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Eine Familiengeschichte in Frankfurt am Main und Zwenkau bei Leipzig: Mimi – so nannte die Autorin als Kind ihre Großmutter mütterlicherseits. Sie schreibt aus der Sicht der 1977 verstorbenen Oma über deren Leben. Lore Jacklowsky verwitwete Reining geborene Klenk wuchs in Frankfurt am Main auf. Von 1932 bis zu ihrem Tod 1977 lebte sie in Zwenkau bei Leipzig. Bis zuletzt arbeitete sie als Röntgenassistentin im Kreiskrankenhaus dieser Stadt. Bekannt war sie als »die Jacky«, die Güte, Musik und Freude verbreitete. Sechs Kinder zog sie auf – überwiegend allein. Die Biografie einer starken, selbstständigen Frau, die ihr Schicksal und den Alltag täglich aufs Neue meisterte und ihr Leben lang für andere da war, wurde durch etliche tragische Ereignisse geprägt. Geboren 1902 in Frankfurt am Main, war sie von einer großen, fürsorglichen Verwandtschaft umgeben. Mit dreißig Jahren führten sie das Schicksal und die zweite Ehe mit einem Arzt nach Zwenkau. Die Familiengeschichte in Verbindung mit Lokal- und Zeitgeschichte von der Kaiserzeit über zwei Weltkriege und die Spaltung Deutschlands verdeutlicht die Gräben, die eine einst glückliche Familie getrennt haben. Mimis Lebensweg zeigt, dass Optimismus und Freude auch in schweren Zeiten möglich sind.
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Seitenzahl: 322
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Ricarda Stöckel
wurde 1950 in Zwenkau geboren und wuchs als behütetes Einzelkind des Lehrerehepaares Straube auf. Von früher Kindheit an gehörte das Lesen und Schreiben zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Eine alte Schreibmaschine ihres Vaters war lange Jahre ihr schönstes Geschenk.
Mit der Romanbiografie über das ungewöhnliche Leben ihrer Großmutter mütterlicherseits widmet sie sich ihrer eigenen Familiengeschichte, die ihre Wurzeln in Frankfurt am Main und Zwenkau bei Leipzig hat. Die Nachkommen und Verwandten der Oma mütterlicherseits leben heute überwiegend in Hessen sowie in verschiedenen anderen deutschen Regionen, einige in der Schweiz, in Spanien, den USA und in Singapur.
Die Autorin wohnt mit ihrem Mann in Leipzig. Sie hat zwei erwachsene Söhne und einen Enkel.
Die Autorin mit ihren Eltern 1952 und 1959 sowie mit ihrer Oma Mimi 1977
Ricarda Stöckel
SIE NANNTEN MICH MIMI
Romanbiografie
Engelsdorfer VerlagLeipzig2021
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
Copyright (2021) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte bei der Autorin
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Cover
Über die Autorin
Titel
Impressum
Prolog
1. Kapitel – Kindheit in Frankfurt
2. Kapitel – Jugend und Eheglück in Frankfurt
3. Kapitel – Junge Witwe mit zwei Kindern
4. Kapitel – Eine schwere Entscheidung
5. Kapitel – Abschied und Ankunft
6. Kapitel – Ernst, Lore und Ernelore
7. Kapitel – Auf dem Weg zum Mutterkreuz
8. Kapitel – Krieg
9. Kapitel – Das sechste Kind und kein Ende des Krieges
10. Kapitel – Die Nachkriegszeit stellt neue Weichen
11. Kapitel – Große Töchter und junge Liebe
12. Kapitel – Der Riss durch die Familie
13. Kapitel – Neue Lebensfreude
14. Kapitel – Neue Freuden und Verluste
15. Kapitel – Familie Straube und Detlef
16. Kapitel – Der Westen lockt
16. Kapitel – Unsere Familie zwischen Ost und West
17. Kapitel – Die Grenze dicht, doch das Leben geht weiter
18. Kapitel – Zum zweiten Mal Witwe
19. Kapitel – Wiedersehen mit lieben Menschen
20. Kapitel – Die 68er Bewegung im geteilten Deutschland
21. Kapitel – Die Siebziger - meine letzten Jahre
Danke!
Ich habe meine Enkelin beauftragt, meine Lebensgeschichte aufzuschreiben. Doch es hat Jahre gedauert, bis sie es begriffen hat. Sie vermutet, dass der Auftrag von ihrer Freundin kommt, der sie meine ehemaligen Wohnorte in Zwenkau gezeigt hat. Oder sie denkt, sie muss etwas aus den geerbten Fotos, Dokumenten und Texten meiner ältesten Tochter Ellen machen und der Nachwelt erhalten. Sie ahnt nicht, dass ich heute noch einen starken Einfluss auf sie ausübe. Gern hätte ich ihr früher mehr aus meinem Leben erzählt, doch sie hat mich nie danach gefragt.
Mein Name ist Eleonore Jacklowsky, auch Lore genannt oder in Zwenkau „die Jacky“. Den Spitznamen Mimi hat mir Enkelin Ricarda verpasst, als sie bei ihren ersten Sprechversuchen Omi sagen sollte, aber nur die Silben Mi-Mi schaffte. Daraufhin blieb ich für die Zwenkauer Familie zeitlebens die Mimi.
Ricarda fehlte mir unheimlich, als sie mit ihrem Mann und meinem süßen Urenkel fort aus meiner Wohnung nach Leipzig zog. Es war nicht der erste Verlust, den ich erleiden musste, aber er riss alte Wunden wieder auf. Eigentlich wollte ich damals selbst meine Biografie aufschreiben, doch es kam immer etwas dazwischen. Ich hatte ständig anderes vor. Und ich war auch unschlüssig bei der Auswahl, was ich mitteilen und welche Ereignisse ich besser mit ins Grab nehmen sollte.
Heute ist Ricarda selbst Rentnerin, denkt über meine Geschichte nach und versucht, mich im Nachhinein besser zu verstehen. In Frankfurt am Main war meine Heimat, doch ich habe zwei Drittel meines Lebens in der kleinen Stadt Zwenkau südlich von Leipzig verbracht. Hier wohnten auch meine beiden ältesten Töchter, die beide in Frankfurt geboren wurden, bis zu ihrem Lebensende. Meine vier jüngeren in Zwenkau geborenen Kinder lebten später in der Bundesrepublik, der Schweiz und Spanien. Zehn Enkel hatten mir die vier Jüngsten beschert, doch leider konnte ich sie alle nur selten sehen. Es war nicht nur die unselige Grenze, die das Land und unsere Familie zerschnitt.
