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"Ich werde nicht zulassen, dass du stirbst, denn ich werde derjenige sein, der dich tötet!" Es ist viel Zeit vergangen seit Jeremys Tod, doch nicht genug für Kaname und Rae, die trotz des großen Verlustes versuchen weiterzuleben. Dementsprechend wütend reagieren sie, als Kanames Schwester Lucia erzählt, sie habe Jeremy gesehen, und zwar quicklebendig! Trotzdem lässt sie der Gedanke nicht los und sie begeben sich auf die Suche. Und tatsächlich: Jeremy lebt und kennt darüber hinaus noch, was er jahrelang herauszufinden versucht hat, nämlich seine wahre Herkunft. Die führt sie in die raue und magische Welt Arkadien, in der eine Menge Überraschungen auf sie warten. Erlebe das überraschende Ende der Trilogie, so wie du es nie erwartet hättest!
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Seitenzahl: 738
Veröffentlichungsjahr: 2018
JESSICA PÄSCHKES
Shadownight Band 3
Entfesselt
Die Shadownight Trilogie
Shadownight Erinnerungen
Shadownight Ewiges Leben
Shadownight Entfesselt
1. Auflage
Deutsche Erstausgabe
© 2018 Jessica Päschkes
Alle Rechte vorbehalten. All rights reserved.
Druck & Verlag: tredition GmbH,
Halenreie 40 - 44, 22359 Hamburg
Umschlaggestaltung: Jessica Päschkes
Umschlagfoto: © Olbor-fotolia.com
Layout: Jessica Päschkes
Korrektur: Jessica Päschkes
ISBN-978-3-7345-6043-9 (Paperback)
ISBN-978-3-7345-6044-6 (Hardcover)
ISBN-978-3-7345-6045-3 (e-Book)
Inhalt
Prolog
1. Alles wie früher
2. Der Doppelgänger
3. Finden, was nicht gefunden werden will
4. Weder Himmel noch Hölle
5. Ein ganz normaler Tag
6. Fremde Heimat
7. Wer ist Jeremy Monroe?
8. Aufbruch
9. Die Wälder von Thelas
10. Tahne
11. Ein Pfad aus Schlangen
12. Die einsame Laterne
13. Der verlorene Teil kehrt zurück
14. Ein Schloss voller Masken
15. Vorbereitungen für ein Fest
16. Das Maskenfest
17. Wie ein Lauffeuer
18. Ein Lager voller Wölfe
19. Reiche dem Feind die Hand…
20. …und du wirst sie verlieren
21. Alle Grenzen hinweggefegt
22. Ein Becher voll Wein, vertreibt die Sorgen fein
23. Die Achillesferse eines Dämonenkönigs
24. Der Seelensammler
25. Kalte Winde
26. Das Schreien der Stille
27. Blut, Feuer und Eisen
28. Lang lebe der König
29. Ein Gebet an das Meer
30. Der letzte sichere Hafen
31. Kinder der Schatten
32. Die Ruhe vor dem Sturm
33. Der Donner des Krieges
34. Seelentanz
35. ath´randuel
36. Epitaph
Epilog
Nachwort
Der Arkadien Guide
Prolog
Immer wieder tauchten aus dem endlosen Weiß Formen und Gestalten in der Ferne auf. Ihre Silhouetten verschwammen, als läge die Landschaft in dichtem Nebel.
Die Wesen, die hier leben, haben keinen Platz auf der Seite der Lebenden und keinen Platz auf der Seite der Toten. Dies ist ihre Welt und wenn du nicht Acht auf dich gibst, stehlen sie dir deine Seele. Dies war Corelines Stimme. Dieses kleine Mädchen versuchte Kontakt zu Jeremy aufzunehmen. Immer wieder. Doch egal wie weit er lief, Jeremy konnte sie einfach nicht finden. Schon hunderte Male hätte er verhungern oder verdursten müssen. Jeremys Hals scheuerte wie Sandpapier und sein Magen zog sich krampfhaft zusammen. Er war einfach zu dem Schluss gelangt, dass man in dieser Welt nicht sterben konnte.
„Coreline!“, versuchte Jeremy zu schreien. Doch ihn befiel augenblicklich ein Hustenanfall. „Wo bist du?“ Natürlich folgte keine Antwort. Der einzige Hinweis, den Jeremy bekam, war Corelines Stimme in seinem Kopf, die ihn immer wieder vor den Wesen hier warnte. Jeremy konnte sich jedoch nicht vorstellen, wie er sie daran hindern sollte ihn anzugreifen. Wenn er eine dieser Kreaturen mal zu Gesicht bekam, wirkten sie unantastbar. Als wären sie gegen alles Immun, konnten mit ihm jedoch machen was sie wollten.
Schlagartig hielt Jeremy den Atem an. Sein Blick war an das gefesselt, was unmittelbar vor ihm aufgetaucht war. Riesige grau-weiße Hochhäuser, eine Straße aus weißem Teer. Eine Metropole, wie er sie nur zu gut kannte.
„Das ist New York“, flüsterte er. Die Hochhäuser waren nicht mehr intakt. Ihre massigen Körper neigten sich zur Seite, ihre Dächer waren abgerissen worden. Nur noch Stahlträger und chaotisch abstehender Beton ragten wie Stacheln von ihnen auf. Die Läden, an denen Jeremy vorbeistreifte, blieben dunkel. Keine Menschenseele war hier. Natürlich nicht, dachte Jeremy verächtlich, diese Welt gönnt mir keine Gesellschaft. Langsam genoss er den kurzen Moment in dieser Stadt. Es war eine angenehme Abwechslung zu der ewig weiten Landschaft, die sich ihm sonst bot.
Doch gleichzeitig beschlich ihn eine Unruhe, die ihm immer wieder klar machte, dass dieses Gebilde, in dem er sich befand, sofort wieder im Rauch verschwinden könnte. Ein paar Mal war er versucht zu einer der Türen zu gehen, um sie zu öffnen. Doch er tat es nicht. Sie würden ohnehin verschwinden. Hier!, erklang plötzlich Corelines Stimme. Jeremy musste sich fast den Kopf festhalten, weil sie so laut gewesen war. So laut wie noch nie zuvor. Jeremy schaute geradeaus. Dort war nichts. Er verlangsamte seinen Schritt, bis er stehen blieb.
Plötzlich vernahm er ein seltsames Geräusch. Völlig aufgeregt drehte er sich um. Schaute nach links, nach rechts. In dieser Welt hatte Jeremy noch nie ein Geräusch gehört, bis auf seine eigene Stimme und die von Coreline. Es klang wie ein kaltes Quietschen. Wie eine… alte Schaukel.
Er rannte los. Jeremys Herz wummerte vor Aufregung. Weiter die Straße entlang. Das Quietschen wurde lauter.
„Bitte, bitte! Lass es sie sein!“, flehte Jeremy, als er um eine scharfe Ecke bog. Beeil dich!, rief Coreline. Die Sorge in ihrer Stimme brachte Jeremy dazu, sich kurz umzudrehen. Wie er gedacht hatte, alles löste sich langsam in milchigen Rauch auf. Jeremy versuchte schneller zu werden, doch er lief schon so schnell er konnte.
Das Geräusch war direkt vor ihm. Jeremy wandte sich nach links. Dort lag ein alter Spielplatz. Abrupt kam er zum Stehen.
Der weiße Lack blätterte von den Spielgeräten und schwirrte als kleine Schnipsel umher. Das quietschende Geräusch kam tatsächlich von einer hölzernen Schaukel, auf der Coreline saß. Ihre aufgerissenen leeren Höhlen, die einmal Augen gewesen waren, jagten Jeremy einen Schauer über den Rücken, genau wie damals. Er trat näher und versuchte etwas Vertrauen für diese Gestalt aufzubringen.
Als Jeremy sich noch einmal umdrehte, konnte er gerade noch beobachten, wie sich das letzte Gebäude auflöste. Die Panik erfasste ihn, denn der Spielplatz würde sich ebenfalls auflösen.
„Jeremy!“, schrie Coreline und zeigte auf etwas hinter ihm. Er wirbelte herum und schreckte zurück, als etwas Großes sich vor ihm aufbäumte und seine lange Schnauze öffnete, sodass seine spitzen Zähne aufblitzten. Jeremy erkannte es sofort. Es war eines dieser Wesen, die ihn seit seiner Ankunft hier verfolgten und nur auf den richtigen Moment abgewartet hatten, um zuzuschlagen.
& 1 &
Alles wie früher
& 2013/New York &
Rae musste feststellen, dass es keine gute Idee war in einem Kleid zu rennen. Vor allem nicht in einem Cocktailkleid.
Sie stieß die Tür auf, als wäre es ein lästiges Hindernis und schnappte sich die Krawatte, die über einem der Stühle im Speisesaal hing. Genauso schnell verschwand sie auch wieder und bestieg den Aufzug. Ungeduldig wippte sie auf ihren Absätzen.
Die Türen öffneten sich und Rae machte sich auf den Weg zurück zur Limousine, vor der Kaname völlig nervös wartete. Er empfing sie mit einem Kuss und nahm die Krawatte entgegen.
„Danke, du bist wirklich ein Schatz. Ich hätte sie niemals gefunden.“ Kaname öffnete ihr die Tür und Rae stieg ein, direkt gefolgt von Kaname, der, noch bevor die Tür richtig geschlossen war, Sebastian anbrüllte er solle endlich losfahren.
Rae seufzte, während sie verzweifelt versuchte sich zu entspannen. Sie waren sowieso schon zu spät und dann musste Kaname auch noch seine Kravatte vergessen. Doch, wie Rae lernen musste, war zu spät kommen eine Notwendigkeit, um seinen Stil zu beweisen. Sie fand es bescheuert. Nur kam ihnen diese seltsame Sitte diesmal sehr gelegen.
