Shkarr - She Seya Rutan - E-Book

Shkarr E-Book

She Seya Rutan

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Beschreibung

Computer bestimmen die Abläufe in der Zukunft und damit hat Programmierer Krischan Ros einen sicheren Job und ein ruhiges Leben. Das ändert sich schlagartig, als seine Schwester ihn überredet, sich ein Haustier anzuschaffen - einen Kanarra. Das große Katzenwesen erscheint nämlich nicht besonders verschmust, und Krischan bemerkt zu spät, dass es sich bei seinem neuen Mitbewohner Shkarr um den Angehörigen einer intelligenten Spezies handelt. Auf der Suche nach Shkarrs Herkunft geraten sie in Lebensgefahr, als sie Pläne entdecken, für deren Geheimhaltung die Verantwortlichen ohne Zögern über Leichen gehen. Und dann wird Shkarr entdeckt. Ein spannender Science Fiction Thriller um eine außergewöhnliche Beziehung.

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Seitenzahl: 606

Veröffentlichungsjahr: 2013

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She Seya Rutan

Shkarr

Impressum

© dead soft verlag, Mettingen

http://www.deadsoft.de

© the author

Cover: Irene Repp

http://daylinart.webnode.com

Motive:

© merydolla – fotolia.com

© ANP – fotolia.com

© Igor Kovalchuk – fotolia.com

3. Auflage 2013

ISBN 978-3-934442-20-7 (print)

ISBN 978-3-944737-07-2 (epub)

Shkarr

„Du kannst mir glauben! Das ist das Beste, was du machen kannst“, erklärte Felice und lief nun schon zum zehnten Mal an ihrem Bruder Krischan vorbei, der ihr nur mit verschränkten Armen zuhörte und sich am liebsten an einen anderen Ort gewünscht hätte. „Leg dir ein Haustier zu, einen Kanarra zum Beispiel. Diese Tiere sind eine tolle Gesellschaft, pflegeleicht, stubenrein und vollkommen verschmust. Das Richtige für jemanden wie dich.“

„Ich brauche keine Gesellschaft. Wie oft soll ich dir das noch sagen? Ich kann ganz gut auf so etwas verzichten. Dieser neumodische Kram ist mir zuwider. Jeder umgibt sich jetzt neuerdings mit diesen Viechern. Weiß eigentlich irgendjemand, ob die nicht zufälligerweise Krankheiten mit einschleppen, wenn sie von diesem Planeten eingeführt werden?“, entgegnete Krischan ihr aufgebracht.

Felice sah ihn entgeistert an, dann wedelte sie verzweifelt mit ihren Armen. „Das ist doch vollkommen lächerlich!“, rief sie, „Du weißt ganz genau, dass alle Tiere unter Quarantäne stehen, wenn sie von anderen Planeten importiert werden. Außerdem ist der Import von reinrassigen Kanarras illegal. Nur der Verkauf von Mischlingen, die hier geboren sind, ist erlaubt. Also stell dich nicht so an! Aber wenn du nicht willst, ist es auch gut. Ich denke, es wäre schade um jedes Tier, das mit dir zusammenleben muss. Langsam reicht es mir mit deiner schlechten Laune! Ständig läufst du herum, als wäre die ganze Welt dein persönlicher Feind. An allem hast du etwas auszusetzen. Wach auf, Krischan! Ach, was soll‘s. Ich habe genug!“ Sie packte ihre Tasche, warf ihren Mantel über und rauschte davon.

Krischan starrte die Tür an, die kaum Zeit gehabt hatte, sich vor seiner Schwester zu öffnen und jetzt wieder geschlossen war. Wie immer war seine Schwester einfach nur melodramatisch gewesen. Meist endeten die Gespräche, die sie führten, auf diese Art. Aber heute war es besonders schlimm gewesen.

Wozu brauchte er einen Kanarra oder irgendein anderes Haustier? Als ob er nicht schon genug zu tun hatte! Wie stellte sich seine Schwester das vor? Ein Tier bedeutete Verpflichtung: Man musste damit zum Arzt, Futter kaufen, sich Sorgen machen ... Allein schon das – sich um so ein blödes Vieh Sorgen machen. Er brauchte niemanden, um den er sich kümmern musste. Er wollte seine Ruhe. Was war daran so schwer zu kapieren? Nur weil sie seine Schwester war, brauchte sie sich nicht so aufzuführen. Die Welt, sein Feind? Wo hatte sie denn den Spruch her? Krischans Laune sank erheblich bei diesen Gedanken. Wie kam sie auch nur immer auf ihre Ideen? Seit einiger Zeit schon hatte sie die Vorstellung lanciert, dass er sich doch etwas oder jemand zur Gesellschaft anlachen sollte. Da er nicht darauf eingegangen war, wurde irgendwann ein Haustier daraus. Heute war der Vorschlag sehr viel konkreter gewesen.

Nun gut, er musste zugeben, er lebte allein. Früh morgens ging er zur Arbeit und kehrte abends wieder nach Hause zurück. Er sah und hörte niemanden, sofern er es nicht wünschte. Aber er brauchte das auch nicht. Er war sich selbst genug. Menschen verkomplizierten das Leben, welches an sich schon komplex genug war. Wenn er abends in sein Appartement kam, schätzte er die Ruhe, die ihn umfing. Abgesehen von seiner Schwester, besuchte ihn niemand. Aber sie kam nur noch selten, sodass es kaum noch ins Gewicht fiel.

Wie schlimm wäre es erst, wenn er eine Familie hätte? Eine nörgelnde Ehefrau und ein kreischendes Kind. Es war ein grauenhaftes Szenario. Krischan mochte keine Menschen um sich. Eklig, schwitzend und stinkend. Laut und aufreizend nervend. Welch seltsame Kreatur, ein Unfall der Evolution. Er musste den Ch´cchoókkre im Stillen recht geben: Menschen waren das Letzte! Vielleicht hasste er die Menschen, obwohl er selbst der so gescholtenen Rasse angehörte. So etwas gab es weit häufiger, hatte er gehört.

Sie, das hieß die Menschen und der gesamte Planet Erde, zählten zu dem Kindergarten in der interplanetaren Vereinigung SkarraSHrá, der Allianz, wie die meisten Menschen auf der Erde einfach sagten. Gut behütet und ohne Mitspracherecht in irgendwelchen wirklich wichtigen Angelegenheiten ausgestattet, war die Erde eines der jüngsten Mitglieder in diesem illusteren Kreis diverser außerirdischer Rassen. Mit milder Neugier von sehr viel älteren Rassen beobachtet und ausführlich in den außerirdischen Kompendien kommentiert, stand auch der Status der Menschheit, und es war nicht nur Krischan, der sich schämte, überhaupt ein Mensch zu sein.

„Menschen können sich kaum um sich selbst kümmern, also warum geht Felice davon aus, dass ich mich um ein Tier kümmern könnte?“, murmelte Krischan müde. Nun ja, er musste im Stillen zugeben, dass er mitunter doch daran dachte, wie es war, wenn er nicht allein wäre. Der vage Gedanke, dass ein Haustier für ihn ideal war, kam in ihm auf, ehe er ihn wieder von sich weisen konnte. Vielleicht hatten ja die Händler auch weit weniger anspruchsvolle Tiere, als einen Kanarra, die nicht gerade im Ruf standen, einfach zu sein. Da gab es zum Beispiel die Niva-Haie vom Planeten Eldro, die mit einmal Futter im Jahr prächtig zurechtkamen, auch wenn diese Art von Haustier nicht ganz nach dem Geschmack seiner Schwester sein würde. Doch darauf kam es nun wirklich nicht an.

Krischan wandte sich wieder seinem unterbrochenen Abendessen zu. Seine halblangen Haare fielen ihm über die vorgebeugten Schultern, als er den Inhalt der Kro-Schale inspizierte, die laut Verpackung Yam-Seetang mit Basmatireis und scharfen Tofu-Rollen enthalten sollte. Krischan war sich nicht sicher, ob die genannten Ingredienzien überhaupt mit dem undefinierbaren Brei verwandt waren. Mit spitzen Fingern zog er die Schale näher und rümpfte die Nase. Krischan befand, dass er kein Essen benötigte. Mit einem verächtlichen Schniefen feuerte er die Zumutung aus dem Chemielabor in den Müllschlucker, der sie gleich in Energie umwandelte und diese dann dem kleinen Kraftwerkblock in der Größe eines Aktenkoffers im Keller zuleitete.

Nach kurzem Überlegen warf er sich zwei Silence-Kapseln ein und legte sich schlafen. Ich brauche niemanden, dachte er noch, bevor er einschlief.

Missmutig starrte Krischan auf seinen 180°-Holo-Bildschirm. Der verdammte Computer lief zu langsam. Die Informationen verbrauchten viel zu viel Zeit, während er sie in seine Einheit lud. Kurz entschlossen hackte er sich in das Interface von IE-Network und dem Co-Netz seiner Firma.

„So ein Idiot“, fluchte er laut. Hören konnte ihn bis auf seinen AI-Computer sowieso niemand. Hakaschi Murano hatte anscheinend sein altes Interface dazwischen geschaltet und hemmte damit das gesamte System. Dieser Trampel war einer der Gründe, warum er nicht von zu Hause aus arbeiten konnte. Eigentlich war das ohne Weiteres möglich. Die Technik dafür war sicher. Nur ab und zu mal nachschauen, und dann lief alles perfekt.

Mit einem hämischen Grinsen setzte Krischan ein kleines Programm in Gang, das er ganz speziell für Murano geschrieben hatte. Wie vorauszusehen war ihm innerhalb von zwei Nanosekunden Erfolg beschieden und Murano aus dem Netz herauskatapultiert.

