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John Lennon lebt! Ungeachtet der verhängnisvollen Ereignisse gegen Ende des schicksalhaften Jahres 1980 war er zu fast keinem Zeitpunkt so präsent, wie er es gegenwärtig ist. John und Paul. John und Yoko. John alleine. John mit Gästen. Eines der Geheimnisse seines Erfolgs ist, dass niemand sonst jemals eine so freche Gitarre gespielt hat, wie er. Diejenigen, die ihn deswegen schätzen, wissen das natürlich. Aber nicht jeder weiß, was Mick Jagger im Schilde führte und welche anderen Weggefährten Geschichten in Erinnerung haben, die bislang keiner kennt. Warum schreibt ein Beatle ein Lied über norwegisches Holz? Um die Antworten auf diese und andere Fragen zu ergründen muss man Johns Leben Revue passieren lassen. Vom Anfang bis zum Ende, und sogar noch darüber hinaus.
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Seitenzahl: 247
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Dies ist eine Geschichte über John. Er wurde vor vielen Jahren in einer Hafenstadt an der Westküste von England, nördlich von Wales, geboren. Seine Geburt fiel dabei in den Herbst des Jahres, in dem Winston Churchill als 42. britischer Premierminister vereidigt wurde, und dadurch gleichzeitig als Vorbild für Johns zweiten Vornamen Pate stand. Obwohl der kleine John Winston wenig davon mitbekommen haben dürfte, waren die Monate vor und nach seiner Geburt davon geprägt, dass der zweite Weltkrieg nach England kam und ein deutscher Bombenregen über Teilen seiner Heimatstadt niederging. Er wuchs dennoch bescheiden, aber nicht ärmlich, mit wechselnden Bezugspersonen auf. Sein Vater fuhr zur See und seine Mutter hatte während dessen andere Flausen im Kopf, so dass er nach einiger Zeit bei seiner Tante und ihrem Mann ein neues, zwar fürsorgliches, aber auch strenges Zuhause fand. Im frühen jugendlichen Alter riss ihn erst der Tod seines Onkels und dann der seiner Mutter, jeweils kurz bevor er mit ihnen ihre aufkeimenden Beziehungen intensivieren konnte, erneut aus der Bahn. Nichts schien bei diesem Jungen wirklich geradlinig zu verlaufen. Bis auf die Musik. Darin fand er endlich Erfüllung auf seiner leidenschaftlichen Suche nach Geborgenheit und er spürte, dass er nichts anderes wollte als sich ihr bedingungslos hinzugeben. Dieser Hingabe und seinem musikalischen Talent verdankte er, dass er zusammen mit seinen Freunden tatsächlich etwas zustande brachte, was sich davor niemand vorzustellen gewagt hätte. John, die Hauptfigur dieser Geschichte, ist kein geringerer als der bemerkenswerte Musiker und Künstler John Lennon, der sich neben vielen anderen Dingen insbesondere auch dadurch auszeichnet, dass er mit den Beatles aus rein musikalischem Interesse eine Musikgruppe gründete, aus der nur wenige Jahre später die bislang erfolgreichste Band der Welt werden sollte.
Bevor diese Geschichte über John beginnt, soll zum allgemeinen Verständnis der komplexen Natur seines Wesens noch eine kurze Erläuterung erfolgen. Eine Besonderheit an Johns Leben ist, wenn man seine frühe Jugend außer Acht lässt, dass fast seine vollständige Entwicklung von einem rebellischen, sich gerade am Ende seiner Pubertät befindenden Anfang-Zwanzig-Jährigen zur mythischen Ikone der Friedensbewegung und die anschließende Zeit mit all ihren Auswirkungen bis heute unter den Argusaugen der Öffentlichkeit stattgefunden hat. Die gesellschaftliche Aufmerksamkeit beschränkte sich dabei nicht nur auf seine Verehrer und die Medien. Für John interessierten sich, neben anderen, auch die Politik und Individuen, die ihm nicht nur wohlwollend gegenüber standen. Eine von Johns frühen Eigenarten war, dass er oftmals genau das sagte, was ihm gerade in den Sinn kam und dass er vorher nicht darüber nachdachte, weil es ihm entweder egal war oder er sich damit vor äußeren Einflüssen schützen wollte. Seine Äußerungen und Bemerkungen waren bissig und zynisch und