Sich hinlegen und sterben - Adalet Ağaoğlu - E-Book

Sich hinlegen und sterben E-Book

Adalet Ağaoğlu

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Beschreibung

Die Dozentin Aysel steckt in einer privaten Lebenskrise und zieht sich, zum Sterben entschlossen, in ein Hotelzimmer zurück. Denn der Konflikt zwischen gesellschaftlichen Pflichten und ihren eigenen Bedürfnissen spitzt sich zu und zwingt sie zu dieser Entscheidung. Ihren Tod vor Augen lässt sie noch einmal ihr Leben Revue passieren, erinnert sich an ihre Schulzeit in der anatolischen Provinz und die Universitätsjahre in Ankara. Sie selbst gehörte zu der kleinen Schar von Jungen und Mädchen, den Kindern der Republik, die der Lehrer Dündar nach seinen kemalistischen Idealen zu einer pflichtbewussten »Armee des Wissens« erziehen wollte. Ihm hat sie, die Krämerstochter, es zu verdanken, dass sie studieren durfte. Heute aber will sie nur noch aus ihren eintönigen Verhältnissen ausbrechen und beginnt eine Beziehung zu einem ihrer Studenten. Einen Abend nur hatte sie ungezwungen und pflichtvergessen mit ihm verbracht, nun spürt sie neues Leben in sich keimen. Soll sie die Herausforderung annehmen? Dieser facettenreiche Bilderbogen umspannt dreißig Jahre republikanische Geschichte auf höchstem literarischem Niveau, geschrieben von einer der bedeutendsten Autorinnen der Türkei.

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Seitenzahl: 699

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Über dieses Buch

Die Dozentin Aysel steckt in einer privaten Lebenskrise. Sie hat ein Verhältnis mit einem ihrer Studenten angefangen. Entschlossen, ihrem Leben ein Ende zu setzen, zieht sie sich in ein Hotelzimmer zurück und lässt noch einmal ihr Leben Revue passieren. - Ein facettenreicher Bilderbogen, der dreißig Jahre republikanische Geschichte umspannt.

Zur Webseite mit allen Informationen zu diesem Buch.

Adalet Ağaoğlu (*1929) studierte in Ankara. Seit 1948 veröffentlicht sie Gedichte, Theaterstücke und Hörspiele, zudem war sie als Übersetzerin sowie als Dramaturgin tätig. Die zentralen Themen in ihren Werken sind die Entfremdung der Menschen und der Wandel traditioneller Werte.

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Ingrid Iren (*1930) war für das Goethe-Institut Istanbul als Übersetzerin tätig und hat neben diversen Kurzgeschichten, Essays und Filmskripten u. a. Romane von Orhan Pamuk ins Deutsche übertragen.

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Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: Hardcover, E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)

Mehr Informationen, Pressestimmen und Dokumente finden Sie auch im Anhang.

Adalet Ağaoğlu

Sich hinlegen und sterben

Mit einem Nachwort von Erika Glassen

Roman

Aus dem Türkischen von Ingrid Iren

Türkische Bibliothek

E-Book-Ausgabe

Unionsverlag

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Impressum

Die Originalausgabe erschien 1973 unter dem Titel Ölmeye Yatmak bei Remzi Kitabevi, Istanbul.

Originaltitel: Ölmeye Yatmak (1973)

© by Adalet Ağaoğlu 1973

© by Unionsverlag, Zürich 2024

Alle Rechte vorbehalten

Umschlag: Ihsan Cemal Karaburçak, Ankara Hotel

Umschlaggestaltung: Martina Heuer

ISBN 978-3-293-30161-0

Diese E-Book-Ausgabe ist optimiert für EPUB-Lesegeräte

Produziert mit der Software transpect (le-tex, Leipzig)

Version vom 27.07.2024, 01:29h

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Inhaltsverzeichnis

Cover

Über dieses Buch

Titelseite

Impressum

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Inhaltsverzeichnis

SICH HINLEGEN UND STERBEN

1 — 07 Uhr 22Geboren ist das Tageslicht des Ideals2 — 07 Uhr 28Lehrer Dündar liest die Zeitung UlusVorwärtsschreitend auf dem dornigen Pfad der Zukunft3 — 07 Uhr 36Die Republik, der Pfad des LichtsIn Trauer und Stolz4 — 07 Uhr 42SchutzmaßnahmenVous permettez? Avec plaisir …Ankara, Ankara, schönes Ankara …Welch ein Glück für dich!5 — 07 Uhr 55Uns blieb kein Raum zum Rückzug …Jedem Dorf ein OrchesterDie enge PforteInnerer FriedenBunte Vögel6 — 08 Uhr 03Dies ist die Niederschrift meiner Erinnerungen und Gefühle7 — 08 Uhr 12Wie fröhliche Kinder waren wir im Strom von tausend Reitern8 — 08 Uhr 23Nun ist der Krieg vorbei, Du, mein froher Freund.Staunend und fröhlichMachiavelli9 — 08 Uhr 31Vom Frühling bis zum Herbst10 — 08 Uhr 40Verborgene Tempel11 — 08 Uhr 44Rainbow-Treibriemen und »Hülle mit Inhalt«12 — 08 Uhr 46Zusätzliche Informationen13 — 08 Uhr 49NachwortWorterklärungenZur Aussprache des TürkischenUmschlagmotiv

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Über Adalet Ağaoğlu

Über Ingrid Iren

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1

07 Uhr 22

Genau sechzehn Stockwerke sind wir im Fahrstuhl hochgefahren. Dann stiegen wir aus. Ich folgte dem Jungen, der mir das Zimmer zeigen sollte. Er ging einen kurzen Korridor entlang. Vor einem Zimmer blieb er stehen. Auch ich blieb stehen. Er öffnete die Tür, wir traten ein.

Die Vorhänge waren dicht geschlossen. Der Junge wollte sie aufziehen und mir den Ausblick zeigen. Ich hielt ihn zurück. Er schaltete alle Lampen ein, öffnete die Tür zum Bad, machte auch hier das Licht an. Ob ich etwas wünsche, fragte er dann. Nein, nichts, erwiderte ich und gab ihm ein Trinkgeld. Er ging hinaus.

Sobald er draußen war, verschloss ich die Tür und löschte sämtliche Lichter. Rasch zog ich mich aus, schlug die Decke zurück und kroch splitternackt ins Bett – legte mich nieder zum Sterben.

Ich habe nicht nachgesehen, doch es musste ungefähr halb acht sein. Mir scheint, als hätte das der junge Mann unten gesagt, als ich mich ins Hotelregister eingetragen habe.

Meine Tasche habe ich in eine Zimmerecke geworfen. Sie enthält ein ganzes und ein halbes Päckchen Zigaretten, ein Feuerzeug, ein rot eingebundenes Notizbuch, meine Sonnen- und meine Lesebrille, einen Stift, einen halben Sesamkringel, den letzten Rest eines Lippenstifts, mein Portemonnaie für Kleingeld und fünftausend Lira in einem verschlossenen Umschlag. Nicht nur fünftausend Lira befinden sich darin, sondern auch noch eine drei- oder vierzeilige Notiz. Ich weiß nicht mehr, was ich geschrieben habe in dieser Notiz, die ich zu dem Geld legte und dann den Umschlag verschloss, versuche auch gar nicht, mich daran zu erinnern. Nur kommt es mir jetzt lächerlich vor, was ich vorhin getan habe. Dennoch gelingt es mir, ernst zu bleiben an der Schwelle dessen, was man als Letztes versuchen sollte.

Manchmal kommt der Tod einfach nicht so schnell. Man muss kämpfen mit dem Tod. Vielleicht unterdrücke ich deswegen das Lachen in dem dafür so günstigen Augenblick. Ich hätte nicht gedacht, dass man mit dem Tod ringen muss, wenn man sich zum Sterben niederlegt.

Geboren ist das Tageslicht des Ideals

Der bordeauxrote Vorhang aus Sümerbank-Leinen verdeckte die Schulbühne nicht ganz. Bedienen sollte ihn während der Darbietungen der Schuldiener Cemal. Der zog ein wenig an der Schnur, doch der Spalt schloss sich nicht. Und wenn der Vorhang nun überhaupt nicht mehr aufgehen würde? Das war seine größte Sorge. Er probierte es seit Tagen: Vorsichtig zog er an der Schnur, ließ locker, zog wieder, ließ erneut locker.

Hinter dem Vorhang stießen und balgten sich die Kinder. Ein Duftgemisch aus Staub, Fett, Essig, Harn und Läusekraut. Ein wenig stärker als der alltägliche Schulgeruch. Leicht säuerlich zwar, doch ein Geruch, den man auch nach vielen Jahren noch wahrnehmen und als angenehm empfinden konnte. So etwas wie das Wohlgefallen, das man hin und wieder am eigenen Körpergeruch empfindet.

Im zweiten Stock der Schule, einem ehemals armenischen Haus, ging der Rektor über den Flur. Man hatte die Holzwand durchbrochen und dort eine Tür zur Bühne eingesetzt. Vor der blieb er jetzt stehen. Namık, der soeben aus dem Garten kam, wo er sich das Gesicht gewaschen hatte, erblickte den Rektor zuerst. Er wollte schnell zur Bühne durchschlüpfen und Bescheid geben, kam aber nicht am Rektor vorbei. So schlich er seitwärts an der Wand entlang und hielt den Atem an. Doch der Rektor entdeckte Namık bei seinem Krebsgang: »Was lauft ihr denn noch in der Gegend herum? Wollt ihr mich blamieren?«, schrie er. Und so aufgebracht wie er war, schoss er durch die einzige Verbindungstür vom Flur auf die Bühne.