Rae nahm die Krawatte und begann sie Kaname umzubinden. Sie spürte, wie er sie anstarrte. Augenblicklich durchflutete sie eine enorme Hitze. Als sie den Schlips festzog, erwiderte sie seinen Blick.
„Was ist?“, fragte Rae mit einem Lächeln, welches nicht verschwinden wollte. Kaname wandte sich ab und setzte eine unschuldige Miene auf.
„Gar nichts…“
Der Wagen kam zum Stehen. Ein Butler öffnete ihnen die Tür und hieß sie willkommen. Rae lächelte und bedankte sich. Als sie über den Teppich in das riesige Hotel schritten, verschränkte Kaname seine langen dünnen Finger mit ihren. Mit der freien Hand schob Rae sich eine Strähne aus dem Gesicht, welche sich aus ihren hochgesteckten Haaren gelöst hatte.
Das Foyer war riesengroß und prunkvoll gestaltet. Rae staunte aus großen Augen, während Kaname sich wohl nach dem Buffet umschaute. Für ihn ist so eine Hoteleröffnung auch nichts Neues, dachte Rae. Sie verstand, dass er nicht so viel Begeisterung aufbringen konnte wie sie.
„Aha!“, rief Kaname plötzlich und tappte in Richtung des breit aufgemachten Buffets. Jeremy würde sich jetzt sicher über die schicke Kleidung und die übertriebene, falsche Höflichkeit lustig machen, schoss es ihr durch den Kopf. Raes Lächeln verschwand sofort.
An Jeremy zu denken schmerzte noch immer. Auch wenn sie ständig versuchte dieses mulmige Gefühl abzuschütteln, damit sie immer an ihn denken konnte, schaffte sie es nicht. Und jedes Mal, wenn sie plötzlich an Jeremy denken musste, versetzte es ihr einen Messerstich mitten ins Herz.
Rae legte ihre Hand auf das Schlüsseltattoo, atmete tief durch und machte sich auf den Weg zu ihrem Freund. Er schüttelte gerade einem jungen Geschäftsmann, wie es aussah, die Hand. Kaname wirkte sympathisch wie immer. Langsam wurde er wieder der Alte. Es hatte tatsächlich fast vier Jahre gedauert, bis Kaname endlich wiederzuerkennen war. Eine Zeit, in der Rae kein bisschen gealtert war.
Die Aura der Sonne schien tatsächlich ihre Wirkung zu entfalten. Eine Kraft, auf die sie jederzeit verzichten würde, wenn sie nur Jeremy dafür wiederbekämen.
Kaname, der ihr einen Kuss auf die Stirn gab, schreckte sie aus den Gedanken.
„Alles in Ordnung?“, fragte er, während er ihr ein Champagnerglas reichte.
„Ja, ich war nur in Gedanken“, entgegnete sie und nippte am Champagner.
„Ist dir langweilig? Sollen wir gehen?“
„Nein, alles in Ordnung!“ Kaname nickte lächelnd und steuerte dann einen älteren Herrn mit Halbglatze an. Da sie nicht wusste, was sie sonst tun sollte, folgte sie Kaname.
Diese Feiern gehörten jetzt zu ihrem Leben, so wie sie zu Kanames gehörten. Im Grunde waren sie langweilig, doch mit Kaname zusammen wurden sie lustig. Vor einiger Zeit fand Rae sogar den Anschluss zu anderen jungen Frauen. Es gab tatsächlich Personen in dieser Gesellschaftsschicht, die noch nicht zu enormer Eitelkeit neigten. Eine davon war Gabrielle, die Tochter eines spanischen Immobilienmaklers. Momentan lebte sie mit ihrer Familie in New York und besuchte für gewöhnlich dieselben Veranstaltungen wie sie und Kaname.
Rae sah sich nach ihr um. Doch bevor sie sich rühren konnte, fiel ihr Gabrielle schon in die Arme. Mit ihrem breiten, herzlichen Lächeln musterte sie ihre Freundin, was Rae dazu verleitete sie ebenfalls anzulächeln.
„Da bist du ja! Ich suche dich schon überall!“, rief Gabrielle mit ihrem schweren, spanischen Akzent. Rae beneidete sie für ihre schwarzen, gelockten Haare, die ihr bis zu den Ellbogen reichten, für ihre vollen, durch Lipgloss glänzenden Lippen, für ihre großen, braunen Augen und besonders für diesen leicht dunkleren Taint.
„Bonito! El vestido! El corte!“ Rae sah ihre Freundin fragend an. Gabrielle besaß die Angewohnheit in ihre Muttersprache zu wechseln, wenn sie sich zu sehr aufregte. Besänftigend hob Rae die Hände.
„Gaby, ich verstehe dich nicht!“ Sie lachte herzhaft.
„Entschuldige, ich meine das Kleid! Dieser Schnitt ist einfach wunderschön!“
„Danke, deins aber auch. Die Farbe steht dir.“ Rae beäugte Gabrielles dunkelblaues Kleid, welches sich kunstvoll an ihrem linken Bein raffte. In dem Moment wandte sich Kaname herum und umarmte Gabrielle kurz.
„Hola, Gaby…“ Plötzlich begann Kaname ein Gespräch mit ihr, von dem Rae kein Wort verstand, weil sie es auf Spanisch führten. Sie stand einfach nur da und lächelte. Um ehrlich zu sein wurde ihr etwas mulmig zu Mute. Immerhin war Gaby eine exotische Spanierin und Kaname unterhielt sich jedes Mal so angeregt mit ihr, wenn sie sich trafen. Rae mochte sie wirklich, doch irgendwie kam es ihr so vor, als müsse sie mit ihr konkurrieren.
Kaname und Rae waren seit drei Jahren ein Paar. In dieser Zeit hatte sich Kaname anderen Frauen gegenüber tatsächlich zurückgenommen und war sehr vertrauenswürdig gewesen. Rae musste zugeben, dass sie das überraschte. In letzter Zeit begann Kaname, wie sie beobachten konnte, sich wieder wie früher zu benehmen. Seid Jeremys Tod war er ruhiger und etwas erwachsener geworden. Doch langsam wurde er wieder lebendiger. Es freute sie, doch es beunruhigte sie auch. Wenn Kaname wieder der Alte wurde, konnte Rae ihm dann noch vertrauen, was seine Treue ihr gegenüber betraf? Oder machte sie sich einfach zu viele Gedanken? Schließlich konnte nicht alles wie früher werden. Es konnte nie mehr wie früher sein.
Das Stimmengewirr wurde augenblicklich leiser. Rae konnte das Knallen von Absetzten vernehmen, die hastig auf den Boden aufschlugen. Kaname unterbrach das Gespräch mit Gaby und sah in die Richtung der Eingangstür. Rae folgte seinem Blick. Jemand stieß die Gäste unsanft beiseite, um sich einen Weg zu bahnen.
Dann fiel eine junge Frau aus der Menge und schaffte es gerade noch, sich auf den Beinen zu halten. Sie blieb vor Kaname stehen und verschnaufte. Sie wirkte vollkommen aufgelöst. Ihre sonst glatten Haare waren zerzaust. Sie zitterte am ganzen Leib. Ihre schwarzen Lagenröcke schwangen, als sie sich aufrichtete.
„Lucia? Was ist denn mit dir passiert?“, fragte Kaname und hob eine Augenbraue. Die Leute wandten sich wieder ihren Gesprächen zu und schüttelten die Köpfe. Lucia öffnete kurz ihre dunkelvioletten Lippen, doch statt zu antworten, schüttelte sie betreten den Kopf. Nach ein paar Sekunden fand sie ihre Stimme wieder.
„Das glaubt ihr mir nie. Aber… ich habe etwas unmögliches gesehen.“ Kaname verdrehte die Augen.
„Was? Aliens? Bigfood? Elvis?“ Lucia schlug Kaname mit der flachen Hand ins Gesicht.
„Nein, du Clown! Halt die Klappe, du hast doch keine Ahnung!“, fauchte sie und funkelte ihren Bruder aus schwarzumrandeten Augen an.
„Dann rück doch endlich mit der Sprache raus!“
„Ich habe Jeremy gesehen.“ Rae hielt die Luft an. Kaname packte seine Schwester bei den Schultern.
„Du kannst ihn nicht gesehen haben! Jeremy ist tot! Nerv uns gefälligst nicht mit deinen Wunschträumen!“
„Ich weiß was ich gesehen habe!“, schrie sie ihn an.
„Er ist in der Stadt!“
„Du hast nur einen Kerl gesehen, der aussah wie Jeremy! Irgendeinen Typen, aber nicht Jeremy! Verstehst du mich?!“ Kaname wirkte völlig außer sich. Rae riss ihn von seiner Schwester los.
„Wir alle vermissen ihn! Da kann es schon mal passieren, dass wir glauben ihn zu sehen!“
„Du glaubst mir also auch nicht?!“ Rae sah sie fragend an. Lucia wusste genau wie sie, dass Jeremy gestorben war, also warum versuchte sie sie weiter zu überzeugen? Lucia stemmte die Hände in die Hüften.
„Na gut. Dann glaubt es mir eben nicht. Ich bitte euch nur diesen einen Nachtclub zu besuchen, indem ich ihn gesehen habe. Danach lasse ich euch sofort in Ruhe.“ Damit wandte sie sich wieder der Tür zu und stöckelte auf ihren hohen Plateausohlen hinaus.