einige derjenigen, an die sich diese Äußerungen richteten, sahen sie nicht zu Unrecht als bewusst verletzend an. Einerseits wurde er gerade wegen dieser unkonventionellen sprachlichen Gepflogenheiten geschätzt, denn es konnte passieren, dass er sie durchaus intelligent einsetzte. Andererseits gab es Momente in denen er wegen seiner Aussagen von den Medien zerrissen wurde. Sein Mitstreiter Paul McCartney wies eine besondere Eigenschaft auf, die dazu führte, dass er und John gute Freunde wurden, denn Paul war in der Lage, die ordinäre Energie von John zu absorbieren und sie ihm mit gleicher Münze zurück zu zahlen. So konnte es vorkommen, dass sich John und Paul gegenseitig, nur so zum Spaß, die schlimmsten Schimpfwörter und Beleidigungen zuriefen und beide am Ende das Gefühl hatten, dass es ein ganz schöner Wettstreit gewesen war. Es fiel John nicht leicht, zu verstehen, dass er andere Personen nachhaltig verletzen konnte, denn das war niemals sein eigentliches Bestreben. Er wurde nachdenklicher und lernte schliesslich Yoko kennen, die in der Lage war, ihm bei der Neuausrichtung seiner ihm innewohnenden Energie in geordnete Bahnen behilflich zu sein. Sein Wesen reifte, und gleichzeitig entfremdete er sich von Paul, der verzweifelt versuchte, seinen alten John zu behalten. Der alte John verschwand zwar nie vollständig, aber er entwickelte sich in weniger als zehn Jahren zu einem verständnis- und liebevollen Menschen, dem die Hand zur verbalen Ohrfeige nur noch selten ausrutschte, und wenn sie es doch einmal tat, dann traf sie mit zunehmend hoher Wahrscheinlichkeit an die richtige Stelle.
John war bisweilen etwas verärgert, wenn Paul oder George Martin, der ehemalige Produzent der Beatles, in der Zeit nach deren Auflösung, eine Begebenheit anders wiedergaben, als er sie in Erinnerung hatte. Zum Beispiel stritten sich John und Paul über die Urheberschaft des Textes von eleanor rigby, und Martin schrieb er 1971 eine Postkarte, der man ein wenig seine Erregung anmerken kann, weil dieser eine Falschaussage über seinen Beitrag zu dem ersten Top-Ten-Hit please please me der Beatles gemacht hatte. Bemerkenswerterweise unterschrieb John auch erregt geschriebene Briefe immer mit „Alles Liebe, John“ und setzte oft kleine Karikaturen und wenige bis mehrere Kreuzchen (Küsse) hinzu. Wahrscheinlich hatte in den genannten Fällen ein Journalist oder jemand, der eine Biografie über die Beatles oder eines von deren ehemaligen Mitgliedern schreiben wollte, Paul oder Martin interviewt. Die beiden hatten dann, in dieser Situation – so wie es oft halt eben ist – einfach gesagt was ihnen gerade in den Sinn gekommen war, ohne gründlicher darüber nachzudenken.
Ich selbst habe weder John noch einen anderen Beatle jemals getroffen. Ich schildere in diesem Buch mein persönliches Bild von John, welches sich in mir durch Bücher, Dokumentationen, seine veröffentlichten Briefe, meine Phantasie und ganz besonders durch seine Musik geformt hat. Seine Musik, gerade die zusammen mit den Beatles geschaffene, war und ist für mein Leben immer eine Quelle für Inspiration gewesen. Sie hat mich schon in meiner Jugend derart beeinflusst, dass ich eigene Musikstücke komponierte und diese gemeinsam mit meiner Band vorgetragen habe. Auch dieses Buch wäre ohne seinen Einfluss nicht entstanden. Einen gewissen Teil von mir hat John mit geformt. Mein Leben wäre sicherlich ganz anders verlaufen, wenn es John nicht gegeben hätte, und das ist der Grund dafür, dass ich mich bei ihm bedanken will und zwar damit, dass ich den vielen Geschichten, die es über sein Leben bereits gibt, diese, die von mir stammt, hinzufügen möchte. Es handelt sich dabei um eine Folge von kurzen und längeren Abschnitten, in diesem Buch Strophen genannt, die aus manchmal langen, aber auch aus kurzen Sätzen bestehen. Vieles davon ist nicht neu, anderes hingegen schon. Ich hoffe, dass meine Erzählungen John gefallen.
