Sie meint es nur gut! - Friederike von Buchner - E-Book

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Friederike von Buchner

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Beschreibung

Die beliebte Schriftstellerin Friederike von Buchner hat mit dieser Idee ein Meisterwerk geschaffen: Die Sehnsucht des modernen Großstadtbewohners nach der anderen, der ursprünglichen Welt voller Liebe und Gefühle, nach Heimat und bodenständiger Natur bildet Kern und Botschaft dieser unvergleichlichen Romanserie. Liebe und Gefühle, nach Heimat und bodenständiger Natur bildet Kern und Botschaft dieser unvergleichlichen Romanserie. Es war später Vormittag. Die Hüttengäste waren zu ihren Wanderungen und Gipfelerstürmungen aufgebrochen. Toni füllte zwei Becher mit süßem Milchkaffee. »Komm, Anna, machen wir unsere wohlverdiente Kaffeepause.« Anna Baumberger, Tonis Frau, trocknete sich die Hände ab. Sie folgte ihrem Mann auf die Terrasse der Berghütte. Der alte Alois saß dort in der Sonne und schaute über das schöne Tal. Die Luft war klar und rein. Über den Gipfeln vom ›Engelssteig‹ und ›Höllentor‹ wölbte sich ein strahlendblauer Himmel. Die Sonne schien und bedeckte die letzten Dunstschleier über den Almwiesen mit ihren Strahlen. Anna und Toni setzten sich zum Alois an den Tisch. Toni atmete tief durch. »Mei, wie schön die Berge sind! Wie herrlich Gottes Natur ist! Welch ein Frieden und eine Ruhe! Es ist einfach ein himmlischer Flecken.« Toni legte den Arm um seine An­­na. »Wir haben es gut getroffen, findest net auch, Anna?« »Sehr gut! Ich bin auch täglich voller Dankbarkeit.«

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Seitenzahl: 138

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Toni der Hüttenwirt Classic – 66 –Sie meint es nur gut!

Aber beinahe hätte Kathi alles verspielt …

Friederike von Buchner

Es war später Vormittag. Die Hüttengäste waren zu ihren Wanderungen und Gipfelerstürmungen aufgebrochen. Toni füllte zwei Becher mit süßem Milchkaffee.

»Komm, Anna, machen wir unsere wohlverdiente Kaffeepause.«

Anna Baumberger, Tonis Frau, trocknete sich die Hände ab. Sie folgte ihrem Mann auf die Terrasse der Berghütte. Der alte Alois saß dort in der Sonne und schaute über das schöne Tal. Die Luft war klar und rein. Über den Gipfeln vom ›Engelssteig‹ und ›Höllentor‹ wölbte sich ein strahlendblauer Himmel. Die Sonne schien und bedeckte die letzten Dunstschleier über den Almwiesen mit ihren Strahlen.

Anna und Toni setzten sich zum Alois an den Tisch. Toni atmete tief durch.

»Mei, wie schön die Berge sind! Wie herrlich Gottes Natur ist! Welch ein Frieden und eine Ruhe! Es ist einfach ein himmlischer Flecken.«

Toni legte den Arm um seine An­­na.

»Wir haben es gut getroffen, findest net auch, Anna?«

»Sehr gut! Ich bin auch täglich voller Dankbarkeit.«

Anna lachte fröhlich.

»Nie hätte ich gedacht, daß das Leben so schön sein kann. Sicherlich war ich vor meiner Zeit mit dir auch irgendwie glücklich. Aber es war ein flüchtiges Glück. Die Zufriedenheit des Augenblicks, des Erfolges als Bankerin hält nicht lange an. Sie füllt nicht aus. Danach hetzte ich innerlich und äußerlich weiter und weiter und immer weiter.«

Anna schaute ihrem Toni tief in die Augen und kuschelte sich an ihn.

»Ich bin unendlich glücklich! Die Berge sind mir zur Heimat geworden.«

Toni küßte Anna auf das Haar, das von der Gebirgssonne noch heller geworden war.

»Da kommt der Hubschrauber schon wieder!« rief der alte Alois und deutete auf einen kleinen schwarzen Punkt über den Bergen.

»Der ist schon gestern öfters hier drüber geflogen. Was der wohl will? Ob er was sucht? Und niedrig ist er geflogen! Die Berghütte hat er umkreist, als würde er hier was suchen. Toni, kannst du dir darauf einen Reim machen?«

Toni schaute dem Hubschrauber entgegen. Langsam schwoll das Geräusch der sich drehenden Rotorblätter an.

