Shivot - Svetlana Arlt-Rohrbacher - E-Book

Shivot E-Book

Svetlana Arlt-Rohrbacher

0,0

Beschreibung

Zehn kurze Erzählungen, mitten aus dem Leben gegriffen. - Ein verpasster Zug, ein Lehrer, ein Mann in Frauenkleidern ... - Und alle Geschichten haben etwas gemeinsam: die Sehnsucht und die Hoffnung, auf dass am Ende alles gut wird.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 76

Veröffentlichungsjahr: 2016

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Zur Autorin:

Svetlana Arlt – Rohrbacher wurde 1969 in Duisburg geboren und wuchs im beschaulichen Ratingen auf. Heute lebt sie zusammen mit ihrer Familie immer noch dort. Gelernt hat sie nach einem abgebrochenen Studium der Sozialwissenschaften den Beruf der Krankenschwester und arbeitet in der Pflege von dementen Menschen.

Ihr Hobby ist bereits von Jugend an das Schreiben.

Veröffentlicht hat sie bereits ihren persönlichen Lebensbericht mit dem Titel:

„Vielmehr – Ich, Leben mit dem Asperger Syndrom“ im Dezember 2015.

Dieses Buch ist meinem ehemaligen Geschichtslehrer „Herr D.“ gewidmet .

Inhaltsangabe

Heimkehr

Liebe

Vater

Herr D

.

Leben

Freundin

Hundemann

Besucher

Kinderwagenmann

Mama

„Hoffen heißt: die Möglichkeit des Guten erwarten; die Möglichkeit des Guten ist das Ewige.“

(Sören Kierkegaard)

Heimkehr

Heute!

Heute wird er zurückkommen.

Nach all der Zeit.

Nach viel zu langer Zeit.

Heute ...

ist sie früh schon aufgewacht und hat gespürt, wie die Freude in ihr hoch gekrochen ist. Erst ganz zaghaft, dann immer forscher und am Ende stürmisch, je heller es draußen am Himmel wurde.

Nicht mehr ausgehalten hat sie das übermächtige Gefühl und ist aus

dem Bett gestiegen. Ihr Weg führt sie zuerst in ihr kleines Badezimmer, zum Spiegel über dem Waschbecken.

Sie betrachtet sich und sieht als erstes ihre Augen.

Blau

Ein schönes Blau

Ein Kornblumenblau

Das hat er immer zu ihr gesagt wenn er sie in seinen starken Armen hielt und an sich heranzog. Augen, die man so schnell nicht wieder vergessen kann. Augen, aus denen eine Unschuld und Klarheit schauen.

Nun fällt ihr Blick auf ihre Haare. Blond wie der reife Weizen im Sommer. Halblang und glatt fallen sie ihr auf die Schultern.

Eine Strähne schiebt sie sich hinter das rechte Ohr.

Heute.

Es dauert nicht mehr lange und sie wird ihn wiedersehen.

In seinen Armen versinken und vor Glück weinen.

Nach so langer Zeit ohne ihn.

Sie weiß gar nicht mehr, wie sie diese Zeit überhaupt überstanden hat. Sie versucht sich zu erinnern, aber ihre Gedanken erreichen nur noch einen verschwommenen Nebel in der Vergangenheit. Obwohl die letzte Vergangenheit erst einen Tag zurückliegt. Oder eine Nacht.

Oder eine Stunde.

Sie weiß nur noch, dass sie ihn sehr lange entbehren musste. Die Traurigkeit begleitete sie bei allem was sie machte. Wie eine Gewitterwolke, die selbst bei hellstem Sonnenschein immer über einen bleibt. Doch nun würde sie ihren Lohn dafür bekommen.

Während der Nachthimmel sich verabschiedet und der Helligkeit den Vortritt gelassen hat, geht sie in die Küche und setzt Wasser für eine Tasse Kaffee auf.

Soll sie noch frühstücken?

