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In Budapest finden mehrere Überfälle auf vermögende, ältere Paare statt, meist mit tödlichem Ausgang. Bald gerät ein Geschwisterpaar ins Visier der Budapester Kripo. Die Presse reagiert mit einer Vorverurteilung. Farkas Bence und Antal Petra führen eigene Recherchen durch, indem sie das Umfeld der Verdächtigen befragen. Daraufhin erhalten sie sieben zum Teil sehr unterschiedliche Blickwinkel und Meinungen. Chefermittler Varga Péter und sein Team bemühen sich redlich um die Überführung der Täter. Doch erst der siebte Fall bringt die Wende. Ein spannender Psycho-Krimi, der nebenbei viel Budapester Lokalkolorit vermittelt.
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Seitenzahl: 171
Veröffentlichungsjahr: 2017
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J. B. Hagen
Sieben
Hét
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
I. Teil
II. Teil
Cover
Quellenangabe:
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Impressum neobooks
Es war bereits später Abend in Rákosmente, dem XVII. Bezirk in Budapest, als der dunkle Pkw vor einem der hübschen Häuser mit großzügigem Garten parkte. Die beiden schwarzgekleideten Gestalten stiegen zunächst nicht aus, als wollten sie ganz genau die Örtlichkeit erkunden und auf keinen Fall gesehen werden. Eine unnütze Vorsichtsmaßnahme, denn in den meisten Häusern brannte zwar noch Licht, aber die Bewohner saßen vor dem Fernsehapparat und genossen den Feierabend und hielten sich eben nicht auf der Straße auf.
Kovács Máté und seine Frau Zsófia, ein nicht unvermögendes Rentnerehepaar, hatte überlegt, das Gózon Gyula Kamaraszínház, das einzige Kammertheater von Budapest aufzusuchen, doch die Chance, Karten ohne Reservierung zu bekommen, war nicht sehr hoch, und ein Kino, das man einfach so besuchen konnte, gab es in Rákosmente schon lange nicht mehr, denn nach dem Regimewechsel waren alle Kinos im Bezirk wegen mangelnder Rentabilität geschlossen worden. Im östlichsten Bezirk der ungarischen Hauptstadt gab es seit den 1970er Jahren auch große Plattenbauten, doch darin hätten sich die Kovács’ nicht wohlgefühlt. Es ging nichts über ein Häuschen mit Garten, und Zsófia war glücklich, dass Máté ihr diesen Traum erfüllt hatte, als die Grundstückspreise noch nicht explodiert waren. Die ruhige Straße blieb weitgehend vom Fluglärm verschont, denn sie lag weit genug entfernt vom Flughafen Budapest, der zwar offiziell zum 18. Bezirk gehörte, doch berührten die beiden Landebahnen auch das Gebiet des 17. Bezirks.
Zsófia nippte an ihrem Glas Wein und fand das Fernsehprogramm an diesem Abend nicht sonderlich interessant. Lächelnd stellte sie fest, dass Máté schon langsam die Augen zufielen, als es plötzlich an der Tür läutete. Máté schreckte hoch und sagte:
»Jetzt wäre ich doch beinahe eingeschlafen.«
»Beinahe ist gut, meinte seine Frau, »ich habe jeden Moment erwartet, dass du anfängst zu schnarchen. Gehst du aufmachen? Wir erwarten zwar keinen Besuch, aber vielleicht will einer der Nachbarn etwas von uns.«
Der alte Mann erhob sich schwerfällig, ging zur Tür und betätigte die Sprechanlage.