„Geschieht dir recht. Ich hatte dich gewarnt“, murmelte Krischan. Er konnte Feierabend machen, während Murano noch einige Probleme mit der Sicherheitsabteilung der Firma hatte, die ihn sicherlich gut drei Stunden überprüfen würde.

Krischan setzte sein Interface ab und streckte sich verhalten. Mit dem Gedanken an zu Hause setzten sich auch seine Erinnerungen wieder in Gang. Seine Schwester und das vermaledeite Haustierthema kamen ihm unweigerlich in den Sinn.

Krischan stöhnte auf und bemitleidete sich selbst. Felice, seine Schwester, hatte ihn doch tatsächlich gestern angerufen und ihn dann ganz nebenbei an ihr unerquickliches Gespräch von vor zwei Wochen erinnert. Sie konnte wirklich eine tödliche Hartnäckigkeit entwickeln, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Nichts und niemand auf der Welt besaß da noch genug Macht, um Einwand zu erheben. Er am allerwenigsten. Also doch der Niva-Hai.

Resignierend zog sich Krischan seinen Mantel über und verließ sein Büro. Mit hochgezogener Augenbraue registrierte er, dass der Regen aufgehört hatte. Sollte tatsächlich die Wetterkontrolle wieder repariert worden sein? Ein Wunder wäre es. Das letzte Mal hatte es fast ein Jahr gedauert, bis die Ersatzteile Talor Prime gekommen waren und die Wahrscheinlichkeit war hoch, dass die Erde auch dieses Mal von den Taleranern Schrott geliefert bekommen hatte. Aber wer schaute schon genau hin, wenn man so ein Teil besonders billig bekam? Vielleicht war man in den oberen Etagen endlich etwas schlauer geworden. Zu wünschen war es.

Noch immer etwas missmutig schaute Krischan auf das Display seines Planers. Da war die Adresse des Händlers, der eine Lizenz besaß, um Kanarras in der Stadt zu verkaufen. Netterweise hatte ihm seine Schwester auch noch gleich den Routenplaner bestückt, damit er keinen Grund hatte, irgendeine Ausrede zu erfinden. Krischan bestellte sich ein Taxi zu sich, das keine halbe Minute später neben ihm zu stehen kam.

„4. Straße, Ecke 10“, murmelte er, stieg in das rote Gefährt ein und überließ sich der Fürsorglichkeit des Computers. Die knappen Angaben genügten völlig und die künstliche Intelligenz setzte das Fahrzeug in Bewegung.

Wie Schlieren zogen die gesichtslosen Häuserschluchten an ihm vorüber. Meist fast vollständig unter schreiend bunten Holo-Reklamen verborgen reihten sich Geschäftstürme und Wohnhäuser aneinander. Anziehend und abschreckend zugleich. Doch Krischan berührte das nicht. Es interessierte ihn auch nicht. Er bevorzugte die schlichte Stille und antiseptisch anspruchslose Umgebung seines Appartements. Dies hier war nur eine Unvermeidlichkeit, die es zu ignorieren galt.

Unmerklich änderte sich das Bild, als er seinem Ziel immer näher kam. Endlich angekommen, musterte Krischan beim Aussteigen das Geschäft. Auf ihn wirkte es zwielichtig und er fragte sich, ob er richtig sein konnte. Er hatte sich etwas anderes vorgestellt. Ein glitzerndes Geschäft in einer der riesigen Malls unter der Stadt. Das hier, einschließlich der Umgebung, hatte damit überhaupt nichts zu tun. Rußig schwarze Schleier lagen auf dem herabblätternden Putz und verrieten das hohe Alter des Gebäudekomplexes vor Krischan. Es klemmte nicht einmal eine schnöde ID-Card in den schmierigen Fenstern und die Reklame hatte auch schon bessere Zeiten erlebt. Aber dieser Händler war der einzige in der Stadt, der aktuell Kanarras liefern konnte, wenn er seiner Schwester Glauben schenkte. Wirklich erbärmlich und wenig verständlich, da doch diese Tiere im Moment der letzte Schrei waren – gemäß der Aussage eben seiner Schwester.

Fröstelnd zog Krischan seinen Mantel enger und betrat das schummrige Entree des Geschäftes. Ein penetranter Gestank von Exkrementen und Tierurin stieg ihm stechend in die Nase, trieb ihm die Tränen in die Augen. Unheimlicher jedoch war die erstickend warme und feuchte Stille. Kein Laut war zu hören und ein dumpfer Druck legte sich auf seine Ohren. Unwillkürlich stieg in ihm das dringende Bedürfnis hoch, diesen Ort so schnell wie möglich zu verlassen und gierig frische Luft zu atmen. Doch ein Rascheln ließ ihn innehalten.

„Einen wunderschönen guten Tag, der Herr. Was kann ich für Sie tun?“, kam es schleimig süß aus der stumpfen Dunkelheit. Eine hochgewachsene, staksige Gestalt bahnte sich mit übertriebener Freundlichkeit im Gesicht den Weg vorbei an diversen Kisten, Käfigen und anderen Dingen, nicht näher definierbaren Gegenständen. „Ich biete Tiere von allen bekannten Planeten. Kostbar und selten zu wirklich günstigen Preisen, der Herr. Wollen Sie sich umschauen oder darf ich Ihnen etwas empfehlen?“

Krischan schluckte angeekelt und versuchte sich seine Antipathie nicht anmerken zu lassen. Dieser Typ war ihm einfach widerwärtig. Am liebsten wollte er diesen Ort schnell verlassen, aber die stechenden Augen dieser personifizierten Krämerseele vor ihm schienen ihn hier an Ort und Stelle fesseln zu wollen. Mit großer Überwindung riskierte Krischan einen näheren Blick in die Käfige und wäre beinahe zurückgetaumelt. Der Besitzer hatte recht. Hier war wirklich fast alles zu finden, was es an extraterrestrischen Tieren auf der Erde gab und erlaubt war. Zum Teil abstoßend aussehende Exemplare, deren Namen er sich nicht getraute zu lesen, da er dafür näher an die Käfige hätte treten müssen.

„Ich suche einen Kanarra“, flüsterte er atemlos.

„Da haben Sie aber immenses Glück!“, kam es glatt aus dem lippenlosen Mund. „Ich habe nur noch ein einziges Exemplar. Ein außergewöhnlich schönes Stück. Diese Tiere sind im Moment absolut gefragt, was die Beschaffung nicht einfach macht, da die Zucht so überaus schwierig ist und die Behörden Ärger machen. Aber das muss Sie nicht kümmern. Der Ärger ist leidlich, aber nichts gegenüber dem Vergnügen an so einem wunderschönen Tier, das darüber hinaus pflegeleicht ist, der Herr. Da dieser hier mein letztes Exemplar ist und Sie ja nicht mehr auswählen können, biete ich Ihnen den Kanarra zu einem ausgesprochen günstigen Preis. Außerdem schenke ich Ihnen die Pflegeanleitung. Hier, bitte folgen Sie mir nach hinten!“

Widerwillig kam Krischan der Aufforderung nach und vermied es mit angehaltenem Atem in die Käfige und Terrarien zu schauen. Er fühlte sich gefangen in diesem Horrorkabinett. Ein enger, einschnürender Ring legte sich mit jedem Schritt enger um seine Brust. Wenn der Kanarra auch so hässlich aussah, wie die Exemplare um ihn herum, dann war er gleich ganz schnell verschwunden, versprach er sich.

„Hier ist er!“, wurde er abrupt aus seinen Gedanken gerissen. Ein greller Lichtkegel fiel auf eine pelzige Kreatur und ließ sie zusammenzucken. Mit zeitlupenartiger Geschmeidigkeit entrollte sich der Kanarra und sah seinen Besucher ungnädig mit smaragdgrünen Augen an. Die geschlitzten, vertikalen Pupillen waren bis auf einen winzigen Spalt geschlossen und machten den mürrischen Ausdruck komplett.

Der Kanarra entpuppte sich als ein ausgewachsenes Exemplar seiner Gattung. Silbergrau mit aparten schwarzen Schatten, die die edle Gestalt an den Pfoten, den spitzen Ohren, an den Seiten des Rumpfes und den Schwanz sanft akzentuierten. Der Schwanz war lang und wippte an der tiefschwarzen Spitze gerade mit rhythmisch warnender Geste. Der Kanarra fühlte sich eindeutig gestört, und Krischan war sich nicht sicher, ob er hier der Beobachtende und Taxierende war oder der Kanarra.

Der Händler kannte das Spiel und fuhr neckisch mit einem fiesen Grinsen über das Armband an seinem Handgelenk. Das Armband war eine kleine Kontrolleinheit und der Kanarra wusste nur zu gut, was ihm blühte, wenn er nicht seine Rolle perfekt spielte. Er zuckte erneut zusammen und entrollte sich dann vollständig, dieses Mal präsentierte er sich als perfektes Exemplar seiner Art. Elegant setzte er sich auf seine Hinterläufe, legte umschmeichelnd den Schweif um sich, hielt den Kopf in verspielter Manier schief und schnurrte leise.

Krischan war das Machtspiel völlig entgangen. Er starrte eher entgeistert auf die Schönheit vor seinen Augen und wusste nicht so recht, wie seine Schwester auf die Idee gekommen war, dass es ausgerechnet so ein Haustier hatte sein sollen. Diese Katzenwesen hatte er schon auf Holo-Bildern gesehen. Jedoch eines solchen Exemplars in natura ansichtig zu werden, war etwas vollkommen anderes.

