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Der 13-jährige Jude Johann lebt zur Machtergreifung der Nationalsozialisten in einer badischen Kleinstadt. Früh entdeckt er seine Leidenschaft für das Radfahren und baut sich in der väterlichen Schlosserei selbst ein Fahrrad. Durch Schicksalsschläge und die zunehmenden Drangsalierungen der Nazis vertrieben, begibt er sich auf eine Reise, die ihn mit seinem Rad quer durch Deutschland und die besetzten Niederlande führt. Während er zum Mann heranwächst, erfährt er Freundschaften und Liebe, aber auch die Schrecken des Krieges und der Judenverfolgung. Welche Opfer muss er bringen und was kann er riskieren, um zu überleben und mit aufrechter und menschlicher Haltung durch dunkle Zeiten zu kommen? Jahrzehnte später findet seine Enkelin Lieke, die in einem holländischen Küstenort einen Fahrradverleih betreibt und wie er begeisterte Radfahrerin ist, Aufzeichnungen ihres Großvaters und begibt sich auf Spurensuche.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Der 13-jährige Jude Johann lebt zur Machtergreifung der Nationalsozialisten in einer badischen Kleinstadt. Früh entdeckt er seine Leidenschaft für das Radfahren und baut sich in der väterlichen Schlosserei selbst ein Fahrrad. Durch Schicksalsschläge und die zunehmenden Drangsalierungen der Nazis vertrieben, begibt er sich auf eine Reise, die ihn mit seinem Rad quer durch Deutschland und die besetzten Niederlande führt. Während er zum Mann heranwächst, erfährt er Freundschaften und Liebe, aber auch die Schrecken des Krieges und der Judenverfolgung. Welche Opfer muss er bringen und was kann er riskieren, um zu überleben und mit aufrechter und menschlicher Haltung durch dunkle Zeiten zu kommen?
Jahrzehnte später findet seine Enkelin Lieke, die in einem holländischen Küstenort einen Fahrradverleih betreibt und wie er begeisterte Radfahrerin ist, Aufzeichnungen ihres Großvaters und begibt sich auf Spurensuche ...
Peter Sieber, geboren 1966 in Bochum, studierte Physik und arbeitet als Software-Architekt. In seiner Freizeit unternimmt er gerne ausgedehnte Fahrradtouren. Zahlreiche Reisen führten ihn an die holländische Nordseeküste, wo auch sein erster Roman „Sieben Gänge“ spielt. Der verheiratete Vater von drei erwachsenen Kindern lebt in Wiesloch bei Heidelberg.
Losfahren
Erster Gang
Zweiter Gang
Dritter Gang
Vierter Gang
Fünfter Gang
Sechster Gang
Siebter Gang
Ankommen
Nachwort
NOVEMBER 2025
Als Lieke de Jong den obersten Punkt der Düne erreicht hatte, schaltete sie zwei Gänge hoch und ließ ihr Fahrrad den Hügel hinabrollen. Sie genoss es, den Fahrtwind in ihrem Gesicht zu spüren, und nahm die einzigartige Schönheit der nordholländischen Dünenlandschaft in sich auf. Die Strecke durch die mit Gras, Heide, Sanddorn und wilden Brombeeren bewachsenen Sandhügel war ausgesprochen reizvoll und abwechslungsreich. Im August, wenn die Heide blühte, konnte man ein faszinierendes Farbenspiel bewundern, aber auch jetzt, im Spätherbst, gab es hinter jeder Düne eine neue, manchmal überraschende Aussicht auf die nächsten Hügel. Zu dieser Jahreszeit waren im ansonsten belebten Egmond aan Zee nur wenige Touristen, so dass es auch hier in den Dünen ruhig und einsam war und Lieke den Radweg für sich allein hatte.
Am Nachmittag war sie aufgebrochen und in nördlicher Richtung in die Dünen hineingefahren. Der Novembersonntag war trübe, eine einheitliche Wolkenschicht bedeckte den Himmel, aber es regnete nicht. Die Luft war mild, der Wind hatte sich gelegt. In den Tagen zuvor war es stürmisch gewesen. Die hohe Brandung hatte weißen Schaum abgesondert, der über den Strand zu den Dünen hochgeblasen wurde. Da hatte Lieke an Radfahren nicht denken können, doch nun konnte sie endlich wieder ihrer Leidenschaft nachgehen und war losgefahren.
Liekes Begeisterung für Fahrräder war nicht nur privater, sondern auch beruflicher Natur. Seitdem sie vor gut zwanzig Jahren das Geschäft von ihrem Vater Kees übernommen hatte, war Lieke Eigentümerin eines gutgehenden Fahrradverleihs und Fahrradhandels. Ihr Laden lag nahe am Zentrum von Egmond aan Zee in der Julianastraat. Im Sommer, wenn der Küstenort von Badegästen überschwemmt wurde, machte ihr Geschäft den größten Umsatz, und dann hatte sie alle Hände voll zu tun. An den Laden war eine Werkstatt angeschlossen, in der nicht nur die Leihfahrräder repariert und gewartet, sondern auch andere Schlosserarbeiten ausgeführt wurden. Lieke hatte einen langjährigen Mitarbeiter, Pieter Fetter, der ihre Liebe zu Fahrrädern teilte und auf den sie sich immer verlassen konnte. Vor einem halben Jahr war außerdem eine neue Auszubildende, Emma van Dongen, zu ihrem Team gestoßen. Diese hatte sich als nettes Mädchen und zuverlässige Kraft erwiesen.
Lieke rollte über die rotgepflasterten Wege und erreichte bald den benachbarten Strandort Bergen aan Zee. In diesem deutlich kleineren Dorf war noch weniger los als in Egmond. Die Cafés in Strandnähe waren fast alle geschlossen. Sie fuhr am Kreisverkehr links zum Strandaufgang, stellte das Fahrrad ab und beobachtete das Meer, das bleigrau unter den tiefhängenden Wolken lag und sich noch immer aufgewühlt unaufhörlich an den Strand wälzte. Hier ging eine deutlich steifere Brise als in den Dünen. Lieke atmete tief durch. Sie spürte, wie das Meer sie entspannte und dafür sorgte, dass ihre Gedanken zur Ruhe kamen, zum ersten Mal seit gestern Abend, als sie die Aufzeichnungen ihrer Oma Maartje gefunden hatte.
Beim Abendessen hatte Lieke über das anstehende 80-jährige Jubiläum ihres Fahrradverleihs nachgedacht. 1946, also etwa ein Jahr nach dem Ende der deutschen Besatzung und des Zweiten Weltkrieges, hatte ihr Großvater Henk de Jong das Geschäft mit dem Namen Fietsverhuur De Jong gegründet. Damit war er seiner Zeit voraus gewesen, denn während des Krieges waren viele Gebäude von Egmond zerstört und Hitlers „Atlantikwall“ geopfert worden, um mit Bunkern und anderen militärischen Anlagen die Alliierten von einer Invasion auf das Festland abzuhalten. Daher war eigentlich so kurz nach dem Krieg an Urlaub und Radfahren nicht zu denken gewesen. Doch Liekes Großvater hatte vorhergesehen, dass der Wiederaufbau des Ortes und der Tourismus trotz der Zerstörungen schnell wieder in Gang kommen würden, und hatte damit recht behalten.
Bisher hatten weder ihr Vater noch sie selbst Sinn darin gesehen, irgendwelche Jahrestage zu feiern, aber in letzter Zeit hatte Lieke öfter an die Anfänge des Geschäfts gedacht. Ob es daran lag, dass sie inzwischen 41 Jahre alt war, und Fragen nach den Ursprüngen ihres eigenen Lebens und ihrer Existenz allmählich an Bedeutung gewannen? Wie es damals wohl gewesen war, solch einen Laden zu eröffnen? Diese Gedanken hatten sie auf die Idee gebracht, dass der 80. Jahrestag ein guter Anlass wäre, zurückzublicken und gebührend zu feiern, dass es den Fahrradverleih schon so lange gab und sie die Tradition bis zum heutigen Tag fortführen konnte.
Viel wusste Lieke über die Gründung ihres Geschäfts nicht. Ihr Vater hatte ihr manchmal erzählt, dass ihr Großvater ein unglaublich geschickter Schlosser gewesen war und ein besonderes Faible für Fahrräder hatte, beides Eigenschaften, die Lieke bei sich wiedererkannte. Vielleicht hatte sie sie von ihm geerbt? Andererseits wären solche Fähigkeiten und Interessen nicht ungewöhnlich, wenn man wie sie in einem Fahrradgeschäft aufgewachsen war.
Als sie ein kleines Mädchen war, hatte ihr Vater sie mal in die Werkstatt geführt und ihr ein Rad gezeigt, das dort an einer Wand hing: „Schau mal, Lieke, siehst du dieses Fahrrad? Das ist von deinem Opa Henk.“ Sie hatte gestaunt und ehrfurchtsvoll genickt. „Das hat der Opa sich selbst gebaut, und nach dem Krieg ist er damit den ganzen Weg aus der Provinz Drenthe bis hierhergefahren. Und schau mal hier: Das Fahrrad hat sogar eine Gangschaltung mit sieben Gängen!“
Die Bedeutung dieses Details hatte Lieke damals noch nicht einschätzen können. Später hatte sie herausgefunden, dass Kettenschaltungen bei Fahrrädern erst einige Jahre nach dem Krieg Verbreitung gefunden hatten. Ihr Großvater hatte also offenbar eine echte Pionierleistung vollbracht. Als sie 16 Jahre alt war, hatte sie das Fahrrad einmal heimlich von der Wand genommen und war damit vorsichtig ein wenig umhergefahren. Die Reifen, die offensichtlich nicht mehr die ursprünglichen waren, mussten natürlich aufgepumpt werden, aber ansonsten funktionierte es erstaunlich gut. Die Schaltung hakte manchmal ein bisschen und ging generell etwas rau, doch das Grundprinzip war dasselbe wie bei einer modernen Kettenschaltung.
