Sheila - Victoria Thorsen - E-Book

Sheila E-Book

Victoria Thorsen

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Beschreibung

Als Eusebius Moll nach seiner Pensionierung mit Sheila in das ehemalige Gärtnerhaus von Frau Flora zieht, scheint sein Glück vollkommen. Abgelegen und ruhig will er hier seinen Lebensabend geniessen. Die Vermieterin ist eine nette alte Dame, mit einer Vorliebe für Shakespeare. Als jedoch Sheila auf mysteriöse Weise stirbt, kommen in Eusebius Zweifel auf. Hat die Nachbarin seine geliebte Sheila vergiftet? Mit Hilfe eines jungen Polizisten will er die Mörderin überführen, indem er ein Dinner inszeniert, bei dem es buchstäblich um Leben und Tod geht und an dem Shakespeare seine Freude gehabt hätte.

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Seitenzahl: 79

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Begegnen wir der Zeit, wie sie uns sucht

William Shakespeare

Inhaltsverzeichnis

Akt

Akt

Akt

Akt

Akt

Akt

Akt

1. Akt

Es schneit. Als wir vor einem Jahr hier eingezogen sind, hat es auch geschneit. Stundenlang sind Sheila und ich durch die weissen Wälder und Wiesen spaziert und haben unsere Spuren im unberührten Schnee zurückgelassen. Die Spuren sind inzwischen alle vergangen und neue wird es nicht geben, denn Sheila ist tot.

Ausser dem Ticken der alten Standuhr ist es ganz still in dem kleinen Wohnzimmer. Gedankenverloren sehe ich zu, wie die Schneeflocken auf das Fensterbrett rieseln, während ich mit stereotyper Bewegung über Sheilas Kopf streiche, der schwer auf meine Knie gebettet liegt.

„Wenn der Schnee schmilzt, wo bleibt dann das Weiss?“, fragte schon Shakespeare und mir scheint, es gibt keine grössere Frage. Die Frage nach der Endlichkeit ist vermutlich grösser noch, als die Frage nach der Unendlichkeit.

Dichter und Denker haben sich schon den Kopf über dieser Frage zerbrochen und es mag anmassend klingen, aber ich glaube, ich habe soeben die Antwort darauf gefunden; es gibt nichts… nichts ausser der Erinnerung.

Eine Bewegung aus dem Sessel gegenüber lässt mich aufschrecken. Ist er also immer noch da. Fast hätte ich ihn vergessen.

Als wäre er an Händen und Füssen gefesselt, sitzt er mit zusammengepressten Knöcheln und Knien da, die Hände auf den Oberschenkeln ineinander verschränkt. Sein diskretes Hüsteln soll mich wohl daran erinnern, dass er auf eine Antwort wartet.

Es war ein Fehler, mich an die Polizei zu wenden... und es war ein noch grösserer Fehler, dass sie ausgerechnet den da geschickt haben. Er ist viel zu jung, um irgendwelche Erfahrung in seinem Beruf zu haben. Ein unbeholfener Junge, noch grün hinter den Ohren, da täuscht auch die schmucke Polizeiuniform nicht darüber hinweg.

- Ja richtig, sie wollen wissen, warum ich glaube, dass Sheila ermordet wurde? Nun, diese Frage lässt sich nicht in ein paar Sätzen beantworten und ich bin mir nicht sicher, ob sie die erforderliche Geduld und den notwendigen Ernst für diesen Fall aufbringen, junger Mann.

Der Polizist rückt hastig Notizblock und Kugelschreiber zurecht und versucht ein professionelles Gesicht zu machen.

- Ich bin ganz Ohr. Erzählen sie mir einfach, was sich zugetragen hat, Herr...ähm?

- Moll, Eusebius Moll.

- Natürlich, Herr Moll.

