Shoganai - Frank U. Möser - E-Book

Shoganai E-Book

Frank U. Möser

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Beschreibung

Shoganai oder Der Deal meines Lebens 9. Januar 1979, ein schwarzer Tag für Marco Welter. Nach langen Verhandlungen zwischen Tokyo und Düsseldorf droht der bis dahin größte Deal seines Lebens in letzter Sekunde zu platzen. Die Japaner schicken aus heiterem Himmel per Telex ein Storno für eine Maschinenanlage im Wert von 4,5 Millionen D-Mark, die bereits per Schiff auf dem Weg nach Yokohama ist. Das Ende seiner kleinen Firma mit dem großen Namen TransGlobal vor Augen, fackelt Marco nicht lange und fliegt nach Japan, um zu retten, was zu retten ist. Aber das Land der aufgehenden Sonne empfängt ihn mit Sprachschwierigkeiten, kulturellen Differenzen und einem Geschäftsgebaren, das Europäern gänzlich fremd ist. In kürzester Zeit muss Marco Welter alles riskieren und den Tanz auf der Rasierklinge über tiefen Fettnäpfchen wagen. Im Schnelldurchgang lernt er, welche Strategien wichtig sind, um als Gaijin in Japan Geschäfte zu machen. Dabei greift er nach jedem Essstäbchen, das man ihm hinhält, denn Verlieren war für Marco noch nie eine Option.

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Seitenzahl: 617

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Für Miye, die als wegweisende Begleiterin geduldig und kritisch immer dabei ist.

Wenn Du verstehst, dass andere anders sind als Du, dann fängst Du an, weise zu werden.

Zenmeister Dogen Zenji, Kloster Eihei-ji, 13. Jh.

Inhaltsverzeichnis

25. Februar 2024, Düsseldorf

Dienstag, 9. Januar 1979, Düsseldorf

Mittwoch, 10. Januar 1979, Düsseldorf/Tokyo

Donnerstag, 11. Januar 1979, Tokyo

Freitag, 12. Januar 1979, Tokyo

Samstag, 13. Januar 1979, Tokyo

Sonntag, 14. Januar 1979, Tokyo

Montag, 15. Januar 1979, Tokyo/Düsseldorf

Dienstag, 16. Januar 1979, Düsseldorf

Mittwoch, 17. Januar 1979, Düsseldorf

Donnerstag, 18. Januar 1979, Düsseldorf

Freitag, 19. Januar 1979, Düsseldorf

Samstag, 20. Januar 1979, Düsseldorf

Sonntag, 21. Januar, 1979 Düsseldorf

Montag, 22. Januar 1979, Düsseldorf/Tokyo

Dienstag, 23. Januar 1979, Tokyo

Mittwoch, 24. Januar 1979, Tokyo

Donnerstag, 25. Januar 1979, Tokyo

Freitag, 26. Januar 1979, Tokyo

Samstag, 27. Januar 1979, Yokohama

Sonntag, 28. Januar 1979, Tokyo

Montag, 29. Januar 1979, Tokyo

Dienstag, 30. Januar 1979, Tokyo/Düsseldorf

Mittwoch, 31.Januar 1979, Düsseldorf

Donnerstag, 1. Februar 1979, Düsseldorf

Freitag, 2. Februar 1979, Düsseldorf

Samstag, 3. Februar 1979, Düsseldorf

Sonntag, 4. Februar 1979, Düsseldorf

Montag, 5. Februar 1979, Düsseldorf

Dienstag, 6. Februar 1979, Düsseldorf

Mittwoch, 7. Februar 1979, Düsseldorf

Donnerstag, 8. Februar 1979, Düsseldorf

Freitag, 9. Februar 1979, Düsseldorf

Samstag, 10. Februar 1979, Düsseldorf

Sonntag, 11. Februar 1979, Düsseldorf

Montag, 12. Februar 1979, Düsseldorf

Dienstag, 13. Februar 1979, Düsseldorf

Mittwoch, 14. Februar 1979, Düsseldorf

Donnerstag, 15. Februar 1979, Düsseldorf

Freitag, 16. Februar 1979, Düsseldorf

Samstag, 17. Februar 1979, Düsseldorf

Sonntag, 18. Februar 1979, Düsseldorf

Montag, 19. Februar 1979, Düsseldorf/Paris

Dienstag, 20. Februar 1979, Paris

Mittwoch, 21. Februar 1979, Paris/Düsseldorf

Donnerstag, 22. Februar 1979, Düsseldorf/Tokyo

Freitag, 23. Februar 1979, Tokyo

Samstag, 24. Februar 1979, Tokyo

Sonntag, 25. Februar 1979, Tokyo/Yokohama

Freitag, 25. Oktober 1980, Düsseldorf

Glossar

Danksagung

25. Februar 2024, Düsseldorf

Wenn ich heute die ganze Geschichte noch einmal aufrollen könnte: Wäre ich auf Japan besser vorbereitet gewesen, hätte ich zuvor Bücher gelesen, Informationen gesammelt über Geografie, Geschichte, Religion, Essen und kulturelle Gepflogenheiten.

Dann hätte ich gewusst, dass Japaner hochgebildet und meistens sehr gut informiert sind. Dass nicht nur ihre Schrift und Sprache, sondern vor allem ihr Common Sense und ihre Logik kompliziert und im Vergleich zu unserer Art zu denken von ganz eigener Wesensart sind. Ich hätte gewusst, dass mir mein Erkenntnisstand über andere Länder nicht viel nutzt, denn Japan ist nicht irgendein anderes Land, es ist einfach Japan.

Dienstag, 9. Januar 1979, Düsseldorf

Mir war längst klar, dass ich an diesem Tag zu spät ins Büro kommen würde, denn der Herrenschneider, bei dem ich zur Anprobe für meinen Hochzeitsanzug vor dem Spiegel stand, hatte einen langen Atem, wenn es darum ging, am Stoff herumzuzupfen, mit Nadeln zu hantieren und mich in alle Richtungen zu drehen, um dann festzustellen, dass die Jacke in den Schultern immer noch nicht saß.

Ich betrachtete mein Spiegelbild im mittelgrauen Cutaway samt Zylinder auf dem Kopf und kam mir seltsam fremd vor, wie ein Zirkusdirektor oder ein Zauberer, der sogleich eine Taube aus seinem Hut holen würde. Aber was tat man nicht alles für die Hochzeit des Jahres? Die zukünftige Frau Welter will ihren Prinzen im Cutaway – dann bekommt sie ihn im Cutaway.

Ich ließ die Prozedur über mich ergehen, und der Schneider versprach, dass alles rechtzeitig fertig werden würde. Hätte mich auch gewundert, denn bis zum Sommer war es noch lang hin, in der Zeit könnte er glatt noch zehn Versuche starten, die Ärmel gut aussehen zu lassen. Vielleicht könnte ich mich bis dahin auch an meinen Anblick in diesem Aufzug gewöhnen. Die Vorstellung, ihn nur einmal im Leben tragen zu müssen, beruhigte meine Nerven nicht wesentlich.

Nach dieser wenig befriedigenden Anprobe und der Aussicht auf weitere, lief ich in dichtem Schneetreiben zum Café Buschmann, trank eine Tasse Kaffee und überlegte, ob ich an diesem Tag mit den Amerikanern noch zu Potte kommen könnte. Technologietransfer und Lizenzvergaben über so viele Ländergrenzen hinweg sind ein heikles Unterfangen. Aber man verdient eine Menge Geld damit. Ich zahlte und ging zum Büro, wo ich von meinen Lieblingsgeräuschen empfangen wurde: tickernde Telexmaschinen, ratternde Schreibmaschinen, das Gurgeln der Kaffeemaschine und das dezente Klingeln von Telefonen. Ich begrüßte Irene und Anne, unsere Sekretärinnen, und schaute kurz bei Karl, meinem Kompagnon, rein, der telefonierte und mir nur kurz zuwinkte. Irene kam aus dem Sekretariat und sagte: „Na, sitzt er endlich?“

„Zylinder und Schuhe ja, aber der Rest noch lange nicht. Der Schneider ist jedoch guten Mutes.“

„Das will ich ihm auch geraten haben.“ Sie drückte mir einen Aktenordner in die Hand. „Detroit hat sich gemeldet. Sie wollen den Vertragsentwurf auf einmal ganz schnell.“

„Dann wollen wir mal.“

Ich nahm den Ordner und ging in mein Büro, um Detroit glücklich zu machen. Nach einer Stunde des Formulierens war ich hochzufrieden mit mir und der Welt, als Irene, entgegen ihrer sonst ruhigen Art hereingestürmt kam und mit einer Telexfahne wedelte: „Alarm! Alarm!“ Zu ihrer Unterstützung hatte sie Anne im Schlepptau. Im Krisenmodus traten unsere Sekretärinnen immer im Doppelpack auf.

„Was gibt’s?“

„Das hier“, sagte Irene und legte das Telex mit spitzen Fingern auf meinen Schreibtisch. Während ich es kurz überflog, guckten mich die beiden mit angehaltenem Atem an, als erwarteten sie in der nächsten Sekunde eine Explosion. Damit lagen sie nicht so falsch, denn mit jeder Zeile legte mein Puls einen Zahn zu. Weil ich kaum glauben konnte, was ich da las, las ich es noch mal. Aber der Inhalt der Nachricht blieb derselbe.

„Wann ist das gekommen?“, fragte ich und hoffte, dass Irene und Anne meine zitternden Finger nicht bemerkten.

„Gerade eben. Kennung 9. Januar 1979, 11.22 Uhr. Sie haben doch mit Eberhardter letzten Freitag telefoniert. Da war alles noch in Ordnung.“

„Anne, ist Karl noch da, der wollte doch …?“

„Ich glaube, er ist gerade raus“, sagte sie, riss im nächsten Augenblick das Fenster auf und beugte sich gefährlich weit hinaus. „Ah, da ist er noch … Herr Schumann … Herr Schumann …! Wir brauchen Sie hier oben, dringend!“

Ich konnte nicht verstehen, was er antwortete, aber Annes Blick sprach Bände, wieder mal tränenumflort. Irene beugte sich ebenfalls hinaus und rief: „Es geht um Leben und Tod!“ Sie schloss das Fenster. „Er kommt.“

„Danke“, flüsterte Anne.