‚Waren die nicht eigentlich kleiner’, rief er in Gedanken verzweifelt. Auf zwei Beinen aufgerichtet vermochte der Kanarra ihn zweifellos zu überragen. Das hier war ganz sicher kein Schoßtier. Unwillkürlich zupfte er an seinem hellen Mantel und wich ein wenig zurück. „Ähm, ich denke nicht ...“, stammelte er.

„Wirklich wunderschön, nicht wahr?“, fiel ihm der Tierhändler ins Wort. „Der Preis kann sich sehen lassen. Nur 1.000 Credits und er gehört Ihnen. Wenn man bedenkt, dass ein Exemplar eigentlich 15.000 kostet, ist das geschenkt. Sie bekommen kein Tier hier unter 2.000 Credits. Was allein die Importkosten verschlingen, da wären allein schon 1.000 je Tier fällig. Die Raubritter vom Zoll werden mich noch eines Tages zu einem armen Mann machen. Aber lassen Sie mich nicht klagen. Was denken Sie?“

Krischan schüttelte den Kopf. „Ich weiß nicht ...“, erwiderte er zögernd.

„Wollen Sie mal anfassen? Absolut seidenweiches Fell. Er ist anschmiegsam und treu. Besitzt keinerlei Ansprüche, und wenn Sie das hier gelesen haben“, damit hielt der Händler ihm ein dünnes Heft unter die Nase, „Werden Sie Ihre helle Freude an ihm haben.“ Das Lächeln des Mannes wurde breiter.

Krischan schluckte. Vorsichtig wagte er es, sich dem Käfig zu nähern und riskierte einen genaueren Blick. Der Kanarra schnurrte ein wenig lauter und schloss genüsslich die Augen, als Krischan ihm über das Fell fuhr. Sanft bewegten sich die Muskeln unter seiner Hand und schienen ihm in Wellen entgegen zu strömen. Krischan fühlte sich wie elektrisiert und aufgeladen. Ein verträumtes Lächeln bemächtigte sich seiner Lippen.

Das Lächeln des Tierhändlers gefror zur Maske und ein zufriedenes Funkeln ließ seine Augen dunkler werden.

„Ich nehme ihn“, murmelte der überrumpelte Computerexperte. Traumwandlerisch bezahlte Krischan den geforderten Preis, ohne daran zu denken, dass der Preis sicherlich nicht ohne Grund so niedrig war. Mit knapper Geste wurde ihm eine Leine in die Hand gedrückt, an dessen Ende sich der Kanarra befand. Im nächsten Moment stand Krischan mitsamt dem Tier auf der Straße und das Gitter des Ladens schloss sich scheppernd hinter ihm.

Erschrocken wirbelte Krischan herum. Noch mit klopfendem Herzen schüttelte er den Kopf. Was sollte das eben? Ein Blick auf die Öffnungszeiten belehrte ihn über den Ladenschluss, den er anscheinend um Minuten hinausgezögert hatte. Er war empört auf der einen Seite, auf der anderen Seite jedoch erleichtert. Dann erinnerte er sich daran, dass er sich um diese Zeit nicht mehr im Freien in dieser Gegend der Stadt aufhalten sollte. Die Schatten wurden unaufhaltsam länger und mit ihnen die Zahl der zwielichtigen Gestalten größer.

Krischan zog seinen Planer hervor und rief nach einem Taxi.

„Appartement-Siedlung 310 a, Appartement 20-X“, wies er den Computer an, nachdem er sich in das Fahrzeug gesetzt und den sich sträubenden Kanarra mit hineingezogen hatte.

Erschöpft und erleichtert stolperte Krischan gut eine halbe Stunde später in seine Wohnung. Müde hängte er seinen Mantel auf und legte die Gebrauchsanweisung für den Kanarra auf den Tisch. Der Kanarra selbst verfolgte interessiert jede Bewegung und kommentierte in Gedanken schlecht gelaunt sein neues Herrchen.

‚Anscheinend wirklich ein weiteres Menschenmännchen. Nicht sehr kräftig, wie mir scheint. Pass auf, wenn du mir den Rücken zudrehst. Ich könnte dich anfallen. Anscheinend hast du keine Ahnung, was du dir in dein Domizil geholt hast’, grollte er still – jedoch in der Gewissheit, dass er jeden Angriff teuer bezahlen würde und dieses Mal mit seinem Leben. Neugierig hielt der Kanarra seine Nase in die Luft und sog die Aromen ein, zerlegte und analysierte sie.

‚Lebst allein. Kaum Besuch’, resümierte er in seinen Gedanken. Eine dumme Angewohnheit, aber es sprach sonst niemand mit ihm und die Menschen bevorzugten Schreie und Elektrostöße, was er beim besten Willen nicht als kreative und inspirierende Gespräche bezeichnen würde. ‚Ich kenne mich ja nicht so aus, aber bist du noch nicht geschlechtsreif? Normalerweise ruft doch bei Menschen in diesem Alter der Fortpflanzungstrieb. Hier müsste doch eine Familie sein? ... Mhm?’ Der Kanarra beendete abrupt das Thema Fortpflanzung, als er Krischan in der winzigen Küche hantieren sah. ‚Das ist nicht dein Ernst! Nein! Du willst tatsächlich dieses Zeug essen? Absolut widerwärtig. Wag es ja nicht, mir auch so etwas vorzusetzen!’ Das Fell des Kanarra zuckte konvulsiv vor Abscheu.

Krischan wurde sich in diesem Moment der Anwesenheit des Kanarras bewusst und räusperte sich erschrocken. War das Tier etwa krank? Natürlich, er hätte fragen sollen. Der Preis war zu niedrig gewesen. Niemals bekam man etwas umsonst oder auch nur günstiger.

Nach einer Weile beruhigte sich sein neuer Hausgenosse jedoch wieder, und Krischan seufzte erleichtert auf. Noch immer misstrauisch berührte er die Sensoren der Kro-Schale. Ein Zischen teilte ihm mit, dass der Inhalt jetzt essbar und vor allen Dingen heiß war. Vorsichtig lüftete Krischan das Geheimnis um den Inhalt der Verpackung und wurde nicht enttäuscht. Essbar, aber nicht genießbar. Automatisch schnappte er sich eine Gabel und setzte sich an den niedrigen Tisch. Mit der schmalen Lektüre vor Augen schlang er das Essen runter.

Der Kanarra war zwischenzeitlich äußerst erleichtert darüber, dass er nicht mit der Gabe bedacht wurde, auch wenn es unter Umständen kein Abendbrot bedeutete. Das war auf alle Fälle besser, als eine Nacht mit Kotzen zu verbringen.

Krischan las sich durch die ersten Ausführungen über die artgerechte Haltung von Kanarras und wurde über die Namensgebung informiert. Es wurden Zisch- und Schnurrlaute empfohlen, da diese von den Kanarras am besten verstanden wurden. Einen Namen brauchte das Tier also auch noch, stellte Krischan leicht überfordert fest. Ein Seufzen über so viel Umstand war sein einziger hörbarer Kommentar.

Aufmerksam musterte Krischan den Kater, der ihn unter halb geschlossenen Lidern nicht aus der Beobachtung entließ.

‚Namen? Glaubst du, dass ich lange genug hier bleiben werde?‘, fragte der, ohne ernsthaft eine Antwort zu erwarten. ‚Wenn du Glück hast, verschwinde ich gleich. Wenn nicht, wirst du eines Tages nicht mehr aufwachen. Aber so wie ich das sehe, bedeutet das in deinem Fall auch Glück’, knurrte der Kanarra übel gelaunt.

„Schnurr- und Zischlaute. Dann einfach Schnurr!“

Der Kanarra blinzelte entgeistert. ‚Wie einfallsreich! War es das? Keine besseren Einfälle? So ein dummes Männchen’, brauste er auf.

„Nicht besonders schön“, stellte Krischan selbst fest. „Etwas anderes. Wie wäre es mit Shkarr? Bedeutet bei den Talaranern so viel wie silbern. Du bist silbern und es sind Zisch- und Schnurrlaute drin. Ich habe keine Lust mir weitere Gedanken zu machen. Also Shkarr. So heißt du ab jetzt! Ich geh jetzt schlafen.“

‚Shkarr?’ Der Kanarra schaute dem Menschen hinterher und sah, wie dieser sich seiner Abendtoilette widmete. ‚Wirklich ein toller Name! Der ist kaum besser als mein letzter … – Und soll das jetzt hygienisch sein?’, fragte er sich dann aber gleich weiter, als er Krischan im Bad sah und kurz beobachten konnte, wie dieser sich kaum eine Sekunde unter die Hypodusche stellte und sich von dem Kraftfeld säubern ließ.

Nach einer knappen Viertelstunde war Krischan mit seiner kargen Abendtoilette fertig, suchte sich zwei Silence-Kapseln heraus und schluckte sie trocken hinunter. Taumelnd suchte er sein Schlafzimmer auf und nuschelte schon halb schlafend: „Licht aus!“

Den Bruchteil einer Sekunde später öffneten sich die Pupillen des frisch getauften Kanarras, um das restliche Licht einzufangen. Bedrohlich langsam erhob er sich und ging sich seiner sicher zu dem betäubten, jungen Menschen. Geschmeidig stieg er in dessen Bett und schnupperte vorsichtig an der reglosen Gestalt.