Am Anfang steht die Frage, wie man beginnen soll. Welche Gedanken hat John sich diesbezüglich bei seinen Büchern gemacht? War alles von vornherein klar, oder hat es sich allmählich entwickelt, in welcher Reihenfolge seine einzelnen Geschichten und Gedichte angeordnet werden sollten und welcher Titel für das Buch vorgesehen war? Es gibt wahrscheinlich mehr Methoden, ein Buch zu schreiben, als es Bücher gibt, und es ist sicherlich so, dass es für immer ein Geheimnis bleiben wird, welche John angewendet hat. Aber es ist erstaunlich, dass er schon 1964 sein erstes Buch veröffentlichte, insbesondere auch deswegen, weil Literatur und Popmusik zu der damaligen Zeit zwei völlig getrennte Medienbereiche waren und es nahezu unvorstellbar schien, dass ein Pop- oder Rockmusiker ein Buch schreiben könnte. Es trug den Titel in his own write, was bei der deutschen Veröffentlichung ein Jahr später in in seiner eigenen Schreibe übersetzt wurde. Das entspricht leider nur der wortwörtlichen Übersetzung des Buchtitels und ist bereits ein gutes Beispiel dafür, dass sich die Übersetzer seines Buches nicht viel Mühe gemacht haben, Johns Wortwitz, der, in Anbetracht seiner Herkunft, sehr eng mit der englischen Sprache verbunden war, so wiederzugeben, wie er im Original gewesen ist. Das soll nicht heißen, dass die deutsche Originalausgabe nicht lesenswert wäre, aber sie hätte, zugegebenermaßen mit sehr viel mehr Aufwand und kreativer Wortschöpfungsenergie, besser gemacht werden können, als sie war. „In his own write“ bezieht sich auf das englische Idiom „in his own right“, was man mit so etwas wie „in eigener Verantwortung“ oder „auf eigene Rechnung“ übersetzen kann. Die deutsche Übersetzung weist hier keinerlei Bezug mehr zu irgendeiner anderen Redewendung auf. Eine der dem Originaltitel zugrunde liegende, nicht unähnliche Redensart ist „sich selbst treu bleiben“, die in der Vergangenheitsform zu „sich selbst treu geblieben“ wird. Diese Form kann leicht in das sehr ähnlich klingende „sich selbst treu geschrieben“ umgewandelt werden, was dem Titel von Johns Buch schon sehr nahe kommt, aber leider schon für ein anderes Buch vergeben ist. Johns literarische Schöpfung war voll von solchen wortspielerischen Streichen, die aus einer vorhandenen Floskel eine neue, zum Verwechseln ähnliche machte, die einen ganz neuen Sinn ergab. Und dieses Geschick erkannten auch die Kritiker. Wider Erwarten wurde Johns Buch, auf dem ein Aufkleber ihn als „der schreibende Beatle!“ ankündigte, unter anderem auch von renommierten Zeitungen sehr gelobt. Von der ersten Auflage sollen in kurzer Zeit eine halbe Millionen Bücher verkauft worden sein, was sicherlich zum Teil seiner Bekanntheit als Beatle zuzuschreiben ist. Ein nicht unerheblicher Teil seiner Leser fand das Buch allerdings wirklich gut, so dass es dazu kam, dass John von der ehrwürdigen Londoner Buchhandlung Foyles zu einem ihrer regelmäßig stattfindenden literarischen Abendessen eingeladen wurde, um dort die Gelegenheit zu erhalten, sich der literarischen Avantgarde vorzustellen. Im Jahr 1965 veröffentlichte John ein zweites Buch mit dem Titel a spaniard in the works, und es war sogar geplant, im darauf folgendem Jahr einen dritten Band herauszugeben. Aber John entschied sich dazu, sich mehr auf die Musik im Studio zu konzentrieren, als die Beatles mit dem Touren aufhörten, so dass es bei den zwei Büchern geblieben ist. Er hat allerdings nie damit aufgehört, kurze Texte auf Zettel zu schreiben, mit Karikaturen zu versehen und, nachdem er sie später in seiner Hosentasche wiederfand, in seiner Sammelkladde zu verstauen. Auch beim zweiten Buch wurde schon der Titel mit ein Spanier macht noch keinen Sommer nicht nahe am Original übersetzt. Johns Titel lehnt sich an den Spruch „a spanner in the works“ an, der auf Deutsch „Sand im Getriebe“ heißt. Bei John wurde daraus „ein Spanier in Arbeit“. Bezüglich seiner Bücher wurde John einmal gefragt, ob er sie für Literatur halte oder ob er sie nur aus Spaß geschrieben habe. Er antwortete ganz einfach mit der Gegenfrage, ob sich das gegenseitig ausschließen müsse. Obwohl Johns Bücher schon damals einen gewissen Erfolg hatten, hat wahrscheinlich niemand geglaubt, dass im zwanzigsten Jahrhundert für Tausende von Studenten der Literaturwissenschaften auch Texte von John Lennon sowohl aus seinen Büchern als auch die seiner Lieder als Pflichtlektüre auf dem Studienplan stehen würden und selbst heute noch fleißig wissenschaftlich analysiert und interpretiert werden. Dabei gilt es als allgemein anerkannt, dass John hauptsächlich von Lewis Carroll, dem Autor der sagenhaft skurrilen Kindergeschichte von Alice im Wunderland, beeinflusst worden ist. Im Folgenden soll aber hauptsächlich die Musik und die Geschichte des Menschen dahinter im Vordergrund stehen, denn John war trotz seiner literarischen Talente vorwiegend der Rockmusik verblieben beziehungsweise treu geschrieben.
