Sie schrie nie - Verena Brade - E-Book

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Verena Brade

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Beschreibung

1960. Die dreizehnjährige Sonja ist nach der Schule fast immer sich selbst überlassen. Aus Langerweile stöbert sie in den verbotenen Kellerräumen ihres Wohnhauses. Dabei macht sie einen grausigen Fund. Jedoch schenken ihr die Erwachsenen kein Gehör. Sie sind mit sich selbst beschäftigt. Auch als weitere merkwürdige Dinge im Haus geschehen, schaut man weg. Schließlich wohnt man in einem ehrenwerten Haus. An einem Sommertag im August löst ein simpler Vorfall eine verheerende Kettenreaktion aus. Jetzt kann niemand mehr wegschauen oder weghören. Ein tiefgründiger, kritischer Blick in den Alltag und das Familienleben zu Beginn der 2. Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts.

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Seitenzahl: 369

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Verena Brade

SIE SCHRIE NIE

ROMAN

Engelsdorfer Verlag Leipzig 2022

Verena Brade wurde in Karl-Marx-Stadt geboren. Sie studierte Erziehungswissenschaften und arbeitet seitdem als Lehrerin in der Sekundarstufe.

Veröffentlichungen: „Fremde Wahrheit“ 2021, „Julia – lautlose Wahrheit“ 2022

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

Copyright (2022) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Titelfoto © kittyfly [Adobe Stock]

Lektorat: A. Geiger-Blau

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

Gedruckt auf FSC®-zertifiziertem Papier

www.engelsdorfer-verlag.de

Inhalt

4. August 1960

Drei Monate zuvor, Samstag, 7. Mai

Dienstag, 10. Mai

Donnerstag, 19. Mai

Freitag, 27. Mai

Sonntag, 5. Juni

Mittwoch, 8. Juni

Freitag‚ 10. Juni

Sonntag, 12. Juni

Mittwoch, 15. Juni

Freitag, 17. Juni

Samstag, 2. Juli

Dienstag, 12. Juli

Donnerstag, 14. Juli

Samstag, 16. Juli

Montag, 18. Juli

Donnerstag, 4. August

Montag, 8. August

Dienstag, 9. August

3 Tage später, Freitag, 12. August

Montag, 15. August

Donnerstag, 1. September

Montag, 19. September

Dienstag, 1. November

Montag, 14. November

Mittwoch, 1. März 1961

Freitag, 24. März 1961

4. August 1960

Ein warmer Wind atmete durch die staubigen Straßen. Nach einem hektischen Arbeitstag ließ das süße Nichtstun endlich die Gedanken schweifen. Verschlafen lauerte eine Katze im Schatten. Da begann die nahe Kirchturmuhr plötzlich laut zu läuten. Es war genau 16:00 Uhr. Dann folgten wieder Stille und Leere. Heckenrosen dufteten am Wegesrand und bunte Schmetterlinge kreisten mit Leichtigkeit.

Trotz seines noch relativ jungen Alters ging er sehr langsam. Die Hitze und der viele Alkohol forderten ihren Tribut. Das Atemholen fiel ihm schwer. Mit Erreichen der Brücke, strich eine laue Brise durch sein Haar. Er blieb stehen und reckte das Gesicht lethargisch gen Himmel. Als er die Augen wieder öffnete, blickte er in einen sich übermächtig türmenden Wolkenberg. Kurz darauf brach sich ein erstes Grollen seine Bahn. Mühsam begriff er und lief weiter. Endlich in die Zielstraße einbiegend, sah er die Meute. Augenblicklich blieb er wie erstarrt stehen und hörte sie reden. Ein Kellerbrand mit verheerenden Folgen. Man hatte etwas Schreckliches gefunden. Niemand durfte das Haus betreten. Die fressende Neugier musste außerhalb der Mauern verharren. Ihm hätte man Informationen gegeben. Aber diese brauchte er nicht.

Noch einmal streifte sein Blick die wunderschöne Fassade bis zu dem breiten Fenster, dann löste er sich davon und lief den Weg zurück. Als er die Brücke betrat, zog der erste Blitz seine Bahn. Wenige Sekunden später folgte das Donnergetöse. Da war er bereits in der Tiefe der Leine verschwunden.

Drei Monate zuvor, Samstag, 7. Mai

Das Grundstück mit Gartenhaus im Bungalowstil befand sich in unmittelbarer Nähe des Maschsees.

In einem lindgrünen Kostüm aus wadenlangem Bleistiftrock, eng taillierter Jacke und dazu passenden cremefarbenen Bettie Pumps stand Frau Schinkowski am Tor und wartete auf ihre Gäste. Die extra für dieses Ereignis georderten italienischen Servicekräfte mit perfekten Deutschkenntnissen hatten wie von ihr gewünscht, auf einem Tisch direkt neben dem Eingang diverse Gläser, gekühlten Sekt, sowie Himbeer- und Zitronenlimonade für die Kinder bereitgestellt.

Als erste steuerten, bereits einige Minuten vor der veranschlagten Zeit, Herr und Frau Schmidt auf das eiserne Grundstücksportal zu. Sie trug anstelle der üblichen bunten Kittelschürze ein blaues Dirndl mit großem, ihre üppige Oberweite noch stärker betonendem Dekolleté. Außerdem war sie ganz offensichtlich speziell für diesen Anlass beim Friseur gewesen. Was eine krasse Ausnahme darstellte, denn gewöhnlich erledigte die resolute Frau derartige, wie sie es nannte, unvermeidbare Notwendigkeiten, selbst. Im ersten Moment hätte Frau Schinkowski sie fast nicht erkannt. Auch Herr Schmidt sah in seinem schneeweißen, akkurat gebügelten Hemd, schwarzer Hose und Lacklederschuhen so ganz anders als gewöhnlich aus. Als die stämmige Frau und ihr um einen halben Kopf kleinerer, glatzköpfiger Ehemann direkt vor der Gastgeberin standen, konnte diese ihr Erstaunen nicht mehr verbergen.

„Herzlichst willkommen, geschätztes Hausmeisterehepaar. Sie sehen so verändert aus. Ein Dirndl außerhalb der bayrischen Landesgrenzen zu tragen, wie verwegen. Aber es steht Ihnen ausgezeichnet. Auch Sie, lieber Herr Schmidt, haben, seit unserer Begegnung heute Mittag geradezu eine Outfit-Metamorphose durchlebt.“

Obwohl Herr Schmidt nicht die leiseste Ahnung hatte, was mit dem Begriff Metamorphose gemeint sein könnte, strahlte er wie seine Frau über die außergewöhnlich freundliche Begrüßung der Nachbarin. Diese goss indes in die ersten Gläser Sekt und überreichte sie mit einer ausladenden Geste.

„Stoßen Sie mit mir an, auf schöne, unterhaltsame Stunden. Gleich jetzt dürfen Sie entspannt mein neues Anwesen inspizieren. Sie sind die Ersten und haben genügend Zeit dafür. Loretta, eines der italienischen Servicemädchen, wird Sie begleiten und Ihnen alles erklären. Ich habe sie ausführlich eingewiesen und sie hat hoffentlich gut aufgepasst. Selbstverständlich spricht Loretta perfekt Deutsch.“

Überwältigt von dem ungewöhnlich respektvollen Umgang folgte das Ehepaar, wie geheißen, der jungen Italienerin.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht stützte Frau Schinkowski sich auf ihren Stock. Ausgerechnet heute gab ihr linkes Knie keine Ruhe. Dennoch wollte sie die anderen Gäste ebenfalls am Tor begrüßen. Geduldig wartete die Fünfundfünfzigjährige. Minute für Minute fiel ihr das Stehen schwerer. Auf einmal hörte sie von Weitem ein schallendes Lachen. Dieses kannte sie nur zu gut. Es gehörte Jürgen, dem ältesten Sohn der Müllers aus der oberen Etage. Kurze Zeit später bog die komplette Familie um die Ecke. Als der aufgeweckte Junge sie sah, riss er sich von der Hand der Mutter und rannte in Richtung des Tores. Unmittelbar davor bremste er ruckartig ab und schrie laut: „Ich bin der Erste!“

„Bist du nicht“, antwortete, gespielt streng, die Gastgeberin.

