SIE MICH AUCH! - Stefan Ralph - E-Book

SIE MICH AUCH! E-Book

Stefan Ralph

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Beschreibung

Ein Voyeur in Ihrer Nachbarschaft beobachtet Sie in den intimsten Momenten. Dann landet alles im Internet. Ein Koch serviert Ekel-Menüs der besonderen Art – und den Gästen schmeckt es sogar noch. Ein vermeintlich schwuler Friseur schleppt reihenweise Ehefrauen ab. Dazu: Ein riesen Arschloch als Chef; ein Professor, der die naivsten Studentinnen durchs Studium schleust - und für den Notfall: eine Klinik, die man nur mit sehr viel Glück wieder gesund verlässt. Also fast nie! Anregende und aufregende Shortstorys für Sie - und das unterhaltsamste Geschenk für jemanden, den Sie wirklich mögen...

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Seitenzahl: 145

Veröffentlichungsjahr: 2019

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SIE MICH AUCH!

Neun skurrile Storys über Typen,die Ihnen bekannt vorkommen werden…

2. Auflage (2019)

Originaltitel: Stefan Ralph: „SALVA VENIA, SIE MICH AUCH!“ (2016)

All rights reserved

@Kontakt: [email protected]

Verlag: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359Hamburg

ISBN

Paperback

978-3-7482-4581-0

Hardcover

978-3-7482-4582-7

e-Book

978-3-7482-4583-4

Layoutgestaltung: Y. Gad

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

INHALT

Prolog

1 Der neurotische Nachbar

2 Der krude Koch

3 Der laue Lebensgefährte

4 Der frivole Friseur

5 Die dilettantischen Docs

6 Der bornierte Boss

7 Der ausgewechselte Alte

8 Der perverse Professor

9 Der honorige Handwerker

PROLOG

Man kommt kaum gegen sie an: Die Nervensägen, Neider, Abzocker, Kleingeister und Stressmacher, die uns tagtäglich umgeben - beruflich wie privat. Einigen von ihnen werden Sie in diesem Buch nun schon wieder begegnen, allerdings auf äußerst unterhaltsame Art und Weise. Entspannen Sie sich bei der Lektüre in der Gewissheit: Anderen geht es auch nicht besser.

Die Geschichten: teilweise heiter, teils bitter böse, ohne Happy-End-Garantie - wie im wahren Leben eben.

Die Protagonisten: chronische Dilettanten, anstrengende Bekannte und unerträgliche Chefs, der Partner im eigenen Bett oder der Nachbar, der mit großer Leidenschaft heimlich die Betten der anderen observiert.

Sicherlich erkennen Sie als außenstehender Beobachter dieser Scripted Reality schnell die Sinnlosigkeit vieler Konflikte, mit denen wir uns das Leben oft unnötig schwermachen. Die Erlebnisse offenbaren alle Facetten menschlicher Abgründe - wie wir eben so sind - wenngleich es auch hinreichend heitere Begebenheiten gibt. Die im jeweiligen Kapitel genannten Protagonisten sind häufig die Quelle aller Querelen - aber nicht immer. Ziehen Sie am besten Ihre eigenen Schlüsse aus den mitunter unangenehmen, aber auch kuriosen und spannenden Ereignissen in Ihrer potentiellen, unmittelbaren Nähe…

Alle Stories sind frei erfunden - angeregt von realen Meldungen und wahren Fällen. Ähnlichkeiten mit noch lebenden oder verstorbenen Personen wären zufällig und sind nicht beabsichtigt.

1

DER NEUROTISCHE NACHBAR

Dr. Hermann von Hohlstetten erschien auf den ersten flüchtigen Blick elegant, angenehm und hochgebildet. Bei näherem Kennenlernen jedoch entpuppte er sich als unausstehlicher Kleingeist, Erbsenzähler und Denunziant, der seit nunmehr fast einem viertel Jahrhundert am Ende dieser Reihenhaussiedlung in einem aufsteigenden Vorort von Frankfurt am Main, gewissermaßen am Fuße des Taunus, nicht einfach nur beschaulich wohnte, sondern dort regelrecht sein Leben vermiesendes Unwesen trieb.

