Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Florian Herfurth träumt schon sein ganzes Leben lang von einem eigenen Haus. Aber es gibt große Widerstände, schließlich kommen seine Frau und er mit ihren Jobs gerade so über die Runden. Nebenbei unterstützt er noch die 71jährige Ingrid Leitner, die sieben Häuser besitzt und an MS erkrankt ist. Eines Tages erfährt er, dass er sämtliche Häuser von ihr erben soll, weil Leitner auf Norderney einen Selbstmord plant. Auf der Urlaubsinsel beginnt nun ein Abenteuer, bei dem es nicht nur um ein Häusererbe geht, sondern auch um die Rettung eines Menschen, eine Liebe auf den ersten Blick und um den Zusammenhalt der Familie.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 293
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Liebe Leserin, lieber Leser,
dieser Roman war für mich Experiment und zugleich Abenteuer. Ich habe ihn größtenteils in der S-Bahn geschrieben, oftmals zwischen Tür und Angel …
Ich hoffe, dass Dir dieses Buch gefällt und wünsche viel Spaß beim Lesen.
Über Feedback freue ich mich sehr:facebook.com/7haeuser
Beste Grüße Finn Danny
Florian Herfurth, Nidderau
Ingrid, Frankfurt-Schwanheim
Florian, Nidderau
Anna, Frankfurt-Goldstein
Florian, Frankfurt am Main
Ingrid, Frankfurt-Schwanheim
Florian, Nidderau
Tatjana, Nidderau
Florian, Autobahn Richtung Haussömmern (Saale Unstrut)
Tatjana, Nidderau
Florian, Haussömmern
Ingrid, Schwanheim
Anna, Goldstein
Tatjana, Nidderau
Florian, Haussömmern
Katrin, Frankfurt-Sachsenhausen
Ingrid, Schwanheim
Tatjana, Nidderau
Anna, Goldstein
Florian, Haussömmern
Anna, Goldstein
Florian, Haussömmern
Anna, Goldstein
Anna, Goldstein
Tatjana, Nidderau
Florian, Nidderau
Tatjana, Nidderau
Ingrid, Schwanheim
Florian, Friedberg
Katrin, Sachsenhausen
Florian, Friedberg
Florian, Autobahn Richtung Norddeich
Florian, Norderney
Katrin, Frankfurt-Westend
Tatjana, Niddaburg
Florian, Norderney
Anna, Frankfurt-City
Ingrid, Norderney
Florian, Norderney, Chats
Florian, Norderney
Katrin, Sachenhausen
Ingrid, Norderney
Florian, Norderney
Katrin, Sachsenhausen
Florian, Norderney, Chats
Florian, Norderney
Florian, Norderney, Chats
Florian, Norderney
Ingrid, Norderney
Florian, Norderney
Ingrid, Norderney
Katrin, Norddeich
Florian, Norderney
Chats
Florian, Norderney
Tatjana, Nidderau
Florian, Norderney
Florian, Norderney
Ingrid, Norderney
Chats
Florian, Autobahn Richtung Nidderau
Florian, Autobahnraststätte
Ingrid, Norderney
Chats
Tatjana, Nidderau
Florian, Norddeich
Endlich schneite es. Florian Herfurth fuhr mit seinem BMW wie jeden Freitag kurz vor sechs Uhr zum Getränkemarkt Schluckbär, für den er seit über drei Jahren arbeitete.
So lange hatte er diesen Nebenjob ursprünglich gar nicht ausüben wollen, aber zuletzt war die Zeit für ihn einfach verflogen.
Wenn er sich darüber Gedanken machte, und in letzter Zeit tat er das vermehrt, sah er immer die gleichen Vor- und Nachteile, welche sich stets die Waage hielten.
Überzeugten ihn in einem Moment die geringe Entfernung zur Wohnung und der spannende Kontrast zu seinem Hauptberuf als Grafikdesigner, sah er schon im nächsten Moment die erheblichen körperlichen Anstrengungen, das größtenteils stumpfsinnige Aufgabengebiet und vor allem den deprimierend niedrigen Stundenlohn.
Darüber dachte er gerade nach, als er kräftig auf die Bremse trat, womit er den weinroten 1302er ins Schlingern brachte. Der kantige BMW eignete sich perfekt für solch ein gewagtes Fahrmanöver auf rutschigem Pulverschnee. Florian gab wieder Gas, drückte das Pedal einen Moment lang bis zum Anschlag durch, bremste und riss gleichzeitig das Lenkrad herum.
In diesem Moment verflogen die bedrückenden Gedanken und er fühlte sich plötzlich wie ein Kind, das von diesem tollen Spiel nicht mehr genug bekommen konnte, deswegen wiederholte er diese Aktion mehrmals.
Die Vernunft holte ihn schließlich doch wieder ein, so dass er nach einigen wilden Runden seinen geliebten Oldtimer direkt neben dem Außenlager des Marktes parkte.
Während er noch ein paar Minuten vor dem Eingang des Getränkemarktes stehenblieb, so wie er es morgens immer machte, dachte er nochmals an den bevorstehenden Termin mit dem Kundenberater der Direct-Home-Bank.
Ein eigenes Haus war schon immer sein größter Traum gewesen, doch dieses Argument überzeugte ja nicht mal mehr seine Frau, daher brauchte er es bei der Bank erst gar nicht anzusprechen.
Tatjana war auf diesem Gebiet eine ziemlich harte Nuss, die er bislang nicht hatte knacken können.
Im Grunde genommen war sie genauso stur wie er selbst und wähnte sich ebenfalls im Recht.