Doch das soll Ricarda von Anfang an erzählen. Ich bin gespannt, was sie alles von mir und der Familie weiß und ob sie diesen Auftrag nun endlich erledigt.
Meine Mutter Elisabeth Klenk, geborene Müller, war einundzwanzig Jahre jung, als ich am einunddreißigsten Oktober 1902 in Frankfurt am Main geboren und auf den Namen Eleonore Henriette getauft wurde. Gerufen wurde ich Lore. Mutter war das jüngste von acht Kindern des Bauunternehmers Johannes Müller. Jedem seiner Kinder hatte mein Großvater ein Haus geschenkt. In ihr Häuschen in Frankfurt-Sachsenhausen zog meine Mutter mit ihrem Mann ein, dem Kunstglaser Ludwig Franz Klenk. Sein Vater Wilhelm Klenk, mein Großvater, war Vertreter einer Großhandlung für Spiegelglas.
Im Untersten Zwerchweg, im Haus mit einem großen Garten, ließ es sich damals gut leben. Frankfurt-Sachsenhausen war eine ruhige Gegend. Über hundert Jahre später hat sich meine Enkelin das neue Haus auf diesem Grundstück angesehen: Wo meine Eltern noch aus dem Fenster auf ihr großes Spargelfeld und in den großzügigen Garten schauten, war 2013 alles dicht zugebaut und zugeparkt. Flugzeuge starteten und landeten mit ohrenbetäubendem Lärm im Minutenabstand direkt über den Häusern, dem nahen Goetheturm und dem herrlichen Naturspielplatz.
Meine Großmutter wohnte in ihrem eigenen Haus schräg gegenüber. Großvater Johannes war leider schon 1894 gestorben, acht Jahre vor meiner Geburt. Auch an die Oma kann ich mich kaum erinnern. Als sie im April 1905 mit nur vierundsechzig Jahren starb, war ich erst zweieinhalb Jahre alt. Doch zahlreiche Onkel, Tanten, Cousinen und Cousins lebten in der Nähe und auf der anderen Seite des Mains in Frankfurt. Die Verwandten hielten zusammen und halfen sich gegenseitig. Ich habe mein Elternhaus und die regelmäßigen geselligen Zusammenkünfte mit Familie und Freunden als schön und fröhlich in Erinnerung. Bei uns wurde viel gefeiert, Musik gemacht und gelacht. Mit drei Jahren bekam ich einen Bruder: Wilhelm. Vier Jahre später wurde 1909 meine Schwester Franziska geboren, die wir Fränzi nannten.
Doch nach dem dritten Kind verkündete meine energische Mutter: „Jetzt ist für mich endgültig Schluss mit lustig! Soll er doch im Wirtshaus schlafen, wenn er dort das mühsam verdiente Geld versäuft!“ Eines Nachts ließ sie meinen Vater, der meine Mutter mehrfach betrogen hatte, nicht mehr ins Haus. Er heulte und schrie und bettelte und bot der Nachbarschaft ein grandioses Schauspiel. Meine Geschwister und ich waren von dem Lärm aufgewacht, krochen zusammen unter meine Bettdecke und weinten mit dem Vater mit. Am nächsten Tag packte meine Mutter die nötigsten Sachen und flüchtete mit uns drei Kindern in die Seilerstraße. Dort wohnte ihre Schwester Margarethe mit Ehemann Max Grebenstein.
Kinderbild von Lore ca. sieben Jahre, Bruder Wilhelm vier
Es dauerte nur wenige Tage, bis unser Vater uns dort suchte. Und wieder erlebten wir dieses Theater: Vater schrie, tobte, jammerte, forderte, bettelte und versuchte mit allen Mitteln, seine Frau zur Rückkehr zu bewegen. Aber Mutter gab nicht nach, auch wenn ihre Schwester Mitleid mit dem Schwager hatte und fragte, ob Elisabeth nicht zu hart sei und es nicht noch einmal mit dem Vater ihrer Kinder versuchen wolle. Doch Mutter sagte nur: „Ludwig, ich glaube deinen Versprechen nicht mehr. Du hast mich immer wieder enttäuscht. Deshalb ein für alle Mal – nein!“ So schickte sie meinen Vater weg. Ich fand das alles schrecklich und hatte zum Glück keine Ahnung, was ich selbst einst mit Männern erleben sollte.
Kurze Zeit später waren seine Schränke leer. Mein Vater war 1911 allein nach Amerika ausgewandert. Ich war damals neun, Wilhelm sechs und Fränzi erst zwei Jahre alt. Meine Mutter hatte die Trennung durchgesetzt, sich aber trotzdem nicht scheiden lassen. Sie kehrte in ihr Haus zurück und lebte allein mit uns drei Kindern weiter. Wir wurden unterstützt durch Tante Lenchen, ihre kinderlose Schwester. Sie war im Baugeschäft meines Großvaters Teilhaberin und sorgte dort für die Buchführung. Tante Lenchen, die eigentlich Magdalene hieß, war unsere gute Seele, die wir Kinder sehr liebten. Hausmusik und Verwandtentreffen veranstalteten meine Mutter und Tante Lenchen weiterhin und ich erinnere mich, welche Freude mir schon als Kind das gemeinsame Singen machte. An meinem neunten Geburtstag, dem ersten, den ich ohne meinen Vater feierte, brach Tante Lenchen ein Lied ab und brachte alle zum Lachen, als sie über sich selbst den Kopf schüttelte und sagte: „Also schee is was anneres! Lasst doch lieber mal die Lore allein singen, das Kind hat so eine schöne Stimme.“ Ich hatte ein hellgrünes Kleid zum Geburtstag bekommen und war stolz, außer dem Kleid nun auch meine Gesangskunst vorzuführen. Lenchen begleitete mich am Klavier und ich sang mein damaliges Lieblingslied „Ein Mops kam in die Küche und stahl dem Koch ein Ei…“ Den Beifall der versammelten Verwandten empfand ich als schönstes Geburtstagsgeschenk.
Mein Vater Ludwig nannte sich nun Louis Klenk und verdiente sein Geld weiterhin als Kunstglaser, aber im fernen New York, wo zahlreiche Auswanderer ihr Glück suchten. Ob er uns Unterhalt gezahlt hat, weiß ich nicht. Meine Mutter sprach nicht mehr von ihm. Wir sahen unseren Vater nie wieder. Allerdings schrieb er später manchmal Briefe an mich und andere Verwandte, nahm Anteil an der Entwicklung des Baugeschäftes, für das er wohl selbst gern wieder gearbeitet hätte. Erst 1936 kehrte er zurück in seine Heimat – in einer Urne auf den Frankfurter Südfriedhof.
