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Die Auswirkungen eines Krieges auf die Zivilbevölkerung, das Leid, aber auch die Kraft des Lebenswillens, der Liebe, Freundschaft und Solidarität sind Gegenstand dieser Familiengeschichten vor dem Hintergrund des amerikanischen Bürgerkrieges. Die militärischen Auseinandersetzungen zwischen der Potomac Armee des Nordens und der Virginia Armee des Südens werden faktengenau geschildert. Kernthemen sind die Sklaverei im Süden und die Ausbeutung der Industriiearbeiter des Nordens.
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Seitenzahl: 309
Veröffentlichungsjahr: 2023
Annie S. Henning wurde 1974 in Wolfratshausen in Deutschland geboren. Schon als Kind schrieb sie kleine Geschichten.
Ihr Interesse für die Südstaaten von Nordamerika weckte Mark Twain. Wie viele Kinder, las auch sie die spannenden Bücher über »Tom Sawyer und Huckleberry Finn«. Die Handlung spielte in Missouri, das zu Zeiten des Amerikanischen Bürgerkrieges ein Grenzstaat war. Sie war fasziniert vom Mississippi und seinen Schaufelraddampfern. Für sie gab es viele Jahre nur einen Gedanken: Sie müsste dort hin, um das Land mit eigenen Augen zu sehen! Als sie zwanzig Jahre alt war, reiste ihre Familie nach New York und durch die meisten Südstaaten. Und sie durfte mit! Bei New Orleans überquerten sie den Mississippi. Sie war begeistert. Die Landschaft, die Reste der Kultur der Südstaaten und die historischen Persönlichkeiten ließen sie nie mehr los. Doch schon bei der Lektüre von Mark Twain hatten sie die Ungerechtigkeiten der Sklaverei bewegt, später dann die Gewaltbereitschaft und die Kriegsbegeisterung vor dem Bürgerkrieg.
Mit diesem Roman will Annie S. Henning die Grausamkeit aller Kriege deutlich machen, sowie für Menschenrechte und für den Frieden unter allen Völkern eintreten.
Sie lebt jetzt in Wien.
»War is hell«
William T. Sherman
General of the Army of the United States
(»Krieg ist die Hölle«)
»Why do men fight who were born to be brothers?«
General James Longstreet
Commander of the Army of Northern Virginia
(»Warum kämpfen Männer gegeneinander,
die als Brüder geboren wurden?«)
»It is well that war is so terrible - otherwise we should grow too fond of it«
General Robert E. Lee
Commander in Chief of the Confederate States
(»Es ist gut, dass Krieg so schrecklich ist –sonst würden wir ihn zu sehr mögen«)
»I have never advocated war except as a means of peace«
Lieutenant General Ulysses S. Grant
Commander in Chief of Union’s Potomac Army
(”Ich habe nie einen Krieg befürwortet,außer als Mittel zum Frieden«)
»A question settled by violence or in disregard of law, must remain unsettled for ever«
Jefferson Davis, President of the Confederate States (»Ein Problem, das durch Gewalt oder unter Missachtung von Gesetzen gelöst wird, muss ewig ungelöst bleiben«)
»A house divided against itself can not stand«
Abraham Lincoln, President of the United States of America (»Ein Haus, das in sich gespalten ist, kann nicht bestehen«)
Annie S. Henning
Sie kämpften gegen Brüder
Schicksale im Amerikanischen Bürgerkrieg 1861 - 1865
© 2023 Annie S. Henning
Lektorat: Dr. Gerhard Etzel und Gernot Henning
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland
ISBN Paperback
978-3-347-89957-5
e-Book
978-3-347-89958-2
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter:
tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Vorwort
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Epilog
Personen
Cover
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Vorwort
In der Geschichte des Amerikanischen Bürgerkrieges fällt die Doppelmoral des Nordens zum Thema Sklaverei auf. Mich störte die Behauptung, nur im Süden habe es ein menschenverachtendes System gegeben. Der Norden hatte zwar zu diesem Zeitpunkt keine Sklaven mehr, aber dafür begann die Industrialisierung, in der die Arbeiter kaum besser behandelt wurden als Sklaven. In den Fabriken arbeiteten meist Einwanderer unter unmenschlichen Bedingungen, und ihr Verdienst lag unter dem Wert ihrer Arbeit. Sechzehn Stunden Arbeit täglich war keine Seltenheit. Und wer nicht mehr konnte, wurde ersetzt. Das Ziel war höchster Gewinn bei minimalen Ausgaben. Oft wird dagegen argumentiert, dass diese Arbeiter ja freie Menschen waren und jederzeit gehen konnten. Nur wohin? Von einem Elend ins nächste? Es war fast überall gleich.