»Was denkst, Toni? Wer des wohl ist?«

»Des kann ich dir net sagen, Alois. Gestern dachte ich erst, daß des wieder so ein paar reiche, aber bequeme Helitouristen sind, wie ich sie nenne, die sich ein paar Stunden Bergwelt gönnen wollen, aber zu faul für den Aufstieg sind. Anfangs, als wir die Berghütte eröffnet haben, kamen öfters welche. Doch dann hat es sich wohl rumgesprochen, daß wir solche Leut’ net so gerne sehen. Der Grund, auf dem des Geröllfeld hier ist, gehört zur Berghütte. Jeder, der hier landen will, braucht von uns die Erlaubnis. Aber es hat niemand angefragt.«

»Die einzigen, die hier immer landen dürfen, des ist die Bergwacht«, warf Alois ein.

»Richtig! Der Leo wollte heute auf dem Übungsflug Bier mit heraufbringen. Doch der kommt erst am Nachmittag«, sagte Toni. »Und des ist net der Leo!«

Der Hubschrauber kam näher. Er flog über die Berghütte und drehte. Er kam zurück und flog noch tiefer darüber. Anna hielt sich die Ohren zu.

»Mei, der muß narrisch sein!« schimpfte Toni Baumberger.

Er sprang auf und fuchtelte mit den Armen in der Luft herum. Er machte eindeutig klar, daß es hier keine Landemöglichkeit gebe und er abdrehen sollte. Doch Tonis Be­mühung war vergebens. Immer wieder kreiste der Hubschrauber über der Berghütte und in nächster Nähe über dem Pfad zur Oberländer Alm. Dabei stand er eine ganze Weile auf der Stelle.

»Was soll des?« schimpfte Toni.

Die Luft dröhnte von dem Geräusch. Das Echo verstärkte das gewaltige Dröhnen. Auf der Terrasse verstand man seine eigenen Worte nicht mehr. Der Luftzug wirbelte Staub und Sand auf und preßte ihn über das Geröllfeld in Richtung der Berghütte.

Toni eilte in die Berghütte und holte sein Fernglas. Er wollte sich den Hubschrauber aus der Nähe betrachten. Es war ein einfarbiger hellblauer Hubschrauber mit schwarzverglasten Scheiben. Der Hubschrauber stieg senkrecht in die Höhe und drehte ab. Dann flog er über das Tal von Waldkogel zurück.

Toni ließ das Fernglas sinken.

»Die schwarzen Scheiben, die sind eine gute Tarnung. Ich konnte nicht erkennen, wieviel Leute drin sitzen und net erkennen, wer es war.«

Anna zog Toni neben sich.

»Rege dich nicht auf! Das geht vorbei. Er war ja bis jetzt nur gestern und heute da. Vielleicht wird etwas transportiert?«

»Naa, Anna, naa! Ich weiß zwar, daß drüben auf der anderen Seite am ›Höllentor‹ Hangbefestigungen angebracht werden sollen, doch des ist auf der anderen Seite des Gipfels. Wenn ein Hubschrauber dafür eingesetzt wird, dann ist er hier völlig falsch. Der hat hier nix zu suchen. Außerdem hat er keine Transportvorrichtung unten dran. Naa, naa! Mir scheint, der ist nimmer ganz klar im Kopf und weiß anscheinend net, wo er hin will und was er sucht. Des scheint mir ein Privathubschrauber zu sein. Vielleicht ist des Fluggerät das Spielzeug eines reichen Protzes. So etwas soll es geben. Als Kind hat er ferngesteuerte Spielzeughubschrauber fliegen lassen. Jetzt sitzt er selbst am Steuerknüppel.«

Anna streichelte Toni die Schulter.

»Toni, Liebling! Ganz ruhig, Liebster! Er ist ja fort! Wenn der Leo heute nachmittag kommt, dann frage ihn. Vielleicht kennt er den Hubschrauber. Gut möglich ist, daß er weiß, wem er gehört. Und sollte er noch einmal kommen, dann versuchst du dir die Registrierungsnummer zu notieren.«

»Des ist eine gute Idee! Die Bergwacht ist oft unterwegs. Außerdem kann sich der Leo erkundigen. Er bekommt als Leiter der Bergwacht in Kirchwalden bestimmt Auskunft. Der Leo kennt alle, die hier in der Gegend fliegen. Und wenn er die Nummer weiß, dann ist es einfach.«

Toni trank einen Schluck Kaffee.