Aus Dessau kam von Hohlstetten, ein gebürtiger Saarländer. Noch vor der Wende fand er wieder zurück in die Bundesrepublik, wobei bis heute unklar geblieben ist, ob die Genossen ihn allein wegen seines widerlichen Querulantentums in den Westen entsorgt hatten.

Als Gastgeschenk der besonderen Art brachte von Hohlstetten seinen neuen Mitbewohnern eine ganz spezifische DDR-Errungenschaft mit: Er verstand sich perfekt aufs Schikanieren und Observieren seiner Nachbarn, weshalb er in der Siedlung von einigen bald nur noch Mielke genannt wurde. Viele fernere, aber vor allem nähere Nachbarn hielten es in der Mozartstraße nicht lange aus; sie kapitulierten in der Regel bereits nach wenigen Jahren und suchten das Weite. Zu nervenaufreibend war der Kampf um zu hohe Hecken, zu laute Kinder, das Wegerecht an seinem Grundstück, das Laub von rechts oder der Dackel von links.

Nur an einer, inzwischen 82jährigen, noch sehr rüstigen, sehr energischen und durchsetzungsstarken Frau, von der es hieß, dass man ihr die Haare auf ihren Zähnen mit einem Rasenmäher entfernen müsse, biss sich von Hohlstetten seine Zähne aus. Für Dora Liebeskind war dieser Konflikt mit dem Herrn von Adel ein hoch willkommenes Lebenselixier, das ihr Rentenalter in eine äußerst spannende Erlebniswelt verwandelte. Nur ungern ging Dora einem Streit aus dem Weg, was sie gerne zugab. So sah sie in Hermann von Hohlstetten schlicht die Herausforderung ihres Seniorenlebens, ihren Kampfbeschleuniger. Von ihr stammte der unnachgiebige Ausspruch: Ich habe nicht die Nazis überlebt, um vor diesem Widerling zu kapitulieren. Bevor man mich mit den Füßen zuerst aus meinem Haus trägt, wird von Hohlstetten erledigt sein! Dieser Vorsatz wurde Programm für Dora Liebeskind.

Auf seinen Doktortitel legte er großen Wert. Germanist und Philologe sei er, betonte von Hohlstetten in steter Regelmäßigkeit, um den Bildungsunterschied klarzumachen. Alles in allem speicherten ihn neu zugezogene Nachbarn bereitwillig als redlichen, fleißigen und zivilisierten Herrn ab. Auch Familie Eberling tat dies zunächst. Erst als etwa vier Monate nach ihrem Einzug urplötzlich zwei sehr reserviert auftretende Damen des Jugendamtes unangemeldet vor ihrer Tür standen, die, wie sie knallhart formulierten, einer anonymen Anzeige aus der Nachbarschaft wegen Kindesmisshandlung nachzugehen hätten, schwante der völlig überraschten Mutter nichts Gutes. Als die beiden Damen dann auch noch vorwurfsvoll einige eindeutige Wortfetzen aus dem sehr heftigen Streitgespräch, das sie mit ihrer achtjährigen Tochter gehabt hatte, zitierten, begann sie den Übeltäter zu erahnen.