Vielleicht hatte er sich mit diesem Thema ja nicht nur nicht genügend Mühe gegeben, sondern auch noch zu wenig Verständnis für ihre Position gezeigt.
Zuletzt hatte er wie gegen eine Wand geredet und er konnte im Moment gar nicht mehr sicher sagen, ab welchem Zeitpunkt dieses Problem aufgetreten war.
Wenn sie ihre Vorstellungen beschrieben hatte, hatte er nicht wirklich zugehört und andersherum war es offensichtlich genauso gelaufen.
Aber ohne Kompromisse fuhr man als Ehepaar ab einem gewissen Zeitpunkt zwangsläufig gegen eine Wand, daher musste er in Zukunft ihre Sorgen und Bedenken ernster nehmen.
Aus seiner Sicht hatte sie zu viel Angst vor einer möglichen Schuldenfalle. Ihrer Meinung nach reichten ihre beiden Gehälter bei weitem nicht aus, um solch ein Ziel umsetzen zu können.
Nach dem Gespräch mit dem Kundenberater der Bank musste er bei ihr genau an diesem wunden Punkt ansetzen, um sie dorthin bringen zu können, wo er sie haben wollte. Es war höchste Zeit für eine neue Strategie.
Florian formte einen Schneeball und warf ihn mit Wucht gegen eine Häuserwand.
Mit dem Aufprall erinnerte er sich wieder an den Traum der letzten Nacht, aus dem er mitten in der Nacht aufgeschreckt war.
Am Anfang des Traumes stellte er seine Arbeitstasche im Flur seines Hauses ab und wunderte sich über die ganzen anderen gleich aussehenden Arbeitstaschen, welche mitten im Weg verstreut herumlagen, bevor er das Wohnzimmer betrat.
Seine Frau lag dort wimmernd auf den Fußboden und blickte ihn mit verweinten Augen an.
Es waren blutrote Tränen, die auf seine Hände tropften, als er sie streichelte und dabei fragte, was los sei.
Mit unnatürlich hoher Stimme antwortete sie, ihr Kopf würde gerade implodieren, er müsse etwas tun. Sie sehe nur noch rot, nur noch Blut, wiederholte sie andauernd.
Dann schrie sie, alles in ihrem Kopf brenne wie Feuer.
Dabei wachte er schließlich schweißgebadet auf.
Hatte dieser etwa Traum eine Bedeutung?
Litt Tatjana vielleicht doch mehr darunter, dass er nicht nur diesen Häusertick hatte, sondern viel mehr so viel Zeit mit Ingrid verbrachte und sich scheinbar mehr um deren Leben kümmerte als um die eigene Familie?
Hier lag doch das eigentliche Problem. Sein Traum vom eigenen Haus auf dem Land war in Wirklichkeit nur ein Nebenkriegsschauplatz, für den unnötig viel Munition verpulvert wurde.
Im nächsten Moment kamen ihm die Tatjanas letzte Vorwürfe in den Sinn.
„Du bist ja kaum noch Zuhause“, hatte sie ihm am letzten Abend vorgehalten, „wir sind einfach kein gut funktionierendes Team mehr, seit du dich so intensiv um die Leitner kümmerst.
Ich kann dich einfach nicht mehr verstehen. Wir müssen doch den Alltag irgendwie gemeinsam meistern. Aber nein, du entwickelst dich immer mehr zum Einzelgänger.
Weißt du was? Ich hab das Gefühl, dass zwischen uns inzwischen eine Mauer steht. Einer von uns beiden muss sie irgendwann einreißen, sonst wird sie vielleicht noch unüberwindlich.“
Er warf noch ein paar weitere Schneebälle, bis seine Zähne klapperten.
Für diese Jahreszeit war er mal wieder viel zu leicht angezogen. Andererseits fehlte ihm wohl auch etwas Speck auf den Hüften. Bei einer Körpergröße von 1,86 Meter wog er gerade noch 73 Kilogramm, das war definitiv Untergewicht. Vor lauter Arbeit kam er ja kaum noch zum Essen. Oder lag das an dem ganzen Stress der letzten Zeit?
Langsam bist du ja nur noch Haut und Knochen, hörte er seine Frau in Gedanken sagen.
Nun beobachtete er einen Audi Q7, der auf dem Parkplatz des Schluckbärs wendete.
Eine Zeit lang sah er dabei zu, wie die grellen Halogenscheinwerfer die Dunkelheit ausleuchteten und ihn kurzfristig blendeten, bevor ein lautes Aufheulen des Motors die Stille zerschnitt und der Audi wieder verschwunden war.
Im nächsten Moment betrat er den Laden, um die notwendigen Vorbereitungen für die Öffnung zu treffen.
Florian war gespannt, wie Tatjanas Stimmung war, wenn sie ihn auf dem Weg zur Arbeit kurz besuchte, wie sie es fast jeden Morgen machte.
Ingrid Leitner fühlte sich gut, deutlich besser als in den letzten Tagen. Keine Atemnot, keine Panikattacken, kein Schwindel und auch kein Verlust der Sehstärke, stellte sie zufrieden fest.
Höchstens ein bisschen Müdigkeit. Aber der Tag war noch lang, sie durfte sich also nicht zu früh freuen. Einen Moment lang überlegte sie, ob sie sich zur Feier des Tages ein schönes Glas Winzersekt einschenken sollte.
Doch jetzt saß sie gerade so gemütlich in ihrem Wohnzimmer und zappte von einem Fernsehsender zum anderen, das tat einfach gut, dabei wollte sie es vorerst belassen.
Andererseits saß sie in letzter Zeit zu oft vor dem Fernseher und verschwendete viel wertvolle Zeit. Insbesondere das Lesen kam ja seit geraumer Zeit viel zu kurz.