Die Verwaltungsgebäude dieses Friedhofs hatten ihren Ursprung im Baugeschäft meines Großvaters, wie noch etliche andere wichtige Bauwerke der Stadt Frankfurt, die aus der Gründerzeit stammen. Auf diese familiengeführte Firma waren wir alle sehr stolz. Tante Lenchen nahm uns Kinder manchmal mit in das mehrstöckige Eckhaus in der Darmstädter Landstraße. Wenn wir in die erste Etage stiegen, wo sich das Büro befand, blieben wir gern am Treppenfenster stehen und bestaunten die Züge, die zum nahen Lokalbahnhof fuhren. Mehr noch als die Zeichenbretter im Büro, an denen zahlreiche Frankfurter Gebäude entstanden, beeindruckte uns Onkel Schorsch, der Chef. Die Angestellten schienen ihn zu fürchten, doch wir Kinder bekamen immer ein Stück Schokolade von ihm und Malpapier, auf dem wir selbst mehr oder weniger schöne Häuser zeichneten.
Als Elfjährige beeindruckte mich der zehnte März 1913. Frankfurt feierte mit reichem Flaggenschmuck ein Jubiläum: Hundert Jahre Nationalversammlung in der Paulskirche und den Beginn der Befreiungskriege gegen Napoleon. Das Beste daran war, dass wir schulfrei hatten und die große Parade auf dem Opernplatz ansehen durften. Wie schlugen unsere Mädchenherzen mit patriotischen Gefühlen, obwohl wir die geschichtlichen Zusammenhänge überhaupt nicht begriffen. Gern wäre ich am Abend mit zur Gedenkfeier in die Paulskirche gegangen und hätte die Auftritte des Frankfurter Männergesangvereins und der vereinigten Kirchenchöre erlebt. Es gab für mich nichts Schöneres als die Gemeinschaft eines Chores – das hat mich für mein Leben geprägt. Ein Höhepunkt war stets, wenn Mutter, Tante Lenchen und weitere Verwandte mit uns größeren Kindern Liederabende oder Konzerte im Saalbau besuchten. Dort in der Junghofstraße betrieb die Frankfurter Museumsgesellschaft einen riesigen Konzertsaal, der mit seiner wunderbaren Akustik die Zuhörer beeindruckte. Da träumte ich mich oft in die Rolle einer schön angezogenen Sängerin, die mit ihrem Charme und ihrer herrlichen Stimme das Publikum bezaubern konnte.
Bei uns zu Hause ging weiterhin die sogenannte „Bessere Gesellschaft“ aus und ein. Wir trafen uns zur Hausmusik und zu vielen Festen in unseren Häusern sowie in einer nahen Klubgaststätte. Im Weltkrieg wurde es ruhiger und die Euphorie bei Kriegsausbruch wich bald der Sorge um Söhne und Väter an der Front. So waren „Kriegspfingsten“ und der traditionelle „Wäldchestag“ im Mai 1915 sehr stille Feste ohne die beliebte Musik. Auch die Jahreswechsel im Krieg waren sehr still und ohne Feuerwerk, begleitet von Gebeten für Frieden im Neuen Jahr.
Ich bin meiner Mutter und Tante Lenchen heute noch dankbar, dass sie mir sogar in dieser Zeit eine niveauvolle musikalische Ausbildung ermöglichten. Mit Begeisterung übte ich in jeder freien Minute, spielte Gitarre und sang Opernarien. Oft hörten meine Geschwister andachtsvoll zu. Dabei konnten wir sogar das gegen Ende des Krieges immer spärlicher geheizte Haus und den häufig knurrenden Magen vergessen.
Doch wir überstanden die Kriegsjahre 1914 bis 1918 weitgehend unbeschadet. Meine Mutter musste ja schon vorher ohne Mann auskommen und wir Kinder waren zum Glück noch zu jung für einen Kriegseinsatz. Im März 1915 bestaunten wir, wenn wir mit der Straßenbahn zu einem Verwandtenbesuch fuhren, die ersten Frauen als Schaffnerin mit ihren feschen Trambahnermützen! Immer mehr Frauen mussten die Männer ersetzen, die an der Front für unser Vaterland kämpften.
Meine Mutter Elisabeth war praktisch veranlagt und konnte aus allem etwas herstellen. Sie nähte gern und putzte ihre Kinder heraus. Jedes Jahr zum privaten Faschingsfest (solche Feste ließ sich unsere Familie auch in schweren Zeiten nicht nehmen – zumindest in den ersten beiden Kriegsjahren und später in der Nachkriegszeit!) bekamen wir neue Kostüme – und wenn als Stoff eine alte Tischdecke daran glauben musste. Das Nähen habe ich von ihr gelernt, ebenso Kochen und Backen mit einfachsten Zutaten. Ich lernte, was man aus dem Garten und dem nahen Wald zum Essen verwerten konnte: Außer Obst und Gemüse zahlreiche Kräuter, Pilze, Beeren, aber auch Giersch, Rübenblätter und Brennnesseln. Diese Fähigkeiten sollten sich später für meine Kinder und mich als lebensnotwendig erweisen.
Im August 1918 gab es einen Luftangriff von zwölf feindlichen Flugzeugen, die Brandbomben abwarfen. Sechszehn Menschen starben, einige wurden verletzt. „Kaiser Wilhelm hat ein Beileidstelegramm an unseren Oberbürgermeister geschickt. Schön, dass er Anteil an seinem Volk nimmt, doch das macht die Menschen nicht wieder lebendig“, erklärte Mutter. Bei zwei weiteren Angriffen kamen die Frankfurter mit dem Schrecken davon. Unvermindert spielte sich das kulturelle Leben mit Liederabenden und klassischen Konzerten in unserer Stadt ab.