Verwundert schaute er zu ihr auf. Im nächsten Moment entdeckte er den Tisch mit den Getränken.

„Bei dir gibt es rote Limonade. Ich habe riesigen Durst.“

„So, hast du. Was machen wir denn da?“

„Ist doch klar. Du gibst mir eines von den Gläsern. Die sind für uns Kinder.“

Inzwischen hatten auch die Eltern mit ihren drei Kleineren das Grundstück erreicht. Etwas verlegen meinte die junge Mutter: „Jürgen ist immer so ungestüm. Ich hoffe, dass er keine frechen Worte gesagt hat. Oder war er doch wieder vorlaut?“

Jovial hob Frau Schinkowski ihre freie Hand und begrüßte, ohne auf die Frage einzugehen, die Großfamilie. Dann reichte sie die Getränke. Beim ungestümen Trinken verschüttete die gerade vier gewordene Sabine rote Limonade auf ihre weiße Rüschenbluse. Sofort begann sie zu weinen. Jürgen trank in einem Zug sein Glas leer und forderte lautstark ein weiteres. Der Vater der Familie genoss den kühlen, prickelnden Sekt einige Schritte abseits.

Frau Müller hingegen versuchte die wegen ihres Malheurs schluchzende Sabine zu beruhigen und den immer impulsiver verlangenden Jürgen zu besänftigen. Als dann auch noch das Baby im Wagen mit Schreien begann, winkte die leicht konsternierte Gastgeberin, die bisher nur wortlos dem Geschehen zusah, eine der Servicekräfte herbei.

„Das ist die nette Familie Müller. Ich möchte, dass Sie heute ausschließlich für diese jungen Eltern und vor allem für die vier überaus reizenden Kinder da sind. Spielen Sie mit den Kleinen oder gehen Sie mit ihnen spazieren, dass ist ganz egal. Von allen anderen Verpflichtungen entbinde ich Sie.“

Verwundert schaute die italienische Servicekraft ihre Auftraggeberin an, sodass diese sich fragend vergewisserte: „Sie haben doch alles verstanden, oder?“

Hastig bejahte die Frau.

„Worauf warten Sie dann? Nehmen Sie sich der Kleinen an. Einige Kinderspiele aus Ihrer Heimat werden Sie doch parat haben. Schließlich sind Sie noch jung. So etwas vergisst man außerdem nicht.“

Weder Herr noch Frau Müller äußerten sich zu dieser Entscheidung. Wortlos blickten sie der fremden Italienerin, die mit ihren Kindern davonzog, hinterher.

„Kommen Sie, jetzt stoßen wir gleich noch einmal an. Mit meiner Entscheidung habe ich hoffentlich nicht in Ihr Erziehungskonzept eingegriffen?“

Schüchtern schüttelte Frau Müller den Kopf, während ihr Mann nur lachte und dann seinen Sekt in einem Zug austrank.

Kurz nachdem das Ehepaar Müller, ohne Kinder, dafür ebenfalls mit italienischer Begleitperson zur Grundstücksinspektion aufgebrochen war, erschien Familie Loose nebst dem im Erdgeschoss wohnenden alleinstehenden Herrn Anders. Sofort strahlte Frau Schinkowski. Sie streckte der im zart rosafarbenen Sommerkleid vor ihr stehenden blonden, hübschen Frau die Hand entgegen.

„Wie ich mich freue, Sie hier begrüßen zu dürfen, verehrte Frau Loose. Sie sehen wie immer bezaubernd aus. Wir müssen unbedingt heute über Ihren Schneider sprechen.“

Dezent lächelte die Angesprochene und meinte: „Das Kompliment kann ich nur erwidern. Aber, apropos bezaubernd, das Adjektiv charakterisiert noch viel treffender als unsere Haute Couture diese wundervolle Gegend. Südlich des Stadtzentrums von Hannover hätte ich eine solche üppige grüne Oase nicht vermutet. Ich sagte eben zu meinem Mann, dass diese Wohnlage perspektivisch auch etwas für mich wäre. Hier könnte man dem Tag und Nacht währenden Geräuschpegel der Großstadt, dem Schmutz und vor allem der Hektik tatsächlich entfliehen. Und sich wirklich von der Arbeit erholen.“

„Es freut mich sehr, dass es Ihnen hier gefällt. Aber bitte treten Sie erst einmal ein.“

Die Männer wollten Frau Loose den Vortritt lassen. Sie jedoch begann, in ihrer Handtasche nach etwas zu suchen. Im nächsten Moment überreichte sie, etwas zögerlich, der freundlichen Gastgeberin ein in Seidenpapier gewickeltes Päckchen.

„Liebe Frau Schinkowski, ich muss Ihnen gestehen, dass es mir schwer fiel, ein passendes Gastgeschenk für Sie zu finden. Blumen oder Einpflanzungen in einen Garten zu tragen, fand ich unangebracht, deshalb habe ich Ihnen diese kleine, süße Köstlichkeit ausgewählt. Es sind Sahnetrüffel vom Chocolatier in der Parkstraße. Sie mögen doch Schokolade?“

„Aber selbstverständlich. Das wäre dennoch nicht nötig gewesen. Oh je, wenn ich an meine Figur denke.“ Gespielt verschämt deutete die Fünfundfünfzigjährige auf ihre schmale Taille. Danach legte sie die Bonbonniere auf dem kleinen Beistelltisch ab und reichte Herrn Loose sowie der dreizehnjährigen Tochter Sonja zum Empfang die Hand. Beim anschließenden gemeinsamen Anstoßen fiel nur dem Mädchen auf, dass der wortkarge Herr Anders, der ebenfalls mit am Tor stand, von Frau Schinkowski überhaupt nicht begrüßt wurde. Auch reichte sie ihm kein Glas mit Sekt. Es schien den jungen Mann mit schütterem Haar jedoch nicht zu stören. Kurzerhand bediente er sich selbst.

Zwanzig Minuten später nahmen die Anwesenden an der sommerlich dekorierten Gartentafel inmitten einer großflächigen, gepflegten Wiese Platz. Frau Schinkowski hatte reichlich einkaufen lassen. Zum Kaffee wurden vier verschiedene Fruchttorten, diverse Dessertstückchen, Blätterteigvariationen mit Sahne sowie Kakao für die Kinder gereicht. Gerade als man mit dem Probieren der Köstlichkeiten begann, erschienen die letzten, noch fehlenden Gäste. Es waren die Freundinnen Biene und Tine aus der obersten Etage.

Ohne aufzustehen, lächelte die Gastgeberin den zwei jungen Frauen entgegen.

„Schön, dass Sie es auch ermöglichen konnten, hierher zu kommen. Bitte nehmen Sie Platz.“

Dabei deutete sie auf die freien Stühle am anderen Ende der Tafel und wünschte noch einmal allen Anwesenden guten Appetit.