Herr Dündar, Lehrer der dritten, vierten und fünften Klasse, gab den Kindern auf der Bühne die letzten Ratschläge: »Nicht vergessen! Sowie der Chor aufhört, also bei ›immerdar‹, teilt ihr euch in zwei Gruppen. Die Nummern eins, drei, fünf, sieben, neun auf die eine Seite, die Nummern zwei, vier, sechs, acht und zehn auf die andere. Während ihr auseinandergeht, taucht dieses Fenster hinter euch auf. Geht richtig auseinander, sonst klappt es nicht. Es wäre außerdem eine grobe Missachtung unserem Großen Führer gegenüber. In Ordnung? Habt ihrʼs begriffen?«

Er war schweißgebadet. Lange blickte er die Kinder an, dann rief er: »Ali, Ali, du bist mein Untergang!«

Ein rundlicher, borstenhaariger Junge begann zu zittern. Er stand stramm und rechnete schon mit einer Ohrfeige.

»Hör mal, wo ist denn deine verflixte schwarze Fliege? Wo ist sie?«

»Das Gummiband ist gerissen, Herr Lehrer, einfach abgerissen …«

Er holte aus der Tasche seiner verblichenen schwarzen Hose aus grobem Haargewebe, die weder richtig lang noch kurz zu nennen war, ein Stückchen Stoff in Schmetterlingsform mit einem angenähten Gummiband hervor. Dieses schwarze Etwas, das wohl eine Fliege hätte sein sollen, hielt er hoch wie eine Maus, die er in der häuslichen Vorratskammer am Schwanz erwischt hatte. Die Kinder stießen sich an und lachten. Herr Dündar strich sich über die zu Hause mit der Brennschere ondulierten Haare. Dann sagte er zu dem ältesten und größten Mädchen seiner Klasse: »Komm her, Semiha, näh ihm das Gummiband an. Lauf! Beeilt euch! Es ist an der Zeit!«

In heller Aufregung machte sich Semiha auf die Suche nach Nadel und Faden. Doch unterdessen bekam Namıks Kopf zweimal ihre Faust zu spüren. Lehrer Dündar fuhr mit seinen Anweisungen fort: »Der Chor geht zu Ende. Ihr habt euch langsam in zwei Gruppen aufgeteilt. Während ihr ganz allmählich auseinandergeht, erscheint unser Großer Vater. Wenn unser erhabener Atatürk sein Gesicht wie die Sonne aufgehen lässt, hört der Chor auf. Unser Vater geht ab, unser Vater ist gegangen … Sofort beginnen wir mit der Polka. Die Herren verneigen sich vor ihren Damen. Sie fassen die Damen bei der Hand und so weiter … Wenn die Polka vorbei ist, fangen wir mit dem Rondo an … Ha, Aysel, sei nicht so steif beim Rondo, beweg dich lockerer! Du auch, Hasip! Ihr lauft nicht draußen vor der Tür im Kreis herum, ihr tanzt Rondo! Und wiege nicht den Kopf hin und her, als würdest du beten. Du bist nicht in der Moschee. Du bist auf der Bühne einer Schule, die eine Wiege der Zivilisation ist! Mach deine Hose zu, du Bengel! Nach dem Rondo sind die Berufe dran. In Ordnung? Ist das alles klar?«

In diesem Augenblick entdeckte er den Rektor auf der Bühne. Und Sevil, die Tochter des Staatsanwalts, löste sich aus der Gruppe, schlich unauffällig hinter einer Kiste durch und zeigte sich vor ihrem Rektor.

Der hatte die Hände auf dem Rücken verschränkt und blickte voller Ungeduld auf das ganze Durcheinander. Trotz seines gestreiften, verschossenen Jacketts mit den zu kurzen Ärmeln, dem gestreiften Kattunhemd, der über dem Bauch ziemlich spannenden Hose mit zu weiten und zu kurzen Hosenbeinen und den kinderkackebraunen Schuhen glich er mehr dem Hoca einer Moschee als einem Rektor. Doch man nahm es in jener Zeit nicht allzu genau mit einem, der Rektor war. Nein, keineswegs! Jedermann in mittleren Jahren, der seinen Namen in lateinischen Buchstaben schreiben konnte und den Neuerungen auch nur ein wenig offen gegenüberstand, konnte an der Grundschule eines Landkreises Rektor sein. Und wenn das rote, runde Gesicht des Rektors so glänzte, als sei es mit Enthaarungswachs bestrichen worden, dann musste es wohl daran liegen, dass man ihn in seiner Tätigkeit als Hafız mit zu viel eingedicktem Traubenmost versorgt hatte.

Die Kinder hatten stramme Haltung angenommen. Lehrer Dündar schob sie mit dem Handrücken einen Schritt zurück: »Bitte sehr, Herr Rektor, bitte sehr … Ich erteilte den Kindern gerade letzte Ratschläge. Der Finanzdirektor sollte eigentlich eine Vase schicken. Sie ist noch nicht eingetroffen. Ich meine, dass …«

Der Rektor hob die fleischigen Hände und schnitt dem Lehrer das Wort ab: »Es geht auch ohne Vase, mein Lieber. Das ist doch kein Weltuntergang! Wir sind nicht das Regierungszentrum, sondern nur die Schule eines Landkreises, und wir haben getan, was wir konnten. Machen Sie sich keine Sorgen wegen der Vase. Hauptsache, alles andere läuft glatt, dann bin ich zufrieden. Hoffentlich wars wenigstens der Mühe wert. Wir sind ja völlig am Ende unserer Kräfte.«

Eines der Kinder hob den Finger. Aydın, der Sohn des Landrats – einer, der immer am besten gekleidet war –, schrie vorlaut: »Herr Lehrer, Aysel hat aber ihre Haare nicht geflochten!«

Alle Köpfe wandten sich Aysel zu. Ihr hell schimmerndes, kastanienbraunes Haar fiel offen bis zur Taille herab. Sofort wurde ihr malariagelbes Gesicht rot wie eine Kirsche. Kalter Schweiß lief ihr über den Rücken. Die Brauen des Rektors zogen sich zusammen. Verdrossen blickte er Lehrer Dündar an: »Da sehen Sieʼs! Nicht einmal die Sache mit den Haaren …!«

Lehrer Dündar war wütend. Er ärgerte sich weniger über Aysel als über den Landratssohn. Immer wieder musste dieser Junge jemanden verpetzen. Ekelhafter Naseweis! Ich habe ihn satt, den eingebildeten, blöden Kerl! Aber wie immer war bei ihm wieder alles tipptopp in Ordnung.

Die kurze schwarze Hose gebügelt, ein weißes Seidenhemd, eine richtige schwarze Fliege, weiße Strümpfe, schwarze Lackschuhe, das mit Kölnischwasser besprühte, schön glatt gekämmte Haar … Das galt auch für den Chor, die Polka und das Rondo: Alles übertraf sogar das Vorbild.

»Ich danke dir, Aydın, mein Junge. Ja, wir müssen uns alle gegenseitig kontrollieren, müssen sehen, ob alles seine Ordnung hat. Uns bleiben nur noch wenige Minuten.«

Unvermittelt wandte er sich an Aysel: »Habe ich euch nicht gesagt, dass ihr die Haare straff kämmen und zusammenbinden sollt?«

Während alle Kinder wie aus einem Munde riefen: »Das haben Sie gesagt, Herr Lehrer!«, womit er vor dem Rektor entschuldigt war, trug er Ülker auf, sich um Aysels Haar zu kümmern, und begann gleichzeitig sein Klagelied: »Seit Tagen habe ich ihnen jede Einzelheit erklärt, Herr Rektor. Doch die Kinder trifft keine Schuld. Es sind eigentlich die Mütter, die Väter … Jedes Haus habe ich einzeln abgeklappert. Sie wissen es ja. Jedes einzeln. Trotzdem …«

Hilflos hob er die Hände und seufzte: »Doch sogar für dieses bisschen bin ich dankbar!«

Der Rektor überlegte: Lehrer Dündar hatte allen Grund, dankbar zu sein. Ehrlich gesagt, hatte er immerhin etwas vorbereitet, egal, ob gut oder schlecht. Da der Lehrer der ersten und der zweiten Klasse erst seit Kurzem an der Schule und außerdem noch sehr jung war, lag die Last auf ihm, dem Rektor, und zum größten Teil auf Lehrer Dündar. Der aber übertrieb die Sache, meine Güte! Chor, gut. Berufe, gut. Volkslieder, sehr gut. Die Ergenekon-Sage, jawohl, wunderbar. Aber die Polka, warum bestand er unbedingt darauf? Die Anordnung der Zentrale lautete, man wünsche ein Fenster zum Westen zu öffnen. Also bitte, die Tochter des Staatsanwalts würde Violine spielen. Die Schüler und Schülerinnen würden gemeinsam ein Blumen- und Käferspiel aufführen. War die Polka unbedingt nötig? Da würden doch die Jungen die Mädchen umarmen, würden sie an den Händen halten. Ja, vielleicht würde ein weiteres Fenster nach Westen geöffnet werden, aber die Bevölkerung des Städtchens war bereits in Aufruhr. Manch einer wollte sogar schon sein Kind von der Schule nehmen. Und seht mal, Enver der Blinde hat sich bis zum Ende gesträubt, seine Tochter an den Aufführungen teilnehmen zu lassen. Er wendet jetzt den Kopf ab, wenn er mich auf der Straße sieht. Überall soll er mich als Bordellwirt bezeichnen. Die Bezeichnung »Ungläubiger Hoca« habe ich gerade erst hinter mir, und jetzt das! Wenn sie nicht solch einen Respekt vor dem Landrat hätten, wäre mit den Nachbarn schon längst kein Auskommen mehr, wo wir uns doch schon so viele Jahre kennen, du meine Güte! Hoffentlich können wir die ganze Sache bald zu einem guten Ende bringen!