„Ja“, gestand Evelyn. Sie hatte im Badezimmer bei weit geöffnetem Fenster, ihrer bummelnden Tochter - es war bereits nach 22 Uhr - ein Donnerwetter sowie das berühmte Blaue Wunder angedroht, würde sie sich nicht endlich bettfertig machen. Und dies alles natürlich nicht gerade in Zimmerlautstärke. Es war eine strittige Auseinandersetzung, wie sie in allen Familien an der Tagesordnung ist, zugegeben, aber bei weitem keine Kindesmisshandlung. Für Hermann von Hohlstetten, der, was seine direkte Nachbarschaft betraf, über sehr lange Ohren verfügte, war diese Mutter-Tochter Auseinandersetzung Anlass für einen intriganten Lauschangriff. Ungeniert hing sich der promovierte Vollakademiker weit aus seinem Küchenfenster, um so ja jedes Wort mitzubekommen. Er war in seinem Element. Freudig erregt erkannte er die irre Gelegenheit, den neuen Nachbarn eine gehörige Portion Schwierigkeiten ins Haus zu schicken. Kindesmisshandlung schoss es ihm durch den Kopf, das war eindeutig Kindesmisshandlung. Und da er sich dank einer fehlenden sinnvollen Altersbeschäftigung für jeden und alles zuständig fühlte, beschloss von Hohlstetten seinen neuen Nachbarn das Jugendamt auf den Hals zu hetzen. Und dies obwohl ihm Kinder eher lästig sind. Mit diebischer Freude hatte er den Besuch der beiden Damen vom Jugendamt wie einen Sieg verbucht. Natürlich hatte er zufällig in seinem Vorgarten, der allwöchentlich von einem pensionierten Gärtner gepflegt wurde, zu tun, um ja nicht zu verpassen, wie lange sie der jungen Frau Eberling die Hölle heiß machten. Seine große, hinterhältige Hoffnung war es, mitzuerleben, wie sie ihr möglicherweise wegen seiner Anzeige das Mädchen wegnehmen würden. Aber er hatte sich verkalkuliert. Ohne das Mädchen traten sie vor die Haustür, sahen sich kurz um, erblickten von Hohlstetten in seinem Garten und stellten diesen spontan zur Rede:

„Verdanken wir Ihnen diese anonyme Anzeige?“ Beide standen jetzt direkt vor seinem Vorgarten.

„Das wäre gegen mein Bildungsniveau“, sagte er abweisend, drehte sich um und ging ins Haus.

„Also doch!“ resümierten beide.

Hermann von Hohlstetten kochte. Was hatte er nur falsch gemacht, um sich so eine Frage bieten lassen zu müssen? Wutentbrannt stapfte er in den hinteren Teil seines Gartens, vermaß mit einem Blick kurz die Grenze zu den Eberlings, holte aus seinem Geräteschuppen Schaufel und Schubkarre und begann mit einem verbissenen Lächeln seinen übel riechenden Komposthaufen umzubetten, und zwar in direkter Luftlinie zu dem ehelichen Schlafzimmer der Eberlings. Boshafterweise hielt er den vorgeschriebenen Abstand zur Grundstücksgrenze zentimetergenau ein. Dieser muffig-modrige Haufen war also nicht zu beanstanden, ganz gleich wie sehr er stank. Die erledigte Arbeit bereitete Hermann von Hohlstetten eine Art inneres Glücksgefühl. Nachdem er geduscht hatte, setzte er sich an seinen Schreibtisch und nahm seine Agenda zur Hand, um seine Aufzeichnungen zu kontrollieren.

Doras Kiefer, dritter Angriff

las er und fiel sofort in hektische Betriebsamkeit.

In seiner Kellerwerkstatt präparierte er flugs seine 20 Liter Gießkanne mit 150 Milliliter Schwefelsäure, stellte sie sodann in seinem Geräteschuppen ab, und wartete die hereinbrechende Nacht ab.

Dora Liebeskind war bei ihm gründlich in Generalverschiss geraten, weil sie seinem Nachbarn, dem Vorgänger der Familie Eberling, in einem absurden Rechtsstreit Feuerschutz gewährt hatte, dank dessen von Hohlstetten in zweiter Instanz mit Pauken und Trompeten verloren hatte. Neben dem Ärger hatte er nun auch noch knapp 2000 Euro weniger auf seinem Konto. Es war wohl die teuerste Hundescheiße seines Lebens. Denn mit steter Regelmäßigkeit hatte von Hohlstetten innerhalb eines halben Jahres Heribert Blume mehrfach nachts extra weichen Hundekot an dessen Schlagläden geworfen. Dora Liebeskind war rein zufällig auf Mielke gestoßen. Unbemerkt hatte sie beobachten und fotografieren können, wie dieser gerade etwas sehr Absurdes tat: Er sammelte die Hinterlassenschaften der besonders weichen Konsistenz. Und als sie schließlich von dem Rechtsstreit Blume vs. Hohlstetten erfuhr, mischte sie sich hoch erfreut ein, präsentierte dem Richter ihre Beweisfotos, und haute damit von Hohlstetten genüsslich in die Pfanne.