Meine Mutter machte sich große Sorgen, wenn wir Kinder unterwegs waren, als im Herbst immer mehr Menschen an einer tückischen Grippe erkrankten. „Als ob der unselige Krieg nicht schon genug Opfer gekostet hätte, werden nun so viele schwer krank, die eben noch ganz gesund waren. Vergesst nie, Euch die Hände mit Seife zu waschen, wenn ihr von draußen kommt. Und geht allen aus dem Weg, die husten“, schärfte sie uns ein. Sie hatte ein Mittel besorgt, mit dem wir jeden Abend gurgeln mussten. Außerdem verabreichte sie uns Calciumtabletten. Auch die sollten zur Vorbeugung helfen, zumal Milch, Käse und Quark knapp waren. In unserer Familie war zum Glück niemand an dieser Krankheit erkrankt, die wenig später als die „Spanische Grippe“ in die Geschichte eingehen sollte und an der weltweit mehr Menschen starben als im gesamten Krieg. Dass Ämter, Banken und die Post nur noch stundenweise öffneten, weil so viele Angestellte krank waren, störte uns Kinder nicht. Im Gegenteil, wir waren äußerst erfreut, dass 1918 sogar die Herbstferien um vier Wochen verlängert wurden, weil Lehrer fehlten.
So konnte ich meinen sechzehnten Geburtstag im Oktober noch in den Ferien feiern. Auch meine Freundinnen durfte ich in unser immer offenes und gastliches Haus einladen. Das Wenige, was wir an Lebensmitteln noch auftreiben konnten, wurde mit den Besuchern geteilt. Sie beneideten mich um ein Geschenk, das sie sich später nach und nach bei mir ausliehen: Zum Geburtstag bekam ich die damals aktuellen und begehrten ersten vier Bände der Nesthäkchen-Bücher von Else Ury. In der Hauptperson – der Berliner Arzttochter Annemarie Braun – fand ich mich beim Lesen selbst wieder. Wie gern hätte ich den gütigen Arzt als Vater gehabt, wie gern ältere Brüder. Der in einem Band beschriebene Kriegsalltag in Berlin ähnelte unseren Erfahrungen in Frankfurt: Auch bei uns wurden die Lebensmittel und Kohlen knapp. Auch wir hatten in der Schule ein Sparschwein stehen, in das jede, die versehentlich ein Fremdwort benutzte, einen Groschen einwerfen musste. Auch wir spendeten das Geld für ein Lazarett in unserer Nähe. Auch wir hockten im Kriegswinter bei minus zwanzig Grad Außentemperatur in nur einem Raum, den wir als einzigen noch heizen konnten. Wir zogen in das Frankfurter Wäldchen und sammelten Holz, doch bald war unser „Wäldche“ wie ausgekehrt und es wurde immer schwerer, Brennbares aufzutreiben. Doch wir waren lustig – wie die Backfische in den Nesthäkchen-Büchern – und machten das Beste aus jedem Tag. Tief gerührt schrieb ich die letzten Sätze des vierten Bandes mit Schönschrift in mein Poesiealbum: „Mögen es bald die Friedensglocken sein, die Deutschland durchjubeln – das walte Gott. Mit diesem Wunsche nehme ich Abschied von Euch, meine lieben jungen Leserinnen. Auch mancher von Euch hat der Weltkrieg wohl, gleich unserem Nesthäkchen, Opfer auferlegt, kleine und größere. Aber ich bin davon durchdrungen, dass auch Ihr sie freudig fürs Vaterland auf Euch genommen habt. Wenn das schwere Ringen zu Ende und ein siegreicher Frieden unserer teuren Heimat beschieden ist, dann erzähle ich Euch, was aus Doktors Nesthäkchen wurde.“
Am siebenten November durfte ich einen besonderen Geburtstagsgutschein von meiner Cousine Else Rauber einlösen: Sie besuchte mit mir einen wunderbaren Chopin-Abend im Saalbau mit dem berühmten Pianisten Télémaque Lambrino, dem in Odessa geborenen Sohn griechischer Eltern, der jetzt in Leipzig lebte und zu Auftritten auch in andere deutsche Städte reiste. Ich genoss die Musik und in der Pause wollten wir uns darüber unterhalten, doch ringsum schnappten wir Diskussionen ganz anderer Art auf: Bewaffnete Matrosen und Werftarbeiter aus Kiel waren mit dem Abendzug in Frankfurt eingetroffen, die entwaffnet und in die Gutleutkaserne eingesperrt werden sollten. Doch eine tausendköpfige Menge hatte sich mit den Aufständigen solidarisiert und die Inhaftierung verhindert. Ich begriff nicht, was das bedeuten sollte. Meine Cousine und ich verabscheuten Unruhe und wollten die schöne Musik genießen. „Das ist halt immer noch der Krieg. Was da passiert, ist eh nicht zu begreifen“, sagte Else. An diesem Tag wählten Mitglieder der SPD und der Fortschrittliche Volkspartei Soldatenräte, wurde am nächsten Tag berichtet. Ich verstand davon nichts und wollte mich mit meinen sechzehn Jahren nicht mit politischen Dingen abgeben.
Doch ein Umsturz hatte begonnen, die Novemberrevolution, die am neunten November zum Sturz der Monarchie führte und die Sozialdemokraten an die Macht brachte. „Kaiser Wilhelm hat abgedankt und ist nach Holland geflohen!“ Das war dann auch in der ganzen Familie und in der Nachbarschaft das Thema, das alle Gespräche und Spekulationen bestimmte und uns in Unruhe versetzte. Der Sozialdemokrat Friedrich Ebert wurde als Reichskanzler eingesetzt. Wir hatten diesen Namen noch nie gehört und konnten uns nicht vorstellen, was diese neue Regierung und das Ende der Monarchie für uns bedeutete. Wie würde unser Leben weitergehen? Die sorgenvollen Gespräche der älteren Leute versetzten mich in Angst. Wie gut, dass ich keine Ahnung hatte, wie oft ich mir in späteren Jahren ratlos immer wieder genau diese Frage stellen würde. Jetzt war ich jung, fühlte mich geborgen und musste keine Verantwortung übernehmen.
Am elften November 1918 wurde der Krieg offiziell beendet. Wir genossen trotz aller Entbehrungen unsere Jugend so gut wir konnten. Wir bummelten glücklich über den Weihnachtsmarkt, dessen Buden von Anfang Dezember bis Anfang Januar lockten, auch wenn wir selbst das Wenige nicht kaufen konnten.
Am elften Januar 1919 leiteten Kirchenglocken in ganz Frankfurt die offiziellen Feierlichkeiten für die heimgekehrten Soldaten ein. In der Oper wurde „Der Freischütz“ aufgeführt, im Schauspielhaus Schillers „Wilhelm Tell“ und in etlichen großen Häusern luden Musikvorführungen und Chorveranstaltungen ein. Ich war stolz und glücklich, mit in dem Chor von tausend Frankfurter Schülern im Saalbau singen zu dürfen – es war ein erhebendes Gefühl von Gemeinsamkeit und Freude.