So dachte der Rektor voller Selbstmitleid. Und er bedauerte Aysel, deren Haare von Ülkers winzigen Händen zu Zöpfen geflochten wurden. »Ach, Mädchen, warum hast du nicht dafür gesorgt, dass deine Mutter das zu Hause macht?«, fragte er.

Das Mädchen schluckte und verbarg seinen von der Malaria aufgedunsenen Leib hinter Ülker: »Mein Vater war böse auf meine Mutter, Herr Rektor, und dann hat Mutter gesagt: ›Ich halt mich da raus, soll kommen, was da wolle!‹ Und ich war spät dran. Und dann hat Mutter geweint.«

Nun fing sie selbst still zu weinen an und versteckte sich ganz hinter Ülker. Ihre Augen suchten Semiha. Von ihr erhoffte sie Hilfe.

So ging es den meisten Kindern, vor allem den einheimischen Mädchen. Lehrer Dündar wusste: In jedem Haus verhielt man sich so, als sei gerade ein Toter hinausgetragen worden oder als hinge vor der Tür eine rote Laterne. Das Gejammer der Kinder, die täglichen Streitereien der Eltern – alles hatte denselben Grund: die erste Schulfeier. Die erste Schulabschlussfeier.

Sie ist damit sogar zu spät dran, diese Schule. Wenn auch in diesem Jahr nichts dergleichen veranstaltet worden wäre, hätte Lehrer Dündar schwarz gesehen. Ein Unfähiger, ein Unterlegener würde er sein, einer, der seinem Land den Rücken kehrt. Außerdem würde er sich ausgeschlossen fühlen. Wie einer, der im leeren Raum hängt. Sollte er in das Regierungszentrum gerufen werden, könnte er dort niemandem in die Augen blicken. Deswegen setzte er dem Rektor so zu, summte ständig wie eine Mücke dessen Ohren voll. Um sich mit der Polka durchzusetzen, hatte er schließlich einmal geschluchzt und geweint: »Mein Ata, mein Ata, mein Großer Ata!« Seine Tränen waren von Herzen gekommen.

Schließlich sagte der Rektor: »Alle sind gekommen. Nun beeilt euch mal!«

Sein Ton war diesmal mild und tolerant.

Die Schulbänke waren nebeneinander aufgestellt worden. Alle hatten sich gesetzt, die Eltern einiger Schüler, entfernte Verwandte, manche mit Filzhut oder Schirmmütze, mit einfach geschlungenem oder fest anliegendem Kopftuch über straff gekämmtem Haar. Einige Männer waren so klug gewesen, die Kopfbedeckung abzunehmen. Alte Frauen bedeckten das Gesicht mit ihren karierten Kopftüchern. Manche beteten still flehend zehnmal hintereinander: »Schreib mir keine Sünde an, mein Gott!« und spuckten symbolisch – tü, tü, tü – zehnmal gegen das Böse an.

Es war das erste Mal, dass Männer und Frauen an einem »öffentlichen« Ort zusammenkamen. Dennoch hatte der Rektor daran gedacht und den Einheimischen hinter den Stühlen der ersten Reihe getrennte Plätze für Männer und Frauen zugewiesen.

Unter den Zuschauern waren nur zwei Frauen, die Hüte mit Pfauenfederschmuck trugen. Eine war die Frau des Landrats, die andere die des Staatsanwalts. Der Kommandant der Gendarmerie war allein. Seine Frau und seine Kinder hatten noch nicht nachkommen können, weil er gerade erst auf seinen Posten im Landkreis berufen worden war.

Șakir Ağa, der große Torik, der Sekretär Osman und Emin Efendi, die zu den Notabeln, Händlern und Handwerkern gehörten, saßen zusammen mit den pfauenfedergeschmückten Frauen auf den Stühlen, die man vor den Schulbänken aufgestellt hatte. Ganz vorn saß der Landrat in einem Rohrsessel, rechts von ihm der Staatsanwalt, links der Gendarmeriekommandant. Daneben ein leerer Stuhl: der Platz des Rektors. Ein weiterer leerer Stuhl neben dem Staatsanwalt: der Platz des Doktors. Dann kamen der Reihe nach der Finanzdirektor und der Kanzleivorsteher (in der Mundart der Provinz »Kanzeloberst«). Der Doktor war Junggeselle. Sein blondes Haar glänzte vor Brillantine, und er liebte es, überall zu spät zu erscheinen. Damit wollte er zeigen, dass er gerade von einem Krankenbesuch kam, und deutlich machen, wie viel idealistischer er war als andere Leute. Also würde er genau im richtigen Augenblick hereinkommen, wenn alle schon friedlich auf ihren Plätzen saßen. Der offene Kragen seines weißen Hemdes würde auf dem des Jacketts liegen. Er würde alle Blicke auf sich ziehen. Seine ältere Schwester, über dreißig und noch ledig, saß mit einem Chiffontuch auf den Haaren unter den Zuschauern. Sie würde sich in ihrer selbstgefälligen Art nicht rühren auf ihrem Platz neben den pfauenfedergeschmückten Frauen. Nun ja, dieses und anderes noch im Verborgenen Liegende würde sich nach und nach ereignen.

Die Kapelle, die sonst auf Beschneidungsfesten musizierte, fing nach ein, zwei Trommelwirbeln an, die Nationalhymne zu spielen. Während die Kinder, von den Musikanten begleitet, hinter dem Vorhang langsam mit der ersten Strophe »Keine Furcht, stets wird sie wehen, die Fahne, im Morgenwind …« begannen, erhob sich als Erster der Gendarmeriekommandant mit seiner kokardenbesetzten Mütze auf dem Kopf, stand stramm und salutierte. Die anderen folgten seinem Beispiel. Nur die Frauen mit Kopftuch schämten sich fast alle und blieben sitzen. Doch Zühtü, der Macun-Mann, stieß sie an und brachte sie auf die Beine.

Schwerfällig wie ein Trauermarsch ging die Nationalhymne zu Ende, und alle setzten sich wieder. Hinter dem Vorhang war das »Tick, Tick« eines Taktstocks zu hören und dann leise die Stimme Lehrer Dündars: »Achtung: eins, zwei, drei …«

Danach begannen die Kinder, manche etwas zu früh, andere etwas zu spät, doch endlich alle wie aus einem Mund zu singen: »Geboren ist das Tageslicht des Ideals in des Heimatlandes Osten!« Noch sah man sie nicht. Doch an einer Stelle, wo sich der bordeauxrote Kattunvorhang nicht richtig schloss und die Bühne nicht ganz verdeckte, konnte man einen Blick auf die Beschneidungsfestkapelle mitsamt den riesigen Basstuben aus Blech erhaschen.

Nach dem Chorgesang

Auf und voran, Krieg herrscht gegen das Dunkel

Keine größere Nation als die türkische

Der dem Türken offene Ruhmespfad

Ist der leuchtende Pfad der Republik!

folgte sogleich ein anderer Marsch. Diesmal hatten die Stimmen hinter dem Vorhang begonnen vorwärtszuhasten.

Wolga, Wolga … Wolga, Wolga!

Auf dem Wege sind wir, Freunde

Glücklich sei unser Sieg

Erfülle mit Frohsinn unser Gemüt

Hayda da hayda, hayda da hayda

Freunde, wir sind auf dem Weg!

Etwas bewegte sich hinter dem Vorhang. Dann war es wieder still. Ganz kurz schossen einmal Lehrer Dündars ondulierte Haare durch den Spalt im Vorhang. Ein Arm schob jemanden beiseite. Der andere Arm verschloss den Spalt. Und wieder wurde es still. Der untere Rand des Vorhangs war zu kurz geraten. Deshalb konnte man Lehrer Dündars braun-weiße Schuhe verfolgen, während sie hin und her liefen. Und auch die der Kinder, helle, schwarze, solche aus Gummi, aus Leder, Halbstiefel, Halbschuhe, alte, neue und auch Schuhe, die nicht zusammenpassten. Ali trug bestickte, lange Ziegenhaarstrümpfe in seinen groben Bauernschuhen aus Rohleder. Sein Vetter war aus dem Dorf auf dem Esel zur Abschlussfeier geritten und sollte Ali nachts wieder heimbringen. Obwohl er ganz hinten unter den Zuschauern saß, hatte er den Jungen sofort erkannt und lachte auf merkwürdige Art vor sich hin. Doch ein bisschen klopfte auch ihm das Herz.

Jetzt sollte sich der Vorhang öffnen, und der Rektor verließ in diesem äußerst wichtigen Augenblick die Bühne. Er ging auf Zehenspitzen und setzte sich neben den Gendarmeriekommandanten, der ihm den Rücken tätschelte. Unvermittelt erhoben sich wieder Kinderstimmen, feine im Vordergrund, kräftige im Hintergrund. Von der Musikkapelle begleitet, sangen sie:

Auf, du türkische Jugend!

Deine vornehmste Pflicht

Ist, die Freiheit der Türken

Und die Türkische Republik …

und es klang wie ein religiöser Gesang.

Sehr langsam öffnete sich der Kattunvorhang. Er ging aber nicht ganz auf und blieb irgendwo hängen. Na so was, jetzt sind wir erledigt! Musste das passieren? Voller Angst zupfte der Schuldiener Cemal heftig an der Schnur, der Vorhang ging ein wenig mehr auseinander. Vier und eine halbe Reihe Kinder tauchten auf. Die am Rande Stehenden drängten die in der Mitte von rechts und links zusammen, denn sie wollten auch gesehen werden. Doch während des ganzen Geschiebes sangen sie weiter im Chor:

… zu schützen und zu verteidigen

Auf immerdar!