‚Du bist ganz offensichtlich selbstmörderisch veranlagt. Dich so außer Gefecht zu setzen, während ich dich ganz schnell mal zum Abendbrot verspeisen könnte‘, monologisierte der Kanarra weiter. ‚Du hast Glück, dass ich nicht so auf Menschenfleisch stehe. Davon abgesehen: Ein Junges bist du wirklich nicht mehr. Doch wo ist deine Familie? Ich dachte, Menschen wären soziale Tiere? Na ja, auch bei den sozialsten Rassen gibt es immer wieder Einzelgänger. Mit dir bin ich anscheinend an so eine Ausnahme geraten. Aber wenn du auf meinem Planeten leben würdest, wärest du keine Minute lang am Leben. Soweit ich das beurteilen kann, bestimmt nicht einmal eine Sekunde. Einfach zu schwach und nicht im Geringsten lebensfähig!’ Der Kanarra erkundete mit wachen Sinnen den Rest des Appartements und schaute neugierig nach, ob er etwas Essbares finden konnte. Leider wurden seine Befürchtungen bestätigt, dass sich Krischan fast ausschließlich von diesem ungenießbaren Zeug aus Kro-Schalen ernährte. In seinem schon länger dauernden Aufenthalt auf diesen kalten Planeten, von seinen Bewohnern wenig einfallsreich und fehlerhaft Erde genannt, kannte er den Inhalt dieser Schalen, die erfunden worden waren, Proteine und Vitamine zu erwärmen und die Stückchen und Breie als Fleisch- und Gemüseersatz von Menschen gegessen zu werden, die Kochen nur aus diversen Shows als exotischen Zeitvertreib kannten. Welch furchtbare Aussichten standen ihm mit diesem kulinarischen Tiefflieger bevor, jammerte der erneut getaufte Kater, der sich bisher jedem Namen widersetzt hatte, außer es ließ sich nicht vermeiden.

Mit einem stummen Seufzen trollte sich der Kanarra erneut in Richtung Schlafzimmer. ‚Wir werden uns diese Nacht dein Bett teilen’, bestimmte er. ‚Ich werde sicher nicht auf dem Boden schlafen. Ganz bestimmt nicht, Mensch.’

Zufrieden, dass er sich nicht gleich in der ersten Nacht mit dem Menschen auseinandersetzen musste, rollte sich der Katzenmann auf dem großen Bett zusammen und legte seinen Schwanz über seine Nase. Halb wach und immer wieder kontrollierend lauschte er den Atemzügen des Menschenmännchens, um dann zurück in meditatives Nichtsdenken abzutauchen.

Krischan war von einem Moment zum anderen wach – wie üblich, wenn er die Kapseln genommen hatte, was in den letzten Wochen häufiger der Fall gewesen war. Ihre Zeit war exakt abgestimmt und es bestand daher nie die Gefahr, dass er verschlafen konnte. Seiner Morgenroutine entsprechend wollte er aus dem Bett steigen und ins Bad schleichen. Etwas Silbergraues und vor allen Dingen sehr Großes auf seinem Bett ließ ihn aber innehalten.

„Ach ja, der Kanarra“, murmelte er kurz. Einen Moment! Wieso lag das Vieh auf seinem Bett?

Schlecht gelaunt beäugte er das Katzenwesen, dessen Körper sich gleichmäßig im Takt seines Atems hob und senkte. In ihm regte sich Unmut. Aber nur kurz. Krischan hatte keine Lust, sich wegen dieses Dings aufzuregen. Im Grunde bereute er es, dass seine Schwester ihn dazu überreden hatte können, und der Händler erfolgreich in dieselbe Kerbe geschlagen hatte. Er wusste überhaupt nichts mit einem Tier anzufangen. Eine oberflächliche Recherche hatte ihm nur diffuse Hinweise gegeben, welch hervorragende Spielkameraden Kanarras für Kinder wären; dass sie treu waren und sehr verschmust. Er hatte nur keine Kinder, und wenn es nach ihm ginge, würde er auch nie welche haben. Darüber hinaus wurde dem Streicheln dieser Tiere besondere positive Wirkung nachgesagt, euphorische Energieschübe und beruhigende Entspannung gleichermaßen. Wissenschaftlich konnte dies jedoch nicht nachgewiesen werden. Doch, wenn er das wollte, konnte er sich auch die entsprechende Tablette einwerfen und die hielt dann auch exakt nach Zeitplan an. Das selig machende Kribbeln im Geschäft hatte ihn schwach werden lassen. Jetzt jedoch war er ganz ohne Einfluss und es ärgerte ihn maßlos.

Knurrend erhob Krischan sich und schlurfte ins Bad. Er hatte nicht vor, sich von diesem Etwas aus der Bahn und dadurch seine Bedenken über den Haufen werfen zu lassen. Noch heute Abend würde er zum Händler fahren und den Kanarra zurückbringen.

Das Katzenwesen hob amüsiert seinen Kopf. Ohne den Menschen sehen zu müssen, war er doch ganz gut zumindest über dessen letzten Gedankengang informiert. ‚Du wirst den Händler nicht finden’, schnurrte er leise vor sich hin.

Eilig stürzte Krischan nach einigen Minuten aus dem Bad und befahl kurz: „Kaffee!“ Prompt erwachte der Teil der Küche zum Leben, der die entsprechende Maschine verbarg, und es zischte aus einer silberfarbenen Armatur. Kaffeeduft durchzog das winzige Appartement und der Kanarra, der widerwillig versuchte, sich mit seinem neuen Namen vertraut zu machen, weil er den Menschen kaum daran hindern konnte, diesen zu verwenden, zog angewidert die Nase kraus.

Hastig schlüpfte Krischan in die bereitliegenden Sachen und wollte sich dann daran machen, sein Bett aufzuschütteln. Jetzt erst dachte er wieder an seinen neuen Mitbewohner. Der Kanarra lag noch genauso da, wie er ihn verlassen hatte. Nur die grünen Augen blickten unverwandt auf so viel hektisches Treiben.

„Raus aus dem Bett, Shkarr!“, rief Krischan ungehalten. Wenn er jedoch eine Reaktion erwartete, so war diese Hoffnung mehr als vergebens. Lediglich die Barthaare zuckten ein wenig.

‚Ah, den Namen hat er also nicht vergessen. Ich weiß jetzt nicht, ob ich mich geschmeichelt fühlen soll’, kommentierte der Kanarra träge in seinen Gedanken. Eine aufgebauschte Decke, die ihn vom Bett scheuchen sollte, unterbrach ihn jedoch wenig diplomatisch. Mit einem Fauchen war er auf seinen vier Beinen und schaute das Menschenmännchen herausfordernd an. Der Schwanz verriet dabei dem Wissenden den aktivierten Jagdtrieb.

Krischan schluckte hart. Sein Herz meldete Notstand und galoppierte unangemessen schnell, wenn man bedachte, dass er zur Salzsäule erstarrt war. Sein gesamter Körper schrie nach Flucht, dennoch verweigerten ihm seine Muskeln den Dienst. So musste der Kanarra enttäuscht feststellen, dass Krischan ihm wohl nicht den Gefallen tun würde, einfach ein wenig Haschen mit ihm zu spielen.

‚Wirklich bedauerlich.’ Mit einem stummen Seufzer rollte er sich wieder zusammen.

Ächzend sank Krischan zu Boden und starrte entgeistert auf den silberschwarzen Rücken. Bebend vor Angst und vollkommen aufgelöst rutschte er rückwärts aus dem Zimmer. Kaum war der Kanarra jedoch außer Sichtweite sprang er hoch und rannte zur Tür hinaus. Ohne einen weiteren Gedanken zu verschwenden, stürzte er wie von bösen Geistern gejagt aus dem Haus.

Der Kanarra fand das Verhalten nun einigermaßen übertrieben. Irgendwie amüsierte ihn der kleine Mensch. Er war gespannt, was dieser tun würde, wenn er feststellen musste, dass der Händler nicht mehr da war. Shkarr hatte kurz zuvor, bevor sich Krischan zum Kauf entschlossen hatte, seine Abreise vorbereitet, um neue Tiere auf diversen Planeten einzukaufen. Im Grunde hatte ihm Krischan mehr durch Zufall und wohl dem speziellen Humor des Universums geschuldet das Leben gerettet. Der Kanarra war, wenn er seine Vergangenheit Revue passieren ließ und es ehrlich einschätzte, unverkäuflich. Eine Last, die der Händler nicht mehr lange getragen hätte. Bei dessen Einkaufstour auf den bekannten und weniger bekannten Planeten des Sternenbundes hätte er das katzenartige Tier sicherlich irgendwo verkaufen können. Jetzt hatte sich dem Händler aber eine sehr viel schnellere Gelegenheit geboten: ein naiver Mensch ohne rechten Willen und Kraft mit ausreichend Geld.

An sich hatte es genug andere Menschen gegeben, die sich für den Kanarra interessiert hatten, war seine Rasse doch das angesagteste Modeaccessoire der Saison. Er jedoch war einfach zu groß, und es war nicht das erste Mal gewesen, dass er sich gegen seine Besitzer gewandt hatte. Er war sogar schon einmal geflohen, was der Händler Krischan gegenüber natürlich verschwiegen hatte.

Mittlerweile war es dem Kanarra selbst egal, wo er war und wer ihn besaß oder auch, welche Namen man ihm gab. Doch diese Gleichgültigkeit verhinderte nicht, dass er immer wieder ein unbändiges Gefühl nach Freiheit hatte. Er wollte auf die Jagd gehen, die Umgebung durchstreifen und andere seiner Art treffen. Mit jedem Jahr seines Lebens wurde dieses Gefühl stärker und es hatte außer den Fluchten nichts gegeben, was den Drang gemildert hätte. Auf der anderen Seite gab es jedoch auch die Erinnerungen an seine Häscher, die ihn nach recht kurzer Zeit gewaltsam eingefangen und gedemütigt zu seinem Eigentümer zurückgebracht hatte.