Nachdem Lieke das Geschäft von ihrem Vater übernommen hatte, überkam es sie immer mal wieder: Dann nahm sie das Rad von der Wand, pumpte es auf und ölte es, und fuhr damit eine kleine Runde. In diesen Momenten fühlte sie sich ihrem mysteriösen Großvater, von dem sie sonst nicht viel wusste, auf seltsame Weise nah.
Für das Jubiläumsfest im kommenden Jahr hatte Lieke sich vorgenommen, dieses Fahrrad aufzupolieren und an einem prominenten Platz aufzustellen. Sie wollte aber gerne noch ein paar weitere Gegenstände aus den Anfängen des Geschäfts ausstellen, und so war sie auf die Idee gekommen, nach den ersten Geschäftsbüchern ihrer Großeltern zu suchen. Sie wusste, dass in der Werkstatt einige Kartons mit alten Dokumenten lagen, und meinte, dort schon einmal Abrechnungen und Aufzeichnungen aus den Anfangsjahren gesehen zu haben. Deshalb hatte sie gestern nach dem Abendessen nachgeschaut und schnell die Kartons gefunden, an die sie sich erinnert hatte. Dabei waren ihr tatsächlich ein paar interessant aussehende Unterlagen und Schriftwechsel in die Hände gefallen.
Als sie die Kartons gerade wieder wegstellen wollte, hatte sie gesehen, dass dahinter noch eine weitere Kiste stand. Neugierig hatte sie diese hervorgeholt und geöffnet. Es befanden sich etwa ein Dutzend DIN-A4-Notizhefte darin, die dem Aussehen und dem Staub zufolge schon ziemlich alt waren. Beim Anblick dieser Hefte hatte ihr Herz ein wenig schneller geklopft. Sie hatte die Kiste mit in ihre Wohnung genommen, die über der Werkstatt lag. Dort hatte sie das oberste Heft aufgeschlagen und geglaubt, die Schrift ihrer Oma Maartje zu erkennen: Lieber Kees, stand da. Also war der Text ihrer Oma an deren Sohn, Liekes Vater, gerichtet. Ob der von diesen Heften wusste?
Sie hatte überlegt, bei ihren Eltern anzurufen, die nach der Übergabe des Geschäfts an sie in eine Stadtwohnung in Alkmaar gezogen waren. Sie hatte das Telefon schon in der Hand gehabt, dann aber gezögert. Mit ihrem Vater hatte sie selten über Ereignisse von früher gesprochen. Ob es daran lag, dass er generell ein zurückhaltender und eher verschlossener Mensch war und nicht mehr als nötig preisgab, oder daran, dass sie selbst bisher nur wenig Interesse an alten Geschichten gezeigt und nicht nachgefragt hatte, wusste sie nicht. In jedem Fall kam es ihr vor, als ob sie zu dieser Welt von damals keinen Zugang hatte. Wenn sie jetzt von ihrem Fund berichten würde und ihr Vater von der Existenz der Hefte nichts gewusst hatte, ahnte sie, was passieren würde: Sie würde sie sofort zu ihm bringen müssen und sie dann vorerst nicht mehr in die Hände bekommen. Wenn er sie ihr überhaupt jemals zurückgeben würde.
Das konnte Lieke nicht riskieren, dazu war sie zu neugierig, und vorauseilend gehorsam war sie schon gar nicht. Im Gegenteil, sie hatte seit ihrer Jugend meist das gemacht, was sie wollte und für richtig hielt, und damit manches Mal ihren Eltern einige Sorgen bereitet und Auseinandersetzungen heraufbeschworen. Aber sie hatten sich immer wieder zusammengerauft, und darauf, dass Lieke das Geschäft übernommen hatte, waren ihre Eltern sehr stolz. Mit ihr als Inhaberin lief der Fahrradverleih und -verkauf erfolgreich weiter. Außerdem hatte sie es mit ihrer handwerklichen Begabung geschafft, die Schlosserwerkstatt wiederzubeleben, die seit dem Tod ihres Großvaters kaum genutzt worden war.
Lieke hatte also das Telefon wieder hingelegt und gleich am Abend angefangen, die Hefte zu lesen. Allzu weit war sie noch nicht gekommen, aber es war klar, dass ihre Oma über das Leben von Opa Henk geschrieben hatte. Über den Opa mit dem tollen Fahrrad, der ihr immer geheimnisvoll geblieben war, dem sie sich aber dennoch auf unerklärliche Art verbunden fühlte.
Nun stand Lieke in Bergen aan Zee am Strandaufgang. In Gedanken versunken ging sie zur Wasserlinie vor und schaute auf die anrollenden Wellen. Das Meer ist ein Symbol der Ewigkeit, dachte sie. So wie jetzt hier am Strand war es schon vor hundert Jahren, vor tausend Jahren, und würde es hoffentlich auch für alle Zukunft sein. Immer hatten hier Menschen gestanden und beobachtet, wie die Wellen an den Strand anrollten. War ihr Großvater ebenfalls hier gewesen, als er zum ersten Mal nach seiner langen Tour das Meer erreicht hatte? Was war ihm damals durch den Kopf gegangen?
Seit gestern wusste Lieke, dass er ursprünglich gar nicht aus Drenthe kam, wie es ihr Vater immer behauptet hatte. Den Aufzeichnungen ihrer Oma zufolge war er noch nicht einmal Niederländer, sondern Deutscher, und in einer Kleinstadt namens Wiesloch aufgewachsen. Außerdem war sein wirklicher Name nicht Henk de Jong, sondern Johann Hohenheimer. Unglaublich! Lieke konnte das, was sie gelesen, oder eher überflogen hatte, nicht fassen. Wieso und unter welchen Umständen hatte er seinen Namen geändert? Warum und wann war er hierher nach Egmond gekommen? Wo hatten sich ihre Großeltern kennengelernt? War ihre Oma etwa auch Deutsche? Würden die Aufzeichnungen diese Fragen beantworten können? Und wieso hatte ihr Vater ihr die wahre Herkunft ihres Großvaters verschwiegen? Was Letzteres betraf, hatte sie eine Vermutung. Vielleicht kannte ihr Vater die Geschichte seiner Eltern ebenso wenig wie Lieke. Denn ihr Opa war bereits 1950 gestorben, als ihr Vater noch sehr klein war, und ihre Oma nur etwa zehn Jahre später. Also hatten ihre Großeltern wahrscheinlich nicht die Gelegenheit gehabt, ihrem Vater diese Geschichte zu erzählen. Und auf die Hefte, die Lieke nun gefunden hatte, war er vermutlich nie gestoßen.
Einmal mehr dachte sie, dass es ihm gegenüber nicht richtig war, die Aufzeichnungen zu lesen, bevor er selbst das getan hatte. Aber andererseits, sie musste es ihm ja nicht auf die Nase binden, und konnte, wenn sie alles gelesen hatte, immer noch so tun, als ob sie gerade erst auf die Kiste gestoßen wäre. Und außerdem hatte er schließlich Jahrzehnte Zeit gehabt, die Notizen selbst zu finden, doch offenbar hatte er dort nie nachgesehen. Vermutlich, weil er die Werkstatt eher gemieden hatte, er war mehr Kaufmann als Handwerker. Also war er es selbst schuld, dass ihr nun als Erste die Bücher in die Hände gefallen waren! Die Neugierde siegte über ihr Pflichtgefühl, und sie nahm sich vor, heute Abend weiterzulesen.
Während Lieke dem Meer den Rücken zuwandte und langsam über den Strand zu ihrem Fahrrad zurückging, fielen zwei Puzzleteile in ihrem Kopf ineinander. Sie hatte sich schon manchmal gewundert, wieso ihr Opa überhaupt ein Fahrrad mit Gangschaltung gebaut hatte, wo doch die Provinz Drenthe, aus der er angeblich stammte, flach wie eine Bratpfanne war. Sie hatte dann gedacht, dass er das vielleicht nur aus Spaß am Basteln getan hatte. In dem Fall wäre es jedoch schade für ihn gewesen, wenn er die Schaltung gar nicht hätte ausnutzen können.
Mit dem Wissen, dass er aus Deutschland gekommen war, sah das natürlich anders aus. War es in Wiesloch hügelig? Sie musste zu Hause nochmal nachschauen, wie die Landschaft dort beschaffen war und wo dieser Ort lag. Irgendwo bei Heidelberg, hatte sie gesehen. Ihr fiel ein, dass Betty, eine ihrer Nachbarinnen, mal von Feriengästen gesprochen hatte, die ihr Sommerhaus gemietet hatten und aus dieser Gegend kamen. Sie hatte erwähnt, der Mann würde sogar etwas Niederländisch sprechen. Lieke nahm sich vor, Betty einmal darauf anzusprechen, vielleicht könnte sie einen Kontakt zu diesen Urlaubsgästen vermitteln.