Einige Zeit danach war ein Großteil der üppigen Süßspeisen verköstigt. Man hatte mehr gegessen, als man eigentlich vertragen konnte. Aber die angebotenen Verlockungen ließen die meisten der Anwesenden immer wieder schwach werden. Und so griffen sie mehrfach zu. Nun fühlten sie sich übermäßig gesättigt. Hausmeister Schmidt lockerte gerade den Gürtel seiner schwarzen Hose, als Frau Schinkowski mit einem Glas Sekt in der Hand aufstand. Augenblicklich unterbrachen alle ihre Gespräche und widmeten der Gastgeberin die Aufmerksamkeit. Nur die Großen der Müllers, Jürgen und Sabine, stritten weiter lautstark um ein letztes Stück Erdbeertorte. Eiligst eilte die Servicekraft herbei und zog die beiden von ihren Plätzen. Auch heftiger Protest und flehentlichstes Rufen nach der Mutter half ihnen nicht.

Zufrieden lächelnd begann Frau Schinkowski mit ihrer kleinen, vorbereiteten Rede:

„Liebe Bewohner der 29 oder besser gesagt, liebe Nachbarn, ich möchte noch einmal meiner Freude Ausdruck verleihen, dass Sie alle den Weg hierher fanden. Sicher haben sich einige von Ihnen über die Einladung gewundert. Aber es ist bekannt, dass nichts im Leben grundlos geschieht. Alles hat auch eine Ursache. Das klingt ein wenig theatralisch, Entschuldigung. Sie wissen sicher inzwischen, dass ich von der Bühne komme, da neigte man ein wenig zum Overstatement. Nein, keine Angst, es gibt keinen prekären Anlass, im Gegenteil. Ich wollte Ihnen zum einen dieses wundervolle Grundstück vorstellen. Zum anderen fand ich, dass die Zeit reif ist, einander besser kennenzulernen. Bereits seit fast einem Jahr teile ich mit Ihnen dieselbe Adresse. Wir grüßen uns freundlich, aber jeder geht seiner Wege. Wir eilen aneinander vorbei, ohne etwas voneinander zu wissen. Dabei leben ausschließlich fleißige, integere Menschen hier zusammen. Schließlich kann sich nicht jeder eine exklusive Wohnung in solch einem Haus aus der Gründerzeit leisten. Die schweren, entbehrungsreichen Jahre haben wir erfolgreich gemeistert und die Schatten der Vergangenheit abgeschüttelt. Dabei mussten Etliche einen Neuanfang wagen. Von meiner Person will ich an dieser Stelle gar nicht sprechen. Viel mehr möchte ich beispielgebend auf die verehrte Frau Loose mit ihrer Kanzlei oder unser tatkräftiges Hausmeisterehepaar, das nun bereits vier Häuser verwalten darf, verweisen. Wir alle haben angepackt und etwas geschaffen. Unter unserem Dach wohnen keine Faulenzer, Betrüger oder gar Verlierer. Wir können stolz auf uns sein. Lassen Sie uns deshalb mehr übereinander erfahren und ein wenig näher zusammenrücken. Stoßen Sie mit mir auf unsere reputable Hausgemeinschaft an!“

Einige der Anwesenden schauten verwundert, andere nickten zustimmend, aber alle erhoben sich. Noch während die meisten tranken, ergänzte die Gastgeberin ihre kleine Ansprache: „Eines möchte ich nicht vorenthalten. Ich beabsichtige in ferner Zukunft, gemeinsam mit meinem Sohn, auf diesem wunderbaren Stück Erde, auf dem Sie gerade den ersten Zauber des bevorstehenden Sommers genießen, ein Häuschen bauen zu lassen. Ganz in der Nähe des größten Gewässers unserer Stadt wohnen zu dürfen, ist doch ein Traum. Finden Sie nicht auch? Aber das ist eine Melodie der Zukunft. Alles will genau überlegt und geplant sein. Das beansprucht Zeit. Deshalb werde ich Ihnen in den nächsten zwei Jahren auf jeden Fall als Mitbewohnerin erhalten bleiben.“

Schweigsam nahm man die unerwartete Information zur Kenntnis.

Der weitere Nachmittag verlief dann weniger ruhig und zurückhaltend. Die kleine Gesellschaft trennte sich klassisch nach Geschlechtern. Die Frauen fanden zunächst einen angenehm schattigen Platz unter dem ausladenden, alten Kirschbaum im hinteren Areal des Grundstücks. Man begann über typisch weibliche Themen zu plaudern. So lobte die Gastgeberin in höchsten Tönen ihren erst in der vergangenen Woche angebrachten AEG Thermofix.

„Meine Damen, Sie machen sich keine Vorstellung, welche Zeiteinsparung dieses kleine Wunderwerk bringt. Der Werbeslogan heißt nicht umsonst: ‚Jeder Zeit in Stadt und Land kochend Wasser aus der Wand.‘ Das mehrfach tägliche lästige Wasserkochen im pfeifenden Aluminiumkessel auf dem Herd ist endlich Geschichte. Wir brauchen noch viel mehr solche Erleichterungen.“

Kräftig nickend stimmten alle ihr zu. Dann begann Frau Loose von ihrer neuen Einbauküche zu schwärmen. „Wir haben uns eine ‚Regina Küche‘ gegönnt. Das ist die Königin unter den Küchen. Alles ist in Kunststoff gefertigt, innen wie außen. Die Reinigung ist zum Kinderspiel geworden. Sie erfordert viel weniger Mühe als bei herkömmlichen Modellen. Im Handumdrehen ist nach dem Kochen oder Backen alles wieder sauber und glänzt, als hätte man die Küche noch nie benutzt.“

„Die hat ein Vermögen gekostet. Ich kenne die Preise aus dem Katalog. Mir gefällt die ‚Regina‘ nämlich auch sehr“, warf mit leicht zusammen gekniffenen Augen Frau Schmidt ein.

Frau Loose winkte ab. „Ja, Sie haben natürlich recht. Die ‚Regina‘ ist nicht ganz billig. Aber wozu gehe ich arbeiten? Selbstverständlich könnte auch ich mich mit den Pflichten als Hausfrau und Mutter begnügen. Das tue ich jedoch nicht. Oft verlasse ich sogar noch vor meinem Mann das Haus. Mitunter verbringe ich mehr als zehn Stunden am Tag in der Kanzlei. Nicht selten beginnt mein Feierabend erst, wenn es eigentlich schon Zeit zum Zubettgehen ist. Dabei darf ich mir keine Fehler erlauben. Wenigstens zu Hause will ich etwas entlastet werden.“

„Ich arbeite doch auch, das sehen Sie jeden Tag, wenn ich das Treppenhaus putze. Dennoch, dafür würde das Geld nie reichen. Gerade mal dieses Dirndl habe ich mir geleistet. Seit vielen Monaten die erste persönliche Ausgabe. Fragen Sie nicht, welches Gezeter mein Mann veranstaltete, als er den Preis erfuhr“, warf konsterniert die Hausmeisterin in die Frauenrunde.

Für einen kurzen Moment wandten sich alle Augenpaare der sichtlich deprimierten Frau Schmidt zu. Jede der Anwesenden dachte sich ihren Teil über das offenherzige Lamento. Dennoch hatte keine der Frauen das Bedürfnis, auf die vorgebrachte Misere näher einzugehen. Frau Schmidt war schließlich nur die Hausmeisterin. Der Erfolgreichen die Aufmerksamkeit entgegenzubringen, entsprach dem Gebot der Stunde und so widmete sich die Gastgeberin schnell wieder Frau Loose.