Es war immer schwerer geworden, sich vor den schwachen Geschöpfen, die die Menschen für ihn waren, zurücknehmen zu müssen. Doch das Band um seinen Hals war eine Warnung und Drohung zu gleich. Krischan wusste das nur noch nicht. Lange würde es aber nicht mehr dauern.

Diese schlauen Menschen fühlten sich ihm überlegen und sein neuer Herr würde ihn über kurz oder lang mithilfe des Halsbandes zähmen. In den Augen der Menschen war er nur ein dummes, wildes Tier, das sie mit Gewalt an sich banden, hinter Kraftfeldern und Käfigstäben sicherten und es schlugen, wenn es nicht gehorchte. Am schlimmsten waren dabei ihre Gedanken und das penetrante Gefühl der Überlegenheit.

Nur in seinen Träumen war er frei und wenn die Menschen ihn nicht mehr mit ihren Gedanken belästigten, weil sie schliefen. Davon abgesehen, war er jedoch nicht ohne Wissen und seine telepathischen Fähigkeiten halfen ihm dabei.

Irgendwann als Welpe hatte er festgestellt, dass er die Gedanken der Menschen lesen konnte. Zu Anfang hatte es ihm Mühe bereitet und furchtbare Schmerzen verursacht. Grenzen gab es aber auch. Nur wirklich klar gedachte Worte, Sätze oder Bilder vermochte er wahrzunehmen und auch nur dann, wenn der betreffende Mensch nicht sehr weit weg von ihm stand. Wollte er darüber hinaus etwas erfahren und mehr erhaschen, als ihm so gewährt wurde, dann drohten Kopfschmerzen und für einige Zeit heftiger Schwindel. Daher hatte er sich entschlossen, so etwas, wenn möglich, zu vermeiden. Doch die wenigen Gedankenbrocken, die er im Laufe seines Lebens hatte lesen können, genügten ihm bereits, um ihm zumindest ein wenig das Bild dieser Welt und der Wesen, die hier lebten, zu vermitteln. Zu seinem persönlichen Bedauern aber blieb ihm nie genug Zeit, mehr in Erfahrung zu bringen.

Soweit er sich zurückerinnern konnte, war er immer anders gewesen, als die anderen Kanarras. Sein telepathisches Talent war nur ein winziges Detail, das ihn von den anderen unterschied. Er war größer, weniger niedlich, sehr viel wilder als die anderen Exemplare. Sein Aussehen war schlicht weniger anziehend gewesen, sodass er sehr spät in eine Familie verkauft worden war. Diese Familie behielt ihn jedoch nicht sehr lange, da er sich nichts von den Kindern gefallen ließ. So kam er wieder zurück zum Händler. Ein paar Monate später war er wieder an eine Familie verkauft worden und das Spiel wiederholte sich.

Auch für die Zucht wollte man ihn nicht so richtig. Er entsprach nicht den Vorstellungen den Zuchtzielen der Züchter, was Gehorsam und Anschmiegsamkeit anbelangte.

Sein letzter Besitzer war ein Säufer gewesen, der seine Freude daran gehabt hatte, ihn tanzen zu lassen. Die einfachste Methode war, das Halsband auf die mittlere Stufe zu stellen. Dann war Shkarr noch gerade bei Bewusstsein und die Schmerzstufe war hoch genug, ihn hin- und herzucken zu lassen.

Der Kanarra erinnerte sich nur mit Abscheu und Angst daran. Wegen des Halsbandes und der sadistischen Ader seines vorletzten Besitzers hätte er diesen beinahe umgebracht. Es war Notwehr gewesen, aber das zählte natürlich nicht. Schließlich war er nur ein Tier. In blinder Wut und Schmerz hatte er seine Krallen ausgefahren und mit ihnen alles angegriffen, was sich ihm in den Weg zwischen dem Kontrollgerät und dem Menschen stellte, der es hielt. Es war der Säufer, der mit ihm gekämpft und der sich auch zur Wehr gesetzt hatte. Es war aber auch der Säufer, der den Kampf letztlich verlor.

Als er nach dem Kampf das viele Blut gesehen hatte und begriff, was er getan hatte, war er Hals über Kopf geflohen. Natürlich blieb das Opfer nicht lange unentdeckt und wurde rechtzeitig behandelt. Sein einziges Glück damals war, dass er ein Kanarra war und sein Besitzer überlebte. Gleichzeitig hatte der Händler dem Säufer auch noch einen guten Preis geboten. Diesen hatte es gefreut und erleichtert hatte er eingeschlagen.

Der Tierhändler hingegen hatte sich trotz der Vorgeschichte einen schönen Profit versprochen. Der Kanarra war ungewöhnlich und sah schön aus. Es gab nur sehr wenige Kanarras, die eine solche Fellfarbe in dieser Zeichnung hatten. Doch der Händler hatte sich geirrt. Niemand kaufte den Kanarra. Immer wieder wurde nur nach jungen Exemplaren gefragt. Bei ihm hingegen schreckten alle potenziellen Kunden zurück.

Der Kanarra seufzte in Gedanken. Er wusste, was er machen musste, wollte er nicht doch noch ein abruptes Ende finden. Wenn es ihm nicht gelang, seinen Besitzer von sich zu überzeugen, würde er nicht mehr lange leben. Egal, wie oft er es sich bisher schon vorgestellt hatte: Noch war er lange nicht bereit dazu, seinem Leben ein Ende zu setzen. Er musste sich mit seinem neuen Besitzer arrangieren. Irgendwie.

***

Ungläubig schaute Krischan durch die Fensterscheiben des Besten Zooshops für extraterrestrische Tiere diesseits der Milchstraße. Er vermochte kaum etwas zu erkennen, doch das, was er sah, ließ darauf schließen, dass der Händler nicht mehr da war. Die Käfige und Boxen waren leer. Das Gitter vor der Tür war fest verschlossen und daran prangte ein Schild mit höhnisch großen Buchstaben: ‚Wiedereröffnung 01.09.2153’

Krischan las sich immer wieder das Schild durch und konnte es nicht fassen. Der Typ würde erst in anderthalb Jahren wieder kommen! Krischan vermochte keinen klaren Gedanken zu fassen angesichts der Konsequenzen, die sich daraus ergaben. Verzweifelt schlug er gegen die Scheiben. Voller Panik war er aus seinem Appartement gelaufen und jetzt klebten ihm die Haare verschwitzt im Nacken. Der Kanarra hatte ihn nicht nur überrumpelt. Nein, in seiner eigenen Wohnung, der Festung eines Lebens, befand sich eine Bestie! Krischan war zu Tode erschrocken gewesen.

Er hatte sich noch vor seinem Haus kurzerhand krankgemeldet und seiner Firma mitgeteilt, dass er heute nicht kommen würde. In seinem ganzen Leben hatte er sich noch nicht krankgemeldet, aber das hier war ein Notfall der besonderen Art und er hatte keine Zeit verlieren wollen. Der Kanarra musste verschwinden, daher war es wirklich das Beste, sofort zum Händler zu gehen und ihn aufzufordern, das Tier zurückzunehmen. Krischan hätte sogar auf sein Geld verzichtet, Hauptsache er war diese Bestie für immer los.

Jetzt jedoch stand er hier und so wie es aussah, gab es keine Möglichkeit, das Geschäft rückgängig zu machen. Noch einmal ließ Krischan seinen Frust an dem Glas aus, ohne dass sich am Ergebnis etwas änderte. Einzig sein Zustand wurde noch schlechter als er es sowieso schon war. Vollkommen fertig drehte er sich um und lehnte sich an die Scheibe.

„Es muss eine andere Möglichkeit geben, die Raubkatze aus meinem Appartement zu entfernen“, murmelte er nach einigen Minuten in Gedanken. Die Frage, die er dabei jedoch nicht beantworten konnte, war: Wie sollte das gehen?

Er hatte Angst zurückzukehren und daran würde sich so schnell nichts ändern. Wenn er nur an den fauchenden Kanarra dachte, erfasste ihn Panik in den verschiedensten Ausprägungen. Hektisch überlegte er, an wen er sich wenden konnte, von wem Hilfe zu erwarten war. Seine Schwester kam dafür nicht in Betracht. Er glaubte nicht, dass sie einen Kanarra zähmen konnte. Fraglich war auch, ob sie ihm überhaupt Glauben schenken würde in Anbetracht seiner vorher sehr deutlich vorgetragenen Abscheu gegen Tiere im Allgemeinen und Haustiere im Besonderen.

Mit seiner Schwester endeten dann aber auch schon die Möglichkeiten, die er besaß. Ihm fiel niemand weiter ein. Einen Freundes- oder Bekanntenkreis hatte er nicht vorzuweisen. Blieb denn überhaupt niemand?

Vielleicht die Polizei? Das war eine Möglichkeit, auch wenn er an keinem Erfolg glaubte. Krischan überlegte noch nicht einmal zu Ende und zog dabei seinen Planer hervor, um den Notruf aufzugeben. Beinahe hätte er wieder aufgelegt, als ihm einfiel, dass er gar nicht wusste, was er sagen wollte. Doch in diesem Moment erschien auch schon das Bild einer blonden Frau, die sich nach seinem Problem erkundigte. Stockend erzählte er von dem angriffslustigen Kanarra.