& 2 &
Der Doppelgänger
Während der gesamten Fahrt zurück zur Villa sprach Kaname kein Wort. Sofort nachdem Lucia von der Feier verschwunden war, tat Kaname so, als sei sie nie aufgetaucht. Er hatte weiterhin diplomatisch seine Karten ausgespielt und über die schwachen Witze der anderen gelacht.
Nun machten sich jedoch seine wahren Gedanken bemerkbar, hier, hinter den getönten Scheiben der Limo. Ebenso wie Rae, fragte er sich sicher, ob es tatsächlich sein konnte, dass Jeremy in New York herumspazierte. Nein, das war unmöglich! Sie mussten es doch selbst am besten wissen! Schließlich mussten sie zusehen, wie Jeremy sich den Dolch ins Herz stieß und verschwand. Für immer.
Kaname sah noch immer aus dem Fenster, als er Raes Hand ergriff. Er hatte Sebastian den Befehl erteilt, sie umgehend zur Villa zurückzufahren. Er versuchte also nicht mal herauszufinden, ob Lucia die Wahrheit sagte. Eigentlich wollte sie mit ihm reden, doch Rae hatte Sorge, wie er reagieren könnte. Dass er seine Schwester auf der Feier so grob angefasst hatte, hatte Rae ziemlich erschreckt. Und Lucia offenbar auch, nach ihrem Gesichtsausdruck zu Urteil.
Trotz all dem verstand Rae nicht, warum Lucia so etwas sagte. Natürlich war sie von Jeremys Tod betroffen, sie hatte jedoch nie wirklich etwas für ihn empfunden. Das einzige, was Lucia gewollte hatte, war eine kleine Affäre mit ihm. Sonst nichts. Das sagte sie ihr einmal persönlich. Also hatte Lucia überhaupt keinen Grund so etwas zu erfinden.
Die Lippen fest aufeinandergepresst, so als wolle er Rae vermitteln, dass er nicht reden wollte, stieg er aus dem Fahrzeug aus und schlenderte durch das Tor und dann den Weg zur Villa entlang. Normalerweise hielt er ihr immer die Tür auf, wartete bis Rae ausgestiegen war und ließ sie dann mit den Worten: „Ladys first“ vortreten. Nur diesmal nicht. Er war einfach gegangen. Rae wollte nicht ausgeschlossen werden. Kaname sollte ihr immer sagen, was er fühlte, damit sie ihn besser verstehen und ihm helfen konnte. Wenn er sich dagegen wehrte, musste Rae eben etwas nachhelfen.
Ohne zu zögern stieg sie aus der Limousine und folgte Kaname. Sie erreichte ihn, als er gerade dabei war die Eingangstür aufzuschließen. Egal wie heikel dieses Thema war, Rae musste mit ihm darüber reden!
„Kaname, bleib doch bitte mal stehen“, bat Rae ihren Freund, als dieser das Foyer mit weiten Schritten durchquerte. „Bitte!“, fügte sie hinzu. „Rede mit mir!“ Kaname drehte sich so plötzlich um, dass Rae einen Schreck durchwallte, wie ein heftiger Stromstoß. Mit einem nervösen, viel zu breiten Lächeln zuckte Kaname unaufhörlich mit den Achseln.
„Was willst du denn? Mir geht es prima! Obwohl die Schnittchen etwas versalzen waren…“, sagte er und tat so, als würde er nachdenken. Rae rollte mit den Augen.
„Du sollst mir sagen, was du jetzt tun willst, nachdem was Lucia gesagt hat!“ Kaname schwieg für einen Moment und starrte sie an. Weil es so dunkel im Raum war, schimmerte in Kanames Augen nur ein dunkelgrüner Glimmer.
„Was würdest du tun?“, fragte er schließlich mit einem kurzen, gequälten Lachen. Rae schaute auf ihre Füße, auch wenn sie sie kaum erkennen konnte. Diese Frage konnte sie gar nicht auf Anhieb beantworten. Die ganze Zeit über hatte sie darüber nachgedacht wie es Kaname dabei ging, was er tun würde. Und nicht, was sie darüber dachte.
„Na ja…“, begann Rae unsicher und schob eine braune Strähne hinter ihr Ohr. „Was für einen Grund hätte Lucia uns so eine Lüge zu erzählen, wenn es nicht die Wahrheit ist. Andererseits…“
„…haben wir gesehen wie er starb, ganz genau! Vielleicht hat sie ihn verwechselt, oder war betrunken! Aber sie kann ihn nicht gesehen haben! Und deshalb ist es auch unnötig der Sache nachzugehen, verstehst du?“ Kaname wirkte unheimlich verletzt. Lucias Auftritt hatte ihn wieder aus der Bahn geworfen.
Das charismatische Lächeln, hinter dem Kaname jedes Mal seine wahren Gefühle zu verstecken versuchte, wirkte wie eingefroren.
Abschließend legte er Rae behutsam eine Hand auf die Wange, nahm sie jedoch sofort wieder zurück und schlurfte davon.
Rae fand es besser ihm nicht zu folgen. Wahrscheinlich wollte er alleine sein und sich mit etwas Geschäftlichem befassen.
Es schien bereits Mittag zu sein, als Kaname sich die Schlafmaske von den Augen schob und sich seufzend aufsetzte. Er hatte keineswegs geschlafen, das konnte er gar nicht. Nicht, dass er es nicht versucht hätte.
Mürrisch schob er die Dokumente, die über seinem Bett zerstreut lagen, hin und her. Selbst die Arbeit konnte ihn nicht davor bewahren sich mit Lucias Worten auseinanderzusetzten. Seine Schwester hatte auch wirklich Nerven auf einer Veranstaltung aufzutauchen, in aller Öffentlichkeit, und so einen wirren Mist von sich zu geben.
Es war doch alles in Ordnung! Jedenfalls dachte er das die ganze Zeit über. Kaname war sich sicher gewesen, dass Jeremys Tod ihm nichts mehr ausmachte. Ein kleiner Vorfall und Kaname führte sich auf, als sei es erst vor ein paar Wochen geschehen. Vielleicht hatte er es doch nicht so gut verkraftet, wie er dachte.
Kaname warf sich mit dem Oberkörper über die Matratze. Mit seinen Händen stützte er sich auf dem Boden ab, während seine langen Beine noch unter der Bettdecke weilten. Von dieser Position aus war er in der Lage unter sein Bett zu schauen. Mit größter Anstrengung schob er den linken Arm unter das Bett und reckte sich nach einer grauen Schachtel. Mit den Fingerspitzen versuchte er das Behältnis näher heran zuschieben. Doch er scheiterte. Musste er tatsächlich aufstehen? Eigentlich wollte er sein Bett für die nächsten paar Stunden nicht verlassen.
Wie ein plumper Sack ließ Kaname seine restlichen Gliedmaßen auf den flauschigen Teppichboden fallen. Weh tat es trotzdem. Nun griff er nach der Schachtel, zog sie hervor und lehnte sich gegen sein hohes Bett.
Mit angewiderter Miene versuchte Kaname die Staubfusseln von der Oberfläche des Behältnisses zu entfernen. Da pusten nichts brachte, musste er sie mit der Hand herunter fegen. Dann setzte er sich in den Lotussitz und nahm den Deckel ab. In der Schachtel befand sich der Abschiedsbrief, den Jeremy damals für sie alle verfasst hatte und darunter lag sein Tagebuch, welches seine anfängliche Zeit als Vampir dokumentierte. Kaname musste augenblicklich schmunzeln, als ihm wieder der Name einfiel, den Jeremy ihm als allererstes gegeben hatte: Schnöselvampir. Eigentlich müsste er es beleidigend finden, doch schon damals musste er darüber lachen.
Kanames amüsierter Ausdruck wich einem melancholischen Blick, als er Jeremys Abschiedsbrief hervorholte. Wie lange war es her gewesen, dass er ihn gelesen hatte? Ein Jahr vielleicht? Behutsam entfaltete Kaname das Papier und starrte die Worte an. Er las ein Stück, doch dann musste er innehalten. Seine Augen brannten wie Feuer. Schnell faltete er den Brief wieder, legte ihn zurück in die Schachtel und ließ diese wieder verschlossen unter dem Bett verschwinden. Jeremy hat all die Jahre nicht aufgegeben. Er wollte seine wahre Herkunft herausfinden… dann hat er sich einfach entschlossen zu sterben. Das passt doch nicht zusammen, überlegte Kaname, entknotete seine Beine und richtete sich auf.
Auf einmal kam ihm ein Gedanke. Darüber hatte er all die Jahre nach Jeremys Tod überhaupt nicht nachgedacht. Sie beide hatten zwar über hundert Jahre lang nach Antworten gesucht, jedoch nie etwas gefunden. Doch nur weil Jeremy gestorben war, musste Kaname nicht mit der Suche aufhören. So könnte er Jeremy helfen, selbst jetzt noch. Vielleicht würde es ihm selbst auch besser gehen, wenn er endlich alles herausfände. Immerhin war er auch neugierig.
Kaname ließ sich im Speisesaal erscheinen. Seine neu gewonnene Entschlossenheit hatte ihn hungrig gemacht. Doch statt Cupcakes fand er Jaden vor, der die Füße auf seinem schönen Hartholztisch ausgebreitet hatte und mit dem Stuhl wippte. Ihm gegenüber saß Rae, die recht beunruhigt wirkte.
„Kaname“, sagte sie, als sie ihn bemerkte. Augenblicklich zog sie die Stirn in Falten. „Du trägst noch immer den Anzug von gestern?“ Der Vampir sah an sich herunter und zuckte dann mit den Achseln. Sie hatte recht, nur das Jackett und die Schuhe hatte er gestern Abend noch ausgezogen, bevor er verstimmt ins Bett gefallen war.
