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Viola Sanden

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Beschreibung

Gegensätze leuchten hell: Aylin liebt klassische Musik und spielt Klavier. Vince prügelt sich in illegalen Fight Clubs. Nicht die idealen Voraussetzungen für nachbarschaftliche Harmonie im selben Haus – und noch viel weniger für die große Liebe »Oh Allmächtiger, kann es sein, dass ich gerade meinen Nachbarn belausche? Den Schläger und rücksichtslosen Heimwerker?« Rücksichtslos, unverschämt und attraktiv: Vince ist genau der Typ Mann, von dem Aylin sich möglichst fernhalten möchte. Sollte gelingen, denn von seiner Seite aus besteht keinerlei Interesse an dem sanften Rehauge, das neuerdings eine Etage unter ihm wohnt. Vince ist viel zu sehr mit Koks und Schlägereien beschäftigt. Und dann ist da noch dieser unangenehme Neonazi, der eine Rechnung mit ihm offen hat. Ausgerechnet jetzt funkt Aylin dazwischen – und plötzlich hofft Vince darauf, dass  er sein Leben nicht komplett vor die Wand fährt. Aber die Feinde in der rechten Szene werden schon bald zu einer ernsten Bedrohung – nicht nur für ihn. »Großartig finde ich auch, das die beiden sich zusammen ihren Dämonen stellen und das zeugt von Kraft und Zusammenhalt. Ein sehr gutes Buch!« ((Leserstimme auf Netgalley))

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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© 2020 Piper Verlag GmbH, München

Redaktion: Diana Steigerwald

Covergestaltung: Alexa Kim "A&K Buchcover"

Covermotiv: PNGTree

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

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Inhalt

Cover & Impressum

Zitat

BROKEN NOW

SWEET HOME

WASTING TIME

POST WAR

I’M FINE

SOUL CAKE

DAMN THING

SEPTEMBER BLUES

KNOW YOU

SOME NUMBERS

STRESSED OUT

PARTY GOING

MORNING LIGHT

MONSTERS OFF

THINKING ABOUT

ANOTHER NIGHT

WHY RUNNING

WAY DOWN

WAKING UP

BEST THING

SUDDENLY BURNING

MY LOVE

BE HIGHER

THE LIGHT

JUDGEMENT DAY

SHINE BRIGHT

WHAT EVER

HEART SHAPE

ALRIGHT TONIGHT

PLAYLIST

THANKS

FINAL NOTE

See the stars, they’re shining bright

Everything’s alright tonight …

– Depeche Mode – Never Let Me Down Again(Words by Martin Gore (c) 1987 Sonet Records & Publishing Ltd.)

BROKEN NOW

TWO YEARS AGO (BERLIN)

Wenn du deinen Freund mit einer anderen siehst, tut das furchtbar weh. Wie ein mit voller Wucht platzierter Fausthieb in den Magen. Instinktiv spanne ich die Bauchmuskeln an, bereite mich auf den Treffer vor. Und da ist er, der Schmerz. Doch in dieser lauen Sommernacht bin ich so betrunken, dass mich zugleich eine plötzliche Übelkeit erfasst, die ich mit Mühe unterdrücke. Bloß nicht hier in der U-Bahn kotzen. Ich kann den Blick nicht abwenden, schaue zu, wie meine große Liebe Kian mit seiner Zungenspitze die Lippen eines Mädchens berührt und kleine, neckische Kreise zieht, bis ihr Mund sich öffnet.

Kian kann wunderbar küssen, ich weiß das nur zu gut. Gleichzeitig lässt er eine Hand an ihrem nackten Oberschenkel entlang tief unter den Rock gleiten, wo sie verweilt. Ich kann mir vorstellen, dass seine Finger dort heimlich weiterwandern, er liebt solche Spielchen in der Öffentlichkeit. Die beiden sind so versunken ineinander, dass sie mich wohl nicht einmal bemerken würden, wenn ich ihnen direkt gegenübersitzen würde. Aber ich beobachte sie aus einigem Abstand, seitlich an der Tür stehend. Warum tut er mir das an?

Mein Herz schreit nach ihm, obwohl ich schon länger geahnt habe, dass er fremdgeht. Könnte ich klar denken, würde ich auf meinen Kopf hören, der mir sagt, sei froh, dass die Zeit der Ungewissheit vorbei ist. Aber im Moment haben meine Emotionen mich zu sehr im Griff. An der nächsten Haltestelle steige ich mit zittrigen Beinen aus, lasse mich neben dem Bahnsteig auf den Boden sinken und durchwühle meinen Rucksack nach dem Wodka. Die kleine Flasche ist fast leer. Nachdem ich den letzten Rest in mich hineingekippt habe, stehe ich schwerfällig auf und torkele ziellos durch den langen Tunnel, den Kian und seine Freunde immer Mäusetunnel nennen. Schließlich hocke ich mich auf das Treppenpodest am Aufgang zum Bahnsteig der U2.

Ich weiß nicht, wo mein Handy ist, ich weiß nicht, wie spät es ist, ich weiß gar nichts mehr. Plötzlich muss ich mich doch im Schwall übergeben, und kaum ist die erste Ladung draußen, geht es weiter und weiter, bis ich nur noch bittere Flüssigkeit spucke. Als ich den Kopf wieder hebe, kommt ein junger Typ in einer roten Kapuzenjacke auf mich zu, sieht in meine Richtung und läuft dann an mir vorbei, ohne mich länger zu beachten. Ich könnte es einfach herausschreien. Hey, ich bin Aylin, und ich bin absolut am Ende. Ich will nicht mehr, hörst du? Ich will nicht mehr! Es wäre ihm so egal wie Kian und allen anderen.