Zwei Minuten später stand Karl in meinem Büro, paffte seine Pfeife und schüttelte sich den Schnee aus dem Schal. „Wehe, Leute, ich verpasse nachher den Umtausch der Weihnachtsgeschenke mit meinen Söhnen.“

„Wir werden alle was verpassen, mein Lieber. Und jetzt die schlechte Nachricht: Lies mal.“ Ich schob ihm das Telex hin.

Dass sich sein Blutdruck erhöhte, sah ich daran, dass die Rauchwolken aus seiner Pfeife einen flotteren Rhythmus bekamen. Endlich nahm er sie aus dem Mund und sagte: „Was soll das heißen? … muss ich Ihnen mitteilen, dass die Bestellung von Masuhara Sangyo, Tokyo, ohne jegliche Begründung gestern, Montag den 8. Januar 1979, via Telex zurückgerufen wurde … Bla, bla… Ihre Provisionsrechnung über zweihunderteinundzwanzigtausend Mark ist somit gegenstandslos. Wir behalten uns weitere juristische Schritte gegen Ihre Firma vor. Eberhardter … Was?!“

Die Luft im Raum hätte man in Scheiben geschnitten raustragen können. Irgendjemand musste jetzt irgendetwas sagen, bevorzugt etwas Konstruktives. Durch die eingetretene Stille verstärkte sich das Nageln der schweren Dieselmotoren und das Tatütata der vorbeifahrenden Feuerwehrwagen, das von draußen hereindrang. Blaulicht malte Kringel an die Decke des Büros. Und mitten in meine Gedanken an die Konsequenzen dieser Schreckensnachricht, flüsterte Anne: „Oh, da ist bestimmt was Furchtbares passiert.“

„Wir machen erst mal Kaffee“, sagte Irene und zog Anne mit ins Sekretariat.

Na, das war doch schon mal was, obwohl mir in dem Augenblick ein Schnaps lieber gewesen wäre.

„Karl, ich rufe den Eberhardter sofort an. Masuhara kann doch die Bestellung nicht einfach stornieren, und dann noch so spät. Wir sind im Verschiffungsmodus. Mehr fällt mir im Augenblick auch nicht ein.“

Karl kaute auf seinem Pfeifenstiel und nuschelte: „Polo, das Problem ist, dass wir ursprünglich den Auftrag von Masuhara erhalten und danach an Eberhardter einfach weitergeleitet haben. Die haben dann mit den Japanern die weiteren Details direkt vereinbart. Nachdem wir über ein Jahr um den Auftrag gerungen haben, dachten wir, wir wären da raus und könnten uns die Provision von Eberhardter so einfach einstreichen. Jetzt storniert Masuhara direkt bei Eberhardter, obwohl wir de facto ihre Auftragnehmer sind.“

„Will was heißen, Herr Jurist?“

„Das ist ein Mix aus Zuständigkeiten, den wir hätten vermeiden müssen. Wir waren zu enthusiastisch bei unserem ersten Japan-Auftrag. Das meint Eberhardter, wenn er uns mit juristischen Schritten droht. Im schlimmsten Fall müssen wir ihm die Anlage bezahlen. Das ist eine Sonderanfertigung, die er an keinen anderen Kunden weiterverkaufen kann. Und das, Polo, heißt für uns: Wir werden unglückliche Besitzer einer Hochgeschwindigkeitsstanzanlage für die japanische Autoindustrie sein - und … pleite.“

Das Wort Pleite kam in meinem Sprachgebrauch eigentlich nicht vor. Aber nun hatte Karl das böse Wort ausgesprochen. Es hing wie der berühmte Elefant im Raum und blähte sich sekündlich auf ... Fünf Jahre Aufbau unserer TransGlobal Services-Plattform, aufgestiegen zum Wegbereiter der Internationalisierung deutscher Firmen mit Kundenstamm des deutschen Who’s Who. Das alles soll durch das Storno eines einzigen Auftrags vernichtet werden? Viereinhalb Millionen D-Mark, das würde uns definitiv umbringen. Mich hielt es nicht mehr auf dem Stuhl, ich musste durchs Büro tigern, sonst würde mein Kopf platzen.

„Karl, wer hat da nicht aufgepasst? Waren wir das, oder Eberhardter?“

„Ich würde sagen fifty-fifty. Lass uns erst mal in Ruhe überlegen, bevor du es noch schlimmer machst.“ Karl stopfte seine Pfeife neu, während ich die Bombe ticken hörte. Aber er war erst bereit weiterzusprechen, als wieder Wölkchen an die Bürodecke stiegen. Seine Art würde mich eines Tages noch um den Verstand bringen.

„Und? Hast du jetzt lange genug überlegt?“

„Gemach, gemach …“

„Wir müssen sofort handeln, sonst kriegen wir die Karre nie aus dem Dreck.“ Schon hatte ich den Telefonhörer in der Hand. „Irene, bitte Eberhardter auf meine Leitung.“

„Verbinde …“

Ich schob Karl den separaten Hörer über den Tisch, damit er mithören konnte.

„Ah, Herr Welter, Sie haben mein Telex bekommen. Da haben Sie mir ja schön was eingebrockt. Die Verschläge mit der Anlage stehen beim Spediteur im Hamburger Hafen und werden heute Nacht noch verladen. Wie Sie ja wissen, sind wir Ihrem Auftrag gefolgt und liefern deshalb ohne Akkreditiv gegen offene Rechnung. Wir haben zwar schon zwanzig Prozent Anzahlung bei Auftragserteilung und fünfzig bei Fertigstellung erhalten, aber die wird Masuhara von uns zurückfordern. Außerdem fehlen uns jetzt die vereinbarten dreißig Prozent bei Lieferung. Laut Vertrag sind Sie mein Auftraggeber. Schaffen Sie die Kuh umgehend vom Eis, in Ihrem eigenen Interesse.“

„Herr Eberhardter, Sie hören von uns.“ Ich legte auf. Mir zitterten die Hände.

„Das war eine schnelle Rasur“, sagte Karl.

Mir entfuhr nur noch ein schwaches „Pffft.“

Irene und Anne hatten sich während des Anrufs mit Kaffee und Tassen ins Büro geschlichen und standen nun vor meinem Schreibtisch, als erwarteten sie Befehle, die uns aus der Bredouille helfen könnten. Unser Desaster war auch ihr Desaster.

„Wie spät ist es?“, fragte ich.

„Kurz nach zwölf. In Tokyo ist es schon Abend“, sagte Irene.

„Machen Sie mir eine Verbindung mit der Schildkröte und bringen Sie mir Kekse oder irgendwas Süßes, bitte.“

„Wie kannst du jetzt an Kekse denken, Polo?“

„Ich brauche Kohlenhydrate.“

Karl blies die Backen auf.

„Ja, du hast deine Pfeife, ich meine Kekse. Und wenn ich mit der Schildkröte sprechen muss, brauch ich umso mehr Nervennahrung.“

Besagte Schildkröte hieß eigentlich Ono und war seit drei Jahren unser Korrespondent in Japan. Er hatte den Kontakt zu Masuhara Sangyo in Tokyo, hergestellt und uns bei den Verhandlungen unterstützt, deren untertouriges Tempo ich seinerzeit schon kaum ausgehalten hatte.

„Ich rede mit ihm, er soll mit Masuhara sprechen und rausfinden, warum die plötzlich stornieren. Was fällt denen eigentlich ein?“

Karl nickte und schickte weitere Wölkchen in den Raum. „Gute Idee. Die Expertise von ihm war einwandfrei. Seriöse Firma, Automobilbranche, sechshundert Mitarbeiter. Wir hatten keinen Grund, ihm dahingehend nicht zu vertrauen. Vielleicht war das leichtsinnig. Oder naiv. Oder beides.“

Irene kam zurück, stellte eine große Keksdose auf meinen Tisch und sagte: „Bei Ono meldet sich niemand.“

„Dann schicken Sie ihm ein Telex, er soll mich zu jeder Tages- und Nachtzeit dringend zurückrufen. Geben Sie ihm auch meine private Telefonnummer. Schreiben Sie dazu, dass Masuhara storniert hat und uns der Arsch auf Grundeis geht.“

„Genau so?“, fragte sie.

„Ja, oder so ähnlich.“

Irene rauschte hinaus. Karl legte seine Pfeife in den Aschenbecher und nahm sich einen Keks. „Lass uns doch erst einmal die Situation in Ruhe überdenken. Auf jeden Fall dürfen wir uns von Eberhardter nicht unter Druck setzen lassen. Es gibt für alles eine Lösung.“

„Das sehe ich genauso, bis auf den Teil mit in Ruhe überdenken. Ich werde sofort nach Japan fliegen und ordentlich Dampf machen.“

„Ich hab’s befürchtet.“

„Nimm dir erst mal einen Keks, vielleicht wird’s dann besser.“

Er schob mir die Dose hin. „Nimm du lieber einen.“

„Irene“, rief ich ins Sekretariat „wann geht der nächste Flug nach Tokyo? Rufen Sie im Reisebüro an, Hansen soll uns die schnellste Verbindung raussuchen, es eilt. Ich brauche auch ein Hotel in Tokyo.“

Karl schüttelte den Kopf. „Du machst das wirklich …“

„Wolltest du dich nicht mit deinen Zwillingen zum Geschenkeumtausch in der Stadt treffen?“

„Oh, ja, ich muss jetzt erst mal meine Frau anrufen, vielleicht geht sie mit den Jungs. Ich geh nirgendwohin, Polo. Siebzehn Mann auf des toten Kerls Kiste.“

Wie recht er hatte. Die Pest hatten wir schon an Bord, fehlte nur noch der Rum.