„Ich bewundere Sie wirklich. In dieser großen Kanzlei verbringen Sie so viele Stunden des Tages. Danach müssen Sie den Haushalt sowie die Aufgaben als Mutter und Ehefrau bewältigen. Und bei all der Arbeit sehen Sie zu jeder Zeit auch noch außergewöhnlich adrett aus. Wie machen Sie das nur? Wenn ich mich nicht irre, trugen Sie letzte Woche ein neues Kostüm im Pepita-Muster und am Freitag ein enges, azurblaues Kleid mit extra langer Knopfleiste am Rücken. Das kannte ich auch noch nicht. Beides stand Ihnen phantastisch. Offensichtlich finden Sie trotz der vielen Arbeitsstunden noch die Zeit, um regelmäßig bei Ihrem Schneider vorbeizuschauen. Ich vermute, dass er über eine ganz vorzügliche Ausbildung verfügt. Außerdem orientiert er sich bei seinen Kreationen an der Pariser Mode. Das ist hohe Schneiderkunst. Ganz mein Stil. Wie gern wäre auch ich Kundin bei einem solchen Meister und müsste nicht mehr in gewöhnlichen Boutiquen kaufen. Bereits mehrfach habe ich Sie nach seiner Anschrift befragt. Aber Sie machen daraus ein Enigma. Weshalb? Ist er so überlastet? Eine gut zahlende Kundin wie mich würde er gewiss nicht abweisen. Das er ‚Beyer‘ heißt, verrieten Sie zwar, jedoch handelt es sich dabei um einen Allerweltsnamen. Ich konnte sein Atelier trotz intensiver Bemühungen nicht ausfindig machen. Ganz unter uns gefragt, wollen Sie, liebe Frau Loose, ernsthaft vorgeben, dass in Ihrem hübschen, klugen Kopf seine Adresse nicht gespeichert ist? Wo Sie doch eine Stammkundin sind.“

Stumm nahm Frau Loose die offenkundigen Vorwürfe zur Kenntnis. Für einen kurzen Moment wirkte sie der Situation irgendwie entrückt, so als hätte sie die letzten Sätze gar nicht wahrgenommen. Dann schenkte sie ihrer leicht aufgebrachten Gastgeberin ein mildes Lächeln.

„Ach, Frau Schinkowski, manchmal weiß ich nicht, was ich zuerst tun soll. Mein Tag bräuchte mehr als 24 Stunden. Irrelevante Sachen können schon mal übersehen werden. Mein Schneider hat das Atelier gewechselt. Die neue Anschrift muss ich tatsächlich nachschauen, denn ich war selbst noch nicht vor Ort.“

Die Hände vor der Brust verschränkend, erwiderte Frau Schinkowski betont sarkastisch: „So, so, der Meister der flinken Nadel hat den Ort seines Schaffens gewechselt.“

Danach sagte sie nichts mehr. Für alle Anwesenden war die abrupte Spannung zwischen den beiden Frauen spürbar. Unangenehm berührt, schwiegen sie. Scheinbar endlose Sekunden vergingen. Plötzlich stand Frau Schmidt auf, griff nach der halbvollen Sektflasche und füllte unaufgefordert die Gläser nach. Dann stellte sie sich breitbeinig hinter ihren Stuhl und sagte gespielt vornehm: „Fast täglich wechsle ich meine Garderobe für die Arbeit. Schließlich möchte ich jedem, der mir im Haus begegnet, einen netten Anblick bieten. Vielleicht interessiert es eine der Damen, wo ich diese schicken, pflegeleichten Kittelschürzen her habe. Ab einem Dutzend werden diese günstiger verkauft. Die Adresse kann ich sofort aufschreiben.“

Mit weit aufgerissenen Augen starrten alle die stämmige Frau an, dann begann Frau Schinkowski herzhaft zu lachen.

Die Gespräche der Männer, die es sich mit zwei Kästen Bier und einer großen Flasche Apfelkorn auf der Terrasse des kleinen Gartenhauses gemütlich gemacht hatten, befassten sich zunächst hauptsächlich mit Fußball und Politik. Dabei wurde reichlich getrunken. Ohne die wachsamen Augen der Frauen und mit zunehmender Dunkelheit überschritten die meisten ihr persönliches Maß und so wurde die Diskussion stetig gelöster und lauter. Man protzte ungehemmt mit dem, was man sich wieder leisten konnte oder in absehbarer Zeit zu erwerben plante. Von modernster Anbauwand, über mehrwöchige Kreuzfahrt bis zum fabrikneuen Auto wurde alles thematisiert. Die Wunderjahre schienen in vollem Gange. Nur ein Anwesender, der Hausmeister Schmidt, schwieg. Gerade als Frau Schinkowski kurz nach Mitternacht sich zu den Männern gesellte, begann dieser mit schwerer Zunge bierselig über die Aussichtslosigkeit der Erfüllung seines großen Traumes zu lamentieren.

„Ich und Siglinde, meine seit dreißig Jahren Angetraute, wohnen in der kleinsten Wohnung dieses großflächigen Hauses. Wir räumen an sechs Tagen der Woche den Dreck von euch allen weg. Wir kehren, wischen, bohnern, putzen von morgens bis abends, vom Keller bis zum Boden. Pieksauber ist alles. Sind wir in unserem Haus fertig, geht es im nächsten weiter. Außerdem habe ich zu jeder Tageszeit, einsatzbereit zu sein. Mitten in der Nacht bin ich schon gerufen worden, nur weil ein Wasserhahn tropfte, stellt euch das mal vor. Dennoch, das Geld reicht nicht für das, was ich wirklich will. Damit meine ich keinesfalls meine Frau, die habe ich umsonst am Hals. Nichts auf der Welt wünsche ich mir mehr als eine R 69S. Sogar geträumt habe ich schon von ihr. Irgendwie ist das Leben nicht fair. Wenn es allen hier im Haus so gut geht, könntet ihr mich doch ein wenig unterstützen. Vielleicht spendiert jeder ein paar Scheine, die er zufällig bei sich hat. Das wäre wenigstens ein Anfang. Ihr könnt bei der Steuer den Betrag bestimmt als Spendengeld wieder abrechnen.“

„Wenn das so ist, dann müssen wir dir natürlich helfen“, lallte mitfühlend Herr Loose und die anderen stimmten zu. Beinahe synchron griffen alle Männer in ihre Hosentaschen, um die Portemonnaies herauszuholen, als Frau Schinkowski sich empört einmischte.

„Mein Gott, Schmidt, was ist denn mit Ihnen los? Das eben Gesagte war hoffentlich nicht ernst gemeint. Und was ist eine R 69S überhaupt?“

Schneller als der Befragte antworten konnte, stammelte Herr Müller: „Natürlich ein Motorrad. Das weiß doch jeder.“

„Die R 69S ist nicht irgendein beliebiges Motorrad, sondern ein Sportmodell von BMW. Diese Maschine kann 175 Kilometer pro Stunde fahren“, ergänzte der eigentlich so schweigsame, aber im Gegensatz zu den anderen völlig nüchterne Herr Anders.

„Kann schon sein. Aber deshalb muss Herr Schmidt doch unsere ehrenwerte Hausgemeinschaft nicht um Geld anbetteln? Wie blamabel! Sie sollten sich schämen. Außerdem meine Herren glaube ich, dass es für uns alle an der Zeit ist, den Heimweg anzutreten.“

Ein lautes „Oh, nein noch nicht“, wie man es eigentlich nur von Kindergeburtstagen kennt, erklang in einem brummenden Chor.