„Ist ja schön, dass du so lässig meinen Tisch zerkratzt, aber wenn du nicht gleich deine Elefantenfüße runternimmst, muss ich sie dir abhacken“, drohte Kaname mit zuckersüßer Stimme und ließ sich auf den Stuhl neben Rae fallen. Jaden lachte künstlich, nahm die Beine aber wie geheißen herunter.
„Ich habe keine Elefantenfüße. Ich trage nur zwei Nummern größer als du“, erklärte Jaden ungerührt und verschränkte die Arme vor der Brust. Die Beine hatte er zwar heruntergenommen, doch Kanames vernichtende Blicke hielten ihn nicht davon ab weiter mit dem Stuhl zu wippen.
„Was machst du hier?“, fragte Kaname schließlich entnervt.
„Lucia hat mir von ihrer mysteriösen Sichtung in diesem einen Nachtclub berichtet.“ Kaname winkte ab.
„Sie sagt du ignorierst es einfach und tust es als Lüge ab.“ Kaname nickte. Er verstand diesen ganzen Wirbel nicht. „Vielleicht sollte ich meinen Drogenkonsum etwas einschränken, aber ich glaube ihr.“ Kaname starrte seinen Bruder fassungslos an. Er schoss in die Höhe und untermalte seine Fassungslosigkeit mit einem wilden Gestikulieren.
„Was soll das? Ihr seid wohl alle betrunken! Ist das eure neue Lieblingsbeschäftigung? Den Bruder verarschen?“
„Du verstehst das nicht, Kaname! Jaden hat ihn auch gesehen!“, sagte Rae plötzlich. Kaname sah sie bestürzt an. Selbst seine Freundin fiel ihm in den Rücken. Warum glaubte sie den Beiden? Sie war doch ebenfalls in dem Moment dabei gewesen, in dem Jeremy starb. Kaname lachte nervös und ließ sich zurück in den Stuhl sinken.
„Ihr seid alle… verrückt geworden.“
Jaden ließ die vorderen Stuhlbeine wieder auf den Boden knallen und beugte sich etwas über den Tisch. Seine gelangweilte Miene war mit Ernsthaftigkeit durchsetzt.
„Lass mich ausreden. Ich habe diesen Doppelgänger nicht nur gesehen, sondern er mich auch. Soll ich dir sagen, wie er reagiert hat, als er mich sah? Der Kerl hat sich erschrocken und ist so schnell er konnte abgehauen. Also, selbst, wenn es nicht Jeremy ist und er kann es nicht sein, denn du hast recht, Jeremy ist tot, dann sollten wir uns zumindest fragen, warum er so panisch geflüchtet ist.“ Kaname blieb unbeeindruckt.
„Vielleicht war es auch nur einer deiner Verflossener. Was weiß ich. Vielleicht hast du ihn mal verstört. Es gibt tausende Gründe, warum dieser Typ weggelaufen sein könnte!“ Rae wirkte verwirrt.
„Was? Verflossener? Ich dachte du wärst…“ Kaname verdrehte die Augen.
„Er fischt an beiden Ufern, klar?!“ Er wandte sich wieder seinem Bruder zu. „Und du verschwindest jetzt hier, Jaden, sonst werde ich sauer.“
„Du kannst nicht bedrohlich wirken. Dafür fehlt dir die Ernsthaftigkeit. Dein hektisches herumgefuchtel ist aber auch einfach nur lächerlich“, konterte Jaden, während er sich erhob.
„Es ist ganz einfach. Wenn du der Sache nicht nachgehen willst, rufe ich Dorian an und regle mit ihm die Sache. Ich dachte nur, ich sollte zuerst mit dir reden.
„Das geht Hawk überhaupt nichts an!“
„Wenn du das wirklich glaubst, bist du noch blöder, als ich dachte.“ Jaden ging ein paar Schritte. Plötzlich packte Kaname die Angst er könnte verschwinden und seine Drohung wahr machen. Ja, für ihn war es definitiv eine Drohung.
Kaname sprang auf und hätte beinahe dabei den Stuhl umgeworfen.
„Warte! Stopp! Ich überlege es mir.“
„Das reicht nicht.“ Kanames Magen zog sich zusammen.
„Schon gut, schon gut! Ich werde mir diesen verdammten Nachtclub ansehen, aber nur damit ihr alle endlich Ruhe gebt!“ Jaden lächelte zufrieden.
„Gut, ich hol euch heute Abend ab.“ Damit verschwand er.
In der Luft lag eine angespannte Stimmung. Rae richtete Kanames Jackett, welches er, wie üblich, über einem T-Shirt trug. Wahrscheinlich tat sie das nur, um etwas zu tun zu haben. Sie hatte nicht mal im Ansatz geglaubt, dass das Warten auf Jaden zu so einer Qual werden könnte. Dieses starke Gefühl der Aufregung bereitete ihr Bauchschmerzen. Es kam ihr so hirnrissig vor dieser Spur zu folgen. Selbst wenn sie Jaden und Lucia glaubte. Gleich nachdem Kaname zugestimmt hatte, diesen Nachtclub einmal genauer unter die Lupe zu nehmen, hatte sich Rae vorgenommen alles weiterhin nüchtern und realistisch zu betrachten. Es war einfach eine Sicherheit, damit sie nicht verletzt werden konnte.
„Er lässt sich ganz schön viel Zeit. Der bekommt was zu hören, wenn er hier aufkreuzt!“, maulte Kaname, als er sich aus Raes Griff befreite und nervös auf und ab ging.
„Beruhige dich. Es ist gerade mal sechs Uhr! Jaden wird sicher gleich hier sein.“ Wie ein Nervenbündel schwirrte Kaname weiter durch den Raum. Die Finger hatte er ineinander gehakt und seine Daumen kreisten so schnell umeinander, dass Rae sie nur noch als wild zuckende Striche wahrnahm. Nachdenklich ließ sie den Kopf senken. Als sie ihn wieder hob, sagte sie:
„Ich habe auch Angst.“ Kaname blieb abrupt stehen und starrte sie an. Ein falsches Lachen folgte.
„Was?“ Seine Stimme rutschte zwei Oktaven höher.
„Ich habe keine Angst! Jaden regt mich nur mal wieder auf, das ist alles.“ Mit flehendem Ausdruck in den Augen trat Rae näher an ihren Freund heran. Sie wollte ihm die Wahrheit entlocken, nicht von ihm ausgeschlossen werden. Doch genau das tat er immer wieder. Niemandem zeigte er den Schmerz oder die Sorge, die er fühlte. Alles musste hinter Albernheit und kindlichem Verhalten verborgen werden.
Behutsam legte Rae ihre Hände auf Kanames Wangen, sodass er sie ansehen musste. Sein nervöses Umherirren wich einer seltsamen Ruhe, so als wirkte die Berührung besänftigend. Kaname musterte Raes Gesicht voller Erwartung. Das Glitzern war noch immer nicht aus diesen smaragdgrünen Augen verschwunden. Seine dunkelblonden Wimpern umrahmten sie und ließen sie sanft und weich wirken.
„Vielleicht“, begann Kaname plötzlich. „Sollte ich damit anfangen Jeremy zu vergessen. Diese Aktion heute Abend ist doch…“ Rae kam noch näher an sein Gesicht heran. Nun berührten sich ihre Körper vollkommen. Auf Raes Gesicht zeichnete sich Entsetzten ab.
„So etwas darfst du nicht sagen! Es ist egal, ob es leichter ist, wenn wir nicht mehr an ihn denken. Wir müssen ihn in Erinnerung behalten, über all die Dinge sprechen, die wir mit ihm erlebt haben! Wir dürfen uns nicht davor scheuen seinen Namen zu erwähnen!“ Plötzlich lächelte Kaname breit und schüttelte den Kopf. War das jetzt gut oder schlecht? Seine Stirn sank auf ihre Schulter.
„Du hast ja Recht.“
Die Tür zum Saal wurde unsanft aufgerissen. Kaname schrie auf und sprang hinter Rae. Sie konnte nicht glauben, dass er sie als Schutzschild benutzte.
„Wie süß! Da haben sich zwei gefunden, was?“, rief Jaden ihnen zu, als er eintrat. Wer weiß, wie lange er schon vor der Tür gelauert hat, nur um ein paar private Details aufzuschnappen, dachte Rae verärgert. Sie funkelte ihn an und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Jetzt guck nicht so böse. Ich habe nicht gelauscht“, grinste Jaden breit und fuhr durch seine kurzen, dunkelblonden Haare. Erschrocken wandte Rae den Blick ab. Sie hatte ganz vergessen, dass Jaden ihre Gedanken lesen konnte.
„Es ist unhöflich in anderer Leute Köpfe herumzuschnüffeln!“, beschwerte sie sich und drohte Kanames Bruder mit dem Finger. Doch dieser zuckte lediglich die Achseln.
„Warte nur ab. Wenn Kaname alt genug ist, wird er auch von morgens bis abends deine Geheimnisse aus deinem süßen Köpfchen ausgraben, und dann wirst du ein wirkliches Problem haben. Er ist immer so schnell beleidigt!“ Es stimmte. Er selbst machte sich nicht viel aus den Gedanken anderer. Kaname jedoch reagierte bei allem über, selbst gut gemeinte Worte drehte er so, wie er sie gerade brauchte. Als einziges brachte Rae nur ein bröckeliges Lächeln zu Stande. Sie fasste sich an den Kopf und fragte:
„Können wir dann los?“ Mit lüsternem Blick musterte Jaden Raes cremefarbenes Glitzertop. Dann wanderte sein Blick ihre dunkelblauen Röhrenjeans hinab zu ihren hohen Absätzen. Seine Augenbraue rutschte nach oben.