Lieke hatte ihr Fahrrad erreicht. Das Wetter hielt sich, es war immer noch mild. Sie zögerte. Einerseits wollte sie schnell nach Hause fahren, weil sie darauf brannte, weiter in den Aufzeichnungen zu lesen. Andererseits tat es ihr gut, an der frischen Luft zu sein, und in der Wohnung würde sie während des langen Winters noch oft genug sitzen. Daher beschloss sie, ihre Runde etwas auszudehnen, und weiter in Richtung Norden zu fahren. In Schoorl könnte sie einen Kaffee trinken. Oder sie könnte auf dem Rückweg ihren Freund Martin in Alkmaar besuchen. Sie schickte ihm eine Nachricht, um zu fragen, ob er zu Hause war und Zeit hätte.
Sie stieg aufs Rad und fuhr los. Bald war sie wieder in die Dünen eingetaucht. Kleine Kiefernwälder lösten Flächen mit weißem Sand oder Heidebewuchs ab. Mittlerweile dämmerte es schon. Lieke genoss die Einsamkeit und die ruhige Stimmung. Ihre Gedanken wanderten zurück zu ihrem Großvater. Wie wäre es, wenn sie jetzt einfach weiterfahren würde, bis nach Wiesloch, wo er offenbar aufgewachsen war? Das müsste eine spannende und abwechslungsreiche Tour sein. In diesem Moment spürte Lieke eine unbändige Lust darauf und wäre am liebsten gleich aufgebrochen, aber so spontan und jetzt im November war das natürlich keine gute Idee. Doch könnte sie nicht diese Tour irgendwann einmal im Sommer unternehmen? Vielleicht würde sie sogar etwas finden, das auf ihren Großvater hindeutete, oder jemanden treffen, der etwas über ihn wusste? Das war zwar nicht allzu wahrscheinlich, da alles schon so lange zurücklag, aber auch nicht völlig unmöglich.
Es war nicht mehr weit bis Schoorl. Inzwischen war es fast dunkel. Lieke musste aufpassen, der Sturm hatte in den Abschnitten, wo der Weg durch den Wald führte, einige Äste auf den Radweg geweht. Noch eine letzte Abfahrt, dann würde sie den Ausgang der Dünen und die Straße nach Schoorl erreicht haben. Sie ließ das Rad rollen, bremste aber in einer Rechtskurve wieder leicht ab, weil sie weiter voraus etwas Dunkles auf der Strecke liegen sah, das sie nicht genau identifizieren konnte.
Während sie noch darauf starrte, erschrak sie, denn plötzlich wurde ihr bewusst, dass direkt vor ihr ein größerer Ast lag. Den hatte sie erst jetzt gesehen, weil das dunkle Objekt weiter vorne sie abgelenkt hatte. Lieke bremste scharf, aber es war zu spät. Ihr Vorderrad streifte den Ast. Sie fluchte und dachte, das könnte eine üble Acht geben. So ein Mist! Dann spürte sie einen Schlag gegen ihren Lenker und merkte, wie sie das Gleichgewicht verlor und vom Rad fiel. Sie fühlte einen stechenden Schmerz in der Seite. Danach spürte, sah und hörte sie nichts mehr.
TAGEBUCH MAARTJE
Egmond aan Zee, 1952
Lieber Kees!
Ich möchte heute damit beginnen, einige Erinnerungen für Dich niederzuschreiben, die ich schon lange mit mir herumtrage. Wie Du weißt, ist Dein Vater leider sehr früh gestorben. Du warst damals erst vier Jahre alt. Er hatte Dich also nur als kleines Kind erlebt und wird nie Gelegenheit haben, mit Dir als großem Jungen oder gar erwachsenem Mann zu reden. Als er im Krankenhaus lag, bevor er starb, hat er mir gesagt, wie schlimm es für ihn sei, dass er Dir die Wahrheit über sich nie erzählen können wird. Ich musste ihm versprechen, dass ich das an seiner Stelle irgendwann tun werde.
Doch jetzt ist die Zeit dafür noch nicht reif. Mittlerweile bist du zwar sechs Jahre alt, aber immer noch zu klein, um zu verstehen, was Dein Vater erlebt hat und warum er nicht derjenige ist, für den ihn alle hier halten. Ich habe mich schon oft gefragt, wie lange ich damit warten soll, Dir die Wahrheit zu erzählen. Gibt es dafür einen guten, richtigen Zeitpunkt? Ich weiß es nicht, aber in jedem Fall ist er jetzt noch nicht gekommen. Andererseits merke ich, dass ich Einzelheiten, die ich wichtig und bedeutend finde, allmählich vergesse. Ich befürchte, dass ich mich nicht mehr an alles erinnern kann, wenn es irgendwann einmal so weit ist, dass ich Dir seine Geschichte erzählen kann.
Deshalb habe ich mich entschlossen, jetzt alles zu Papier zu bringen, was ich weiß. Vielleicht werde ich Dir diese Notizen später einmal in die Hand drücken, und Du kannst selbst entscheiden, ob und wann Du sie lesen möchtest. Eigentlich wollte ich schon viel früher mit der Niederschrift beginnen, aber direkt nach dem Tod Deines Vaters musste ich erst einmal klarkommen. Wie Du vielleicht gespürt oder sogar schon mitbekommen hast, war es eine harte Zeit für mich. Als plötzlich alleinstehende Mutter mit einem kleinen Kind und einem Geschäft musste ich den Alltag bewältigen und uns über Wasser halten. Aber jetzt, nachdem ich die Schlosserei aufgegeben und mit Willem einen guten Angestellten gefunden habe, ist unser Leben wieder etwas geordneter. Nun finde ich endlich die Zeit, mit meinen Aufzeichnungen zu beginnen.
Ich werde mit der Geschichte vorne anfangen, da wo Dein Vater aufgewachsen ist. Anders als die Leute im Ort hier denken, ist das nicht die Provinz Drenthe, sondern Wiesloch, eine kleine Stadt im Südwesten Deutschlands. Und Dein Vater hieß in Wahrheit auch nicht Henk de Jong, sondern Johann Hohenheimer. Seine Eltern waren Juden, die, wie Du bestimmt weißt, wenn Du diese Aufzeichnungen liest, von den Nazis verfolgt wurden. Deshalb hat er eine bewegte Geschichte hinter sich.
Den ersten Teil davon habe ich natürlich nicht selbst miterlebt. Wir haben aber oft darüber gesprochen, und er hat mir vieles, wenn auch bestimmt nicht alles, erzählt. Ich werde mich bemühen, seine Erzählungen hier so gut wie möglich wiederzugeben. Nachdem wir uns in Drenthe kennengelernt haben, war ich bei den dann folgenden Ereignissen selbst dabei. Über diese Zeit kann ich also aus meiner eigenen Erinnerung berichten. Lieber Kees, ich hoffe, diese Aufzeichnungen helfen, Dir zu verstehen, was passiert ist, was Dein Vater und ich erlebt haben, und wodurch er geprägt wurde. Und bestimmt kannst Du dann nachvollziehen, warum wir hier im Dorf den Leuten nicht gesagt haben, woher er wirklich gekommen ist.
Ich hoffe sehr, dass wir über die Vergangenheit miteinander sprechen können, nachdem Du die Wahrheit erfahren hast. Es wird mir dann guttun, wieder jemanden zu haben, mit dem ich die Erinnerungen teilen kann, die nach dem Tod Deines Vaters nur noch ich kenne und die ich tief in mir verschlossen herumtrage.
Bevor ich beginne, möchte ich Dir noch eins sagen: Auch wenn Du erfährst, dass Dein Vater nicht derjenige ist, für den ihn hier alle gehalten haben und als den Du ihn erlebt hast, so steht trotzdem fest, dass er Dich unendlich geliebt hat. Egal ob als Henk oder Johann. Es war wunderbar, ihn mit Dir zu sehen, zum Beispiel, als er Dir in unserer Schlosserei Dein erstes Kinderfahrrad gebaut hat und versucht hat, Dir das Radfahren beizubringen. Es ist so schrecklich, dass er Dir und mir so früh genommen wurde. Aber was auch immer Du nach dem Lesen von ihm denken wirst, sei gewiss, dass Du stets in seinem Herzen warst und ganz bestimmt jetzt noch bist.
Deine Mutter Maartje.
JUNI 1933
Johann Hohenheimer schaute aus dem Klassenfenster des Wieslocher Realprogymnasiums und sah gedankenverloren auf den angrenzenden Marktplatz hinaus. Mit seinen fast 13 Jahren besuchte er seit Ostern die 7. Klasse, konnte sich aber nur schlecht auf den Unterricht konzentrieren. Selbst der Mathematikunterricht fiel ihm heute schwer, dabei war das eigentlich eins seiner Lieblingsfächer. In Mathe war alles schön strukturiert und einfach, wenn man es einmal verstanden hatte. Aber seit sie den blöden Sauer als Lehrer hatten, machte es überhaupt keinen Spaß mehr. Anstatt ihnen Geometrie und Algebra beizubringen, verlor er sich ständig in weitschweifigen Auslassungen über die „Segnungen der neuen Zeit“ und die „neue Stärke Deutschlands“. Und da Johann Jude war, war in Herrn Sauers Augen von vorneherein klar, dass er kein Teil von diesem wunderbaren „neuen Deutschland“ sein durfte und deshalb logischerweise auch in Mathe nicht gut sein konnte. Also machte er ihm und den anderen jüdischen Schülerinnen und Schülern das Leben schwer, wo er nur konnte. Meistens gelang es Johann trotzdem, die richtige Antwort zu geben, wenn Herr Sauer ihn aufrief, was diesen dann sichtlich ärgerte. Und dieser Ärger führte dazu, dass er nur auf die nächste Gelegenheit wartete, wo er Johann bloßstellen oder ihm eine Strafarbeit zuschustern konnte.