Es war bereits 1:00 Uhr in der Früh, als Sonja geduldig an der Pforte auf ihre Eltern wartete. Noch nie zuvor, nicht einmal an Silvester, hatte die Dreizehnjährige so lange wach bleiben dürfen. Dennoch verspürte sie nicht einen Hauch von Müdigkeit. Während der vielen Stunden beachtete zwar kaum einer der Erwachsenen Sonja, trotzdem gefiel ihr das Gartenfest sehr.

Das Mädchen war es gewohnt, bei Feierlichkeiten unsichtbar zu werden. In der Vergangenheit durfte sie meist den Gesprächen der Älteren nicht einmal beiwohnen. Für gewöhnlich lautete das abweisende Kommando: „Geh spielen!“, und sie gehorchte. An diesem Nachmittag und Abend war es anders. Keiner verjagte sie. Sie fühlte sich als eine stumme Beobachterin, der nichts zu entgehen schien.

Zunächst lauschte sie den Gesprächen der Frauen über Küchengeräte, Kochrezepte und Mode. Das Thema Mode fand sie interessant, aber die unzähligen Tipps für irgendwelche neuen Kochrezepte langweilten sie. Dann wurde plötzlich kurz vor dem Abendessen Frau Müller aus der gemütlichen Runde gerissen. Die italienische Servicekraft, die für die Beaufsichtigung der Kinder zuständig war, hatte sich heftigst bei Frau Schinkowski über den Ältesten der Müllers beschwert. „Dieser Junge ist ein Teufel. Er bringt mich zur Verzweiflung. Nichts lässt er sich sagen und provoziert unablässig“, jammerte sie unter Tränen, ohne sich beruhigen zu können. Die ihr übertragene Aufgabe wollte sie um keinen Preis weiterhin ausüben. Jürgen fand die Situation noch spaßig, machte Faxen über die verzweifelte Italienerin und ahnte nicht, welche Folgen sich daraus auch für ihn ergeben. Frau Schinkowski hörte sich einige Minuten das Geheul der Servicekraft an. Dabei beobachtete sie aufmerksam den schadenfroh lachenden, herumalbernden Jungen, sowie seine teilnahmslos dasitzende Mutter. Schließlich entschied sie patriarchalisch.

„Es ist wirklich bedauerlich, liebe Frau Müller, aber Sie werden unser kleines Gartenfest jetzt sofort verlassen. Die Feier ist für Sie beendet. Bringen Sie Ihre Kinderschar nach Hause. Vielleicht lesen Sie in dem einen oder anderen Ratgeber über erfolgversprechende Erziehungsmethoden noch einmal nach. Da stehen viele praktische Hinweise drin, auch für schwierige Kinder.“

Herrn Müller war trotz der Entfernung die prekäre Situation nicht verborgen geblieben. Kurzzeitig wandte er den Blick von der Herrenrunde zu seiner Frau. Diese brachte kein Wort über die Lippen und sah hilfesuchend zu ihm. Schnell fasste er in seine Hosentasche, holte den Schlüsselbund heraus und hielt ihn ihr entgegen. Sonja beobachtete, wie sich die sonst so freundlichen Augen von Frau Müller mit Tränen füllten. Gern wäre sie noch geblieben, da war sich das Mädchen sicher. Stattdessen erhob sie sich von ihrem Stuhl und lief über die Wiese zu ihrem Mann. Ohne aufzustehen und auch nur ein einziges Wort zu dieser Entscheidung zu sagen, reichte Herr Müller seiner Frau den Schlüsselbund. Im nächsten Moment lachte er wieder mit den anderen Männern. Die junge Mutter indes entschuldigte sich kleinlaut bei der Gastgeberin für das Verhalten ihres Ältesten und verabschiedete sich von den Frauen. Danach verließ sie mit ihren vier Kindern das Grundstück. Sie tat Sonja in dem Moment sehr leid.

Einige Zeit später, die Frauen sprachen gerade über Marmeladenkreationen, wechselte die Dreizehnjährige ihren Platz und gesellte sich zu den Männern. Diese schienen viel Spaß zu haben. Herrn Schmidts Gesicht und Glatze waren hochrot und beim gestenreichen Erzählen träufelte sogar etwas Flüssigkeit aus seinen Mundwinkeln. Am lautesten lachte Herr Müller über jede Kleinigkeit. Etwas Sorge bereitete Sonja der Zustand ihres Vaters. Wenn er redete, klang seine Aussprache irgendwie verwaschen und unsauber. Ganz anders als sonst. Ein sicheres Zeichen, dass er zu viel Alkohol getrunken hatte. Sonja wusste genau, dass dies Mutter nicht gefallen würde. Aber als Herr Schmidt und Herr Müller abwechselnd einen Witz nach dem anderen vortrugen, vergaß sie ihre Bedenken und begann herzhaft mitzulachen.

Kurz vor dem Ende der Feier, gesellte sich Sonja noch einmal zu den Frauen. Auch ihr Verhalten hatte sich inzwischen verändert. Bei vielen der aus den Lautsprecherboxen erklingenden Schlagern trällerten sie ungeniert laut mit. Dass einige der Sängerinnen dabei die Töne nicht wirklich trafen, störte niemanden. Melodien, die man nicht mochte, wurden ausgelassen. In diesen Minuten plauderten die verheirateten Frauen abwechselnd kleine intime Schwächen ihrer Männer aus. Nun wusste jeder im Haus, dass Sonjas Vater gelegentlich abends, ohne die Zähne zu putzen, ins Bett ging und Herr Schmidt mitunter eine ganze Woche lang dieselben Socken trug. Wie unangenehm. Dennoch lachte man darüber. Dann ertönte „Sugar Baby“ vom gutaussehenden Peter Kraus aus den Boxen. Und plötzlich sprangen alle erwachsenen weiblichen Anwesenden von ihren Stühlen. Trotz offensichtlicher Gleichgewichtsprobleme begannen die Frauen, miteinander zu tanzen. Ohne Männer! Sonja hatte ihre Mutter noch nie so erlebt. Erstaunt schaute sie ihr zu. Ein Anflug aus Scham, gepaart mit gleichzeitiger Freude über die so ungewohnte Fröhlichkeit der Mutter, stieg in ihr auf.

Reichliche anderthalb Stunden später hatte die ziemlich berauschte Truppe ihr gemeinsames Zuhause in der Innenstadt wieder erreicht. So herzlich wie nie zuvor verabschiedeten sich die Bewohner voneinander. Jeder umarmte jeden und man schwor, eine baldige Wiederholung des gelungenen Beisammenseins zu planen.

Dann waren nur noch das fast lautlose Öffnen und wenig später das leichte Knacken beim Zufallen der Wohnungstüren hörbar.

Der runde Vollmond schenkte der Nacht eine außergewöhnliche Helligkeit. Sein Arbeitszimmer war fast vollständig davon erfüllt. Müde fühlte er sich, sehr müde. Die Feier war ein voller Erfolg, da gab es keinen Zweifel. Dennoch konnte er sich nicht so ausgelassen freuen wie die anderen Anwesenden. Schleppend ging er zum Schreibtisch. Dort lag der Brief, seit gestern. Längst kannte er die aus Zeitungsschnipseln zusammengesetzten wenigen Sätze auswendig. Dennoch griff er nach dem Papier und las es abermals.

Als sie plötzlich in der Tür stand, legte er es unbemerkt beiseite.