Ich ertrage es nicht mehr.

***

»Bruder, du hast die Kohle?« Dukat erwartet ein Ja, doch das kann ich ihm nicht geben. Im Hinterraum der heruntergekommenen Shishabar läuft Es geht ums Geschäft von Capital Bra. Gutes Timing, denn es geht ums Geschäft und vielleicht auch um meine Gesundheit, wenn es mir nicht durch ein Wunder gelingt, einen Aufschub auszuhandeln. Um Zeit zu gewinnen, ziehe ich ein letztes verzweifelt gelogenes Ass aus dem Ärmel.

»Hab ich, Bruder, nicht heute, aber mein Alter hat die Überweisung klargemacht. Nach dem Wochenende ist das Geld auf meinem Konto, und Anfang der Woche hast du es in bar, Ehrenwort.«

Keine Ahnung, wie Dukat mit richtigem Namen heißt. Er ist gebürtiger Tschetschene, hat Kontakte zur russischen Mafia und ist obendrein radikaler Muslim. Russenmafioso und Islamist also, eine explosive Mischung. Mit so einem wie ihm lässt man sich besser nicht ein, wenn man Probleme hat. Diese Erkenntnis kommt leider zu spät. Er hat mir mehrfach was geliehen, ganz unbürokratisch, und heute sollte Zahltag sein. Mit Zinsen schulde ich ihm eine Menge Geld, fast 20.000 Euro.

Dukat starrt mich schweigend an. Sein Blick ist eiskalt und lässt mich trotzdem schwitzen. Die Sekunden tropfen zäh dahin, während mein Schweiß in Strömen rinnt. Ich hoffe, dass er den säuerlichen Geruch der Todesangst nicht riechen kann, bin mir gleichzeitig aber sicher, dass er ihn kennt und liebt. Schließlich, nachdem er sich genug an meiner Angst aufgegeilt hat, sagt er: »Dienstag, oder du bist ein toter Mann.«

Kurzes Schweigen, dann fügt er hinzu: »Und Vince? Wallah.«

In Wallah schwingt Allah mit. Es heißt so viel wie: Ich schwöre bei Gott. Damit bin ich entlassen und mache mich davon Richtung U-Bahn. Eins steht fest, Dukat meint es todernst. Scheiße! Das war knapp, reine Glückssache, dass er so »kulant« war. Ohne meinen Vater werde ich aus dieser Nummer nicht heil rauskommen. Aus den Augenwinkeln sehe ich, wie sich auf dem Podest vor der Treppe ein Mädchen die Seele aus dem Leib kotzt. Die langen dunklen Locken schwimmen in einer Pfütze aus Erbrochenem. Es hebt den Kopf, schaut genau zu mir. Einen Sekundenbruchteil halte ich inne und bin kurz davor, hinzugehen, um zu fragen, ob es Hilfe braucht. Aber dann haste ich vorbei und stürme die Stufen zum Bahnsteig hoch.

Ich habe verdammt noch mal genug eigene Sorgen.

SWEET HOME

TODAY (DÜSSELDORF)

Aylin

Geschafft! Gestern der Umzug und heute die Übergabe meines alten Apartments. Ich lege die Schlüssel auf der Fensterbank ab und unterschreibe das Protokoll halbwegs leserlich mit Aylin Henniger, daneben setze ich das Datum. Dann reiche ich es dem Vermieter, der das Stück Papier in eine Mappe heftet und dabei noch einmal betont, dass es nichts zu beanstanden gab, im Gegenteil.

»Alle Achtung, Frau Henniger, Sie haben die Wohnung nicht nur besenrein hinterlassen, wie es im Mietvertrag steht, sondern picobello. Da sind Sie eine große Ausnahme, das ist heutzutage leider alles andere als selbstverständlich. Sie glauben gar nicht, was ich mit den Parasiten hier sonst so erlebe.«

Er schnaubt und starrt mich Zustimmung heischend an, die zusammengewachsenen Augenbrauen verächtlich hochgezogen. Anscheinend will er das Thema gern vertiefen, aber ohne darauf einzugehen, schaue ich demonstrativ auf die Uhr und gebe vor, in Eile zu sein. Obwohl ich weder blond noch blauäugig bin, hat Herr Daubert an mir einen Narren gefressen und ist immer übertrieben freundlich. Dennoch hat er mir gegenüber nie einen Hehl aus seiner stramm rechten Gesinnung gemacht. An seinen Schilderungen habe ich daher keinen Bedarf. Außerdem kenne ich die Zustände in diesem Haus seit zwei Jahren. Die Menschen, die er herablassend als Parasiten bezeichnet, haben meist keine Bildung, keine Perspektive, kein Geld, keine Arbeit und oft auch keinen deutschen Pass. Jeder, der hier wohnt, schleppt eine Unmenge Probleme mit sich herum. Aber aus eigener Erfahrung weiß ich, dass niemand sich ein Dasein auf der Verliererseite aussucht.