Diese Doppelmoral zeigte sich im Lippenbekenntnis, Sklaverei wäre eine Schande, aber gleichzeitig denken: Was kümmern mich die Schwarzen? Nachdem Lincoln die Sklaven 1863 befreit hatte, wurden die aus dem Süden Zuwandernden keineswegs begeistert im Norden aufgenommen. Und die meisten Soldaten der Nordstaaten kämpften für die Union, aber nicht für Menschenrechte. Rassismus war im Norden stark verbreitet. Das alles wurde dann vielen befreiten Sklaven zum Verhängnis: Sie dachten, sie könnten in den Norden, weil es dort keine Sklaverei gab. Der logische, aber falsche Schluss vieler war dabei, dass Nordstaatler generell gut zu ihnen sein würden. Was sie im Norden erwartete, waren jedoch meist Demütigungen, Rassismus und unwürdige Behandlung. Die meisten Südstaatler lebten ihren Rassismus ganz ungeniert aus. In ihren Augen waren Schwarze minderwertig, deren Daseinsberechtigung nur war, Sklave zu sein. Es kümmerte sie nicht, dass sie als Rassisten abgestempelt wurden. Eine Doppelmoral gab es im Süden nicht. Man darf die Sklaverei aber nicht schönreden. Sie war ein Verbrechen und unverzeihlich.
Mir war es äußerst wichtig, die Fakten möglichst genau wiederzugeben, sowohl im militärischen, als auch im zivilen Bereich. Ich wollte zeichnen, wie die Menschen im Krieg lebten, mit den Ängsten, dass geliebte Personen fallen könnten, mit Verlusten, aber auch mit schönen Stunden und mit der ersten Liebe. Dafür habe ich Romanfiguren und ihre familiären Schicksale erfunden, auch durch eigene Erlebnisse inspiriert. Um Ihnen als Leser den Überblick zu erleichtern, finden Sie dazu im Anhang ein Personenregister.
Ich wollte auch die menschliche Seite der Kommandeure aufzeigen. In Geschichtsbüchern liest man nur die historischen Fakten. In ihren Biographien fehlt das Menschliche: Wer waren sie und warum handelten sie so, wie sie gehandelt haben? Zum Beispiel standen sich James Longstreet aus dem Süden und Ulysses S. Grant aus dem Norden monatelang auf dem Schlachtfeld gegenüber, obwohl sie eng befreundet waren. Mich bewegten auch zwei häufige Phänomene: Desertieren und Überlaufen.
Die Dialoge des Romans stehen im historischen Kontext und sind daher aus heutiger Sicht manchmal »politically incorrect«. Diese Anschauungen geben jedoch nicht meine Meinung wieder, sondern nur die der handelnden Personen.
Last but not least hoffe ich, dass es mir gelungen ist, eines besonders hervorzuheben: den Wahnsinn des Krieges. Viele junge Männer ziehen begeistert in den Krieg und denken an Abenteuer und Ruhm. Genau das Gegenteil ist der Fall: Das Abenteuer entpuppt sich schnell als Elend, Angst, Hunger und Verlust. Und das Töten anderer Menschen hat nichts mit Ruhm zu tun. Daher habe ich nichts auf dem Schlachtfeld beschönigt, sondern alle Grausamkeiten niedergeschrieben.
War is hell!
Kapitel 1
Elisha Schmidts fuhr am 21. April 1861 mit der Kutsche zum Haus seiner Eltern in Richmond in Virginia. Vor ihm lag ein sehr schwieriges Gespräch mit seiner Mutter Charlotte. Denn vor wenigen Tagen hatten die Südstaaten ein Fort der Union, das Fort Sumter, angegriffen. Elisha war felsenfest überzeugt davon, dass dies zum Krieg zwischen den Nord- und den Südstaaten führen würde. Er und seine Schwester Marye waren in Boston, Massachusetts, geboren worden, wo die Familie einst gelebt hatte. Als seine Mutter Charlotte das Haus ihrer Eltern in Richmond geerbt hatte, zog die Familie dorthin in das zum Süden gehörenden Virginia. Elisha hatte sich aber in Virginia nie richtig wohlgefühlt. Da er in Boston aufgewachsen war, fühlte er sich mehr dem Staate Massachusetts verbunden. Jetzt stand er vor einem großen Dilemma. Virginia war am 17.4.1861 aus der Union ausgetreten, wie schon einige Südstaaten zuvor: South Carolina hatte als erster Staat am 20.12.1860 mit dem Austritt aus der Union begonnen. Das bedeutete eine klare Trennung von den Vereinigten Staaten. Jetzt gab es die Rest-Union im Norden und die Sezession im Süden. Massachusetts gehörte eindeutig zur Union.
Was sollte Elisha machen? Nicht nur, dass er in Boston geboren wurde und deshalb Massachusetts als seine wahre Heimat ansah. Nein, auch sein bester Jugendfreund David Baker aus der Nachbarschaft in Boston würde sicher für die Union kämpfen. Elisha und David könnten niemals die Hand gegeneinander erheben! Er sah es aus allen diesen Gründen als seine Pflicht an, für die Union zu kämpfen. Das war klar. Da gab es nichts zu rütteln. Doch wie sollte er das seiner Mutter erzählen? Bis jetzt hatte er sich in der Familie nicht dazu geäußert. Seine Familie machte auch keine Anstalten, darüber zu reden. Für sie gab es die Union und die Sezession. Zwei Gruppen mit unterschiedlichen politischen Auffassungen. Mehr nicht. Doch Elisha wusste, dass da noch mehr war. Das roch nach Krieg. Seit Abraham Lincoln, der aus dem Norden stammte, im November 1860 zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt worden war, ahnte Elisha, dass es Krieg geben würde. Erst recht, nachdem South Carolina aus der Union ausgetreten war. Je länger er darüber nachdachte, desto mehr wurde ihm klar, dass jeglicher Wunsch, sich der Union anzuschließen, von seiner Mutter abgelehnt werden würde. Es würde sie sicher sehr verletzten, wenn er ihr sagen würde, dass er für die Union kämpfen wolle. Doch was blieb ihm anderes übrig? Sie verletzen oder sich selbst belügen und für die Sezession kämpfen? Dieses Opfer schien ihm zu groß.