Nun warf sie einen Blick auf das gut bestückte Bücherregal, welches die zweitgrößte Sammlung in diesem Haus darstellte.
Nur im großzügigen Flurbereich gab es noch mehr Bücher.
Ingrid erhob sich von ihrem Massagesessel, um dort die Regale zu prüfen.
Sie freute sich noch immer über die damalige Entscheidung, die Wände des Flurs komplett mit eingebauten Bücherregalen auszustatten.
Sobald man diese Wohnung betrat, eröffnete sich einem auch gleich eine besondere Atmosphäre, eine Welt der großartigsten Romane des zwanzigsten Jahrhunderts.
Wer hier durchgeht, ohne nach einem Buch zu greifen, ist ein Kulturbanause, dachte sie, während sie Das Glasperlenspiel von Hermann Hesse auswählte. Diesen Roman hatte sie damals gelesen, als sie gerade ihren Mann Hans-Jürgen kennengelernt hatte. Zärtlich strich sie über den Einband des Buches, der noch wie neu aussah, und schwelgte eine Weile in schönen Erinnerungen an die guten alten Zeiten.
Anschließend musste sie an ihre derzeit bedenkliche Leseleistung denken, denn sie las inzwischen nur noch bruchstückhaft. Sobald sie ein Buch begonnen hatte, brach sie es meistens nach kurzer Zeit wieder ab, weil sie sich kaum noch konzentrieren konnte.
Dabei fragte sie sich immer wieder, wo denn ihre alte Ausdauer geblieben war.
Andererseits machten ihr ja auch die zunehmenden Probleme mit ihren Augen immer mehr zu schaffen. Das Lesen fiel ihr von Buch zu Buch schwerer. Katrin, ihr einziges Kind, hatte ihr deswegen in letzter Zeit mehrmals dazu geraten, einen E-Book-Reader zu verwenden, aber das kam für sie unter keinen Umständen in Frage.
Ingrid stellte das Buch wieder zurück und fragte sich im nächsten Moment, warum sie heute eigentlich keinen Abstecher zum Café Sismayer machte, wo es die feinsten Schnittchen und Kuchen in ganz Frankfurt gab? Sie entschied sich schließlich dagegen, weil sie sich in Cafés und Restaurants inzwischen noch einsamer fühlte als Zuhause.
Früher war sie mit Margarete Kolb fast täglich um diese Zeit ins Sismayer gegangen, wo sie sich dann meistens auch stundenlang aufgehalten und bestens unterhalten hatten, aber diese Zeiten waren definitiv Vergangenheit.
Seither hatte sich ihr Leben drastisch verändert.
Wer schluckt die Tabletten zuerst, hat sie mich beim letzten Treffen nochmals gefragt, dachte Ingrid. Nur zwei Tage später hatte sie das Spiel gewonnen, welches sich die beiden besten Freundinnen ein Jahr zuvor ausgedacht hatten.
Dabei war vereinbart worden, dass die Verliererin mindestens ein Haus der Gewinnerin vererbt. Margarete hatte ihr schließlich sämtliche Häuser vererbt, weil sie zum Schluss alleine gewesen war. Eigentlich ist dieses Erbe für mich ja ziemlich witzlos, aber gut, dachte Ingrid, Margarete wollte es so haben.
Du hast gewonnen, meine liebe Freundin und liegst schon längst auf dem Friedhof in Sachsenhausen, wo wir vor kurzem noch zusammen spazieren gegangen sind.
Morgen komme ich dich übrigens wieder besuchen, du kannst dich auf mich verlassen.
Sonst sehe ich nie jemand aus deiner Sippschaft, ganz wie du es vorausgesagt hast. Schon bald werde ich im Spiel nachziehen.
Bei mir wird es nicht anders sein, meine eigene Tochter wird sich wohl einen Dreck um mein Grab scheren. Sie ist leider eine berechnende Schlampe geworden und vielleicht trage ich auch eine gewisse Schuld daran.
Die beste Freundin hatte unter Parkinson gelitten und noch mehr Angst vor dem weiteren Verlauf der Krankheit gehabt als Ingrid, die seit etwa zehn Jahren MS hatte.
Wir warten nicht ab bis zuletzt, bis wir elendiglich dahinsiechen und schließlich verrecken, hörte sie ihre Freundin jetzt wieder sagen. Wir sind stark und mutig und enden nicht als hoffnungsloser Pflegefall in irgendeinem Heim.
Nicht wir, meine Liebe. Du oder ich, wer traut sich zuerst?
"Ich bin also die große Verliererin mit drei weiteren Häusern in Eltville, Nidderau und auf der Friedberger Landstraße im Herzen von Frankfurt."
Sie musste kurz auflachen, obwohl ihr im Moment eher zum Heulen zumute war. "Drei Prachtvillen", sagte sie, während sie ein Bild von Hans-Jürgen betrachtete.
Für sie war es normal geworden, mit den Bildern ihres vor knapp vier Jahrzehnten verstorbenen Mannes zu sprechen. Im Privatleben hatte sie genau genommen nur noch Florian, mit dem sie sich unterhalten konnte.
Katrin hatte nie Zeit, wenn man jemanden zum Reden brauchte. Alles an ihr war nur noch Berechnung, das ging Ingrid schon längere Zeit gegen den Strich.
"Woher sie das hat, weiß ich nicht, Hans-Jürgen, jedenfalls ist es in letzter Zeit schlimmer geworden. Ich hab den Eindruck, sie überlegt immer schon, was sie alles am besten verscherbeln kann, wenn ich nicht mehr bin. Warum ist sie unser Kind und nicht Florian? Sie hat nichts von dir und nur die negativen Eigenschaften von mir. Er dagegen hat viel von dir und sieht ja auch so ähnlich aus, findest du nicht?