»Ich finde des einfach unverschämt! Des ist außerdem unnötig. Des macht die Berge kaputt. Es gibt viel loses Gestein. Schallwellen können wie Sprengungen wirken oder wie Preßlufthämmer. Wenn eine Geröllawine abgeht, dann ist des schlimm. Es kann gefährlich werden. Sicherlich kann des immer mal geschehen. Doch man muß es nicht durch solchen Unfug herausfordern, denk’ ich!«

»Des stimmt, Toni! Der Pilot kann net aus den Bergen sein. Der ist mit Sicherheit kein echter Bergler, sonst würde er so etwas net machen. Echte Bergler, die hier aufgewachsen sind, die haben Respekt vor der Natur. Die lassen ihre Finger von so einem Unsinn«, stimmte der alte Alois Toni zu.

Die beiden Männer waren sich in ihrem strengen Urteil einig.

Anna schwieg dazu. Sie hielt ihren Kaffeebecher in den Händen, nippte daran. Toni sah, daß sie in Gedanken war.

»Anna, was denkst? Was geht dir durch den Kopf? Ich kenne dich; wenn du so schweigsam bist, dann brütest über etwas nach. Red’ schon!«

Anna lächelte ihren Mann an.

»Alois und du, ihr urteilt streng. Ihr laßt kein gutes Haar an dem Piloten. Der Pilot muß nicht zwangsläufig auch der Eigentümer sein. Vielleicht ist er nur angestellt. Dann muß er das machen, was sein Chef ihm aufträgt. Hat er dann eine Wahl?«

»Nein, kann er sagen! Nein, wenn er die Berge liebt!«

Anna streichelte Tonis Wange.

»Liebster Toni! Ich verstehe, daß du ärgerlich bist. Die Hüttengäste auf der Terrasse gestern waren auch sehr ungehalten und fühlten sich gestört. Unsere Gäste sind echte Bergliebhaber. Sie nehmen den mühsamen Aufstieg von der Oberländer auf sich, um hier herauf zu kommen.«

»Mühsamer Aufstieg? Pah! So mühsam ist des auch net! Ich bin des ein Leben lang gegangen und des gleich mehrmals am Tag!« protestierte der alte Alois sofort, der Jahrzehnte vor Toni und Anna mit seiner Frau die Berghütte betrieben hatte.

Anna lächelte ihm zu.

»Ich widerspreche dir nicht, Alois! Aber die Zeiten haben sich geändert. Die Menschen suchen Komfort. Wir sind hier die einzige Berghütte weit und breit, die man nicht mit dem Auto erreichen kann.«

»Richtig, und darauf bin ich stolz! Ich bin froh, daß ihr meine Ideale teilt und keine Straße baut. Jemand, der eine Straße von der Oberländer Alm herauf anlegen lassen wollte, dem hätte ich meine geliebte Berghütte auch net überlassen. Berge müssen erwandert werden. Wer sein Kletterzeug und seine Biwakausrüstung heraufgetragen hat, der verhält sich mit Sicherheit anders, als einer der sein Auto irgendwo vor einer Berghütte parkt und nur den Kofferraum aufzumachen braucht.«

In diesem Punkt waren sich Toni, Anna und der alte Alois einig. Toni und Anna führten die Berghütte in Anlehnung an die gute alte Tradition. Sicherlich gab es Neuerungen. Im Schuppen stand ein Dieselgenerator. Damit konnte man Elektrizität für die Lampen erzeugen, wenn man es wollte, die Toni überall angebracht hatte. Doch die wurden selten benutzt. Nur in den Kinderzimmern von Sebastian und Franziska brannten jeden Abend die Nachttischlampen, die an große Batterien angeschlossen waren, die Toni einmal in der Woche auflud. Anna warf den Generator nur an, wenn sie die Waschmaschine benutze.

Den Gästen gefiel es, daß es den Anschein hatte, die Zeit sei hier stehengeblieben. Im Wirtsraum der Berghütte erhellten Spiritus- und Öllampen den Raum. Toni drehte sie nach dem Abendessen meistens herunter oder ganz aus. Die Hüttengäste versammelten sich zu später Stunde im großen Kreis um den Kamin. Er gab Wärme und Licht und was noch wichtiger war, eine gute Atmosphäre. Anna kochte in der Küche auf einem Holzofen. Im Anfang war es schwierig für sie gewesen. Besonders bis sie herausgefunden hatte, wie sie den Backofen beheizen mußte. Doch jetzt schwor Anna jeden Eid darauf, daß Brot und Kuchen aus so einem Ofen ganz besonders gut schmeckten.