„Hola! Du scheinst jetzt wirklich gut in den Dingern herumlaufen zu können, was? Du siehst aus wie eine waschechte New Yorkerin.“
„Danke“, lächelte Rae. Diesmal war ihre Nettigkeit nicht gespielt, sie sah es tatsächlich als Kompliment an. Doch gleichzeitig fühlte es sich seltsam an, weil ihr klar wurde, wie selten sie nur noch an Iyoso gedacht hatte. Urplötzlich befielen sie Schuldgefühle, die sie jedoch schnell wieder abzuwerfen versuchte.
Jaden zupfte eine grüne Traube aus der Schüssel, welche auf dem Tisch gestanden hatte und schob sie sich in den Mund. Rae hörte das fruchtige Knacken, als er auf sie biss.
„So“, begann er, als er die Frucht heruntergeschluckt hatte. „Können wir? Gebt mir eure Händchen.“ Jaden wackelte mit den Fingern und Rae tat was er wollte.
Als Kaname seine Hand auf die Schulter seines Bruders legen wollte, schnappte Jaden sie sich und drückte sie fest.
„Wahnsinn! Rae, du hast richtig schöne weiche Hände. So wie es sich für eine Dame gehört.“ Jadens Blick wanderte zu der gemeinten Hand und dann zu Kaname. „Oh, verzeih! Es ist deine Hand, K.“ Kaname lachte freudlos, während Jaden breit grinste.
Die Hitze schlug Rae schlagartig entgegen. Sofort verzog sie ihr Gesicht und kniff die Augen zusammen. Da die Sonne in zwei bis drei Stunden untergehen würde, strahlte sie, so nahe an der Erde, am wärmsten. Hinzu kam noch, dass ihr von dem schnellen Transport von der Villa hierher ganz flau im Magen wurde.
Kaname wand sich ächzend aus seinem Jackett, warf es über die Schulter und hielt es dort, mit zwei Fingern in den Kragen gehakt, fest.
„Das ist widerlich! Ich bekomme gleich wieder einen Sonnenbrand!“, jammerte Kaname und suchte seine Arme panisch nach bereits roten Stellen ab.
„Was macht ihr denn? Kommt schon!“, rief Jaden, der schon ein paar Schritte weitergelaufen war. Sie befanden sich in einer beschatteten Ecke einer Seitenstraße.
Kaname und Rae beeilten sich, um zu ihm aufzuschließen. Erst jetzt begann Rae sich etwas umzusehen. Sie befanden sich auf einem breiten Fußgängerweg, neben dem ständig Autos vorbeirauschten. Das war völlig normal für New York. Doch es schienen deutlich weniger Leute hier entlangzugehen, oder Autos entlangzufahren, als es in Manhatten der Fall war. Diese Straße konnte Rae kaum von anderen unterscheiden, noch immer musste sie auf Straßenschilder oder Läden achten, um sich zurechtzufinden. Vielleicht war sie doch noch keine richtige New Yorkerin? Auch Kaname sah sich um.
„Wo sind wir denn hier? Etwa in… Brooklin?“, fragte Kaname beunruhigt.
„Ja, in der Bedford Ave“, entgegnete Jaden seelenruhig. „Ich gehe normalerweise immer in The Dead Poet in der Upper West Side. Das ist einfach eine verdammt gute Bar. Und der gleichnamige Drink des Hauses ist zum niederknien. Aber dann haben mir ein paar Kerle von einem neuen Club hier in Brooklyn erzählt. Dort bekäme man alles, falls ihr versteht, was ich meine.“ Rae schaute zu Kaname, der tatsächlich verständnisvoll nickte. Sie konnte sich schon denken, was Jaden meinte und ihr wurde plötzlich ganz unwohl dabei, diesen Nachtclub zu betreten. „Er nennt sich Inferno und ist bereits wenige Wochen nach der Eröffnung zu einem Must-see geworden.“ Wie gewöhnlich vergrub Jaden seine Hände in den Hosentaschen. Das tat er vermutlich bereits ohne es zu bemerken. Gemächlich schlenderte er voran, ohne nur den geringsten Anschein zu erwecken, dass er gespannt darauf war, die Wahrheit über diesen Doppelgänger herauszufinden. Kaname hingegen zog alle paar Minuten sein Smartphone aus der Hosentasche, um die Zeit abzulesen. Außerdem zupfte er unablässig an seinem Lederarmband herum. Sanft nahm Rae die Hand ihres Freundes und verschränkte ihre Finger in seine. Auch wenn es zu heiß war. Sie spürte wie Kanames Anspannung sich etwas löste.
„Da vorne ist er“, sagte Jaden und zeigte mit dem Finger geradeaus.
Sie zogen an ein paar letzten Läden vorbei, überquerten einen Zebrastreifen und schließlich konnte Rae die lange Schlange vor dem Club sehen. Wir sind da, dachte sie. Plötzlich hörte Rae nur noch auf ihre Schritte. Die Absätze klackerten über das Pflaster, ein Geräusch, welches sie normalerweise ausblenden konnte. Mit jedem Mal, das sie auf den Boden ausschlugen, schien ihr Herz einen kräftigen Satz zu machen.
Musik begann das Knallen der Absätze zu übertönen.
Rae nahm zuerst an, dass sie vom Club kommen musste. Doch die Quelle befand sich eindeutig hinter ihr. Sie drehte sich instinktiv um und sah ein silbernes Cabrio, welches gerade noch am Zebrastreifen gehalten hatte, um Fußgänger herübergehen zu lassen, und nun nach rechts in ihre Richtung bog.
Der Song, der gerade gespielt worden war, war zu Ende und ein neuer startete. Rae kannte ihn. New Divide von Linkin Park. Er gehörte nicht zu der Musik, die sie gerne hörte, doch Linkin Park war eine von Jeremys Lieblingsbands gewesen. Diesen Song mochte er besonders. Rae sah zu wie der Wagen immer näher kam. Sie erkannte drei junge Männer, die im Cabrio saßen. Der, der auf dem Rücksitz saß, beugte sich etwas vor.
„Hey! Vlad!“ Raes Augen weiteten sich und all die Hitze um sie herum schien in sie zu strömen. Ihr Magen krampfte sich zusammen. Raes Finger lösten sich aus Kanames Hand und umklammerten fest seinen Arm. Diese Stimme! Sie kannte diese Stimme! „Mach das Mal lauter, der Song ist gut!“ Vollkommen überwältigt bohrte Rae ihre Fingernägel in Kanames Arm. Diese Worte jagten ein Kribbeln durch ihre Arme und Beine. Sie erinnerte sich genau! Dieselbe Stimme, die dieselben Worte sprach.
Damals hatten sie in Kanames Limousine gesessen. Das Lied wurde gerade im Radio gespielt und Jeremy bat Sebastian es lauter zu drehen. „Mach das mal lauter! Der Song ist gut!“
Augenblicklich hielt Rae die Luft an, als das Cabrio an ihnen vorbeirauschte. Ihr Blick war an den jungen Mann geheftet, der eben gesprochen hatte. Sein schwarzes Haar flatterte in der Zugluft und seine Finger trommelten auf der Autotür, auf die er seinen Arm gelehnt hatte, zur Musik. Raes Beine wurden schwach. Sie zitterte am ganzen Körper. Sprachlos sah sie zu, wie das Auto hinter dem Nachtclub in eine Einfahrt einbog.
Sie musste schlucken und versuchte gegen die Starre anzukämpfen. Langsam drehte Rae den Kopf. Als sie Kaname musterte, stellte sie fest, dass er völlig geschockt in Richtung des verschwundenen Autos starrte. Erst jetzt war Rae in der Lage Kaname loszulassen. Ihre Fingernägel hatten tiefe Furchen in seinem sonst so makellosen Arm hinterlassen.
„Das… das war…“, stammelte Kaname abwesend und machte einen Schritt nach vorne.
„Verdammt! Was hab ich gesagt!“, rief Jaden, den Mund weit geöffnet. Seine Anwesenheit war Rae vollkommen entfallen. Auf einmal ergriff Kaname Raes Hand und zog sie mit großen Schritten hinter sich her.
„Gehen wir!“ Um sich in der langen Schlange anzustellen, lagen Kanames Nerven wohl zu blank. Er marschierte schnurstracks zu den zwei, in dunkelroten Anzügen gewandeten, Türstehern. Während Kaname die groß gewachsenen Männer bat sie durchzulassen, musterte Rae das Gebäude, welches in rot und schwarz gehalten wurde. Über ihren Köpfen prangte der Name des Clubs in leuchtendem Rot.
Als Kaname ihre Hand losließ, sah sie ihn an. Er starrte den Türstehern eindringlich in die Augen und befahl ihnen langsam und deutlich sie hereinzulassen.
„Jo, alles klar. Rein mit euch“, sagte einer der Beiden und trat beiseite. Jaden winkte den protestierenden Leuten in der Schlange zu und schob sich dann an dem großen Kerl vorbei. Als letztes passierte Rae die zwei rot schimmernden Wasserstrahlen, die einen Torbogen über dem Eingang zum Club bildeten.
Es war unangenehm diesen Nachtclub zu betreten. Der schwarze Gang mit seinem sachten roten Schein wirkte wie das Tor zu Hölle. Die Musik konnte sie nun deutlich hören, der Bass ließ den Gang pulsieren. Hinter sich konnte Rae schon die nächsten Besucher hören.