Der Blick der Polizistin sprach Bände, als er sein Problem stammelnd erklärte, dennoch lehnte sie nicht von vornherein ab. „Wir sind dafür nicht zuständig. Ich schicke Ihnen aber jemanden vom Tierschutz. Die werden sich den Kanarra anschauen und dann entscheiden. Geben Sie bitte Ihre Adresse ein und seien Sie anwesend, damit die Mitarbeiter Ihre Wohneinheit betreten können. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag.“

Frustriert schaute Krischan auf das Display, auf welchem jetzt die Aufforderung blinkte, seine Adresse anzugeben. Sehr vielversprechend hörte sich das nicht an. Da er aber anscheinend keine Wahl hatte, sprach er seine Adresse in den Planer.

Kurz darauf stieg er in das wartende Taxi. Mit einem resignierenden Seufzer gab er seine Adresse an, hier jedoch als Ziel dieser Fahrt.

***

Müßig rollte Shkarr sich auf den Bauch und betrachtete versonnen die goldenen Staubkörnchen, die träge in einem verirrten Sonnenstrahl tanzten. Vor mehr als zwei Stunden hatte er sich entschieden, sich an den Namen gewöhnen zu wollen, also dachte er an sich selbst mit dem Namen, was sich aber immer noch seltsam anfühlte. Doch seit der Entscheidung hatte er nichts weiter gemacht und nach Krischans Flucht, gab es auch nichts mehr für ihn zu tun. Shkarr langweilte sich daher und er konnte es im Grunde nicht abwarten, bis das hilflose Menschenkind wieder hier war. Hungrig hatte er noch einmal die ganze Wohnung abgesucht. Aber bis auf Wasser konnte er nichts Genießbares finden. Somit war ihm nicht nur langweilig, sondern er war auch noch extrem hungrig.

Immer wieder ließ er den Namen, den Krischan ihm gegeben hatte, in seine Gedanken einfließen. Vielleicht gefiel ihm die Aneinanderreihung der Zisch- und R-Laute ja doch, auch wenn sich Krischan dabei nicht sonderlich einfallsreich gezeigt hatte. Hinzu kam, dass der Name Krischan ihm auch gefiel. In seinen Ohren recht melodisch. Aber das hieß natürlich nicht, dass er den Menschen dadurch ebenfalls mochte. Er war eben nur besser in der Wahl der Namen für ihn als seine vorherigen Herrchen und Frauchen gewesen. Miststück, Katzenvieh oder ähnliche Bezeichnungen waren da schon eher die üblichen Rufnamen gewesen.

Shkarrs Barthaare zuckten vor Wut. Er ließ jedoch dem Gefühl keinen weiteren Raum. In den letzten Wochen hatte er immer wieder an sein Leben gedacht und es war immer dasselbe gewesen. So langsam hatte er davon jedoch genug.

Im Laufe des Tages hatte er daher langsam in Erwägung gezogen, es mit dem neuen Menschen zu versuchen. Er wirkte anders und schien beeinflussbar zu sein. Möglich, dass er es schaffen konnte, ihn so zu lenken, dass sie beide miteinander klarkamen.

Krischan war schwach und mit Blick auf die letzten Ereignisse wusste Shkarr genug über ihn, um sagen zu können, dass er sich leicht beeindrucken ließ. Shkarr war sich bewusst, dass er ohne einen Menschen an seiner Seite niemals das Haus verlassen und ungehindert seines Weges gehen konnte. Es gab ganz sicher keine freilaufenden Kanarras auf der Erde. Damit war es auch unwahrscheinlich, dass er einen Ort fand, der ihm Unterschlupf und Nahrung bot. Dieses Appartement und den dazugehörigen Menschen musste er als notwendiges Übel akzeptieren und das Beste daraus machen. Er musste nur verhindern, dass sein neues „Herrchen“ mithilfe des Halsbandes seinen unfreiwilligen Hausgast unterwarf und quälte.

Shkarr war sich noch nicht sicher, wie er das alles anstellen sollte, aber das Vorhaben gab ihm ein gutes Gefühl. Er musste einfach nur die Spielregeln bestimmen. Ganz einfach …

Shkarr streckte sich dezent. Nichts war einfach, aber es war auch nicht unmöglich. Während er in Gedanken Pläne schmiedete, durchsuchte er das Appartement erneut. Er hatte schnell herausgefunden, dass sich die Tür des Appartements auch vor ihm öffnete. Da er sich aber nicht sicher war, jederzeit wieder hineinzugelangen, hatte er von einer Erkundungstour in die nähere Umgebung abgesehen. Träge erhob er sich und streckte sich ausgiebig.

Irgendwie tat es ihm mit einem Mal leid, dass er Krischan so erschreckt hatte.

‚Wir müssen einen Weg der Kommunikation finden, Mensch‘, dachte er bei sich.

Plötzlich sträubten sich ihm die Nackenhaare. Er kannte das von seinen Vorbesitzern. Das Gefühl stellte sich schon nach einer recht kurzen Zeit ein; er spürte, wenn sich sein Mensch in der Nähe befand.

Ein kurzer Blick gen Himmel und Shkarr resümierte, dass Krischan nur sehr wenig Zeit zwischen seiner Flucht und jetzt hatte verstreichen lassen. Shkarr war sich nicht sicher, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war. Aber er war alarmiert, ohne dass sich das in seinem Verhalten zeigte, als er sich wieder zu einem Knäuel zusammenrollte.

***

Das rote Taxi brachte Krischan zurück zur Appartementsiedlung am Stadtrand. Erstaunt sah er, dass die Leute vom Tierschutz schon vor seinem Haus standen.

„Sie sind Mr. Ros?“

Krischan nickte leicht und übte sich in Zurückhaltung. Die Frauen in ihren blauen Overalls sahen nicht so aus, als ob sie ihm Glauben schenken würden und der Tonfall ihrer nächsten Frage verbunden mit einem wenig versteckten mokanten Grinsen bestätigte leider seine Vermutung.

„Sie haben also Probleme mit einem Kanarra? Dann werden wir uns mal das Tier anschauen. Gehen Sie bitte vor!“

Mit ungutem Gefühl im Bauch übernahm Krischan die Führung der kleinen Gruppe. Er wusste nicht, was er zu erwarten hatte, wenn sich die Tür zu seinem Appartement öffnete. Unsicher blickte er zum Scanner, der den Eintritt zu seinem kleinen Reich freimachen würde. War es gut für ihn, wenn alles hinter dieser Tür in Ordnung war und es keine Anzeichen der frühmorgendlichen Attacke gab? Wahrscheinlich nicht, stellte er mit zaghaftem Gefühl fest.

Krischan legte seine Hand auf das Erkennungsdisplay. Zögernd betrat er sein einstmals so vertrautes und absolut sicheres Heim. Im ersten Moment konnte er jedoch den Kanarra nicht ausmachen. Auch die beiden Frauen schauten sich suchend um.

„Wo ist denn nun der Kanarra?“, fragte die eine von ihnen ungeduldig.

Shkarr beobachtete derweil misstrauisch die neuen Besucher. Es war also eindeutig ein schlechtes Zeichen gewesen, stellte er fest, dass der Mensch so schnell wieder zurückgekehrt war. Jetzt galt es gute Miene zum bösen Spiel zu machen, um nicht doch noch seine Pläne ganz spontan ändern zu müssen. Geschmeidig erhob er sich, damit ihn die dummen, tauben und blinden Menschen endlich entdeckten, und streckte sich in betonter Lässigkeit. Muskel für Muskel legte sich in gewohnter Position um seine Knochen und erwarteten geduldig seine Befehle.

Majestätisch hob er seinen Schwanz und ging dann in scheinbar argloser Eleganz zu seinem nagelneuen Besitzer. Er schnurrte zur Begrüßung und rieb sich an dessen vor Schreck erstarrter Gestalt. Die Frauen musterten derweil kritisch das Verhalten der zwei, wobei das größere Misstrauen Krischan traf.

„Ich denke nicht, dass Sie wirklich ein Problem mit Ihrem Kanarra haben“, meinte die Frau, die schon zuvor ihre Ungeduld bewiesen hatte. „Er benimmt sich vollkommen normal. Vielleicht haben Sie ein Spiel falsch verstanden. Am besten, Sie informieren sich über die Verhaltenseigenschaften von Kanarras. Sollte wirklich etwas Ernsthaftes sein, dann können Sie ihn immer noch über das Halsband bändigen. Sie müssen sich nur noch einen handelsüblichen Kontroller besorgen, sollten Sie noch keinen haben. Ich denke, dann sollte alles seine Ordnung haben, Mr. Ros.“

Krischan hörte die lapidaren Worte und nickte automatisch, begriff aber nicht wirklich, was das jetzt für ihn hieß. Er hatte nur eines verstanden: Es spielte keine Rolle, was er jetzt noch sagte. Keiner würde ihm Glauben schenken.

„Keine Sorgen, Mr. Ros! Es ist fast unmöglich, Probleme mit einem Kanarra zu haben. Es sind die verträglichsten Tiere auf diesem Planeten. Katzen, und ich meine irdische Katzen, sind weitaus anspruchsvoller und komplizierter. Wenn Sie sich an die wenigen Anweisungen halten, kann überhaupt nichts passieren. Sie werden auch das Tier besser verstehen und Missverständnisse werden schon gleich zu Anfang vermieden. Wenn Sie noch Fragen haben, können Sie sich an die Zentrale wenden. Wir wünschen Ihnen noch einen schönen Tag und danke, dass Sie sich an uns gewandt haben!“ Mit diesen Worten verließen die zwei Frauen Krischans Appartement.