Während wir auf eine Antwort aus Tokyo warteten, zogen sich die Stunden wie Kaugummi. Irene und Anne sorgten für mehr ungesunde Verpflegung, Karl für Rauchschwaden, während er in seinem Büro Gesetzestexte auf der Suche nach einem Schlupfloch wälzte. Im Sekretariat dudelte leise das Radio. Und ich brütete vor mich hin und krümelte den Schreibtisch voll. Viereinhalb Millionen Deutsche Mark! Wenn dieser Deal sich in Luft auflöst, kriegen wir nie wieder ein Bein auf die Erde, dachte ich. Bestenfalls würde ich danach eine Karriere als Schiffschaukelbremser am anderen Ende der Welt anstreben können. Besser, Masuhara nimmt das Storno zurück. Aber um ihn dahin zu bringen, müssten wir erst mal wissen, worum es überhaupt geht, und wie es zu dieser Situation gekommen ist. Und dafür brauchen wir die Schildkröte.

Mitten in meine schwarzen Gedanken kamen Irene und Anne in mein Büro gestürzt.

„Telex“, rief Irene.

Karl tauchte hinter den beiden auf. „Von Ono?“

„Ja.“

„Geben Sie mal her“, sagte Karl und nahm Irene den Telexstreifen aus der Hand. „Ich weiß nichts von Stornierung. Mache Nachfrage. Wait a while.“

„Wait a while?! Ja, wie lange soll ich warten, und auf was, Karl, auf was?“

„Lass ihn doch erst mal machen, es ist Nacht in Tokyo. Die Nachricht scheint ihn ja auch völlig kalt erwischt zu haben.“

„Wozu haben wir ihn denn? Dass der das nicht mitgekriegt hat! Der ist doch vor Ort.“

„Stimmt. Er hätte den Braten riechen müssen, wenn er mit Masuhara in Kontakt wäre.“

„Irene!“

„Ich stehe vor Ihnen, Chef.“

„Ah, ja … Wann?“

„Hansen ist dran. Er braucht mehr Zeit. Immerhin wollen Sie die schnellste Route und nicht die landschaftlich schönste, oder?“

Bei braucht mehr Zeit sträubten sich mir die Nackenhaare. „Mensch, hat sich denn heute alles verschworen? Machen Sie ihm Dampf. Oder soll ich mal mit ihm sprechen?“

„Lieber nicht.“

„Ich warte jetzt noch eine halbe Stunde, Irene, dann ruf ich ihn selbst an.“

Sie wedelte die Kekskrümel von meinem Schreibtisch, und wie auf Kommando stellte Anne mir den zwanzigsten Kaffee hin. „Wir gehen dann mal wieder“, sagte sie.

„Treten Sie Hansen auf die Füße.“

„Tout de suite“, trällerte Irene.

Kaum war ich mit den Schokokeksen mit Kokosraspeln durch und wollte mich eben denen mit Marmeladenfüllung widmen, als Irene wieder angesaust kam und verkündete: „Morgen 7.10 Uhr, mit Lufthansa von Düsseldorf nach Hamburg, dann über Anchorage nach Haneda/Tokyo mit Japan Airlines. Hansen muss aber noch die Tickets ausstellen lassen.“

„Hervorragend. Schicken Sie bitte eine Nachricht an Ono, dass ich auf dem Weg bin. Er soll mich am Flughafen treffen. Kann Anne die Tickets abholen?“

„Du bist irre“, sagte Karl. „Und was wird das kosten?“ „Viertausendvierhundert. Nur der Flug“, sagte Irene.

„Du bist definitiv verrückt, Polo. Kannst du nicht mal einen Moment abwarten?“

Irene zuckte die Schultern und sagte im Hinausgehen. „Anne ist schon auf dem Weg zum Reisebüro.“

„Danke, Irene.“

Ich bot Karl eine Hälfte des letzten Kekses an und sagte: „Vielleicht solltest du mitkommen.“

„Nee. Einer muss hier die Stellung halten. Vielleicht meldet sich Ono doch noch mal. Ich bleibe über Nacht hier.“

„Wenn schon die Amis seit ein paar Tagen mit den Chinesen wieder diplomatische Beziehungen aufgenommen haben, dann werde ich doch wohl auch mit den Japanern klarkommen können, oder?“

„Da ging aber eine jahrelange Eiszeit voraus. So lange können wir nicht warten.“

„Gut. Dann rufen wir Eberhardter noch mal an.“

Gesagt, getan, beim ersten Klingelton hatte ich ihn schon in der Leitung. „Herr Welter, ich hoffe, Sie haben gute Nachrichten.“

„Noch nicht, Herr Eberhardter. Ich werde das Problem vor Ort angehen.“

„Sie fliegen nach Japan?!“

„Natürlich. Wir kümmern uns.“

Karl übernahm den Hörer und schaltete sich ins Gespräch ein. „Wenn Sie uns eventuell mehr Zeit verschaffen könnten, indem Sie die Verschiffung vorläufig stoppen?“

Wir konnten förmlich durch den Lautsprecher hören, wie Eberhardters Gehirn arbeitete, bis er endlich sagte: „Na gut. Ich werde es versuchen. Viel Glück bei den Japsen. Ich wusste gleich, dass das …“

„Ich melde mich, Herr Eberhardter. Bis dann.“ Karl legte auf, bevor Eberhardter sich in Rage reden konnte. Seine Hand zückte wieder zur Keksdose, aber die war leer. Also stopfte er die nächste Pfeife und sagte: „Bisschen stürmisch grad, nicht wahr?“

„Deine Ruhe möcht ich haben.“

„Pleite ist auch nur ein Wort, Polo. Wo man reinkommt, kommt man auch wieder raus. Das hat schon dein reisender Namensvetter gewusst.“

„Ja, fragt sich nur, wie man hinterher dasteht.“

„Unter Umständen etwas lädiert, aber aufrecht. Darauf kommt’s an.“

„Ich wäre lieber nicht lädiert und pleite schon gar nicht.“

„Wir werden sehen. Das ist doch nicht unsere erste Krise.“

„Weiß ich, aber die Erste, die sehr, sehr weit weg ist.“

„Nomen est Omen. Wenn wir TransGlobal sind, dann sind es auch unsere Krisen – logischerweise.“

Ich hätte meinem Freund an die Gurgel gehen können. Dass es nicht so weit kam, war Anne zu verdanken, die vom Reisebüro zurück war und mir die Tickets auf den Tisch legte. „War doch tatsächlich ein schwerer Verkehrsunfall vor dem Schauspielhaus. Da sind mehrere Autos auf Glatteis ineinander gerutscht. Die Feuerwehr scheint aber alles unter Kontrolle zu haben.“

Ich hörte gar nicht hin, stopfte alles in meinen Aktenkoffer und nahm Jackett, Schal und Mantel von der Garderobe. „Ich geh dann mal packen, Leute.“

„Gute Reise, Chef“, sagte Irene. „Nehmen Sie sich einen Pullover mit, in Japan ist jetzt auch Winter.“ Sie drückte mir einen Polyglott für Tokyo in die Hand. „Mit besten Empfehlungen von Herrn Hansen. Kann ja nicht schaden.“

„Danke.“

„Passen Sie auf sich auf“, sagte Anne. „Was man so hört, soll in Japan ja alles anders sein, besonders das Essen. Und gestern haben sie im Radio gesagt, dass Tokyo vor einem riesigen Erdbeben steht. Die Vögel am Fujiyama singen nicht mehr, ein böses Omen.“ Aus ihr sprach Düsseldorfs Kassandra und die Verfechterin deutscher Hausmannskost. Wenn es nach ihr ginge, könnte man alle Krankheiten dieser Welt mit einem rheinischen Sauerbraten heilen.

„Mach ich, Anne. Ein paar Reisröllchen werden mich nicht umbringen.“

„Und benimm dich nicht wie ein Berserker“, sagte Karl.

Natürlich nicht, mein Freund, dachte ich, ich werde wie ein Samurai alles elegant niedermetzeln, was sich mir in den Weg stellt.

Kaum hatte ich zu Hause den Koffer aus dem Schrank geholt und aufgeklappt, klingelte in der Diele das Telefon. In Erwartung von Neuigkeiten aus dem Büro ging ich ran.

„Ich habe schon zigmal versucht, dich zu erreichen. Sogar im Büro war es immer besetzt.“

Ich musste einen Augenblick darüber nachdenken, wer da sprach. Aber endlich fiel der Groschen, und ich sagte: „Das liegt daran, dass grad die Hütte brennt, mein Schatz.“

„Tut sie das mal irgendwann nicht?“

„Nun, ja … Kathrin, nein … nur diesmal. Aber gut, dass du anrufst.“ Ich klemmte mir den Telefonhörer zwischen Ohr und Schulter, nahm das Telefon, entwirrte die extra lange Schnur und ging ins Schlafzimmer.

„Natürlich ist es gut, dass ich anrufe. Ich möchte, dass morgen Abend nichts schiefgeht.“

Während ich den Schrank ausräumte und alle Kleidungsstücke auf mein Bett warf, arbeitete mein Gehirn auf Hochtouren, um herauszufinden, um was es morgen gehen sollte.

„Warum klingst du so seltsam, Polo? Ist irgendwas mit deinem Telefon?“

„Nein, ich packe. Ich hätte dich sowieso gleich angerufen. Morgen kann ich nicht.“ Was immer es auch sein mochte, hätte ich gerne gesagt, ließ es aber lieber sein.

„Marco! Das ist nicht dein Ernst. Weißt du überhaupt, was morgen alles auf dem Spiel steht?“

Ehrlich gesagt, nein, immer noch nicht. Aber sie nannte mich bei meinem richtigen Vornamen. Alarmstufe Rot. Ich kippte meine Aktentasche auf dem Bett aus und nahm den Kalender zur Hand. Und da stand es, mit rotem Filzstift für den morgigen Tag: HOCHZEITSPROBEESSEN, Breidenbacher Hof.