»Ja, bitte?«
»Entschuldigen Sie, wir brauchen Hilfe. Meine Frau ist gestürzt und hat sich den Kopf aufgeschlagen«, erklang eine jüngere, männliche Stimme» vielleicht können Sie einen Rettungswagen rufen. Bei meinem Handy ist nämlich der Akku leer.«
Kovács Máté drückte auf den Summer, öffnete die Haustür und sah, wie eine junge Frau gestützt auf ihren Mann durch die Gartenpforte kam. Die langen Haare fielen ihr ins Gesicht, da sie den Kopf etwas gesenkt hielt. Auch sein Gesicht konnte man nicht erkennen, weil der Schirm seiner Kappe einen tiefen Schatten warf. Máté, der kein misstrauischer Mensch war, schöpfte keinen Verdacht. Ein Fehler, den er mit seinem Leben bezahlen sollte.
Kaum waren die fremden Leute an der Tür, als er einen heftigen Stoß erhielt, der ihn taumeln ließ. Blass vor Schreck fiel ihm auf, dass die junge Frau plötzlich wieder normal gehen konnte und keineswegs eine Kopfverletzung aufwies.
»Pass auf, Zsófia!«, rief er, als die Fremde an ihm vorbei in den Wohnraum hastete.
Doch es war schon zu spät. Die alte Frau war starr vor Schreck und leistete keine Gegenwehr. Sie wurde hart am Arm gegriffen und nach oben gezerrt.
»Du zeigst mir jetzt, wo du deine Schmuckkassette aufbewahrst«, hörte sie eine schneidende Stimme, »ich vermute, im Schlafzimmer. Also mach keine Dummheiten, dann passiert dir nichts!«
Eine glatte Lüge, denn im Schlafzimmer ging es der Fremden nicht schnell genug, sodass sie ausholte und der alten Frau mit der Faust ins Gesicht schlug. Kovács Zsófia schrie vor Schmerz auf und spürte, dass ihr Mund sich mit Blut füllte, weil ihr ein Zahn ausgeschlagen worden war. Brutal wurde sie aufs Bett geworfen und mittels Klebeband wie ein Paket verschnürt. Auch der Mund wurde ihr verklebt, sodass nur ihre schreckgeweiteten Augen und die schmalen Nasenlöcher verschont blieben. Derweil sich die Fremde über die Schmuckschatulle hermachte, verschwendete sie keinen Blick mehr auf die alte Frau. Es war ihr schlicht egal, ob diese ersticken oder einen Herzanfall erleiden könnte.
In der Diele wurde Máté mittel eines gezückten Messers in Schach gehalten.
»Du sagst mir jetzt, wo ihr euer Geld liegen habt. Wahrscheinlich im Safe. Also, wo ist er?«
»Was erlauben Sie sich, mich einfach zu duzen, Sie unverschämter Mensch? Sie dringen hier in mein Haus ein und stellen Forderungen. Wer gibt Ihnen das Recht dazu?«
»Quatsch nicht! Wenn dir dein Leben lieb ist, führst du mich zu deinem Bargeld, oder meine Freundin schneidet nach und nach ein paar Körperteile deiner Frau ab.«
»Nein, bitte! Sie können alles haben, aber tun Sie uns nichts!« Erst jetzt fiel Máté auf, dass die Fremden keine Masken trugen und somit befürchten mussten, später erkannt zu werden. Ein schlechtes Zeichen, das den alten Mann ernsthaft um sein Leben und das seiner Frau fürchten ließ. »Der Safe ist hinter dem Bild im Wohnzimmer. Das mit den großen Blumen.«
»Na also, geht doch! Wie ist die Kombination oder braucht man nur einen Schlüssel?«
»Ja, den gebe ich Ihnen. Einen Moment!« Mit zitternden Beinen lief Máté zum Schrank, nahm ein Buch heraus, klappte es auf und reichte den Schlüssel weiter.
»Gut, mitkommen!«
Im Schlafzimmer musste der alte Mann die gleiche Prozedur über sich ergehen lassen wie zuvor seine Frau. Völlig verschnürt und verklebt wurde er brutal aufs Bett geworfen, wo er ängstlich zu Zsófia hinsah und erleichtert feststellte, dass sich ihr Brustkorb noch hob und senkte.