Sie teilten sich und ließen so viel Raum in der Mitte, wie ihnen ausreichend erschien. Da tauchte in einem rechteckigen Ausschnitt an der Rückwand der Bühne – in einem Fenster – das Porträt Atatürks auf. Noch einmal zog der Schuldiener Cemal an der Schnur. Eine Seite des Vorhangs ging auf, die Schnur der anderen Hälfte riss entzwei.

Und dennoch war es ein Erfolg. Etwa dreißig Kinder im Alter von acht bis vierzehn Jahren standen in zwei Gruppen auf der Bühne. Ihre Herzen schlugen dabei so laut und kräftig wie die Trommel der Kapelle. Die Jungen trugen längere oder kürzere Hosen in hellerem oder tieferem Schwarz, weiße Hemden aus Seide, Satin oder auch nur aus einfachem Baumwollgewebe. Jeder von ihnen hatte einen echten oder fast echten Querbinder um den Hals. Die Mädchen trugen schwarze Kittelschürzen mit Trägern, auch hier war die eine etwas heller, die andere dunkler, die eine länger, die andere kürzer. Darunter waren Blusen von Schneeweiß bis Beige zu sehen. Unter den Kragenaufschlägen trugen sie Bänder von reiner Seide bis zu Schnürsenkeln aus schwarzem, zusammengedrehtem Ziegenhaar. Während alle zusammen von der Musik begleitet sangen:

… zu schützen und zu verteidigen

Auf immerdaaaar!

war jenes kleine, nachträglich in der hinteren Bühnenwand ausgesägte Fensterrechteck der eigentliche Blickfang – die Zuschauer konnten es dort im Hintergrund erkennen, wo sich die Kindergruppe aufs Geratewohl geteilt hatte. Und während des Gesangs, Atatürks Appell an die türkische Jugend, kniete Lehrer Dündar hinter der Bühne vor dem Fensterausschnitt und schob ganz langsam ein gerahmtes Atatürk-Porträt durch die Öffnung nach oben. Diesmal applaudierte der Landrat als Erster. Ihm folgten der Gendarmeriekommandant, der Staatsanwalt, der Rektor, danach die pfauenfedergeschmückten Frauen und einige der weiter hinten sitzenden Zuschauer. Ein paar Frauen mit Kopftuch legten die Handflächen zusammen, blieben aber ganz still. Zühtü, der Macun-Mann, stand hinten und klatschte am längsten. In diesem Moment kam auch der Doktor mit seinem brillantineglänzenden Blondschopf herein. Der lächelnde Gendarmeriekommandant ärgerte sich heimlich über ihn, weil er etwas von dem restlichen Applaus auf sich gezogen hatte. Der Rektor erhob sich und lud den Doktor ein, auf dem reservierten Stuhl Platz zu nehmen.

Der Vorhang musste wieder geschlossen werden. Doch weil die Schnur auf der rechten Seite gerissen war, würde dies alles andere als einfach sein. Lehrer Dündar kam vom Bühnenhintergrund angelaufen und gab dem Schuldiener Cemal ein Zeichen. Sie blieben hinter dem Vorhang und zogen ihn mit der Hand zu. Einige Kinder halfen ihnen dabei. Der Vorhang wurde mit zwei Sicherheitsnadeln zusammengesteckt, die aus irgendeiner Hosentasche hervorgeholt worden waren. Lehrer Dündar trat an der linken Seite heraus und stellte sich vor den Vorhang. Er war noch immer von der Begeisterung ergriffen, dass es ihm gelungen war, den Großen Önder einer Sonne gleich über ihnen aufgehen und aus eigenem Mund sprechen zu lassen. Alle Adern in seinem knochigen Gesicht schwollen an, als er das Wort ergriff: »Sehr geehrte, hochverehrte Gäste! Zivilisierte Erziehungsberechtigte! Werte Amtsinhaber unseres Landkreises! Wir heißen Sie zunächst willkommen. Sie haben unserer Schule die Ehre gegeben, haben uns Ihre Güte erwiesen!«

Auf seinen Handzettel hatte er darunter geschrieben: starker und anhaltender Applaus. Er wartete. Einige Hände klatschten. Aber nicht lange. Und auch nicht stark. Die Wirkung der Zeitung Ulus, die er täglich eingehend las, konnte eben niemand abschätzen! Er war ein wenig enttäuscht. Dann fuhr er mit seiner Rede fort: »Unser Vorgesetzter, der sehr geehrte Herr Rektor, hat mir die Aufgabe übertragen, Sie im Namen unserer Schule willkommen zu heißen. Ich möchte ihm in Ihrer Anwesenheit meine Dankesschuld bezeugen. Wir hätten diese Ansprache schon früher halten müssen. Doch wir wollten nicht vor unserem Hehren Önder, dem Großen Atatürk, das Wort ergreifen. Solange Er da vor uns ist, stünde uns nicht das erste Wort zu …«

Diesmal brach in den vorderen Reihen stürmischer Beifall los. Lehrer Dündar war schrecklich aufgeregt. Er wartete ein Weilchen, zupfte den Kragen seines Jacketts zurecht, hüstelte und begann von Neuem: »Unsere Schule hat sich mit Erlaubnis unserer Vorgesetzten monatelang auf diesen großen, bedeutungsvollen Tag vorbereitet. Wir veranstalten diese Abschlussfeierlichkeit gemeinsam mit den Schülern der dritten und vierten Klasse für unsere ersten Schulabgänger, die ihren Platz in unserem Bildungsheer gefunden haben. Nur allzu gern hätten wir diese Aufführungen am dreizehnten und vierzehnten Jahrestag unserer Republik gezeigt. Wir haben auch an die Festtage 23. April und 19. Mai gedacht. Doch es sollte heute sein. Wir sind sehr froh darüber. Denn wir haben getan, was in unserer Macht lag, um diesen glücklichen Tag zu feiern, an dem wir die ersten Soldaten in das Heer der Gebildeten unseres Landes entsenden können. Es ist uns ein Bedürfnis, auch Ihnen gegenüber unsere Dankbarkeit für Ihre Unterstützung auszudrücken …«

Vereinzelt kam Gemurmel aus dem Publikum, wie etwa: »Bitte sehr, keine Ursache!«

»Wir bedanken uns bei unserem geehrten Landrat, der uns für die Vorbereitung dieses Abends Mut und Entschlossenheit zusprach, bei unserem geehrten Kommandanten der Gendarmerie, der uns ständig Anregungen gab, bei dem Beyefendi, unserem hochgeehrten Staatsanwalt, der das vorhin mit Stolz präsentierte Porträt unseres Großen Atatürk von der Wand seiner Amtsräume abnahm und uns leihweise übergab – weil die in der Schule vorhandenen Bilder unseres Großen Önder nicht so groß sind, wie ich leider anmerken muss –, bei unserem Idealisten und jungen Doktor, der uns die Spritze und den weißen Kittel aus seiner Praxis zur Verfügung stellte, beim Händler Șakir Bey, der uns den Stoff für unseren Bühnenvorhang schenkte, bei Talat Efendi, der uns mit der Waage versorgte, und wiederum bei Șakir Bey, der uns den Sack überließ, bei Emin Efendi, der uns das Krepppapier auf Raten verkaufte, und ganz allgemein bei den geschätzten Eltern, die den Kindern die Erlaubnis zur Mitwirkung in unseren Vorführungen gegeben haben. Falls wir Fehler machen, möchte ich Sie im Namen unseres Rektors und Vaters Hüdai Bey im Voraus sehr höflich um Verzeihung bitten.

Lassen Sie uns gemeinsam unserem Rektor für sein Verständnis, seine Hilfe, seine Liebe und seine Fürsorge uns Lehrern und Schülern gegenüber mit Beifall …«

Der Rektor war aufgestanden, noch bevor Lehrer Dündar zu Ende gesprochen hatte. Das Wasser stand ihm in den Augen. Während Lehrer Dündar als Erster applaudierte, grüßte der Rektor nach vorn und nach hinten und setzte sich wieder. Der Staatsanwalt tätschelte ihm den Rücken. Der Landrat, der Kommandant und der Doktor verneigten sich und drückten ihm die Hand. Fast wäre der Rektor in Tränen ausgebrochen, als Lehrer Dündar die Sicherheitsnadeln am Vorhang löste und sich grüßend zurückzog. Zuerst brachte er die Kinder wieder in Reih und Glied, dann schob er sie zusammen und kehrte an seinen verborgenen Platz hinter dem Fensterloch zurück.

Die Schüler begannen, auch jetzt wieder von der Kapelle begleitet, die Polka zu tanzen. Danach war das Rondo dran. Abgesehen von ein paar Kindern aus Beamtenfamilien hatten die meisten die Namen Polka und Rondo zum ersten Mal aus Anlass der Feierlichkeiten gehört. Eigentlich sollten sich Schüler und Schülerinnen beim Tanz berühren. Doch sie taten es nicht, trotz zahlloser Proben. Sie brachten sogar die Schritte durcheinander. Wann immer sie sich umarmen sollten, blieben sie einen Meter weit voneinander entfernt. Doch sollte daraus so manch eine große Liebe zwischen diesen Jungen und Mädchen erwachsen, und eins der Mädchen würde sich später sogar in den Fluss stürzen und ertrinken.