Abraham Lincoln, jetzt Präsident der Nordstaaten, hatte bereits 75.000 Freiwillige zu den Fahnen gerufen. Daher war es für Elisha offensichtlich, es war bereits Krieg. Zwei Tage nach dem Angriff der Sezession auf Fort Sumter war alles vorbei gewesen und der Süden hatte gesiegt. Warum hatten diese verdammten Südstaatler mit dem Krieg angefangen? Zum Teufel mit ihnen. Elisha hatte genug zugesehen. Jetzt war Schluss. Er wollte noch in den nächsten Tagen nach Boston reisen und sich einem Heer anschließen. Ganz gleich welchem, Hauptsache weg vom Süden, der an allem Schuld hatte.
Der Kutscher hielt vor dem Haus der Familie Schmidts. Elisha stieg aus der Kutsche und ging ins Haus. Ihm blieben gerade zehn Minuten sich umzuziehen, bevor das Abendessen begann. Elisha eilte in sein Zimmer, zog sich um und betrat gerade noch rechtzeitig den Speisesaal. Seine Eltern August und Charlotte, und seine Geschwister Louis, Emma und Linda saßen um einen großen Tisch. Auch seine Schwester Marye und ihr Mann James waren mit ihren drei kleinen Söhnen heute Abend zu Gast. Charlotte, die alles selbst gekocht hatte, servierte allen. Die Schmidts freuten sich über das gemütliche gemeinsame Essen. Es gab als Vorspeise eine herrliche Tomatensuppe. Die liebte Elisha besonders, erinnerte sie ihn doch an seine Kindheit in Boston.
Die Familie sprach über die Fortschritte des kleinen Phil. Er war der jüngste Sohn von Marye. Phil war zwei Jahre alt geworden und sprach schon einige Wörter richtig aus.
»Er hat gerade das Wort ‚Nein‘ als Lieblingswort entdeckt«, sagte Marye stolz. »Bei jeder Gelegenheit sagt er nein. Soll er zum Essen kommen, sagt er nein, soll er mir beim Abwasch in der Küche helfen, sagt er nein…«
»Nein«, jauchzte Phil fröhlich, und alle Erwachsenen lachten.
»Du solltest ihm aber auch wichtige Worte lehren, wie zum Beispiel ‚bitte‘ oder ‚danke‘«, ermahnte Großvater August streng.
»Nein«, rief Phil wieder. August lächelte.
Die Stimmung war lustig und fröhlich. Jetzt kam der Hauptgang: Rinderbraten mit frischem Gemüse. Das Rezept stammte von Charlottes Mutter. Das wussten alle. Es schmeckte herrlich.
Plötzlich kam Louis auf das seit Tagen brandaktuelle politische Thema zu sprechen:
»Habt ihr das im Richmond Times-Dispatch gelesen? Abraham Lincoln hatte General Robert E. Lee das Kommando über die gesamte Unionsarmee angeboten. Ihr wisst ja, General Robert E. Lee stammt aus einer der nobelsten und auch ältesten Familie Virginias. Er diente uns ja schon im Mexikokrieg 1846-1848. Na, egal. General Robert E. Lee hat gestern dieses Kommando abgelehnt mit der Begründung, er könne sein Schwert nicht gegen seinen Heimatstaat erheben. Warum sollte er auch? Virginia ist unsere Heimat und auch ich bin nicht gewillt, im Heer der Union zu dienen.«
»Louis, du bist ja, wie unsere Schwestern Emma und Linda, schon hier in Richmond geboren, Marye und ich aber noch in Boston. Was ist denn unsere wahre Heimat?«, fragte Elisha.
»Virginia natürlich. Von hier stammt ja unsere Mutter, und mein Mann und meine Kinder sind auch hier geboren«, meinte Marye.
»Für mich ist meine Heimat Massachusetts, in der ich geboren und aufgewachsen bin«, sagte Elisha laut.
»Aber jetzt lebst du in Virginia. Massachusetts ist deine und unsere alte Heimat, Virginia ist jetzt unser aller neue Heimat. Du kannst doch nicht gegen unsere gemeinsame neue Heimat kämpfen wollen«, erwiderte Marye ihrem Bruder eindringlich.
»Wer redet denn von kämpfen?«, fragte August. »Warum tut ihr denn alle gerade so, als gäbe es schon einen richtigen Krieg.«
»Wir sind bereits im Krieg, Vater, seitdem South Carolina das Fort Sumter angegriffen hatte, in dem Unionstruppen stationiert war. Also wer nun hat den Krieg angefangen?«, schrie Elisha.
»Elisha, ich verbitte mir so einen Ton bei Tisch. Und ich verbiete es, weiterhin über dieses Thema zu reden«, rief Charlotte und schaute Elisha böse an. Elisha hatte diesen bösen Blick seiner Mutter schon immer gefürchtet. An diesem Abend traf er Elisha noch schwerer, mitten in sein Herz.