Toni und Anna tranken ihren Kaffee aus. Sie fühlten sich nicht nur von dem Hubschrauber belästigt, sondern auch beobachtet. Das störte sie und war Gesprächsstoff für Spekulationen. Doch sie konnten sich noch so viele Gedanken machen, zu einem Ergebnis kamen sie nicht. Sie mußten warten, bis am Nachmittag Leonhard Gasser, der Leiter der Bergwacht in Kirchwalden, auf dem Übungsflug vorbeikam.

Anna und Toni gingen an die Arbeit zurück. Toni säuberte den Wirtsraum, die wenigen Einzelkammern und den Hüttenboden. Anna spülte das Frühstücksgeschirr zu Ende und ging danach an die Vorbereitungen für das Mittagessen. Doch die Gedanken beider, sowie die es alten Alois schweiften immer wieder ab. Was bedeuteten diese Hubschrauberflüge?

*

Die frühe Morgensonne schien durch die großen Fenster des Frühstückszimmers im Ostflügel der eleganten Gründerzeitvilla in einem der ruhigen Vorstadtviertel. Wendel Wiesheuer und seine Frau Paula hatten dieses Haus gekauft, als sich Nachwuchs angekündigt hatte. Trotz der stattlichen Größe war der Erwerb ein Schnäppchen gewesen, denn es war sehr renovierungsbedürftig. Doch das war mehr als fünfundzwanzig Jahre her. Erst hatte Wendel noch selbst Hand angelegt. Er war sehr geschickt. Doch so geschickt er daheim war, so unermüdlich und agil war er auch in seinem Beruf. Vom ungelernten Hilfsarbeiter in einer Fabrik für landwirtschaftliche Geräte hatte er sich durch Fortbildung und Fleiß stetig nach oben gearbeitet. Dabei war er anständig geblieben. Wendel Wiesheuer war bodenständig, kein neureicher Überflieger. Er vergaß nie, wo er herkam. Er war sich bewußt, daß aller Reichtum auch wieder vergehen kann. Was bleibt sind nur die Beziehungen zwischen Menschen, die Verbindungen von Herzen zu Herzen. Er wußte, was der Satz bedeutete: Raum ist in der kleinsten Hütte für ein glücklich liebend Paar. So war die Familie für Wendel das Allerwichtigste. Für seine liebe Frau Paula und seine Tochter Katharina tat er alles. Das geschah nicht nur im materiellen Bereich. Nein, Wendel nahm sich trotz der vielen Arbeit Zeit für die Familie. Er war immer für sie da, verbrachte viel Zeit mit ihnen. Katharina hing an ihren Eltern. Das Schicksal brachte es mit sich, daß sie ein Einzelkind blieb. Wendel war stolz auf seine hübsche und sehr tüchtige Tochter. Nach einem glänzenden Abitur studierte sie Betriebswirtschaft und Maschinenbau. In dem technischen Fach steckte sie ihre männlichen Kommilitonen in die Tasche. Nein, Katharina konnte man so leicht nicht etwas vormachen. Sie war fleißig und genauso bodenständig wie ihre Eltern. Sie verfügte über die Gabe einer geduldigen Zielstrebigkeit, die letztlich den Erfolg brachte.

Wendel wurde bald nach seiner Meisterprüfung als Landkonstrukteur der Betrieb angeboten, in dem er arbeitete, da der Inhaber keine Kinder hatte. Es war damals eine große Entscheidung für die Familie gewesen. Katharina war noch klein. Damals verstand sie noch nicht so genau, was ihr Vater machte. Wenn sie jemand nach dem Beruf ihres Vaters fragte, dann sagte sie, er habe einen sehr wichtigen Beruf. Es sei ein langes Wort mit vielen, vielen Buchstaben. Das sorgte immer für Heiterkeit. Doch das war lange her.