Während die Frau des Emin Efendi der des Sekretärs Osman heimlich Rosinen und Walnusskerne zusteckte, begannen die Kinder, mit Flügeln und Blättern aus Krepppapier kostümiert, ihr Spiel von den Blumen, Faltern und Käfern.

Aysel mit ihren gelben, getupften Flügeln war ein Schmetterling unter den Blumen und Käfern. Alle anderen Insekten wurden von den Jungen gespielt – die Grille, die Biene, die Ameise, der Grashüpfer, die Fliege und ein riesiger, pechschwarzer Mistkäfer. Dieser Käfer war Hasip, der Sohn des Hafız Bilal. Er war spät in die Schule geschickt worden und jetzt bereits vierzehn Jahre alt. Er wusste den Koran auswendig, bestickte heimlich Kanevas für die Aussteuer seiner älteren Schwester und häkelte Spitzen. Sein Vater hatte ihm nicht erlaubt, an der Polka und dem Rondo teilzunehmen. Nur den Auftritt als schwarz eingehüllter Mistkäfer hatte er ihm nicht abschlagen können. Seine Annahme, das Publikum würde schon nicht erkennen, um wessen Sohn es sich handelte, war allerdings ein Irrtum gewesen. Denn die Kinder hatten längst im ganzen Landkreis verbreitet, welche Bühnenrolle Hasip spielte. Doch nur er, Hasip ganz allein, würde wissen, dass er jetzt vor Scham in seiner schwarzen Hülle weinte.

Alle anderen Mädchen außer Aysel stellten Blumen dar – die Tulpe, die Rose, das Veilchen, die Margerite und noch andere. Die Insekten hüpften und sprangen, ließen sich auf den Blumen nieder, stöberten im Blüteninnern herum, knabberten und saugten den Duft ein. Der Schmetterling aber war frei, er flatterte unaufhörlich von einer Blüte zur anderen.

Ja, genau das wollte man darstellen. Doch diese Szene zeigte unvermeidliche Mängel. Einmal ging die Margerite daran, sich auf dem Schmetterling niederzulassen. Der Marienkäfer, der sich eigentlich auf die Tulpe setzen sollte, ließ sich stattdessen von der Biene stechen. Trotz allem war es ein farbiges Bild, und es gefiel den Zuschauern. Auch als die Rose, das heißt Sevil, die Tochter des Staatsanwalts, einen Flügel des Falters zerbrach, wurde dies mit Nachsicht hingenommen, weil sie ihre Rolle weiterspielte, als sei nichts geschehen. Während sich hier und da Flügel, Blüten und Blätter aus Krepppapier lösten und zu Boden fielen, kam auf den Ruf »Zieh!« von Lehrer Dündar aus dem Hintergrund der Schuldiener Cemal herbeigelaufen. Er zog den Vorhang mit der Hand zu und verschloss beide Hälften wieder mit der Sicherheitsnadel.

Die als Väter unter den Zuschauern weilenden Honoratioren und Händler hüstelten unaufhörlich, um die Beschmutzung ihrer Ehre durch die Polka und das Rondo zu kaschieren, und lachten ohne Anlass, um all die in ihren Köpfen rumorenden Gedanken zu verjagen. Es war angeordnet worden, zivilisiert zu sein. Nun, was blieb ihnen anderes übrig, bitte sehr, sie waren zivilisiert. Die Schuld lag nicht bei ihnen.

Aysel war jetzt sehr froh darüber, dass ihre Eltern nicht gekommen waren. Zuerst hatte sie sich furchtbar geschämt vor dem Rektor und Lehrer Dündar, ja sich sogar ein wenig verwaist gefühlt. Doch in diesem Augenblick war sie direkt froh darüber, dass ihr Vater sie nicht sah. Denn Aydın, der Sohn des Landrats, der sich als Biene über das Veilchen beugen und Honig saugen sollte, hatte fälschlicherweise sie, den Schmetterling, um die Taille gefasst. Außerdem hatte er noch in seiner Verwirrung Aysels Wange mit den Lippen berührt, hatte gesummt und sie so »gestochen«.

Die Bühne und auch der Klassenraum waren jetzt von jenem konzentrierten Duftgemisch aus Fett, Essig, Läusekraut und Urin erfüllt. Wenn aber Zühtü, der Macun-Mann, jetzt hinten ein Fenster öffnete, so tat er dies nicht, weil ihn der Geruch störte. Es war vielmehr der Rauch all der Zigaretten, die sich der Landrat, der Doktor und der Staatsanwalt unaufhörlich ansteckten, sodass diejenigen, die hinten saßen, die Bühne nur noch im Dunst erkennen konnten. Jetzt aber beschwerten sich die Leute laut, weil das Fenster offen war, die Schwester des Doktors zum Beispiel, denn die Kinder, die als Zuschauer von der Feier ausgeschlossen worden waren, hockten draußen auf den Akazien und machten einen Heidenlärm bei dem Versuch, einen Blick zu erhaschen. Während noch debattiert wurde, ob man das Fenster schließen solle oder nicht, teilte Lehrer Dündar den Vorhang, stand aufgelöst wie ein angeschlagener Krieger vorn auf der Bühne und sagte: »Meine Herrschaften, wir werden Ihnen nun unsere ›Berufe‹ genannte Darbietung zeigen.« Seine Stimme versagte. Verschämt hielt er die Hand vor den Mund, versuchte zu lachen und hustete: »Dieses Stück wurde, wenn ichʼs untertänigst und in aller Bescheidenheit sagen darf, ganz und gar von mir verfasst. Ich habe nämlich eine gewisse Neigung zur Literatur, zum Schreiben, müssen Sie wissen … Es war ein Vergnügen für mich, ich habe es voll Enthusiasmus und ganz und gar von Herzen kommend geschrieben. Und mir ist dieses Thema eingefallen. Denn unsere Kinder sollten meinem Wunsch gemäß erfahren, was jeder Beruf im Leben bedeutet, was man von ihnen an Verlässlichkeit und Opferbereitschaft verlangt, bevor sie aus der Wiege des Wissens, aus den höheren Schulen als achtbare Angehörige eines Berufes entlassen werden. Sie sollten die Mühen und Freuden jedes Berufes kennenlernen. Möge ein jedes von ihnen seine Aufgaben so wählen, dass es auf dem Weg, den unser Atatürk vorgezeichnet hat, unserem ruhmvollen Lande Nutzen bringe. Mögen sie ungebeugt und unverdrossen für dieses schöne und einmalige Vaterland arbeiten. Und wenn es sein muss, bereit sein, ihr Leben dafür zu geben …«

Er war am Ende mit seiner Rede. Doch den Vorhang, den er geschlossen hielt, ließ er eine Zeit lang nicht los. Die Kinder mussten die Kostüme wechseln, mussten die Kleider ihrer Berufe anlegen. In dieser Angelegenheit verließ er sich auf Ziya, den Lehrer der ersten und zweiten Klasse. Lehrer Dündars Kostüm stand fest. Er würde auch in diesem Spiel wieder ein Lehrer sein, ein idealistischer Lehrer. Wie viele Gedanken, wie viele bedeutende Worte er nächtelang in seinem Junggesellenzimmer, in seinem Bett, auf dem Abtritt oder bei Tisch ganz für sich wiederholen, doch niemals hatte laut äußern können – heute Abend würde er sie allesamt aussprechen. Endlich würden die hohen Beamten und führenden Persönlichkeiten der Kleinstadt sehen und hören, wie ihre Lehrer waren und was sie dachten. Sie würden auch erfahren, dass er ein guter Schriftsteller war. Gab es da doch einen ganz besonderen Spruch: »Eines Tages stirbt auch der Lehrer. Er lebt jedoch in Tausenden und Abertausenden von Menschen weiter. Wie eine Flamme, wie ein unauslöschliches Feuer gibt er die Fackel des Wissens von einer Generation zur nächsten weiter.« (Er wird diese Worte im Sterben liegend sagen, nachdem ein fanatischer Hoca ihm mit einem Stein den Schädel eingeschlagen hat.) Jetzt musste man sich beeilen.

Er schaute hinunter zum Publikum und sagte: »Geben Sie mir fünf Minuten Zeit. Verzeihen Sie bitte, dass wir Sie warten lassen.« Dann zog er sich hinter den Vorhang zurück und rief dem Schuldiener Cemal zu: »Halt du ihn doch mal! Ich hab keine neun Hände!«

Er wollte Cemal die beiden Enden des Vorhangs übergeben. Der Schuldiener hatte die Schwierigkeit der Lage verstanden, fürchtete jedoch, beim Festhalten des Vorhangs von den Zuschauern gesehen zu werden: Wie habe ich das bis jetzt geschafft? Wie konnte ich mich so offen zeigen beim Vorhangziehen? Ich hab vorher gar nicht dran gedacht. Als mir klar wurde, dass mich alle sehen, hab ich den Kopf verloren! Ach bitte, Herr Lehrer, ich tue ja sonst alles für Sie. Bin doch mein Leben lang noch nie auf der Bühne gestanden! Möchte vor Scham ins Mauseloch kriechen! Und wenn mich dann noch mein Schwager in diesem ganzen Schlamassel zu Gesicht bekommt? Wir machen uns lächerlich, mein Lieber! Würde es dann nicht heißen, der Junge aus Darende ist Schausteller geworden?

»He, Mann, halt das endlich!«

Der Schuldiener Cemal wusste nicht mehr, was hinten und vorne war. Statt vorzutreten, zog er sich ganz zurück. Ach, wenn doch einer vorspringen und Lehrer Dündar den Vorhang aus der Hand nehmen würde! Es kam aber niemand. So wickelte sich Cemal in das eine Vorhangende hinein und kam vorsichtig näher.