„Da vorne ist der Eingang“, verkündete Jaden und verschwand um eine Ecke. Das letzte Mal hatte Rae einen Nachtclub mit Jeremy besucht. Sie war gerade neu in dieser Welt gewesen und Jeremy hatte sie an dem Tag zum ersten Mal wie eine Freundin behandelt. Er zeigte ihr seine Lieblingsorte, ließ Gefühle zu und hatte sie am Abend dann in einen Nachtclub gebracht. Seitdem war Rae nie wieder in einem Club gewesen. Nur auf feinen Veranstaltungen und privaten Partys. Dabei konnte man an solchen Orten eine Menge Spaß haben. Vielleicht mieden sie und Kaname deshalb solche Orte: Weil sie Spaß bedeuteten und sie sich eine Weile nach Jeremys Tod im Stillen verboten hatten Spaß zu haben, den er nicht mehr miterleben konnte.
Als Rae um die Ecke trat, in der Jaden gerade eben noch verschwunden war, erblickte sie eine Glastür, welche sich sofort in die Wand zurückzog. Der Schwall lauter Musik und die plötzlich kalte Luft ließen Rae zurückzucken, doch sie ging sofort weiter.
Der schwarze Fußboden glänzte wie Obsidian. Die gesamte Tanzfläche wurde von den tanzenden Massen verschluckt. Hin und wieder wechselte das schwache Licht in ein dunkles Rot. Aus großen Augen erhaschte Rae, zwischen den Köpfen der Menschen, einen Blick auf die Bar auf der hinteren rechten Seite des großen Raumes. Sie wirkte wie eine riesige Orgel, deren Pfeifen aus den zahlreichen leeren Flaschen bestanden, welche hinter dem Kopf des Barkeepers auf Glasvitrinen aufgereiht worden waren. Hastig drängelte Rae sich an den Leuten vorbei. Kaname und Jaden hatte sie, seit sie den Raum betreten hatte, nicht mehr gesehen. Sie konnte es ihnen nicht übel nehmen, schließlich hatten sie diesen jungen Mann auch gesehen.
Erleichtert, dass Rae die Bar erreicht hatte, ohne zwischen diesen Massen viel sehen zu können, ließ sie sich auf einem dunkelroten Hocker nieder und wandte sich dem Raum zu. Erst jetzt konnte Rae den Raum besser überblicken. Eine Treppe neben dem Eingang führte auf eine Empore hinauf, die den gesamten Raum umrahmte. Auf dieser thronte der DJ hinter seinem Mischpult und spielte ununterbrochen alle Arten von Rock und Metal. Auch ein paar Gäste räkelten sich auf der Erhöhung und erhoben grölend ihre Gläser. Die meisten waren in Schwarz gehüllt, trugen Korsagen, Kreuzohrringe und Ketten, vieles im Stile der Gotik. Offensichtlich wurde dieser Club am meisten von der Gothic- und Metal-Szene besucht.
An der Decke leuchteten tausende kleine Lichter, als würde der Nachthimmel direkt über ihnen schweben.
„Hey! Kleine, was willst du trinken?“, hörte Rae den Barkeeper auf einmal rufen. Sie drehte sich zu ihm um und brüllte zurück:
„Erst mal nichts, danke. Ich suche jemanden!“ Der junge Mann trocknete gerade ein Glas mit einem Handtuch. Rae fand ihn seltsam. Er war ungefähr zwanzig, vielleicht ein Student. Sein Blick schimmerte glasig, seine Miene wirkte etwas zu entspannt und er schwankte ganz langsam zur Musik. Das dunkelbraune kurze Haar kräuselte sich. An seiner Kellnerkluft heftete ein Namensschild, mit der Aufschrift Leif. Er beugte sich über die lange Theke.
„Ach ja? Wen denn? Du hast bestimmt schon gehört, dass der Barkeeper immer über vieles Bescheid weiß!“ Leif sprach langsam und trug ein träges Lächeln im Gesicht. Zuerst wusste Rae nicht, was sie entgegnen sollte. Ganz sicher nicht: „Hast du Jeremy gesehen, der eigentlich tot sein müsste?“
„Vorhin kamen drei Jungs in einem Cabrio hier an. Einer mit etwas längeren schwarzen Haaren war dabei. Hast du sie gesehen?“ Der Barkeeper nickte sofort.
„Natürlich kenn´ ich die!“ Er wirkte erheitert. „Das sind die Besitzer von dem Laden hier.“ Rae schnappte nach Luft.
„Tatsächlich? Das ist Wunderbar! Dann müssen sie irgendwo hier sein!“ Der Barkeeper nickte.
„Warum willst du sie finden? Hast du dich etwa in einen von ihnen verguckt?“ Rae schüttelte den Kopf.
„Nein… es könnte nur sein, dass einer von ihnen ein alter Freund von mir ist…“
Erbarmungslos zwängte sich Kaname durch die irrwitzig kleinen Abstände zwischen den Tanzenden. Seine Augen suchten so schnell die flimmernde Umgebung ab, dass ihm ganz schwindelig wurde. Ob Jaden sich immer noch hinter ihm befand wusste er nicht. Im Moment war es ihm auch herzlich egal. Plötzlich tauchte Kaname wieder aus dem Meer von Menschen auf. Etwas irritiert schaute er sich um, dann sah er wie Jaden ein paar Meter weiter auftauchte. Schwer atmend, genau wie er selbst.
„Hast du die Typen gesehen?“, fragte Kaname halblaut. Er wusste, dass Jaden ihn auch so hören konnte. Dieser schüttelte den Kopf. Kaname warf die Haare verbissen aus dem Gesicht. Nun stand er in diesem Club und kam sich verloren vor. Langsam schwand die Hoffnung darauf, Jeremy könnte tatsächlich am Leben sein und direkt vor seiner Nase.
„Kaname!“ Er zuckte innerlich zusammen, als die Stimme seines Bruders zu ihm durchdrang. Jaden zeigte auf Rae, die gerade neben ihm auftauchte. Sie wirkte erleichtert, vermutlich, weil sie die Beiden endlich wiedergefunden hatte. Vielleicht hätte Kaname auf sie warten sollen? Mit großen Schritten schloss er zu ihnen auf. Rae wirkte etwas aufgeregt, so als hätte sie tatsächlich Neuigkeiten.
„Was gibt´s?“, fragte Kaname und beugte sich vor.
„Ich habe mit dem Barkeeper gesprochen! Er sagt, diese drei Jungs sind die Besitzer dieses Nachtclubs! Wir sollen in der oberen Etage nachsehen! Sie sind meistens hinter der Tür, die nur für Personal zugelassen ist!“ In diesem Moment liebte Kaname Rae nur noch mehr. Zuerst gab er ihr einen Kuss auf die Stirn, dann auf die Wange und dann auf die Lippen. Er legte seine Hände auf ihre Wangen.
„Das hast du gut gemacht, Schatz. Hach, ich liebe dich!“ Jaden sah aus, als hätte er so etwas noch nie gesehen. Vielleicht, weil er Kaname noch nie zu jemandem Ich liebe dich hatte sagen hören. Dabei gab es schon das eine oder andere Mädchen, welches diese Worte wert gewesen war. Wenn auch wenige.
Die Menschen verschwammen vor Kanames Augen. Ständig hörte er Rae rufen, er solle langsamer machen. Immerhin zog er sie an der Hand hinter sich her. Doch sie kamen der Antwort so nahe, dass Kaname sich nicht mehr beherrschen wollte. In kürzester Zeit durchquerten sie wieder den Raum und standen nun schwer atmend am Fuß der Treppe. Jetzt ist der Moment gekommen, die spannende Musik erklingt und der Protagonist setzt zum entscheidenden Schritt an!, ließ Kaname seinen inneren Erzähler sprechen. Heroisch hob Kaname seinen Fuß, um die erste Stufe zu erklimmen. Doch Jadens Stimme ließ ihn innehalten.
„Oh bitte, K, sei doch nicht so melodramatisch!“ Kanames Illusion fiel in sich zusammen. Sein Bruder trampelte sie mit seinen überdimensional großen Füßen nieder.
„Ich sagte doch schon, ich habe eine ganz normale Schuhgröße!“, beschwerte sich Jaden genervt. Kanames Augen weiteten sich und er sah seinen Bruder beunruhigt an.
„Ich habe doch gar nichts gedacht…“ Jaden atmete hörbar aus.
„Wenn du dir irgendwelche Dinge vorstellst, kann ich sie erkennen, wenn ich mich anstrenge.“ Ein Grinsen machte sich auf seinem Gesicht breit. Irritiert klappte Kanames Kinnlade nach unten.
„Worum geht es überhaupt?“, mischte Rae sich verärgert ein. „Wir haben hier was zu erledigen, falls ihr es vergessen habt. Ärgern könnt ihr euch auch später noch!“ In diesem Moment beglückwünschte Kaname sich, dass Rae seine Gedanken nicht lesen konnte. Das hätte schon häufiger zu Problemen mit enormen Ausmaß geführt.
Kaname räusperte sich. Ohne ein weiteres Wort wandte er sich wieder den Stufen zu und machte sich auf den Weg ins obere Stockwerk. Seine Hand fuhr dabei über das edle schwarze Geländer. Es hätte aus einer düsteren Vampirvilla stammen können. Verschlungene Stangen, die sich umeinander wandten wie Schlingpflanzen. Und ein Handlauf, der sich an beiden Enden wie ein Schneckenhaus kringelte und dort jeweils eine rote Kristallkugel umfasste. Die letzten zwei Stufen übersprang Kaname einfach. Mit großen Schritten hielt er auf die Tür zu, die er sofort entdeckt hatte. Sie befand sich auf der gegenüber liegenden Seite, direkt neben dem DJ.