Heute war es für ihn besonders schwer, dem Unterricht zu folgen. Sehnsüchtig schaute er nach draußen. Es war herrliches Sommerwetter. Er dachte an den vergangenen Sonntag, an dem das neue Freibad in den Talwiesen eröffnet worden war. Da hatte es ein tolles Fest gegeben! Die ganze Stadt war auf den Beinen gewesen, um dabei zu sein. Lange hatte es gedauert, bis das Bad fertig war, und beim Bau hatten viele Freiwillige mitgeholfen und ihre Arbeitsleistung eingebracht. Auch Johanns Vater Samuel hatte als Schlosser die Arbeiten tatkräftig unterstützt.
Am Sonntag hatte endlich ganz Wiesloch miteinander die Eröffnung feiern und mit Stolz auf das Ergebnis blicken können, das so viele gemeinsam erschaffen hatten. Von ein paar Passagen in den offiziellen Eröffnungsreden abgesehen, hatte Johann seit langem einmal wieder das Gefühl gehabt, dass alle Bürger mitfeiern durften und es keine Rolle spielte, ob man Jude, Kommunist oder was auch immer war. Viele Menschen hatten einen Beitrag geleistet, das Schwimmbad war für alle da, und die Sonne schien auch für alle. Einfach herrlich! Nach den Reden hatten sie endlich ins Wasser gedurft, und Johann und sein Freund Heinz waren bei den ersten gewesen, die hineinspringen konnten. Ein wundervolles Gefühl, so frisches klares Wasser, der blaue Himmel und die warme Sonne! Vielleicht könnten Heinz und er ja heute Nachmittag auch wieder zum Schwimmbad gehen?
„… wird es Zeit, dass schädliche jüdische Elemente aus unserem Volkskörper entfernt werden, damit dieser gesunden und erstarken kann, um seine ihm zugedachte Rolle in der Weltrangordnung zu erfüllen!“ Johann wurde unsanft aus seinen Gedanken gerissen, als Herr Sauer mit einem Stock auf seinen Finger schlug. „Hohenheimer, du träumst! Zuhören! Das ist für dich ganz besonders wichtig! Höhensatz des Euklid?“, fügte Herr Sauer nahtlos an. Johann war kurz aus dem Konzept gebracht, aber glücklicherweise konnte er schnell umschalten. „H Quadrat gleich P mal Q, wobei H die Höhe des rechtwinkligen Dreiecks ist und P und Q die Hypotenusenabschnitte“, konnte er herausbringen. Herr Sauer setzte zu einer Entgegnung an, aber in diesem Moment klingelte es. „Hohenheimer, Strafarbeit wegen deiner Träumerei: Aufgaben 4 bis 10 auf Seite 89!“
Das war so ungerecht! Johann hatte die Antwort gewusst, und trotzdem sollte er eine Strafarbeit machen. Und dann so viel! Das Schwimmbad konnte er vergessen, zumal er außerdem in der Schlosserei helfen sollte. Das tat er zwar normalerweise gerne, Schlosserarbeiten machten ihm Spaß, dabei lernte er viel von seinem Vater. Aber heute war es nervig, dass er bei dem schönen Wetter gar nicht rauskommen würde. Mürrisch trottete er aus dem Schulgebäude auf den Marktplatz, ohne auf seinen Freund Heinz zu warten.
Am Rathaus waren riesig große Hakenkreuzfahnen angebracht, die vom Dach bis zum Erdgeschoss reichten. Der Anblick dieser Fahnen, die ihn Tag für Tag daran erinnerten, dass die Nazis jetzt das Sagen hatten, machte seine Laune nicht besser. Johann begab sich auf den Weg nach Hause in die Hesselgasse. In einem Gebäude aus dem vorigen Jahrhundert befand sich im Erdgeschoss die Schlosserei seines Vaters, und darüber, im ersten Stock, hatten sie ihre Wohnung, wo seine Mutter Ruth ihn sicher schon erwarten würde. Vom Marktplatz aus waren es nur wenige hundert Meter bis dorthin.
„Johann, warte mal! Kommst du nachher ins Schwimmbad?“ Das war Heinz‘ Stimme, der von hinten zu ihm aufschloss.
„Das wird wohl nichts“, maulte Johann, „du hast ja gehört, dass der blöde Sauer mir eine Strafarbeit aufgebrummt hat. Und ich soll auch noch meinem Vater in der Werkstatt helfen.“
Heinz Biermeister war Johanns bester Freund. Er war schon im Mai 13 Jahre alt geworden, wohnte gleich um die Ecke in der Schlossstraße, und sie kannten sich, solange sie denken konnten. In der Schule waren sie Banknachbarn, schon seit der 1. Klasse. Heinz‘ Familie war nicht jüdisch, daher war er nicht von den Schikanen betroffen, denen Johann in den letzten Monaten ausgesetzt war. Aber er fand es genauso blöd, dass Johann so sehr darunter leiden musste, dass er Jude war. Was konnte er dafür? Wenn es Ärger gab, stellte Heinz sich immer an seine Seite, hatte sich aber auch schon dumme Sprüche anhören müssen, weil er sich mit „so einem“ abgab.
„Schade“, sagte Heinz. „Also, ich gehe auf jeden Fall. Ich habe von meinem alten Herrn sogar schon vorgezogenes Taschengeld für Juli bekommen. Und beim Kaufhaus Dannheimer gibt es jetzt günstig Badehosen. Freibaderöffnungsangebot“, grinste Heinz. „Ich gucke mal, ob ich da eine finde. Und dann ab zum Schwimmbad. Vielleicht kannst du ja doch noch nachkommen. Das wäre echt toll!“
„Ja, mal schauen.“ Johann war zwar neidisch auf Heinz, weil der Geld für eine Badehose hatte und ins Schwimmbad durfte, aber trotzdem hellte sich seine Laune etwas auf. Es tat einfach gut, so einen Freund wie Heinz zu haben. Da konnte der Sauer machen, was er wollte! „Vielleicht schaffe ich es ja noch, ich rede mal mit meinem Vater.“
* * *
Nachdem Johann seinem Vater berichtet hatte, wie es in der Schule gelaufen war, hatte dieser ihn in sein Zimmer geschickt. Bestimmt würde er mit seiner Mutter reden wollen, ohne dass Johann es mitbekommen sollte. Das war nämlich immer so, wenn er weggeschickt wurde. Er wollte aber hören, was sie besprechen würden. Also ging er zwar in sein Zimmer, schloss auch laut und deutlich die Tür, machte sie jedoch dann ganz leise wieder einen Spalt weit auf, so dass er verstehen konnte, was im Wohnzimmer geredet wurde.
„Hast du mitbekommen, was der Junge erzählt hat?“, fragte der Vater.
„Ja, das habe ich. Was denkst du, hat Johann recht? Ist die Strafarbeit wirklich ungerechtfertigt?“
„Hm, so etwas ist immer schwer zu sagen, wenn man selbst nicht dabei war. Aber mein Gefühl sagt mir, schon … Er hat zwar auch früher ab und zu Strafen bekommen und sich dann beschwert, doch ich habe es ihm immer ansehen können, wenn es eigentlich in Ordnung war. Wir wissen ja, er kann ganz schön frech und aufsässig sein. Oder er träumt vor sich hin und bekommt gar nicht mit, was um ihn herum passiert. Dann ist es gut, dass die Lehrer ihm zeigen, dass es so nicht geht. Aber heute … Ich glaube, er hat wirklich nichts gemacht.“
„Warum macht der Sauer dann so etwas? Denkst du, es ist wirklich nur …“
„Ja, das denke ich. Weil wir Juden sind“, vollendete der Vater den Satz der Mutter.
„Aber … irgendwie müssen wir dem Jungen doch helfen. Kannst du nicht nochmal mit dem Sauer reden?“
„Ich glaube, das bringt nichts“, seufzte der Vater mit einem resignierten Unterton. „Du weißt ja, ich war schon mal bei ihm in der Sprechstunde. Da hat er mir klargemacht, dass er ‚den Judenbengeln die Flausen austreiben‘ will und sich von ‚so einem wie mir‘ nicht sagen lässt, was er tun und lassen soll. Ich fürchte, der hat sich jetzt auf Johann und die anderen jüdischen Kinder eingeschossen. Wir könnten natürlich zum Direktor gehen. Aber wahrscheinlich würde es dann noch schlimmer werden statt besser. Der neue Direktor ist ja auch in der Partei.“
„Oh Gott, furchtbar … Ich komme mir so hilflos vor. Es wird immer schlimmer für uns Juden, und wir können gar nichts machen. Am besten ist es wohl, wenn man sich soweit möglich zurückhält und nicht auffällt.“
„Das Gefühl habe ich auch. Ich merke es auch in der Schlosserei. In der letzten Woche habe ich so wenig Aufträge bekommen wie nie zuvor. Die Stammkunden wandern ab, zu den anderen beiden Schlossereien, die nicht von Juden geführt werden. Obwohl ich genau weiß, dass meine Arbeit besser ist als die von denen. Doch das scheint auf einmal keine Rolle mehr zu spielen. Der Herr Weißgerber hat mich wenigstens angesprochen und erklärt, dass er eigentlich lieber weiter zu mir kommen würde, aber keine Wahl habe. Was auch immer das heißen soll … Andere Kunden bleiben einfach weg und wechseln die Straßenseite, um mich nicht begrüßen zu müssen. In was für schreckliche Zeiten sind wir da nur hineingeraten?“
„Ja, fürchterlich. Mir wurde auch im Ort schon unter der Hand zugeflüstert, dass die Leute nicht mehr zu dir gehen wollen, sondern zu den ‚richtigen‘ Deutschen.“
„Was für ein Unsinn!“, schimpfte der Vater. „Ich habe schließlich für Deutschland im Weltkrieg gekämpft, Seite an Seite mit ihnen. Und nun sind die auf einmal die einzig wahren Deutschen, und wir sind Menschen zweiter Klasse, oder was?“
Johanns Vater hatte sich in Rage geredet und war laut geworden.