Besser wäre es. Denn sie weiß, dass sie Menschenmassen erwarten werden. Und ihr wird immer so schnell schlecht wenn sie mitten im Getümmel stehen muss und der Magen leer ist. Frauen, Kinder, Männer. Junge Menschen, alte Menschen.

Sie alle werden da sein.

Also macht sie sich zwei Brote fertig und trinkt ihren Kaffee dazu.

Es ist mittlerweile acht Uhr am Morgen.

Um halb zehn möchte sie dort sein. Es bleiben ihr noch zwei Stunden bis sie losgehen kann.

Nachdem sie gefrühstückt hat, geht sie zurück ins Badezimmer.

Halb neun, und sie durchquert den kleinen Flur um in ihr Schlafzimmer zu gelangen. Was sie anziehen möchte hat sie sich bereits sorgfältig überlegt und ordentlich auf einem Bügel am Abend vorher an den Schrank gehangen.

Ein neues Kleid hat sie sich gekauft. Hellblau mit kleinen weißen Punkten. Dazu möchte sie ihre weiße Strickjacke anziehen. Denn bestimmt wird es in der Halle etwas frisch sein. Und wer weiß wie lange sie warten muss?

Die weißen Schuhe sind geputzt und stehen neben der Tür. Sie sind schon etwas älter, aber sie sehen noch immer gepflegt aus.

Für neue Schuhe hat das Geld gefehlt.

So viel verdient sie als Verkäuferin nicht. Und gerade jetzt, in dieser Zeit, ist es nicht so einfach genug zu verkaufen. Denn es ist nicht viel zum Verkaufen da. Die Menschen haben Hunger und möchten ihr weniges Geld für Lebensmittel ausgeben statt für Hüte.

Schöne Hüte. Damenhüte. Große und kleine, aus Filz, Leder und anderen guten Materialien. Für jeden Anlass hat sie welche anzubieten. Aber wer kann heute noch große Anlässe feiern?

So, fertig ist sie.

Noch einmal eilt sie in ihr Badezimmer um sich die Haare zu kämmen. Zum wievielten Male eigentlich? Wahrscheinlich zum dritten Mal. So genau hat sie nicht darauf geachtet. Ein wenig Lippenstift und etwas Parfüm an den Hals.

Halb zehn.

Es eilt.

Wenn sie jetzt nicht losgeht kommt sie zu spät.

Sorgfältig schließt sie die Wohnungstür ab und läuft die sechs Stufen hinab zur Haustür, öffnet sie und tritt ins Freie.

Der Frühling ist bereits da. Es verspricht, ein schöner Tag zu werden.

Die Vögel singen ihre Lieder aus den Bäumen und von den Dächern.

Und sie spürt die Wärme der Sonne auf ihrem Gesicht. Schließt kurz die Augen, atmet den Duft der Blumen in den Beeten ein und wendet sich nach links.

Nun ist es bald soweit.

Während sie in Richtung Bahnhof läuft, denkt sie an ihn.

An ihr Kennenlernen in dem Café am Markt. An sein verschmitztes Lachen und seine Frohnatur. Sie denkt auch an seine schönen braunen Haare und wie seine Augen sie strahlend angesehen haben, als sie sich verlobt hatten. Ihr Herz schlägt einen Takt schneller. Sie hatte sich bereits in dem Augenblick unsterblich in ihn verliebt als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte.

Und er sich genauso in sie.

Da, der Bahnhof.

Endlich!

Beinahe ist es geschafft.

Ihre Freude und Liebe überfällt sie nun wie eine riesige Woge und sie ist atemlos vor Erwartung.

Noch einmal hier rechts herum und dann die Treppen nach oben.

Zu den Gleisen.

Sie ist angekommen.

Schaut auf die Uhr.

Zehn Uhr und fünf Minuten ist es nun.

Schaut sich um und registriert all diese vielen Menschen.

Und dazwischen läuft der Bahnvorsteher beschäftigt herum.

Schaut erneut auf die Uhr und sieht dann den Zügen auf den Nachbargleisen zu. Sie fahren ein und halten an.