Die Angreifer leerten seelenruhig Safe und Schmuckschatulle aus, verstauten alles in zwei großen Plastiktüten, die jeder von ihnen problemlos unter der Jacke verstauen konnte und gingen anschließend zurück ins Wohnzimmer.
»Wenn ich mich hier so umsehe«, sagte die Frau, »ein paar antike Stücke könnten mir schon gefallen und würden ein hübsches Sümmchen bringen.«
»Nein, es wird schwer genug sein, den Schmuck an den Mann zu bringen. Und was das hübsche Sümmchen betrifft, der Safe war randvoll mit Geldbündeln und Goldmünzen, wie dir nicht entgangen sein dürfte. Außerdem: je weniger wir dabei haben, wenn wir das Haus verlassen, desto besser. Falls uns jemand sieht. Also sei nicht so gierig und komm!«
Als beide scheinbar unbemerkt das Haus verließen und wenig später abfuhren, war Zsófia schon erstickt und Máté vor Aufregung einem Herzschlag erlegen. Es sollte drei Tage dauern, bis man sie fand.
Die Eltern
Vier Monate später
Der XII. Bezirk – Hegyvidék – von Budapest, in der Mitte Budas gelegen, stand für bergiges Gelände mit viel Wald. Bis 1930 war er Teil des I. Bezirks gewesen, bis man die damals zehn Bezirke der Stadt umstrukturierte und neue Bezirke hinzufügte. Die tiefer liegenden Täler und Hügel zwischen dem Svábhegy – „Schwabenberg“ – und dem Széchenyi-Berg mit den Bergen Mártonhegy, Istenhegy, Kis-Svábhegy und Orbánhegy waren einst weniger bebaut, da sich dort die königlichen Jagdreviere befanden. Später, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, errichteten dann Budaer Bürger ihre Villen an diesem beschaulichen Ort.
Die prächtige Villa aus den zwanziger Jahren lag im Stadtteil Kissvábhegy, also Kleinschwabenberg. Das Ehepaar Nagy bewohnte sie schon seit 1990, und dort waren auch ihre beiden Kinder zur Welt gekommen. Balázs Nagy, eigentlich Nagy Balázs, denn in Ungarn nennt man wie in China den Nachnamen zuerst, war ein Fabrikant, der den Haushalt und die Erziehung der Kinder seiner Frau Dóra überlassen hatte. Wenn ihm auch gelegentlich Zweifel gekommen waren, ob das die richtige Entscheidung war, zeigte er zu viel Haltung, um seiner Frau später einen Vorwurf zu machen. Vielleicht schämte er sich auch zu sehr, denn wer konnte schon so genau sagen, welchen Anteil die Anlagen in der Entwicklung seiner Sprösslinge ausmachten?
Farkas Bence und Antal Petra waren sichtlich beeindruckt vom Interieur des alten Hauses. So gab es in voller Höhe verglaste Zwischenwände, die aus aufklappbaren Türen bestanden und nur durch ihre zarten Stores einen gewissen Sichtschutz boten, kleinere, trapezförmige Türen im Stil des Art déco, glänzendes Parkett, einen großzügigen Wintergarten und vom Garten aus einen herrlichen Blick über Budapest. Die in der Decke verankerten Leuchten waren nicht eingeschaltet, sodass die Steh- und Tischlampen eine gemütliche Atmosphäre verbreiteten.
Das Ehepaar Nagy empfing im Salon mit Tee und Gebäck. Beide waren elegant gekleidet, doch es fiel auf, dass die semmelblonde Dóra wesentlich nervöser als der gelassen auftretende, graumelierte Balázs wirkte.
»Vielen Dank, dass Sie uns für einige Fragen zur Verfügung stehen«, sagte Petra, die sich mit ihrer legeren Kleidung und ihren offenen, langen Haaren leicht underdressed vorkam.