Diese fatale Niederlage betrachtete er als eine noch nicht beglichene Rechnung mit dieser streitbaren Hexe, wie er sie bereits mehrmals nannte. Aber er arbeitete emsig daran - und zwar mit seiner Gießkanne. Zweimal hatte er bereits Doras prächtige Kiefer mit einem Säuregemisch attackiert. Kurz nach 2 Uhr nachts, als alle tief und fest schliefen, grub er rund um den Stamm eine 30 cm tiefe Furche, goss sein ätzendes Gebräu hinein und schüttete die Furche wieder ordentlich zu, sodass keine Spuren sichtbar blieben. Nach seiner Berechnung müsste die Kiefer spätestens nach der sechsten Behandlung eine erste Wirkung zeigen. Wäre da nicht Doras neugieriger Terrier gewesen. War es eine Ironie des Schicksals oder aber nur die gerechte Strafe, die der bösen Tat so gerne auf dem Fuße folgt? Hermann von Hohlstetten hatte es jedenfalls schon geraume Zeit auch auf Doras Liebling abgesehen, diesen unerträglichen Kläffer. Und da ihm bekannt war, dass Knochen, im Übermaß verabreicht zu massiven Verstopfungen führen konnten, verwöhnte er den kleinen Kerl großzügig damit. Als er am späten Vormittag, nach seinem dritten nächtlichen Kiefern-Attentat, klammheimlich Terrier Benno einen stattlichen Rindsknochen über den Zaun geworfen hatte, ließ er dummerweise den Hund aus den Augen. Er konnte also nicht verfolgen, was der Terrier mit dem viel zu großen Knochen dieses Mal anstellte. Wohl auch weil er noch viel zu frisch war, und somit über keinerlei Hautgout verfügte, vergrub Benno ihn erst einmal, und zwar am Stamm der Kiefer, wo die Erde so schön locker war. Als von Hohlstetten von seinem Zahnarzttermin zurückkehrte, herrschte vor dem Haus von Dora Liebeskind große Aufregung. Ein Wagen der Polizei, sogar ein Rettungsmobil der örtlichen Tierstation parkte vor Doras Haus. Die beiden Beamten, der Mann vom Tierschutz und der Tierarzt der Stadt diskutierten erregt. Zu ihren Füßen lag der leise vor sich hin wimmernde Benno. Regelmäßig versorgte der Tierarzt Maul und Nase des Hundes mit einem Spray, um ihm so Linderung bei seinen starken Verätzungen zu verschaffen. Der schrille, nicht zu überhörende Aufschrei von Dora Liebeskind riss Herman von Hohlstetten aus seinen Gedanken.

„Der war es! Dieser Kerl hat es getan! Jetzt bist du reif! Weggesperrt musst du werden…“

Von Hohlstetten beschlich erstmals seit langem ein unangenehmes Gefühl. Vorsichtig, um nur nicht entdeckt zu werden, schlich er sich in seinen Garten und nahm aus der Deckung heraus den Kiefernstamm ins Visier. Was er sah, war ihm Antwort genug: Ein ansehnlicher Erdhaufen türmte sich am Stamm auf, und ein Teil des Knochens ragte noch aus dem Loch. Den Rest konnte er sich denken.

„Na und?“ dachte er nur, und beruhigte sich wieder. Auch als er zwei Männer in weißen Schutzanzügen an der Kiefer beim Graben beobachtete, behielt er vordergründig die Ruhe. Am Abend war das ganze Spektakel vor Doras Haus vorbei und vergessen. Hermann von Hohlstetten konnte bereits über seine nächste Attacke nachdenken.