Eine Woche später waren Mutti und Tante Lenchen sehr stolz, dass sie erstmals als Frauen wählen gehen durften. „Jetzt wird alles besser, der gesunde Menschenverstand kann siegen und Krieg werden wir nie wieder erleben!“ verkündete meine Mutter. Ihr unverwüstlicher Optimismus hatte wieder die Oberhand gewonnen. Die Deutsche Nationalversammlung wurde gewählt, erstmals in Deutschland wurde nach einem demokratischen Wahlrecht abgestimmt. Als Sieger ging die SPD aus dieser Wahl hervor, was mich allerdings nicht besonders interessierte. Wir hatten mit unserem Alltag zu tun und sprachen bald nach dieser Wahl nicht mehr viel über Politik.
Dieser Alltag brachte schon genügend Probleme und Einschnitte in unser Leben: Im Januar 1920 trat der Main über die Ufer und überschwemmte einen Teil der Frankfurter Innenstadt. Wegen Kohle- und Koksmangel mussten die Frankfurter Elektrizitäts- und Gaswerke zeitweilig ihren Betrieb einstellen – nicht zum ersten Mal seit dem Kriegsende. Zwei Wochen fuhr keine Straßenbahn und wir saßen abends bei Petroleumlampen- und Kerzenlicht zusammen, kauten hartes altes Brot zur Suppe, die wir auf einem Petroleumkocher kochten. Mutter und Tante Lenchen sparten eisern – es gab höchstens jeden zweiten Tag Suppe - und wenn eine Kerze brannte, blieb die Petroleumlampe aus. Doch wir besuchten uns gegenseitig, erzählten, lachten und sangen. Im Februar besserte sich die Lage, an den Wochentagen fuhren die Straßenbahnen wieder bis zum Abend und in den Haushalten kamen Strom und Gas an. Konzerte fanden regelmäßig statt, das Leben normalisierte sich. Angst bekamen wir, als fünf Tage im März 1920 der dann gescheiterte Kapp-Putsch gegen die Weimarer Republik das öffentliche Leben erneut lahm legte.
Doch bereits im Frühjahr ging es uns wieder besser. Unsere Ansprüche waren bescheidener geworden. So freuten wir uns über jedes Stück Wurst oder Kuchen, das uns unsere Mutter für die beliebten Sonntagsausflüge einpackte. Mit Cousins und Cousinen und deren Freundinnen und Freunden, die weitere Verwandte und Bekannte mitbrachten, und Picknickkörben schwärmten wir in die Frankfurter Umgebung aus. Manchmal waren wir mit dem Zug unterwegs, doch besonders begehrt waren Mitfahrgelegenheiten in einem der damals noch seltenen Automobile.
Ein charmanter Mann fiel mir bei den Ausflügen besonders auf. Nicht nur, weil er ein schickes Auto besaß, einen Wanderer. Immer öfter suchte er das Gespräch mit mir, scherzte, neckte mich und schaute mir tief in die Augen. Manchmal sagte er, ich hätte Märchenaugen, wie er sie noch nie gesehen hätte. Richard Reining war fünf Jahre älter als ich und waschechter Frankfurter wie alle in unserer Gruppe. Meine erste und große Liebe war Kaufmann von Beruf und damit standesgemäß für meine Mutter und die Verwandtschaft. Ich glaube, auch Mutter konnte seinem Charme nicht widerstehen. Nun besuchte ich mit Richard zahlreiche Konzerte in Frankfurt und war glücklich, dass er meine Begeisterung für die Musik teilte, auch wenn er selbst nicht besonders gut singen konnte.
1922, ich war zwanzig und Richard fünfundzwanzig Jahre jung, heirateten wir am dreißigsten Dezember in der Frankfurter Paulskirche. Das Hochzeitskleid hatte meine Mutter genäht und selbstverständlich gestaltete sie am Silvesterabend ein Fest für uns, auch wenn die Lebensmittelpreise ins Unermessliche gestiegen waren, weil täglich mehr Papiergeld in den Umlauf gebraucht wurde, für das es keine Deckung mehr gab. Mutter sagte, in dieser mondhellen und friedlichen Nacht sei das bescheidene, kleine, aber für uns traumhaft schöne Feuerwerk extra zu unserer Feier in den Frankfurter Himmel aufgestiegen! Die Kriegsjahre mit den ruhigen, sorgenvollen Silvesterabenden lagen hinter uns, wir waren jung und freuten uns auf eine glänzende gemeinsame Zukunft. Richard verdiente gut als Prokurist im Lederwarengeschäft seines Vaters, das er als einziger Sohn einmal übernehmen sollte. Wir konnten bald in die Wohnung seiner Eltern am anderen Mainufer ziehen. Sie besaßen ein stattliches Mehrfamilienhaus in der „Schönen Aussicht“ mit Blick auf den Main. Direkt daneben befand sich Arthur Schopenhauers Sterbehaus, wie Richards Mutter stolz betonte, als ob sie einen Verdienst an dem berühmten Philosophen in der Nachbarschaft hätte! Die Eltern wohnten im Erdgeschoss neben ihrem Geschäft, während wir jungen Eheleute die erste Etage bezogen. Etwas später wurde eine Wohnung im zweiten Stock frei, in der auch meine Schwiegereltern wieder über mehr Platz verfügten. Obwohl es großzügig war, uns die standesgemäße große Wohnung zu überlassen, blieb immer eine Distanz bestehen, vor allem zum Schwiegervater. Unsere Ansichten waren einfach zu unterschiedlich und ich war froh, dass Richard ebenso lebenslustig und bei allen Freunden und Verwandten beliebt war wie ich! Gut verstand ich mich mit Richards sechs Jahre jüngeren Schwester Lilli, die die Liebe zur Musik mit mir teilte, später Musiklehrerin wurde und im gleichen Haus wie wir wohnte. Die andere Schwester, Helena, wohnte seit ihrer Heirat 1920 in Berlin. Mit ihr hatte ich wenig Kontakt.