In den frühen Jahren der Beatles eröffnete sich für sie eine einmalige Chance, die ihnen von der Tragweite her mit Sicherheit nicht von vornherein klar gewesen ist. Eine Band, bestehend aus fünf unreifen Jugendlichen, traute sich was und ging weg aus der Heimat, nach Hamburg. In die raue Glitter- und Glamourstadt der Seefahrer und des Sextourismus. Und sie wurden schon dort wahrgenommen. Zwar nicht von Anfang an, und wer sich einige der existierenden scheppernden Aufnahmen aus dieser Zeit anhört, mag es kaum glauben, aber die Beatles bewegten ihre Zuhörer, wenn diese nicht schon zu betrunken waren. In Hamburg baute sich darüber hinaus ein nachhaltiger Freundeskreis auf, zu dem eine akademisch geprägte Künstlergruppe gehörte, die zu einem ebenfalls prägenden Bestandteil der Deutschlandaufenthalte der Band wurde. Einige dieser freundschaftlichen Beziehungen halten bis heute an. Klaus Voormann, der zu dieser Gruppe gehörte, gestaltete später das Albumcover von Revolver, weil John ihn darum bat, und wurde dafür mit einem Grammy ausgezeichnet. Nach den Beatles spielte er als Studiomusiker Bass in Johns Plastic Ono Band und für Georges Soloprojekte. Stuart Sutcliffe, der damalige Bassist von den Beatles, entschied sich sogar, in Hamburg zu bleiben, weil er sich in die Fotografin Astrid Kirchherr verliebt hatte. Er starb unerwartet und viel zu früh, noch bevor sie berühmt wurden, was dazu führte, dass Paul den Part des Bassspielers übernahm.
Es ist bemerkenswert, dass die Beatles bereits sehr früh und am Anfang wahrscheinlich völlig unbewusst damit begannen, die nicht selbst geschriebenen Songs zu verbessern, die sie sich von ihren Idolen abguckten, zu denen neben Elvis, Chuck Berry und Buddy Holly auch heute eher unbekannte Künstler wie Arthur Alexander gehörten. An eine Stelle setzten sie einen reduzierten Akkord, anstatt, wie ansonsten üblich, immer nur die Dominante und Subdominante zu spielen. An eine andere kam ein kleiner Übergang, weil das doch einfach viel besser passen würde. John sagte einmal, dass sie immer so nahe wie möglich an das Original der Stücke herankommen wollten. Das sie dabei über ihr Ziel hinausschossen und die Songs näher an das heranbrachten, was deren Schöpfer eigentlich damit zum Ausdruck bringen wollten, kam ihm nicht in den Sinn. Die einfachen Bluesnummern wurden dadurch bereits zu kleinen Unikaten, die den typischen Stil der Beatles widerspiegeln. Auch den Stücken, die Tony Sheridan 1961 mit den Beatles als Begleitband für sein Album my bonnie aufnahm gaben sie den finalen Schliff. Während dieser Sessions in Hamburg entstanden auch ihre ersten eigenen Studioaufnahmen: Das einprägsame ain‘t she sweet und die instrumentale Eigenkomposition cry for a shadow von John und George.