Kaum hatte die Tür sich hinter den Frauen geschlossen, ließ Shkarr von Krischan ab und setzte sich vor ihm hin. Vorwurfsvoll glitt der Blick aus grünen Augen über Krischan.

Der stolperte zurück und starrte entsetzt auf sein Haustier. Die eindeutig nicht irdische Katze hatte ebenso eindeutig den Frauen vom Tierschutz etwas vorgespielt. Krischan schüttelte, von lähmender Panik erfüllt, den Kopf. Das konnte nicht sein! Er musste sich täuschen!

Konnten Kanarras das?

Aber vielleicht war das auch ein völlig normales Verhalten bei Kanarras. Was hatte die eine gesagt? Ratlos fiel Krischans Blick auf das kleine Heft, welches noch immer unberührt auf dem Tisch lag.

Shkarr folgte der Bewegung. Als er des begehrten Objektes ansichtig wurde, sträubte sich ihm das Fell. Sein Schwanz stellte sich alarmiert auf. Einem Moment später war er mit einem Satz auf dem Tisch und riss das Heftchen an sich. Zu seinem Bedauern bestand es aus einem Material, dem seine Krallen nichts anhaben konnten. Shkarr blieb vorerst nichts anderes übrig, als es bei sich zu behalten und Krischan damit den Zugriff zu verwehren.

Sein überfordertes „Herrchen“ stand jedoch noch immer regungslos und verstört an derselben Stelle. Es schien zu zittern.

Kalte Angst hatte ihn ergriffen. Irgendwie war Krischan sich sicher, dass seine Angst sich noch zu ungeahnten Höhen aufschwingen würde, wenn er die Gedanken, die ihn bewegten, zu ihrem logischen Ende bringen würde.

„Ich“, begann er, unsicher darüber, was er eigentlich sagen wollte, und für welche Ohren es bestimmt war. Abrupt schwieg er wieder. Der Kanarra wandte sich ihm aufmerksam zu. Leise vibrierten die feinen Barthaare.

Krischan schüttelte wieder den Kopf. Egal, was er in diesem Heftchen auch zu lesen bekommen würde, sofern er es jemals in den Händen halten würde: Eine Erklärung für das Verhalten, dessen er gerade ansichtig wurde, war dort sicher nicht zu finden. Krischan überkam das dringende Bedürfnis, allein zu sein. Er brauchte einen ungestörten und vor allen Dingen sicheren Platz, wo er über ein paar wichtige Dinge nachdenken konnte. Seine Wohnung schien ihm seit ein paar Minuten der denkbar ungeeignetste Ort dafür.

Mit der Wand im Rücken näherte er sich der Tür. Als der Computer ihn bemerkte, öffnete er diese und ließ ihn raus. Shkarr folgte ihm – nur ein paar Schritte, blieb dann aber unschlüssig stehen.

„Bleib hier!“, murmelte Krischan leise und wies sich im selben Moment für diesen Satz zurecht. Er war das verbale Eingeständnis seiner unausgegorenen Gedanken, für die er in diesem Augenblick noch nicht bereit war. Kanarras als intelligente Wesen anzusehen, dafür brauchte er wirklich etwas Zeit. Jegliche Spekulation in diese Richtung war absurd. Das durfte einfach nicht sein!

Ein Anflug von Hysterie legte sich auf sein Gemüt und verklebte sein Denken. Daher atmete er erleichtert auf, als die schließende Tür ihm den Blick auf das Tier verwehrte. Minutenlang blieb er einfach nur stehen. Irgendwie war alles chaotisch, während er sich trotzdem des Eindrucks nicht erwehren konnte, immer ruhiger zu werden. ‚Vielleicht stehe ich unter Schock’, spekulierte Krischan und ein nachsichtiges Lächeln zuckte kurz über sein Gesicht. Erst Minuten später war er in der Lage, das Haus endgültig zu verlassen. Lediglich seine Füße bestimmten das Ziel.

Immer wieder drängte sich der Gedanke auf, dass das Verhalten des Kanarras normal war und dem aller normalen Kanarras entsprach. Dann wieder flüsterte ihm eine penetrante Stimme zu, ein Tier, welcher Art auch immer, hätte niemals so reagiert. Irgendwann in dem endlosen Kreis von Argumenten, Gegenargumenten und flüchtigen, aber intensiven Emotionen landete er bei den Fragen:

Was ist Intelligenz? Und was macht Intelligenz aus? Woran erkennt man Intelligenz? War es schon intelligent, wenn man folgerichtig auf Worte reagierte?

Krischan negierte Letzteres sofort. Kanarras konnte man dressieren wie jedes andere Tier auch. Er wusste aber nichts über Shkarrs Vergangenheit und dementsprechend konnte er höchstens erahnen, welche Ausbildung der Kanarra genossen haben konnte. Im Grunde wusste er noch nicht einmal ganz allgemeine Dinge über diese Tiere.

Aber was war dann mit dem Blick aus den äußerst beredten Augen? Da steckte ein Geist dahinter, der sehr genau wusste, wie es um ihn stand.

Wieder verfluchte Krischan inbrünstig den voreiligen Kauf und im gleichen Atemzug seine Schwester, die ihn dazu überredet hatte.

***

Shkarr beobachtete, wie der Himmel immer dunkler wurde. Die Nacht brachte Wolken mit, die sich regenschwer über der Stadt zusammenballten. Er mochte dieses Wetter ganz und gar nicht. Er fürchtete das Wasser nicht, nur zog er es einfach vor, nicht nass zu werden. Wind kam auf und beugte die wenigen Bäume, die die breite Straße säumten, tief zu Boden. Er ließ dabei die untersten Zweige grob über den Asphalt scheuern. Mit einer Heftigkeit, die dem auffrischenden Wind gleichkam, raste das Unwetter über die Stadt und tauchte alles in ein gespenstisches, nur durch Blitze erhelltes Dunkel.

Shkarr verfolgte fasziniert das Naturschauspiel. Sein Schwanz wippte leicht hin und her; seine Barthaare berührten die Scheibe des Fensters.

Elektrische Ladungen sprangen durch die Luft und sträubten sein Fell, machten ihn ganz kribbelig. Vergnügt tanzte er durch die kleine Wohnung und vollführte gewagte Sprünge. Auf seine Weise fühlte er sich frei, denn so viel Platz hatte er schon lange nicht mehr gehabt. Auch war niemand da, der ihn maßregelte.

Erst unmerklich, dann immer spürbarer, ließ das Kribbeln nach. Shkarr lauschte dem Rauschen des Regens und dem sich entfernenden Grollen. Zufrieden schüttelte er sich und brachte sein Fell in Ordnung. Ausgiebig begann er mit seiner Fellpflege, widmete jedem erreichbaren Zentimeter die notwendige Zeit.

Irgendwann ertappte er sich dabei, wie er immer wieder suchend zum Fenster hinaufschaute und den dunklen Himmel ansah. Zu seiner Verärgerung stellte er fest, dass Krischan der Grund für sein Verhalten war.

Shkarr streckte sich. Er machte sich doch tatsächlich so etwas wie Sorgen um den Menschen! Wieder erfüllte ihn Abscheu bei den Gedanken an Menschen ganz allgemein und an die Besitzer seiner selbst ganz besonders. Unwillig schüttelte er den Kopf, plusterte sich kurz auf, um sich gleich darauf erneut auf seine Hinterläufe zu setzen. Ganz egal konnte ihm der Mensch aber auch nicht sein. Einerseits war es nur mit dessen Hilfe möglich, sich einigermaßen frei zu bewegen, andererseits war jeder neue Besitzer ein viel zu großes Risiko.

Auch wenn Krischans letzte Reaktion erneut Flucht gewesen war, allein ausgelöst durch Shkarrs Anblick, so war das Katzenwesen trotz seiner eindeutigen körperlichen Überlegenheit abhängig von seinem menschlichen Mitbewohner und genau diese Schwäche war das, was er als Kanarra unter Menschen brauchte.

Nachdenklich betrachtete der Katzenmann seine Vorderpfoten. Irgendwie musste er Krischan an sich gewöhnen. Etwas anderes blieb ihm kaum übrig. Krischan war der erste Besitzer, der so sehr anders war als alle anderen Menschen, denen er bisher begegnet war. Wenn es ihm gelang, ihn so zu beeinflussen, dass er mit dem Menschen die Freiheit bekam, nach der er sich sehnte, dann würden sie ganz bestimmt gut miteinander auskommen. Und vielleicht war das auch ein Vorteil für das Menschlein, das so klein und schwach kaum lebensfähig schien. Selbst nach menschlichen Verhältnissen.

Natürlich mussten einige Dinge dringend verändert werden. Da war zum einen das Essen und zum anderen diese Unvernunft, mithilfe von Drogen dem Schlaf in die Arme zu fallen. Shkarr stellte fest, dass einige sehr wichtige Entscheidungen getroffen werden mussten. Entscheidungen, die Shkarr traf und die Krischan umzusetzen hatte. Ganz zu Anfang musste geeignete Nahrung herangeschafft werden, denn er, Shkarr, hatte Hunger und einen weiteren Tag und eine weitere Nacht würde er auf Essen nicht verzichten.

‚Krischan! Wo bleibt der Mensch nur?‘ Jetzt hatte Shkarr den Gedanken ausgesprochen, der ihn unterschwellig die ganze Zeit über schon beschäftigte. Unruhig ging er zum Fenster, stellte sich auf und schaute hinaus. Die Straßenbeleuchtung tauchte die Umgebung in ein indirektes Licht und warf bizarre Schatten. Kein Mensch ließ sich blicken und nur vereinzelt leuchtete Licht aus den Fenstern der Häuser. Shkarr konnte nur spekulieren, doch er glaubte, dass Krischan sich Tag für Tag nach dem immer selben Muster verhielt. Seine Bewegungen am vorigen Abend hatten routiniert und eingeschliffen gewirkt, wie schon tausendmal ausgeführt und niemals infrage gestellt. Kein Gedanke war mehr notwendig, um eine Entscheidung zu treffen.