„Ja, aber du musst das Probeessen allein machen. Ich bin auf dem Weg nach Japan.“

Am anderen Ende der Leitung war es still.

„Kathrin? Bist du noch dran?“

„Das geht nicht. Papa kommt.“ Sie sprach das Wort immer französisch aus, mit lang gezogenem zweitem A. „Und meine Brautjungfern, sogar mein Patenonkel aus Paris wird anreisen. Wir haben das so lange in Voraus geplant, und jetzt sagst du mir …“

„Es geht nicht anders.“

„Das hast du doch schon vorher gewusst, erzähl mir jetzt bitte nicht …“

„Nein, habe ich nicht. Entschuldige mich bei Tisch und bei deinem Vater. In der Firma ist die Hölle los.“

Ich stand vor dem Bett und überlegte, welche Hemden mit welchen Pullovern zusammenpassen und ob ich lieber im Einreiher oder im Zweireiher in Tokyo aufschlagen sollte. Tragen Samurais Wollsocken? Ich entschied mich für Kammgarn in dezentem Hahnentritt, und für bessere Gelegenheiten nahm ich den Dunkelgrauen aus Italien. Nobel geht die Welt zugrunde.

„Hörst du mir überhaupt zu, Marco? Ich habe gesagt …“

„Kathrin, bitte. Ich vertraue dir. Du machst das schon. Ich esse alles, was du aussuchst. Ich heirate ja dich und nicht den Breidenbacher Hof. Und dein Onkel schreibt für den Guide Michelin, der wird dich gut beraten.“

Sekundenlang hörte ich nur Kathrins flachen Atem durch die Leitung. Das hieß, dass sie einen neuen Schlachtplan schmiedete. Und als sie sich wieder meldete, klang ihre Stimme gleich ganz anders. „Polo, kannst du es nicht aufschieben? Japan ist übermorgen auch immer noch da, wo es schon immer war.“

„Können wir nicht das Probeessen verschieben? Der Breidenbacher Hof ist sogar in einer Woche noch da, wo er schon immer war.“

„Auf gar keinen Fall. So kurz nach Neujahr gibt es keine Termine mehr. Es war nur Papa zu verdanken, dass das morgen klappt. Du kannst ihn doch nicht verprellen.“ Ein dezentes Schniefen kündigte Unheil an.

„Er wird das verstehen, er ist auch Geschäftsmann. Der weiß, dass es manchmal sehr plötzlich hoch her gehen kann.“

„Wie hoch?“

„Wenn ich das Problem nicht vor Ort klären kann, ist unsere Firma bankrott.“

„Wie bankrott?“

Ich hatte gar keine Ahnung, dass es mehrere Abstufungen von Bankrott geben könnte. „Na ja, bankrott eben, sehr bankrott, wie: kein Geld mehr, ruiniert, tot. Um das Schlimmste für uns aufzufangen, müsste ich die Wohnung verkaufen, die ich vor zwei Monaten für uns gekauft ...“

„Das wird Papa nicht gerne hören.“

Und ich wusste, wer das auch gerade nicht hören wollte. Aufgewachsen zwischen Internat und Zooviertel, waren die Worte kein Geld für Kathrin aus einer Welt, die nichts mit ihrem Leben zu tun hatte.

„Noch ist das Kind nicht in den Brunnen gefallen. Wenn ich wirklich die Wohnung wieder verkaufen muss, dann stehen wir ja nicht auf der Straße. Du hast ein Riesenappartement im Haus deiner Eltern, und meine hundert Quadratmeter in der Altstadt sind doch auch nicht ohne. Wir starten eben etwas bodenständiger ins Glück.“

„Du glaubst doch bitte nicht, dass ich mein Eheleben in einer Mietwohnung oder im Haus meiner Eltern beginne … und … und …, dass Papa mich mit einem Pleitier verheiraten wird. Und schon gar nicht wird er für die Hochzeit aufkommen, wenn er das erfährt.“

„Ich war immer dagegen, dass er das macht. Ich brauche so einen Pomp nicht. Und wenn du es ihm nicht sagst, wird er es nicht erfahren. Es wird keine Pleite geben, weil ich die Angelegenheit vor Ort klären werde.“

„Du verdirbst ihm den Spaß.“

Nein, meine Liebe, dachte ich, ich verderbe grad dir den Spaß, und das tut mir auch leid, aber ich kann es nicht ändern.

„Lass doch Karl das machen. Es geht schließlich um unsere Hochzeit. Polo!“

Ah, jetzt war ich wieder Polo.

„Kathrin, wir haben das heute so entschieden. Karl bleibt im Büro und hält die Fäden in der Hand, und ich gehe raus in die Welt und töte den Drachen. Wirst du mich bei deinem Vater entschuldigen?“

„Weiß ich noch nicht. Wenn ich das mache, wird das zur schlechten Angewohnheit. Ich werde zwar irgendwie und irgendwann auf einem Stück Papier stehen haben, dass ich eine Ehefrau bin, aber meinen Mann entschuldige ich überall und nirgends. Sogar unsere Kinder werden mich irgendwann fragen, wer der seltsame Mann ist, der da am Frühstückstisch sitzt, falls du jemals Zeit haben wirst, welche zu machen, weil es offenbar immer und überall brennt. Vermutlich sogar an unserem Hochzeitstag. Du musst auch mal Prioritäten setzen, Marco! Wenn dir deine Firma wichtiger ist als …“

„Kathrin, ich bitte dich! Ich war bislang überall dabei: Hochzeitstorte, Dekoration, Geschenkliste, Einladungskarten etc., etc., aber jetzt werde ich einmal nicht dabei sein.“

„Du liebst mich gar nicht.“

„Doch, das tue ich.“

„Papa war immer gegen die Hochzeit.“

„Weiß ich. Also, sei tapfer, such alles aus, was du willst.“

„Vielleicht such ich mir einen anderen Mann.“

„Sei nicht albern. Können wir nächste Woche darüber sprechen? Ich muss jetzt packen … und … meine Maschine geht in aller Herrgottsfrühe.“

„Mal sehen, wo ich nächste Woche bin. Vielleicht auf Safari in Afrika - mit meinem neuen Freund? Einen, der mich nicht vor allen blamiert und über dem nicht ständig der Pleitegeier kreist!?“

„Wusste gar nicht, dass du eine offene Beziehung anstrebst. Aber umso besser, dann kann ich ja ohne schlechtes Gewissen meine Zeit in Tokyo mit einer Geisha verbringen.“

Oh Gott, warum hatte ich das jetzt gesagt?

„Marco!“

Ich konnte direkt vor mir sehen, wie die ach so kühle Kathrin mit ihrem zarten Fuß den Parkettboden traktierte.

„Wieso? Gleiches Recht für alle. Du Safari mit Freund und ich Geisha.“

„So was sagt man nicht im Scherz.“

„Also hast du das ernst gemeint? Darf ich fragen, wie dein Neuer heißt? Ich meine, als Verlobtem steht mir das doch zu, oder?“

„Du bist so ein … ein …“

„Nein, bin ich nicht. Ich versuche unsere Zukunft zu retten.“ „Wie wäre es, wenn du anfangen würdest, unsere Hochzeit zu retten? Falls du verstehst, was ich dir damit sagen will. Und das meine ich wirklich ernst.“

Sie warf den Hörer auf die Gabel, dass es in meinen Ohren schepperte.

„Aua“, sagte ich und legte auf.

Das war eine nicht so schnelle Rasur, hätte Karl dazu gesagt. Kathrin und ihr Herr Papa! Seit er gemerkt hatte, dass ich nicht bereit war, bei Gregorius Farben & Lacke und in seinem Karnevalsverein in seine Fußstapfen zu treten, war er mir gegenüber merklich reservierter. Meine Unabhängigkeit war und würde mir immer heilig sein und ich würde beim ersten Gegenwind nicht bei Kathrins Vater unterkriechen. Wie oft hatte sie zu mir gesagt: „Wir könnten so ein schönes Leben führen. Wenn du nur mal einen kurzen Moment nachdenken würdest. Mein Vater wäre glücklich, ich wäre glücklich. Seine Firma zu übernehmen, da lecken sich andere die Finger nach.“

Und ich hatte jedes Mal geantwortet: „Ja, Kathrin, ich bin aber nicht die anderen.“ Und ich hätte auch sagen können‚ was soll ich mit Fabriken für Farben und Lacke mit Hang zu hässlichen Wandfarben und stinkenden Lösungsmitteln?

Apropos Farben - ich entschied, den dunkelblauen Pullover mitzunehmen, legte ihn in meinen Koffer und knallte den Deckel zu. So hatte ich mir den ersten Auftrag aus Japan und die Vorbereitung auf meine Hochzeit nicht vorgestellt. Alles verhext.

„Also Mr Welter, um es klipp und klar zu sagen, es gibt keinerlei Geschäftsbeziehung zwischen uns. Wir haben storniert und ich wüsste nicht, worüber wir weiter diskutieren sollten.“

Gerade als ich Masuhara an den Kopf werfen wollte, was für ein Idiot er ist, klingelte das Telefon und holte mich aus meinem Traum. Es war Karl – und auch noch munter wie eh und je.

