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"Ich bin begeistert" (Johannes von Creytz, Bayrischer Rundfunk) "Diese Berichte haben einen ungemeinen Sog" (Samuela Nickel, Tageszeitung neues Deutschland) 18 Erzählende schildern einen Moment, in dem sie bereit waren, sich zu prügeln. Und wie es dazu kam. Und ob sie es wieder tun würden. Der Autor Houssam Hamade führte zahlreiche Interviews. Die interessantesten sind hier versammelt. Das Buch enthält Illustrationen von Marie Petri und eher mentale Techniken des Prügelns. Warum Prügelgeschichten? Sie sind eine Fundgrube für Menschen, die sich dafür interessieren, was uns antreibt. Sie erzählen uns nämlich etwas darüber, was uns wichtiger ist als unsere heile Haut.
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Seitenzahl: 77
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Fuck you an alle, die mich mit ihren
Unkenrufen heruntergezogen haben.
Meine Liebe geht an Joanna, Goldmann,
Sophie, Tim, Lucy, Chrischan, Nora,
Johannes, Paul, Viola, Timo, Eric, Tobi,
Max, Christine, Sami und Hannah.
Ich danke den Erzählenden für ihre
Offenheit.
Einleitung
Arkadi
– Hast du Feuer, du Schwanz?
Die Hasspumpe
Joanna
– Ich hab die Engel singen hören
Der Dänemann
Mike
– Dann hauen sie einfach ab
Der Mob
Steve
– Eine Ohrfeige hätte auch gereicht
Der Psycho
Gese
– Entweder Opfer oder Täter
Der brüllende Gorilla
Lars
– Da schlage ich lieber zuerst zu
Aus dem Konzept bringen
Fabian
– Ich lass mich doch nicht abstechen
Selbstprogrammierung
Lena
– Jetzt werde ich mich nie mehr schlagen lassen
Die weiße Wut
Houssam
– Die Stimme aus dem Inneren
Schlangenaugen
Steffi
– Wenn reden nicht hilft
Die Wutfratze
Mücke
– Wie nihilistisch muss man sein?
Der Suckerpunch
Alissa
– Nachricht überbracht
Die überraschende Deeskalation
Filip
– Du kannst es auch lassen
Der Dreschflegelangriff
Kalli
– Dazu war ich dann doch zu stolz
Geschichten erzählen
Eva
– Ein Verrückter reicht
Der Aschenbecherwurf
Paul
– Ein richtiger Vernichtungswille
Mit dem Leben abschließen
Alex
– Das Schlimmste, was du einem antun kannst
Sich ausziehen
Lutz
– Nur so ein bisschen wehtun
In diesem Buch geht es um einen bestimmten Moment. Der Moment, in dem es „Klick“ macht: In dem wir uns entscheiden, zuzuschlagen. Es ist gar nicht lange her, dass ich selbst diesen Moment erlebt habe.
Wir feierten lange und rauschend bei mir zu Hause meinen Geburtstag. Gegen Ende der Feier waren nur noch wenige übrig. Einer war darunter, den ich nicht kannte. Ich erwischte ihn dabei, wie er eine Flasche Rum mitnehmen wollte, die ich geschenkt bekommen hatte.
Als ich ihn fragte, was das solle, witzelte er nur herum. Er hüpfte wie ein Kind auf und ab und erklärte, dass das nun seine Flasche wäre, und er würde sie mitnehmen, das sei ihm doch egal, wem die gehöre.
Ich wurde wütend. Schließlich war das mein Zuhause und mein Geburtstagsgeschenk. Also packte ich ihn am Arm, um mir die Flasche zu nehmen. Lachend zerschmiss er den schönen Rum auf den Dielen meines Wohnzimmers.
Und da machte es ganz sanft und eindeutig „Klick“. In einem Halbkreis schlug ich ihm meinen Handballen gegen den Kopf. Nicht so hart, dass ich ihn hätte verletzen können, aber so hart, dass er kurz zu Boden ging. Schimpfend und gar nicht mehr lachend rappelte er sich wieder auf. Ich packte ihn an beiden Armen und schob ihn, der wie ein Fliesenleger tobte, bis vor die Haustür. Ein schlechtes Gewissen hatte ich nicht.