Die Kinder, die auf der Bühne stehen mussten, waren mit ihren eigenen Sorgen beschäftigt. Dem Arbeiter war der Knopf von seinem Monteuranzug abgerissen. Die Getreideworfel von Ali aus dem Dorf Karakaya war zu groß für die Bühne. Der Kittel des Doktors wiederum war einfach nicht aufzufinden. Ertürk hielt die Spritze aus der Arztpraxis in der Hand, hatte den Blutdruckmesser umgehängt, stand aber ohne Kittel da. Jemand flüsterte: »Namık hat ihn geklaut.« Ali ließ dem Flüsterer die Faust auf den Rücken sausen. Namık, der aus dem Dorf Akyazı kam, hatte keine Ahnung von alldem und lief unterdessen mit der Waage aus Talat Efendis Laden herum. Da er nicht sehr groß war, berührten die schaukelnden Waagschalen den Boden. Der Sohn des Landrats in seiner schwarzen Anwaltsrobe mit rotem Satinkragen, die über den Boden schleifte, trug einen Schnurrbart, der mit verkohltem Kork aufgemalt war. Er lief aufgeblasen hin und her und wiederholte ständig die Sätze »Gerechtigkeit ist die Grundlage des Staates. Das Volk hat das Wort«. Doch er gehörte zu jenen, bei denen alles stimmte. Wie auch bei Sevil, der Tochter des Staatsanwalts. Sie stand, eine Blumenkrone auf dem Kopf, die Nägel lackiert, die Lippen rot bemalt, im rüschenbesetzten rosa Taftkleid mit ihrer Violine in der Hand ungeduldig zwischen den anderen. Sie würde Violinistin sein in der Aufführung und in einem Konzertsaal spielen. Du liebe Zeit, wie war sie nur in diesen Sumpf geraten, statt in einem echten Konzertsaal aufzutreten? Wo sie doch eine echte angeheiratete Tante in Deutschland hatte! Am schwersten aber war die Lage für Aysel. Auf Anraten der Ehefrauen des Landrats und des Staatsanwalts hatte man als Kleidung für jene Rolle an eine der Mode entsprechende Robe aus Seide, an einen Mantel mit Pelzkragen über den Schultern, einen modischen Hut auf dem Kopf, eine elegante Tasche in der Hand und dazu Seidenstrümpfe und Stöckelschuhe gedacht.

Wenn sich Aysels Vater, Salim Efendi, bis vor Kurzem noch gerühmt hatte, einer der Gendarmen gewesen zu sein, in deren Begleitung İsmet Paşa während des Befreiungskrieges nach Ankara gekommen war, so schien ihm das nunmehr entfallen zu sein. Diese Feierlichkeiten passten ihm ganz und gar nicht. Er gehörte zu den in der Kleinstadt Ansässigen und war Eigentümer eines kleinen Ladens, genauer, des ersten am Markt, wo er alles verkaufte, vom Läusekraut bis zum Seil, von Topf und Pfanne bis zu Papier und Stift, von Ingwer über Nudeln und Barchentgewebe bis zu Bienenwachs. Er hatte es nicht fertiggebracht, für etwas Geld auszugeben, an dem seine Tochter ohne Erlaubnis teilnahm, oder von einem der Ballen Damaskus-Seide an der rechten Wand seines Ladens zwei Meter abzuschneiden. Seine Frau aber hatte den Tränen der Tochter nicht widerstehen können. Sie war nachgiebig geworden und hatte eine zartgrüne Bursa-Seide aus ihrer Truhe geholt, die eigentlich für Aysels Aussteuer gedacht war. Die Freude, die sie damit ihrer Tochter machte, sollte im Grunde genommen ihre Sehnsucht nach İlhan, dem Sohn, stillen, der seit einem Jahr die Mittelschule in Balıkesir besuchte. (Den Sohn auf eine Mittelschule zu schicken, war womöglich Salim Efendis letzte Tat im Sinne İsmet Paşas.)

Aysels Mutter, Frau Fitnat, tat sich mit der Nachbarin Zekiye zusammen. Sie nähten – von dem Gedanken beseelt, die Tochter könne es auch nach der Hochzeit noch tragen – aus dem zartgrünen Seidenstoff ein seitlich drapiertes Kleid mit langen, engen Ärmeln und spitzen Kragenenden, dessen eine Spitze mit einer Blume verziert werden sollte. Da sie beide keine Schneiderinnen waren, hatte das Kleid nur wenig Ähnlichkeit mit dem Modell aus ihrem Nähkurs. Trotzdem meinten sie, dass der Stoff nicht ganz umsonst geopfert worden war.

Einen Mantel mit Pelzkragen aber hatte man für Aysel nicht finden können. Was man auftreiben konnte, war ein glänzend schwarzer Samtmantel aus der Brautzeit von Ertürks Großmutter, Frau Zişan. Die war jedoch zu jener Zeit einen Meter siebzig groß gewesen und hatte zweiundneunzig Kilo gewogen. Doch als man Aysel diesen aufgerauten Samtmantel umlegte, fand er selbst bei größter Nachsicht keine Anerkennung, wurde wieder zusammengepackt und verschwand in Frau Zişans Truhe. Vielleicht hätte man, was den Mantel für Aysel betraf, eine passende Lösung gefunden, wenn die Ehefrauen des Klein- und Mittelgewerbes an den Empfangstagen der Beamtengattinnen hätten teilnehmen können. Doch die Damen der höheren Beamten begnügten sich damit, Lehrer Dündar gute Ratschläge zu geben, und später vergaßen sie Aysel. Sie hatten selbst Kinder, für die rüschenbesetzte Kleider, Anwaltsroben, weiße Hemden und schwarze Hosen zu nähen waren. Aus all diesen Gründen wurde Aysels Kostüm einer städtischen Beamtin aus sehr knappen Mitteln vervollständigt. Die Hebamme Nurinnisa steuerte zwei an den Köpfen verbundene Füchse bei. Lehrer Dündar fand keine Zeit, etwas dagegen einzuwenden, dass man zwei Füchse nahm statt einen Mantel mit Pelzkragen. Aysel besaß eine Mütze aus Ziegenhaar. Ihre Mutter schmückte diese Mütze, wieder von Zekiye unterstützt, mit Hahnengefieder statt Pfauenfedern und mit Schleifen. Und der Kragen des zartgrünen Kleides aus Bursa-Seide wurde mit einem Bouquet von Blüten aus Häkelspitze verziert. Die eigentliche Schwierigkeit waren die Stöckelschuhe, die das Kind tragen sollte. Die weißen Pumps mit den Spitzen aus Schlangenleder, die ihre Mutter auf jeder Hochzeit trug, konnte Aysel nur zur Hälfte ausfüllen. Außerdem war es der Kleinen unmöglich, sich auf den spitzen Absätzen zu halten. Ein, zwei Versuche zu Hause endeten damit, dass die Pumps in der Mitte durchbrachen. Und das war der Moment, als ihre Mutter rebellierte. All diese vor Salim Efendi geheim gehaltenen Vorbereitungen waren ihr jetzt schlichtweg zu viel geworden: »Ich habe deine Schule satt! Auch deine Feierlichkeiten! Lass mich endlich in Ruhe!«

Und so befanden sich beim Auftritt der Berufe an Aysels Füßen wieder diese in der Mitte durchgeknacksten Schuhe. Sie waren innen mit Lappen ausgestopft, und außerdem trug das Mädchen über den Seidenstrümpfen noch dicke Wollsocken, damit es sich beim Gehen überhaupt auf den Beinen halten konnte. Das also war aus Aysels städtischer Beamtin geworden.

Die Getreideworfel in Alis Händen hätte Semiha fast das Auge ausgestoßen. Lehrer Dündar bedauerte, dass er für die Rolle des Bauern, des eigentlichen Herrn in unserem Lande, keine Worfelprobe angesetzt hatte. Er sagte zu Ali: »Lass die Worfel. Nimm einfach nur diese Sichel und die Packtasche in die Hand.«

»Aber Herr Lehrer, womit soll ich denn worfeln, wenn ich an der Reihe bin?«

»Worfle nicht. Hol etwas aus der Tasche und tu so, als würdest du essen.«

»Soll ich etwa mein Lied Wehe, mein Wind, wehe nicht singen?«

»Tu so, als wärst du sehr müde und in Schweiß gebadet, singe es auf diese Art, so, als wolltest du dich abkühlen.«

»Jaaa, aber Herr Lehrer, soll ich wirklich nicht singen:

Wehe, mein Wind, wehe,

Wirble es auf, das Stroh.

Unser Atem bist du

In der Erntezeit.

Schau, ich bin doch

Bei meiner Ernte.

Meine Arbeit stockt

Wenn du nicht wehst?

Die Zuschauer wie auch Lehrer Dündar waren am Ende mit ihrer Geduld. Der schob Ali zur Seite. »Mach, was du willst!«, erklärte er kurz angebunden. Dann lief er los, um Yeners Monteuranzug mit einer Nadel festzustecken und Ertürks Hosenbund festzumachen. In diesem Moment stieß er mit Namık zusammen, der mit der Waage in der Hand herumlief. Laut scheppernd fiel sie dem Jungen aus der Hand. Lehrer Dündar gab dem Jungen ordentlich eins hinter die Ohren. Nein, Kollege Ziya taugte aber auch zu gar nichts! Er ist einfach nicht von ganzem Herzen mit dabei. Sonst hätte er mir ja wirklich helfen können. Nun sieh sich einer das an! Was hat die Schiffslampe auf dem Tisch des Beamten zu suchen? He Bruder, die Schiffslampe ist doch für die Szene des 19. Mai 1919 gedacht! Die letzte, die allerletzte! Kann man sich das nicht einmal merken? Nichts hat er von sich aus dazu beigetragen! Nun ja, damit man im Stande ist, etwas selbstständig zu tun, muss man das leuchtende Ideal stets in seinem Herzen tragen … das Ideal.