Beim Einrichten ließ mir mein Mann weitgehend freie Hand – allerdings musste ich einige alte Möbel seiner Eltern mit in Kauf nehmen, die mir eigentlich nicht gefielen, die aber unbedingt im Familienbesitz bleiben sollten. Wir jungen Eheleute waren beide temperamentvoll, konnten zusammen lustig sein, aber auch erbittert streiten. Ich litt manchmal unter Richards jähzornigen Reaktionen, die ich erst in der Ehe kennenlernte. Doch meine Tränen rührten ihn schnell und so gab es nach jedem Krach eine leidenschaftliche Versöhnung. Dabei gelang es mir oft, meinen Mann zu überzeugen, dass ich dringend einen neuen Hut benötigte, oder einen neuen Pelzmantel oder beides. Handtaschen besaß ich dank des Ledergeschäftes selbstverständlich zur Garderobe passend und nach der neuesten Mode in reichlicher Auswahl. Die Zeit der Armut war vorbei! Die Inflation hatte Richard und seine Eltern als Immobilien- und Geschäftsbesitzer weniger beeinträchtigt als Angestellte, deren Einkommen nichts mehr wert war.
Familien- und Faschingsfeste besuchten wir nun gemeinsam. Richards Auto, der „Wanderer“, war auch mein ganzer Stolz. Ich liebte es, schön angezogen zu Ausflügen zu fahren und Verwandte oder Freunde zu besuchen. Meine Mutter machte sich Sorgen, dass wir das Geld mit vollen Händen aus dem Fenster werfen und dann in den nächsten Notzeiten nichts haben würden. Doch ich lachte: Notzeit und Krieg waren endlich vorbei, im November 1923 stabilisierte sich mit Einführung der Rentenmark die Währung wieder, Frankfurt blühte auf, mein Mann machte glänzende Geschäfte mit den Lederwaren. Später würde er den 1910 gegründeten Laden von seinem Vater ganz übernehmen. Zusätzlich war er als Mitinhaber an einem zweiten Lederwarengeschäft beteiligt, das sein Freund Carl Ludwig Funck 1918 von seinem Vater nach dessen Tod übernommen hatte. Der Vater war ein angesehener Frankfurter Bürger gewesen, der unter anderem Stadtverordneter, Mitglied der Handelskammer, Mitglied der Neuen Theater AG war und 1917 die Ehrendoktorwürde der Universität Frankfurt erhalten hatte. „Carl ist bekannt wie ein bunter Hund, unser Laden bringt ordentlich was ein, unsere Ware hat Qualität!“ verkündete Richard häufig mit Stolz in der Stimme.
Wenn ich mit Richard von den Sorgen meiner Mutter sprach, beruhigte er mich: „Was soll uns denn passieren? Alles läuft bestens. Wir sind jung und gesund und ich habe für den Notfall eine hohe Lebensversicherung. Selbst wenn ich sterben sollte, bist Du abgesichert und brauchst nie zu arbeiten“. Also dachten wir erst einmal an leben, nichts als leben.
Unser Glück war perfekt, als ich 1925 schwanger wurde. In der Zeit las ich den Roman „Nora“ von Henrik Ibsen. Wie diese Frau sich von ihrem Mann und aus ihrem „Puppenheim“ befreite, beeindruckte mich tief. Beim Lesen musste ich an meine Mutter denken, die genau das geschafft hatte und trotz (oder gerade wegen?) dieses Ausbruchs aus gesellschaftlichen Konventionen von den meisten Verwandten sehr geschätzt wurde. Wenn das Kind ein Mädchen würde, sollte es Nora heißen. Ich malte mir das Mädchen aus, wie Nora beschrieben war: Schwarze Augen schwarze Haare, eine starke Persönlichkeit. Richard hatte das Buch ebenfalls gelesen. Er war nicht ganz so begeistert von Nora und versicherte mir, dass ich niemals so unterdrückt würde wie diese Frau. Er schlug den Namen Ellen vor. Einen Tag vor Heiligabend 1925 wurde unser kleiner Weihnachtsengel Nora Ellen geboren. So feierten wir Weihnachten in der Klinik. Richard war bei mir, meine Mutter und Tante Lenchen kamen, Schwägerin Lilli, zwei meiner Cousinen und Richards Eltern. Ich war glücklich und erholte mich schnell von der natürlichen Geburt ohne Komplikationen. Richard setzte durch, dass der Rufname Ellen wurde und Nora der Zweitname. Es war mir inzwischen egal. Hauptsache, das Kind war gesund. Ellen war der Star in der Familie. Besonders Oma Elisabeth und Tante Lenchen waren außer sich vor Freude, wenn wir zu Besuch im Zwerchweg waren, wo wir Töchterchens Taufe feierten. Natürlich ließen wir es uns nicht nehmen, beim Fotografen Familienbilder aufnehmen zu lassen. Ich schrieb Briefe und schickte stolz Fotos an Bekannte und Verwandte, die weiter entfernt wohnten.
Richard, Lore und Ellen Reining 1926
Die Feste und Feiern gingen weiter, wir genossen in Frankfurt die Zeit, die später „die goldenen Zwanziger“ genannt wurde. Wir sangen, scherzten, rauchten, tranken Champagner, kürzten die Haare und die Röcke und tobten uns bei neuen Tänzen wie dem Charleston aus. Die französischen und englischen Fremdwörter hatten längst wieder ihren Platz in unserer Alltagssprache erobert. Das Geld, das wir verschwenderisch ausgaben, nahmen wir sorglos und selbstverständlich aus dem Portemonnaie. Missbilligende Äußerungen von Richards sparsamen Eltern versuchten wir zu ignorieren.
Wir freuten uns mit, dass Richards Schwester Lilli einen sympathischen Mann gefunden hatte. Er war acht Jahre älter als sie und als promovierter Elektroingenieur ganz anders als seine musikbegeisterte junge Frau. Aber nicht umsonst heißt es, dass sich Gegensätze anziehen! Seine Bodenständigkeit gefiel den Eltern, sie wünschten sich vor allem Sicherheit für die Zukunft ihrer Kinder. Im Januar 1927 feierten wir eine wunderbare Hochzeit und Lillis Paul zog mit in das Haus meiner Schwiegereltern.
Bei aller Ausgelassenheit gefiel mir gar nicht, dass Richard seinen Charme auch bei anderen Frauen einsetzte und sie um den Finger wickelte, selbst wenn ich dabei war. Im Februar 1928 gingen wir zu einem Faschingsball, für den ich tagelang Kostüme genäht hatte. Wir erhielten als Sultan und Haremsdame großen Beifall und ich trat mit einem selbstgedichteten frechen Faschingslied auf.