Daubert entlässt mich mit einem unangenehm schwitzigen Händedruck und wünscht mir alles Gute für die Zukunft. Ein letztes Mal quäle ich mich durch das enge, immer muffig riechende Treppenhaus. Draußen atme ich tief durch, überglücklich, das alles an diesem Samstag ein für alle Mal hinter mir lassen zu können. Als ich aus Berlin hierherzog, war es schwer, eine bezahlbare Unterkunft zu finden. Düsseldorf ist teuer. Also konnte ich es mir nicht erlauben, wählerisch zu sein. Ich war froh, überhaupt irgendwo unterzukommen, und sei es auch nur eine Bruchbude in einem Brennpunktviertel.

Und obwohl ich dort hängen geblieben bin, weil ich nichts anderes fand, hat sich in meinem Leben seither so vieles zum Positiven geändert. Ich kann mich kaum noch an das verzweifelte Häufchen Elend erinnern, das ich vor meinem Zusammenbruch war. Vielleicht musste ich erst tief fallen, um die Chance auf einen Neuanfang zu erhalten. Die Psychotherapie war meine Rettung.

Ein Vibrieren reißt mich aus den Gedanken. Wegen des Verkehrslärms kann ich die Voicemail von Josie kaum verstehen. Ich presse das Handy dichter ans Ohr und höre ihre Nachricht ein zweites Mal. »Hi Aylin, melde dich, wenn du fertig bist. Wollte dich nicht anrufen, falls du noch mit dem Hausmeistertyp zugange bist, bin aber schon am Bahnhof und warte bei Press and Books auf dich. Bis gleich!« Ich grinse in mich hinein. Josie steht auf meinen ehemaligen Hausmeister. Besonders auf sein Outfit: Holzfällerhemd, Latzhose und ein daraus hervorragender Zollstock. Letzteres sei für sie ein Schlüsselreiz, hat sie mir kichernd gestanden. Aber für die Wohnungsabnahme war der Vermieter zuständig, nicht der Zollstock. Allein die Vorstellung, mit dem feisten Daubert zugange zu sein, ist gruselig.

Ich tippe eine kurze Nachricht. Brauche noch zehn Minuten.

Eine richtig gute Freundin wie sie zu haben, mit der ich offen über Persönliches sprechen und auch mal herumalbern kann, ist eine neue, wundervolle Erfahrung. Ich bin jetzt fünfundzwanzig, und bis vor zwei Jahren hatte ich keine engen Freunde. So kontaktscheu, wie ich war, wusste ich gar nicht, was Freundschaft ist. Auch Humor war mir fremd. Josie hat mir das Lachen und einiges mehr beigebracht. Sie weiß nicht alles über mich, aber doch so viel wie kein anderer Mensch, abgesehen von meiner Therapeutin Katharina. Ich wundere mich manchmal immer noch, dass ausgerechnet die flippige und um lockere Sprüche nie verlegene Josie und ich uns so mögen – und ich bin glücklich, dass es so ist.

Heute wollen wir meine neue Wohnung feiern. Ein Superschnäppchen in einem umgebauten Studentenwohnheim, vierundfünfzig Quadratmeter, zwei Zimmer mit Einbauküche, Bad und, so unglaublich es auch klingt, sogar Balkon! Always look on the bright side of life, um es mit Monty Phytons Worten zu sagen. Denn Kaiserswerth ist the bright side of Düsseldorf. Ich hatte so ein Glück, den Zuschlag zu erhalten. Vermutlich lag es an meinem Geschlecht in Kombination mit dem Job im Hotel. Die Hausverwaltung wollte aufgrund schlechter Erfahrungen mit männlichen Chaoten wohl an eine putzwillige Frau mit ordentlichem Einkommen vermieten. Zum Teil wohnen auch nach dem Umbau immer noch Studis dort. Das wird sich bestimmt in den nächsten Jahren ändern. Aber noch ist die Miete moderat, vor allem für das feine Kaiserswerth. Ich muss einmal wöchentlich das gesamte Treppenhaus wischen, aber dafür residiere ich jetzt in Düsseldorfs ältestem Stadtteil direkt am Rhein. Na ja, nebenbei bemerkt noch direkter an der Rheinbahn, was mich aber nicht stört. Ich bin in Sachen Lärm Schlimmeres gewohnt. Außerdem hat die Nähe zur Bahn den Vorteil, dass ich gut zu meiner Arbeitsstelle komme.

Inzwischen bin ich am Hauptbahnhof angelangt und steuere die Buchhandlung an, wo ich Josie in der Zeitschriftenabteilung entdecke. Sie ist so vertieft in eines ihrer geliebten Adelsblättchen, dass ich sie anstupsen muss, damit sie mich bemerkt.

»God save the queen! Na, wie ist die royale Lage?« Sie klappt die Zeitung zu und stellt sie zurück zu den anderen.

»Meghan hat zu viel Bein gezeigt. Ein gefundenes Fressen für die Paparazzi. Wie war’s bei dir, ist alles gut über die Bühne gegangen?«, will sie wissen.