Die Beatles waren durch ihre Geschichte mit Hamburg verwurzelt, hatten Freunde dort und sogar einen verloren. Sie hatten schon damals eine Aura. Es geschahen Dinge in Ihrem Dunstkreis, die unbeschreiblich waren, und sie forderten und förderten auf ihrem Weg auch ihre Weggefährten. Das war schon zu den Zeiten in Hamburg so, und sie würden niemanden vergessen, mit dem sie befreundet waren. Das beste Beispiel dafür ist Pete Shotton, ein guter Kindheits- und Schulfreund von John. Er trat als Waschbrettspieler bei Johns erster Band, den Quarrymen, auf und war auch noch während der Beatleszeit ein enger Freund von John. Von ihren Einnahmen als Beatles kauften John und George zu einem nicht exakt nachvollziehbaren Zeitpunkt, wahrscheinlich 1965, einen Supermarkt auf Hayling Island, einer kleinen Insel bei Portsmouth, und übergaben Pete die Marktleitung. Als die Beatles einige Jahre später ihr eigenes Unternehmen planten, wurde er erst der Leiter der im Dezember 1967 eröffneten Apple-Boutique, dann der erste Geschäftsführer der 1968 gegründeten Apple Corps, bis er kurz darauf von Allen Klein abgelöst wurde. Neil Aspinell, der seinerseits 1973 Allen Klein als Geschäftsführer ablöste und Apple Corps bis 2007 führte, ist ein weiteres Beispiel dafür, dass sich die Beatles gerne mit alten Freunden umgaben. Neil war ein Schulfreund von Paul und George. Er freundete sich mit Pete Best, dem damaligen Schlagzeuger der Beatles, an und bezog 1960 ein Zimmer bei der Familie Best. Pete überredete ihn, als Fahrer und Assistent der Beatles tätig zu werden, weil es immer mühsamer wurde, zu den mittlerweile nicht wenigen Auftritten immer mit dem Bus zu fahren. Neil kaufte sich einen Lieferwagen und wurde dadurch der erste Roadmanager und persönliche Assistent der Beatles und kassierte dafür am Anfang 25 Penny pro Auftritt. Das lohnte sich so sehr, dass er seinen Job als Buchhalter an den Nagel hängte und hauptamtlich für die Beatles tätig wurde. Nachdem die Beatles immer erfolgreicher wurden, bekam er 1964 Unterstützung durch Mal Evens, dem ehemaligen Türsteher des Cavern Clubs, der vom Management der Beatles angeheuert wurde und ihnen als Tourbegleiter und Bodyguard bis zu ihrer Auflösung 1970 treu ergeben blieb.
Ihr erster Schlagzeuger Pete Best, der die Beatles nach Hamburg begleitete, blieb ihnen nicht erhalten und stellt einen der wenigen unrühmlichen Momente in der Anfangsphase der Beatles dar. Pete wurde von Paul eingeladen, um als Schlagzeuger vorzuspielen, weil sie dringend jemanden brauchten, der sie nach Hamburg begleitete. Im Gegensatz zu anderen Kandidaten war Pete als Einziger bereit, diese Reise anzutreten, und so heuerten sie ihn zwei Tage, bevor es losgehen sollte, an. Mona Best, Petes Mutter, übernahm eine Zeit lang die Managerrolle der Beatles. Ihr gehörte der Casbah Club in Liverpool, in dem auch die Beatles einen festen Platz im Spielplan hatten, und Petes Freund Neil begann eine Affäre mit Mona, aus der ein Kind hervorging, zu dem sich Neil aber erst viele Jahre später bekennen sollte. Trotz allem gelang es Pete leider nicht, sich in die Gruppe der anderen vier Beatles zu integrieren. Er blieb oft für sich allein und beteiligte sich nicht an den gemeinsamen Aktivitäten vor und nach den Auftritten. John kam ganz gut mit ihm aus, aber Paul und George waren skeptisch. Alle drei sagten später aus, dass es niemals geplant war, Pete langfristig zu behalten. Statt dessen wollten sie auf einen geeigneteren Charakter warten und Pete ersetzen, wenn der richtige Moment gekommen war. Zusätzlich hatte Pete wegen seines guten Aussehens eine enorme Wirkung auf das weibliche Publikum, was in den Köpfen der pubertierenden Rivalen innerhalb der Band bestimmt nicht zu einer Steigerung seiner Beliebtheit geführt hat, auch wenn sie dies später bestritten haben. Als es 1962 zu dem Vorspielen bei der EMI unter der Aufnahmeleitung von George Martin kam, wurde Pete von Martin für die Aufnahmen durch ein Studioschlagzeuger ersetzt, was für einen Produzenten der damaligen Zeit eine Selbstverständlichkeit war. Nach diesem Vorfall packten die Beatles die Gelegenheit beim Schopf und ließen Pete durch ihren Manager Brian Epstein mitteilen, dass er nicht mehr zur Band dazugehörte. Pete war sehr frustriert und wurde zeitweilig depressiv, weil er eine Ahnung hatte, dass er mit diesem Schritt die Möglichkeit für eine ganz große Karriere verspielt hatte. Unschön war, dass es keiner der Beatles für erforderlich hielt diese Angelegenheit mit Pete von Angesicht zu Angesicht zu klären. Obwohl er abserviert worden war überredete Pete seinen Freund Neil dazu, bei den Beatles zu bleiben, was Neil auch tat, aber er trennte sich von Petes Mutter Mona. Der neue Schlagzeuger wurde Ringo Starr, der als Mitglied der Band Rory Storm & the Hurricanes ebenfalls regelmäßig in Hamburg gastierte und der Pete für die Beatles bereits an einigen Abenden vertreten hatte, als dieser krank gewesen war. Kurioserweise wurde auch Ringo bei den Aufnahmen zu der ersten Beatles-Single love me do durch einen Studioschlagzeuger ersetzt. Da sich Ringo aber viel besser in die Gruppe einfügte, verteidigten ihn die anderen und sorgten dafür, dass er blieb. Für Pete rückten die Beatles in den nächsten Monaten in ungreifbare Entfernung, und es fand anders als für andere Weggefährten kein weiteres Zusammenkommen mehr statt. Die Beatles begannen ihren Siegeszug ohne ihn, aber zusammen mit den Weggefährten aus Hamburg und Liverpool, die ihnen wirklich wichtig und ans Herz gewachsen waren.