Jedenfalls kümmert er sich aufopfernd um die neuen Häuser, das finde ich großartig.“
Im nächsten Moment traf eine Mail von Florian ein. Ingrid schnappte sich ihr Smartphone und wunderte sich über diesen Zufall.
E-Mail von Florian Herfurth an Ingrid Leitner, 14:00 Uhr
„Hallo, Frau Leitner, ich hab heute meinen Termin bei der Bank. Aber es wird wohl doch schwer. Die Raten wären ganz schön heftig. Und wir haben viel zu wenig Eigenkapital. Aber ich will trotzdem mal gezielt nachfragen, wie die Bank das sieht. Eigentlich wollte ich danach noch kurz bei Ihnen vorbeikommen. Aber ich fahre dann doch besser gleich los Richtung Haussömmern. Von dort melde ich mich wieder. Morgen arbeitet Kollege Pinna. Deswegen kann ich bis morgen oder übermorgen bleiben."
Ingrid freute sich über diese Nachricht und überlegte kurz, ob sie nicht doch besser mitfahren sollte, verwarf die Idee aber wieder. Obwohl sie gerne weiter über Florians Engagement für ihre Häuser nachgedacht hätte, musste sie jetzt wieder an ihre Tochter denken. Je länger sie das tat, desto aufgewühlter fühlte sie sich.
In letzter Zeit deprimierte sie kein anderes Thema mehr als das inzwischen so schwierig gewordene Verhältnis.
Meistens litt sie dann unter Kopfschmerzen, wenn sie bedachte, wie ihre Tochter ihr Leben verkorkste. Und das alles nur wegen diesem gottverfluchten Manager, dachte sie, mir ist dieser Typ so was von zuwider.
Zwei Jahre geht dieser Wahnsinn nun schon und ein Ende ohne Schrecken ist nicht in Sicht. Katrin muss sich endlich besinnen, sie braucht ein deutliches Signal.
Nachdem Florian die übriggebliebenen Stapel mit Getränkekisten aufgeräumt hatte, versuchte er sich nicht mehr weiter über den Kollegen Dauti zu ärgern, welcher allzu oft die Arbeit liegenließ.
Langsam war es an der Zeit, diesem Faulenzer die Meinung zu geigen.
Dafür musste man sich auch mal begegnen, das passierte aber nur selten. Meistens hatte er nur mit Francesco Pinna zu tun, der ihn heute schon nach drei Stunden ablösen würde, so dass er seinen Termin bei der Bank wahrnehmen konnte.
Florian unterhielt sich gerne mit ihm über den Schluckbär, sobald er zum Ablösen kam. Der gleichaltrige Kollege, der aber gut und gerne zehn Jahre älter aussah, steckte in der gleichen Konfliktsituation wie er selbst.
Man gab immer einhundert Prozent, die aber in keinem Verhältnis zum Verdienst und zur Anerkennung standen.
Niemand dankte einem den überdurchschnittlichen Einsatz, das war nicht gerade aufbauend.
Darüber dachte er gerade nach, als er sich um die Ordnung in der Bierabteilung bemühte. Völlig unerwartet stand plötzlich seine Frau hinter ihm und tippte ihm auf die Schulter.
“Du hast schon wieder die Türe offen gelassen.” Nachdem er sich umgedreht hatte, gab sie ihm einen flüchtigen Kuss auf den Mund und blickte schräg nach oben an ihm vorbei.
An diesem Morgen war sie anders geschminkt als üblicherweise. Er wunderte sich über den rosafarbenen Lippenstift und die Fingernägel in der gleichen Farbe und überlegte, ob er sie darauf ansprechen sollte, verwarf die Idee aber wieder. In letzter Zeit hatte sie sich entweder überhaupt nicht geschminkt, oder sie hatte es mit knalligen Rottönen gleich übertrieben.
„Du bist ja schon ganz verschwitzt. Wie kann das denn sein bei diesen Temperaturen? Hast du schon wieder zu viel gemacht? Zuhause regst du dich dann wieder über die harte Arbeit auf.“
Ihre rechthaberische Art ging ihm schon lange auf die Nerven.
In nahezu jeder Situation stellte sie ihn inzwischen als Buhmann hin.
„Ja, ich weiß …“ „Du musst halt mal was ändern, oder? Aber ich rede ja doch nur gegen eine Wand. Du änderst sowieso nichts.
Du machst dich hier zum Deppen und bist wie ein kleines Kind, dem man alles tausendmal sagen kann, ohne dass es am Ende etwas nutzt. Dieser eine Kollege handelt jedenfalls viel klüger, weil er sich nicht so ausnutzen lässt.
Du jedoch schuftest hier wie ein Tier und das auch noch für das bisschen Kohle. Das ist doch völlig bescheuert, wenn du mich fragst.“
Sein Lebensmotto, sich immer voll und ganz für die jeweilige Sache einzusetzen, hatte ihn genau genommen über die ganzen Jahre hinweg nicht wirklich weitergebracht, das musste er sich selbst ehrlicherweise eingestehen.
In Wirklichkeit trat er schon lange auf der Stelle. Das galt sowohl für diesen körperlich anstrengenden Nebenjob wie auch für seine Stelle bei Kulls&Kells als Grafikdesigner.
Bei seiner Frau verhielt es sich mit ihrer Halbtagsstelle in der Bücherei ganz ähnlich.