»Ja, ich bin frei, und die Kaution gibt es ohne Abzüge zurück! Übrigens nicht vom Hausmeister, sondern von Daubert. Du hättest mich also jederzeit stören dürfen, sehr gern sogar.«

»Wie schade. Das wäre die letzte Gelegenheit gewesen, ihm deine neue Adresse durchzugeben.«

»Warum meine? Doch wohl eher deine. Ich bin nicht interessiert.«

Josie zieht eine Schnute. »Es wäre aber schön, wenn du dich mal wieder für jemanden interessierst. Wie lange ist das mit Dario jetzt schon vorbei? Fast ein Jahr, grob geschätzt. So bleibst du beziehungstechnisch nicht in Übung.«

»Irgendwann ergibt sich schon wieder was, aber ehrlich, im Moment fehlt mir das überhaupt nicht. Mein eigenes Ding zu machen, finde ich genau richtig. Klar, ich will nicht ewig allein bleiben, aber ich kann warten. Ich weiß nicht, ob du das nachvollziehen kannst … aber es ist nicht eilig. Good things might come to those who wait, kennst du den Song?«

»Klar kenn ich den. Just the two of us.« Mit einem Bussi auf die Wange lässt Josie durchblicken, dass sie versteht, was ich meine. Dann hakt sie mich unter und sagt: »Okay, aber du weißt, wie es weitergeht: not for those who wait too late. Jetzt lass uns aber mal was Prickelndes für heute Abend einkaufen. Wie sieht das mit alkoholfreiem Sekt aus, darfst du den?«

»Lieber nicht. Wäre theoretisch okay, aber ich trinke auch kein alkoholfreies Bier und keine alkoholfreien Cocktails. Nichts, was irgendwie an Alkohol erinnert. Für mich also Schweppes. Das ist prickelnd genug zum Anstoßen. Aber du kannst Sekt nehmen, das macht mir nichts aus.«

»Nee, Schweppes ist eine gute Idee. Und dazu Chinataxi, was meinst du?«

Damit bin ich sofort einverstanden. »Perfekt! Dann müssen wir auch nicht mehr woandershin zum Einkaufen. Die Einbauküche weihen wir das nächste Mal ein. Da vorne in dem Shop gibt’s Getränke.«

Nachdem wir je eine Flasche Ginger Ale und Wild Berry gekauft haben, nehmen wir die Rheinbahn nach Kaiserswerth und sind dann auch schon so gut wie am Ziel. Vom Bahnhof aus dauert der Fußweg keine drei Minuten. In der Wohnung sieht es noch wüst aus, überall stapeln sich volle Umzugskartons und Krimskrams. Nur die Grundausstattung aus Bett, Kleiderschrank, Sofa und Tisch haben wir gestern schon aufgebaut – und mein digitales Klavier steht auch schon an seinem Platz. Das war am schwierigsten zu transportieren. Netterweise haben sich Josies Bruder Tom und zwei Kollegen aus dem Hotel als freiwillige Umzugshelfer betätigt. Mit ihrer Hilfe haben wir das gute Stück an einen schönen, hellen Platz neben der Balkontür gestellt. Ich freue mich so sehr, dass es endlich zur Geltung kommt und nicht mehr in eine Ecke gequetscht sein Dasein fristen muss. Auch der Fernseher ist bereits angeschlossen, sodass wir es uns auf dem Sofa gemütlich machen und herumzappen, bis unser Essen geliefert wird. Da in keinem Kanal etwas Interessantes läuft, schlägt Josie vor, hinterher noch ein paar Kartons auszupacken. Wir beginnen mit den Küchenutensilien und machen dann im Bad weiter. Zu mehr haben wir beide keine Lust. Es ist mir ganz recht, dass Josie allmählich nach Hause möchte, denn nach der gestrigen Schlepperei schmerzt mein ganzer Körper, und ich fühle mich schlagartig hundemüde. Obwohl es erst einundzwanzig Uhr ist, als sie sich verabschiedet, zieht es mich wenig später magisch in Richtung Schlafzimmer und Bett.

Welch Wohltat, sich auszustrecken und die Augen zu schließen! Ich dämmere schon weg, als mich ein lautes Geräusch plötzlich aus dem Halbschlaf reißt. Während ich noch überlege, was das war, ertönt es wieder. Und wieder. Und wieder. Was da durch die Zimmerdecke dringt, hört sich definitiv nach Bohrmaschine an. Meine Güte, wer bohrt denn um diese Uhrzeit, und dann auch noch so ausdauernd? Das grenzt schon an Unverschämtheit. Nach ein paar Minuten, die sich ewig hinziehen, kehrt wieder Ruhe ein. Ich entspanne mich. Aber leider hält dieser Zustand nicht lange an, weil statt der Bohrgeräusche nun nervige Musik durch die Decke zu mir ins Zimmer wummert. Irgendwas Elektronisches mit extrem viel Bass. Jemand über mir stört gerade ganz gewaltig meine Home-sweet-home-Idylle. Aber ich bin zu müde, um mich aufzuregen, ziehe mir stattdessen die Decke bis über die Ohren und die Erschöpfung erledigt zum Glück den Rest.

