen. Die Königin und ihr Monster. Wie Titia und Calliope. Nur mächtiger.«
Senka nimmt wieder Abstand und ich schüttle irritiert den Kopf. Ich fühle mich … schummrig. Betrunken fast. Als habe ich es mit dem Rum übertrieben. Instinktiv lege ich meine Finger an die Lippen. Als ich sie zurücknehme, haftet rubinrote Farbe an den Fingerkuppen. Senkas Lippenstift. Er schmeckt süß und scharf zugleich. Hat sie mich vergiftet?
»Rae berichtete mir, dass du Ajax, den Flammenwerfer, verführt hast. Ihn mit deinen …« Senkas Blick gleitet eingehend über meinen Körper, und das belustigte Zucken ihrer Augenbrauen ist definitiv beleidigend. »… verborgenen Reizen betörtest. Einen mächtigen Krieger, der meine halbe Armee auslöschte. Eine überaus nützliche Fähigkeit. Sicherlich wirst du Ajax überzeugen können, an meiner Seite zu kämpfen.«
»Gegen wen?«
»Meine Feinde.«
Ich tausche einen Blick mit Rae. Sie wirkt sichtlich nervös. Ihre Königin scheint der Spionin ordentlich Respekt einzuflößen. Wahrscheinlich fürchtet sie, ich werde sie blamieren und es fällt auf sie zurück. Und genau das wird auch passieren.
»Ich dachte, es geht hier um die Monster«, wende ich mich abermals an die Königin. »Ihr wisst schon. Die gruseligen Biester, die im Anflug auf unseren Kontinent sind. Glaubt mir, Eure …« Ich imitiere ihre beleidigende Musterung. »… Exzellenz. Ich war in deren Nest und mit diesen Viechern ist nicht zu spaßen. Ein bisschen so wie Euer putziges Haustier hier.« Ich strecke meinen Finger aus und die Schlange faucht mich zornig an. Schnell ziehe ich ihn wieder zurück. Ich will nicht noch einen verlieren.
Senka streichelt besänftigend über den Kopf der Viper. »So grauenerregend die Monster auf gewöhnliche Geschöpfe wirken mögen, letztendlich lebt ein Teil von ihnen auch in dir. Und so wie du, können sie uns nützlich sein.« Die Schlange hört endlich auf, mich anzufauchen, und verschwindet tief in Senkas Ausschnitt. »Es wäre dumm, sie nicht für unsere Zwecke zu gebrauchen. Die Monster sind Teil meines Plans. Teil der kommenden Schlacht. Sie sind die Vorhut. Und wenn sie ihre Aufgabe erledigt haben, empfangen wir sie mit offenen Armen.«
Blinzelnd hebe ich meinen Blick von dem wohlgeformten Brustansatz der Königin, aus dem der zuckende Schwanz der Viper ragt. »Ihr wartet also geduldig ab, bis die Monster den Norden verwüstet haben, und hofft, dass sie gesättigt sind, wenn sie Uxastas Grenzen erreichen?«
Auf Senkas Lippen breitet sich ein zufriedenes Lächeln aus. »Du sprichst meine Sprache, Xena.«
Ich würde sie gern mit ihrer eigenen Schlange erwürgen.
»Doch falls die Biester nach ihrem Schlemmer-Fest noch immer auf Blut aus sind, so haben wir nun zwei Halbmonster mit außergewöhnlichen Fähigkeiten.« Verzückung glitzert in ihren Augen, als sie meinen Körper abermals einer visuellen Prüfung unterzieht. »Ihr könnt Monster töten. Sie kontrollieren.«
»Sie kontrollieren?« Kurz taucht Titus in meinem Kopf auf. Ich sehe ihn, vom Blitz des Zerriza Fata angestrahlt. Mein Pfeil schießt auf ihn zu und der Wissenschaftler stürzt vom Berg. Im selben Moment macht das Monster eine rasante Kehrtwende und beide verschwinden in der rauchigen Dunkelheit.
Was ist mit Titus geschehen? Hat mein Pfeil ihn getroffen? Liegt er zerschellt am Fuße des Gebirges, das das Monsternest umgibt?
Er muss tot sein.
Oder?
Senka lächelt geheimnisvoll, ohne weiter darauf einzugehen. »Alles zu seiner Zeit.« Sie nimmt meine linke Hand und streichelt andächtig über den Lapislazuli-Ring. »Du bist erst kürzlich mit deinem Monster konfrontiert worden. Deine Eltern sind dir unbekannt.«
»Ich bin eine Waise.« Ich entziehe ihr meine Hand, auch wenn es mir schwerfällt. Die Königin hat etwas Hypnotisierendes an sich. Oder … ist es ihr Parfüm? Ein Aphrodisiakum? Ähnliche Düfte habe ich im Bad gerochen.