»Warum sollten wir nicht mehr davon reden? Das ist doch für unsere Familie ganz wichtig«, beharrte nun Louis.
»Wenn es zum Krieg kommt und wenn Virginia kämpfen muss, dann werdet ihr alle für Virginia kämpfen. Ihr tut es für meine Vorfahren, für meine Familie und auch für mich. Ist das klar?« sagte Charlotte bestimmend. Elisha schwieg. Er wusste, dass weiterer Widerstand zwecklos war. Vielleicht würde es sich ja für ihn doch noch ergeben, für die Union kämpfen zu können. Vielleicht wird sich ja auch alles von selbst erledigen. Vielleicht wird der Krieg nur kurz dauern und die Soldaten der Vereinigten Staaten aus Massachusetts und aus Virginia würden gar nicht gegen einander kämpfen müssen.
Das Dessert, ein köstlicher Erdbeerkuchen, wurde ohne weitere Konflikte verspeist. Die Erwachsenen wendeten sich nun wieder dem fröhlichen kleinen Phil zu, der plötzlich zur Freude des Großvaters »bitte« sagte.
Kapitel 2
Elishas Hoffnung, dass der Krieg nur kurz dauern würde erfüllte sich nicht. General Robert E. Lee wurde am 21.4.1861 das Kommando über die Truppen Virginias angeboten, was er auch ein paar Tage später übernahm. Elisha entschloss sich, zu kämpfen. Das gehörte zu den Pflichten des Mannes, seine Ehre und sein Land zu verteidigen. Das hatte August ihnen immer gesagt. Jetzt war es so weit. Elisha versuchte erst gar nicht, mit seiner Mutter darüber zu reden, ob er nun für den Norden kämpfen dürfte. Sie hätte es nie verstanden. Sollten doch alle denken, dass Virginia ihre neue Heimat wäre, für ihn galt das nicht.
Elisha versuchte, mit seinem Vater noch einmal zu reden und bat ihn deswegen um einen Ausritt in die Umgebung von Richmond. August war verwundert, denn schließlich war er noch nie mit einem seiner Kinder ausgeritten. Die Kinder ritten immer nur gemeinsam oder alleine aus. Wie auch immer, August sagte Elisha zu. Während sie durch Richmond trabten sprachen sie kein Wort. Zu stark waren ihre Eindrücke auf den Straßen der Stadt. Erst kamen ihnen ein paar uniformierte junge Soldaten entgegen, kaum einer älter als Elisha. Sie hielten das Gewehr auf die Schulter gestützt. Bei manchen schien es, als wäre das Gewehr viel zu schwer für sie. Sie strahlten aber und freuten sich schon auf ihr zukünftiges Abenteuer: Krieg. Hätten sie es nur besser gewusst! Einige der jungen Damen, die ihnen entgegenkamen, winkten und kicherten. Die Jungs fühlten sich dadurch noch größer und lächelten zurück. Kinder liefen umher, kleine Buben hielten eine Holzpistole in der Hand, zielten aufeinander und drückten ab. Die Nachbarin der Schmidts, Mrs. Cloud, stand in ihrem Garten und beobachtete die kleinen Buben traurig. Sie hatte ihren Mann schon im Jahre 1847 in einer Schlacht des Mexikokriegs verloren. Das war jetzt schon vierzehn Jahre her, doch es schmerzte sie immer noch. Sie war erst fünfundvierzig Jahre alt. Ihr Mann und sie waren nur kurz verheiratet gewesen. Dennoch bekamen sie gemeinsam zwei Söhne und zwei Töchter. Ihr Sohn Ronald war jetzt siebzehn Jahre alt. Sie betete nun täglich für ihn, dass er nicht in den Krieg ziehen müsse. Sie hätte es nicht ertragen können, noch einmal einen geliebten Menschen zu verlieren. Als sie Richmond verlassen hatten, fühlte sich Elisha sicherer. Er hatte das gute Gefühl, dass seine Mutter ihn jetzt nicht mehr hören konnte. In Richmond hatte er überall gemeint, seine Mutter käme gleich um die nächste Ecke.
»Vater, du fragst dich sicher, warum ich mit dir heute ausreiten wollte. Wir Kinder sind zuvor nie mit dir ausgeritten, sondern immer nur zusammen oder allein. Doch dieses Mal wollte ich mit dir allen sein und in aller Ruhe über alles reden«, begann Elisha die Unterhaltung.
»Ja, gut. Was ist denn los?«, fragte August.
»Vater, ich möchte nach Boston gehen und mich dort einer Unionsarmee anschließen.«
»Mein Sohn, ich dachte, wir hätten das alles schon beim Abendessen geklärt?«
»Nein, das haben wir nicht. Mutter will, dass ich für Virginia kämpfe. Aber Virginia ist gar nicht meine Heimat, Massachusetts ist doch meine richtige Heimat. Warum sollte ich denn für das mir fremde Virginia kämpfen?«
»Na, weil deine Mutter aus Virginia kommt. Meine Familie und ich, wir hatten ja keine Verwandten in Amerika. Aber deine Mutter hat Verwandte hier in Richmond. Ich selbst wurde in Bayern in Deutschland geboren, aber Bayern ist ja nur meine ursprüngliche Heimat«.