WASTING TIME

Vince

Sie haben mich Vincent genannt. Der Siegende. Das ist meine Bestimmung, wenn es nach ihnen geht. Mein Vater möchte, dass ich der erhabenen Bedeutung des von ihm gewählten Vornamens Ehre erweise, und Ma ist wie in allem seiner Meinung. Scheiß drauf, keiner außer ihnen und Marlene nennt mich Vincent. Für alle anderen bin ich Vince. Und sogar meinem Alten ist klar geworden, dass es mit nomen est omen bei mir nichts wird. Inzwischen bin ich für ihn ein Loser, der seit der Rückkehr aus Berlin wieder auf Spur gebracht werden muss. Wie mich das alles ankotzt. Verdammt, ich bin bald siebenundzwanzig und hänge an seinem Geldhahn. Mehr noch, ich bin komplett abhängig von seiner Gunst. Friss oder stirb, so lautete sein Angebot, als ich ihn damals um Hilfe bat, und aus der Not heraus konnte ich nur Ersteres wählen. Vielleicht hätte es andere Möglichkeiten gegeben? Falls ja, habe ich sie nicht erkannt.

Mit diesen negativen Gedanken möchte ich mir das Wochenende nicht versauen. Ich weiß, wie ich sie abstelle, Gras hilft immer. Also drehe ich mir eine Tüte und verziehe mich auf den Balkon. Wir haben zwar August, aber es ist kühl und windig heute Abend, nach Sommer fühlt sich das nicht an. Drinnen war es gemütlicher, doch ich rauche grundsätzlich nur draußen. Ein Mädel, das ich noch nie hier gesehen habe, verlässt das Haus und verschwindet Richtung Bahnhof. Scharfe Granate: lange hellblonde Haare, Minirock, High Heels – voll mein Beuteschema. Gestern stand hier ein Umzugswagen, und irgendwer hat letzte Woche erzählt, dass eine Frau einzieht. Vielleicht ist sie die Neue in der Wohnung unter mir. Hätte ich nichts dagegen.

Eigentlich müsste ich mich nach der Tüte um meine Dokumentation für die Abschlussprüfung kümmern. Zehn Seiten sind das Minimum, und es existiert noch keine einzige. Auf den Tag kommt es aber auch nicht mehr an. Ich verschiebe das auf morgen und beschäftige mich lieber mit einem anderen dringenden Projekt. Ein massiver Esstisch, komplett selbst gebaut. Die Tischplatte möchte ich heute Nacht noch montieren. Macht kurz Krach, wenn ich die Dübellöcher bohre, doch die Holzbohlen müssen in Position gehalten werden, sonst verrutschen sie beim Verleimen. Der Tisch wird ein geiles Teil. In jeder Hinsicht, aber vor allem, wenn mich morgen Laura besucht. Seit Tagen erkundigt sie sich, wie weit ich bin, denn sie hat sich aus unerfindlichen Gründen in die Fantasievorstellung hineingesteigert, dass ich sie auf diesem Tisch flachlege. Die Kleine sieht mega aus, ich wäre wohl verrückt, sie davon abbringen zu wollen. Und ein Heiliger noch dazu.

Sie ist schon sehr sweet, aber erstens zu jung für meinen Geschmack, gerade mal zwanzig, und zweitens keine ernsthafte Option für mich. Das habe ich ihr offen gesagt, auch dass es Marlene gibt, was sie jedoch nicht davon abgehalten hat, mich anzumachen. Sie will keine Beziehung, sie will Sex. Und wie es aussieht, geht es morgen zur Sache. Sie hatte dafür eine lustige Umschreibung: Ich soll ihr den Lörres reinhämmern. Die Richtung, die meine Gedanken jetzt einschlagen, lässt mich den Loser-Frust vergessen, und ich texte Laura eine Nachricht. Lust auf Brunch morgen bei mir? Er steht.

Kann ich bei ihr machen, sie findet solche platten Doppeldeutigkeiten lustig. Dann tippe ich scheinheilig Nichts Falsches denken und mache ein Foto vom Tisch, das ich ihr direkt hinterherschicke.

Ihre Antwort lässt nicht lange auf sich warten.

Hey, könnte auch jetzt kommen. Falls du weißt, was ich meine …

So verlockend das Angebot ist, ich vertröste sie auf morgen, denn der Tisch steht zwar in der Tat, ist aber im Unterschied zu mir noch nicht einsatzbereit. Wir einigen uns auf Brunch gegen elf Uhr.

Pfeifend verstaue ich die Bohrmaschine im Werkzeugkoffer und lege Musik auf. Von Depeche Mode habe ich aus Berliner Zeiten noch einiges auf Vinyl. Nicht dass ich der große Sammler wäre, es ist bei ein paar Scheiben geblieben, die ich damals zusammen mit dem Turntable beim Ausverkauf eines Plattenladens günstig geschossen habe.

In der nächsten Stunde leime ich zum Sound von Music for the Masses, was das Zeug hält. Ich komme gut voran, theoretisch könnte ich die Tischplatte in ein paar Stunden abschleifen. Das kann ich in der Nacht und auch morgen am Sonntag aber definitiv nicht bringen, obwohl meine Nachbarn sehr leidensfähig sind. In den letzten Monaten habe ich diverse Möbel gebaut, wenn ich nicht schlafen konnte. Hat sich nie jemand beklagt, ich genieße Narrenfreiheit. Doch die Schleifmaschine macht einen Höllenlärm. Ich werde einfach morgen früh den Handhobel zum groben Glätten ansetzen. Das muss erst mal reichen, jedenfalls für die Aktion mit Laura. Wir sollten allerdings eine Decke drauflegen, bevor sich Späne in ihr Hinterteil oder meinen Lörres verirren.