Später, während einer Tour durch Amerika, ergab es sich für die Beatles, dass sie einen ganz anderen Weggefährten treffen sollten. Einen, den sie zwar seit vielen Jahren gut kannten, den sie aber nie persönlich kennen gelernt hatten. Sie machten sich auf, um Elvis zu treffen. Wie es sich wohl anfühlt, auf dem Weg zu seinem Idol zu sein, während man gerade selbst zu einem Idol geworden ist? Zu dem damaligen Zeitpunkt vielleicht ein viel größeres als es der King of Rock & Roll noch war. Elvis sah die Beatles als Konkurrenten an und hatte Angst vor ihrem Erfolg. Der Besuch war ein Flop. Vielleicht wäre es besser gewesen, diese Idee nicht weiter verfolgt zu haben, aber das konnte man ja vorher nicht wissen. Die Beatles waren immerhin die erste Band, die in einem Stadion spielen musste, weil so viele Menschen sie sehen wollten. Das hatte Elvis bis dahin nicht geschafft. Ein Jahr nach dem Besuch, 1966, überholten die Beatles Elvis in den USA mit ihrer 21. goldenen Schallplatte, die sie für das Lied yellow submarine erhielten, und zu diesem Zeitpunkt stand die wahre musikalische Revolution, die die Beatles hervorbringen sollten, erst noch bevor. Interessanterweise haben die Beatles, trotz ihrer weiterhin bestehenden musikalischen Verehrung für Elvis, nicht ein einziges Lied des Kings auf einer ihrer Platten veröffentlicht.
John war temperamentvoll. Er hat den Erfolg schon als kleiner Junge gewollt. Er war entschlossen, alles zu tun, um erfolgreich zu sein und er hatte das künstlerische und intellektuelle Potential, das man dafür brauchte. Er war der freche Junge, der mit freiem Oberkörper auf dem Fahrrad durch die Straßen der Liverpooler Vorstadt fuhr und ab und zu einen herablassenden Spruch auf vorbeigehende Passanten ablud, nur um seinen Freunden später bei einer Tüte Fish & Chips und einem Bier von deren empörten Reaktionen zu berichten. Diese Menschen sahen in John nur einen Störenfried, einen rüpelhaften, ungezogenen Jungen. Wie sollten sie auch anders empfinden, denn er hatte sich ihnen ja von dieser Seite gezeigt. Von seiner neuen Seite, die Welt verbessern zu wollen und zu können, die er jedem von sich zeigen konnte, als er später berühmt war, hat er höchstens etwas geahnt. Die Kraft, den Erfolg zu wollen, hatte er schon. Das zeigt sich allein darin, dass er beschloss, für eine längere Zeit nach Hamburg zu gehen. Es war ihm mit der Musik wirklich ernst. Er war nicht derjenige, der im letzten Moment kniff und doch nicht ging. Er tat es. Und die anderen waren mit dabei. In einem kurzen Lebenslauf, den er in Hamburg 1961 für einen deutschen Journalisten verfasste, schloss er mit dem Satz, dass er und seine Band die Ambitionen hätten, reich zu werden. Und das taten sie auch, und zwar wie.