Der Moment, in dem ich ihn schlug, war ein schöner Moment: kristallklar. Die Zeit kam fast zum Stehen.
Ich fühlte mich stark und eins mit mir.
Im Nachhinein kamen mir aber Zweifel. Vielleicht hätte man das Ganze auch mit Reden regeln können. So bin ich erzogen worden. Gewalt ist etwas für Dumme. Kluge reden lieber. Aber die Zweifel legten sich schnell. Ich finde nämlich, dass er den Schlag verdient hat. Durch diesen inneren Streit müssen die meisten von uns durch: Wir sehen, dass Prügeleien schlimm ausgehen können. Und wenn es schlimm ausgeht, stellen wir meistens danach fest, dass es die Sache nicht wert war.
Wer nicht ganz doof ist, weiß auch, dass sich viele Konflikte durch Kommunikation besser oder überhaupt lösen lassen. Dennoch sind viele der Meinung, dass mancher „Prügel verdient“ hat, und riskieren ihre Haut dafür.
In diesem Buch schildern 18 Erzählende ihre „Klick-Momente“ und wie es zu diesen gekommen ist.
Es geht mir dabei nicht darum, Gewalt schönzureden. Die Spirale der Gewalt gibt es und sie ist dumm und hässlich. Aber genauso dumm und hässlich ist es, Leuten, die nach unten treten, nichts entgegen zu setzen. Ich finde es mitunter recht bewundernswert, wenn Menschen ihre Würde und ihren Raum verteidigen, obwohl das doch gefährlich ist. In diesem Moment leuchtet vielleicht neben dem Schlechtesten in uns Menschen, dem nach unten Treten, auch etwas vom Besten auf. Denn wenn Gewalt sich eigentlich nicht lohnt und wir uns trotzdem wehren, deutet das darauf hin, dass es uns hier um etwas Wertvolles geht, etwas, das uns in diesem extremen Moment wichtiger ist als unsere Gesundheit.
Möglicherweise sehe ich das auch falsch. Ich bin nicht ganz sicher. Darum möchte ich das offen lassen, und die Erzähler selbst sprechen lassen. Um die Logik dieser Extremsituation besser verstehbar zu machen, beschreibe ich zwischen jeder Erzählung eine „Technik des Prügelns“. Diese befinden sich sowohl auf körperlicher wie auf mentaler Ebene. Letztere ist in meinen Augen die wichtigere. Dabei fließen meine eigenen Erfahrungen ein: Erfahrungen auf der Straße, im Amateur-Boxring, als Sozialwissenschaftler, und als Türsteher.
Das Buch ist der erste Teil meiner Reihe „Geschichten aus dem Leben“, in der Menschen ihre Erfahrungen aus moralischen und emotionalen Grenzsituationen schildern.
Wir sind nach der Bandprobe noch etwas trinken gegangen. Nicht viel, nur ein, zwei Bier. Ziemlich schwer bepackt mit unseren Instrumenten sind wir danach in den U-Bahnhof Gneisenaustraße hinunter gestapft.
Es lag schon etwas Schnee und wir mussten aufpassen, dass wir nicht auf den Treppen ausrutschen. Im Bahnhof kamen wir an einer Gruppe vorbei, die auf einer Bank herumfläzte. Die beiden jungen Männer und die Frau hatten ihre Baseballcaps in verschiedenen Winkeln aufgesetzt. Trotz der Kälte trugen sie ihre dicken Jacken offen und betont lässig. Der eine sprach mich an: „Ey, hast du Feuer, du Schwanz?“.
Er lag fast auf der Bank, reckte dabei das Kinn hoch, drehte den Kopf leicht schräg und hatte die Augen aufgerissen, wie manche es tun, um einzuschüchtern.
Ich hatte keine Lust, mich beleidigen zu lassen, außerdem beeindruckte mich der Wicht überhaupt nicht.
Ich schätzte ihn als deutlich kleiner als mich ein.