Allmählich steigt der Vorfreudepegel, und als das Handy vibriert, denke ich sofort an Laura. Es ist aber eine Nachricht von Marlene, die sie wohl in der Absicht geschickt hat, mir die Laune zu verderben. Der Verdacht liegt nahe, wenn sie an einem Samstag kurz vor Mitternacht wissen möchte, wie weit ich mit meiner Dokumentation bin. Wahrscheinlich hat ihr Alter sie beauftragt, und sie führt seine Anweisung als braves Töchterchen pflichtbewusst aus, ohne sich klarzumachen, wie unsexy so was wirkt. Marlene, sorry, du hast sie doch nicht mehr alle. Ich antworte nicht.

Sie ist die Tochter meines Chefs, und was noch schlimmer ist, dieser Chef ist der mit Abstand wichtigste Geschäftspartner meines Vaters. So haben Marlene und ich uns überhaupt erst kennengelernt. Ein väterlicherseits arrangiertes Dinner, Geschäftsessen im Familienkreise. Wie anno dazumal nach dem Motto: Wäre doch fürs Business von Vorteil, wenn sich was ergibt mit dem missratenen Junior und Hansens Töchterchen. Tja, würde ich auf Magermodels stehen, wäre sie die Erfüllung aller Träume. Ohne Scheiß, angezogen sieht sie krass gut aus, aber sie hält nicht, was die Verpackung verspricht. Keinerlei weibliche Rundungen, weder vorne noch hinten. Vielleicht ging es zwischen uns deswegen bisher über ein bisschen Fummeln nicht hinaus. Sie ist nett, aber sehr brav, erwachsen, strukturiert, ehrgeizig – also das Gegenteil von mir. Nachdem ich anfangs von ihr recht angetan war, fühle ich mich inzwischen zunehmend unwohl bei der Sache. Ich glaube nicht, dass Gegensätze sich auf Dauer wirklich anziehen. Sie scheint anderer Meinung zu sein und schließt aus unseren Dates und einer Übernachtung bei mir, wir hätten was laufen. Unsere alten Herrschaften interpretieren das ähnlich. Verflucht, momentan weiß ich nicht, wie ich aus der Nummer ohne Ärger rauskomme. Ich sollte sie erst mal auf Abstand halten. Irgendwann werden ihre Gefühle für mich abflauen und die Sache ist erledigt.

Frauen sind komplizierte Wesen. Ich glaube, am besten komme ich mit denen klar, die nichts von mir wollen außer Sex. Womit ich gedanklich endlich wieder bei Laura bin. Ich schaue, ob sie noch online ist. Letzte Aktivität vor einer halben Stunde. Schade. Aber Sergej, mein alter Kumpel vom Krav-Klub ist im MMA-Chat aktiv. Trifft sich gut, denn ich brauche dringend etwas anderes als Gras, und da kann mir Sergej weiterhelfen. Er hat schon, bevor ich mich nach Berlin abgesetzt habe, aufgehört mit Krav Maga. War ihm als Kontaktkampf zu zivilen Selbstverteidigungszwecken zu soft, er wollte es härter. Nach Ausflügen in den militärischen Einzelkämpferbereich macht er nur noch Free Fight. Mixed Martial Arts, also MMA, auf ultrabrutal, in einem illegalen Keller-Club mit ebenso illegalem Wettbüro draußen im Gewerbegebiet. Wobei er selbst längst nicht mehr in den Käfig steigt, sondern im Keller einen auf Boss und Organisator macht. Ich schreibe Sergej direkt an, denn was ich ihn fragen will, ist nicht chattauglich.

Victory: Hey Gladiator, sieh an, Totgesagte leben länger.

Gladiator: Wer sagt, dass ich tot bin?Der sollte besser das Maul halten.

Victory: Komm runter, war ein Joke. Anderes Thema: Könnte demnächst den Prügelknaben im Club geben, wenn was Weißes rausspringt. Deal?

Gladiator: Passt. Morgenim Club. 1730 da sein, 1800 gegen Adi. Backstage. Mach dich auf Schmerzen gefasst.

Victory: Kein Problem, wenn es davor ordentlich schneit.

Gladiator: Alter, esist heftiges Schneetreiben angesagt. Man sieht sich.

Victory: Definitiv.

Grußlos ist Sergej off, und ich muss mich nach dieser spontanen Zusage bei einem letzten Stick in der Balkonkälte etwas sortieren. Morgen schon. Auf einen Fight bin ich so was von nicht vorbereitet, Scheiße. Und dann auch noch gegen einen von diesen Dumpfbacken, mit denen Sergej sich eingelassen hat. Die rechte Szene hat Mixed Martial Arts für sich entdeckt und mischt überall mit. Eindeutig zu erkennen an dem Logo KAMPF DER NIBELUNGEN oder DISZIPLIN IST ALLES auf dem Rücken oder der Brust. Diese Nibelungen-Typen gehen mir tierisch auf den Sack, allen voran Adi. Aber umso besser für morgen, ich werde keine Mühe haben, in aggressive Stimmung zu kommen. Das Timing für die Nummer mit Laura ist jetzt allerdings denkbar schlecht. Vor dem Fight ist Sex kontraproduktiv, danach erfahrungsgemäß umso geiler – vorausgesetzt, man hat gewonnen und ist noch in der Lage dazu.