John war später nie so wie Elvis seinerzeit. Er hatte nie Angst vor einem potentiellen Rivalen, ob neu oder alt, und war grundsätzlich aufgeschlossen und interessiert an allem Neuen, auch neuen Künstlern gegenüber, die gerade am Anfang ihrer Karriere standen. Es kam zwar bedauerlicherweise vor, dass der unreife John sich anfänglich aufgrund seines chauvinistischen Charakters, einer rücksichtslosen Selbstverherrlichung und der damit einhergehenden Tatsache, dass er sich überhaupt keine Gedanken über die Konsequenzen dessen machte, was er sagte, auch abfällig gegenüber Musikerkollegen äußerte. Das hat zum Beispiel Ray Davis von den Kinks noch in Erinnerung, als diese 1964 im Vorprogramm für die Beatles spielten. Ein überheblicher John teilte der unerfahrenen Band mit, dass sie die Menge eh nur für die Beatles warm machen würden und ob sie ihnen ihre Programmliste borgen könnten, denn sie hätten die eigene verlegt. Die Kinks kamen allerdings beim Publikum gerade mit Songs wie you really got me, die sich deutlich von denen der Beatles abhoben, so gut an, dass der vorherigen Einschüchterung durch John eine gut tuende Selbstbestätigung folgte. Wenn man berücksichtigt, dass John später in seinem Lied god, in dem er aufzählt, an was er alles nicht mehr glaubt, auch die Kinks erwähnt, ist das ein Beweis dafür, dass er sie zumindest vor 1971 sehr geschätzt hat. Unbelegten Quellen zufolge war er ein großer Fan der Kinks-Single wonderboy und soll sich bei einer Feier einmal dafür eingesetzt haben, dass dieses Lied wieder und wieder gespielt wurde. Nachdem John seine frühe Überheblichkeit überwunden hatte, wollte er genauso wie die anderen Beatles der Nährboden für neue Kunst sein. Das war der Grund, warum die Beatles später ihr eigenes Unternehmen gründeten. Doch um dafür bereit zu sein, mussten sie zuerst den Gipfel erklimmen und die Beatlemania über sich ergehen lassen.
Die Beatlemania war der Zustand, in dem John, als sie ihre eigenen Instrumente bei den Konzerten vor lauter Kreischen der Fans nicht mehr hören konnten, Obszönitäten ins Mikrofon brüllte und niemand etwas davon mitbekam. Gleichzeitig trieb es einem wegen des beißenden Geruchs von Harnsäure die Tränen in die Augen, der durch die vielen Rinnsale des, sich den Weg entlang der Besucherränge nach unten bahnenden Urins Tausender größtenteils weiblichen Fans verursacht wurde, weil sie vor Aufregung das Wasser nicht zurückhalten konnten. Die Wege vom Konzert zum Hotel oder Flughafen auf einer mehrjährigen, unendlich erscheinenden Tournee, die sich mehrfach um die ganze Welt erstreckte, glich einem Spießrutenlauf, einem Wettrennen und Versteckspiel mit liebestollen Fans, die nicht auf die Idee zu kommen schienen, damit aufhören zu wollen. Sie ertranken im jubelnden Meer ihrer vor Ekstase kreischenden Verehrer und Verehrerinnen, und jeder Einzelne wollte ein Stück von ihnen abhaben. Wo sie auch auftauchten, stürzten sich die Menschen wie ein Mob auf sie, und Reporter bedrängten sie zu jeder möglichen Gelegenheit mit unsinnigen Fragen nach Hobbys, Lieblingsessen und Haarfrisuren, wobei die Beatles dort, wo man noch hören konnte, was sie sagten, immer überwiegend höflich, spontan und lustig blieben.