Im Unterschied zu ihm suchte sie aber noch zumindest nach einem Ausweg aus dem Dilemma, nach einer echten Alternative.
Dabei hatte ihre Suche nach einer passenden Vollzeitstelle für ihn schon tragisch-komische Züge denn es war immer der gleiche Ablauf.
Sie entdeckte eine neue, scheinbar super spannende Stelle, bewarb sich dann immer so schnell wie möglich und redete anschließend kaum noch über ein anderes Thema. Sobald dann eines dieser nichtssagenden Absageschreiben eintraf, herrschte prompt Weltuntergangsstimmung.
„Ja, da ist was dran, ich werde demnächst etwas ändern.
Was anderes, ich habe heute einen Termin bei der Bank.
Vielleicht reicht unser Eigenkapital ja doch noch …“
„Ach, Floi, bitte nicht schon wieder dieses Thema! Willst du denn nicht verstehen, dass wir dafür zu wenig Geld haben?
Wir haben das alles doch schon tausendmal durchgekaut und kommen einfach nicht weiter. Ich will nicht jeden Euro fünfmal umdrehen müssen, bevor ich ihn ausgebe, kapier das doch endlich mal.
Daran wird auch dieser Termin nichts ändern. Doch lass dich nicht aufhalten, gehe ruhig hin …“
„Aber wir haben inzwischen immerhin knapp 10.000 Euro Eigenkapital. Damit lässt sich doch …“
„Schatz, eigentlich brauchen wir genau dieses Geld dringend für neue Möbel, Kleidung, Spielsachen, ach, ich hätte da eine Endlosliste. Schau dir doch mal nur unsere Küche an, die ist voll schrottreif. Aber wir können uns nicht mal eine von IKEA leisten. Anderes Beispiel: Anninas Kinderzimmer oder selbst unser Schlafzimmer, alles total veraltet. Wir haben zwar eine große Wohnung, doch die Einrichtung ist unter aller Sau. Du willst das nicht hören, ich kann es dir wieder mal vom Gesicht ablesen.“
„Tati, das ändert sich doch alles, wenn wir uns was kaufen“, erwiderte er, während er leere Bierkisten auf einen Gabelstapler lud.
„Von welchem Geld denn? Sag mir das mal! Mit einem Kredit können wir gerade eine Wohnung oder ein kleines Haus kaufen. Irgendwo in der tiefsten Pampa. Und dann müssen wir mit dem ganzen alten Krempel umziehen und ewig warten, bis wir mal was Neues kaufen können.
Siehst du das denn wirklich nicht, oder willst du es einfach nicht sehen?“
„Vielleicht bekomme ich ja doch schon bald die Vollzeitstelle.“
„Floi, darauf wartest du schon fünf Jahre oder noch länger. Das können wir uns wohl abschminken. Es gibt keinen Lichtblick mehr.
So viel ist mir inzwischen klargeworden. Es ist alles nur noch zum Kotzen, echt wahr!“
„Dann gibt es ja noch das Geld von Ingrid. In letzter Zeit gibt sie viel mehr als früher.“
„Ja ja, früher hat sie auch mal gar nichts gegeben daran kann ich mich noch sehr gut erinnern. Und du hast schon immer das Mädchen für alles gespielt und rennst sofort, wenn sie dich ruft. Wo ist überhaupt das ganze Geld von ihr geblieben?“
„Das ist ja gerade das Eigenkapital …“
„Du hast es immer nur auf dieses behämmerte Konto eingezahlt, obwohl wir jeden Monat kämpfen müssen.
Aber mach nur so weiter. Geh doch zu deinem doofen Kundenberater. Er wird dir auch nichts anderes sagen.“
Sie schnappte sich ihre Arbeitstasche und verließ wütend den Getränkemarkt.
Florian öffnete kurz darauf den Laden und spürte in diesem Moment starke Schmerzen im Nackenbereich, wo alles schon seit Monaten verhärtet war. Drückte er dort an einer Stelle, entstand augenblicklich ein stechender Schmerz.
So langsam musste er tatsächlich mehr auf sich Acht geben, schließlich war er mit seinen 44 Jahren auch nicht mehr der Jüngste. Während er später ein paar Stammkunden mit dem üblichen Smalltalk bediente, ging ihm das letzte Streitgespräch mit Tatjana nicht mehr aus dem Kopf.
Gleich nach dem Aufstehen hatte sie wieder an den Traum gedacht, der sie mitten in der letzten Nacht aus dem Schlaf gerissen hatte.
Anna Maroldt verspeiste ihr selbstgemachtes Müsli mit gerösteten Haferflocken und heißen Himbeeren, als sie sich die nächtlichen Notizen in ihrem Traumbuch durchlas, welches sie seit über sechs Jahren führte.
Dort standen sämtliche Erinnerungen an außergewöhnliche Träume. Auch den letzten Traum stufte sie als einen besonderen ein, über den sie noch nachdenken wollte, um eine mögliche Bedeutung herauszufiltern. In diesem Traum hatte sie gleich morgens nach dem Aufstehen die Türe geöffnet, worauf zwei zwergenhafte Männer eingetreten waren und sie auf ihre Verbindlichkeiten bei der Bank angesprochen hatten.
Sie drohten mit langen, gezackten Messern und schrien, sie habe das Geld der Bank sinnlos verschwendet, sie müsse deswegen bluten. Anna rannte sofort los.
Im nächsten Moment hangelte sie sich von Fensterrahmen zu Fensterrahmen hinauf bis zum Dach des Wohnhauses.