Warme sonntägliche Strahlen drängten durch die dichten Gardinen aus flämischer Spitze und ließen das mit dunklen, massiven Möbeln bestückte Zimmer weicher und weniger streng wirken. Das gestrige Fest hatte ihre Erwartungen noch übertroffen. Es hinterließ den guten Eindruck einer aussichtsreichen Investition gegen die beklemmende Einsamkeit. Frau Schinkowski saß im seidenen, ockerfarbigen Morgenmantel, noch unfrisiert am Bechstein-Flügel und sang mit Leidenschaft eine Mozartarie nach der anderen. Sie fühlte sich so wohl, wie seit Langem nicht mehr. An diesem Morgen war sie vom besonders klaren Klang ihrer Stimme begeistert. Längst benötigte sie keine fremden Zuhörer mehr. Laienhafte, unprofessionelle Meinungen verabscheute die Künstlerin ohnehin.

„Die allermeisten Menschen verstehen rein gar nichts von Kunst. Sie tun gescheit und schwätzen in Wahrheit nur dummes Zeug. Das Pack ist meine Energie nicht wert.“

Diese Überzeugung äußerte sie wütend vor etlichen Jahren, nach einem nicht ganz so frenetisch gefeierten Auftritt, gegenüber ihrem Manager. Es war ihr letztes Engagement. Inzwischen spielte und sang sie ausschließlich im privaten Rahmen. Als sie gerade eine kleine Pause einlegte, um sich eine Erfrischung aus der Küche zu holen, vernahm sie ein ohrenbetäubendes Quieken im Treppenhaus. Erschrocken öffnete sie ihre Wohnungstür. Im selben Moment stürmten gleichauf Jürgen und Biene, sowie dicht dahinter Tine die Treppen nach oben. Empört schüttelte Frau Schinkowski ihren Kopf und schrie dem Trio nach: „Bisher war ich der Meinung, dass die Damen volljährig sind. Aber offensichtlich fehlt ihnen noch eine große Portion an Reife. Mit einem Fünfjährigen um die Wette rennen, ist mehr als kindisch.“

Der Lärm hatte natürlich auch andere Hausbewohner neugierig gemacht und so hörte man plötzlich aus dem Parterre Frau Schmidt rufen: „Guten Morgen, Frau Schinkowski. Sie sprechen mir aus dem Herzen. Und stellen Sie sich vor, nicht einmal die Füße haben die drei abgestrichen.“

Auch die Nachbartür der Sängerin stand inzwischen offen. Sonja streckte ihren Hals im Treppenhaus nach oben und hörte, wie Biene und Tine kicherten. Dann meinte sie freundlich der Sängerin zugewandt: „Es ist schon nach 11:00 Uhr. Nun sollten wirklich alle ausgeschlafen haben. Außerdem war das doch nicht schlimm.“

Pikiert blickte Frau Schinkowski die Dreizehnjährige an. „Ach, das Fräulein Loose, hat also auch eine Meinung. Jedoch grüßen kann sie heute Morgen nicht.“

Gerade als Sonja sich rechtfertigen wollte, wurde sie von der Mutter, mit der Ansage, sofort Kartoffeln zu schälen, unsanft in die Wohnung geschoben. Frau Loose selbst blieb im Treppenhaus stehen und zog die Tür hinter sich ins Schloss.

„Was für ein sonniger Sonntagmorgen. Ich grüße Sie.“ Mit dieser freundlichen Ansage überreichte sie ihrer Nachbarin drei hübsch dekorierte Marmeladengläser. „Hiermit löse ich mein Versprechen von gestern ein. Das ist aber erst das erste Trio. Alle Kreationen auf Johannisbeer-Apfel-Basis. Ich besitze noch etliche andere Überraschungen. Wenn Sie mögen, probieren Sie sie alle.“

Frau Schinkowski verbarg ihr Erstaunen nicht. „Das haben Sie nicht vergessen. Wie reizend von Ihnen und gleich eine solche Auswahl. Da ich heute Morgen noch nicht gefrühstückt habe, werde ich sofort ein Glas öffnen. Aber, um auf den Anlass unserer sonntäglichen Begegnung noch einmal zurückzukommen. Was meinen Sie zu dem albernen Benehmen der beiden Fräuleins von oben? Sie haben den Lärm doch auch gehört. Es ist schon mehrfach vorgekommen, dass die Hauswände drohten zu vibrieren, weil die zwei mit den Müller-Kindern herumtollten. Wie Geisteskranke benehmen die sich. Sollten wir nicht dagegen etwas unternehmen?“

Frau Loose hob nur kurz die Schultern. „Nein. Es sind eben noch große Mädchen.“

„Große Mädchen!“, rief Frau Schinkowski im schrillen Ton. „Die sind fast so alt wie mein Sohn. Niemals würde er sich so aufführen. In diesem Alter weiß man längst, was sich gehört und was nicht. Auch die Bekleidung der Einen, finde ich empörend. Haben Sie darauf geachtet, was die Kurzhaarige gestern, auf meiner Party trug? Eine Hose! Eine Marlenehose und dazu ein Hemd. Oder sollte das weite, blassgrüne Ding eine Bluse sein? Auf jeden Fall sah sie aus wie ein Mann. Weniger feminin kann eine Frau überhaupt nicht wirken. Was sagen Sie, mit Ihrem stilsichern Geschmack dazu?“

Frau Loose fasste sich an ihre sorgfältig frisierten blonden Locken und überlegte. Keinesfalls wollte sie mit dieser nervenden Diskussion über Mode fortfahren. Das missliche Gespräch von gestern hing ihr noch gründlich nach. Die Schinkowski hatte Zeit und würde mit Sicherheit bei einer längeren Plauderei wieder auf das unsägliche Thema ‚Adresse des Schneiders‘ zusteuern. Dabei wirkte sie im Moment mit erdfarbenem Morgenrock, strähnigen, grauen Haaren und ungeschminkt überhaupt nicht elegant und modebewusst. Während Frau Loose noch nach einer Ausrede für einen schnellen Abgang suchte, kam ihr die Hausmeisterin zu Hilfe. Sie war flink in den Keller entschwunden und hatte ebenfalls selbst gemachte Marmelade geholt. Mit sichtlichem Stolz übergab sie jeder der beiden Frauen ein extra großes Glas.

„Die ist ganz frisch. Eine Apfel-Pflaumen-Mischung. Letzten Mittwoch habe ich sie abgefüllt.“

„Wer soll das denn essen? Sie wissen doch, dass ich alleine lebe“, stöhnte Frau Schinkowski.

„Ach was, das ist doch nur Obst und Zucker.“ Mit diesem Satz klopfte die Hausmeisterin auf ihren sich unter der Kittelschürze sichtbar abzeichnenden Bauch.

Während die Sängerin leicht echauffiert auf die gerade überstandene ‚Fresswelle‘ der 50er und die zunehmend gesundheitsbewusstere Ernährung vieler Mitbürger verwies, verabschiedete sich Frau Loose schnell, fast unbemerkt.

Dienstag, 10. Mai

Pünktlich, wie an jedem zweiten Dienstag im Monat, klingelte Sonja 17:30 Uhr genau zweimal bei Herrn Anders im Erdgeschoss. Es war Zeit für ihre Klavierstunde. Seit knapp zwei Jahren erteilte der alleinstehende Mann dem Mädchen kostenlosen Unterricht. Extra dafür schloss er an diesem Tag eine Stunde früher als üblich seinen kleinen Trödelladen.