»Ja, doch Du musstet ja nie gegen deine deutschen Freunde kämpfen! Aber mein bester Freund in Boston ist David Baker! Was sollte ich tun, wenn David mir auf dem Schlachtfeld gegenübersteht? Ich könnte niemals abdrücken!«
»„Und was wäre, wenn Du als Yankee Deinem Bruder Louis auf dem Schlachtfeld gegenüberstehen würdest? Könntest Du dann etwa eher abdrücken?«
»Nein, natürlich nicht«, erwiderte Elisha verzweifelt. Er war am Ende.
»Mein lieber Sohn, ich verstehe Deine Zerrissenheit. Doch als meine Familie und ich nach Massachusetts in Amerika gingen, ließen wir unsere alte Heimat Bayern hinter uns. Wir blickten daher nie zurück, sondern immer nur nach vorne. Wenn du nur nach hinten blickst, dann verpasst du, was heute passiert. Nur was vor dir liegt, ist entscheidend, nicht das, was hinter dir liegt. Massachusetts kann deine Heimat bleiben, doch sie liegt nun hinter uns. Virginia liegt vor uns, vor dir. Das ist, was zählt.«
»Vater, das ist wohl eine richtige Lebensweisheit! Aber für mich gilt das nicht. Ich fühle mich Virginia nicht verbunden. Wie kann ich für einen Staat kämpfen, wenn ich mich ihm nicht verbunden fühle? Kann ich gegen denjenigen Staat kämpfen, dem ich mich so verbunden fühle?«
»Noch ist nicht gesagt, dass es zu einem richtigen Krieg kommt. Die Mehrheit spricht von einem neunzig Tage Krieg. In dieser Zeitspanne wirst du schon nicht kämpfen müssen.«
»Ja, Vater, könnte sein. Und wenn doch?«
»Ich habe euch Kindern stets gesagt: folgt eurem Herzen. Doch das kann ich diesmal nicht, da ich deine Mutter nicht verletzen will. Ich flehe dich an, wenn es zum Krieg kommt, kämpfe für Virginia! Tue es für deine Mutter und für ihre Familie. Krieg bedeutet Leid, viel Leid. Wenn Du für die Nordstaaten kämpfen würdest, dann könntest Du nie mehr nach Virginia zurück! Willst du deiner Mutter dieses schreckliche Leid denn wirklich zufügen?«
»Nein, Vater, nein! Daran hatte ich noch gar nicht gedacht. Ja, ja, du hast ja recht. Ich werde also für Virginia kämpfen. Doch ich tue es nur für meine Mutter, für unsere Familie, aber nicht für mich und nicht von Herzen.«
»Ich weiß, wie du dich fühlst. Ich weiß dieses große Opfer sehr zu schätzen! Aber eines Tages wirst du bestimmt begreifen, dass du dich heute richtig entschieden hast.«
Ein paar Tage später, am 1. Mai 1861, verließen Elisha und Louis ihr Elternhaus. Ihre Mutter weinte still, während die zwei sich von der Familie verabschiedeten.
»Passt auf euch auf und kämpft mit Stolz und in Ehren für Virginia. Kommt mir gesund zurück, wenn der Krieg vorbei ist«, sagte Charlotte und küsste sie auf die Stirne. Das hatte sie bei den Kindern immer gemacht, als sie noch sehr klein waren. Sie hatte Elisha zuletzt so geküsst, als er elf Jahre alt gewesen war. Er hatte nie verstanden, warum sie plötzlich damit aufgehört hatte, und darum fragte er sich, warum sie es gerade jetzt wieder getan hatte. Dann ritten die beiden davon.
Elisha wurde als Infanterist unter das Kommando von General Joseph Eggleston Johnson gestellt, Louis, ein brillanter Reiter, jedoch der Kavallerie unter dem Kommando von Colonel J.E.B. Stuart zugeteilt.
Kapitel 3
Nachdem General Robert E. Lee aus der Unionsarmee ausgeschieden war, herrschte auch in der Familie Calvert Kriegsstimmung. Tom, der Älteste, diente schon länger in der US-Kavallerie. Schon in West Point war er wegen seiner herausragenden Reitkünste aufgefallen. Jetzt wurde er zum 1. Kavallerie Regiment beordert, genauso wie sein jüngerer Bruder Robert, auch ein ausgezeichneter Reiter, der sofort als Rekrut aufgenommen wurde. Robert hatte extra sein Studium der Rechtswissenschaften in Harvard unterbrochen, um nach einem kurzen Aufenthalt bei seiner Familie mit seinen Brüdern in den Krieg zu ziehen. Auch Oliver, der Mittlere der Brüder, hatte sich entschlossen, den beiden in die Armee zu folgen, da nach seinem eben beendeten Studium der Politikwissenschaften in Harvard seine Bewerbung als Sekretär des Bürgermeisters erfolglos geblieben war.