Das Spiel der Berufe wurde schlecht und recht aufgeführt. Immerhin konnte Lehrer Dündar seine eigene »Tirade« fehlerfrei hersagen. Er bekam heftigen Applaus. Der allein war alles wert gewesen.

Gegen zehn Uhr abends fand das Programm mit dem Marsch des zehnten Jahres sein Ende, den die Kinder nochmals in Begleitung der Beschneidungskapelle sangen. Welch ein Glück! Vieles war erreicht worden. Vieles auch nicht. Doch Lehrer Dündar – und auch die Kinder natürlich – hatten fest daran geglaubt, dass man aus jedem Kampf ehrenhaft hervorgehen kann: Wie es auch sei, was auch sei – Türken sind wir, sind die Republik, unsere Brust eine bronzene Wehr …

2

07 Uhr 28

Ich werde nicht zum Unterricht erscheinen. Die Sekretärin wird sich wundern, dass ich fortbleibe, ohne Bescheid zu geben. Sie wird sehen, wie die Studenten während meiner Unterrichtsstunde auf dem Flur herumwandern. »Frau Aysel ist nicht gekommen«, werden sie sagen. Sie freuen sich, gehen hinaus in den Park, setzen sich in die Mensa. Niemand wird auf den Gedanken kommen, dass ich gestorben bin. Vielleicht ruft die Sekretärin zu Hause an. Und danach, in den folgenden Tagen, was wird dann geschehen? Was solls, ich werde es nicht erfahren. Hier liege ich also. Ich warte auf das Ende, meinen Tod.

»Eine neue Generation wird geboren!«, hieß es in unserer Kindheit. So kam dieser Geburt eine besondere Verantwortung zu. Atatürk hatte gesagt: »Auf, türkische Jugend! Deine vornehmste Pflicht …« Die oberste erste Aufgabe. Was ist das, eine oberste Pflicht? Eine Verantwortung, die euch aufgebürdet wird, ohne eure Belastbarkeit zu ermessen.

Im Zimmer wird es zunehmend wärmer. Es muss Tag geworden sein hinter den Vorhängen. Wie spät es wohl ist? Acht, neun, zehn vielleicht …

Gegen Morgen war ich in Küçük Esat. Bin dort durch alle Straßen gewandert. Über dem Dedeman-Kino sah ich zwei große Plakate. Schwere Jahre und Mach dich nicht lustig über mich. Dann las ich den Namen eines Apartmenthauses: Șencan Apartment – Frohleben-Apartment. Weshalb wohl hatte der Bauherr seinem Apartmenthaus diesen Namen gegeben? Eines Abends war vielleicht die ganze Familie beim Essen versammelt gewesen. Jeder beteiligte Erbe wollte in dieser Sache mitreden. Die Mutter hatte gemeint: »Uğur – gutes Omen – soll der Name sein.« Was der Tochter nicht gefiel: »Yuva – Nest – soll es heißen, Nest-Apartment!«, meinte sie. Der Jüngste war auf Papas Knie gesprungen und hatte »Șimşek – Blitz« gesagt. »Papa, Papa, nennen wir es doch Blitz!« »Unmöglich!«, hatte die Mutter voll Abscheu ausgerufen. »Das ist wie ein Pferde- oder Hundename. Das gefällt mir gar nicht!« Der Jüngste war auf Vaters Knie herumgehüpft: »Blitz, Papa, Blitz …« Die Wände hatten nach frischer Farbe gerochen. Die Familie war vermutlich, falls der Vater oder die Mutter nicht unter hohem Blutdruck litten, im obersten Stock eingezogen. Damit niemand die Möglichkeit hatte, von oben her Teppiche auszuschütteln oder Lärm zu machen … Sie hatten sich neue Möbel angeschafft. Die Mieter waren umsichtig ausgewählt, auch deren Lebensweise war genau geprüft worden. Man hatte hitzig debattiert, ob der Name des Apartmenthauses auf schwarzem Marmor oder auf beleuchtetem Glas stehen solle. Die Nachtstunden waren angefüllt mit Diskussionen über den Namen für das Apartmenthaus und die entsprechende Schrifttafel. Jeder wusste alles besser, bis es dem Vater zu viel wurde, sodass er schließlich dazwischenfuhr: »Emek – Fleiß – soll der Name sein!« Dem aber hielten Vaters Schwester und auch Mutters Bruder entgegen: »Bist du denn ein Arbeiter? Auf solch einen Angebernamen würde nur ein Arbeiter kommen!« Und wieder gingen sie schlafen, ohne sich einig geworden zu sein. Beim Frühstück am nächsten Morgen hatte die Mutter dann den Namen bekannt gegeben, der im Lauf der Nacht zwischen Schlafen und Wachen Form angenommen hatte in ihrem Kopf, und auch die Begründung dafür genannt: »Wir wollen es Șencan – Frohleben – nennen, weil einmal Hab und Gut die Bausteine des Lebens sind, zum anderen, weil du, Mann, Leben von deinem Leben hinzugefügt hast, um dieses Haus zu bauen, und auch, damit Allah uns hier allen gemeinsam das Glück eines frohen, unbeschwerten Lebens schenken möge. Wie dem Menschen, so ist dieser Name auch Allah gefällig.« Eine Zeit lang sprach jeder diesen Namen vor sich hin: »Frohleben – Frohleben«, um sich daran zu gewöhnen. Nicht allen gefiel er so richtig, doch sie behielten ihre Gedanken für sich, denn falls Kritik laut werden sollte, konnte man sagen: »Auch ich habe ihn eigentlich nicht gemocht!«

Nun ja, so heißt das Apartmenthaus also Frohleben. Oder ist das etwa der Name der Familie?

Ich liege im Bett, rühre mich nicht. Das Zimmer, in das ich zum Sterben kam, ist mollig warm. Dennoch friert mein nackter Körper auf dem sauberen, gestärkten Laken. Ich zittere unter der Wolldecke. Dieses Zittern bringt mich dem Tod näher, wie es mich auch von ihm entfernt. Es mag ein Todeszittern sein. Doch es sagt mir, dass ich noch nicht gestorben bin. Meine Körperzellen schreien unaufhörlich, dass ich noch immer lebe. Wann werde ich wohl sterben? Wann wird der Lebenskampf zu Ende sein? Wenn eine meiner Studentinnen sähe, dass ich mich hier wie Anna Karenina oder Madame Bovary zum Sterben aufs Bett gelegt habe – wer weiß, wie sie dann lachen würde! Und wie man dann die Köpfe zusammenstecken und sich lustig machen würde über uns, die wir eine solche Wahl getroffen haben …

»Signieren Sie mir bitte Ihr Buch, Hocam?« Meine Güte, war dieser Junge naiv! Man wird an die eigene Kindheit erinnert, als ob sich rein gar nichts verändert hätte. Dennoch freut es mich tief innerlich, wenn einer meiner Studenten zu mir kommt und mich auf diese Weise anspricht. Ich suche beim Signieren meines Buches stets nach eindrucksvollen, auch in Zukunft noch gültigen Worten. Doch dann schreibe ich, als sei es unwichtig, nur rasch einen Namen hin und setze meine Unterschrift darunter. Dann verlasse ich den Seminarraum, ohne eine Regung zu zeigen.

Wenn sich der Mensch Flügel aus Krepppapier ansteckt, glaubt er, ein Falter zu sein. Schaf im Schafspelz, Wolf im Wolfspelz … Man kann euch auch ein Ideal überstreifen, und die Hügel von Etlik werden zu Bergen in euren Augen.

Lehrer Dündar liest die Zeitung Ulus

Mümtaz Faik Fenik ist der Chefredakteur. Nasuhi Baydar verfasst die Leitartikel. Yaşar Nabi ist zuständig für Kommentare. Ahmet Șükrü Esmer schreibt über die Außenpolitik.

Hatay ist befreit. Das Parlament von Hatay wird am folgenden Tag zusammentreten.

Ministerpräsident Celal Bayar ist während der Parade zum 30. August Seite an Seite mit dem Minister für die Landesverteidigung, Kâzım Özalp, und dem Kommandeur von Istanbul, Halis Bıyıktay, fotografiert worden. Im Anschluss daran ist er gemeinsam mit dem Justizminister, Șükrü Saraçoğlu, dem Minister des Äußeren, Rüştü Aras, und dem Minister für Finanzen, Fuat Ağralı, mit dem an den Express angehängten Sonderwaggon nach Ankara aufgebrochen. Auf dem Bahnhof wurden sie vom Generalsekretär des Staatspräsidiums, dem Ersten Adjutanten, von Abgeordneten, Generälen, Regierungsmitgliedern und einer dicht gedrängten Volksmenge verabschiedet.

Es gab ein Kultusministerium. Die Nachprüfungen wurden als »Hindernisprüfungen« bezeichnet, der Monat Oktober »Birinciteşrin« – 10. Monat – und das Justizministerium »Gerechtigkeitsministerium« genannt.

Zur Vorbeugung und Heilung von Malaria wurde Biogenine verkauft.

Die neuesten Radiomodelle der Marke Blaupunkt waren in Ankara eingetroffen.

Vehbi Koç und Partner rief die Bewohner Ankaras auf, jetzt schon ihre Kohlen in seinem Geschäft Ulus-Platz 13 einzukaufen, damit sie im Winter nicht unter einer Verknappung leiden müssten. Der Übergang von Holz zu Kohle vollzieht sich rasch.