Oben angekommen staunte sie über die Höhe und rannte weiter, um ihren Verfolgern zu entfliehen. An der Kante angekommen, schaute sie erneut in die Tiefe und hielt noch mal kurz inne, bevor sie hinunter sprang. Im freien Fall drehte sie sich mehrmals um die eigene Ache und dabei erschien ihr alles wie in Zeitlupe.
Vom Dach des Hauses blickten ihr die Bankangestellten nach.
Sie sah noch die Freude in den hässlichen Gesichtern aufblitzen, bis sie wieder nach unten blickte. Dort stand auf einmal ein Mann, der zu ihr nach oben schaute und die Arme öffnete. Er rief ihr zu, er werde sie auffangen, sie solle unbesorgt sein, alles werde gut, als sie aus dem Traum erwachte.
Anna fügte jetzt noch ein paar Notizen hinzu, bevor sie sich unter die Dusche stellte. Dort machte sie sich weitere Gedanken über den letzten Traum und kam am Ende zu dem Schluss, dass eine größere Veränderung bevorstehen musste.
Andererseits konnte es ja auch nicht mehr lange so weitergehen.
Bis auf die Freundschaft mit Chiara gab es kaum noch etwas in ihrem Leben, das sie gut fand. Viel mehr wuchsen ihr die Probleme inzwischen über den Kopf.
Dass sie zurzeit alleine war und keinen passenden Partner fand, war schon für sich genommen schlimm genug, aber noch mehr belasteten sie ihre Geldsorgen. Sie hatte einfach kein Geld mehr, alle Karten waren bis zum Limit ausgeschöpft.
Sie schamponierte sich die Haare und dachte wieder darüber nach, ob sie nicht doch viel zu viel Geld in ihre Wohnungseinrichtung gesteckt hatte, ohne für sich zu einer klaren Erkenntnis zu kommen. Inzwischen hatte sie zumindest eine stilvoll eingerichtete Wohnung in einem mausgrauen Wohnklotz.
Dort, wo alles um sie herum hässlich und lieblos war, hatte sie sich ihr kleines Paradies eingerichtet. Dabei hatte sie aber viel zu lange die entsprechenden Raten und Zinsen unterschätzt.
Obwohl ihr schon längst klar geworden war, dass sie so auf Dauer nicht wirtschaften und alles ein böses Ende nehmen würde, machte sie doch immer wieder die gleichen Fehler.
Neben den ganzen Möbeln hatte sie noch eine große Leidenschaft für schöne Kleidung, für die sie vor allem in letzter Zeit wahnsinnig viel Geld ausgegeben hatte.
Dabei bestellte sie seit einem halben Jahr vorwiegend online und bezahlte entweder mit ihrer EC-Karte oder mit VISA.
Alles war so komfortabel, einfach und verführerisch, dass es schon eine große Disziplin erforderte, diesen Reizen zu widerstehen.
Aber nun war alles völlig überzogen, die Geldautomaten spuckten nichts mehr aus, daher hatte sich das Problem von alleine erledigt.
Anna trank ihren Kaffee aus, schäumte ihren Körper mit einem herrlich duftenden Duschschaum ein und schaltete endlich ein paar Minuten lang ab. Aber schon beim Schminken machte sie sich wieder Sorgen. Wie würde ihr Termin bei der Bank ablaufen? Am Telefon war dieser Kundenberater ja überraschend freundlich gewesen.
Aber hatte das wirklich eine Bedeutung? Sprachen die miesen Zahlen nicht eine eindeutige Sprache?
Eine Kreditaufstockung war wohl die einzige Chance, um diesen Monat überhaupt noch über die Runden kommen zu können.
Anna überlegte jetzt, was sie für diesen Termin anziehen sollte.
Vielleicht ließ sich den Berater ein wenig um den Finger wickeln.
Möglicherweise war er der nette Retter aus ihrem letzten Traum.
Sie betrachtete ihr Spiegelbild und sagte sich, dass sie nicht nur ihr ganzes Geld verplemperte, sondern auch ihr hübsches Gesicht.
Warum zur Hölle nutze sie dieses Gesicht nicht? War das nicht sogar die größte Dummheit, die sie bislang begangen hatte?
Sie bekam plötzlich große Lust, diesem fast perfekten Antlitz einen dauerhaften Schaden zuzufügen. Einen Moment schloss sie die Augen und stellte sich vor, wie sie sich mit einer Scherbe von einem Auge bis hinab zum Kinn einen tiefen Riss zufügte. Als sie das Blut aus der Wunde rinnen sah, öffnete sie wieder die Augen und setzte ein zuversichtliches Grinsen auf, bis sie im nächsten Moment wieder ernst und dann ganz traurig blickte.
Warum zitterten seine Hände, als er sich nochmals die Notizen durchlas, die er sich kurz vor Feierabend gemacht hatte? Florian saß auf einem der unbequemen grauen Plastikstühle und wunderte sich über seine Nervosität.
Zwischenzeitlich starrte er immer wieder auf die geschlossene graue Tür des Kundenberaters.
Nachdem die vereinbarte Zeit bereits um fünfzehn Minuten überschritten war, trat er an die Türe heran und wollte gerade vorsichtig anklopfen, als sie geöffnet wurde.
Plötzlich stand eine junge Frau vor ihm, die ihm merkwürdig tief in die Augen blickte, bevor sie schließlich mit hängendem Kopf zum Ausgang ging. Florian blickte ihr so lange hinterher, bis sie aus seinem Sichtfeld verschwunden war und fasste sich an die Stirn, um nervös daran zu reiben.
Das tat er immer dann, wenn ihn eine Situation überraschte und unter Stress setzte. Irgendetwas trieb ihn nun an, der jungen Frau zu folgen und er wollte diesem Drang gerade nachgeben, als er vom Kundenberater angesprochen wurde.