Für einen kurzen Moment wanderte Kanames Blick auf den Boden, der mit einem roten Teppich ausgelegt war. Ein paar vorbeiwankende Menschen schob er achtlos beiseite. Die Tür lag nun direkt vor ihm. Noch ein paar Meter.
Plötzlich hielt Kaname inne. Gerade dröhnte ein Lied von Breaking Benjamin im Hintergrund. Seine Hände verkrampften sich zu einer Faust. Dieses mulmige Gefühl, welches mit jedem Schritt stärker geworden war, formte sich zu einer Frage: Wenn diese Person nicht Jeremy war, konnte er das überhaupt ertragen? Rae erschien neben ihm und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Kaname? Alles in Ordnung?“ Kaname lachte nervös.
„Schon gut. Ich gehe schon.“ Schnell wandte er den Blick ab, um die Sorge in Raes Miene zu ignorieren. Kaname setzte sich wieder in Bewegung. Die Hand schon halb erhoben, um die Klinke zur Tür herunterzudrücken. Sie war schwarz und deshalb kaum sichtbar.
Die Klinke bewegte sich nach unten. Erneut blieb Kaname stehen. Sein Magen zog sich erschrocken zusammen. Als er zurückwich, stieß er versehentlich gegen Rae, drehte sich jedoch nicht um, um sich zu entschuldigen. Aus der Tür strömte nur Dunkelheit. Kaname erkannte mit seinem Sehvermögen jedoch den nackten Arm, der die Klinke losließ, als die Tür weit genug geöffnet war, sodass man hinaustreten konnte. Im nächsten Moment schob sich ein junger Mann in den Raum, rief noch etwas in die Dunkelheit und schloss dann die Tür wieder. Es war ohne Frage derselbe, den sie vorhin im Auto gesehen hatten. Er besaß Jeremys schwarzes Haar, Jeremys Gesicht, Jeremys Art zu gehen. Dieser Kerl war Jeremy! Er musste es sein! Kanames Gedanken überschlugen sich. Selbst das T-Shirt von Asking Alexandria konnte nur Jeremy gehören. In seinem Schrank, den Kaname nie ausgeräumt hatte, befanden sich zwei Shirts von den Flames, von Bullet for my Valentine und noch ein paar anderen Bands, die Jeremy immer vergöttert hatte. Er musste sich ein neues Fan-Shirt gekauft haben.
Der Kerl schrie dem DJ gerade irgendetwas ins Ohr. Kaname hätte es hören können, wenn er gewollt hätte, doch dieser Anblick lähmte ihn.
„Oh mein Gott“, sagte Rae hinter ihm. Es klang gedämpft, als hätte sie die Hände vor den Mund geschlagen. Steif wie ein Brett setzte Kaname einen Fuß nach vorne. Dieser Idiot bemerkte sie einfach nicht!
„Jeremy?“, fragte er so leise, dass nicht einmal er selbst es hören könnte. „Jeremy?!“ Diesmal war er laut genug gewesen. Erschrocken wandte der junge Mann sich ihnen zu. Sofort schnappte er nach Luft. Selbst bei diesem Licht erkannte Kaname Jeremys typischen, azurblauen Augen.
„Jeremy, bist du das?“, fragte Rae. Sie und Jaden standen inzwischen auf einer Höhe mit Kaname. Der Typ starrte sie nur schweigend an. Doch es musste Jeremy sein. Er wirkte nicht, als stünde er Fremden gegenüber. Nein, er wusste genau wer sie waren und er schien darüber bestürzt, sie zu sehen.
„Sag etwas! Du bist es doch, Jeremy!“, schrie Kaname verwirrt. Ihr Gegenüber öffnete leicht den Mund. Auf einmal öffnete sich die Tür erneut und einer der anderen jungen Männer, die ebenfalls in dem Auto vor dem Nachtclub gesessen hatten, steckte den Kopf durch den Spalt.
„Hey, Alter! Bring mal Zigaretten mit!“ Plötzlich riss der Schwarzhaarige den Blick von Kaname los, eilte zur Tür, stieß den Typen aus dem Weg und rannte in den Raum nebenan.
„Nein!“, rief Rae und rannte hinterher. Kaname runzelte nur die Stirn. Er verstand gar nichts mehr. Jaden stand noch immer neben ihm.
„K, dieser Kerl…“ Kaname schüttelte den Kopf.
„Halt jetzt mal die Klappe“, unterbrach ihn Kaname, in einem Tonfall, als hätte er es netter formuliert. Er schaffte es, sich in Bewegung zu setzten und Rae zu folgen. Als Kaname eintrat, fand er einen kleinen Raum vor. Die Luft hing voller Rauch. Der Dritte, den sie vorhin im Auto gesehen hatten, lümmelte auf einem Ledersofa und spielte auf dem riesigen Flatscreen Assassins Creed. Zwei andere Controller lagen auf dem Sofatisch.
Wie angewurzelt stand Rae am weit geöffneten Fenster und starrte hinaus. Langsam trat Kaname neben sie, schon ahnend, was passiert war.
„Er ist die Feuertreppe hinuntergestiegen.“
& 3 &
Finden, was nicht gefunden werden will
Rae starrte aus dem Fenster, als könne sie Jeremy noch immer sehen. Doch er war verschwunden. Geflüchtet. Als sie in den Raum gestürmt war, hatte sie gesehen, wie er gerade auf dem Gitterboden, jenseits des Fensters gestanden hatte. Für eine Sekunde hatte er sie angesehen, so wie er es bei ihrem ersten Aufeinandertreffen getan hatte. In diesem Moment war Rae die unumstößliche Erkenntnis gekommen, dass dieser junge Mann tatsächlich Jeremy sein musste. Seine azurblauen Augen hatten im sommerlichen Abendlicht geleuchtet, gezeichnet von einem leidenden Ausdruck, wie sie ihn schon zu oft sehen musste. Nur er besaß diese Augen.
Neben ihr erschien Kaname. Ohne die Augen von der Stadt hinter diesem Fenster abzuwenden, sagte sie:
„Er ist die Feuertreppe hinuntergestiegen.“ Raes Hände zitterten, ihr Innerstes wirbelte und rebellierte so stark wie ein tosender Sturmwind. Völlig mechanisch bewegte sie sich auf das Sofa zu und ließ sich darauf fallen. Die Chipskrümel und der stutzende junge Mann neben ihr störten sie gerade herzlich wenig. Die Hände faltete Rae in ihrem Schoß, um so dem Zittern entgegenzuwirken. Die Couch knarzte, als sich der Größere auf der Lehne niederließ. Da er vor dem Club auf Jeremys Bitte reagiert hatte, die Musik lauter zu drehen, nahm Rae an, dass er Vlad war. Der andere öffnete mit dem Druck auf eine Taste das Pausenmenü seines Videospiels. Die Beiden starrten Kaname und sie verständnislos an. Vlad, ein großer, stämmiger Kerl mit schulterlangem, flachsblondem Haar, und einer Lederjacke mit hochgekrempelten Ärmeln, erhob sich wieder.
„Wer seid ihr denn? Der Raum ist nur für Personal!“ Er sprach mit tiefer Stimme und einem schweren, russischem Akzent. Das einzige, wozu Rae in der Lage war, war den Kopf zu heben. Doch Kaname löste sich von seiner hoffnungslosen Wacht am Fenster und durchquerte den Raum. Er öffnete gerade den Mund, um etwas zu sagen, als der junge Mann neben Rae plötzlich aufstand.
„Alter, ich glaub´ die kennen Griffin. Vielleicht schuldet er denen Geld“, spekulierte er, ebenfalls mit russischem Akzent.
Gemächlich schlenderte Jaden in den Raum, ein Glas Alkohol in der Hand. Während sich Rae und Kaname hier den Kopf zerbrochen hatten, warum Jeremy vor ihnen geflüchtet war, war Jaden tatsächlich zur Bar gegangen, um sich ein Getränk zu holen! Rae starrte ihn ungläubig an.
„Griffin? Ist das sein Strippername? Kann man ihn buchen?“, fragte Jaden mit aufrichtigem Interesse in der Stimme.
„Jaden!“, ermahnten Rae und Kaname ihn unisono. Daraufhin hob er beschwichtigend die Hände.
„Noch so ein Clown! Verschwindet hier!“ Vlad schien jetzt richtig verärgert zu sein. Plötzlich packte Kaname ihn am Kragen und ließ seine Augen dunkelrot aufblitzen.
„Wo könnte dieser Griffin hingegangen sein? Wo wohnt er?“ Vlad entspannte sich und die Wut in seinem Gesicht verschwand.
„Er wohnt im Peter Cooper Village, Apartment 8c im achten Stock. Aber wo er jetzt gerade ist weiß ich nicht“, erwiderte er tonlos. Kaname ließ ihn angewidert los. Sein Freund schlug ihm gegen den breiten Oberarm.
„Was hast du gemacht? Du kannst Griffin doch nicht verraten! Die wollen ihn sicher umlegen!“ Doch Vlad stieß ihn von sich weg, wie eine lästige Fliege, während er sich mit der anderen Hand den Kopf hielt.
„Wovon redest du, Alter?“
Auf einmal seufzte Jaden tief, stellte das Glas auf den Tisch und erhob die Stimme:
„So, ihr beiden. Danke für den heißen Tipp, aber wir müssen leider schon weiter. Ihr erinnert euch nicht an uns. Ihr habt uns noch nie in eurem Leben gesehen. Und euer Bekannter ist auch nicht aus dem Fenster abgehauen, sondern hat ganz brav die Tür benutzt.“ Die beiden stämmigen Kerle starrten Jaden schweigend an. Dieser winkte Kaname und Rae in Richtung Tür.