Ja. Eindeutig ein Aphrodisiakum. Selbst ohne meine Monsterfähigkeiten kann ich das erschnüffeln.
Ich atme nur noch flach, um bei klarem Verstand zu bleiben.
»Ich werde aus dir eine große Kriegerin machen«, verkündet Senka voll Inbrunst und legt eine zierliche Hand auf meine Schulter. Ihre Schlange streckt neugierig den Kopf zwischen ihren Brüsten hervor. »Kein anderer Herrscher würde dich behandeln, wie ich dich behandeln werde. Du wirst von mir Respekt erfahren. Reichtum und Ruhm erlangen. Gold und Ansehen … all das wird bald dein sein.«
»Werde ich auch gefragt?« Die Diebin in mir könnte fast schwach werden, aber die Kriegerin, die ich in den letzten Wochen geworden bin, erkennt das grausame Schicksal hinter den hübschen Worten.
Eine Sklavin im goldenen Käfig.
Senka lacht herzlich. Ihre Viper zischt. »Möchtest du an meiner Seite kämpfen, Xena?«, fragt sie mit ihrer verführerischen Stimme.
»Ich werde es mir überlegen.«
Am liebsten würde ich ihr ins Gesicht werfen, dass ich ihr niemals dienen werde, egal, wie viel sie mir bietet. Doch ich komme aus dieser Sache nur raus, wenn ich ebenso hinterlistig bin wie die Königin des Südens. Auf keinen Fall darf ich ihr Angebot gleich abschmettern. Dann wird ihre Viper mich fressen. Ich muss Senka hinhalten und Zeit schinden, damit ich Ajax befreien und eine Flucht planen kann. Dafür benötige ich meine Freiheit und Senkas Vertrauen. Ich muss mitspielen. Ein Theaterstück. Wie während ich Cassia mimte.
Ich muss mit ihren Mitteln kämpfen.
Senkas giftige Augen aber verengen sich bedrohlich und ihr Lächeln schwindet. »Du solltest vor mir auf die Knie gehen, Monster!«, faucht sie, begleitet vom Zischeln ihrer Schlange. Ihre spitzen Fingernägel graben sich in meine Schulter. »Meine Füße küssen, dass ich dir solch ein Angebot mache!« Ah. Da ist er ja, Senkas wahrer Kern. »Auf die Knie!«
Die Schlange zuckt vor, streckt ihre gespaltene Zunge nach mir aus und ich sinke widerstrebend zu Boden.
»Ich gewähre dir Bedenkzeit, Xena. Drei Sekunden.« Senkas Viper schlängelt sich zu mir hinab. Ich könnte schwören, sie grinst mich hämisch an. »Überleg dir deine Antwort gut.«
Ich schlucke schwer.
»Eins.«
Die Zunge der Viper schnellt vor und leckt über meine Nasenspitze. Ihre spitzen Giftzähne blitzen auf.
»Zwei.«
»Ich nehme Euer Angebot an«, bringe ich hastig hervor, bevor die Schlange ihr Gift in meine Nase spritzt. Diese Frau lässt sich nicht vorführen. Ich bin zu weit gegangen. Nächstes Mal weiß ich es besser. »Es ist mir eine Ehre, für Euch zu kämpfen, Eure Exzellenz.«
»Komm hoch«, befiehlt die Königin und erlöst mich aus meiner unwürdigen Position. Sanft umfasst sie mein Kinn, betrachtet mich so intensiv, dass mich ihr Duft wieder einhüllt und ganz schwindlig macht. »Du lügst, Xena. Ich sehe es in deinen stürmischen Augen.« Sie schnalzt mit der Zunge und ihre Schlange faucht. »Ich finde es schade, dass unsere zukünftige Partnerschaft auf Lügen basiert.« Sie lässt mich los und tritt einen Schritt zurück. Da ist keine Freundlichkeit mehr in ihrem Gesicht, es ist wie in Stein gemeißelt, kalt und berechnend. »Ich zeichne dir nun zwei Szenarien auf, unter denen du wählen kannst. Entscheide weise.« Sie kratzt mit ihren roten Fingernägeln über die goldenen Schuppen ihrer Kobra. Die Schlange windet sich genießerisch unter ihrer Berührung. »In der ersten Realität wirst du mit Ajax an meiner Seite kämpfen, bis wir siegen. Oder sterben. In der zweiten Realität wird dein geliebter Flammenwerfer in meine Schlangengrube geworfen. Und verlass dich drauf, meine Schlangen sind immer hungrig – und lieben das Feuer.«
Sie erpresst mich. Senka erpresst mich mit Ajax. Sie weiß, was er mir bedeutet, und das kann sie nur von Rae wissen.