„Pst!“, mahnte ihn die Mutter. „Johann muss das nicht alles mitkriegen. Sonst macht er sich womöglich unnötig Sorgen.“
„So unnötig sind die Sorgen vielleicht nicht, aber du hast schon recht, wir sollten den Jungen damit nicht belasten. Im Moment kommen wir immerhin noch einigermaßen klar. Noch haben wir genug Kunden, dass wir die laufenden Ausgaben bezahlen können. Und ein bisschen was haben wir ja gespart.“
„Gott sei Dank!“, hörte Johann jetzt wieder die Mutter. „Wenigstens das. Und vielleicht wird ja alles doch nicht so schlimm.“
„Ja“, sagte der Vater seufzend. „Man sollte auch das Positive sehen. Gestern, als Herr Döring in den Laden kam und seine Rechnung bezahlt hat, hat er den Betrag großzügig aufgerundet und mir ein paar aufmunternde Worte gesagt. Es gibt also doch noch gute Menschen in Wiesloch. Wir können nur hoffen, dass die Nazis bald am Ende sind, so wie die vielen Regierungen vor ihnen. Dann kommen bestimmt wieder bessere Zeiten. Hoffentlich dauert das nicht mehr so lange. Ein einziger Albtraum ist das.“
„Allerdings. Hoffentlich ist das bald vorbei. Aber ... was sagen wir jetzt Johann?“
Johann hatte genug gehört. Was seine Eltern besprochen hatten, machte ihn traurig und wütend. Leise schloss er seine Zimmertür wieder und legte sich auf sein Bett. Er hatte zwar schon mitbekommen, dass sein Vater Aufträge verlor, aber nicht gewusst, dass sich seine Eltern so viel Sorgen machten. Diese verdammten Nazis! Und warum mussten ausgerechnet sie Juden sein? Für seinen Freund Heinz und dessen Eltern war das alles halb so wild!
Nach ein paar Minuten beschloss Johann, in die Küche zu gehen. Herumliegen machte es auch nicht besser. Als sein Vater ihn dort hörte, kam er zu ihm. „Hey, Johann! Ich habe nachgedacht und mit Mutter gesprochen. Also, ich finde es auch ungerecht, wie Herr Sauer dich behandelt hat. Aber es hilft nichts, du wirst die Strafarbeit machen müssen. Das kann ich leider nicht ändern.“
„Das ist so unfair, ich wollte so gerne ins Schwimmbad! Heinz ist auch da, und es ist wirklich tolles Wetter! Jetzt kann ich das vergessen!“
„Nicht unbedingt. Pass auf! In der Werkstatt komme ich heute allein zurecht. Du kannst mir am Wochenende wieder helfen. Wir machen es so: Du gehst jetzt ins Schwimmbad und kommst nicht zu spät heim. Bis halb sechs bist du zu Hause. Und dann erledigst du heute Abend die Aufgaben. Abgemacht?“
„Ist gut. Danke, Papa. Aber ungerecht ist es trotzdem.“
Johann packte seine Sachen und zog los. Es war schön, jetzt doch zum Schwimmbad zu können, aber richtig freuen konnte er sich nicht. Ganz anders wäre es gewesen, wenn es den Vorfall in der Schule nicht gegeben und er einfach unbeschwert mit Heinz zusammen hätte losziehen können. Er war seinem Vater dankbar, dass er ihm die Arbeit in der Werkstatt erlassen hatte, aber die hätte er ja eigentlich gerne gemacht. Nun musste auch sein Vater darunter leiden, weil der Sauer ihn so ungerecht behandelt hatte! Na ja, das war jetzt egal, bald waren Sommerferien, und dann war er den Sauer und die ganze Schule für einige Wochen los!
In der sommerlichen Wärme lief er an der Laurentiuskirche und dem Kaufhaus Dannheimer vorbei. Am Bahnhof Wiesloch-Stadt überquerte er die Gleise der Nebenbahn. Bald hatte er die Talwiesen erreicht, wo sich das neue Schwimmbad befand. Als Johann ankam, hatte sich seine Wut ein wenig gelegt. Ein Sprung in das klare kalte Wasser würde jetzt guttun.
* * *
Johann und Heinz lagen auf der Liegewiese und ließen sich die Sonne auf den Bauch scheinen. Die Wassertropfen, die vom Schwimmen noch auf seiner Haut waren, trockneten rasch weg. Nach dem Ärger des Vormittags wurde Johann nun leichter ums Herz. Etwas weiter hinten, an der Grenze zur Wellpappe-Fabrik, spielten einige Jungen Fußball. Er stieß seinen Freund an: „Ey Heinz, wollen wir da mitspielen? Ich glaube, die können noch zwei gebrauchen, so wie die da rumkicken!“
Aber Heinz reagierte unerwartet mürrisch: „Nein, lass mal. Ich habe gerade keine Lust. Ich will hier mal ruhig liegen.“ So kannte Johann seinen Freund nicht.
„Hä wieso nicht? Du willst doch sonst immer bolzen?“
„Ja, aber es ist gerade blöd“, brummelte Heinz.
„Wieso blöd? Was ist?“, fragte Johann.
„Ach, nichts … na ja, schon … also mein Alter hat mich bequatscht, dass ich spätestens nach den Ferien in die Hitlerjugend eintreten soll. Er findet zwar auch nicht alles gut, was die Nazis machen, meint aber, ich muss trotzdem mitmachen, weil die meisten anderen schon dabei sind und es wichtig ist, Freunde zu haben … also nicht nur dich. Darauf habe ich aber überhaupt keine Lust. Er wollte mich eigentlich nur ins Schwimmbad gehen lassen, wenn ich sage, dass ich das mache. Das habe ich aber nicht gesagt und bin dann einfach abgehauen. Tja, wenn ich nach Hause komme, fängt er bestimmt wieder damit an. Und ich kann was erleben, weil ich nicht gleich nachgegeben habe.“
Johann spürte, wie die Wut zurückkam, die gerade ein wenig nachgelassen hatte. Und die vermischte sich mit Angst. Heinz bei der HJ! Das durfte nicht sein, dann würde er womöglich auch er ein Nazi werden! Johann musste schlucken und wagte es kaum, seinen Freund anzusehen.
„Nein, Heinz, das darfst du nicht. Ich will das nicht“, sagte er leise. „Meinst du, dein Vater zwingt dich dazu?“
„Ich fürchte schon. So wie ich ihn kenne, wird er da nicht lockerlassen“, meinte Heinz düster. „Zum Teil ist es ja da vielleicht sogar ganz gut. Es gibt Ausflüge und Übernachtungen mit Lagerfeuer und so. Außerdem sind Horst und Alfred dabei, und die sind ja echt in Ordnung. Aber diese Aufmärsche und Fahnenappelle, und dann das Gelaber über die deutsche Rasse und die Juden, du weißt schon, das stinkt mir bis hier!“ Heinz hielt seine Hand auf halbe Höhe vor sein Gesicht. „Das reicht mir schon von der Schule! Und wenn überhaupt, will ich es nur, wenn du mitkommen würdest. Aber das geht ja nicht.“
Johann wusste nichts zu entgegnen. Beide Jungen schwiegen und hingen ihren Gedanken nach. Heinz war Johanns bester, vielleicht einziger wirklicher Freund und sein großer Halt in dieser Zeit. Was sollte nur werden, wenn er für ihn keine Zeit mehr hätte, oder noch schlimmer, sich nicht mehr mit ihm abgeben wollte? Bedrückt sagte Johann nach einer Weile: „Ich muss los. Ich muss ja noch die Strafarbeit machen und soll um halb sechs zu Hause sein.“
„Ich komme mit. Allein habe ich auch keine Lust mehr“, sagte Heinz mit schiefem Grinsen. Am Ausgang fasste er Johann am Arm: „Aber weißt du, eins steht fest: Du wirst immer mein bester Freund sein, das kann mir keiner verbieten!“
Johann nickte und spürte ein Gefühl von Wärme in sich aufsteigen, als er diese Worte hörte. Egal, was kommen würde, Heinz würde zu ihm halten. „Tschüss, bis morgen“, brachte er hervor.