Es war für John, Paul, George und Ringo eine Zeit, in der alles zu Gold wurde, was sie anfassten. Sie veröffentlichten in sieben Jahren allein in England elf Nummer-eins Alben und 17 Nummer-eins Singles. In den USA waren es neun Alben und 20 Singles, die den höchstmöglichen Platz in den Billboard-Charts erreichten, und auch in Deutschland waren sie nicht viel weniger erfolgreich. Um Zeit zu sparen, würde es mehr Sinn ergeben, die wenigen Singles und Alben aufzuzählen, die es nicht auf den ersten Platz geschafft haben. Es hat bis zum heutigen Tag nur wenige andere Menschen gegeben, die im Hinblick auf die Auswirkungen auf ihr Leben und ihre Zukunft eine Erfahrung aufweisen können, die nur annähernd derjenigen ähnelt, die diese Jungs gemacht haben. Sie waren dauerhaft unterwegs und schrieben am laufenden Band neue Hits. Im Hotelzimmer, im Flugzeug, im Tourbus und vielleicht auch hinter der Bühne, während sie auf einen Auftritt warteten. Ihre Alben spielten sie während kurzer Aufnahmesessions ein, die in London dazwischen geschoben wurden und die nicht länger als zwei Tage am Stück dauerten. Während allem was sie taten waren ihnen Fans auf den Fersen und versuchten sie zu umzingeln. Natürlich waren John und seine Mitstreiter begeistert von dem Erfolg, der dazu beitrug, dass ihr Selbstbewusstsein stieg und sie sich Dinge leisten konnten, von denen sie vorher nicht zu träumen gewagt hatten. Neben den störenden Situationen, in denen ihnen Fans den Weg versperrten und ihnen die Kleider vom Leibe rissen, gab es die sich häufenden Momente, in denen sie umgarnt und verführt wurden. Begehrenswerte Menschen und ihre Vertrauten sind gerne unter sich, und die Beatles wurden als Neulinge in diesen Kreisen aufgenommen und sollten von den Annehmlichkeiten kosten, die dieses Leben mit sich bringt. Um den körperlichen Anstrengungen der Strapazen auf der Straße Herr zu werden, wurden ihnen alte Bekannte aus Hamburger Zeiten angepriesen: Drogen und Aufputschmittel, mit deren Hilfe es sich auch nach der Flucht vor den Fans, die sie vom Stadion bis zum Hotel verfolgt hatten, noch ausgiebig feiern ließ. Der einzige Unterschied bestand darin, dass sie sich ihre Dosis nicht bei der Toilettenfrau besorgen mussten und dass es feines Kokain und Opium statt gestrecktem Preludin gab. Die Beatles waren auch in der gehobenen Partyszene sehr beliebt, und besonders Johns Sarkasmus fand viele ehrfürchtige Jünger, denn sie waren schlagfertig und draufgängerisch, aber zugleich auch intelligent und witzig. Eigentlich verhielten sie sich nicht anders als in den Clubs in Hamburg der Liverpool, nur dass jetzt in prunkvollen Sälen mit Kronleuchtern anstelle von brummenden Neonröhren und mit Lackschuhen, Manschettenknöpfen und Zigarre gefeiert wurde und dass sie bei dem, was sie jetzt taten richtig viel Geld verdienten, von dem sich allerdings größtenteils andere die Taschen füllten. Die Verträge der Beatles waren für sie selbst nicht sehr lukrativ, denn sie partizipierten zu Beginn ihrer Karriere nur zu einem geringen Bruchteil von zum Teil nicht mehr als 1% an den enormen Einkünften aus Plattenverkäufen und Merchandise-Artikeln. Man konnte sich keinen Gebrauchsgegenstand ausdenken, der nicht auch als Beatlesvariante hätte erworben werden können, und nicht wenige Kinderzimmer weltweit waren randvoll damit aufgefüllt, wenn nicht sogar vollständig damit ausgestattet. Den Überblick über ihre Finanzen hatten die Beatles nicht im Fokus ihrer Karriere, aber mit der Zeit hinterfragten sie zunehmend die Praktiken ihres Managements und erkämpften sich mit steigender Selbstsicherheit auch hier bessere Konditionen.
In England hat die Beatlemania für John erst mit dem Verlassen des Landes 1971 geendet, als er zwei Jahre nach dem Ende der Beatles nach New York ging und vorerst nicht zurückkehrte. Dort, in den USA, verebbte die Euphorie nach ihrem letzten Konzert der Beatles 1966 in San Francisco. Sie wollten sich ab diesem Zeitpunkt mehr auf die Studioarbeit konzentrieren und nutzen dort die Zeit, die sie zuvor mit Konzerten verbracht hatten so kreativ, dass man aus heutiger Sicht das Ende ihrer unendlichen Auftrittsserien als eine der besten Entscheidungen ihrer Karriere bezeichnen muss, denn die nun zur Verfügung stehende Zeit hat allen Mitgliedern der Beatles die Möglichkeit gegeben, sich selbst weiter zu entwickeln. Nachdem dies, wie den kommenden Alben zunehmend deutlicher anzuhören ist, zuerst innerhalb der Gruppe stattfand, gingen die Selbstverwirklichungstriebe aller Beatles so weit, dass sie sich später eher bei der Entwicklung behinderten. Ein Ende ihrer Zusammenarbeit als Gruppe wurde absehbar. Die gemeinsame Geschichte und ihre weiterhin bestehende gemeinsame Firma Apple Corps, die sie 1968 gegründet hatten, um die Kunst zu fördern, trug allerdings dazu bei, dass sie sich nie vollständig aus den Augen verlieren sollten.