Wenn dem tatsächlich so war, dann hätte Krischan schon längst wieder hier sein müssen. Er hätte eine Schale erhitzt und das Zeug darin gegessen, danach stand Körperpflege auf dem Plan und zum Schluss Drogen. Doch nichts dergleichen geschah. Krischan war nicht hier.

Shkarr überlegte und näherte sich unbehaglich der Tür. Sie öffnete sich vor ihm. Wahrscheinlich war sie noch nicht darauf programmiert, ihn in der Wohnung zu lassen. Besitzer achteten normalerweise darauf. Krischan hatte jedoch noch nicht die Möglichkeit gehabt. Aber das gab Shkarr andererseits die Gelegenheit, einfach ein wenig die Umgebung abzusuchen. Shkarrs Fell sträubte sich. Sollte er es wirklich wagen und dabei riskieren, erneut aufgegriffen zu werden? Shkarr trat auf der Stelle. Eigentlich konnte ihm nichts passieren, solange er niemanden angriff und bei dem Wetter würde ihn auch niemand sehen. Die Menschen blieben in ihren Häusern und lediglich das dunkle Gesindel trieb sich in den Schatten herum, um ihren noch dunkleren Geschäften nachzugehen. Shkarr hatte von den Gedanken solcher Menschen gekostet und es hatte ihn gewundert, aber im Zusammenhang mit Krischan bereitete ihm das Wissen darum weiteres Unbehagen. Shkarr schob vehement die Gedanken an Risiko und mögliche Konsequenzen beiseite. Wenn Krischan nicht bald zurückkam, hatten sie beide erhebliche Schwierigkeiten. Der eine etwas früher als der andere. Doch das waren unwichtige Details.

Shkarr schlug die Krallen in den Teppich. Ein Risiko blieb immer, bestätigte er sich selbst.

Ruckartig setzte er sich in Bewegung und ging durch die Tür. Kaum hatte er sie hinter sich gelassen, drehte er sich um und sah, wie sie sich wieder schloss. So wie er es schon vermutet hatte, öffnete sie sich nicht mehr vor ihm, als er ein Stück zurückging, um von einem eventuell vorhandenen Bio-Scanner oder einer Lichtschranke erfasst zu werden. Raus kam jeder, hinein nur derjenige, der sich ausweisen konnte.

‚Also los!‘, ermutigte er sich selbst. Lautlos sprang er die Treppen hinab. Den Aufzug vermochte er nicht zu bedienen, da er dafür in der Art der Menschen hätte kommunizieren müssen. Niemand kam ihm entgegen, somit konnte er ungesehen in die noch aufgewühlte Nacht entschwinden.

Kalter Wind spielte mit seinem Fell und er spürte den nassen, kalten Asphalt unter seinen Pfoten. Geräuschlos glitt er von Schatten zu Schatten, drückte sich in den Ecken, um dann die Straße entlang zu laufen, bis er in der nächsten Ecke Deckung suchen konnte. Aufregung hatte sich seiner bemächtigt und uralte, schlecht verschüttete Instinkte wurden in ihm geweckt. Er nahm Witterung auf.

Der Regen hatte fast ganze Arbeit geleistet, aber eine schwache Spur konnte er hier und da noch immer ausmachen. Unbemerkt schlich er sich an vereinzelten Menschen vorbei, die seinen Weg kreuzten. Shkarr wollte niemanden auf sich aufmerksam machen. Wenn er von den Menschen absah, hatte Shkarr der Eindruck, dass die Straße sein eigentliches zu Hause war. Doch die wenigen Menschen machten ihm auch Sorgen. Ihr Geruch und ihre Kleidung entsprach dem Geruch und dem Aussehen der vielen dunklen, schlecht beleuchteten Orten der Stadt, die nichts gemein hatten mit dem, wie Krischan wirkte und wie dieser roch. Sie ähnelten mehr dem Säufer, den er beinahe getötet hatte. Aus Erfahrung und schlechter Erinnerung machte er vor allen Dingen um solche Menschen einen großen Bogen, mied auf das Peinlichste ihren Weg. Alkohol, das Gift der Menschen, machte sie unberechenbar. Shkarr machte sich mehr und mehr Sorgen. Wenn Krischan nun auch getrunken hatte, weil er ihn erschreckt hatte?

Immer tiefer führte ihn die schwache Spur in die Stadt und einige Male befürchtete er, sie verloren zu haben. Plötzlich erschauerte er und wusste, sein Ziel war nicht mehr weit. Shkarr lauschte den Geräuschen, die zu ihm drangen. Es brauchte einige Momente, bis er begriff, was er hörte. Mit einem Fauchen sprang hoch und es war, als würde Strom durch seine Muskeln fließen. Shkarr glaubte noch einen weiteren Schrei zu hören und die Stimme kam ihm nur allzu bekannt vor.

Geduckt näherte er sich der Quelle und er wurde in seinem Verdacht bestätigt. Krischan lag auf dem Boden, während zwei finstere Gestalten seine Kleider durchsuchten. Schnell wechselten Mantel und Schuhe ihren Besitzer. Ein Messer blitzte auf und Shkarr sah sich genötigt, einzugreifen. Gezielt schnippte er eine Dose scheppernd vor die Füße der Penner. Die Männer drehten sich erschrocken um und starrten in die undurchdringliche Finsternis.

Natürlich! Die Menschen vermochten kaum etwas im Dunkeln zu erkennen, erinnerte Shkarr sich und konnte dabei seine Verachtung kaum im Zaum halten. Langsam, Schritt für Schritt näherte er sich den Wartenden, die ängstlich ihr Gewicht von einem Bein auf das andere verlagerten.

Als sie ihn endlich erkannten, entspannten sie sich sichtlich und richteten sich selbstsicher auf.

„Nur eines dieser neumodischen Haustiere. Ein Kanarra, oder so, glaube ich!“, lautete die gemurmelte Entwarnung des einen.

Shkarr war beleidigt. Jeden Muskel anspannend, lehnte er sich zurück und schnellte wie von einer Feder beschleunigt nach vorn.

Entsetzen verzerrte die Gesichter der Männer einen Bruchteil einer Sekunde später. Im nächsten Moment fanden sie sich unter den bedrohlich langen Krallen der riesigen Katze wieder, deren dazugehörige Pfoten sie unerbittlich zu Boden drückten. Warnend verstärkte Shkarr den Druck auf den Brustkorb der beiden und zwang sie flach zu atmen. Ungläubige Panik stand in den weit aufgerissenen Augen.

Soviel also zu diesen neumodischen Haustieren, die man nicht ernst nehmen musste, dachte Shkarr nicht ohne Befriedigung.

Mit einem Sprung zurück ließ er sie frei. Der Größere von beiden tastete nach seinem Messer, das ihm während des Sturzes entfallen war, und mit dem er Krischan bedroht hatte. Ein dumpfes Grollen der grauen Katze ließ ihn jedoch mitten in der Bewegung innehalten. Shkarr ging noch ein wenig zurück und machte damit deutlich, dass die beiden Männer verschwinden sollten, und ein weiteres Grollen stellte klar, dass sie solch eine Gelegenheit nicht wieder bekommen würden, sollten sie sie nicht jetzt wahrnehmen.

Die beiden Männer verstanden und suchten angsterfüllt das Weite. Shkarr schnupperte ihnen neugierig hinterher, dann widmete er sich Krischan. Der lag reglos im Rinnstein. Blut verklebte seine Haare und eine große Beule zierte seine Stirn. Ganz offensichtlich hatte Shkarr seinen neuen Besitzer im letzten Augenblick gefunden. Vorsichtig stupste Shkarr den Menschen an und hoffte inbrünstig auf irgendeine eine Reaktion. Er wusste nicht, ob die Männer eventuell mit Verstärkung wiederkommen würden und daher drängte es ihn zur Eile.

‚Komm schon Krischan. Wach auf!‘ Sanft kitzelten die Barthaare über die Beule und riefen endlich eine Antwort auf seine Bemühungen hervor. Der Mensch bewegte sich. ‚Krischan‘, rief Shkarr erneut, sich wohl bewusst, dass der ihn unmöglich verstehen konnte.

„Was willst du?“, kam es leise unter den schmutzigen Strähnen hervor. „Das tut weh!“

Shkarr hielt inne. Hatte ihn der Mensch etwa doch verstanden? Für eine Sekunde setzte sein Herzschlag aus. Er wagte es nicht, daran zu glauben. Sicher hatte er sich getäuscht, doch nur nochmaliges Ausprobieren brachte die Gewissheit.

‚Wir müssen hier fort, Krischan. Komm, steh auf!‘, befahl er und hoffte, dass Krischan ihn auch wirklich verstand. Als der ihm stöhnend auswich, konnte Shkarr seine Aufregung nur mit Mühe unterdrücken.

„Ah, hör auf!“, flehte Krischan. Vollkommen verwirrt versuchte er, sich zu orientieren. Er sah nur schemenhaft seine Umgebung und jemand schien ihm seinen Kopf spalten zu wollen.

‚Womit soll ich aufhören?‘

Krischan zitterte und rutschte in sich zusammen. „Mein Kopf, du tust mir weh“, flüsterte er kraftlos.