„Sind Sie Herr Herfurth? Kommen Sie doch bitte …“
Florian zögerte noch einen Sekundenbruchteil, bevor er kurz nickte und dem Kundenberater jener Bank folgte, welche ihm von seinem besten Freund empfohlen worden war.
„Mein Name ist Tim Galatowsky. Nehmen sie doch bitte Platz.“ Florian setzte sich und bemerkte noch die Wärme, welche die junge Frau auf diesem Stuhl hinterlassen hatte, sie fühlte sich gut an.
„Bei Ihnen geht es also um den Kauf einer Immobilie, nicht? Das ist prinzipiell eine gute und richtige Sache. Es ist genau genommen die beste Investition, die man in diesen Zeiten machen kann, wenn ich das so sagen darf.
Gut, haben Sie konkrete Zahlen für mich?“
„Ja, in dieser Aufstellung können Sie alles sehen“, sagte Florian mit brüchiger Stimme, für die er sich schon im nächsten Augenblick schämte.
Er beobachtete den Kundenberater, wie er die Zahlen prüfte und zum Schluss ein gutgemeintes, aber eindeutig falsches Lächeln aufsetzte.
„Immerhin gibt es hier ja noch eine gewisse Perspektive im Vergleich zu vorhin. Entschuldigen Sie, das tut ja nichts zur Sache, vergessen Sie das bitte wieder. Aha, es sind also Teilzeitstellen, um ...“
Florian nickte nur und dachte sich seinen Teil.
Vor allem musste er wieder an die junge Frau denken, deren Anblick ihn aus der Fassung gebracht hatte. Aber wie konnte das nur möglich sein? Gut, sie hatte ein auffallend hübsches Gesicht und so ziemlich die beste Figur, die man sich überhaupt vorstellen konnte. Aber genügte das, um sich hier in dieser wichtigen Situation selbst aus der Fassung zu bringen? Was war gerade mit ihm los?
Warum träumte er mit offenen Augen?
„Also, ich will nicht lange um den heißen Brei herumreden. Es wird schwierig, definitiv! Man kann höchstens eine kleine Immobilie auf dem Land in Erwägung ziehen.
Aber bedenken Sie bitte den extrem knappen Puffer, der am Ende eines Monats verbleibt. Dann darf nichts mehr schiefgehen und nichts außer der Reihe passieren. Daher ist höchste Vorsicht geboten. Gerade in letzter Zeit gab es enorm viele Probleme mit solchen Krediten. Daher rate ich hiervon eher ab …“
Florian hörte nun die tiefe Stimme des Kundenberaters wie aus einer größeren Entfernung, sie schien am Ende sogar zu verwehen.
Selbst an diesem Ort war er Lichtjahre von der Erfüllung seines Traumes entfernt. Mit jedem weiteren erklärenden Wort entfernte sich der Haustraum immer noch weiter.
„Denken Sie noch mal über alles nach. Vielleicht können Sie ja …“ Florian stand auf, drückte Galatowsky die Hand und verließ wortlos den Raum. Sein Rücken schmerzte jetzt noch mehr, als er das Bankgebäude verlassen und sich auf den Weg zu seinem Auto gemacht hatte. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite fiel ihm ein gelber Audi 80 auf.
Er liebte Oldtimer und war sofort fasziniert von dieser tollen Karre.
Mit großer Wahrscheinlichkeit ging es hier um die 1977er-Baureihe, die ihn schon immer fasziniert hatte.
Der Audi war top gepflegt, das sah man auf den ersten Blick.
Als er direkt auf Höhe der Beifahrerseite stand und einen Blick ins Wageninnere warf, sah er jene Frau, welcher er kurz vor dem Gespräch mit dem Kundenberater begegnet war.
Anfangs bemerkte sie ihn nicht, weil sie ihre Stirn gegen das Lenkrad presste und hemmungslos weinte. Daher zögerte er einen Moment lang, bis er sich einen Ruck gab und gegen die Scheibe klopfte, worauf sie das Fenster herunterkurbelte und ihn mit verweintem Gesicht anschaute.
"Kann ich helfen?"
"Mir ist nicht mehr zu helfen, glaube ich."
Ein Weinkrampf schüttelte ihren ganzen Körper. Was sollte er überhaupt noch sagen? War es besser, ganz unverbindlich zu bleiben und so schnell wie möglich wieder das Weite zu suchen? Aber nein, er konnte sie nicht im Stich lassen.
„Bei mir ist es total beschissen gelaufen“, schluchzte sie, „bei dir auch?“
Damit hatte sie voll ins Schwarze getroffen, das Gespräch mit dem Kundenberater hatte ihn nicht weitergebracht.
Tatjana würde ihn bei nächster Gelegenheit auslachen und sich umso mehr bestätigt sehen mit all ihren Zweifeln. Er bewegte sich auf Glatteis und dieser fabelhaft gutaussehenden Person schien es nicht anders zu gehen.
Sie war ja vollkommen fertig mit den Nerven, daher musste er jetzt endlich mal etwas unternehmen.
„Das Gespräch war ein Reinfall“, antwortete Florian, „ich hätte es mir sparen können. Aber irgendwann geht es auch wieder bergauf, sage ich mir dann immer.“
Sie zog die Augenbrauen hoch und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht, dann lächelte sie ihn auf eine umwerfende Art an, dass ihm die Knie wackelten.
„Steig ein“, sagte sie nun mit festerer Stimme, „ich will dich gerne kennenlernen.“ Sie öffnete ihm die Türe und im nächsten Moment fand er sich auch schon auf der Beifahrerseite sitzend, gänzlich überrascht von dieser Entwicklung.