Der Ablauf war immer der gleiche. Als erstes musste Sonja ihre eigenen Hausschuhe gegen Filzpantoffel von Herrn Anders eintauschen. Verstehen konnte sie das nicht, denn sie trug die Hausschuhe auch nur in der Wohnung und der Hausflur war ebenfalls immer penibel sauber, dafür sorgten die Schmidts. Aber sie tat es. Herr Anders, der zu Hause stets Hemd, Pullunder und Bügelfaltenhose trug, hatte für sie inzwischen ein Glas mit dickem Pflaumensaft und einige Kekse auf dem Tisch im Wohnzimmer bereitgestellt. Sonja trank sofort einen Schluck, dann setzte sie sich ans Klavier und begann unaufgefordert mit den Fingerübungen. Dass diese Lockerung der alten russischen Klavierlehre entstammte, hatte Herr Anders ihr bereits in der allerersten Stunde erklärt. Es bedeutete eine Art Aufwärmphase für die Finger. Das Mädchen spielte so lange bis Herr Anders ‚genug‘ rief. Danach wiederholte sie das zuletzt erlernte Stück. Weil Sonja zu Hause kein Klavier besaß und dadurch nicht üben konnte, hatte sie in den zwei Wochen, oft Erlerntes wieder vergessen. Aber ihr Lehrer war sehr geduldig. Im ruhigen Ton gab er seine Hinweise. Niemals wurde er aufbrausend. Er korrigierte so oft es notwendig war. Genau nach einer halben Stunde wurde eine Pause eingelegt. In dieser zehnminütigen Unterbrechung verließ Herr Anders das Zimmer. Für Sonja ergab sich die Möglichkeit, unbeobachtet weiter zu üben oder ebenfalls zu pausieren. Stets wiederholte sie noch einmal das letzte Stück und aß dann die bereitgestellten Kekse. Keinesfalls durfte sie dabei auf die weiße Tischdecke krümeln. Danach lief sie im Zimmer umher und schaute sich die vielen alten Portrait- und Gruppenfotos auf dem langen Englischen Buffet an. Gern hätte sie gewusst, wer die Personen darauf waren, aber Herr Anders sprach nicht darüber. Anschließend betrachtete sie die große Anzahl kunstvoller Wandteller, Glasfiguren, Uhren und Leuchter. Alles war penibel sauber, akkurat drapiert und sicher auch sehr wertvoll. Niemals fasste Sonja irgendetwas an. Sie fühlte sich in diesem großen Raum mit all den wunderschönen alten Gegenständen, den bestickten Vorhängen und der prunkvollen Stuckdecke wie in einem Schloss. Auf die Minute genau, nach der vereinbarten Pause, wurde weiter geübt. Was Herr Anders während der Unterbrechung machte, ob er vielleicht auch Kekse aß, wusste sie nicht. Eines jedoch wusste das Mädchen sehr genau: Ihr Musiklehrer mochte nicht, dass sie ihm Fragen stellte. Weder zu den Fotos noch über andere Dinge. Die einzigen Momente, in denen er mit ihr sprach und sie auch fragen durfte, waren am Klavier.

Auf die Minute, 18:30 Uhr, klappte der schweigsame Mann den Klavierdeckel zu. Wie jedes Mal bedankte sich Sonja höflich und Herr Anders nickte.

Kaum, dass das Mädchen sich verabschiedet hatte, klingelte es erneut an die Tür des Dreißigjährigen. Es war Herr Schmidt, der einmal wöchentlich Hausbewohner befragte, ob er für sie eine Besorgung oder etwas anderes erledigen dürfte. Vor ungefähr drei Monaten hatte er mit dieser zusätzlichen, freiwilligen Dienstleistung begonnen. Seit Samstag wusste Herr Anders auch, warum er das tat. Die R 69S war die Antriebsfeder. Gern nahm der alleinlebende Mann die Unterstützung in Anspruch. Auch an diesem Tag hatte er Herrn Schmidt erwartet. Auf einem kleinen Notizblatt standen genaue Anzahl und exaktes Gewicht der gewünschten Lebensmittel.

„Heute ist die Liste etwas länger, aber das stört Sie hoffentlich nicht. Ich gebe Ihnen deshalb auch fünf Mark mehr. Was übrig bleibt, ist wie immer für Sie. Übrigens habe ich mir überlegt, dass ich Ihnen künftig bereits am Montag die Liste selbst vorbeibringen werde. Damit erspare ich Ihnen wenigstens diesen Gang.“

Herr Schmidt lächelte, nahm Zettel und Geld entgegen, bedankte sich und wünschte einen erholsamen Abend. Danach ging er in die erste Etage zu Frau Schinkowski. Sie hatte bereits Abendbrot gegessen und freute sich, den Hausmeister zu sehen.

„Das ist wunderbar. Es ist fast so, als könnten Sie Gedanken lesen. Ich benötige dringend zwei Flaschen Mineralwasser aus dem Keller. Der Gang nach unten fällt mir mit meiner Arthrose im Knie immer schwerer. Außerdem soll es morgen zu Mittag Kartoffeln und Quark geben, dafür müssten fünf kleine Kartoffeln ebenfalls nach oben geholt werden. Und wenn Sie einmal dabei sind, stellen Sie doch bitte diese Gläser in das Regal neben der Tür.“

Mit diesen Worten überreichte Frau Schinkowski die am Vortag erhaltenen Marmeladengläser sowie eine kleine Schüssel. Zehn Minuten später hatte der fleißige Hausmeister alles erledigt. Zum Dank erhielt er neben einem charmanten Lächeln noch fünfzig Pfennige von der Sängerin. Als sie die Tür wieder geschlossen hatte, drehte er frustriert das Geldstück in der Hand und überlegte, ob er an diesem Abend noch woanders seine Dienste anbieten oder lieber den arbeitsreichen Tag beenden sollte. Er entschied sich für Letzteres. Müde stieg er erneut die Treppe hinab. Seine Frau wartete bereits auf ihn.

„Hat der Geizkragen dir heute etwas mehr Geld gegeben?“, brannte sie zu erfahren.

„Hat er. Dafür ist die Einkaufsliste aber auch länger geworden und er will sie künftig persönlich vorbeibringen. Für die Schinkowski musste ich in den Keller und Zeugs hochholen. Übrigens, deine Marmelade steht jetzt auch wieder unten. Fünfzig Pfennige hat sie dafür rausgerückt. Diese Diva ist genauso knauserig wie unser Nachbar. Aber ich habe bei der Gelegenheit schnell vier Eimer Kohlen von ihr zu uns rüber getragen. Das merkt die Alte sowieso nicht.“

Donnerstag, 19. Mai

Im Nachhinein konnte Sonja Loose nicht mehr sagen, wie lange sie auf der obersten der kalten, grauen Steinstufen, die zum Keller führten, gesessen hatte. Die feuchte, modrige Luft einatmend wollte das Zittern, das ihren jugendlichen Körper durchzog, nicht aufhören. Sie war weder fähig wegzurennen noch einen Gedanken zu fassen. Unablässig starrte sie hinab in den dunklen Kellergang. Als sie endlich das zunehmend lauter werdende Rufen der Mutter vernahm, begriff sie, dass es längst Abendbrotzeit war. Sonja wollte aufstehen, jedoch die Beine schienen mit Blei beschwert. Erst beim dritten Anlauf gelang es dem schlanken Mädchen, sich mithilfe des Geländers aufzurichten. Die Glieder schmerzten und sie stieg langsam und mühevoll die Treppen bis zur elterlichen Wohnung empor.