Die Türen werden geöffnet und lassen herausströmen was aussteigen möchte und hineinströmen, was einsteigen möchte. Dann fahren sie wieder an und machen sich auf die Reise nach Irgendwo.

Langsam wird sie nervös.

Streicht sich zum ungezählten Male die Haare aus dem Gesicht.

Drückt ihre kleine, weiße Handtasche an ihre Brust und unterdrückt das Zittern ihres Körpers, von dem sie nicht weiß, ob es wegen der Aufregung oder der Kühle der Bahnhofshalle ist.

Hoffentlich erkennt er mich, denkt sie.

Hoffentlich liebt er mich noch, hofft sie.

Aber hat er ihr nicht genau das immer und immer wieder versichert?

In all seinen Briefen. Er hatte es geschrieben. Auch, dass er sie vermissen würde und jeden Tag an sie denkt. Und dass er sie bald heiraten möchte und sie niemals wieder etwas trennen könnte.

Ja, sie vertraut ihm.

Da!

Der Zug fährt ein und hält.

Es ist zwanzig nach zehn.

Die vielen Menschen um sie herum setzen sich in Bewegung.

Laufen hin und her, rufen etwas oder nach jemanden.

Manche sehen ernst aus. Manche lachen.

Einige Kinder hüpfen und springen herum.

Sie drängen sich alle Richtung Zug.

Sie ist unsicher.

Soll auch sie sich in Bewegung setzen oder doch besser dort stehen bleiben und warten, bis er sie entdecken würde?

Sie beschließt zu warten. Beobachtet weiter die vielen Menschen, die einander gefunden haben, sich umarmen und sich freuen.

Glückliche Frauen und Männer und Kinder. Glückliche Eltern und Großeltern.

Sie schaut auf die Bahnhofsuhr.

Halb elf.

Langsam wird sie unruhig.

Was ist denn nur los?

Wo bleibt er denn?

Er hat doch geschrieben, dass er heute kommen wird.

Sie kann ihn nirgendwo ausmachen, so sehr sie sich auch anstrengt.

Schaut wieder auf die Uhr – immer noch halb elf.

Vielleicht hat er den Zug verpasst und den Nächsten genommen?

So denkt sie und setzt sich auf eine der Bänke.

Das Pfeifen ist laut und sie sieht, wie der Zug sich wieder in Bewegung setzt. Erst langsam. Dann schneller. Heraus aus der Halle, hinein in die Welt.

Weg.

Weit, weit weg.

Lässt sie dort sitzen und warten.

Es ist bereits dunkel.

Sie erhebt sich von der Bank. Müde und erschöpft. Mutlos und hoffnungslos. Sie versteht nicht, was schief gelaufen sein könnte.

Jetzt wird er nicht mehr kommen. Heute zumindest nicht mehr.

Sie hebt den Kopf und streicht sich die Haare aus dem Gesicht.

Nimmt ihre kleine, weiße Tasche an sich und macht sich langsam wieder auf den Heimweg.

Nach Hause.

In ihr kleines und einsames Zuhause. Leer und traurig ohne ihn.

Sie bemerkt nicht den Bahnhofsvorsteher, der sie mitleidig ansieht und ihr noch lange hinterher schauen wird. Sie weiß nicht was er denken wird. Weiß nicht, dass er eine alte, runzelige und gramgebeugte Dame sieht. Eine alte Dame mit dünnem weißen Haar. Eine Dame, die er schon so viele Jahre kennt. Seit er ein junger Mann gewesen ist. Der sie immer wieder sieht. Einmal in jedem Jahr. Immer dann, wenn sie sich auf den Weg macht, ihren Verlobten abzuholen. Einen „Heimkehrer“, wie seine Mutter zu sagen pflegte.

Jedes Jahr zur selben Zeit erscheint die alte Dame auf dem Bahnhof und wartet. Sie warten stundenlang. Kaum rührt sie sich einmal.

Nur ihre Augen finden regelmäßig die Bahnhofsuhr.

Halb elf.