Es war ein Fehler, denke ich wieder, aber es wird mir nichts anderes übrig bleiben, als diesem Greenhorn die ganze Geschichte zu erzählen, denn es ist zweifelhaft, ob sich in dieser abgelegenen Gegend und bei diesem Wetter so auf die Schnelle ein anderer Polizeibeamter finden lässt. Also versuche ich mich zu konzentrieren und überlege, wo ich anfangen soll. Schliesslich räuspere ich mich und beginne zu erzählen:

- Bevor Sheila in mein Leben getreten ist, habe ich über sechzig Jahre lang genügsam vor mich hin existiert. Ich verwende ganz bewusst den Ausdruck existiert, und nicht gelebt, denn wenn ich heute zurückblicke, kann man die Zeit vor Sheila nicht wirklich Leben nennen. Nach einigen zaghaften Versuchen in meiner Jugend, das Leben zu bezwingen und etwas Grossartiges daraus zu machen, merkte ich bald einmal, dass das in meinem Fall lediglich Träumereien waren. Jahr um Jahr völliger Ereignislosigkeit verging, ohne dass mich auch nur das kleinste Vorkommnis aus dem gleichförmigen Strom meines Daseins gerissen hätte. Ich habe mich weder verliebt, noch jemals ein Bein gebrochen oder im Lotto gewonnen. Zufälle und Verwicklungen schienen mich ebenso zu meiden wie Abenteuer und Herausforderungen, was mir ehrlich gesagt, mit der Zeit auch ganz lieb war. Ich hielt es für eine bequeme Art zu leben, ersparte es mir doch Enttäuschungen und unnötige Aufregung. So bin ich in meinem Leben, genau wie in meinem Beruf als Lokomotivführer, stets den vorgegebenen Fahrplänen und Schienen gefolgt, dankbar über die gestellten Weichen die mich führten, ohne dass ich mir Gedanken über den Weg machen musste.

Der Kugelschreiber des jungen Polizisten fällt mit einem leisen Klirren auf den Fussboden. Mit einer zerknirschten Entschuldigung hebt er ihn auf und nimmt seine gerade Haltung wieder ein. Ich versuche den jungen Mann zu ignorieren und fahre fort:

- Ich hatte mich also längst damit abgefunden meinen Lebensabend ereignislos und allein zu verbringen, als ich eines Morgens, es war kurz vor meiner Pensionierung, meine Frühschicht antrat und den Zug in den Bahnhof einfahren wollte. In der Nacht hatte es geregnet und die warme Morgensonne liess die Feuchtigkeit in flirrendem Dampf über den Gleisen aufsteigen. Plötzlich, wie aus dem Nichts aufgetaucht, schwebte Sheila einer Fata Morgana gleich auf dem Bahngleis, direkt vor meinem Zug. Die Situation hatte etwas Unwirkliches, aber ich reagierte geistesgegenwärtig und blitzschnell. Ich betätigte die Zugssirene und leitete eine Vollbremsung ein, doch Sheila schaute nur mit verlorenem Blick zu mir hoch und blieb regungslos stehen. Zum Glück fuhr ich erst mit geringer Geschwindigkeit, so dass ich den Zug ein paar Meter vor ihr zum Stehen bringen konnte. Sie machte keinerlei Anstalten den Weg freizumachen und es blieb mir nichts anderes übrig, als aus dem Führerstand zu klettern und sie fortzuschicken. Als ich ihr schliesslich gegenüberstand, traf es mich wie ein Blitz. Niemals zuvor hatte ich ein so zauberhaftes Wesen gesehen. Ihr weizenblondes Haar glänzte wie gesponnene Seide in der Morgensonne und ich verlor mich in ihren unbeschreiblich sanften Augen, in denen gleichzeitig ein wildes, unbezähmbares Feuer loderte. Ich konnte den Blick nicht aus dem ihren lösen... es war, als würde ich mich in einer endlosen Wüste verlaufen.

Mit einem etwas gequälten Gesichtsausdruck unterbricht mich der Polizist erneut:

- Das ist eine wirklich nette Geschichte, aber wieso glauben sie denn nun, dass sie getötet wurde?

- Genau das, junger Mann, versuche ich ihnen gerade zu erzählen, nur ist das etwas schwierig, wenn sie mich dauernd unterbrechen.