»Es ist schließlich in unserem Sinne, dass über unsere Kinder nicht noch mehr Lügen verbreitet werden. Das sind doch alles haltlose Unterstellungen«, ereiferte sich Dóra, »es wird höchste Zeit, die Dinge einmal richtigzustellen.«
»Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, aber die Fakten sprechen eine andere Sprache«, sagte Bence, der mit seinem jungenhaften Aussehen ein falsches Bild vermittelte, gewöhnlich kein Blatt vor den Mund nahm, aber befürchtete, das Ehepaar würde gleich „zumachen“, wenn er allzu forsch vorginge, »die Ermittlungen der Kriminalpolizei sind eindeutig.«
»Eine Verwechslung, ein klassischer Justizirrtum, wir kennen unsere Kinder schließlich besser.«
»Gewiss, gnädige Frau«, lenkte Petra schnell ein, »Sie sollen auch Gelegenheit haben, ihre Sicht der Dinge zu schildern. Deshalb sind wir hier.«
»Sie hätten den kleinen Milán als Kind erleben sollen … so etwas Entzückendes … alle waren von dem Sonnenschein begeistert. Warten Sie! Ich habe einige Kinderfotos herausgesucht.«
»Lass doch, Dóra«, sagte Balázs, »ich glaube nicht, dass die Herrschaften daran interessiert sind.«
»Doch, doch, niedliche Fotos von Kleinkindern machen sich immer gut«, meinte Petra.
»Siehst du. Du immer mit deinen Vorbehalten.« Die sichtlich erregte Frau ging zu einer Kommode und kehrte kurz darauf mit drei Fotoalben zurück. »Bitte, bedienen Sie sich. Ich gehe davon aus, dass wir die Fotos wiederbekommen.«
»Selbstverständlich. Erzählen Sie doch bitte, was Sie als Eltern im Laufe der Jahre erlebt haben.«
»Gern. Also, Milán war ein Wunschkind. Sozusagen ein Kind der Liebe. Unsere Freude kannte keine Grenzen, als er geboren wurde. Schon als Baby entwickelte er einen Charme, dem sich niemand entziehen konnte. Wenn man ihn nachts zudecken wollte, streckte er einem seine kleinen Ärmchen und die süße Schnute zum Kuss entgegen.«
»Das ist wohl bei allen Kindern gleich«, brummelte Balázs, »erst später entpuppen sie sich.«
»Was redest du denn? Man bekommt ja einen ganz falschen Eindruck von unserem Milán. Er hat uns nie Ärger gemacht. Er war nicht wie andere Jungen, die alles kaputtmachen, was sie in die Finger bekommen. Er gab auch selten Widerworte … na ja, in der Pubertät war es manchmal etwas schwierig. Aber das ist doch ganz normal.«
»Wie äußerten sich die Schwierigkeiten?«, wollte Bence wissen, »hat er mit anderen Jungen gerauft, war er jähzornig oder grausam gegenüber Tieren?« »Aber nein, wo denken Sie hin? Er war ein ganz normaler Junge seines Alters.«
»Manchmal hattest du schon deine liebe Not mit ihm, wie ich mich gut erinnern kann«, meinte Balázs.
»Lassen Sie sich nichts erzählen. In der Schule gab es anfangs hin und wieder Probleme, weil er anders als die anderen war. Als hochbegabtes Kind spielte er Klavier und las klassische Literatur. Das war den einfachen Burschen unheimlich, deshalb hänselten sie ihn. Regelrecht gemobbt wurde er. Er zog sich daraufhin immer mehr zurück und reagierte auch uns gegenüber etwas wortkarg. Doch das war nur eine vorübergehende Phase. Später anerkannte man seine Intelligenz und seine Leistungen. Dann hatte er auch Freunde, die wohl etwas davon profitieren wollten. Das engste Verhältnis hatte er ohnehin zu seiner Schwester, unserer kleinen Réka, die nur ein Jahr nach ihm geboren wurde. Stellen Sie sich vor, er konnte kaum seine Gedanken und Wünsche äußern, als er schon darauf bestand, mit seiner Schwester in einem Bett schlafen zu wollen. Es war herzallerliebst, wenn man die beiden eng aneinandergekuschelt sah.«
»Ist Ihnen nie der Gedanke gekommen, die beiden könnten mehr als nur gekuschelt haben?«, wagte sich Bence vor.