Ich überlege, ob ich den Brunch verschiebe. Doch bei allem Zweckoptimismus in Sachen Sieg, sicher ist sicher. Erst lege ich Laura flach, dann den Nibelungen. Im Hinterkopf mahnt eine leise, kaum wahrnehmbare Stimme, dass ich was für die Prüfung tun wollte. Die Dokumentation. Kann ich vergessen, morgen wird daraus mit Sicherheit nichts mehr, also nächste Woche.

Nach dem Joint gehe ich wieder rein, lege mich aufs Sofa und drifte weg. Irgendwann muss ich pinkeln und sehe, dass es schon kurz vor fünf ist. Die unbequemen Polster verfluchend entledige ich mich meiner Jeans und krieche ins Bett. Ich schaffe es noch, den Handywecker auf acht Uhr zu stellen. Dann bin ich auch schon eingeschlafen.

POST WAR

Aylin

Das Leben könnte so schön sein. In meinen neuen vier Wänden sieht es inzwischen richtig wohnlich aus. Sogar den Balkon habe ich mir schon vorgenommen, eine Sitzecke darauf eingerichtet und zwei Blumenkästen mit Ziergräsern und Herbstblühern bepflanzt. Aber genau über mir wohnt dieser Vollidiot. Ein Phantom, weil ich ihn noch nie gesehen habe. Stattdessen höre ich ihn, laut und deutlich. Von meinem Etagennachbarn Oliver weiß ich, dass es sich um einen gewissen Vincent Mertin handelt, der auch noch nicht lange hier wohnt. Ein paar Monate, meinte Oliver. Wie auch immer, dieser Mertin ist leider nachtaktiv. Morgens bis zum frühen Nachmittag ist es da oben ruhig. Das kann ich beurteilen, weil ich zurzeit Spätdienst habe und tagsüber zu Hause bin. Ob das Phantom in dieser Zeit arbeitet oder schläft, keine Ahnung.

Ich bin nicht besonders geräuschempfindlich, aber was der da oben treibt, ist unnormal. Die Musik ist sogar noch das geringste Übel. Die dreht er nur selten so laut auf wie in der Nacht, in der mich sein Krach zum ersten Mal genervt hat, und wenn, dann nur kurz, ein Song maximal. Schlimmer ist das schwere Gerät, mit dem er in seiner Wohnung zugange ist. Wahrscheinlich renoviert er. Aber muss er das mitten in der Nacht tun? Seit ich hier eingezogen bin, also seit über zwei Wochen, geht das so. Josie hat letzten Freitag bei mir geschlafen. Schlecht, um genau zu sein, woraufhin sie morgens meinte, ich solle mich beschweren, notfalls bei der Hausverwaltung. Aber da Oliver angeblich nichts mitbekommt und sich auch sonst niemand außer mir gestört zu fühlen scheint, habe ich abgewartet, um nicht gleich als Meckerzicke dazustehen. Vorgestern war ich dann mit meiner Geduld am Ende und habe ihm eine der Gratispostkarten in den Briefkasten gesteckt, die im Holiday Hotel ausliegen.

Sehr geehrter Herr Mertin,

vielleicht haben Sie noch nicht mitbekommen, dass die Wohnung unter Ihnen nicht mehr leer steht. Ich bin vor zwei Wochen eingezogen und möchte Sie hiermit bitten, etwas mehr Rücksicht zu nehmen und die Nachtruhe einzuhalten.

Vielen Dank für Ihr Verständnis und freundliche Grüße

Aylin Henniger

Tatsächlich schien es so, als würde er sich zusammenreißen. Ich wollte die Postkartenaktion schon als Erfolg verbuchen, aber zu früh gefreut. Nach einer ruhigen Nacht vorgestern, in der er vielleicht einfach zufällig nicht zu Hause war, macht er munter weiter. Der Höhepunkt der Dreistigkeit ist aber der karierte Zettel, der eben in meinem Briefkasten lag, als ich vom Einkaufen zurückkam.

Vielen Dank für gar nichts.

Fünf Wörter, den Rest soll ich mir wohl denken. Ich zerknülle das Papier und nehme Kurs auf die Etage über mir. Musik dringt aus seiner Wohnung, ich meine, auch andere Geräusche zu hören, und betätige entschlossen die Klingel. Niemand öffnet. Aber ich habe gerade eine Stinkwut, die dringend ein Ventil sucht. Also schelle ich in kurzen Abständen mehrmals hintereinander. Keine so gute Idee, wie sich wenig später herausstellt, als ein hünenhafter, verschwitzter und obendrein halb nackter Kerl die Tür öffnet. Peinlich berührt schaue ich nach unten, wodurch die unübersehbare Ausbuchtung in seinen Shorts in mein Sichtfeld gerät. Na großartig, jetzt weiß ich überhaupt nicht mehr, wohin mit meinen Augen. Als ich den Kopf wieder hebe, hat der Typ sich mittig vor mir positioniert, eine Hand lässig am oberen Türrahmen. Doch obwohl er mir den Blick in seine Wohnung dadurch weitgehend versperrt, sehe ich doch im Hintergrund eine weibliche Gestalt durch den Flur huschen. Sie ist ebenfalls nur notdürftig bekleidet. Offenbar habe ich die beiden aus gewissen Aktivitäten herausgerissen, woraufhin er in die kurze Sporthose geschlüpft ist und sich auf die Schnelle ein Flanellhemd übergestreift hat. Es ist nur halb zugeknöpft, und aus der Brusttasche schauen eine Zange, ein Schraubenzieher und – tataa! – ein Zollstock heraus. In einer weniger unangenehmen Situation fände ich das bestimmt erheiternd. Ich sollte ein Beweisfoto für Josie machen.