Und er war nicht allzu breit. Ich antwortete: „Nee, du Schwanz!“, und wollte weitergehen. Eigentlich hätten wir ja quitt sein sollen, aber der Typ flippte aus, sprang auf (sein Kopf reichte mir tatsächlich nur bis zur Brust) und rief ein paarmal: „Wie hast du mich genannt?“. Dabei hob er das Kinn, starrte mich an und kam immer näher. Er suchte Stress und hat sich wohl den Größten aus unserer Gruppe herausgesucht.
Unsere beiden Bandkolleginnen konnte er ja schlecht zum Zweikampf fordern und unser Sänger ist kleiner als ich. Die Worte „Schwanz“, „Pfeife“, „Opfer“ und „Hurensohn“ wurden eine Weile lang ausgetauscht, bis ich dann wohl irgendetwas gesagt habe, was besonders schlimm war. Ich weiß aber selbst nicht recht, was.
Sein Kumpel sprang auf, und begann aufgeregt um uns herumzuhüpfen. Dabei rief er mir mit hoher Stimme immer wieder zu: „Jetzt hast du einen Fehler gemacht! JETZT hast du einen Fehler gemacht!“ Das hat die Szene deutlich stressiger gemacht. Ich merkte in diesem Moment auch, dass die auf irgendetwas drauf waren, Koks oder Speed. Die Frau saß nur nach vorne gebeugt da und glotzte uns an. Schiss bekam ich, als mein „Gegner“ begann, sich die Jacke auszuziehen. Ich dachte, wenn da jetzt ein Messer aufblitzt, müssen wir rennen. Was schwierig gewesen wäre, zu viert und mit den ganzen Instrumenten. Die Jacke warf er mit großer Geste auf das U-Bahngleis. Der damit verbundene Pathos, die Breitbeinigkeit, das gereckte Kinn, der in die Weite gerichtete Blick, brachte unsere Bassistin dazu, mit dem Kichern anzufangen.
Das störte ihn aber scheinbar nicht, und er begann sich auszuziehen. Und das bei der Kälte. Mehrere Lagen: Ein Pulli, ein Hemd, das er erst aufknöpfen musste, einen Longsleeve. Sein aufgeregter Kumpel sammelte die Sachen derweil auf. Die Freundin glotzte weiter. Es fühlte sich an, als würde das Ganze eine Ewigkeit dauern. Unsere Bassistin rief ihm dann zu, ob das nicht ein wenig schneller gehen würde.
Wir brachen in Gelächter aus. Und dann stand er mit nacktem Oberkörper da. Zum Brüllen, aber auch ein bisschen crazy. Er starrte mich noch einen Moment an. Ruhe. Und dann merkte er aber doch, wie kalt es war. Er nahm seinem Kumpel einzeln die Kleidungsstücke wieder ab und zog sich an. Das brauchte seine Zeit, weil er inzwischen zu zittern begonnen hatte, und Hemdknöpfe lassen sich mit zitternden Händen nur schlecht zuknöpfen. Dabei rief er mir geschäftig Beleidigungen zu (starren konnte er ja gerade nicht). Wir fanden das in diesem Moment nur sehr witzig.
Als endlich die Bahn einfuhr, war ich trotzdem ziemlich erleichtert und wollte schnell einsteigen. Aber er bellte mich an, ich solle da bleiben. Ich befürchtete, dass er mitkommen wollte. Das wäre stressig geworden, auf so engem Raum mit diesem Idioten. Aber er stieg glücklicherweise nicht mit ein, sondern stand nur in der Tür, und glotzte mich an. Selbst als die Tür zuging bewegte er sich keinen Millimeter. Wir konnten sehen, wie die Scheibe der Tür an seiner Nase entlang rieb. Er blieb ungerührt. Es war auf irgendeine Art sogar ein bisschen beeindruckend, wie er keinerlei Regung zeigte. Wie in einem Theaterstück. Als die Bahn wegfuhr, starrte er uns nach. Ich frage mich ja immer noch, ob er das Gefühl hatte, gewonnen zu haben. Als ich eine Woche später zur Bandprobe an der Gneisenaustraße ausstieg, lag seine Jacke immer noch im Gleisbett.