»Aber nein! Es war eine ganz unschuldige Geschwisterliebe. In diesem Alter haben Kinder doch noch gar keine Sexualität. Später haben wir ohnehin darauf geachtet, dass jeder in seinem Bett schlief.«
»Trotzdem ist es hin und wieder vorgekommen, dass sich Milán nachts rübergeschlichen hat. Das kannst du nicht abstreiten. Und da gingen sie schon in die Schule«, sagte Balázs.
»Und wenn schon. Und natürlich behauptest du, dass es Milán war, der nachts zu Réka ins Bett gestiegen ist. Auf deine Prinzessin hast du ja nie etwas kommen lassen. Ich selbst habe sie erwischt, als sie zu ihrem Bruder wollte.«
»Weil sie schlecht geträumt hatte, mein Gott. Wäre es dir lieber gewesen, sie hätte uns aus dem Schlaf gerissen?«
»Das war ich doch gewohnt aus der Zeit, als sie Zähnchen bekommen hat. Wenn sie nachts schrie, hat dich das doch wenig beeindruckt.«
»Ich habe schließlich schwer gearbeitet und brauchte dringend meine Ruhe.«
»Da hören Sie es. Er hat es sogar fertig gebracht, für eine Zeit ins Gästezimmer zu ziehen, weil man dort das Weinen nicht so gehört hat. Männer, kann ich nur sagen.«
»Das gehört doch nun wirklich nicht hierher«, begehrte Balázs auf, »den Herrschaften geht es nicht um meine Belange, sondern um die der Kinder.«
»Nein, lassen Sie nur!«, sagte Bence, »wie sich Kinder entwickeln, hängt auch sehr von den Eltern ab.«
»Soll das ein versteckter Vorwurf sein? Also, das lasse ich mir in meinem Haus nicht sagen.«
»Ich versichere Ihnen, niemand macht Ihnen hier einen Vorwurf«, betonte Petra.
»Haben Sie Ihre Tochter Ihrem Sohn vorgezogen? Das könnte man zumindest aus der Äußerung Ihrer Frau schließen«, fragte Bence.
»Das ist doch wohl ganz normal, dass Töchter die Augensterne ihrer Väter sind.«
»Haben Sie in Réka mehr die kleine Frau als das Kind gesehen?«
»Was soll das denn nun wieder heißen? Unterstellen Sie mir etwa sexuelle Motive? Also, für mich ist jetzt das Gespräch beendet. Sie haben gehört, was Sie wissen wollten. Meine Frau gibt Ihnen noch ein paar Bilder, und das war’s. Guten Tag.«
Balázs Nagy stand auf uns verließ den Raum. Die Szene hätte sich auch im Büro seiner Firma abgespielt haben können. Man konnte sich gut vorstellen, dass er bei seinen Geschäften kein einfacher Verhandlungspartner war.