Jetzt saßen Vater und Tochter zusammen in einem großen Büro auf einer Plattform mit gläsernen Wänden. Von dort aus konnten sie die Produktionshalle überblicken. Wendel war stolz auf das Erreichte. Es gab Tage, da fühlte er sich in Anzug, weißem Hemd und Krawatte unwohl. Dann erinnerte er sich wehmütig an seinen Blaumann. Seine Tochter Katharina war eine sehr elegante Erscheinung. Doch wenn etwas in der Produktion nicht so lief, wie sie sich das vorstellte, dann vertauschte die zierliche blonde Frau den seidenen Hosenanzug mit ihrem Overall und griff selbst ein. Daß ihr dabei mal Fingernägel abbrachen oder sie sich Motorfett ins Haar schmierte, störte sie nicht. Katharina wurde von allen Mitarbeitern genauso akzeptiert wie ihr Vater.

Paula Wiesheuer kümmerte sich halbe Tage um die Finanzen und Buchhaltung der Firma. Das hieß, sie kam stundenweise ins Büro und behielt die Aufsicht. Seit die Firma Wiesheuer Landmaschinenbau vor zwei Jahren einen jungen Betriebswirt eingestellt hatte, lief alles sehr gut.

Wendel Wiesheuer und seine Frau Paula saßen beim Frühstück. Die Haushälterin brachte aus der Küche Eier mit Speck. Wendel schmunzel­te.

»Mei, wie des duftet. Das erinnert mich jeden Morgen an meine Kindheit. Die winzige Wohnung mit der Kochecke über dem Stall beim Bauern. Trotzdem schafften es meine Eltern, uns allen das tiefe und wunderschöne Gefühl einer glücklichen Familie zu geben. Reich waren wir net. Aber glücklich und zufrieden.«

Paula Wiesheuer lächelte ihrem Mann zu. Sie wußte, daß ihr Mann mindestens einmal in der Woche über seine Kindheit sprach. Paula kannte seine Worte auswendig. Aber niemals unterbrach sie ihn.

Er schaute sie an.

»Ich wiederhole mich schon wieder, wie? Ich will dich damit nicht langweilen.«

»Ach, Wendel, ich weiß doch, wie du es meinst. Ich höre dir immer gern zu. Du schaust so glücklich aus, wenn du in Erinnerungen schwelgst. Ich weiß, daß dir deine Erinnerungen Kraft geben. Dort auf dem Bauernhof, auf dem deine Eltern gearbeitet hatten, liegen deine Wurzeln. Du hast die Regeln der Natur verinnerlicht. Das ist das Geheimnis deines Erfolges.«

»Unseres Erfolges! Du bist doch genauso. Eine andere Frau hätte ich auch nicht genommen.«

Paula Wiesheuer lächelte.

»Danke für das Kompliment! Jeder von uns hat seine Kraftquelle in seinem Herzen, der Familie, der Natur. Wir wissen es beide. Es kann nichts wachsen, bevor der Acker bestellt ist. Die Ernte kommt nach der Mühe und ist selbst auch Mühe. Doch dann wird Erntedankfest gefeiert.«

»Richtig, Paula! Das war das Stichwort – Erntedankfest. Wir sollten den Termin für die jährliche große Betriebsfeier festlegen.«

»Stimmt, daran habe ich in den letzten Tagen auch gedacht. Ich habe mich auch schon mit Katharina kurz beredet.«

»Katharina! Wo ist sie? Warum sitzt sie nicht mit uns zusammen am Frühstückstisch?«

Paula Wiesheuer schmunzelte.

»Wendel! Du kennst doch unseren Wirbelwind. Sie ist schon in der Dämmerung aufgestanden und in die Firma gefahren. Ihr habt doch gestern abend darüber gesprochen.«

»Ich habe ihr aber gesagt, daß sie das nicht muß. Es läuft doch alles gut! Ein paar Stunden mehr Schlaf und mehr Freizeit würden ihr sehr gut tun.«

»Liebster Wendel! Wie heißt es so schön? ›Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.‹ Du bist doch in ihrem Alter genauso gewesen, oder?«

»Das streite ich nicht ab, Paula. Doch wie ich langsam auf die Dreißig zuging, da waren wir schon viele Jahre verheiratet, Katharina war da und ging schon zur Schule. Sie ist nicht einmal verlobt. Sie läßt sich viel, viel Zeit damit. Ich habe darüber nachgedacht, Paula. Da erkannte ich, daß ich da an meine Grenzen stoße. Da kann ich nichts machen und will auch nichts machen. Ich halte nichts davon, sich in das Liebesleben junger Leute einzumischen. Es ist ihr Leben, ihre Liebe. Das Recht habe ich damals auch für mich in Anspruch genommen. Ich liebte dich!«

Paula nickte ihrem Mann zu.

Es entstand eine kleine Stille im Raum. Die beiden aßen und erinnerten sich.