Lore zum Fasching 1928
Doch während ich zur Gitarre sang und sich das Publikum halbtot lachte, fiel plötzlich der Strom aus. Eine halbe Stunde suchte ich im Dunkeln meinen Mann. Als es plötzlich wieder hell wurde, bemerkte ich, wie Richard mit einer albern geschminkten jungen Prinzessin im Arm den Raum verließ. Ewig kamen sie nicht wieder herein und mir war das Fest gründlich verdorben. Da half mir auch nicht, dass sich ein Freund von Richard um mich bemühte, mir Champagner einschenkte und mit mir im wieder erleuchteten Saal tanzte. Mir war der Spaß vergangen. Ich ließ den verdutzten Mann stehen und verließ das Lokal mit erhobenem Kopf. Ich holte meinen Mantel und lief heulend mutterseelenallein durch die nächtlichen Straßen. Nach dem Stromausfall fuhren die Straßenbahnen nicht! Die Schwiegermutter, die auf die schlafende Ellen aufgepasst hatte, schickte ich weg, ohne auf ihre aufgeregten Fragen nach dem Verbleib ihres Sohnes zu antworten.
Endlich allein, gab ich mich meinem Schmerz und meiner Wut hin. Richards Bettzeug knallte ich ins Gästezimmer. Nie wieder würde ich mit ihm reden! Doch ich wollte es nicht meiner Mutter nachmachen und ihn ganz vor die Tür setzen. Mein Kind sollte nicht auch ohne Vater aufwachsen. Noch in der Nacht kam Richard kleinlaut zurück. Ohne zu protestieren schwankte er in das Gästezimmer und schlief seinen Rausch aus. Vor unserem Kind zogen wir eine Show ab und aßen am nächsten Tag gemeinsam unser Mittagessen, als sei nichts gewesen. Was Richard seinen Eltern erzählt hatte, weiß ich nicht. Die Männer arbeiteten weiterhin zusammen im Geschäft. Richards Mutter und Schwester Lilli sah ich tagelang überhaupt nicht. Danach sprach keiner mehr von dem Vorfall.
Zwei Wochen nach diesem unseligen Faschingsball bekamen wir eine Einladung von Freunden und ich wurde aufgefordert vorzusingen. Richard bestach mich mit einem schicken neuen Kleid für diesen Abend – und der passenden blauen Handtasche nach neuester Mode. Er entschuldigte sich nun endlich und erklärte mir, das mit dieser Faschingsprinzessin sei nur ein einmaliger Ausrutscher gewesen, der in der lockeren Atmosphäre passiert sei. Ich wollte ihm gern glauben, denn ich liebte meinen Mann sehr. Die Vorstellung, ohne ihn zu leben, erschien mir unerträglich. Dieser Abend wurde sehr harmonisch und wir feierten zu Hause intensiv unsere Versöhnung. Richard war doch der Allerbeste!
Die Fastenzeit hielten wir nicht ein, dafür lebten, aßen und tranken wir zu gern, wie alle unsere Freunde. Die Entbehrungen im Krieg hatten sich tief in unsere Erinnerung eingegraben. So etwas wollten wir nie wieder erleiden! Ich war sehr froh, dass Richard mir auch meine kulturellen Wünsche erfüllte. Riesig freute ich mich über die Überraschungstickets für die Frankfurter Oper, als die berühmte Tänzerin und Tanzpädagogin Gret Palucca, die Leiterin der Gret-Palucca-Schule in Dresden, im März 1928 einmalig ein Tanzgastspiel gab. Welch stilvoller Auftakt des Wochenendes – ganz nach meinem Geschmack. Gleich am nächsten Tag führte mich Richard noch einmal groß aus. An diesem Samstag veranstaltete der Frankfurter Automobil-Club e. V., in dem mein Mann Mitglied war, zum ersten Mal nach dem Weltkrieg einen großen Gesellschaftsabend mit Ball im Frankfurter Hof. Ellen blieb das ganze Wochenende bei der Oma im Zwerchweg und meine Schwiegermutter sparte hinterher nicht mit abfälligen Bemerkungen über meine Vergnügungssucht. Richard brüllte seine Mutter an: „Lass endlich meine Frau in Ruhe! Du kannst nicht darüber bestimmen, wie wir von meinem verdienten Geld unser Leben gestalten und welche gesellschaftlichen Verpflichtungen wir wahrnehmen!“ Daraufhin zog sich die Schwiegermutter wortlos zurück. Solche Missklänge in der Familie nahmen mich immer mit, wollte ich doch gern in Harmonie mit anderen Menschen leben. Aber beleidigen lassen konnte ich mich auch nicht. Mir war den ganzen Samstag übel und ich musste mich sogar überwinden, mein langes Abendkleid anzuziehen und mich zu schminken. Ich wollte an diesem Abend mit wichtigen Bekannten an Richards Seite sein. Ich trank kaum Alkohol, denn nach dem ersten Glas Champagner wurde mir schlecht.
Bald bestätigte sich meine Vermutung, dass ich schwanger war. Im Dezember sollte unser zweites Kind zur Welt kommen und wir freuten uns riesig. Bald war die Übelkeit verschwunden. Es ging mir gut und ich hatte prächtigen Appetit. Im Frühjahr und Sommer waren wir oft mit unserem Auto unterwegs. So besuchten wir Richards Schwester Helena und ihren Mann Karl Meier in Berlin. Dort ließen wir uns mit Klein-Ellen im offenen „Wanderer“ direkt an der Siegessäule fotografieren.
Auf dieses Foto war ich besonders stolz und verschickte es an etliche Verwandte. Im August fuhren wir mit dem Auto in den Schwarzwald. Ich genoss diese unbeschwerten Urlaubstage mit Richard, der kleinen Ellen und der Vorfreude auf das kommende Baby!
Richard, Lore und Ellen Reining 1928 im „Wanderer“
Gern hielten wir uns bei meiner Mutter im großen Garten auf dem Sachsenhäuser Berg auf. Dort war es viel schöner als in unserem kleinen Hof am Haus – und für mich bedeuteten Sachsenhausen und der Unterste Zwerchweg immer noch Heimat. Außerdem versorgte uns Mutter reichlich mit frischem Obst und Gemüse. Auch Richards Mutter Minna kam manchmal mit zu einem Höflichkeitsbesuch zu meiner Mutter, obwohl sich die beiden Frauen nicht besonders gut verstanden. Doch ich ertrug die Begleitung der Schwiegermutter und freute mich auf den Familienzuwachs. Die Welt erschien mir perfekt. Über kleine Verstimmungen konnte ich hinwegsehen – auch das hatten mir meine Mutter und ihre Schwester Lenchen mit ihrem Humor und Optimismus vorgelebt.