Am liebsten hätte er sie jetzt geküsst, aber er zeigte keine Regung. Das war jetzt auch wirklich absoluter Wahnsinn, weswegen er sich im nächsten Moment fragte, ob er noch ganz klar im Kopf war.
“Ich bin Anna”, sagte sie mit einer Stimme, die ähnlich klang wie Tatjanas Stimme von damals, als sie sich frisch ineinander verliebt hatten. Er beobachtete sie, wie sie eine Packung Tempos aus dem Handschuhfach herausnahm.
Dabei berührte sie ihn kurz an den Beinen und er roch den Duft ihres Parfums nach Zitrone und Vanille passte perfekt zu ihrer ganzen Art.
“Sag einfach Ann zu mir, wenn du willst”, fügte sie hinzu und reichte ihm die Hand. Bei ihr wusste er gar nicht, wohin er schauen sollte, weil einfach alles an ihr schön anzusehen war.
Selbst diese Traurigkeit, welche nun wieder in ihr Gesicht gemeißelt schien, betörte ihn.
“Florian”, antworte er, “also Floi. Warum hast du gerade so geheult? Oder ist diese Frage zu indiskret? Du kennst mich ja gar nicht …” Die Frage war natürlich behämmert, denn sie hatte ja offensichtlich erheblich Geldsorgen.
“Was soll’s”, unterbrach sie ihn, “ist eh alles total egal.”
Florian spürte ihr Bedürfnis, sich jemandem mitzuteilen, daher wollte er ihr klarmachen, dass er ein guter Zuhörer war. Ihre Probleme schienen größer zu sein als seine, denn sonst hätte sie bestimmt nicht die Fassung verloren.”
“Sorry, Floi, habe dich gerade mit meinem Geflenne in Verlegenheit gebracht, das ist eigentlich überhaupt nicht meine Art. Aber ich habe echt kein Land mehr gesehen.
Alles war nur noch aussichtslos, verstehst du? Kennst du das?”
Er nickte und versuchte, sie möglichst nicht anzustarren, tat sich aber schwer damit, sie nur flüchtig zu betrachten.
"Galitowsky hat einen neuen Kredit abgelehnt."
Sie schaute ihn mit Augen an, die seine Seele aus dem Gleichgewicht brachten, deswegen schaute er gleich wieder weg.
"Weiß echt nicht mehr weiter. Weiß nicht, wie ich diesen Monat durchkommen soll. Hab ihm ja gesagt, dass ich für den restlichen Monat noch Geld brauche. Aber er hat nur gemeint, er hat schon zu viele Augen zugedrückt. Ich hasse ihn! Wahrscheinlich bin ich aber tatsächlich ein hoffnungsloser Fall."
Sie weinte wieder, während er überlegte, was er nun erwidern und tun sollte. Wie konnte er ihr Mut machen und helfen?
“Glaub nicht”, antwortete er, ein besserer Kommentar fiel ihm im Moment nicht ein.
“Weißt du, was auch schlimm war? Gestern habe ich Geld abheben wollen und dann hat der Automat meine Karte nicht mehr ausgespuckt. Wenden sie sich bitte an das Personal, stand da auf dem Bildschirm.
Ich habe es dann mit Visa versucht, aber auch da ging nichts mehr. Dann …, ach egal …”
Allein ihre Nase machte ich fertig, sie war klein und leicht nach oben gewölbt mit dezenten Nasenflügeln, die eine gewisse Zärtlichkeit ausstrahlten. Wenn er bei Frauen nach dem Aussehen schaute, unterteilte er meistens klischeehaft in hübsch, schön oder sexy. In Annas Gesicht war alles miteinander auf ungewöhnlich spannende Weise vermischt, das machte sie zu einem unvergesslichen Hingucker.
Er regte sich auf, weil er sich noch immer wie ein Teenager fühlte, der gerade seiner absoluten Traumfrau begegnete und nur dummes Zeug redete. Diese schräge Gefühlslage hatte er schon beinahe vergessen gehabt, aber nun brannte sie in ihm und er fand kein Gegenmittel.
“Erzähl ruhig weiter, wegen mir brauchst du dir keinen Kopf zu machen”, sagte er, während er vorsichtig über die Armaturen des Audis strich. Sein Herz klopfte bis zum Hals, als ihm eine komplett wahnsinnige Idee in den Sinn kam. Zwar wollte er sie gleich wieder verwerfen, aber das gelang ihm nicht, sie schien sich festzusetzen. Die Eigenschaft, Leuten in schwierigen Situationen zu helfen, gehörte schon immer zu ihm, sie war einfach ein Teil von ihm.
Während Anna noch tiefer ins Detail ging, driftete er allmählich ab und erinnerte sich an die Anfänge mit Ingrid.
Damals hatte er sie in der Anfangszeit immer nur brav mit seinem Taxi von einer Stelle zur anderen befördert.
Trotzdem hatte er nach kurzer Zeit erkannt, dass schon mit ihrer ersten Taxibeförderung auch eine außergewöhnliche Beziehung ihren Lauf genommen hatte.
Bereits nach ein paar Fahrten hatte sie ihn gefragt, ob er ihr ab und zu privat behilflich sein könne, was er bejaht hatte.
Gleich nach den ersten ausgeführten Hilfestellungen hatte er jedoch an seinem Verstand gezweifelt.
Wie konnte man sich für eine wildfremde Person so intensiv einsetzen ohne dafür eine Gegenleistung zu verlangen? Tatjana hatte ihn prompt für verrückt erklärt und immer wieder darauf gedrängt, endlich Geld von Ingrid zu fordern.