Als Tom erfahren hatte, dass sein Kommandeur J.E.B Stuart sein würde, war er überglücklich gewesen. Denn J.E.B Stuart war sein Klassenkamerad und auch bester Freund in West Point gewesen. Er war angenehm überrascht, dass sein bester Freund nun sein zukünftiger Befehlshaber sein würde. Beides sollte er für immer bleiben! Und auf seinen kleinen Bruder Robert konnte er zusätzlich auch noch aufpassen, obwohl dem das sicher nicht gefiel. Als die Brüder ihre Stellungsbefehle erhielten, waren sie alle mächtig stolz, »endlich den Blue Bellies eins über die Rübe ziehen zu können«, um es mit den Worten von Robert auszudrücken. Bevor sie in den Krieg zogen, veranstalteten ihre Eltern ein Dinner mit vielen Familienmitgliedern. Auch die Brüder von Jane Calvert waren anwesend: Jonathan Hill mit seinem Sohn Joseph sowie Andrew Hill mit seiner Tochter Jessica. Sie bewunderte die Uniformen der drei Calvert--Brüder, ihrer Cousins. Besonders Toms Offiziersabzeichen hatten es ihr angetan. Robert bemerkte das. Er war schon als Kind in Jessica verliebt gewesen, als beide im Garten herumgealbert und gespielt hatten. Er hatte es bis jetzt jedoch nicht gewagt, ihr seine Liebe zu gestehen. Jetzt musste er aber in den Krieg ziehen. Die Zukunft war ungewiss. Es war die letzte Gelegenheit, er musste es ihr sagen. Eifersucht stieg in ihm hoch. Er beschloss zu handeln, bevor Tom ihm Jessicas Herz stahl. Robert bat Jessica um den nächsten Tanz. Ein wunderschöner Walzer wurde gespielt. Sie sahen sich die ganze Zeit tief in die Augen. Nachdem der Walzer zu Ende war, gingen sie hinaus in den Garten. An der schönen Eiche, wo sie einst als Kinder getanzt hatten, nahm er ihre Hand, sah sie lange an und stammelte:
»Jessica, ich muss dir etwas sagen, was ich schon seit Jahren hätte sagen sollen. Doch als kleiner Junge war mir das noch nicht bewusst. Jetzt sind wir erwachsen, und ich muss in den Krieg«, begann Robert, nachdem er sich beruhigt hatte.
»Was wolltest du mir sagen?«, fragte Jessica.
»Ich liebe dich Jessica.« Robert war überrascht, weil ihm diese Worte so leicht über die Lippen kamen. Damit hatte Jessica nicht gerechnet. Sie schwieg. Robert schwitzte und schien vor Aufregung wie zum Zerreißen gespannt. Doch dann sagte Jessica mit fester Stimme:
»Ich bin so froh, dass du es mir endlich gesagt hast. Denn mir ergeht es ja genauso. Ich dachte, du würdest mich nicht lieben, und ich müsste irgendwann ein ekliges und langweiliges Muttersöhnchen aus Richmond heiraten.«
»Nein, niemals. Das werde ich verhindern.«
Sie sahen sich schüchtern um, ob sie von jemandem gesehen werden könnten. Nachdem sie keinen sahen, küssten sie sich innig und lang.
»Wollen wir uns heute Abend verloben?«, fragte Robert mit strahlenden Augen.
»Nicht zu schnell. Du müsstest doch erst Vater fragen«, erwiderte Jessica lächelnd.
»Dann werde ich sofort mit deinem Vater sprechen!«
Robert ließ in seiner Aufregung und Hektik Jessica einfach stehen und rannte los, um mit Mr. Andrew Hill, Jessicas Vater, zu reden. Er fand ihn in einer Gruppe junger Gentlemen, die mit lauter Stimme vom Krieg sprachen:
»Wir werden den Yankees zeigen, was es heißt, uns den Krieg zu erklären. Lincoln schickt 75.000 Freiwillige, wir werden ihm aber noch viel mehr entgegenstellen«, rief Andrew Hill, rot vor lauter Zorn. »Einer von uns nimmt es mit zehn Yankees leicht auf«, prahlte sein Bruder Jonathan. »Mr. Hill, kann ich sie kurz sprechen?«, fragte Robert. Andrew Hill legte väterlich seinen Arm um Roberts Schulter und sagte:
»Du meinst doch auch, dass wir es diesen verdammten Yankees jetzt zeigen werden?«
»Ja natürlich Mr. Hill. Darf ich sie nun bitte in einer anderen, wichtigen Angelegenheit sprechen?«, fragte Robert noch einmal.
»Wichtiger als der Krieg? Was könnte wichtiger als der Krieg sein? Na gut, dann lass uns dazu aber an einen ruhigeren Ort gehen.«
Robert führte Mr. Hill in die Bibliothek seines Vaters. Hier, inmitten unzähliger Bücher, setzten sie sich auf bequeme Stühle. Robert atmete tief ein und stotterte dann:
»Mr. Hill, ich wollte…ich würde gerne…«
»Ganz ruhig. Du bist ja total aufgeregt. Beruhige dich«, antwortete Mr. Hill freundlich.
»Ich wollte um die Hand von Jessica anhalten«, hörte sich Robert sagen. Auch jetzt kamen ihm diese Worte erstaunlich leicht von den Lippen.