»Nehmen Sie es meinem Mann nicht übel«, sagte Dóra, »bei dem Reizwort Kindesmissbrauch, das heutzutage allzu schnell benutzt wird, reagiert er sehr empfindlich. Es ist nicht leicht für ihn, mit den ganzen Anfeindungen fertig zu werden. Von heute auf morgen zeigte man mit den Fingern auf uns, als hätten wir etwas verbrochen. Ich konnte noch halbwegs damit leben. Mir ist es relativ egal, ob ich von den Nachbarn gegrüßt werde oder ob man uns schneidet. Doch als sich die Angelegenheit auf die Geschäfte meines Mannes auswirkte … Wir sind jedenfalls der Meinung, unser Bestes getan und immer alles richtig gemacht zu haben. Unsere Kinder sind keine Ungeheuer, auch wenn man Gegenteiliges behauptet.«
»Bitte beruhigen Sie sich!«, lenkte Petra ein, »wir sind nicht gekommen, um Ihnen etwas Nachteiliges nachzuweisen. Wir möchten nur etwas mehr über die Kindheit und Jugend der Geschwister herausfinden. Wie ging es nach der Schule mit beiden weiter?«
»Milán wollte plötzlich nicht mehr sein Abitur machen, sehr zum Verdruss meines Mannes. Er sollte doch schließlich einmal die Firma übernehmen. Doch er hatte andere Pläne. Er wollte sofort Geld verdienen und in einer WG in Citynähe wohnen. Mein Mann hat ihm sogar damit gedroht, ihn zu enterben, doch das hat Milán nicht beeindruckt. Wir konnten ihn mit Müh und Not überreden, hier wohnen zu bleiben. Aber die Schule hat er trotzdem abgebrochen. Ich glaube, er ist nur wegen Réka geblieben, weil er nicht ohne sie sein wollte. Dafür ist unsere Tochter dann bald ausgezogen, weil sie unbedingt mit einer Freundin zusammenwohnen wollte. Milán ist ihr gefolgt, und sie haben eine Zeitlang zu dritt gelebt, bis die Freundin auszog und beide allein zurückblieben.«
»Demnach hat die innige Verbindung zwischen den Geschwistern angehalten. Wie hat Milán darauf reagiert, wenn sich Jungs für seine Schwester interessierten?«, hakte Bence nach.
»Das war jedes Mal eine mittlere Katastrophe. Keiner war ihm gut genug für Réka.«
»Und wie ist Ihre Tochter damit umgegangen?«
»Letztendlich hat sie auf ihn gehört, wenn sich die Burschen nicht von allein zurückzogen.«
»Und wie sah es bei Milán mit anderen Mädchen aus?«
»Ähnlich. Réka wurde in seiner Clique voll akzeptiert. Andere Mädchen hatten es da schwerer. Er war auch nicht der Typ des Casanovas. Er wechselte die Freundinnen nicht wie die Handtücher. Ab und zu gab es mal eine, die vor seinem kritischen Auge bestand, bis er erkannte, sich in ihr getäuscht zu haben.«
»Weil sie nicht wie Réka war?«, fragte Bence.
»Möglich, dass er die Mädchen unbewusst verglichen hat. Aber ich denke, das war nicht der einzige Grund. Die Richtige ist ihm einfach nicht begegnet.«
»Wie war das Verhältnis der Geschwister zu den Großeltern?« Petra lächelte ganz unbefangen.
»Ich wusste, dass Sie früher oder später darauf kommen würden. Mein Vater ist leider sehr früh verstorben, und meine Mutter hat noch einmal geheiratet. Sie ist dann mit ihrem Mann nach Polen gegangen. Von da an sahen wir sie selten. Sie hat nur zu den Geburts- und Feiertagen Päckchen für die Kinder geschickt, und sie haben brieflich korrespondiert.«
»Und die Eltern Ihres Mannes?«
»Da lief es anfangs sehr gut. Die Kinder haben sogar in den Ferien bei ihnen gewohnt, bis sie plötzlich nicht mehr hinwollten.«
»Haben sie einen Grund dafür genannt?«
»Nein, sie sind halt älter geworden und entwickelten andere Interessen. Meine Schwiegereltern sind auch um einiges älter als meine Mutter. Mein Mann ist ein Nachkömmling.«
»Und wie ist Ihr Verhältnis zu ihnen?«
»Ach Gott, wie das mit Schwiegereltern eben so ist. Die Mutter von Balázs hat sich wohl für ihren Sohn etwas anderes als mich vorgestellt. Daraus machte sie nie einen Hehl. Später hat sie sich wohl oder übel damit abgefunden, aber eine gewisse Distanz ist erhalten geblieben. Und Balázs’ Vater ist ein Charmeur der alten Schule. Er hat ungeniert mit mir geflirtet. Nun, inzwischen wird er auch ruhiger geworden sein in seinem fortgeschrittenen Alter. In die Kinder war er geradezu vernarrt und hat ihnen jeden Wunsch von den Augen abgelesen.«
»Demnach hat der Kontakt nachgelassen?«
»Ja, wie das eben so ist. Mein Mann war noch nie der Sohn, der am Rockzipfel seiner Eltern hing. Wenn ich es recht überlege, fing es damit an, als die Kinder nicht mehr zu ihnen wollten. Das haben beide wohl sehr übelgenommen. Kann man es ihnen verdenken? Aber Kinder haben eben ihren eigenen Kopf.«
»Sind Ihre Kinder in der Jugend in irgendeiner Weise auffällig geworden?« Bence präsentierte seine provokante Frage mit einem entwappnenden Lächeln.