„Hast du genügend Visitenkarten eingepackt?“

„Ist das die Lösung aller Probleme?“

„Nein. Setz die Leute von Masuhara unter Druck.“

„Mit Visitenkarten? Kann ich sonst noch was für dich tun?“

„Hör mir einfach zu: Stornierungen sind nach internationalen Regeln so nicht möglich. Und noch was: Eberhardter hat gerade angerufen. Keine Möglichkeit, die Verschiffung zu stoppen. Die sieben Container sind als erste verladen worden. Das Schiff verlässt in dreißig Minuten Hamburg.“

„Was?! Was kostet das?“

„Eberhardter hat FOB Hamburg geliefert. Alles Weitere wird von Masuhara bezahlt.“

„Dann sind wir ja aus dem Schneider.“

„Nee Marco, wenn Masuhara die Anlage nicht abnimmt, dann sind wir dran. Der Eberhardter wird uns da nicht helfen. Ich hab ihn gefragt was das kosten könnte.“

„Und?“

„Pro Container tausend bis fünfzehnhundert Dollar durch den Suez Kanal. Containerhubgebühr hundertzwanzig Mark pro Hub pro Container. Zolldeklaration und Versicherung für die Anlage und die Container, weiß nicht in welcher Höhe ...“

„Hör auf Karl. Ich werd grad wahnsinnig. Das kann doch in die Abertausende gehen.“

„Eben, es gibt nur einen Weg. Sieg. Das Schiff läuft ungefähr 47 Tage nach Yokohama, das ist die Zeit, die wir haben, um die Kuh vom Eis zur kriegen. Sag Masuhara, dass die Anlage längst auf See ist. Es gibt rechtlich gesehen kein Zurück. Am besten, du schreibst dir das auf.“

„Ich kann‘s mir auch so merken.“

„Vielleicht sollte doch lieber ich …“

„Ja, Karl. Das hat Kathrin auch gesagt.“

„Was hat die denn damit zu tun?“

„Sie ist verstimmt, weil ich morgen nicht zum Hochzeitsprobeessen erscheinen werde. Falls dir nach einer Zwölf-Gänge-Tafel ist, geh hin. Und jetzt muss ich schlafen.“

„Wenn’s hilft, Polo. Gute Reise – und komm bitte früher als dein Namensvetter wieder zurück.“

„Also neunzehn Jahre?“

„Achtzehn wäre mir lieber.“

Immerhin konnten Karl und ich noch Witze machen. Dabei hatte ich ihm noch gar nicht gesagt, dass Marco Polo gar nicht in Japan, sondern in China war.

Mittwoch, 10. Januar 1979, Düsseldorf/Tokyo

Zugegeben, ich erwachte nicht eben ausgeschlafen. Mein Gedankenkarussell über Maschinenanlagen, Masuhara und meine Braut setzten ein, noch bevor ich den ersten Kaffee getrunken hatte. Und auch nach dem Kaffee wurde es nicht besser.

Während das Taxi zum Flughafen vor dem Haus hupte, rannte ich zweimal wieder zurück in die Wohnung, weil ich etwas vergessen hatte. In letzter Sekunde kritzelte ich eine Nachricht für Hilde Schenk, meine Haushaltshilfe, die auch unser Büro in Ordnung hielt, auf einen Fetzen Papier: Bin ein paar Tage in Japan. Bitte Kühlschrank vollmachen, Frühstück reicht und legte noch einen Zwanziger daneben. Sie machte sich sonst immer fürchterliche Sorgen, wenn sie nicht wusste, wo ihre Schäfchen abgeblieben waren.

Als ich endlich im Wagen saß und keine Anstalten mehr machte, wieder davonzulaufen, sagte der Fahrer: „Schlüssel?“

„Wie bitte?“

„Ob Sie Ihren Schlüssel haben.“

„Ja.“

„Pass?“

„Ja.“

„Tickets, Unterlagen, Aktentasche, Unterwäsche, Socken, Anzug, Hemden, Manschettenknöpfe, Krawatte, Kaffeemaschine ausgemacht, Schuhe, Regenschirm.“

Ich lachte und sage: „Ja, ja, ja, ja, nein, und jetzt aber Tempo, bitte.“

„Wenn Sie bitte mal aus dem Fenster schauen wollen, bei dem Wetter bräuchten wir für Tempo-Tempo eine russische Troika.“

Die Dame am Lufthansa Check-In war für diese frühe Stunde schmerzhaft guter Laune.

„Guten Morgen, Herr Welter. Sie fliegen von Hamburg nach Tokyo weiter. Soll ich Ihr Gepäck bis Haneda durchchecken? Sie wissen ja, dass Sie Ihren Pass in Hamburg benötigen.“

Ich dachte an den fürsorglichen Taxifahrer und sagte: „Wollen Sie ihn jetzt sehen?“

„Nein, nicht nötig. In Hamburg begeben Sie sich bitte für den Weiterflug zum Japan Airlines-Transitschalter. Gute Reise und einen angenehmen Aufenthalt in Japan.“ Sie reichte mir die Tickets und die Bordkarte.

„Danke.“

„Bis zum Boarding haben Sie noch Zeit für einen Kaffee in der Lounge, Herr Welter. Wir servieren heute echten brasilianischen Maragogype. Ein echter Muntermacher.“ Ihr Gesichtsausdruck war unergründlich, aber ich fühlte mich ertappt.

Gemäß ihrem Ratschlag machte ich es mir in der Lounge bequem. Um nicht wieder in Tiefschlaf zu fallen, sah ich mir die Leute an und konnte meinen Blick nicht von einem Japaner abwenden, der mich stark an einen Bekannten erinnerte, dem Kathrin und ich den Spitznamen Der General gegeben hatten. Dieser Japaner stand aufrecht wie ein Zinnsoldat. Der schwarze Anzug mit dem blütenweißen Hemd, das am Kragen und an den Manschetten einen auffälligen Kontrast zum Anzug bildete, war seine Uniform. Das weiße Einstecktuch seine Ordensspange. Zur Uniform passend waren seine Schuhe auf Hochglanz poliert. Als Bewaffnung hatte er einen makellosen schwarzen Aktenkoffer dabei.

Im Flugzeug nach Hamburg verlor ich ihn aus den Augen, nur um ihn auf dem Anschlussflug nach Tokyo wiederzutreffen. Er war mein Sitznachbar. Mit stoischem Gesicht schlüpfte er im Gang aus seiner Jacke, legte mit abgespreizten Fingern die Schulterseiten aufeinander, faltete sie zu einem Päckchen und legte sie sorgfältig in der Gepäckablage ab. Ich staunte, als er aus einem grauen Stoffbeutel Lederslipper holte, seine Schuhe abstreifte, ohne die Schnürsenkel zu öffnen und sie akkurat in den grauen Beutel legte, der flugs im Gepäckfach über uns verschwand. Ein kurzer Ruck und der Schlips war gelockert. Seinen Aktenkoffer schob er unter den Sitz des Vordermanns. Dann nickte er mir zu und begrüßte mich in reinstem Oxford Englisch: „Guten Tag. Wir werden die nächsten siebzehn Stunden hier zusammen verbringen. Mein Name ist Shimura Hiroshi.“

„Ah, guten Tag, ich bin Marco Welter aus Düsseldorf.“

„Ich habe Sie schon in der Lounge gesehen.“

„Ja, ich Sie auch.“

„Fliegen Sie häufiger nach Japan?“

„Nein, es ist das erste Mal. Ich habe mich gestern erst entscheiden.“

„So kurzfristig?“

„Es geht um einen Auftrag.“

„Dann wünsche ich Ihnen viel Glück.“

„Danke.“ Ich hätte ihn gerne gefragt, was er in Japan so macht, aber die Triebwerke heulten auf und das Flugzeug setzte sich in Bewegung. In meinem Kopf sang Reinhard Mey Über den Wolken. Je höher wir stiegen, desto kleiner wurde Hamburg, bis wir die Wolkendecke durchbrachen und es ganz aus meinem Blickfeld verschwand und klarer blauer Himmel uns umgab. Wo er recht hat, hat er recht, dachte ich und trotz Schlafmangels fühlte ich mich aufgekratzt wie ein Pimpf, der auf seine erste große Klassenfahrt geht. Ich wollte gerne glauben, dass die Geschichte gut ausgehen würde. Von hier oben sah alles wirklich nichtig und klein aus.

Schade, dachte ich, dass Kathrin das wohl nie so sehen wird. Sie hat schreckliche Flugangst. Von wegen Safari in Afrika. Unsere Hochzeitsreise wird im Erster-Klasse-Abteil der Bundesbahn in die Schweiz gehen. Chalet-Hopping bei Papas reichen Freunden. Ich wäre lieber in die Südsee abgedampft, Hütte unter Palmen und drei Wochen nur blaues Wasser, Kannibalen und Sandstrand.

Die Wolken unter uns sahen aus, als könne man auf ihnen bis Bora Bora spazieren … Irene wäre bestimmt gerne dabei. Die fürchtet sich vor nichts und niemandem, noch nicht mal vor Kathrin und ihrem Herrn Papa, und was die Kannibalen angeht - die nimmt sie zum Frühstück. Irgendwie Schade eigentlich, dass sie mir altersmäßig 20 Jahre voraus war.

Mit einem sanften Pling erloschen die Anschnallleuchten, Bora-Bora samt Kannibalen verschwand, und Herr Shimura nahm seinen Aktenkoffer vom Boden auf. „Darf ich den zwischen uns auf den freien Platz stellen?“

„Kein Problem.“

Immer wieder schaute ich zu ihm hinüber und konnte mich nicht auf den englischsprachigen Reiseführer konzentrieren, der mich von meinen Südseeträumen ablenken sollte. Was heißt das, wenn unter Onsen geschrieben steht: What is different is the setting, the sense of having the mountains there to look at, but tobe sunk into.

Während ich mich durch fremdartige Ausdrücke wühlte, wie Senpai, Kohai, Depaato, markierte Herr Shimura mit einem Montblanc-Kugelschreiber seine Listen und schrieb winzig kleine japanische Schriftzeichen an den Rand. Er war der Welt vollkommen entrückt, und ich traute mich nicht zu fragen, ob er schon mal Fugu-Fisch gegessen habe, den der Reiseführer als hochgiftig und nur etwas für echte Abenteurer beschrieb, die keine Angst vor letalen Folgen haben.

Als Essensduft durch die Kabine zog, griff mein Sitznachbar mit einer zackigen Handbewegung nach seinen Papieren, legte sie in den Aktenkoffer und fragte: „Mögen Sie japanisches Essen?“

„In Düsseldorf gibt es ein Sushi Restaurant auf der Klosterstraße. Da gehe ich mit Freunden ganz gerne hin.“

„Sie meinen bestimmt das Kikaku von Ito-san. Da bin ich mittags auch hin und wieder.“

„Macht er auch Fugu?“, fragte ich.