»Meine Jessica? Sie heiraten? Wie kommst du denn auf diese Idee, jetzt, wo ein Krieg droht?«
Robert hielt den Atem an. Jetzt ging es um alles, um sein Lebensglück, seine Zukunft. Er hielt diesem Druck kaum mehr stand. Mr. Hill fuhr fort:
»Jessica hat ja viele Verehrer. Besonders Andrew Thomas scheint mir recht vielversprechend zu sein. Er ist wohlhabend und - aber nein, ich sollte dir wirklich nicht von ihren anderen Verehrern vorschwärmen. Warum willst du gerade meine Jessica heiraten?«, fragte Mr. Hill.
»Weil wir uns lieben, seit wir Kinder sind.«
»Ach so - was macht dich so sicher, dass sie dich auch liebt?«
»Ich habe ihr gerade draußen im Garten eine Liebeserklärung gemacht, und sie hat sie erwidert!«
»So«, murmelte Mr. Hill. Dann dachte er eine Weile schweigend nach. Robert war nun wie in Trance. Er fürchtete, ohnmächtig zu werden. Dann nahm er alle seine Kraft zusammen:
»Sehen Sie, ich ziehe jetzt in den Krieg, und es würde mich so stärken zu wissen, dass meine liebe Frau Jessica auf mich wartet!«
Mr. Hill lächelte ihn an. Dann sagte er:
»Na dann, mein lieber Schwiegersohn in spe, wenn das so ist, will ich eurem Glück nicht im Wege stehen. Ihr habt meinen Segen.«
Robert hätte vor lauter Freude Mr. Hill umarmen können. Er verbeugte sich aber und bedankte sich bei Mr. Hill förmlich. Dann eilte er zu Jessica und erzählte ihr alles. Plötzlich ertönte die laute Stimme von Mr. Hill, der unter dem Kronleuchter des großen Salons inmitten der zahlreichen Gäste stand:
»Liebe Familie, ich kann diesen unvergesslichen Abend noch mit einer großartigen Nachricht krönen. Meine Tochter Jessica - wo ist sie denn?« Er sah sich hastig nach ihr um.
»Hier Vater«, sagte Jessica und trat aus den Gästen nach vorne ins Licht zu ihrem Vater.
»Meine Tochter Jessica und Mr. Robert Calvert - wo ist denn der jetzt wieder hin?« Wieder sah sich Mr. Hill hilfesuchend im ganzen Salon um.
»Hier«, sagte Robert ganz aufgeregt und eilte in die Mitte des Raumes zu seiner Jessica.
»Hiermit gebe ich mit Freuden die Verlobung meiner Tochter Jessica Hill mit Mr. Robert Calvert bekannt«, rief Mr. Hill mit überschlagender Stimme. Der ganze Saal bebte.
»Möge Gott euch beistehen und euch viele Kinder schenken«, fügte Mr. Hill hinzu. Robert und Jessica sahen sich strahlend in die Augen. Er küsste zärtlich ihre Hand. Nachdem ihnen viele Leute gratuliert hatten, bat Joseph Hill, der Verlobte von Victoria, Roberts ältester Schwester, Robert um ein Gespräch. Sie gingen nach draußen und schritten erst schweigend durch den dunklen Garten.
»Morgen werdet ihr drei, Tom, Oliver und du, in den Krieg ziehen. Meinst du, dass diese Verlobung jetzt wirklich günstig ist?«, fragte Joseph dann und sah Robert dabei besorgt an.
»Warum?«, blaffte Robert wütend zurück.
»Na, wer weiß, was mit euch dreien passieren wird. Und wenn Cousine Jessica dann vielleicht um dich, na wie sagt man… «
»Was?«
»Nein, nein, ist ja schon gut, ihr werdet schon wieder gesund nach Hause zurückkehren.«
»Warum willst eigentlich du nicht für Virginia kämpfen?«, fragte Robert noch aggressiver als zuvor.
»Weil ich mein Studium als Arzt abschließen muss, als Chirurg, das ist wichtiger. Denn in zwei Jahren bin ich fertig. Dann werde ich meinen Beitrag zum Krieg leisten, wenn er dann noch nicht vorbei ist. Und warum bist du so scharf darauf, zu kämpfen? Warum beendest du nicht erst dein begonnenes Studium in Harvard?«
»Ich habe in Harvard schnell gemerkt, das Rechtswissenschaften nichts für mich sind. Ich wollte auch wie Tom nach West Point. Meine Eltern hatten es mir aber verboten. »Ein Sohn in West Point reicht«, war ihre Antwort gewesen. Ich will aber unbedingt für mein Land kämpfen und habe deswegen mein Studium vorerst unterbrochen, bis zum Sieg der Konföderierten.«
»Und das haben dir deine Eltern erlaubt?«
»Ja, weil dieser Kampf unser aller Pflicht ist.«
»Hab schon verstanden.« Joseph begriff, dass Robert so sehr vom Krieg begeistert war, dass es keinen Sinn machte, weiter zu reden. Sie standen noch eine Weile schweigend da. Dann gingen sie wieder ins Haus.
Am nächsten Tag brachen die drei Brüder endgültig auf. Ihre Mutter, Toms Frau Susan, Olivers Frau Lucie und Jessica weinten herzzerreißend, als die Brüder ihre Pferde sattelten. »Ich komme bald wieder und dann heiraten wir. Ich verspreche es«, sagte Robert und küsste Jessica. Ihnen war es diesmal egal, dass sie von allen anderen beobachtet wurden. »Daddy warum gehst du weg?«, weinte Marcus, der kleine Sohn von Tom und Susan.