»Jetzt geht das schon wieder los. Ich habe das schon erwartet. Im Grunde genommen schließen Sie sich der Meinung Ihrer Kollegen an, die es nicht einmal für nötig befanden, uns zu befragen, sondern ihre Informationen aus irgendwelchen dunklen Quellen bezogen. Nein, Milán und Réka waren ganz normale Kinder und Jugendliche. Wie oft soll ich das noch betonen? Man hat sie nicht der Schule verwiesen und sie erhielten auch keine Jugendstrafen, wie fälschlich behauptet wird. Sie nahmen keine Drogen und haben erst recht nicht damit gehandelt, wie manch andere.«
»Es gab also nicht die geringsten Anzeichen, was später … einmal vorfallen würde?«
»Sie setzen da etwas als gegeben voraus, was bisher absolut nicht bewiesen ist. Da sich unser Gespräch im Kreis dreht und ich mehr und mehr das Gefühl habe, sie suchen nur das unentdeckte, dunkle Geheimnis, schließe ich mich meinem Mann an und breche an dieser Stelle ab. Unnötig zu erwähnen, dass wir vor Veröffentlichung des Artikels den Entwurf zu lesen wünschen und er ohne unsere Genehmigung nicht erscheinen darf. Andernfalls werden wir entsprechende Schritte gegen Sie unternehmen. Einen schönen Tag noch!«
Dóra Nagy stand auf, ging zur Tür und deutete unmissverständlich hinaus.
»Vielen Dank. Es tut uns leid, wenn Sie einen falschen Eindruck gewonnen haben«, sagte Petra, »ich kann nur noch einmal wiederholen, dass es nicht in unserer Absicht lag …«
»Sparen Sie sich das! Ich denke, es ist alles gesagt worden. Ich höre dann von Ihnen.«
Draußen liefen Bence und Petra zu ihrem Wagen. Ihre Miene verriet, dass sie sich mehr versprochen hatten.
»Im Grunde genommen sind wir genauso schlau wie vorher«, sagte Bence, »so bedeckt, wie die beiden sich gehalten haben.«
»Finde ich nicht«, meinte Petra, »sie haben doch einige Zugeständnisse gemacht. Zum Beispiel, dass Milán ein eher schwieriger Zeitgenosse ist. Auch das überaus enge Verhältnis der Geschwister zueinander haben sie bestätigt. Hast du gehofft, sie würden eingestehen, da kleine Ungeheuer aufgezogen zu haben?«
»Irgendwie schon. Aber stattdessen sehen sie alles durch die rosarote Brille und wollen die Tatsachen einfach nicht wahrhaben. Das Gewäsch von der sogenannten Verwechslung ist doch einfach lächerlich.«
»Vielleicht ist das ihre Art von Selbstschutz. Es kann einfach nicht sein, was nicht sein darf. Ich weiß nicht, wie ich als Mutter reagieren würde.«