Strafend sehe ich den Gesetzeshüter an. Diese jungen Leute von heute sind einfach zu ungeduldig. Etwas ungehalten nehme ich den Faden wieder auf:

- Also kurz und gut, Sheila hatte kein Zuhause und ich habe sie bei mir aufgenommen. Sie können sich vielleicht denken, dass dies für einiges Aufsehen sorgte. Der stets korrekte, gähnend langweilige, in die Jahre gekommene Eusebius Moll mit Bäuchlein, Brille und Glatze lief auf einmal mit einem exotischen Wesen wie Sheila durch die Strassen... ein älterer Mann von pyknischem Habitus mit einer fleischgewordenen Göttin… die Schöne und das Biest... Esmeralda und Quasimodo… Christine und das Phantom der Oper! Doch die neugierigen, zum Teil belustigten Blicke störten Sheila nicht. Stolz wie eine Königin ging sie mit hoch erhobenem Haupt neben mir her, wobei ihr langes Haar den geschmeidigen Körper bei jedem ihrer wippenden Schritte wie ein goldener Mantel umschmeichelte. Aber das Wundervollste war ihre innere Schönheit. Sie verkörperte alle guten Eigenschaften wie Treue, Geduld, Sanftmut, Toleranz, Dankbarkeit… ich könnte ewig so fortfahren… und dabei sprühte sie vor Lebensfreude, die selbst einen alten Griesgram wie mich mitriss. Für sie zählte nur das, was wirklich wichtig ist. Weder das Gestern oder das Morgen, noch mein Aussehen, mein Bankkonto oder meine soziale Stellung spielten in ihrer Welt eine Rolle. Sie hätte mich auch geliebt, wenn ich gestottert, geschielt und einen Buckel gehabt hätte. Sie hat... hatte die aussergewöhnliche Fähigkeit die Seele eines Menschen zu erkennen...!

Die Erinnerung überkommt mich und ich vergrabe mein Gesicht in den Händen. Die Vorstellung, dass sie für immer von mir gegangen ist, überwältigt mich.

Der Polizist beginnt unbehaglich in seinem Sessel hin und her zu rutschen und meint schliesslich:

- Vielleicht wäre es besser, man würde sie jetzt wegbringen.

Er sagt es, als ob das ein Trost wäre. Der Junge versteht gar nichts. Ich hole tief Atem und räuspere mich:

- Nein, ich bin noch nicht soweit. Ein Abschied für immer braucht seine Zeit. Es geht gleich wieder.

Der Polizist schweigt, wenn auch mehr aus Verlegenheit als aus Betroffenheit. Aber ich bin ihm dankbar, dass er mir einen Moment gibt, um mich zu fassen. Mit belegter Stimme fahre ich fort:

- Als wir dann nach meiner Pensionierung vor etwas mehr als einem Jahr dieses gemütliche, vom nächsten Ort weit abgelegene Häuschen fanden, waren wir wunschlos glücklich. Alles hinter mir zu lassen und hier draussen, allein mit Sheila, ein völlig neues Leben zu beginnen, war mehr als ich mir je erhofft hatte. Ausser der Nachbarin, Frau Flora, gibt es hier keinen Menschen und Frau Flora schien anfangs eine ganz reizende alte Dame zu sein. Sie wohnt in der alten Villa nebenan und vermietet uns für wenig Geld dieses ehemalige Gärtnerhaus, mit der Bedingung, dass ich mich ein wenig um den Garten und kleinere handwerkliche Arbeiten im Haus drüben kümmern soll. Diese Vereinbarung schien mir ideal; ich würde zwar mit Sheila abgelegen und ungestört leben und doch war da ab und zu eine sinnvolle Aufgabe, was mir den Übergang ins Rentnerleben erleichterte. Ausserdem liebe ich Gartenarbeit und es reizte mich, den grossen, wildromantischen Garten in Ordnung zu bringen.

Das nervöse auf und ab Wippen des Fusses des Polizisten bringt mich aus dem Konzept. Ich versuche mich zu konzentrieren.

- Also ich machte den Garten... und... ab und zu... hören sie, so geht das nicht. Ich habe das Gefühl der Fall übersteigt ihre Kompetenz.

- Wenn ich nur endlich wüsste, um was für einen Fall es hier eigentlich geht, so könnte ich ihnen bestimmt weiterhelfen. Kommen sie doch bitte einfach auf den Punkt.

Jetzt wird der Junge doch tatsächlich auch noch frech. Auf den Punkt kommen... auf den Punkt kommen...! Ich schnappe nach Luft und zähle innerlich bis zehn.