»Weil ich nun etwas sehr Wichtiges erledigen muss. Es geht um unsere Familie und um unser Land«, sagte Tom und streichelte Sohn Marcus zärtlich über seine kleinen, roten Wangen. »Wann kommst du wieder Daddy?«, fragte Frederik, der kleine Zwillingsbruder von Marcus.
»So schnell wie möglich kommen wir alle wieder zurück. Das verspreche ich«, sagte Tom und strich über den Kopf seines Buben Frederik. Dann küsste er seine Frau Susan.
»Ich wünschte, wir hätten auch schon Kinder«, weinte Lucie und schaute traurig auf die Zwillingsbrüder. »Dann könnte ich sie ganz fest umarmen, während du so weit weg bist.«
»Wir werden Kinder haben, wenn ich wiederkomme«, versicherte Oliver, drückte sie an sich und küsste Lucie innig.
Die Brüder ritten davon. Robert drehte sich noch mehrmals um und war nahe dran, zurück zu Jessica zu reiten, doch Tom hielt ihn mit mahnendem Blick davon ab.
Nach einer Weile trennte sich Oliver von seinen Brüdern, und ritt zur Truppe, in der er seinen Dienst antreten sollte. Als er seine Einheit erreichte, war er unsicher und nervös. Er hatte keine Ahnung, wie und bei wem er sich als Freiwilliger melden sollte. Neben ihm standen einige junge Männer, die wie er nach dem Stellungskommando suchten. Er beschloss daher, sich ihnen einfach anzuschließen.
»Seid ihr auch Freiwillige? Wisst ihr denn, wie das hier eigentlich läuft?«, fragte Oliver.
Ein blasser junger Mann mit spärlichem Bartwuchs musterte Oliver mit abschätzenden und recht verächtlichen Blicken und sagte dann: »Was, du willst auch Soldat werden? Willst du nicht lieber zur Mama zurück?«, lachte er. Oliver ignorierte den dummen Spott souverän.
»Auch ich bin meiner Pflicht und Ehre gefolgt, genauso, wie ihr alle, das hoffe ich, auch!«
»Naja, ich würde jetzt auch lieber zu Hause sitzen und täte ein von meiner Mutter gebratenes Steak verspeisen - ich habe nämlich einen mordsmäßigen Hunger«, mischte sich ein anderer Bursche grinsend ein. Jetzt lachten alle. »Ich glaube, hier geht’s lang«, sagte der Blasse. Bald danach waren sie alle Drei stolze Rekruten.
Als Tom und Robert sich dann bei der Kavallerie meldeten, wollte es der Zufall, dass sie gleich auf James Ewell Brown Stuart trafen, Toms alten Klassenkameraden von West Point. J.E.B war ein jovialer und frischer junger Mann. Mit seinem schönen, rostbraunen Vollbart, den blauen, blitzenden Augen und dem lustigen Hut mit Feder wirkte er mehr, als wäre er auf dem Weg zu einem Ball. Er hatte, wie Tom, 1854 West Point im Rang eines Lieutenants absolviert und war danach rasch bis zum Captain aufgestiegen. In der Südstaatenarmee wurde er sofort zum Colonel befördert und übernahm das Kommando über das 1. Kavallerieregiment des Staates Virginia.
»Tom, was machst du hier?«, strahlte J.E.B, als er seinen Kadettenfreund Tom erkannte.
»Tja, Colonel, ich dachte mir, wir zwei alte Freunde sollten den Yankees das Fürchten lehren«, antwortete ihm darauf Tom lachend.
»Colonel? Nicht doch, Tom! Nicht unter uns alten Kameraden. Wie geht es der Familie? Bist du wahrscheinlich schon, wie ich, verheiratet?«
»Ja, aber weil wir gerade bei der Familie sind - darf ich dir zuerst meinen Bruder Robert vorstellen?«
»Sehr erfreut«, lächelte Stuart freundlich.
»Ebenfalls, Colonel. Mein lieber Bruder hat mir schon viel von ihnen erzählt«, sagte Robert. Diesmal ließ Stuart die Anrede »Colonel« stehen.
»Hoffentlich nur Gutes«, erwiderte der Colonel augenzwinkernd.
»Selbstverständlich, Colonel«, antwortete Robert und musste dabei ein Lachen unterdrücken.
»Der Familie geht es bestens. Mein Bruder Oliver hat sich wie Robert freiwillig gemeldet und dient unter Brigadegeneral Beauregard. Ich bin schon verheiratet und habe zwei Söhne. Es sind Zwillinge, sie heißen Marcus und Frederik«, berichtete Tom.
»Da gratuliere ich dir zu deinem Glück. Ich selbst habe eine wunderschöne Frau namens Flora. Wir haben einen Sohn, der heißt so wie ich James Ewell Brown Stuart, aber zusätzlich noch ‚Junior‘. Sie hoffen natürlich beide, dass ich bald wieder heil zurückkehren werde.«
»Ja, das hoffen wir alle natürlich ganz genau so!«
»Natürlich. Denn Gott ist auf unserer Seite. Uns kann mit seiner Hilfe nichts passieren.«
Für die Familie Edwards in Richmond begann der Krieg zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt: James, das einzige Kind hatte