Am achtundzwanzigsten August 1928 nahmen wir, gemeinsam mit Mutter, Tante Lenchen und einigen Verwandten, einen kulturell-gesellschaftlichen Höhepunkt wahr. An Goethes Geburtstag wurde zum zweiten Mal der Goethepreis der Stadt Frankfurt verliehen. Preisträger war der vielseitige Humanist, Arzt, Philosoph, Musiker und Theologe Professor Albert Schweitzer. Bei der Ehrung in Goethes Geburtshaus mit Oberbürgermeister Dr. Ludwig Landmann waren nur geladene Gäste anwesend. Aber wir trafen uns zur öffentlichen Feier am Abend in der St. Lukaskirche in Sachsenhausen und genossen die wundervolle Orgelmusik von Bach, die Schweitzer persönlich spielte. Ein herrlicher, eindrucksvoller Abend! Doch schon drei Wochen später hüllte sich meine Welt urplötzlich in Schatten.
Nie werde ich die Nacht vom neunzehnten zum zwanzigsten September 1928 vergessen: Es war ein warmer, schöner Tag gewesen. Am Nachmittag, als mein Mann im Geschäft war, war ich mit Ellen zum Spielplatz gegangen, wo ich mit anderen jungen Müttern plauderte. Mein Ungeborenes strampelte den ganzen Tag besonders unruhig, so dass ich kaum wusste, wie ich sitzen sollte. Wir aßen auf der Bank Zwetschgen aus Mutters Garten. Davon wurde mir übel und ich wollte mich hinlegen. Doch zu Hause fand ich keine Ruhe, als sich Richard für den Abend fertig machte und ständig etwas suchte, sein noch nicht gebügeltes Lieblingshemd, die braunen Schuhe aus der neuesten Kollektion, ein paar bestimmte Socken, die noch in der Wäsche waren. Ich war nicht begeistert, dass ich den Abend wieder einmal allein verbringen musste. Richard wollte an diesem Mittwoch Freunde zum Essen treffen, die er im Auto zum urigen Forsthaus Unterschweinstiege mitnahm. In diesem beliebten Ausflugslokal waren wir schon manchmal zusammen gewesen. Ein leiser Zweifel, eine unbestimmte Eifersucht nagten an mir, ob es sich wirklich nur um männliche Freunde handelte, wenn er sich so schick machte. Ich blieb frustriert bei Ellen, die nicht ins Bett gehen wollte, zeigte ihr am Fenster die Frachtschiffe, die langsam den Main entlang fuhren. Jetzt hätte ich das quengelnde Kind, für das ich an dem Abend einfach keinen Nerv mehr hatte, gern eine Weile den Großeltern zur Betreuung gegeben. Doch sie standen nicht zur Verfügung. Die Schwiegereltern waren beim Geschäftspartner von Richards Vater im Kettenhofweg eingeladen. Als zweites Standbein diente Richards Vater Johann Ludwig Reining der Posten des zweiten Geschäftsführers bei Heinrich Rosenauer, der die Metallwarenfabrik Rosenauer & Co. GmbH besaß. Richards Schwester und ihr Mann waren in den Urlaub gefahren und ich hatte an diesem Tag eine Ansichtskarte aus dem Briefkasten genommen, auf der Lilli von den wunderbaren Alpen-Gipfeln und den Kühen mit ihren bimmelnden Glocken schwärmte.
Als Ellen endlich schlief, setzte ich mich mit einer Stickarbeit ans Fenster bis es dunkel war. Richard müsste endlich zurückkommen. Das Treffen konnte doch nicht so lange dauern! Freilich plauderte er oft lange und vergaß im Kreis seiner Freunde manchmal die Zeit. Ich konnte mich auf nichts konzentrieren, schon gar nicht auf meinen angefangenen Roman. Das Baby veranstaltete inzwischen Terror in meinem Bauch. Ich war sehr müde, aber an Schlafen war nicht zu denken. Mitternacht war vorüber und mein Mann ließ immer noch auf sich warten. Zwei Uhr schreckte ich im Sessel durch das Telefon hoch. „Hier ist das Städtische Krankenhaus. Ihr Mann Richard Reining wurde nach einem Autounfall schwer verletzt hier eingeliefert. Er ist nicht bei Bewusstsein“, hörte ich wie durch eine Nebelwand. Auch Richards Eltern, die wieder zu Hause waren und schliefen, waren durch das Telefon geweckt worden. Wir hatten in jeder unserer Wohnungen einen Apparat mit dem Geschäftsanschluss. Richards Mutter bot an, bei der weinenden, aufgeregten Ellen zu bleiben. Ich funktionierte, obwohl ich innerlich wie gelähmt war. Vater Reining fuhr mit mir zum Städtischen Krankenhaus nach Höchst. Ich zitterte am ganzen Körper und betete die ganze Zeit: „Lieber Gott, lass es nicht so schlimm sein, lass meinen Richard noch leben!“ Gott erhörte mich nicht. Mein einunddreißigjähriger Mann war wenige Minuten vor unserem Eintreffen gestorben. Ich hatte keine Gelegenheit gehabt, noch einmal mit ihm zu sprechen.
Am nächsten Tag kamen Lilli und Paul aus dem Bergen zurück. Lilli vertraute ich meine dunklen Gedanken an, dass Richards Treffen in Wirklichkeit ein Rendezvous gewesen sein könnte. Denn sonst müssten doch auch die Freunde verletzt oder tot sein. Hatte er sich vielleicht mit dieser Dame vom Fasching oder einem anderen weiblichen Wesen getroffen und war von ihr aus allein zurückgefahren? Doch dann erschien in der Zeitung ein ausführlicher Unfallbericht. Richard war tatsächlich mit seinen Freunden gegen ein Uhr vom Ausflugslokal Unterschweinstiege im Stadtwald nach Frankfurt gefahren, landete aber nach etwa vier Kilometern bei Goldstein im Straßengraben, versuchte wieder auf die Fahrbahn zu gelangen und fuhr mit Wucht gegen eine Kiefer. Dabei quetschte ihn das Lenkrad und drückte ihn gegen die Wagenwand. Seine Freunde konnten noch die Rettungswache rufen, liefen nach dem Abtransport meines bewusstlosen Mannes leicht verletzt nach Hause. Sie standen sicher unter Schock und alle hatten bestimmt reichlich dem Alkohol zugesprochen.