Johann blieb einen Moment am Ausgang stehen und sah Heinz nach, der zu seinem Fahrrad ging. Das Fahrrad. Noch etwas, das ihn bedrückte. Beide Jungen hatten sich zu ihren Geburtstagen ein Rad gewünscht. Heinz hatte dann auch eins bekommen, ein schönes rotes Rad. Damit konnte man richtig gut fahren, Johann hatte es manchmal ausprobieren dürfen. Aber letzte Woche hatten seine Eltern ihm erklärt, dass er zu seinem Geburtstag im Juli nicht auf ein Rad hoffen durfte. Der Vater hatte gemeint, dass sie nicht mehr genug Aufträge in der Schlosserei hätten und das Geld fehlen würde. Johann hatte sich nur mit Mühe beherrschen können, nicht in Tränen auszubrechen, doch seine Eltern hatten ihm sicher angesehen, wie sehr ihn das traf. So ein Fahrrad wollte er schon lange haben, und nun würde es wieder nichts werden! Sein Vater hatte noch etwas gemurmelt wie „mal sehen, was sich machen lässt …“, aber er wusste da schon, dass er das Fahrrad vergessen konnte.
Johann beobachtete, wie Heinz auf sein Rad stieg und davonfuhr. Er gönnte seinem Freund das Rad von Herzen, aber er wollte auch eins haben. Unbedingt. Und er würde keins bekommen. Und das eigentlich nur, weil sie Juden waren. Schon wieder spürte Johann diese Wut in sich aufsteigen. Am liebsten hätte er laut geschrien, doch was würde das bringen? Er machte sich zu Fuß auf den Rückweg, zu seiner Strafarbeit. Nein, trotz des herrlichen Sommerwetters und des Freibadbesuchs sollte der heutige Tag heute einfach kein guter Tag sein.
JULI 1933
Johann schwebte für ein paar Momente in dem undefinierbaren Grenzbereich zwischen Schlafen und Wachsein, bevor er endgültig die Augen aufschlug. Erst spürte er es mehr, als dass er es wusste: Heute war ein besonderer Tag! Dann fiel es ihm ein: Es waren noch Sommerferien, und es war sein Geburtstag! Ein schönes Gefühl breitete sich in ihm aus. In seinem Zimmer war es bereits hell und ziemlich warm. Die Hitze der vergangenen Tage hatte sich in der Wohnung angestaut und verschwand auch nachts kaum, selbst wenn man das Fenster weit offenstehen ließ. Obwohl es noch früh war, hörte Johann den Vater schon unten in der Werkstatt arbeiten. Die Mutter tat anscheinend irgendetwas in der Küche. Diese Geräusche, die leise in sein Zimmer drangen, gaben ihm ein angenehmes Gefühl der Geborgenheit.
Johann wurde es warm, er schlug die Decke von sich ab. Auch heute schien wieder die Sonne, wie schon seit Wochen. Er war gespannt, was er zum Geburtstag bekommen würde. Dass es nicht das heißersehnte Fahrrad sein würde, damit hatte er sich inzwischen abgefunden. Was könnte es dann sein?
Johann stand auf, im Bett hielt er es nicht mehr länger aus. Noch im Schlafanzug ging er in die Küche. „Hallo mein Junge“, begrüßte ihn seine Mutter. „Alles Gute zu deinem Geburtstag!“ Sie nahm ihn in die Arme. „Komm, wir holen Vater aus der Werkstatt, und dann frühstücken wir erst einmal schön!“
Ein paar Augenblicke später saßen sie zu dritt am Küchentisch. Auch sein Vater hatte ihm gratuliert. Ob er nun sein Geschenk bekommen würde? „Ja, mein Sohn“, erhob dieser die Stimme. „Du bist sicher sehr gespannt auf dein Geburtstagsgeschenk. Wir wissen, dass du dir nichts sehnlicher wünschst als ein Fahrrad. Das verstehen wir und denken, dass das auch das Richtige für dich wäre. Aber wir haben dir ja schon erklärt, dass die Zeiten momentan für uns schwierig sind, und wir uns das Geld, das wir noch haben, gut einteilen müssen. Deshalb konnten wir leider kein Fahrrad kaufen. Aber ... wir haben uns etwas überlegt!“
Er machte eine bedeutungsschwere Pause. Johann hielt es vor Spannung kaum noch aus. „Nun ja“, hob sein Vater wieder an, „ich habe bemerkt, dass du dich in der Werkstatt sehr geschickt anstellst, wenn du mir hilfst. Und ich glaube, es wird nicht mehr lange dauern, bis du die meisten Arbeiten, die dort anfallen, selbst ausführen kannst. Demnächst möchte ich dir auch beibringen, wie man mit dem Schweißgerät umgeht.“
Johann bekam ein merkwürdiges Gefühl. Er wurde etwas misstrauisch. Was wollte sein Vater ihm mit dieser Rede sagen? Er freute sich zwar über das Lob, aber wenn das Geburtstagsgeschenk darin bestehen sollte, dass er mehr als bisher in der Werkstatt helfen darf, wäre es doch eine große Enttäuschung.
„Keine Angst, mein Junge“, fuhr der Vater fort, „das ist nicht dein Geschenk. Aber es hat damit zu tun. Mir ist es nämlich in den letzten Tagen gelungen, diese Dinge hier aufzutreiben.“ Er zeigte auf die Zimmerecke, in der einige Gegenstände standen, die mit einem Tuch abgedeckt waren. Das war Johann bis jetzt nicht aufgefallen, und gestern hatten diese Sachen da auf jeden Fall noch nicht gestanden!
„Du darfst nun unter das Tuch schauen, Johann!“, sagte die Mutter. Er stand auf, ging in die Zimmerecke und hob das Tuch an. Zunächst sah er nur einige Gegenstände aus Metall, aber dann erkannte er, dass es Bauteile für ein Fahrrad waren: Zwei Räder, Pedale, Zahnkränze und eine Kette. Und eine Dose mit blauem Lack!
„Ich weiß, das ist noch kein Fahrrad. Aber ich glaube, wir beide zusammen werden es schaffen, daraus eins zu machen“, sagte der Vater. „Wir werden noch ein paar Teile aus der Schlosserei brauchen, zum Beispiel für den Rahmen. Doch dafür habe ich alles da. Und dann wird es ein schönes Fahrrad. Was meinst du?“
„Echt toll, Papa!“ Johann fiel seinem Vater um den Hals. „Ich würde am liebsten gleich anfangen!“ In ihm kribbelte es, vor Freude und von der Spannung, wie es sein würde, sich selbst ein Fahrrad zu bauen. Ob sie es hinbekommen würden?
„Gemach, gemach“, entgegnete der Vater. „Wir müssen zunächst einen Bauplan machen und die noch fehlenden Teile suchen oder anfertigen. Und für heute haben wir uns etwas anderes überlegt: Wir machen einen Geburtstagsausflug mit der Straßenbahn nach Heidelberg! Du kannst gerne Heinz fragen, ob er mitkommen will.“
„Oh, klasse!“, fand Johann. Mit der Bimmelbahn fahren, das hatte er noch nicht oft gemacht. Und ein Ausflug nach Heidelberg war immer etwas Besonderes. Vielleicht könnten sie am Neckar spazieren gehen, oder ein Café besuchen? Möglicherweise bekäme er sogar eine Limonade! Aber dann fiel Johann etwas ein: „Mit Heinz wird es nichts. Der hat mir gestern gesagt, dass er zur HJ muss. Die machen heute einen Erkundungsmarsch. Er würde bestimmt lieber mit uns kommen, aber die blöden HJ-Treffen sind Pflicht. Da frage ich ihn besser erst gar nicht.“
Johanns Eltern wechselten einen Blick. Sie wussten, dass Heinz‘ Eltern ihn gezwungen hatten, in die HJ einzutreten, und er deren Ansinnen nur widerstrebend nachgegeben hatte.
„Ja, du hast Recht“, stimmte die Mutter ihm zu. „Wenn du ihn fragst, wäre er bestimmt richtig enttäuscht. Aber schade, dass er nicht mitkommen kann. Lass uns jetzt frühstücken und dann aufbrechen!“
Eine Stunde später liefen sie los zum Wieslocher Stadtpark, von wo aus die Straßenbahn losfuhr. Schon die Fahrt war ein Erlebnis. Über Nußloch, Leimen und Rohrbach ging es bis in die Heidelberger Altstadt. Unterwegs gab es zwar für Johann viel zu sehen, doch als sie angekommen waren, war er froh, aus der stickigen Bahn wieder herauszukönnen. Sie liefen zum Neckarufer und suchten sich einen schönen Platz auf der Wiese für ein Picknick, mit Blick auf das alte Schloss. Ziemlich zerstört, dachte Johann. Er wusste aus dem Geschichtsunterricht, dass die Franzosen es 1693 gesprengt hatten. Warum haben die das bloß gemacht? Konnten sich die Menschen nicht einfach vertragen oder sich wenigstens gegenseitig in Ruhe lassen?
Nachdem sich Johann und seine Eltern ausgeruht hatten, gingen sie zur Heiliggeist-Kirche und setzten sich an einen der Tische, die eine Gaststätte auf den großen Platz gestellt hatte. Zur Feier des Tages gab es tatsächlich eine Limonade für ihn und für jeden noch ein Stück Kuchen! Johann schaute nach oben, in den blauen Himmel. Es war ein toller Geburtstag, fand er, obwohl es schade war, dass er Heinz nicht hatte mitnehmen können.