Bis es kurz nach 22 Uhr an seiner Tür klingelte. Nach dem Öffnen blickte er auf ein weißes Formular, auf dem auf den ersten Blick zu lesen war: Durchsuchungsbefehl. Ab sofort war der Herr von Adel nicht mehr sein eigener Herr im Hause. Vier sich nahezu lautlos durch das Haus bewegende Beamte stellten jetzt dem konsternierten Vollakademiker seine Bude auf den Kopf. Nacheinander jedoch meldeten die Beamten dem leitenden Staatsanwalt: Dachgeschoss negativ, erster Stock negativ. Als ihm schließlich auch noch das Parterre negativ gemeldet worden war, fiel dem Staatsanwalt das erleichterte Lächeln von Hohlstettens auf, und er befahl:

„Und jetzt Keller und Geräteschuppen!“

Dass das nur eine Falle war, konnte von Hohlstetten allerdings nicht ahnen. Denn als sich daraufhin dessen Gesicht erkennbar verfärbte, wusste der Staatsanwalt, dass sie dort fündig werden würden. Und sie wurden fündig.

„Herr von Hohlstetten, Sie werden uns begleiten müssen!“

Mehr sagte der Staatsanwalt nicht. Er wies nur auf die beiden 5 Liter Kanister mit Schwefelsäure hin, und die bereits präparierte Gießkanne, die sichergestellt worden waren.

„Darüber werden wir uns unterhalten müssen.“

„Wie bitte? Ich glaube es nicht! Wegen dieser Belanglosigkeit machen Sie so ein Theater? Ein blöder Baum, ein kläffendes, elendes Vieh - na und? Ich glaube, Sie haben Besseres zu tun als hier Lappalien hochzuspielen!“

„Sie haben die hier spielenden Kinder vergessen, Herr von Hohlstetten, die Sie mit Ihrem Unsinn in Gefahr gebracht haben“, erwiderte der Staatsanwalt ungerührt, „also kommen Sie!“

„Einen Teufel werde ich tun. Sie werden mich nicht…“, doch da klickten bereits die Handschellen. Hermann von Hohlstetten verschlug es die Sprache. Die Peinlichkeit, so vor seinen ungeliebten Nachbarn abgeführt zu werden, war nicht mehr zu überbieten.

„Jetzt haben sie diesen Fiesling“, triumphierte Dora Liebeskind laut und nicht minder begeistert, die mit zahlreichen Nachbarn jetzt dem Festgenommenen wie eine Ehrenformation der Bundeswehr Spalier stand.

War es Trotz oder war es nur dumme Arroganz, die ihn zu der bezeichnenden Aussage verleitete:

„Ich bin mit euch noch lange nicht fertig!“

Jedenfalls entgegnete der Staatsanwalt bedacht ruhig:

„Sehen Sie, Herr von Hohlstetten, auch deshalb nehmen wir Sie jetzt mit.“

Immer noch um Fassung ringend, wühlte von Hohlstetten im Polizeiauto hektisch in seinen Taschen. Einen kleinen Zettel suchte er, auf dem der Name und die Telefonnummer einer Anwältin notiert waren, die - wie er seinerzeit missbilligend zur Kenntnis nahm - in diesem reinen Wohngebiet eine Rechtsanwaltskanzlei betreiben wollte. Und das zu vereiteln hatte er sich bereits vorgenommen, aber jetzt brauchte er erst einmal ihre Hilfe. Und zwar sofort. Umso überraschter war von Hohlstetten, als ihm vom Staatsanwalt das Handy mit einem milden Lächeln aus der Hand genommen wurde:

„Das machen wir alles von meinem Büro aus.“

Da die Beweise gegen ihn sprachen, verlegte sich von Hohlstetten erst gar nicht aufs Leugnen, sondern begann in seiner akademisch überheblichen Art alles herunterzuspielen. Ja, er verstieg sich sogar zu dem dreisten Versuch, den Staatsanwalt in sein Vollakademikerboot ziehen zu wollen.