„Oh, nein. Das nicht. Das dürfen nur hoch ausgebildete Meisterköche und auch nur in Japan. In Deutschland ist es verboten.“

„Haben Sie schon mal …?“

„Ah, vielen Dank“, sagte Herr Shimura zur Stewardess, die uns die Tabletts mit völlig ungefährlichen grünen Bohnen und Steak brachte. Wir kauten in schweigender Eintracht und nach dem Essen hielt er sich seine linke Hand vor den Mund, um sich dahinter mit einem Zahnstocher die Zähne zu reinigen. Diese Art der dezenten Zahnreinigung sah ich zum ersten Mal. Als er damit fertig war, vertiefte sich mein Sitznachbar wieder in seine Akten, und mir fielen die Augen zu. Ich wurde erst wieder wach, als er sagte: „Guten Morgen. Wir befinden uns eine Stunde vor Anchorage. Haben Sie gut geschlafen?“

Mein Hemd lag feucht auf meiner Brust, der Kragen fühlte sich durchgeschwitzt an und mein Hals war trocken. „So leidlich.“ Ich versuchte, das Hemd glatt zu streichen, die Krawatte zu richten und einen Schluck Wasser zu trinken. „Und Sie, Herr Shimura?“

„Oh, bestens. Schauen Sie mal … unter uns.“

Ich warf einen Blick auf die schneebedeckte Bergwelt Alaskas.

„Wenn wir später auf der rechten Seite die Sleepy Lady den Mount Susitna sehen, landen wir kurz darauf in Anchorage.“

„Fantastisch“, sagte ich, und nach einer Weile deutete Herr Shimura auf ein Bergmassiv, dessen Konturen man nur mit größter Fantasie als müde Lady bezeichnen könnte.

„Da. Das ist sie!“

„Für mich sieht es eher aus wie ein schnarchender Seehund.“

Herr Shimura lachte und sagte: „Kann sein. Aber es ist immer schön, diesen Berg zu sehen, dann weiß ich, dass der Weg nicht mehr so weit ist. Von Anchorage nur noch sieben Stunden bis Tokyo. Werden Sie in Tokyo bleiben?“

„Ja. Ich werde dort Geschäftspartner treffen. Kennen Sie das Hotel New Otani, ich werde dort übernachten, ich hoffe, das ist okay?“

„Aber sicher. Ein erstklassiges Hotel.“

So, wie er das sagte, schien es in Japan nur erstklassige Hotels zu geben.

Wir konnten das Thema nicht vertiefen, weil wir aufgefordert wurden, die Tische hochzuklappen und die Sicherheitsgurte anzulegen. Herr Shimura wechselte noch die Schuhe, zurrte seinen Schlips zurecht und schlüpfte in seine Jacke. Und das alles in einer einzigen eleganten Bewegung. Alles an ihm hatte den Flug unbeschadet überstanden, die knitterfreie Jacke, sogar die strengen Bügelfalten seiner Hose, das weiße Hemd, das an den Ärmelenden um Zentimeter hervorblitzte. Er musste wohl, während ich schlief, seine Zähne geputzt haben, denn er verströmte den Geruch von Zahnpasta und Haarpomade. Ich hatte den richtigen Zeitpunkt für die Morgentoilette verpasst. Mit einem ordentlichen Wumms setzte die Maschine auf der Landebahn auf. Aufwirbelnder Schnee raubte die Sicht. Ich schob mir ein Kaugummi in den Mund und wollte nur noch raus und frische Luft tanken.

Die Idee hatten auch alle Mitreisenden, die, kaum hatte der Flieger seine Parkposition erreicht, für einen Stau vor den Türen sorgten. Nach reichlich Gedrängel schob ich mich aus der Maschine.

„Merken Sie sich die Nummer dieses Gates“, sagte eine Bodenstewardess und drückte mir eine gelbe Plastikkarte in die Hand, auf der TRANSIT stand. Ich ließ mich im Strom der Mitreisenden treiben und staunte, dass sich die ersten an einem unscheinbaren Stand schon über eine Schüssel Alaska Noodle beugten. Ein bisschen roch es wie im Kikaku, nach Sojasoße. Ich wurde in die enge Passage zwischen den Tax-Free-Shops geschoben. Mein Versuch, vor dem Laden mit den handgeschnitzten Authentic Alaska Made Totem Poles im Taschenformat stehen zu bleiben, scheiterte, die Masse Mensch zog mich einfach mit. Eine Japanerin lachte mit ihrer Begleiterin über ihren Fang, einen handtellergroßen Seelöwen aus Speckstein. Dann verschwand der Löwe zu den anderen Dingen in ihrer Einkaufstüte. Wer braucht so was? Da leuchtet mir der flaschenweise Einkauf von schottischem Whisky und französischem Cognac schon eher ein.

Eine Prozession von Reisenden umrundete immer wieder den Gang vor den Abflug-Gates. Es war kein Durchkommen, fast wie im Düsseldorfer Karnevalszug, ich konnte nur mitschwimmen und schieben, die Richtung langsam ändern, um irgendwie zum Ziel zu kommen. Endlich eroberte ich die Poleposition und entdeckte, was den Auftrieb ausgelöst hatte: tiefgefrorene Alaska-Krabben und Lachs. Ich staunte über geduldige Asiaten, die auf die Aushändigung ihrer Bestellung warteten. Eine Verkäuferin drückte mir einen Gürtel mit grünen Steinapplikationen in die Hand und sagte auf Deutsch: „Sehr schön, das. Echt von Alaska-Eskimo gemacht.“

Beim näheren Hinsehen entpuppte sich der Gürtel als Made in Hongkong, und ich gab die Fälschung dankend zurück. Kaum drehte ich mich um, schaute ich einem drei Meter großen Eisbären in die Augen. Wie gut, dass er ausgestopft in einem Glaskasten stand.

Neben einer Säule fand ich ein ruhigeres Fleckchen, genoss das wilde Treiben um mich herum und konnte mich nicht sattsehen. Düsseldorf mit allen Querelen war weit weg. Das hier war eine neue Welt. Halb Asien schien sich in Anchorage zu treffen, um einzukaufen. Über Lautsprecher wurden Passagiere, deren Abflugzeit längst überschritten war, zum letzten Mal aufgerufen. War mein Abflug etwa auch schon dabei gewesen? Ich stürzte mich wieder ins Gewühl und war erleichtert, als ich Herrn Shimura als Ersten in der Schlange vor dem Gate stehen sah. Die Passagiere mit ihren vollgestopften Einkaufstüten trudelten gemütlich und entschuldigend lächelnd nach und nach ein.

Herr Shimura vollführte in unserer Sitzreihe wieder sein Vorbereitungsballett, und kaum hatten wir unsere Siebensachen verstaut, sagt er: „Welter-san, sehen Sie, das ist hier immer so. Boarding-Time ist lange überschritten, aber alle warten noch, bis ihre Mitbringsel verpackt werden. Haben Sie gesehen, wie lange die vor dem Alaska Crab Geschäft warten?“

„Unglaublich. Warum kaufen die Leute hier so viel?“

„Souvenirs, Omiyage für die Lieben daheim. Bei uns ist es unmöglich, von unterwegs mit leeren Händen nach Hause oder in die Firma zu kommen.“ Dann fragte er mich unvermittelt: „Sind Sie Raucher?“ Und bevor ich antworten konnte, empfahl er mir für den Rückflug am Kopfende des Flughafens über eine Treppe auf einen kleinen Balkon zu steigen und in der frischen Alaskaluft eine Zigarette zu rauchen. „Diesen Balkon kennt kaum einer. Man ist dort fast immer alleine. Schauen Sie sich die Abflüge und Landungen an, und atmen Sie die kalte Luft tief ein.“

Nach dem Abendessen bestellte Herr Shimura einen Whisky mit Eis, dann noch einen und noch einen. Bewundernswert, wie er danach seinen Sitz so weit wie möglich zurückstellte und in Sekunden einschlief. Ich dämmerte dahin und träumte von Eisbären beim Krabbenfang. Irgendwann ging das Licht über unseren Sitzen an und Herr Shimura sagte: „Bevor ich es vergesse: Das ist meine Visitenkarte.“ Er hielt sie zwischen beiden Daumen und Zeigefingern und reichte sie mir mit einer leichten Verbeugung an. Ich musste meine erst aus der Brieftasche kramen, hielt sie ihm lässig zwischen Zeige- und Mittelfinger entgegen. Seine Mundwinkel zogen sich unmerklich nach unten. Er nahm meine Karte mit beiden Händen und einer leichten Verbeugung entgegen. Seiner Reaktion entnahm ich, dass ich etwas falsch gemacht hatte. Während er meine Karte las, indem er mit seinen Lippen meinen Namen nachformte, steckte ich seine in meine Brieftasche.

„Ah, Marco Welter-san, Sie sind der Präsident der TransGlobal Services GmbH. Was macht Ihre Firma?“

„Wir sind Drehscheibe und Wegbereiter zur Globalisierung deutscher Firmen. Wir machen das seit fünf Jahren.“

Herr Shimura drehte immer wieder meine Visitenkarte in seinen Händen, schaute auf die blanke Rückseite, als ob er dort nach etwas suche. Das gab mir die Gelegenheit, nun doch seine Karte zu studieren. General Manager Germany, Dainichi Kokusai Bank, Düsseldorf. Der General war also Banker.

„Sie sind auf der Immermann Straße, da sind wir ja fast Nachbarn. Unser Büro ist auf der Goltsteinstraße am Hofgarten.“

„Ich bin seit drei Jahren in Deutschland, aber mein Deutsch ist leider nicht besonders gut.“

„Sie sollten mal mein Japanisch hören.“

Zuerst guckte mich Herr Shimura ratlos an, aber dann lachte er und ich fragte: „Stimmt es, dass am Mount Fuji die Vögel nicht mehr singen und damit ein großes Erdbeben in Tokyo ankündigen?“

„Mit der Gefahr leben wir in Japan ständig. Man gewöhnt sich daran.“

„Cool.“

„Wir sagen zur Akzeptanz von Unvermeidlichem Shoganai.“

Da von seiner Seite offenbar dem nichts mehr hinzufügen war, fiel er in Tiefschlaf.