Ajax ist meine Schwachstelle. Wann ist das passiert?
»Ich gebe dir drei Sekunden Zeit für eine Wahl.« Senkas Schlange windet sich um ihren Arm und schlängelt sich erneut in meine Richtung.
»Ich wähle Szenario eins«, knurre ich und werfe Rae einen bösen Seitenblick zu. Sie soll noch ein Mal von Vertrauen sprechen.
»Das hätten wir auch friedlicher haben können.« Senka steckt einen Finger in das Maul ihrer Schlange und das Biest knabbert daran. »Überleg dir das nächste Mal gut, bevor du mich anlügst. Meine Shyva hasst Lügner.« Die Viper faucht bestätigend. »Und liebt das Blut von Monstern.«
Wahrscheinlich, weil sie selbst eines ist.
»Besiegeln wir unsere Partnerschaft mit unserem Blut.« Senka zückt eine Athame aus geschliffenem Rubin und packt meine Hand. Bevor ich mir eine angemessene Reaktion überlegen kann, die nicht mit meinem Gifttod endet, hat die Königin bereits meine Haut aufgeschlitzt und mein Blut in ein schwarzes Gefäß geträufelt. Sie wiederholt das Gleiche bei ihrer Hand und schüttelt das Behältnis wie einen leckeren Cocktail. »Sei an meiner Seite bis zu deinem Tod, Xena. Und Ajax wird leben. Hintergehe mich – und das Feuermonster wird seinen letzten brennenden Atemzug getan haben.«
Nachdem wir Senkas Schlangenhöhle verlassen haben, schreiten wir zügig durch die schwarz-roten Korridore des Palasts. Befreit von dem betörenden Parfüm der Königin und ihrer einschüchternden Präsenz lasse ich meiner Wut freien Lauf.
»Du bist eine verlogene Schlange, Rae!«, fauche ich. »Sie erpresst mich mit Ajax. Das war deine Idee!«
»Ich wusste, wie du reagieren wirst, wenn Senka dich bittet, für sie zu kämpfen.« Rae zeigt nicht den Hauch von Schuldbewusstsein, während sie mich zielstrebig durch den verwirrenden Palast führt. »Zu unser aller Wohl – auch zu deinem – habe ich ihr daher ein Druckmittel an die Hand gegeben.«
Ich unterbreche Raes strammen Schritt, packe ihren Arm und drehe sie zu mir herum, damit ich in ihre trügerischen Augen sehen kann. »Du solltest aufpassen, wen du dir zum Feind machst.« Einige Krieger, die an uns vorübergehen, mustern uns argwöhnisch, und ich dränge die Spionin hinter eine goldene Kobrasäule. »Und ich rede nicht nur von mir. Ajax ist ein Krieger, abgerichtet, um zu töten. Ihr unterschätzt seine Fähigkeiten.«
»Ich sorge dafür, dass du am Leben bleibst. Dass ihr beide am Leben bleibt.« Rae entfernt meine Finger aus dem Leder ihrer Schlangenrüstung und schielt zu den Kriegern, die stehen geblieben sind, ihre Hände angriffsbereit an den Waffen. Energisch nickt sie die Männer weiter. Sie gehorchen sofort und ich frage mich, wieso. Als fremdländische Spionin arbeitet Rae im Verborgenen. »Ohne mich würdet ihr bereits in einer Schlangengrube kauern«, fährt sie gedämpft fort. »Du möchtest nicht deinen ärgsten Feind in einer Schlangengrube sehen.«
»Ohne dich wäre ich gar nicht hier!« Hektisch zerre ich an dem Eisenhalsband, das mein Monster einsperrt. Es will raus und Rae die Luft rauben.