„Hopp, die kommen gleich wieder zu sich!“ Sie taten, was er sagte, auch wenn Rae sich noch unfähig fühlte schnell zu reagieren.
Sofort, als sie den Club verließen, zog Kaname ein kleines Fläschchen aus seiner Hosentasche, ließ ein paar Tropfen des Inhalts auf seine Handflächen fallen und rieb sich dann vehement die Hände mit dieser gelartigen Flüssigkeit ein. Als er Raes und Jadens Blick sah zog er die Schultern hoch.
„Was denn? Diese Proleten waren widerlich!“, verteidigte er sich, wie ein bockiges Kind.
„Schon gut, töte die bösen Bakterien!“, spottete Jaden und kniff Kaname in die Wange, der seine Hand daraufhin genervt fortschlug. Rae konnte nichts weiter tun, als mit den Augen zu rollen. Sie mussten nach Jeremy suchen, und diese Beiden neckten sich!
„Also!“, unterbrach Rae den Zwist unter Brüdern. Unsanft drängte sie sich zwischen Kaname und Jaden, die gerade dabei gewesen waren, sich zähnefletschend anzufauchen. „War einer von euch schon mal in dieser Straße? Oder müssen wir dort erst einmal hinfahren?“ Die Brüder betrachteten sich gegenseitig.
„Ich besuche aus Prinzip keine Wohnabschnitte des gemeinen Volkes“, erklärte Kaname hochnäsig und verschränkte die Arme vor der Brust. Jaden zog ein silbernes Kästchen aus seiner Hosentasche. In ihm war das Monogramm J.T. eingraviert. Als er es öffnete, kamen aufgereihte Zigarillos zum Vorschein. Gemütlich nahm er sich eine heraus, steckte sie zwischen die Lippen und zündete sie mit einem schwer wirkenden Feuerzeug an. Das Kästchen ließ er wieder, samt dem Feuerzeug, verschwinden. Die Zigarillo nahm er zwischen Zeige und Mittelfinger, zog daran und blies den Rauch dann in Kanames Gesicht. Dieser wedelte resigniert mit der Hand und trat einen Schritt zur Seite.
„Was ist dein Problem?“ Jaden zuckte mit den Achseln.
„Du nervst mich, das ist mein Problem.“
„Ach ja?!“
„Ja!“, Jaden trat drohend vor seinen Bruder. „Du führst dich auf wie eine verzogene Göre, K. Falls du es noch nicht bemerkt hast, dein bester Freund scheint jetzt unter diesem gemeinen Volk zu leben und egal wie schmutzig und verseucht es in dieser Straße sein wird, um ihn zu finden, wirst du wohl oder übel dorthin gehen müssen! Dein, ich-willein-Seidentuch-auf-jedem-Boden-den-ich-betrete-Gehabe, hängt mir mittlerweile ganz schön zum Hals raus! Wir werden jetzt in das Peter Cooper Village gehen - das übrigens in Manhatten liegt und nicht in einem Loch in der Bronx - und wenn ich dich einmal quengeln höre, oder du das Gesicht verziehst, manipuliere ich zukünftig alle Obdachlosen, denen ich begegne, dass sie dich jedes Mal, wenn sie dich sehen, doch bitte umarmen mögen!“ Seine Schimpftirade beendete Jaden mit einem langen Zug von seiner Zigarillo. Für einen Moment starrte Kaname ihn nur an, dann atmete er hastig ein. Er sah so aus, als stelle er sich etwas Schreckliches vor.
„Okay“, murmelte Kaname und starrte auf den Bordstein. Mit einem entspannten Seufzen wandte Jaden sich Rae zu, die ihn, wie die ganze Zeit schon, mit halb offenem Mund anstarrte.
„Tut mir leid, Cherie, mir ist der Kragen geplatzt. Von mir aus können wir uns jetzt auf den Weg machen. Ich bin schon einmal dort gewesen, deswegen kann ich uns dorthin transportieren.“ Rae nahm Jadens Hand und nickte. Ein Zeichen, dass sie seine Reaktion gerade vollkommen guthieß. Schließlich hatte er Recht, Kaname übertrieb es immer und musste irgendwann mal von seinem hohen Ross heruntersteigen. Als Kaname sie flehend ansah, schüttelte Rae nur den Kopf. Beleidigt legte Kaname die Hand auf die Schulter seines Bruders und sie verschwanden innerhalb einer Sekunde.
Mittlerweile war die Stadt in das Blau des Zwielichts gehüllt. Rae liebte diesen kurzen Moment, bevor die Lichter der Stadt eingeschaltet wurden. Normalerweise genoss sie dann die Atmosphäre in der Luft, doch nicht heute Abend. Sie konnte nur an Jeremy denken, sah den Ausdruck auf seinem Gesicht stets vor sich, als sie sich im Nachtclub gegenübergestanden hatten.
Jaden führte sie die Avenue C entlang. Eine Straße wie jede andere. Nur dass hier lediglich Wohnungen aus Ziegelsteinen gebaut worden waren. Es gab nur vereinzelt Geschäfte. Wenige Menschen begegneten ihnen und die Autos auf der Straße rauschten uninteressiert vorbei. Rae fragte sich, welches Problem Kaname hatte, schließlich bestand diese Straße aus nichts weiter, als einer ruhigen Wohngegend. An ein paar Hauswänden waren Schilder angebracht, und informierten über die Architekten, Anwälte oder auch Ingenieure, die dort wohnten. Baumalleen säumten die Straße und ließen Blätter hinab regnen. Es wirkte so idyllisch hier.
Auf einmal nahm Kaname ihre Hand. Rae sah ihn fragend an. Doch dann lächelte sie. Er war genauso aufgeregt wie sie und suchte ihren Beistand. Gemeinsam folgten sie Jaden. Irgendwann bog er in eine kleine Seitenstraße, dann in die Straße dahinter und plötzlich ragte ein riesiges Gebäude vor ihnen auf.
Ohne auf den Verkehr zu achten, rannten sie über die Straße und spähten durch die gläsernen Eingangstüren des Gebäudes hinein in die Lobby. Jaden drückte seinen Zigarillostummel unter seinen Schuhen aus. Dann drückte er eine der vier Türen auf.
Auf den weißen Kacheln hallte jeder Schritt. Die grauen Steinwände ließen alles sehr Edel und seriös wirken. Aber auch teuer. Die Apartments hier mussten ein Vermögen kosten. Wie konnte Jeremy sich das leisten? Sofort, nachdem sie sich das gefragt hatte, fiel es Rae wieder ein: Jeremy war jetzt Besitzer eines beliebten Nachtclubs. Vermutlich verdiente er viel Geld.
An der Rezeption lehnte ein groß gewachsener Portier und las ein Buch. Mit der Brille und dem säuberlich gekämmten Haar wirkte er intelligent und kultiviert. Der Mann war zwischen vierzig und fünfundvierzig und trug einen schwarzen Nadelstreifenanzug. Als er die drei bemerkte, die gerade hereingekommen waren, wandte er sich zu ihnen herum und fragte:
„Kann ich Ihnen behilflich sein?“
„Wir wollen einen Freund von uns besuchen. Ich denke, wir kommen gut zurecht“, erwiderte Rae freundlich. Eilig legte der Portier das Buch auf den Tresen und griff nach dem Telefon, welches direkt daneben stand.
„Ich werde Sie ankündigen, wer ist denn ihr Freund?“ Kaname löste sich von Rae und trat vor den Mann.
„Vielen Dank, das brauchen Sie nicht. Lesen Sie ruhig weiter“, befahl Kaname ihm nett. Sofort griff der Mann wieder nach seinem Roman und lehnte sich wieder gegen die Rezeption. Kaname nickte zufrieden und steuerte den Aufzug an. Jaden und Rae folgten ihm.
Kaname tippte nervös mit dem Zeigefinger gegen sein Hosenbein, während im Hintergrund fröhliche Musik dudelte. Dieser Moment, kurz vor dem Zusammentreffen, wurde unerträglich. Raes Herz hüpfte aufgeregt auf und ab. Auch sie gab einem nervösen Tick nach und zwirbelte eine ihrer braunen Haarsträhnen um ihren Finger. Ihre Augen waren fest auf die rote Zahl geheftet, die im Zweisekundentakt immer um eins höher Sprang. Dritter Stock… Vierter Stock… Fünfter Stock…
Noch immer konnte sie es nicht glauben. Wie konnte Jeremy am Leben sein? Warum flüchtete er vor ihnen? Schon immer hatte Jeremy Dinge getan, die selbst für die übernatürliche Welt unglaublich waren. Er hatte als Hybride über hundert Jahre überlebt, obwohl diese innerhalb eines Jahres starben. Er hatte einen verrückten, wildgewordenen Engel besiegt. Er hatte monströse Kreaturen mit Feuer getötet, welches er selbst heraufbeschwor. Und nun war er von den Toten auferstanden. Wie war das alles möglich? Könnte es sein, dass Jeremy nun die Antworten auf all diese Fragen kannte?
Ein lautes Ding ertönte und die Türen schoben sich auf. Rae stürmte hastig hinaus und lief den schmalen Flur entlang. Sie konnte nicht anders. Ein Blick nach links. Apartment 8a. Ein Blick nach rechts. 8b. Ohne stehen zu bleiben suchte Rae weiter.
Auf einmal blieb sie stehen. Apartment 8c. Hier war es. Hier wohnte Jeremy. Kaname und Jaden schlossen zu ihr auf. Rae hob die Hand, um zu klopfen. Sie sah, wie sie zitterte. Hastig schluckte Rae. Dann klopfte sie. Nach einem kurzen Moment noch einmal. Dann noch einmal. Jaden schob sie beiseite.