Sieben Stunden später verabschiedete ich mich am Band der Gepäckausgabe von Herrn Shimura mit Handschlag und freute mich über sein Angebot. „Wenn Sie wieder in Düsseldorf sind, rufen Sie mich an. Wir können dann mal zum Lunch ins Nippon Kan oder zu Ito-san gehen. Viel Erfolg in Japan.“

„Sehr gerne, Herr Shimura. Und wenn Sie mal Lust haben, einen Zug durch die Altstadt in Düsseldorf zu machen, sind Sie herzlich eingeladen. Bis bald. Und das mit den Visitenkarten übe ich noch.“

Kaum ausgesprochen reichte er mir mit formvollendeter Geste erneut seine Karte. Ich bemühte mich, sie ebenso höflich auf japanische Art entgegenzunehmen. Dann gab ich ihm meine mit beiden Händen und einer kurzen Verbeugung. Er nahm sie entgegen und schien zufrieden mit meinem Lernerfolg.

„Es war mir ein Vergnügen, Herr Shimura.“

„Es war mir ebenfalls ein Vergnügen, Herr Welter“, antwortete er in akzentfreiem Deutsch und war binnen Sekunden in der Menschenmenge verschwunden.

Donnerstag, 11. Januar 1979, Tokyo

Warum müssen Flughäfen so eng und warm sein? Ich hatte das Gefühl zu müffeln, und zittrige Beine kannte ich sonst auch nicht. War das der Ruf des Abenteuers oder einfach nur der Jetlag?

Während ich in einer endlosen Schlange vor der Passkontrolle für Aliens wartete, rauschten alle Japaner mehr oder weniger lässig am Schalter für Japanese vorbei. Wenn mir bis jetzt nicht klar war, ein Fremder zu sein, geradezu außerirdisch – jetzt hatte ich es amtlich.

Die Zollkontrolle war zackig und gründlich, aber höflich; die Dame am Schalter für Devisenumtausch reichte mir Yen, und dann endlich öffnete sich die Tür des Flughafens. Ich trat hinaus, zehntausend Kilometer fern der Heimat, mit nichts im Gepäck als einem Haufen Ärger, jeder Menge Sprachschwierigkeiten und der Hoffnung, alles zum Guten zu wenden. Wie sagte Irene immer so schön? „Beim Reisen nimmt man sich leider selber mit, und im Rucksack befinden sich nicht nur saubere Socken.“

Mit meinem Koffer auf dem Trolley, den Mantel über den Griff gelegt, stand ich vor einer Phalanx von Abholern, die im Halbkreis mit hochgehaltenen Namensschildern die beiden Ausgänge umlagerten, und suchte die Schildkröte. Nach ein paar Minuten, gerade noch aus dem Augenwinkel, entdeckte ich im Schilderwald meinen Namen.

„Mr Ono?!“

„Yes. Are you Mister Welter?“

Der kleine Mann im verknautschten grauen Anzug und dem hochroten Gesicht lotste mich winkend um die Abholer herum. Als ich vor ihm stand, zückte er als Erstes ein Mäppchen, holte eine Visitenkarte heraus und überreichte sie mir wie Herr Shimura zwischen Daumen und Zeigefingern mit beiden Händen und einer tiefen Verbeugung, dabei murmelte er seinen Namen: „Masamichi Ono, President, Ono Licensing Ltd.“

Aha, das also war unser Mann in Japan, der uns diesen dicken, aber derzeit unverdaulichen Fisch Masuhara geangelt hatte.

Ich übergab ihm meine Karte mit beiden Händen. Trotz des Trubels um uns herum las auch Herr Ono meine Karte laut vor: „Marco Welter. Ja, Sie sind Welter-san. Welcome to Japan. Kommen Sie, wir nehmen die Monorail zum World Trade Center Building. Von da aus fahren wir mit dem Taxi zum Hotel New Otani.“

Im Gewirr von Treppen und Gängen auf dem Weg zur Monorail verlor ich den Überblick. Ich wunderte mich, dass hier alle, auch Herr Ono, mit einem Affenzahn unterwegs waren, sie rannten beinahe, und ich rannte hinterher. Das tat meinen schwachen Beinen gut, mein Kreislauf kam wieder in Schwung.

Ono kaufte an einem Schalter, den ich nie im Leben alleine gefunden hätte, unsere Fahrkarten, und schon saßen wir in der Bahn.

„Dieser Zug wurde für die Olympiade 1964 gebaut und führt ins Zentrum von Tokyo“, erklärte er.

Ich nickte müde. Hoffentlich wird das keine Sightseeingtour, dachte ich; wurde es aber doch, denn unser Mann in Tokyo nahm seinen Job sehr ernst und erklärte mir auch noch den letzten Stein, der unter uns auftauchte. Als wir endlich im Taxi saßen, hatte er scheint’s den kompletten Polyglott heruntergebetet, aber in meinem Kopf war nichts davon hängen geblieben. Ich unterbrach seinen Redefluss und sagte: „Können wir heute noch Masuhara besuchen? Haben Sie einen Termin gemacht?“

„Welter-san, Masuhara möchte nicht mit uns sprechen.“

„Warum nicht?“

„Man hat mir gesagt, dass von Ihnen über Wochen keine Antworten gekommen sind. Warum sollten sie Sie jetzt empfangen?“

„Was denn? Ich weiß von keinen unbeantworteten Fragen.“

Onos Gesichtsfarbe wechselte zu einem gefährlichen Tiefrot.

„Jetzt mal Klartext, Herr Ono – haben die finanzielle Schwierigkeiten?“

„Nicht dass ich wüsste.“

„Dann finden Sie das mal heraus.“

„Welter-san, kommen Sie erst mal in Tokyo an. Morgen früh fahren wir zu Masuhara, auch ohne Termin. Ich werde heute Nachmittag noch einmal mit seinen Leuten telefonieren und ihnen sagen, dass Sie in der Stadt sind und klärende Gespräche führen möchten.“ Und dann, ohne Umschweife, gab er wieder den Reiseleiter, als das Taxi vor dem Hotel New Otani anhielt.

„Hier wurde neunzehnhundertsechsundsechzig der James Bond Film ‚Man lebt nur einmal‘ gedreht. Das ist das größte Hotel Asiens …“

Wenn mich sein Powerslide in der Konversation schon verblüfft hatte, die Taxitür, die sich wie von Geisterhand öffnete, legte noch ein Sahnehäubchen obendrauf. Sofort sprang ein Hotelpage herbei, nahm mein Gepäck und geleitete uns zum Check-in-Schalter.

„Ich warte im Azalea Coffee Shop auf Sie“, sagte Ono und war schon im Gewusel der riesigen Eingangshalle verschwunden. Der Page parkte mich an der Rezeption und verbeugte sich. Und während ich kaum Zeit hatte, mich über den dicken Teppich zu wundern, in denen meine Schuhe bis über die Sohlen versanken, hatte er meinen Zimmerschlüssel in der Hand, und ich wurde mit einer knappen Verbeugung wieder in seine Obhut entlassen. Der junge Mann begleitete mich im Fahrstuhl bis zu meinem Zimmer im 8. Stockwerk. Er erklärte die Minibar, auch die Bedienung der Klimaanlage, dann wies er mich in Telefonate mit dem Ausland ein. Ich zückte mein Portemonnaie, um ihm ein Trinkgeld zu geben, fand aber nur große Scheine. Das war mir sehr peinlich. Warum hatte ich die Dame beim Umtausch nicht nach Kleingeld gefragt? Als ich ihm erklärte, dass ich keins dabei hätte, winkte er ab. „Danke. Ich nehme kein Trinkgeld.“

„Warum nicht?“

„Das ist nicht üblich, Welter-san.“

„Gar nicht?“

„Gar nicht. Ich wünsche einen angenehmen Aufenthalt in unserem Haus.“

James Bond hätte das gewusst, Herr Welter.

Ich warf meinen Koffer aufs Bett und rief im Büro an.

„Hallo Globetrotter“, flötete Irene, „ist das Hotel in Ordnung?“

„Mehr als das; ein Palast mit knietiefen Teppichen und Wasserfall. James Bond war schon hier.“

„Weiß ich“, sagte Irene.

„Möchte gar nicht wissen, was das kostet.“

„Woanders war nichts frei, hat mir Hansen gesagt.“

Und obwohl zehntausend Kilometer zwischen uns lagen, wusste ich, dass sie grinste.

„Ist Karl im Haus?“

„Ich verbinde.“

„Hast du schon mit Masuhara gesprochen?“, fragte er ohne Umschweife.

„Dir auch einen schönen Tag, Karl. Ich bin erst vor einer Minute im Hotel angekommen. Ono hat mich abgeholt. Den Reiseführer kann die Schildkröte perfekt, aber er hat keinen Termin bei Masuhara bekommen.“

„Und jetzt?“

„Fahren wir morgen ohne Termin hin und sehen was passiert.“

„Klingt nicht gut. Hoffentlich lassen sie dich überhaupt rein. Eberhardter hat sich auch schon gemeldet. Der nagt an der Tischkante.“

„Ich treffe mich gleich noch mal mit Ono. Den bringe ich auf Touren. Rufst du bitte Kathrin an und sagst ihr, dass ich gut angekommen bin?“

„Mach ich. Wie ist das Hotel?“

„Geht so“, sagte ich, um Karl wegen der Kosten nicht zu beunruhigen, und legte auf.

Ein paar Minuten später schwebte ich mit dem Lift wieder ins Erdgeschoss. Ich sah Ono, der sich gerade von einer schicken Japanerin im Kimono verabschiedete. Was macht er hier? Hat er etwa Sorge, ich würde auf dem Weg zum Café verlorengehen, weil er mir noch keinen Vortrag über das Hotel gehalten hat? Kaum hatte er mich gesehen, kam er auf mich zu. „Es ist jetzt sechs Uhr, Welter-san, wollen wir etwas zusammen essen?“

„Ich weiß nicht, eigentlich habe ich gar keinen Hunger.“

Er guckte mich enttäuscht an.