Auch Johanns Eltern waren entspannt und gelöst wie seit langem nicht mehr. Hier in Heidelberg kannte sie niemand, und sie brauchten sich nicht vor bösen Blicken, Getuschel oder offener Feindseligkeit zu fürchten. Hier waren sie einfach nur Menschen und Gäste des Wirtshauses, genau wie die anderen Leute um sie herum. Alle drei spürten sie das Glück des heutigen Tages, dieses Momentes, dort miteinander zu sitzen und das Leben für ein paar Stunden genießen zu können. Aber sie wussten, dass es nur ein geborgtes und vorübergehendes Glück war, und ahnten, dass sie solche hellen und unbeschwerten Momente in diesen dunkler werdenden Zeiten in Zukunft immer seltener erleben würden.
AUGUST 1933
Johann betrachtete sein Werk und strahlte über das ganze Gesicht. Sein Fahrrad war fertig, er hatte es geschafft! Na ja, nicht er allein, sein Vater hatte zugegebenermaßen schon etwas geholfen und ihm immer wieder Anleitungen gegeben. Und vor allem hatte er ihm beigebracht, das Schweißgerät zu bedienen, was Johann mittlerweile schon gut konnte. Aber das allermeiste hatte er selbst vollbracht, und jetzt stand dort das fertige Fahrrad! Zuletzt hatte er es noch zweimal mit dem blauen Lack gestrichen. Natürlich hatte er während der Arbeit immer wieder überprüft, dass die einzelnen Teile und die Mechanik gut zusammenspielen. Aber richtig damit gefahren war er noch nicht. Ob er es überhaupt konnte? Er hatte ein paar Mal mit Heinz‘ Rad fahren dürfen, da hatte es auf Anhieb gut funktioniert. Aber wie würde es sein, wenn er sein eigenes Fahrrad zum ersten Mal ausprobierte?
Er rief seinem Vater zu: „Papa, es geht los! Ich probiere jetzt das Rad!“
„Warte, Johann. Ich komme!“, entgegnete dieser.
Vorsichtig schob er das Rad aus der Werkstatt und stieg auf. Sein Vater stand in der Tür. Johann bemerkte, dass auch seine Mutter vom Fenster aus oben zusah. Er trat in die Pedale. Erst schwankte er ein wenig, aber dann hatte er sich gefangen und es ging vorwärts. Es funktionierte! Und wie es fuhr! Die Zahnräder und die Kette griffen sanft ineinander, gut geölt schnurrte der Antrieb. Bald traute er sich, etwas schneller zu fahren. Mehrmals fuhr er in der Hesselgasse hin und her. Dann bog er in die Schlossstraße ein, die allerdings recht steil berghoch aus der Stadt herausführte. Und da merkte er, dass es plötzlich viel schwerer ging und er sich ziemlich anstrengen musste. Aber immer noch besser als Laufen! Als er den Berg wieder herunterfuhr, nahm das Rad im Leerlauf dagegen ordentlich Fahrt auf. Auf halben Weg dachte Johann: Hoffentlich funktioniert die Bremse!! Sein Herz klopfte. Kurz vor dem Kaufhaus Dannheimer bremste er. Er hörte ein schleifendes Geräusch von den Reifen. Tatsächlich, das Rad wurde langsamer! Er zog die Bremse noch fester an, und mit einem letzten Ruck kam er zum Stillstand. Das Fahrrad hatte seine Bewährungsprobe bestanden! Stolz und glücklich fuhr er zur Werkstatt zurück, wo sein Vater lächelnd auf ihn wartete und ihm auf die Schulter klopfte.
* * *
Johann spürte den Wind um seine Nase wehen, als Heinz und er aus dem Dämmelwald hinausfuhren und auf den Feldweg Richtung Nußloch einbogen. Das schöne Wetter war vorläufig vorbei, es war bewölkt und drückend geworden. Die beiden Freunde waren zu einer ersten größeren gemeinsamen Tour mit ihren Rädern aufgebrochen. Johann wollte unbedingt sein Fahrrad auf einer längeren Strecke testen, und Heinz fand es toll, dass Johann jetzt ebenfalls ein Rad hatte und sie zusammen losziehen konnten. Heute, am letzten Tag der Sommerferien, gab es für Heinz auch kein Treffen der Hitlerjugend mehr, also hatten sie beide Zeit für diese Tour.
Es war ein schönes Gefühl, nebeneinander auf dem Feldweg zu fahren. Johann war mit seinem Fahrrad sehr zufrieden. Er hatte noch ein paar Nachbesserungen vorgenommen. Jetzt fuhr es richtig gut, wahrscheinlich besser als das gekaufte Rad von Heinz. Aber das wollte er seinem Freund nicht unbedingt auf die Nase binden, obwohl der das sicher selbst schon gemerkt hatte, als sie mal für eine kleine Strecke die Räder getauscht hatten.
In Nußloch hielten sie an und setzten sich auf den Rand des Brunnens, der dort auf dem Marktplatz stand. „Sag mal, Heinz“, fing Johann nach einer Weile an, „wie ist es denn jetzt in der HJ?“
Heinz zögerte etwas. Dann antwortete er: „Ich weiß nicht so richtig. Ein paar Sachen machen schon Spaß, das muss ich zugeben. Es ist immer was los. Und mit Horst und Alfred verstehe ich mich echt gut. Und ja, … anfangs hatte ich keine Lust auf die Uniform und auf diese Paraden. Aber irgendwie habe ich mich daran gewöhnt … Es ist schon klasse, wenn alle gleich aussehen und alle dazugehören.“
Johann ärgerte sich. Hätte er mal besser nicht gefragt. Genau das hatte er nicht hören wollen, denn im Gegensatz zu Heinz gehörte er natürlich nicht dazu.
Heinz stockte. Offenbar bemerkte er, wie sich Johanns Gesicht verfinsterte, und fügte hinzu: „Tut mir leid, Mann, dass du da nicht mitmachen kannst. Doch du bist und bleibst mein bester Freund. Wenn du auch in die HJ dürftest, wäre alles da noch viel besser. Andererseits kannst du auch froh sein, denn vieles ist auch echt Mist. Die ganzen Geländeübungen und Märsche braucht kein Mensch. Und die halben Ferien hatte ich nie Zeit, weil ich dauernd dahin musste!“
„Hm, ja, okay“, brachte Johann hervor. Er wusste nicht, was er mit dieser Antwort anfangen sollte. Vielleicht hätte er wirklich nicht nachfragen sollen. Aber in den letzten Tagen hatte er oft darüber nachgedacht, wie es für Heinz in der HJ wäre, und er hatte es wissen wollen.
„Schule ist auf jeden Fall noch blöder“, ergänzte dieser nun. „Und ab Montag müssen wir da wieder hin. Ich habe überhaupt keine Lust darauf.“
„Ich erst recht nicht. Wenn ich an den Sauer denke, wird mir jetzt schon schlecht. Also besser, noch nicht daran denken. Komm, lass uns weiterfahren!“
Sie fuhren in einem Bogen über St. Ilgen nach Walldorf. Dort bemerkten sie, dass der Himmel ziemlich dunkel geworden war. „Lass uns schnell zurückfahren“, meinte Johann, „ich glaube, es kommt ein Gewitter!“
Sie stiegen auf ihre Räder und traten kräftig in die Pedale. Aber als sie gerade Walldorf verlassen hatten, fielen schon die ersten Tropfen. „Schau mal, da hinten ist eine Scheune! Da können wir uns vielleicht unterstellen!“, rief Heinz. „Auf, schnell dahin!“
Sie erreichten die Scheune gerade noch rechtzeitig, schoben die Tür zur Seite und konnten mit ihren Rädern hineinschlüpfen. Dann brach das Gewitter auch schon los, und die Hitze der vergangenen Tage entlud sich in einem Sturzbach, als hätte der Himmel seine Schleusen geöffnet. Während sie selbst in der Scheune sicher und trocken waren, tobte draußen das Unwetter. Sie sahen Blitze niedergehen und hörten den Donner über die Felder krachen. Die beiden Freunde standen dicht nebeneinander und sahen dem Naturschauspiel zu. Auch wenn draußen die Welt unterzugehen schien, war sie für Johann gerade in Ordnung. Er fühlte sich im Beisein seines Freundes geborgen, hier konnte ihm nichts passieren. Wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte das Unwetter ewig anhalten können. Vor diesem Gewitter konnten sie sich unterstellen. Vor dem, was Johann demnächst erwarten würde, würde er sich vielleicht nicht schützen können.
JANUAR 1934
Das neue Jahr begann, wie das alte aufgehört hatte: sehr winterlich, mit viel Schnee, frostigen Tagen und eisigen Nächten. In Johanns Zimmer waren Eisblumen an den Scheiben, und in seinem Bett war es so kalt, dass seine Mutter ihm abends immer eine mit heißem Wasser gefüllte Wärmeflasche gab, die er unter die Decke legen konnte. Das fand Johann eigentlich ganz gemütlich, ihm machte die Kälte nichts aus. Schade war nur, dass er, seitdem Wiesloch richtig eingeschneit war, nicht mehr mit seinem Fahrrad fahren konnte. Dies stand gut untergebracht in der Werkstatt. Im Herbst dagegen war er, wann immer das Wetter es zugelassen hatte, damit in der Gegend herumgefahren und kannte sich mittlerweile im ganzen Umkreis von Wiesloch gut aus. Ab und zu hatte Heinz ihn begleitet und gestaunt, welche neuen Wege Johann entdeckt hatte, die er ihm zeigen konnte. Einmal waren sogar Heinz‘ Freunde Horst und Alfred dabei gewesen. Sie hatten zu viert einen lustigen Nachmittag verbracht, aber als Johann gefragt hatte, ob sie sich zu einem weiteren Ausflug verabreden wollten, hatten Horst und Alfred mit durchschaubaren Ausreden abgelehnt. Ihm war klar, dass sie wahrscheinlich Probleme befürchteten, wenn sie mit ihm zusammen gesehen würden. Vielleicht hatten sie sogar schon Ärger bekommen.