„Wo hast du dich rumgetrieben? Nicht einmal die Kartoffeln sind geschält.“

Das Mädchen schwieg. Sofort gab die Mutter ihr eine kräftige Ohrfeige auf die linke Wange. Eine Sturzflut von Tränen ergoss sich über das kindliche Gesicht. Die Dreizehnjährige wusste genau, dass sie keinesfalls erzählen durfte, wo sie gewesen war. Seit sie denken konnte, hieß es, dass Kinder im Keller nichts zu suchen hatten. „Dort liegen Rattengift und anderer Unrat rum, das ist kein Spielplatz“, trichterten die Eltern ihr regelrecht ein. Nur um Kartoffeln oder ein Glas eingeweckte Birnen zum sonntäglichen Mittagstisch nach oben zu holen, durfte sie kurz in die Tiefe hinabsteigen. Als sie noch jünger war, gruselten sie diese Aufgaben. Es schien ihr unheimlich in den nur spärlich beleuchteten Gemäuern. Sie fürchtete die dunklen Schatten und vor allem hatte sie Angst, einer der besagten Ratten zu begegnen. Aber mit dem Älterwerden und der Erfahrung, dass die langschwänzigen Nagetiere wohl eher scheu als angriffslustig waren, verloren sich die Bedenken und die Neugier auf das Verbotene wuchs. Im Haus wohnten sechs Familien, aber es gab sieben Kellertüren. Hinter welchem der Holzverschläge die Habseligkeiten der jeweiligen Familie sich befanden, wusste Sonja inzwischen genau. Nur zu welchem Hausstand die siebente Tür gehörte, konnte ihr angeblich keiner der befragten Erwachsenen sagen. Dabei hatte sie außer der Mutter schon so manchen gefragt. Alle zuckten nur mit den Schultern oder schüttelten den Kopf. Das fand Sonja sehr merkwürdig. Wenn sie nun außer ihrem verspäteten Erscheinen zum Abendessen auch noch gestehen würde, wo sie gewesen war, gäbe es gewiss nicht nur die eine Ohrfeige. Also ging sie ins Bad, wusch Hände und das tränenverschmierte Gesicht sauber. Danach setzte sie sich Vater und Mutter gegenüber an den rechteckigen, mit einem cremefarbenen Leinentischtuch bedeckten Eichentisch ins Wohnzimmer. Die Eltern hatten bereits mit dem Essen begonnen. Es gab statt Kartoffeln nun Butterschnitten, dazu aus einer großen emaillierten Schüssel Ölheringe mit Zwiebeln und sauren Gurkenstücken sowie heißen Kräutertee. Obwohl Sonja keinen Hunger verspürte, belegte sie spärlich eine Schnitte. An diesem Tag war die abendliche Stille noch unerträglicher als sonst. Während das Mädchen monoton auf dem Brot kaute, flogen die Gedanken zu Kerstin Stern aus ihrer Klasse. Vor vier Wochen durfte Sonja die Mitschülerin zum ersten Mal besuchen. Die dicke Kerstin, wie sie aufgrund ihrer etwas kräftigeren Körperfülle von vielen Mitschülern genannt wurde, wohnte in derselben Straße und gehörte genau wie sie selbst zu den Außenseitern der Klasse. Gelegentlich half Sonja ihr bei den Hausaufgaben. Mehr Gemeinsamkeiten bestanden zwischen den Mädchen nicht und so überraschte sie die Einladung. Da es jedoch äußerst selten vorkam, dass die Dreizehnjährige zu anderen Kindern gehen durfte, freute sie sich dennoch darüber. Allerdings knüpfte Mutter an diesen Besuch eine Bedingung. Zusätzlich zu Sonjas sonstigen Pflichten musste sie eine Woche lang nach jeder Mahlzeit ganz alleine das Geschirr abwaschen. Erst danach erhielt sie die Einwilligung.

Auch wenn dieser Besuch bereits Wochen zurücklag, konnte sich Sonja noch genau an viele Einzelheiten erinnern. Ihr erster Eindruck beim Betreten des fremden Hausflurs war erschreckend. Dunkel und unsauber wirkte er. Putz blätterte an vielen Stellen von den Wänden und der Decke, die Treppen waren teilweise verschmutzt und die Wohnungstüren sahen irgendwie schäbig aus. So etwas war sie von zu Hause nicht gewohnt. Entsetzt blickte sie sich um und überlegte, ob sie nicht besser wieder gehen sollte. Plötzlich hörte sie Kerstin von oben rufen und entschied, doch zu bleiben. Mit schnellen Schritten stieg sie damals die Treppen hinauf. In der vierten Etage empfing sie strahlend die Mitschülerin. Im nächsten Moment erschienen auch Kerstins Eltern und ihre Zwillingsschwester Ute an der geöffneten Tür.

Offensichtlich freuten sich alle, dass sie gekommen war. Mit einem solchen Empfang hatte Sonja nicht gerechnet und der erste ungute Eindruck in dem fremden Haus verflog sofort.

Anders als sie selbst besaß Kerstin kein eigenes Zimmer. Sie musste sich einen schmalen, länglichen Raum, in dem außer einem gusseisernen Doppelstockbett nur noch ein Kleiderschrank, zwei alte Stühle und ein Tisch Platz fanden, mit ihrer Zwillingsschwester teilen. Die gesamte Wohnung erschien Sonja viel kleiner und enger, als sie es gewohnt war. Aber das störte sie bei diesem Besuch überhaupt nicht, denn die Stimmung war von Beginn an großartig. Die vielfältigen, zum Teil für sie neuen Spiele mit den beiden Schwestern machten viel Spaß. Besonders beeindruckend fand Sonja die Toleranz von Kerstins Eltern. Weder schimpften sie über das lautstarke Singen der Mädchen, noch beschwerten sie sich, als die drei beim Versteckspielen quer durch alle Zimmer der kleinen Wohnung quiekend und schreiend, rannten. Später, am Kaffeetisch, gab es Sandkuchen und Kakao. Zu Sonjas Verwunderung durften die Mädchen während der gesamten Mahlzeit miteinander schwatzen. Kein stoisches Schweigen, wie bei ihr zu Hause. Gegen Abend wurden sie ruhiger. Aneinander gekuschelt, lagen die drei in Utes Bett. Abwechselnd lasen sie aus dem Roman einer englischen Schriftstellerin vor. Sonja hatte sich deren Namen genau gemerkt, Agatha Christie. Es ging darin um eine ältere Dame, die versuchte, einen mysteriösen Mordfall aufzuklären. Niemals zuvor hatte die Dreizehnjährige eine so spannende Geschichte gehört. Wie gern wüsste sie, ob es der reizenden Miss gelungen war, den Mörder zu überführen.

„Sitze gerade. Dein linker Ellenbogen ist auch schon wieder auf dem Tisch.“

Mit dieser barschen Ermahnung holte Mutter Sonja abrupt aus der schönen Erinnerung bei Kerstin in die Gegenwart am elterlichen Abendbrottisch zurück. Nach dem Essen deutete Mutter wortlos mit einer Armbewegung an, dass es für Sonja an der Zeit sei, ins Bett zu gehen. Im Vorbeigehen streifte der Blick des Mädchens die Stubenuhr. Es war noch nicht mal Viertel vor Sieben. Dennoch, eine Diskussion schien zwecklos. Beim Zähneputzen fielen ihr noch einmal die Zwillingsschwestern ein. Ute war größer als Kerstin und schlanker. Auch wirkte ihr Gesicht nicht so rundlich. Beide Mädchen sahen sich kaum ähnlich. Nur die Frisuren waren identisch. Die langen, dunkelbraunen Haare wurden zu zwei strengen Zöpfen geflochten. In dem Gespräch bei Tisch und beim gemeinsamen Spielen merkte Sonja, wie sympathisch Ute ihr war. Auf Anhieb verstand sie sich mit dem fremden Mädchen. Genau von so einer Schwester träumte die Dreizehnjährige seit sie denken konnte. Mir ihr ließen sich die Strenge und Kühle im eigenen Elternhaus gewiss leichter ertragen.