„Sie wissen doch so gut wie ich, Herr Oberstaatsanwalt…“

„Staatsanwalt“, korrigierte dieser gelassen, „…wie das mit diesen Leuten da draußen ist. Da muss schon einer sein, der für Ordnung sorgt.“

„Aber doch wohl nicht mit Schwefelsäure! Was dachten Sie sich dabei?“

„Es gibt viele Wege, Leute zur Vernunft zu bringen. Dieser Baum, der störte nur. Das mit dem Hund war dummer Zufall, aber eigentlich auch nicht schlecht. Diese streitsüchtige Hexe macht einem ja nur das Leben schwer, Herr Staatsanwalt.“

„Und Sie gefährden gleich anderer Leute Gesundheit?“

„Kommen Sie, das sind doch alles nur Bagatellen. Das wird Ihnen auch meine Anwältin klarmachen.“

Im Präsidium angekommen zog sich diese Kommunikation noch bis zum Eintreffen der Anwältin, die von Hohlstetten rasch erreichte, und den Dialog auf einer sachlichen Basis schließlich zu einem für ihn erfreulichen Ende brachte.

Er war noch mal davon gekommen. Diese clevere und taffe Anwältin, Corinna Bytow, hatte es problemlos mit ein paar Sätzen geschafft, den etwas sturen, hessischen Staatsanwalt zu bezirzen, ihren Mandanten rasch - wohlgemerkt gegen ein paar Auflagen - sofort wieder auf freien Fuß zu setzen und damit erneut auf seine Nachbarn loszulassen. Das Gefühl dieses Triumphs wollte und konnte der alte Querulant nicht verbergen. Er hatte ja schließlich Recht, so seine feste Überzeugung. Und so verließ er mit erhobenem Kopf, und der kompetenten und äußerst attraktiven Juristin an seiner Seite, das Präsidium. Wie extrem attraktiv er sie fand, wurde ihm zum ersten Mal in ihrem kleinen BMW Cabrio bewusst. Ein solch intensives Gefühl hatte von Hohlstetten schon lange nicht mehr empfunden. Diese außergewöhnlich hübsche - und bis dahin aus seiner Sicht noch äußerst sympathische - Frau hatte Emotionen in ihm freigelegt, die schon seit vielen Jahren verschüttet gewesen waren. Er wollte und konnte in diesem Moment nicht leugnen, dass sie ihm gefiel und Begehrlichkeiten weckte, die über das normale Maß hinausgingen.

Vor ihrer kleinen, künftigen Kanzlei angekommen - von Hohlstetten wollte die wenigen Meter zu seinem Haus schräg gegenüber zu Fuß zurücklegen - parkte sie ihren Wagen gekonnt unter dem engen Carport direkt neben der Haustür, stellte den Motor ab, und wandte sich noch einmal dem alten Herrn rechts neben ihr eindringlich zu:

„So glatt wie heute wird das nicht immer laufen, Herr von Hohlstetten. Finden Sie nicht, dass Sie manchmal etwas zu weit gehen?“

Und nach einem ersten kurzen Schockmoment seinerseits ergänzte sie: „Haben Sie schon einmal über professionelle Hilfe nachgedacht, Herr von Hohlstetten? Ich kenne einen guten, befreundeten Psychologen.“

Sekunden nach dieser Frage hatte sie den Eindruck, ihm würde auf der Stelle das Gesicht einfrieren.

„Wollen Sie mir etwa unterstellen, ich sei verrückt? Ein Psycho? Der nicht ganz richtig tickt?“

Ohne ihr die Chance einer Antwort zu lassen, nestelte er hektisch aus seiner Brieftasche einen 200 Euro Schein und hielt ihn ihr vor die Nase. Ohne sie eines Blickes zu würdigen - denn ihre Schönheit peinigte ihn unsäglich - sagte er mit schneidender Stimme: „Das wird wohl für Ihre Bemühungen reichen. Und im Übrigen nur so viel zu Ihrer unverschämten Frage: Einer muss hier ja für Ruhe und Ordnung sorgen!“

Erst als er aus ihrem Wagen gestiegen war, fühlte er sich wieder etwas wohler. Demonstrativ sah er sich rechts und links in der Straße um. Er wollte sich allen neugierigen Nachbarn wieder als freien Menschen präsentieren. Triumphierend wanderte so sein Blick von Haus zu Haus, während die Anwältin noch ihren Wagen abschloss.

Seht her, ich bin wieder da! Mir kann keiner was, auch du nicht, dämliche Anwältin, dachte er, und versuchte sie überheblich zu ignorieren.