„War das eben Ihre Frau, Mister Ono?“

Er zog die Augenbrauen hoch, als hätte ich was Anstößiges von mir gegeben.

„Das war eine der Aufzugdamen, sie sind nur nachmittags und abends im Dienst.“

„Tatsächlich?“

„Fremde Länder, fremde Sitten, Welter-san.“

„Wo können wir denn in Ruhe sprechen. Ehrlich gesagt haben wir mehr von Ihnen erwartet. Wir stehen mit dem Rücken zur Wand, falls Ihnen das was sagt. Uns rennt die Zeit davon.“

Ich war mangels Training nicht gut darin, in asiatischen

Gesichtern zu lesen, aber für Onos brauchte ich keine Übersetzungshilfe. Blankes Entsetzen wäre noch untertrieben gewesen.

„Was ist?“, fragte ich.

Ono antwortete nicht. Aufzüge kamen und gingen, spuckten Menschen aus und saugten wieder welche ein. Die schöne Japanerin immer dabei. Ono schwieg beharrlich. Vermutlich hatte ich etwas gesagt, das ihn sehr verstimmt hatte. Schließlich lenkte ich ein und sagte „Also gut, Ono-san, gehen wir was essen.“

Immerhin huschte ein Hauch von Entspannung über sein Gesicht, als ich die korrekte japanische Anrede wählte. Ich nahm mir vor, vorsichtiger zu sein, mit dem was ich sagte, denn mit einem bockigen Ono im Schlepptau würde ich am nächsten Tag nichts erreichen. Also folgte ich ihm schweigend aus dem Hotel hinaus und durch Tokyos Straßen. Diesmal erklärte er gar nichts, und ich kam mir ein bisschen abgehängt vor.

In einem winzigen Lokal mit einem roten Lampion in der Größe eines riesigen Schinkens neben der Tür, wurden wir von einer älteren Frau in Küchenschürze mit tiefen Verbeugungen begrüßt. Wir waren die einzigen Gäste. Ono nannte die Dame Mama-san. Wir setzten uns an die Theke und Ono bestellte, ohne mich zu fragen. Stattdessen sagte er: „Nochmals Welcome to Japan, Welter-san“, als wolle er alles wieder auf Anfang spulen.

Bevor ich antworten konnte, stellte die Hausherrin zwei Flaschen Kirin Bier auf die Theke. Ono hob seine Flasche und fragte: „Wie war Ihr Flug?“

„Lang“, antwortete ich und prostete ihm zu, „und ehrlich gesagt, bin ich zu müde für Smalltalk. Lassen Sie uns über Masuhara reden.“

„Erst werden wir essen.“

Erst werde ich dich erwürgen, dachte ich, aber Mama-san brachte das Essen, bevor ich explodieren konnte. Miso-Suppe, eine Schale mit Reis und in Streifen geschnittenes Fleisch mit verschiedenen Gemüsen. Während ich noch darüber nachdachte, wie ich das Essen ohne Unfall in meinen Mund bugsieren sollte, legte sich Ono die Fleischstreifen auf den Reis, führte die gefüllte Schale zum Mund und schaufelte dann alles mit unglaublicher Geschwindigkeit in sich hinein. Da Mama-san keine Einwände gegen seine Tischmanieren hatte, machte ich es ihm so gut ich konnte nach. Kaum war seine Reisschale leer, sagte er: „Mögen Sie kein japanisches Essen?“

„Doch, doch, es ist nur … etwas widerspenstig.“

Ono sprach mit Mama-san und beide lachten.

Ja, amüsiert euch nur … möchte euch mit einer Rinderroulade und Messer und Gabel sehen.

„Können wir jetzt über Masuhara sprechen, Ono-san?“

„Schlafen Sie erst mal eine Nacht, dann sehen wir morgen weiter.“

„Wir haben keine Zeit für so was. Ich bin hier nicht auf Urlaub.“

Offenbar gefiel Mama-san mein Tonfall nicht, denn plötzlich redete sie im Stakkato auf Ono ein. Die Fettnäpfchen schienen hier dicht aufgestellt zu sein.

„Sie will wissen, ob etwas mit dem Essen nicht in Ordnung war, Welter-san.“

Ich rang mir ein Lächeln ab. „Es war alles bestens. Ganz köstlich.“

Nachdem Ono wortreich übersetzt hatte, sah Mama-san Gott sei Dank davon ab, mit Messern nach mir zu werfen.

„Sie fragt, ob Sie noch etwas wünschen.“

„Nein danke. Und übrigens, zurück zum Thema: Hinhaltetaktik zieht bei mir nicht. Wir brauchen positive Ergebnisse, schnell.“

„Welter-san, bitte glauben Sie mir. Besser jetzt schlafen, morgen Frühstück im Azalea. Wenn Sie es eilig haben, sollten Sie den nächsten Umweg nehmen.“

„Was?“

„So sagt man hier. Ich bringe Sie jetzt zum Hotel zurück.“

Er legte ein paar Yen-Scheine auf die Theke, und ich fragte mich, wie lange das zwischen uns noch gut gehen würde. Seine Kalendersprüche konnte er sich sparen.

Draußen war es dunkel geworden, die Fenster der Büros in den Hochhäusern waren hell erleuchtet. Uns umschwärmten Kopien von Herrn Shimura, Männer in schwarzen Anzügen, weißen Hemden mit Krawatten und Aktentaschen wohin das Auge reichte. Und alle ohne Mäntel in dieser feuchten Kälte. Wo kamen die um diese Uhrzeit her und wohin waren sie unterwegs? Immerhin war es weit nach 20 Uhr. Zu meiner Verblüffung antwortete Ono auf meine unausgesprochene Frage: „Businessmen. Wir arbeiten viel, Welter-san.“

Vielleicht, dachte ich, solltet ihr nicht so viele Umwege machen, dann wäret ihr früher zu Hause. Aber das sagte ich um des lieben Friedens willen dann doch nicht. Stattdessen nickte ich und sagte: „Und wann sind die Herren wieder zu Hause?“

„Manchmal um Mitternacht, manchmal am Wochenende, manchmal länger nicht. Wie es die Arbeit und die Kontakte zu Kunden und Mitarbeitern erfordern.“

„Und Frau und Kinder?“

„Sind zufrieden. So lebt man hier. Die Arbeit geht vor. Wer vor zehn Uhr zu Hause ist, wird in der Firma nicht gebraucht. So denken die Nachbarn und die Ehefrauen. Manchmal denken die Frauen auch: Hauptsache mein Mann ist gesund und nicht zu Hause.“

Jetzt war ich es, der verstört aus dem Anzug guckte.

Das Klingeln eines Telefons riss mich aus dem Schlaf. Ich tastete nach dem Hörer, den ich erst im dritten Anlauf zu fassen kriegte. „Ja?“

„A call from Germany, Sir.“

„Okay.“

Es knackte in der Leitung, es rauschte, dann hörte ich Kathrins Stimme. „Hallo Marco. Wie schön, dass Karl mich angerufen hat.“

„Ja … Und?“

„Hattest du keine Zeit, selbst anzurufen?“

„Ehrlich gesagt nein.“

„Wie läuft’s mit der Geisha?“

Ich war alarmiert und saß plötzlich kerzengerade im Bett. „Prima Kathrin. Ganz wunderbar. Rufst du aus Afrika an, es knistert so in der Leitung.“

Kaum ausgesprochen schlug mein Kreislauf einen Salto, ich sank zurück aufs Kissen und erfuhr im selben Augenblick, dass meine Verlobte nicht zu Scherzen aufgelegt war.

„Ich will dir nur sagen, dass Papa stinksauer auf dich ist. Wie konntest du ihm das antun? Wir mussten alles abblasen. Der Breidenbacher war noch halbwegs freundlich … Die halbe Stadt weiß es schon. Und wie stehen wir jetzt da?“

„Wie jemand, der aus nichtigem Anlass ein Probeessen abgesagt hat?“

„Marco, du könntest wenigstens ein wenig Reue zeigen. Aber solche Regungen kennst du ja wohl nicht. Mein Onkel war nicht erbaut. Und ich, ich musste meine Freundinnen ausladen, nur weil du irgendwo in der Weltgeschichte rumgondelst.“

„Hätte alles nicht sein müssen, ihr hättet ohne mich hingehen können.“

„Lass es, Marco. Ich hatte Zeit nachzudenken … Ich habe mich mit Papa besprochen.“ Ihre Stimme zitterte. „Es wäre besser, wenn du dich nicht mehr bei mir meldest.“

„Du willst eine Auszeit? So kurz vor der Hochzeit?“

„Nein.“

„Was dann?“

„Papa und ich …“ Ihre Stimme stockte, und allmählich dämmerte es mir, worauf das Ganze hinauslief.

„Du brichst die Verlobung …?!“

„Wir haben beschlossen, dass es das Beste ist.“

„Aha?! Mich hat keiner gefragt, ob es für mich das Beste ist.“

„Eine Notbremse jetzt ist besser als eine Braut, die ohne ihren zukünftigen Gatten vor dem Altar steht.“

„Ich würde dich nirgendwo stehen lassen.“

„Hat man ja gesehen.“

„Kathrin! Nur noch mal zum Verständnis. Wegen eines Abendessens, an dem ich nicht teilnehmen konnte, bläst du die Hochzeit ab?!“

„Es ist nicht nur das.“

„Was denn noch?“

„Ach, das hat doch keinen Zweck, Marco. Wir kommen immer wieder an diesen Punkt. Du verstehst einfach nichts, weil …“

„Weil dein Herr Papa mich nicht leiden kann?“

„Nenn es, wie du willst. Ich habe eingesehen, dass das zwischen uns zu nichts führt. Wir passen einfach nicht ...“