Nun war es sowieso erstmal vorbei mit den Touren. In den ruhigen Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr hatte Johann seinem Vater oft in der Werkstatt geholfen. Die Arbeit gefiel ihm, er lernte schnell und war sehr geschickt. Sein Vater freute sich, dass er so gute Fortschritte machte. Einmal, als Johann ihm eine fertige Arbeit zeigte, sagte der Vater: „Gut gemacht, mein Junge. Ich glaube, das Schlosserhandwerk liegt dir. Das freut mich sehr. Du bist zwar auf einem Realprogymnasium, womit dir viele Berufe oder sogar ein Studium ermöglicht würden, aber wer weiß, was sie uns Juden demnächst noch erlauben. Deshalb bin ich froh, dass du auf jeden Fall diese Werkstatt hier irgendwann übernehmen könntest, wenn du das willst.“
Johann hatte tatsächlich selbst schon gedacht, dass er gerne Schlosser werden würde. Dann bräuchte er sich nicht mehr so lange in der Schule zu quälen. Früher hatte es ihm dort gefallen, aber es wurde immer schlimmer. Doch vorläufig blieb Johann nichts anderes übrig, eine Weile musste er auf jeden Fall noch dahin.
Heute war der erste Schultag im neuen Jahr. Herr Sauer kam in die Klasse und stürmte gleich auf Johann zu. „Hohenheimer, du sitzt ab sofort in der letzten Bank, da ganz hinten links. Auf geht’s, pack dein Zeug! Ich will dich hier vorne nicht mehr sehen!“
Johann war entsetzt. Seit der ersten Klasse hatte er neben Heinz gesessen, und weil beide gute Schüler waren, hatten sie ihre Plätze meist ziemlich vorne. Jetzt sollte er auf einmal ganz allein da hinten sitzen, und ohne seinen Freund? Heinz war ebenso schockiert, er stand auf und sagte: „Herr Sauer, wenn Johann da hinten sitzen soll, dann setze ich mich auch dahin.“
Herr Sauer war zunächst völlig verblüfft. Sein Gesicht lief rot an. Einige Sekunden lang schaute er wütend auf Heinz, dann auf Johann, und wieder zu Heinz. Danach begann er zu brüllen, so dass der Speichel aus seinem Mund spritzte: „Biermeister, das hast du nicht zu entscheiden! Du bleibst hier sitzen! Überhaupt solltest du gut über deinen Umgang nachdenken. Du weißt, dass es für einen deutschen Jungen schädlich ist, mit jüdischen Elementen wie Hohenheimer Kontakt zu pflegen. Ich kann dir nur raten, halte dich in Zukunft von ihm fern. Dass ich ihn jetzt von dir wegsetze, ist nur zu deinem Besten!“
Johann und Heinz blieb nichts anderes übrig, als sich der Anordnung zu fügen. Das neue Schuljahr fing richtig schlimm an! Quälend langsam verging der erste Schultag. Auf dem Weg nach Hause sagte Heinz: „Ich finde das voll daneben, wie der Sauer dich behandelt. Mich kotzt das echt an. So macht die Schule wirklich keinen Spaß!“
„Ich würde auch am liebsten gar nicht mehr hingehen und gleich bei meinem Vater in der Schlosserei anfangen. Aber der hat gesagt, die mittlere Reife sollte ich schon mindestens schaffen. Will ich eigentlich auch. Außerdem meinte er, dass es in der Schlosserei nicht mehr genug Arbeit für ihn und mich gibt, es kommen immer weniger Aufträge … dann wäre es langweilig für mich. Oder für ihn …“, fügte Johann mit einem Grinsen hinzu. Heinz trat wütend gegen einen Schneeberg am Straßenrand. „Lass uns heute Nachmittag nach Altwiesloch gehen. Da gibt es einen Hang, wo wir rodeln können.“
„Gute Idee!“, entgegnete Johann. Er freute sich, dass Heinz weiter zu ihm hielt, obwohl auch ihm deshalb das Leben zusehends schwer gemacht wurde.
APRIL 1934
Johann staunte über die Farbenpracht, als er mit seinem Rad das Ende des Dämmelwaldes erreicht hatte und auf den Feldweg nach Nußloch einbog. Die Obstbäume waren voll erblüht. Entlang des Weges standen Apfel-, Kirsch- und Birnbäume, die ein Meer von weißen und rosa Blüten bildeten, vermischt mit dem zarten Grün der frischen Blätter. Es war ein schöner Frühlingstag, der erste richtig warme Tag dieses Jahres nach einem langen und harten Winter.
Eigentlich wollten seine Eltern mit Johann eine Wanderung unternehmen, aber die Mutter hatte Migräne bekommen und sich hingelegt. Deshalb hatte der Vater vorgeschlagen, dass wenigstens Johann das herrliche Wetter nutzen und eine Runde mit dem Rad drehen solle. Dazu musste er nicht lange überredet werden. Insgeheim hatte er diesen Plan sogar besser gefunden, als mit den Eltern zu laufen. Er hatte noch bei Heinz vorbeigeschaut, aber dort war niemand zu Hause gewesen, also war Johann allein losgefahren.
Es war herrlich, endlich wieder Fahrrad fahren zu können. Johann hatte das Rad nach dem Winter geölt und aufgepumpt, so dass alle Teile einwandfrei ineinandergriffen. Und es war ein wunderbares Gefühl, an diesen blühenden Bäumen vorbei durch die Wiesen zu radeln!
In Nußloch machte er eine kleine Pause. Er erinnerte sich daran, wie Heinz und er letztes Jahr dort waren, bevor sie dieses wahnsinnige Gewitter überrascht hatte. Eigentlich war das noch gar nicht so lange her, und doch fühlte es sich an, als wäre es vor einer Ewigkeit gewesen!
Bald stieg er wieder auf sein Rad und fuhr zurück nach Wiesloch. Auch im Dämmelwald zeigten sich überall zarte Blätter. Johann atmete tief ein und genoss die milde Frühlingsluft. Doch als er sich dem Waldrand näherte, bemerkte er zum ersten Mal, dass etwas nicht stimmte: Beim Losfahren hatte die Stadt in träger sonntäglicher Ruhe gelegen, aber nun hörte er schon von weitem Lärm: Menschen riefen, Sirenen und Autohupen waren zu hören. Irgendetwas musste passiert sein. Neugierig ließ er das Fahrrad den Berg hinunter Richtung Innenstadt rollen. Dann roch er es und sah es auch: Brandgeruch, und dort hinten stieg schwarzer Rauch auf! Offenbar brannte es in der Stadt! Johann sah genauer hin und überlegte, wo der Qualm herkam. Es war östlich der Laurentiuskirche, aber nicht allzu weit, also ziemlich in der Nähe der Hesselgasse, oder sogar in der Hesselgasse? Hoffentlich nicht, dachte er und fuhr weiter.
Je näher er kam, umso mulmiger wurde ihm. Die Rufe und Sirenen wurden lauter und der Brandgeruch stärker. Er wollte in die Schlossstraße einbiegen, aber oben an der Kreuzung standen Heinz und dessen Vater, Herr Biermeister. Der hatte ihn entdeckt und rannte auf ihn zu. „Johann, bleib stehen! Bleib hier!“, rief er ihm zu. Johann hielt an.
„Was ist los? Wo brennt es?“
„Johann …“, begann Herr Biermeister. Mehr sagte er nicht, aber Johann konnte es seinem Blick schon ansehen. Ihm sackten die Beine weg. Heinz nahm ihm das Rad ab und setzte sich neben ihn auf den Bordstein. „Johann, wo sind deine Eltern?“, fragte Herr Biermeister. „Sind die nicht bei dir?“
Er schüttelte den Kopf. „Nein, meine Mutter hatte Migräne. Die sind zu Hause geblieben.“
Herr Biermeister und Heinz sahen sich an. „Oh Gott!“, rief Herr Biermeister aus. „Johann, es tut mir leid, aber es ist eure Werkstatt, die da brennt. Ich schaue nach deinen Eltern. Du bleibst hier und kommst auf keinen Fall nach. Heinz, du bleibst bei Johann. Ihr wartet hier, bis ich wiederkomme!“, befahl Herr Biermeister und lief dann den Berg hinunter, Richtung Hesselgasse.
Johann sah Herrn Biermeister nach, wie er hinter der Straßenecke verschwand. Das Treiben um ihn herum nahm er kaum wahr. Die Rufe, die Aufregung, die Sirenen verschwammen in einem Nebel aus Angst und Entsetzen, vermischt mit einem Rest Hoffnung, dass seine Eltern sich retten konnten oder noch gerettet würden. Heinz saß neben Johann und drückte seinen Arm. Gut, dass er jetzt bei ihm war!