»Richtig. Du wärst längst von Nikita ermordet worden.« Rae wartet, bis uns eine Gruppe nobel gekleideter Menschen mit üppigem Goldschmuck passiert hat. Doch mir ist egal, ob jemand unser Gespräch belauscht. Scheißegal. »Ich habe sie dir ständig vom Hals gehalten.«
Ich lasse knurrend von der Fessel ab. »Tu nicht so, als wärst du meine Freundin. Du warst nur auf meine Fähigkeiten scharf, damit du deine Königin beeindrucken kannst.«
»Ich bin nicht deine Feindin. Und das ist alles, was du wissen musst.« Sie packt mein Handgelenk mit erstaunlicher Kraft und zerrt mich weiter. »Ich bringe dich jetzt zu Ajax. Danach folgst du Senkas Befehlen. Momentan ist das der einzige Weg, der nicht mit deinem gewaltsamen Tod endet. Ich wünschte, du würdest das sehen.«
»Senkas Befehlen folgen?« Schnaubend entreiße ich mich ihrem Griff und passe mich ihrem forschen Schritt an. »Diese Frau ist eine hinterlistige Schlange. Sie will die Welt verrecken lassen und sich auf dem Kontinent breitmachen. Sie ist grausam!«
»So wie alle Herrscher. So wie die Monster, die bald kommen werden. So wie wir.« Raes Stimme verhärtet sich, ihre Züge ernst und erwachsen. »Wir haben beide getötet. Und wir werden noch töten. Die Frage ist, wofür. Und wem wir Loyalität schwören.«
»Du hast Senka Loyalität geschworen.« Forschend suche ich ihren Blick, aber die Spionin sieht starr geradeaus. »Warum? Du stammst aus Evrila. Deine Eltern arbeiten für König Arslan. Was treibt dich in die Arme von Senka B’alam?«
»Zeig uns deine ungeteilte Loyalität und du wirst eingeweiht.« Sie weicht meiner Frage aus. Für mich eine Bestätigung, dass Rae weitere dunkle Geheimnisse mit sich herumträgt. »Irgendwem musst du dienen, Xena. Irgendwem wirst du dienen. Xalvador Arslan. Adasi Yan Shah. Du bist ein Halbmonster. Das ist dein Schicksal.«
»Du bestimmst nicht über mein Schicksal, Rae!« Nah am Griff meiner Machete balle ich die Hand zur Faust. Ich muss mich zwingen, Rae nicht anzugreifen. »Niemand tut das. Verstanden?«
Die Spionin schweigt und behält ihren forschen Schritt bei.
Während ich in meinem Kopf Szenarien durchspiele, in denen ich es Rae heimzahle, durchschreiten wir reizend-verspielte Patios und aufwendig gestaltete Innenhöfe, welche die strenge und ehrfurchtgebietende Eintönigkeit des Palasts aufbrechen. Es sind wahre Oasen, mit ausgewachsenen Palmen, die vor der Sonne schützen, Wasserlöchern zum Erfrischen und exotischen Blumen, die ihren lieblichen Duft versprühen. Menschen lassen sich in den künstlichen Seen entspannt treiben, unterhalten sich lachend und wedeln sich mit schmuckvollen Fächern Luft zu. Der Palast wirkt wie eine kleine Stadt. Und die Stimmung ist erstaunlich heiter. Die Neuigkeit von den nahenden Monstern hat wohl noch nicht die Runde gemacht. Dennoch spüre ich ihre Blicke. Sie sind nicht ängstlich, eher neugierig oder gar bewundernd. Sie wissen, wer ich bin. Was ich bin. Das Eisen um meinen Hals ist ziemlich eindeutig. Vielleicht hat Senka ihnen versprochen, dass ich den ersehnten Sieg bringen werde.
»Wie lange dauert es noch?« Die Ungeduld frisst mich auf.
Aber Rae antwortet nicht. Wir schreiten unter einem spitz zulaufenden Torbogen hindurch, der von vier Wachen umstellt ist. Sie sind mit Sicheln und Speeren bewaffnet und neigen vor Rae respektvoll ihre Köpfe. Eine Wendeltreppe erwartet uns, die schier endlos in den Himmel strebt. Ich zähle die Stufen, werde aber bald schon müde und verzähle mich. Der gesamte Turm besteht aus feuerrotem Sandstein. Vereinzelt liegen schwarze Sandkörner auf den Treppenstufen. Das ist das erste Mal, dass ich Dreck sehe. Senkas Palast ist penibel sauber.
Oben angekommen, geht mein Atem schwer und unregelmäßig, meine Waden schmerzen. Zwei Wochen Bettlägerigkeit haben mich meiner Kondition beraubt. Ich muss meinen Körper in Form bringen. Dringend.
»Bitte erschrick nicht, wenn du Ajax siehst.« Rae nimmt einen Schlüssel von einem Haken an der Wand und steckt ihn ins Schloss der massiven, nietenbesetzten Eisentür. »Er ist … ein Monster.«
»Ich kenne mich mit Monstern aus.« Ich schiebe mich dicht hinter sie. Zu gern würde ich Rae die Treppe hinunterstoßen und sofort mit Ajax fliehen. Doch ich darf nicht kopflos handeln. Sonst vereitle ich unsere Flucht, bevor sie beginnt. »Ajax ist keines.«
»Seine Flammen hätten uns fast verschlungen.« Rae betastet die Narben an ihrem Hals. Solch eine Brandverletzung muss starke Schmerzen hervorrufen. Wieso erinnere ich mich nicht daran?
»Ich habe keine einzige Brandnarbe an meinem Körper gefunden.«