»Jaa?«

Mehr kommt von ihm nicht. Stumm und mit glühenden Wangen stehe ich Mertin gegenüber. Eine Sekunde lang denke ich, den hast du schon mal gesehen, aber nein, ich kenne ihn nicht. Ich habe alles vergessen, was ich ihm an den Kopf knallen wollte, und wünsche nur, der Boden unter mir möge sich gnädig auftun, um mich eine Etage tiefer zu befördern. Nicht nur in Ausnahmesituationen wie dieser hier merke ich, wie fragil mein Selbstbewusstsein ist, und dass ich unter der Oberfläche immer noch die überaus unsichere und ängstliche Aylin in mir trage. Meine Sprachlosigkeit zieht sich gefühlt endlos, obwohl es nur wenige Sekunden dauert, bis ich mich wieder gefangen habe und mit einigermaßen fester Stimme sage: »Entschuldigung, wenn ich störe, ich wollte mich nur mal kurz persönlich vorstellen. Ich bin Aylin Henniger.«

Ein belustigtes Flackern in seinen hellgrünen Augen zeigt, dass er meinen Namen einordnen kann. Er ist schätzungsweise in meinem Alter und gar kein Hüne, wenn auch um einiges größer als ich. Ein Meter fünfundachtzig vielleicht. Aber er hat durch den Körperbau eine beeindruckende Präsenz. Und auch sonst: Dieser Mertin sieht ziemlich gut aus, um es mal untertrieben zu formulieren. Der einzige Makel, den ich in seinem Gesicht entdecke, ist die gelblich-grüne Verfärbung in Höhe des Jochbogens. Wenn er sich nicht selbst die Faust ins Auge gerammt hat, könnten das die letzten Spuren einer handfesten Auseinandersetzung sein. Das spricht nicht gerade für ihn.

Ich rieche einen herben Duft. Aber kein Rasierwasser, frischer Schweiß. Gar nicht unangenehm, eher auf anziehende Weise maskulin. Ich habe schon immer einen feinen Geruchssinn gehabt, und darum nimmt meine Nase dahinter noch etwas anderes wahr, einen Hauch Marihuana. Es wabert nicht der typische, süßlich-schwere Rauch in der Wohnung, so wie ich es aus meiner Berliner Zeit mit Kian kenne, und doch lässt sich der Geruch identifizieren.

»Du störst kaum. Tut mir leid um deine Nachtruhe. Ich gelobe Besserung.« Die Stimme passt zu seinem Äußeren. Dunkel, markant und maximal einprägsam. Bevor ich etwas erwidern kann, fügt er hinzu: »Obwohl du die Erste bist, die sich beschwert.«

Nach seinem Tut mir leid war ich schon versöhnlich gestimmt und wollte mich bedanken, jetzt nicht mehr.

»Ach, duzen wir uns? Meinetwegen. Um mal eines klarzustellen: Ich habe wirklich Geduld gezeigt. Ist dir eigentlich bewusst, wie rücksichtslos du bist? Vielleicht war der Vormieter schwerhörig. Oder er ist ausgezogen, weil er den Lärm nicht mehr ertragen konnte. Ich werde hier wohnen bleiben. Und mach dich darauf gefasst, wenn es sein muss, hole ich die Polizei. Ich hoffe natürlich, dass wir die Sache anders und auf nachbarschaftliche Weise regeln können.«

Ich hasse es, dass meine Stimme so schrill klingt. Aus der Wohnung nebenan kommt ein winziger Asiate mit Nerdbrille, guckt betont desinteressiert an der Szenerie vorbei, die sich hier abspielt, und geht in Zeitlupe die Treppe runter. Wahrscheinlich mit gespitzten Ohren. Es wird immer peinlicher.

»Das will ich auch schwer hoffen«, gibt Mertin in barschem Ton zurück. Gerade als ich erwarte, dass er mir als Nächstes die Tür vor der Nase zuknallt, scheint ihm zu dämmern, wie wenig hilfreich es ist, noch mehr Öl ins Feuer zu gießen. Er überrascht mich mit einem netten Lächeln, das entzückende Grübchen in seine unrasierten Wangen malt. Dieses Lächeln katapultiert ihn auf meiner persönlichen Eins-bis-zehn-Attraktivitätsskala von der Acht auf die Zehn.

Dann sagt er: »Tut mir echt leid, ernsthaft. Ab jetzt reiße ich mich zusammen. Großes Ehrenwort.«

So endet die Begegnung doch ohne Eskalation und einigermaßen friedlich. Als ich schon auf der Hälfte der Treppe bin, ruft er mir hinterher: »Aylin?« Ich drehe mich noch mal um und schaue gespannt in seine Richtung, neugierig, was er will.

»Ich bin übrigens Vince«, sagt er nur, bevor er die Tür hinter sich zuzieht.

»Na dann auf gute Nachbarschaft, Vince!«, murmele ich, noch unschlüssig, ob ich seinen Worten glaube oder nicht.

Ende der Leseprobe