Vor dem Taşhan von Ankara sind am frühen Sonntagmorgen Reihen von Autobussen zu sehen. Sie sind für die Besucher des Çubuk-Staudammes, der vor zwei Jahren für die Hauptstadt erbaut wurde. Es gibt zwei Ruderboote auf dem See dieses »Staudamm-Erholungsortes«. Auf einem Foto ist ein Familienvater in einem dieser Boote beim Rudern zu sehen, der Sohn im Matrosenanzug sitzt neben der Gattin des Familienoberhauptes, die Mutter trägt einen weißen Strohhut mit breitem Rand und breiter Schleife und versucht sich unter einem Schirm vor der Sonne zu schützen. Das Familienoberhaupt hat den Kragen seines weißen Hemdes über den seines Zweireiherjacketts gestülpt. Aus seiner Brusttasche ragt der Zipfel eines weißen Taschentuchs. Die Lippen ziert ein Victor-Francen-Schnurrbart. Er betätigt die Ruder so aufmerksam, als befehlige er einen Transatlantikdampfer. (Man könnte unter das Foto »Belle Époque in der Hauptstadt« schreiben.)

Der Vorstand des Jagdclubs Ankara hat die für August geplante Generalversammlung der Vakanzen wegen auf die Zeit nach dem Fest der Republik verschoben und beschlossen, die Eröffnung der Jagdsaison am Sonntag in drei Tagen unter den Weiden der İvedik-Farm zu feiern.

Das Hotel İstihlâk auf dem Samanpazarı ist unter der Bedingung, einen »kreditwürdigen Bürgen« vorzuweisen, zur Vermietung freigegeben. Vorgesehen ist auch, die darin befindlichen Möbel an den Mieter zu verkaufen. Das Europa-Hotel wiederum hat den verehrten Gästen seine Eröffnung als sauberes und komfortables Haus mitgeteilt.

Im Yenidoğan-Gartenkino in Cebeci werden auf Türkisch Das Hirtenmädchen und ungekürzt und ohne Pausen Die Wolga-Sträflinge gezeigt. Im Neuen Kino und im Volkskino hingegen Die gelben Gefangenen mit dem Darsteller Paul Muni.

In spannenden Kämpfen haben wir die nationale Ringermannschaft von Finnland 4 zu 3 besiegt. (Kenan Olcay mit 56 Kilo, Ahmet Işık mit 68 Kilo, Yahya Kalkan mit 66 Kilo, Celâl Atik mit 72 Kilo, Ahmet aus Mersin mit 78 Kilo, im Schwergewicht Mehmet Çoban, das heißt Mehmet der Hirte.) Unsere großen Persönlichkeiten haben sich das Fußball-Nationalspiel angesehen. Celâl Bayar, Șükrü Kaya, Ali Çetinkaya, Rânâ Tarhan, Faik Kurdoğlu …

164 712 Personen haben innerhalb einer Woche die Messe in İzmir besucht.

Die Stadtverwaltung von Adana hat den Erwerb eines »Erste-Hilfe-Automobils« beschlossen und einen Unternehmer damit beauftragt. Weiterhin aus Adana: Wegen der Vordringlichkeit, die 160 000 Hektar große Ebene von Adana zu bewässern, wurden bis heute neun Sondierungsbohrungen in der Ebene vorgenommen, für die Regulierung des Seyhan-Flusses wurde eine Kontrollstation gebaut, für die wiederum eine Beamtenstelle geschaffen wurde. Wie man betont, wird der neue Staudamm, der mit dem Kanalsystem in zwei Jahren fertiggestellt sein soll, anstelle von Hochwasser und Dürre dann Gesundheit und Reichtum bringen.

Unter Einbeziehung des Gesetzes Nr. 3479 und gemäß den letzten Änderungen wurden Einkommenssteuerregelungen und ihre praktische Durchführung seitens Nihat Ali Üçüncüs schriftlich festgehalten.

Trotz des Spruchs »Nach Dersim kann man ziehen, doch siegen wird man nicht« ist der Generalinspekteur Generalleutnant Abdullah Alpdoğan nach Dersim gefahren, hat mit den Bauern gesprochen und ist während des Gesprächs fotografiert worden. Von zwei Kräften ist die Rede, denen Dersim (Tunceli) gehorcht: Militär und Beton. (Es führt kein Saumpfad von Mazkirt nach Mameki. Doch Pertek ist von Mameki aus mit dem Ochsenkarren zu erreichen. Başvartenik und Hozat sind durch eine gepunktete, über Çemişkezek führende Straße verbunden. Das zeigen die Straßenkarten.)

»Die Sonderverwaltung der Provinz Samsun« hat in einer Anzeige veröffentlicht, dass ein Veterinärgehilfe mit einem Monatslohn von siebzig Lira sowie ein Veterinär mit einem monatlichen Grundgehalt von dreißig Lira gesucht werden. Allen Interessenten, Veterinären, frei oder pensioniert, Zivilisten oder Militärangehörigen, wurde mitgeteilt, sich mit ihren Unterlagen bei der Provinzbehörde zu bewerben.

In Ankara hat man die Arbeiten für die Anlage des Gençlik-Parks aufgenommen, den Ort für den künstlichen Teich bestimmt und die Aushubarbeiten begonnen.

In Eskişehir wurde eine Baumschule und Sämerei gegründet, um den Bedarf an Baumschösslingen für Zentralanatolien zu decken, und es wurde mitgeteilt, dass man jährlich anderthalb Millionen Schösslinge in der Baumschule heranziehen werde.

Odéon hat seine neu herausgegebenen Platten Das Weidenblatt am Boden und Wasser fließt von Sarıyer her angekündigt. Es wurde auch darauf hingewiesen, dass die seit dreißig Jahren auf diesem Gebiet tätige Firma Odéon weitere Platten mit ausgesuchten Künstlern wie Frau Safiye, Vedia Rıza, İfakat, Küçük Melâhat sowie Herrn Münir Nurettin, H. Fahri, Kemal Gürses, Fahri aus Malatya und Refik Başaran herausgebracht hat. Die Instrumentalgruppe der Odéon wiederum hat mit Violine, Kanun, Klarinette und Cümbüş eine weitere Platte der klassischen Volksmusik Müstear Karşılama und Çargâh Karşılama aufgenommen.

»Der Cellât-See, die Ursache für eine große Katastrophe in der Senke des Kleinen Menderes, wurde trockengelegt.«

»Radio Ankara beginnt seine Übertragung um 14.30 Uhr mit dem bunten Musikprogramm und schließt um 15.15 Uhr mit den Agenturnachrichten. Die Übertragung am Abend beginnt um 18.30 Uhr mit Plattenaufnahmen von Tanzmusik, es folgen Volkslieder mit Selâhattin und Semahat, um 20.00 Uhr erfolgt die genaue lokale Zeitansage, im Anschluss an die nachfolgende Sendung in arabischer Sprache wird um 20.15 Uhr (dem Wochentag entsprechend) ein Hörspiel der Jugendgruppe mit dem Titel Verleumdung übertragen, dem folgen um 21.15 Uhr Gesangsaufnahmen und das Studio-Salonorchester. Dieses Orchester spielt Des Königs Soldaten von Rudolf Kattnigg, Marche Héroique von Mauton, Die kleinen Soldaten von Bruno Marks und Légende von Vieniawski. Nach den Agenturnachrichten um 22.00 Uhr wird die Sendung mit dem Verlesen des Programms für den nächsten Tag um 22.15 Uhr beendet.«

»Radio Istanbul beginnt seine Übertragung mittags um 12.30 Uhr mit Plattenaufnahmen türkischer Musik. 12.50 Uhr werden Nachrichten verlesen. Nach einer Unterbrechung des Programms um 13.30 beginnt die Übertragung dann um 18.30 Uhr von Neuem mit Plattenaufnahmen von Tanzmusik. Um 20.00 Uhr wird in Direktübertragung von der Sternwarte Greenwich die lokale Uhrzeit angesagt, danach werden von Belma und ihren Freunden türkische Musik und Volkslieder geboten, dann hält Ömer Rıza Doğrul eine Ansprache auf Arabisch, und nach der um 21.00 Uhr wiederholten Zeitansage spielt das Orchester Örö Denuman von Buske, den Dans Espanyol von Moskoviski u. a., gegen 22.00 Uhr werden ungarische Künstler unter der Leitung von Olga dö Șomogyni verschiedene Lieder singen, wie Berjöret aus dem 18. Jahrhundert, An der schönen blauen Donau von Strauß, den Barbier von Sevilla von Rossini. Um 22.50 Uhr: Agenturnachrichten, das Programm für den folgenden Tag, Zeitansage und ENDE.«

Die neue Radiostation in Ankara ist mit einem Festakt eingeweiht worden. Das bislang mit fünf Kilowatt arbeitende Radio Ankara strahlt nunmehr mit hundertzwanzig Kilowatt aus. Aus diesem Grund hatte einer unserer Kolumnisten geschrieben: »Wir sollten um Himmels willen vorsichtig sein! Die ganze Welt wird uns jetzt hören!«

Ein weiterer Autor hat in seinem mit »Ankaras anatolische Bauern-Arbeiter« betitelten Artikel gesagt: »Es gibt einen schmerzlichen Aspekt in dem so modernen, zivilisierten Bild von Ankara: die abgerissene Kleidung dieser anatolischen Bauern-Arbeiter, denen man in den Abendstunden scharenweise auf dem Atatürk-Boulevard begegnet. Im schlimmsten Fall wird ein Fremder beim Anblick ihres Aufzugs glauben, dass alle türkischen Dorfbewohner bedauernswert arm sind.«